Montag, 31. Oktober 2011

L'amico Fritz


Heute vor 120 Jahren wurde in Rom die Oper L'amico Fritz von Pietro Mascagni in Rom zum ersten Mal aufgeführt. Wenige Monate später gab es schon eine Aufführung in Hamburg, kein Geringerer als Gustav Mahler stand am Dirigentenpult. Von der Oper L'amico Fritz hört man heute nicht mehr so viel, aber den Opernerstling des Italieners, den kennt die Welt. Der kam ein Jahr zuvor in die Opernhäuser und hieß Cavalleria rusticana. Wenn irgendeine Oper ein Dauerbrenner ist, dann ist das Cavalleria rusticana. Vor allem, weil damit auch ein neuer Typ der italienischen Oper erfunden wurde, den man Verismo nennt. Die romantisch melodramatische Handlung verschwindet aus der Oper, der Alltag hält seinen Einzug.

Die Handlung von L'amico Fritz kann man vergessen, es geht um das Heiraten und die Wette um einen Weinberg. Eine Wette soll auch diese Oper hervorgebracht haben, angeblich hatte Mascagni gewettet, dass er selbst aus dem schrottigsten Libretto noch eine gute Oper machen kann. Soviel zur Literaturvorlage. Das Ansehen Mascagnis in Italien war damals noch nicht so hoch, il capobanda hatte ihn ein Journalist getauft. Das ist despektierlich, so kann man jemanden nennen, der ein Kurorchester leitet. Doch ein capobanda war Mascagni in jungen Jahren gewesen, er hatte sein Studium am Konservatorium hingeschmissen, um als Dirigent einer fahrenden Operettentruppe durch Italien zu ziehen. Das Dirigieren konnte er nicht lassen, selbst als er schon berühmt war und es eigentlich nicht mehr nötig gehabt hätte. Damit spiele ich auf die Aufnahme von L'amico Fritz an, die gerade neben mir auf dem Schreibtisch liegt, 1941 in Turin vom Meister selbst dirigiert. Den Fritz Kobus singt Ferruccio Tagliavini, die Suzel wird von Pia Tassinari gesungen, die gerade ihren langjährigen Partner Tagliavini geheiratet hatte.



Die Leser, die diesen Blog schon länger lesen, wissen natürlich, dass ich ein Fan von dem Meister des Belcanto Ferruccio Tagliavini bin (ich mag natürlich auch den anderen großen Belcanto Sänger Alfredo Kraus), weil ich am ➱29. März des letzten Jahres schon einmal über ihn geschrieben habe. Und aus diesem Grunde möchte ich diese Gesamtaufnahme von L'amico Fritz mit Mascagni am Dirigentenpult auch unbedingt empfehlen, man kann die Doppel CD zu Preisen von 2,81 bis 63,98 bei Amazon Marketplace noch leicht bekommen. Und bis Ihr bestelltes Exemplar ankommt, können Sie das Duett ➱Suzel, Buon Di mit Tassinari und Tagliavini hier bei YouTube hören.

Und falls Sie noch zögern sollten, weil Ihnen der Name Tagliavini nichts sagt, dann hätte ich noch einen kleinen Filmausschnitt aus einem deutschen Heimatfilm der fünfziger Jahre, der Vergiss mein nicht heißt. Ich weiß, das klingt schlimm: deutscher Heimatfilm und dann noch Vergiss mein nicht. Der Film lief auch unter dem Titel Ohne Dich kann ich nicht leben und wurde als der innigste deutsche Liebesfilm des Jahres apostrophiert. Schauen Sie einmal ➱hier hinein. Falsche Farben, schöne Frauen, kleine dicke Italiener und große Emotionen. Kitsch as kitsch can, aber großartig.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Angelika Kauffmann



Das hier ist mit Liebe gezeichnet. Die Malerin Angelika Kauffmann ist gerade in Florenz Ehrenmitglied der Accademia Clementina di Bologna geworden und hat eine Woche später das Diplom der Accademia del Disegno erhalten. Sie ist zweiundzwanzig. Sie hat gerade diesen hübschen amerikanischen Quäker namens ➱Benjamin West getroffen. Er sieht mit den Klamotten ein bisschen aus wie William Shakespeare. Kunsthistoriker nennen das einen Van Dyke suit, was er da trägt. Ähnliche Kleidung findet in dieser Zeit auch auf den Bildern der beiden führenden Portraisten in Italien, Pompeo Batoni und ➱Anton Raphael Mengs (dem Lehrer von Benjamin West). Dieser Van Dyke suit findet sich natürlich auch bei Gainsboroughs The Blue Boy und in der Verfilmung von Little Lord Fauntleroy. Er wird später von Dandies immer mal wieder aus der Mottenkiste der Mode gezogen werden, Oscar Wilde hatte auch mal so etwas an.

Der junge Amerikaner Benjamin West hat gerade eine schwere Erkrankung überstanden, ein rheumatisches Fieber, das seine Beine lähmte. Aber der berühmteste italienische Chirurg Dr Angelo Nannoni konnte ihm helfen. An Nannoni war West durch die Empfehlung von dem Diplomaten und Kunstsammler Sir Horace Mann geraten. Noch hat die amerikanische Revolution nicht stattgefunden, noch ist West ein Engländer, und die Engländer in Italien helfen einander. Wenn Benjamin West Italien im nächsten Jahr verlässt, wird er nach London gehen und für den Rest seines Lebens in England bleiben. Zuvor hat er natürlich noch Angelika Kauffmann portraitiert (oben).

Er wird später sagen, dass er ihr den ersten Unterricht in the principles of composition, the importance of outline, and likewise the proper combinations and mixtures of colours gegeben habe. Aber das kann nicht so ganz stimmen, Angelika Kauffmann stand zwar erst am Anfang ihrer Karriere und war mir ihrem Vater nach Italien gekommen, um sich zu vervollkommnen, aber malen konnte sie schon. Obgleich sie sich damals noch nicht sicher war, ob sie wirklich eine Malerin werden sollte. Sie hatte eine schöne Stimme und liebäugelte noch mit einer Karriere als Opernsängerin.

Die beiden sollen damals schwer ineinander verliebt gewesen sein. Hat ➱Charles Willson Peale gesagt (der eines Tages seine Tochter Angelica Kauffman Peale nennen wird), doch der hat West erst vier Jahre nach dem Zusammentreffen der beiden in London kennen gelernt. Hat Benjamin West dem jüngeren Peale diese Geschichte erzählt? Wie immer es sei, aus der Romanze wird nichts, schließlich hat West noch seine Verlobte Betsy Shewell drüben in Amerika. Irgendwie scheinen es die Zeitgenossen, vor allem die zeitgenössischen Maler, darauf angelegt zu haben, die junge Schweizerin (hier ein Portrait von Nathaniel Dance) als ein Flittchen auf Männerjagd darzustellen.

She was ridiculously fond of displaying her person and being admired, for which purpose she one evening took her station in one of the most conspicuuous boxes of the theatre accompanied by Nathaniel Dance and another artist, both of whom as well as many others were desperately enamoured of her, while she was standing between her two beaux, and finding an arm of each most longingly embracing her waist, she contrived, whilst her arms were folded before her on the front of the box over which she was leaning, to squeeze the hand of both, so that each lover concluded himself beyond all doubt the man of her choice, schreibt John Thomas Smith, der zu der Zeit in Italien ist und später bei West studiert. Aber Smith (in den sie angeblich auch einmal verliebt gewesen sein soll) hat eine schnelle und böse Zunge, er ist zwar ein Kleinmeister der Verleumdung aber nicht unbedingt der zuverlässigste Zeitzeuge.

Und dann ist da noch die Geschichte mit der angeblichen Verlobung mit Nathaniel Dance, die sie gelöst haben soll, als sie Joshua Reynolds kennenlernte (den sie hier auch in einem Van Dyke suit malt). Das sagt Joseph Farington, allerdings beginnt er sein berühmtes Diary erst im Jahre 1793, alles was der da sagt, ist aus zweiter, meist dritter Hand. In einem Brief des schottischen Abbé Peter Grant, der mit vielen der englischen Romreisenden bekannt ist, heißt es 1765: Mr Dance if you remember him made strong love to her the whole of last winter, and was really so far gone in his tender passion that he was truly to be pitied, but all his address was not able to make the smallest impression upon her heart her whole raptures not having any other object than that of excelling in her profession. Das klingt nicht gerade nach bevorstehender Verlobung in London.

Vergessen wir bei all dem nicht: dies ist das Zeitalter der emphatischen Liebesschwüre, The Man of Feeling ist nicht nur ein Romantitel, es ist ein Programm für eine ganze Epoche. Natürlich kann man Selbstmord aus Liebe begehen, Goethes Werther wird dafür berühmt, die meisten behelfen sich aber mit sentimentalen Klagen. Und nachträglich bösem Klatsch. Gentlemen sind das nicht, das sind Künstler. Was Arnold Böcklin über seine Malerkollegen sagte, gilt sicher auch für die vielen liebeskranken Herren im London des 18. Jahrhunderts: Sie sind Streber, Affairisten, Jongleure: der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden. Keiner denkt daran, ruhig ohne rechts und links zu blicken, das, was in ihm ist, auszubilden. Der Höhepunkt der Verleumdungsaktion ist vielleicht dieses Bild von Nathaniel Hone (oben), das Joshua Reynolds als eine Art Jahrmarktsmagier zeigt. Es ist der Gegenstand eines großen Kunstskandals. Angelika Kauffmann soll eine der tanzenden Nackten auf dem Bild oben links in der Ecke sein. Sie beklagt sich bei der Royal Academy, Hone muss die nackten Damen übermalen.

Es ist schwer für eine selbständige Frau, in dieser Zeit einen geraden Weg zu gehen, ruhig ohne rechts und links zu blicken. So pointiert übertrieben das Buch The obstacle race: the fortunes of women painters and their work von Germaine Greer häufig ist, in vielem kann man ihr bei dem Kapitel über Angelika Kauffmann nur zustimmen. Der größte Fehler ihres Lebens ist ihre heimliche Hochzeit mit dem schwedischen Grafen Frederick de Horn gewesen, einem Heiratsschwindler.  Germaine Greer sagt darüber it simply increased her notoriety and with it her vulnerability. Von nun an werden sich die Gerüchte und Verleumdungen jagen. Jean-Paul Marat wird behaupten, dass er sie verführt habe - es ist ja nur gerecht, dass er in einer Badewanne von einer Frau erstochen wird. Das wäre doch mal ein schönes Thema für die Malerin gewesen, das hätte sie nicht Jacques-Louis David überlassen sollen!

Wir stellen uns die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts immer gerne so vor wie auf dem Bild von ➱Mr und Mrs Andrews (links) von Gainsborough. Wir sollten sie uns vielleicht besser so vorstellen, wie sie uns auf den Bildern von Hogarth entgegentritt: ordinär, lüstern, hinterlistig und verschlagen. Es ist für Angelika Kauffmann nur von Vorteil, wenn sie nach ihrer Heirat mit dem Maler Antonio Zucchi London verlässt und nach Venedig zieht. Der so schwer liebeskranke Nathaniel Dance heiratet eine reiche Witwe, wird Baronet und kauft sich ein großes Landhaus. Und gibt das Malen auf. Er schenkt ➱Gilbert Stuart seine ganzen Malutensilien.

Die Londoner Jahre, die unglückliche Heirat mit dem schwedischen Heiratsschwindler, die ständigen Verleumdungen (wie zum Beispiel diese Karikatur The Paintress of Macaronis), haben ihre Spuren hinterlassen. Die Malerin wird sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln. Sie wird nicht einsam und verlassen sein wie diese von Theseus verlassene Ariadne, sie wird mit Goethe befreundet sein, aber in ihrer Kunst lebt sie von ihrem alten Ruhm. Ihre Begräbnis wird von Antonio Canova zu einem prunkvollen Staatsbegräbnis gestaltet, und man hat sie bis heute nicht vergessen.

Die letzte große Angelika Kauffmann Ausstellung fand 1998 in Düsseldorf statt, und da Götz damals aus Düsseldorf den Katalog mitgebracht hat, bin ich natürlich bestens informiert. Der sehr gute Katalog, den man noch antiquarisch finden kann, wurde von Bettina Baumgärtel herausgegeben, die zuvor mit der Dissertation Angelika Kauffmann (1741-1807): Bedingungen weiblicher Kreativität in der Malerei des 18. Jahrhunderts hervorgetreten war. Ich lese bei Katalogen zuerst immer die Fußnoten, zugegeben eine déformation professionnelle, und so ist mir ein kurioser kleiner Fehler nicht entgangen: Benjamin West war mit keiner Miss Sewel verlobt. Die Frau, die West zwei Jahre nach der Begegnung mit den jungen Angelika heiratete, hieß Elizabeth Shewell.

Angelika Kauffmann wurde heute vor 270 Jahren geboren. Das Selbstbildnis oben zeigt sie am Scheideweg zwischen Musik und Malerei. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie eine Operndiva geworden wäre?

Samstag, 29. Oktober 2011

la ci darem la mano


Questo è il fin di chi fa mal! E de' perfidi la morte alla vita è sempre ugual! singen sie am Schluss der Oper, nachdem der Erdboden Don Giovanni verschlungen hat. Was bleibt dem Bösewicht? Natürlich die Hölle. Seit etwas mehr als hundert Jahren wissen wir, wie es da aussieht. Dank ➱George Bernard Shaw. Der kennt sich da aus. In der Hölle unterhalten sich Don Juan Tenorio und sein Opfer, der jetzt eine Statue ist, ständig miteinander. Beide, Liebhaber und Vater, erkennen Donna Ana nicht, die jetzt eine alte Frau ist. Don Juan bleibt immer jung, der Komtur immer eine Statue. Das alles finden wie in einem ➱Zwischenspiel, dem III. Akt von Man and Superman, der häufig als eigenes Stück unter dem Titel Don Juan in Hell aufgeführt wird. Oder das bei einer Aufführung, wie zum Beispiel bei der Premiere des Stückes, ganz weggelassen wird. Wahrscheinlich wussten sie nicht, wie sie ein Auto auf die Bühne kriegen sollten. Denn Man and Superman ist von allen Versionen der Don Juan/Don Giovanni Geschichte die erste, in der ein Automobil eine Rolle spielt. Man mag sich gar nicht ausdenken, was aus Don Giovanni geworden wäre, wenn er schon ein Auto gehabt hätte. Wahrscheinlich so ein italienischer Strizzi mit Goldkettchen und Pomade im Haar, der aus einem Cabrio heraus la ci darem la mano brüllt.

In Shaws Theaterstück hat John Tanner (Shaw spielt hier mit dem Namen Don Juan Tenorio, da man Tanner und Tenor gleich ausspricht) ein Auto, aber er hat natürlich kein Goldkettchen. Es wird in dem Stück auch wenig gesungen, aber dennoch ist Mozarts Don Giovanni die ganze Zeit die Folie für Man and Superman. In den Szenenanweisungen (die bei diesem Stück schon die Länge einer Kurzgeschichte annehmen) finden sich auch Noten von Melodien aus Don Giovanni. Nicht einfach so reinkopiert ohne Sinn und Verstand wie bei den Autoren der Postmoderne, nein, mit Mozart kennt Shaw sich aus. All my musical self-respect is based on my keen appreciation of Mozart’s work, hat er einmal gesagt. Auch wenn man bei ihm manchmal nicht den Eindruck hat, wenn er mit seinen seltsamen Dr Jaeger Gesundheitsanzügen durch die Gegend läuft (auf dem Bild GBS im Hintergrund in einem Jaeger Anzug), dass er etwas von Musik versteht - dieser Eindruck täuscht. Er kann Noten lesen, kann Klavier spielen und war jahrelang Musikkritiker. Und er hat scharfsinniges Zeug über Musik gesagt. Hat ein ganzes Buch über ➱Wagner geschrieben - das wäre ja nun wirklich nicht  nötig gewesen. Hat böse Dinge über Brahms gesagt, wie it could only have come from the establishment of a first-class undertaker über das Deutsche Requiem. Das ist fies, ich mag das Deutsche Requiem, ich lege es jeden Karfreitag auf. Er hat aber Jahrzehnte später gesagt, dass er sich in Bezug auf Brahms damals geirrt hätte. All my musical self-respect is based on my keen appreciation of Mozart’s work.

Ich komme natürlich heute auf Don Giovanni, weil heute vor 224 Jahren Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni in Prag zum ersten Mal aufgeführt wurde. War übrigens mit zweieinhalb Stunden nur halb so lang wie Shaws Man and Superman. Ich hätte ja gerne über die Oper geschrieben, jedoch: ---- ich habe es vor genau einem Jahr schon getan. Wenn Sie das damals nicht gelesen haben sollten oder wenn Sie wissen wollen, welche Aufnahme der Oper Sie sich kaufen sollen, dann lesen Sie doch noch einmal diesen schönen kleinen ➱Artikel.

Und wenn ich nachher meine Aufgabe als Streckenposten bei der Kindergeburtstags-Schnitzeljagd erfüllt habe, dann lege ich für den Rest des Tages Mozarts Don Giovanni auf. Ich hätte ja auch zu den Maßtagen bei ➱Kelly's mit dem Schneider Thomas Ertl von der Firma ➱Regent gehen können. Ich habe auch nichts gegen die Firma Regent, die machen schon gutes Zeug (meine Brisbane Moss Cordhosen von Regent halten seit zwanzig Jahren), natürlich alles viel eleganter als die Jaeger Anzüge von Shaw. Aber die Kindergeburtstags-Schnitzeljagd ist heute wichtiger. Vielleicht ziehe ich nachher dazu ein Regent Jackett an, das wäre der echte Snobismus.

Dies Regent Jackett ist aus dem Internet kopiert, ich wollte eins von der Regent Internetseite nehmen, aber das ging nicht. Nicht wegen des zweifelhaften englischen Wortes handtailored, das wie Talkshow und Handy wohl eher eine deutsche Erfindung ist. Nein, wegen des Models, das da in Regent Modelle gehüllt ist. Eine Mischung zwischen latin lover und Oscar Wilde Dandy. Sieht so die Zielgruppe der Firma aus? Gibt es in der ganzen Produktwerbung nichts mehr zwischen dem ➱Marlboro Man und diesen schmierigen Typen der Dolce & Gabbana Werbung?

Hat Don Giovanni Probleme mit seiner Selbstdarstellung als Mann? Wenn er einen Diener beschäftigt, der eine Strichliste über die Eroberungen führen muss (ma in Ispagna son già mille e tre), dann haben wir doch schon leichte Zweifel. George Bernard Shaw löst diese Fragen auf seine Weise. In seinem Stück heißen die wirklichen Männer nicht John Tanner, Gentleman und Salon-Revolutionär, sondern sie heißen 'Enry Straker und Ann Whitefield. Ein Cockney sprechender (dropping the aitches) Chauffeur und Mechaniker und die New WomanBut all this is beside the point as an explanation of Ann’s charm. Turn up her nose, give a cast to her eye, replace her black and violet confection by the apron and feathers of a flower girl, strike all the aitches out of her speech, and Ann would still make men dream. Vitality is as common as humanity; but, like humanity, it sometimes rises to genius; and Ann is one of the vital geniuses. Not at all, if you please, an oversexed person: that is a vital defect, not a true excess. She is a perfectly respectable, perfectly self-controlled woman, and looks it; though her pose is fashionably frank and impulsive. She inspires confidence as a person who will do nothing she does not mean to do; also some fear, perhaps, as a woman who will probably do everything she means to do without taking more account of other people than may be necessary and what she calls right. In short, what the weaker of her own sex sometimes call a cat.

Dagegen ist Mozarts Donna Ana ein blasses Wesen. Und wenn es bei Shaw am Ende über Ann und John Tanner heißt: ANN [looking at him with fond pride and caressing his arm] Never mind her, dear. Go on talking - dann wissen wir, wer im Geschlechterkampf gewonnen hat. Dalla sua pace la mia dipende.

Freitag, 28. Oktober 2011

Der Fürst von Recklinghausen


Nee, nicht Atze Schröder. Einen Fürsten von Recklinghausen hat es wirklich einmal gegeben. Er hatte noch andere Titel, unter anderem war er der Herzog von Arenberg. Der wurde heute vor zweihundert Jahren in der Schlacht von Arroyo dos Molinos verwundet und von den Engländern gefangen genommen. Wenn  Sie mich jetzt fragen, was ein Fürst von Recklinghausen im Jahre 1811 in einem kleinen Kaff in Spanien nahe der Grenze zu Portugal macht, statt in Recklinghausen, Haselünne oder Meppen (diese Kaffs gehören ihm auch) zu sein, dann ist die Antwort nicht so ganz leicht. So kläglich seine Lebensumstände heute vor zweihundert Jahren sein mögen, er kann ja froh sein, dass er ein Gefangener von General Rowland Hill ist. Denn zuhause wird sein kleines Reich gerade von Napoleon neu geordnet. Die politische Landkarte Deutschlands ändert sich jetzt ständig. Wenn Napoleon keine Macht mehr hat, klauen die Preußen unserem Prosper Ludwig von Arenberg den Rest (Recklinghausen fällt an das Herzogtum Berg). Bis auf den Herzogstitel, den darf er behalten. Das alles fällt unter so schöne Schlagworte wie Rheinbund und Mediatisierung. Das ist alles sehr kompliziert. Ich fange lieber noch einmal von vorn an.

Am 28. Oktober des Jahres 1811 wird der Herzog Prosper Ludwig von Arenberg, der auch Fürst von Recklinghausen ist, in der Schlacht von Arroyo dos Molinos verwundet und gerät in englische Gefangenschaft. Er kann sicher sein, dass er gut behandelt wird. Der siegreiche General Rowland Hill (links) ist ein Mann von Ehre und ist dafür bekannt, wie fürsorglich er zu seinen Untergebenen und seinen Gefangenen ist. Seine Truppen nennen ihn schlicht Daddy Hill. Er wirkt auf viele zeitgenössische Betrachter wie ein Droschkenkutscher. Wellington vertraut ihm unbedingt. Wellington ist ein Gentleman von großer Zurückhaltung, er hat wenige Freunde. Er vertraut nur wenigen. Selbst wenigen seiner Waffengefährten während des Spanienfeldzuges (die beklagen sich auch ständig über die Gefühlskälte ihres Oberkommandierenden). Aber Daddy Hill vertraut er immer. Er hat allen Grund dazu, Hill wird ihn nie enttäuschen.

Eine Woche nach der Schlacht schreibt General Hill (hier ist er noch einmal) an seine Schwester:  I have time merely to inform you that on the morning of the 28th at daybreak I succeeded in surprising, attacking, and annihilating the French corps under General Girard at Arroyo dos Molinos. The enemy's force, when attacked, consisted of about 3,000 infantry, 1,600 cavalry and artillery. The result is the capture of one general (Bron), one colonel (the Prince d'Aremberg commander of the 27th Chasseurs), 35 lieutenant-colonels and inferior officers, 1,400 prisoners, and probably 500 killed. The others dispersed, having thrown away their arms; we have also got all the enemy's artillery, baggage, and magazines—in short, everything that belonged to the corps. Man wird ihn zum  Ritter des Most Honourable Military Order of the Bath machen. Aber Sie haben es in dem Brief gelesen, da taucht er auf unser Prince d'Aremberg. Die Engländer schreiben ihn (wie viele historische Quellen) immer mit einem M, der Ort schreibt sich heute auch Aremberg, die Familie schreibt sich aber bis zum heutigen Tag Arenberg.

Die 27. Chasseurs würde der Herzog lieber als die 27. Chevau-Légers d'Arenberg bezeichnet wissen, deren Oberst er von 1806-1814 ist. Und nicht nur so ein Ehrenoberst, nein wir haben hier den seltenen Fall, dass einer von den Rheinbundfürsten wirklich für seinen Verbündeten Napoleon in den Krieg zieht. Er ist mit seiner Truppe schon überall gewesen, Dänemark, Pommern und jetzt in Spanien. Das Regiment ist auch immer größer geworden, waren es 1806 nur wenig mehr als dreihundert belgische Kavalleristen, sind es jetzt mehr als tausend, die dieses fesche Grün tragen.

Ein junger Leutnant namens Robert Blakeney vom 28th (North Gloucestershire) Regiment of Foot hatte Arenberg gefangen genommen, hatte ihn aber sehr höflich behandelt. Blakeney ist 22 Jahre alt, ist aber schon ein Veteran des Peninsular War, er ist schon seit sieben Jahren dabei (er war der jüngste Fähnrich in dem Feldzug). Er ist auch froh, dass er noch lebt, im März des Jahres waren in der Schlacht von Barrosa alle Offiziere seines Regiments bis auf ihn und den Major Frederick Brown gefallen. Die beiden Überlebenden sollen als erstes nach der Schlacht einen loyal toast ausgebracht haben. Diese Szene wurde später auf einem Ölgemälde von Fortunino Matania verewigt, sie erlangte größere Verbreitung, weil man sie in England auch als Puzzle kaufen konnte. Robert Blakeney wird sich auch die nächsten Monate um den Herzog von Arenberg kümmern, er begleitet ihn nach Lissabon, wo Arenberg eine englische Fregatte erwartet. Und er antwortet ihm auf die Frage, wann er denn England erreichen würde: As soon as you are out of the Targus - all the seas are England. Ja, das ist englischer Nationalstolz. Arenberg vergisst beim Abschied übrigens nicht, für die Zeit nach dem Krieg eine Einladung auf sein Schloss bei Brüssel auszusprechen.

Wellington hätte Arenberg ja austauschen können, aber das will er nicht. Das teilt er mit dem Ausdruck des Bedauerns dem französischen General Comte d'Erlon mit. Und schreibt das auch dem General Hill. Dem Aussenminister Lord Liverpool sagt er klar und deutlich: he is too great a card to be so thrown away. Arenberg ist ihm wichtig, nicht weil er der Herzog eines Zwergenreichs im Emsland ist, nein, weil er ein entfernter Verwandter von Napoleon ist. Der hatte es nämlich arrangiert, dass der junge Arenberg 1808 in Paris eine Nichte seiner Frau Josephine heiratete. Und so kommt der Herzog von Arenberg nach England. Zuerst ist er in da etwas unglücklich, findet sich dann aber in der englischen High Society ganz gut zurecht. Er kann auch von England aus verfolgen, dass es mit seinem angeheirateten Verwandten Napoleon peu à peu bergab geht. Jetzt hofft er, dass die Engländer ihm vielleicht ein wenig von seinem Herzogtum bewahren. Am Vorabend der Schlacht von Waterloo ist er in Brüssel. Das kennt er, die Arenbergs haben da Besitzungen und Schlösser seit dem 15. Jahrhundert. Wegen dieser regionalen Verankerung der Arenbergs hatte Napoleon auch den Plan, unseren Prosper Ludwig zum Herrscher der Niederlande zu machen - und Prosper Ludwig hat sich ja später auch einmal erfolglos um die belgische Königskrone beworben.

Aber an diesem Abend ist er nicht nur in Brüssel im Egmontpalais, er ist da, wo tout le monde ist. Auf dem wichtigsten Ball des Jahrhunderts (da kann der Wiener Kongress tanzen so lange er will), dem Ball der Herzogin von Richmond am Abend des 15. Juni 1815. Arenberg steht auf Platz fünf der Einladungsliste. Selbst wenn ihm Recklinghausen nicht mehr gehört. Aber wenn man aus einer Familie kommt, wo man seit 1506 Graf und seit 1644 Herzog ist (und nebenbei noch Herzog von Aarschot), dann zählt das schon. Mark Twain konnte sich über die Dinge ja totlachen.

Unser Leutnant Robert Blakeney, der an General Hill bewunderte, dass er seine Jagdhunde für die Fuchsjagd mit nach Spanien gebracht hatte (was im übrigen auch viele junge Londoner Dandies tun, Wellington ärgert sich immer wieder darüber), hat Wellingtons Spanienfeldzug überlebt. Er wird, inzwischen Captain bei dem 36. Infantrie Regiment, in der Schlacht von Nivelle schwer verwundet. Da lässt er sich zu einem Baum tragen, damit der Stamm ihn abstützt, und feuert sein Regiment an. Wir wissen relativ viel über Blakeney, da er seine Erinnerungen an den Spanienfeldzug aufgeschrieben hat. Nach dem Sieg über Napoleon hat er selbstverständlich auch die Einladung des Herzogs von Arenberg (hier noch ein Bild von ihm) auf das Schloss Enghien bei Brüssel angenommen. Inklusive Wildschweinjagd.

General Hill zieht sich 1818 ins Privatleben zurück und widmet sich der Fuchsjagd. Als Wellington den Oberbefehl der englischen Armee abgibt, wird Viscount Hill sein Nachfolger. Der Herzog von Arenberg aus der englischen Gefangenschaft zurückgekehrt, wird er sich von seiner ungeliebten Frau scheiden lassen. Und wird ungeheuer viel Kinder mit seiner zweiten Frau haben, für das Überleben des Hauses Arenberg ist gesorgt. Es gibt sie heute noch. Und der letzte Herzog von Arenberg ist natürlich immer noch Fürst von Recklinghausen. Ob die das heute in Recklinghausen heute noch wissen?

Donnerstag, 27. Oktober 2011

James Mallahan Cain


Cain was one of those writers who first amazed and delighted me when I was old enough to start looking around and seeing what was being done in American literature. Steinbeck, Farrell, Saroyan, Faulkner, and Thomas Wolfe were some of the others. But Cain—momentum was something he had a patent on. Or maybe acceleration is the word. Picking up a Cain novel was like climbing into a car with one of those Superstockers who is up to forty by the time your right leg is in the door, sagt Tom Wolfe im Vorwort zu einem James M. Cain Omnibus (Alfred Knopf 1969). Er sagt auch noch Nobody has quite pulled if off the way Cain does, not Hemingway, not even Raymond Chandler. ➱Chandler mochte Cains Romane nicht besonders, er hielt eigentlich gar nichts von ihnen (Cain hielt auch nicht viel von Chandler). Aber Chandler hat Double Indemnity zu einem Drebuch umgeschrieben - und William Faulkner war sich damals auch nicht zu schade, Chandlers The Big Sleep  zu einem Drehbuch umzuschreiben. Für Geld aus Hollywood tun amerikanische Schriftsteller ja sehr viel. Der Kritiker Albert Van Nostrand unterstellte den amerikanischen Autoren der dreißiger Jahre in seinem Buch ➱The Denatured Novel, dass sie bei jedem Roman schon auf die Verfilmung schielten.

Vielleicht hat James M. Cain das getan, seine Romane laden ja geradezu dazu ein verfilmt zu werden. Und sie waren auch die Vorlage für einige große Filme. Die Verfilmung mit Jack Nicholson von The Postman Always Rings Twice, die nur durch die Szene auf dem ➱Küchentisch von sich reden machte, gehört natürlich nicht dazu. Viscontis ➱Ossessione allerdings unbedingt. ➱Tay Garnetts Film mit Lana Turner und John Garfield erst recht. Wenn man so will, hat Lucchino Visconti den Roman zweimal verfilmt, denn nach Ossessione (1943) hat er 1967 noch Lo Straniero gedreht. Die Romanvorlage L'Étranger von Albert Camus hat ja mit The Postman Always Rings Twice viel gemeinsam. Camus hat Cains Roman als einen wesentlichen Einfluss auf seinen Roman bezeichnet.

Der amerikanische Roman sucht seine Einheit dadurch zu finden, daß er den Menschen reduziert, sei es aufs Elementare, sei es auf seine äußerlichen Reaktionen und auf sein Verhalten, schreibt Camus in Der Mensch in der Revolte. Und er fügt in einer Fußnote hinzu Es handelt sich natürlich um den 'harten' Roman der dreißiger und vierziger Jahre und nicht um die wunderbare amerikanische Blütezeit im 19. Jahrhundert. Die Beschreibung von Äußerlichkeiten, die die Spitze des Eisbergs unterdrückter Emotionen sind, ist sicherlich eins der Hauptmerkmale der so genannten hard-boiled school (der Terminus behavioristischer Roman hat sich für diese Sorte Literatur nicht so recht durchgesetzt). James M. Cain hat das Lob von Camus übrigens ganz cool hingenommen: He wrote something about me—more or less admitting that he had patterned one of his books on mine, and that he revered me as a great American writer. But I never read Camus. In some ways I'm ignorant. In other ways I'm not.

Erstaunlicherweise hat sich James M. Cain immer dagegen gewehrt, mit dem Etikett hard-boiled beklebt zu werden - obwohl die New York Times The Postman Always Rings Twice in ihrer Rezension 1934 als six-minute egg bezeichnet, hartgekochter geht es nicht. Er gehöre to no school, hard-boiled or otherwise hat er gesagt. Und in einem Vorwort zu einer späteren Ausgabe von The Postman Always Rings Twice schrieb er: I make no conscious effort to be tough, or hard-boiled, or grim, or any of the things I am usually called. I merely try to write as the character would write, and I never forget that the average man, from the fields, the streets, the bars, the offices and even the gutters of his country, has acquired a vividness of speech that goes beyond anything I could invent, and that if I stick to this heritage, this logos of the American countryside, I shall attain a maximum of effectiveness with very little effort.

Dennoch hat er mit Hammett, Chandler, Hemingway oder John O'Hara viel gemeinsam. Nicht nur weil er ein Säufer ist wie sie. In diesem Punkt übertrifft er sie übrigens alle. Von den prominenten tough guy writers of the Thirties, die alle Säufer sind, lebt er am längsten, er wird 85 Jahre alt. Horace McCoy wird nur 58, Hemingway 62, John O'Hara 65, Hammett 68 und Chandler 71. Und es ist nicht nur der Alkohol, der sie verbindet, die vividness of speech, die lakonische Sprache der Great Depression, die fangen sie in dieser Zeit alle ein. Die Journalisten, die Sportreporter, die Gerichtsreporter, Hollywoods Drehbuchautoren und natürlich die tough guy writers. Raymond Chandler wird dieses American English in einen hochpoetischen Jargon verwandeln, solche künstlerischen Ambitionen hat James M. Cain nicht.

They threw me off the hay truck about noon. I had swung on the night before, down at the border, and as soon as I got up there under the canvas, I went to sleep. I needed plenty of that, after three weeks in Tia Juana, and I was still getting it when they pulled off to one side to let the engine cool. Then they saw a foot sticking out and threw me off. I tried some comical stuff, but all I got was a dead pan, so that gag was out. They gave me a cigarette, though, and I hiked down the road to find something to eat.
That was when I hit this Twin Oaks Tavern...

So fängt der Roman an. So beginnt die Erzählung von Frank Chambers, dem Ich-Erzähler, der in der Todeszelle endet. Es gibt viele Ich-Erzähler bei Cain, das gibt seinen Romanen diesen touch von Authentizität. I tried to write as people talk, er redet normalerweise nicht wie seine Figuren: I slip into the Vulgate every once in a while—an affectation I only half-understand. There I am speaking impeccable English and suddenly I lingo it up. Auch das Einfache ist kunstvoll und künstlich, das ist seine Kunst. Ein Satz wie Raymond Chandlers to accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment käme ihm wohl nicht über die Lippen.

In James M. Cains Romanen gehen die Helden unter, weil sie einer femme fatale verfallen. Wie Frank Chamber der hellcat Cora - You must be a hellcat, though. You couldn’t make me feel like this if you weren’t, die animalische Symbolik wird sich durch den ganzen Roman ziehen. Then I saw her, beginnt der kurze Absatz auf der zweiten Seite des Romans. Und mit diesem Then I saw her ist schon alles gesagt. Der Absatz endet mit dem Satz Her lips stuck out in a way that made me want to mash them in for her. In dem Augenblick ist er schon verloren.

The hero of the typical Cain novel is a good-looking down- and-outer, who leads the life of a vagrant and rogue. He invariably falls under the domination--usually to his ruin--of a vulgar and determined woman from whom he finds it impossible to escape. In the novels of McCoy and Hallas, he holds our sympathy through his essential innocence; but in the novels of Cain himself, the situation is not so simple. Cain's heroes are capable of extraordinary exploits, but they are always treading the edge of a precipice. They are doomed, like the heroes of Hemingway: they will eventually fall off the precipice. But whereas in Hemingway's stories, it is simply that these brave and decent men have had a dirty deal from life, the hero of a novel by Cain is an individual of mixed unstable character, who carries his precipice with him like Pascal.

Das schreibt kein Geringerer als der berühmte Edmund Wilson 1941 in seinem Essay The Boys in the Backroom. Er ist der erste, der sich positiv über James M. Cain äußert (der oben zitierte Albert van Nostrand hat natürlich nichts Nettes über ihn zu sagen). Dann dauert es doch zwei Jahrzehnte, bis das Interesse der Literaturwissenschaft an Cain erwacht. Der Schriftsteller David Madden wird sein Buch Tough Guy Writers of the Thirties (in dem Joyce Carol Oates einen langen James M. Cain Essay hat) mit der schönen Widmung versehen To James M. Cain, twenty-minute egg of the hard-boiled writers. Heute gibt es genügend gute Literatur zu Cain, halten Sie sich an ➱William Marling, der sehr gute Seiten zum ➱roman noir im Internet hat.

Und dann habe ich noch einen Literaturtip: lesen Sie den unterschätztesten Roman von James M. Cain. Lesen Sie Serenade. Grandioser Kitsch. Mit viel Puccini, hier ist der gescheiterte Opernsänger James Mallahan Cain in seinem Element, grand opéra. Der vielleicht beste der tough-guy writers ist heute vor vierunddreißig Jahren gestorben. Viele waren damals überrascht zu hören, dass er noch lebte. Er war aber noch bis zuletzt quicklebendig. Ich hätte hier noch ein interessantes ➱Interview aus der Reihe der Paris Review Interviews, das ein dreiviertel Jahr vor seinem Tod aufgezeichnet wurde. Die Filmphotos sind aus den Filmen The Postman Always Rings Twice (1,4,6), Ossessione (2,8), Double Indemnity (3,5) und Mildred Pierce (8).

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Moltke


Da klebt er auf seinem Pferd an der Wand von der Bremer Liebfrauenkirche. Sein Kompagnon in all den Kriegen, die man ein wenig euphemistisch als Deutsche Einigungskriege bezeichnet, sitzt hundert Meter weiter auf einem Pferde neben dem Dom. Das Reiterstandbild von Bismarck ist von Adolf von Hildebrandt, der Moltke an der Kirchenmauer ist von seinem Schüler Hermann Hahn. Es gibt in Bremen auch eine Graf Moltke Straße, die mündet in die Bismarckstraße, da sind die beiden Herren wieder zusammen. Das Denkmal an der Liebfrauenkirche fällt nicht groß auf, Touristen schauen sich andere Denkmäler in dieser Ecke an. Wenige Meter weiter ist die Bronzeplastik der viel weniger militärischen ➱Bremer Stadtmusikanten von Gerhard Marcks, und noch ein paar Meter weiter steht der Roland mit de spitzen Knee. Viel interessanter für Touristen.

Der Moltke aus Muschelkalkstein war übrigens vor dem Bismarck da, der bronzene Kanzler kam erst ein Jahr später. Für den brauchte man ein ganzes Komitee, das das Kunstwerk bezahlte, den Moltke hat ein Bremer Bankier aus eigener Tasche bezahlt. Das tun Bankiers heute wohl nicht mehr, weil sie arm wie Kirchenmäuse sind, so arm, dass ihnen die Bundeskanzlerin die Geburtstagsfeier finanzieren muss.

Der Bankier, der das Moltke Denkmal bezahlte, hieß Bernhard Loose, er war der Sohn eines Bauern aus Walle. Auf dem Höhepunkt seiner Geschäfte gehörten ihm beinahe alle Häuser rund um den Domshof. 75.000 Goldmark hat er 1902 in seinem Testament für das Moltke Denkmal hinterlassen. Die steinerne Ehrung des Ehrenbürgers Moltke ist nicht ganz billig, wenn man die Summe mit sechs multipliziert, kommt man ungefähr auf den Euro-Wert. Nach Looses Tod kam das Bankhaus Loose in den Besitz der Darmstädter und Nationalbank, die später bei der Lahusen Pleite in einen spektakulären Konkurs gerissen wurde. Das zweitgrößte deutsche Bankhaus Pleite, so kann es gehen. Der Größenwahn der Lahusens hat sich auch architektonisch verewigt. Ihre Konzernzentrale hieß später Haus des Reiches (heute haust da das Finanzamt drin, das ist sicher passend). Ihre Sommerresidenz Gut Hohehorst beherbergt heute ein Drogentherapiezentrum. Nichts ist mehr übrig geblieben von all dem Geld der Lahusens und ihrer Nordwolle. Ein Lehrstück in Kapitalismus und Ausbeutung, Geiz und Frömmelei, Größenwahnsinn und Verschwendung.

Bernhard Loose hat auch die Gründung der Bremen-Vegesacker Fischerei Gesellschaft finanziert. In meiner Jugend war es die größte Loggerflotte Europas, die da in der Lesummündung lag, zwei Jahrzehnte später war nichts mehr davon übrig. Das Bankhaus Loose, das Imperium der Lahusens, die Loggerflotte - alles perdu. Nur der Moltke aus Muschelkalkstein, der klebt immer noch an der Kirchenwand. Und die Wurstbude von Keuneke zu seinen Füßen, die für mich als Kind immer interessanter war als der General, die ist auch nicht mehr da. Ist in die schrottige Lloydpassage umgezogen.

Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, den man angeblich den großen Schweiger nannte (manche nannten ihn auch Molli), wurde heute vor 211 Jahren geboren. Mit elf Jahren war er als Kadett in der dänischen Armee, in der sein erfolgloser Vater auch eine Offiziersstelle gefunden hatte. Zehn Jahre später bittet er den dänischen König Frederik VI um eine Entlassung aus der dänischen Armee, er möchte sich Europa anschauen. Er schreibt unterwürfig in seinem Brief: Möge es mir irgendwann in der Zukunft vergönnt sein, die Befähigungen, die ich zu erwerben trachte, zum Nutzen des Königs und Dänemarks einzusetzen. Man lässt ihn ziehen, hoffend, dass die Erfahrungen in Europa seinen Horizont erweiterten und er wieder nach Dänemark zurückkäme. Er kommt auch wieder. Allerdings erst vier Jahrzehnte später. Und dann hat er gleich alles an schimmernder Wehr bei sich, was Preußen aufbieten kann, um den Dänen mal zu zeigen, was eine Harke ist. Möge es mir irgendwann in der Zukunft vergönnt sein, die Befähigungen, die ich zu erwerben trachte, zum Nutzen des Königs und Dänemarks einzusetzen.

Die Moltkes singen das Lied dessen, des Brot sie essen. Im Jahre 1809 treffen zwei Moltkes in Stralsund aufeinander, der dänische Major Friedrich Philipp Victor von Moltke (die Dänen sind da ja noch auf der auf der Seite Napoleons) und der junge Leutnant Friedrich Franz Graf von Moltke, der im Schillschen Freikorps kämpft. Schill findet in Stralsund den Tod, viele seiner Offiziere werden standrechtlich erschossen. Aber nicht der junge Graf Moltke, der ist nämlich kurz darauf der Adjutant von Blücher. Er ertrinkt 1813 in der Elbe, auf dem Weg zum preußischen König, die Siegesmeldung von der Schlacht an der Katzbach in der Reitertasche. Sein Gegenüber von 1809, der dänische Major - der Vater unseres Bremer Muschelkalksteindenkmals - brachte es noch zum dänischen Generallieutenant. Er starb 1845, er brauchte nicht mehr mitanzusehen, wie sein Sohn Dänemark überfiel. Hätte sonst der Vater gegen Sohn kämpfen müssen, so wie die beiden entfernten Verwandten in Stralsund?

Hier sitzt Moltke auf seinem Pferd, umgeben von seinem Generalstab und guckt sich Paris an. Das große Bild (190 mal 316) wurde von Anton von Werner gemalt. Was die Amerikaner in den sechziger Jahren als Photorealismus praktizierten, ist hier längst von Anton von Werner erfunden. Photographisch genau (er arbeitete wie die amerikanischen Photorealisten ein Jahrhundert später auch gerne nach Photographien) und unsäglich tot und leer. Nichts an dem Bild ist originell, die Gesamtkomposition ist bei Meissoniers Bild ➱Napoleon III bei Solferino geklaut. Der Auftraggeber für das Bild war der Schleswig-Holsteinische Kunstverein, es hängt heute in der Kieler Kunsthalle (manchmal verbannt es ein Direktor auch für Jahre in den Keller). Es wurde 1874 zum ersten Mal in Berlin der Öffentlichkeit gezeigt und brachte von Werner sofort die Stellung eines Kgl. Akademiedirektors ein.

In München hängen meine Bilder im großen Entreesaal der Wernerei gegenüber. Der patriotische Hanswurst und der klassische Maler, schrieb ➱Anselm Feuerbach. Er soll sich nicht so haben, er produziert den gleichen Kitsch wie Anton von Werner. Aber dessen Bilder repräsentieren den Geschmack der Zeit. Hier bei der Kaiserproklamation aus dem Jahre 1885 (die dritte und kleinste Version des Bildes, 167 mal 202 groß) stehen die beiden Architekten, die das Deutsche Reich gebaut haben, Moltke und Bismarck, wieder nebeneinander. Es ist ein Bild, das Generationen von Deutschen für große Kunst hielten. Eigentlich ist es nur ein schwacher Abklatsch von Franz Krügers ➱Huldigung der preußischen Stände vor Friedrich Wilhelm IV.


Es ist eigentlich erstaunlich, dass Moltke auf dem Kieler Bild auf einem Pferd in der Nähe einer Schlacht sitzt, er ist kein Blücher. Er ist ein völlig neuer Typ von General, ein kalter Technokrat, der alle neuen Möglichkeiten der Technik vom Telegraphen bis zur Eisenbahn ausnutzt. Er ist Generalstabschef geworden, ohne jemals ein größeres Truppenkommando gehabt zu haben, auf seine Art und Weise ist er sogar ein Intellektueller. In der Jugend hatte er schriftstellerische Neigungen, jetzt liest er nur noch Karten und Aufmarschpläne. Als Generalstabschef arbeitete er häufig bis Mitternacht und entspannte sich dann, indem er seinen Töchtern Werke aus der Militärgeschichte vorlas, für die er sich fast ebenso leidenschaftlich interessierte wie für das Ausarbeiten von Operationsplänen. Bevor er Chef des Großen Generalstabs wurde, war er dessen Militärhistoriker. Er untersuchte die Geschichte jedoch unter rein technischen Aspekten. Ihn interessierte die Aufstellung von Armeen auf der Landkarte, nicht die Stimmung unter ihren Soldaten, auch nicht Argumente, mit denen Regierungen einen Krieg rechtfertigten. Was Schlieffen hier schreibt, klingt doch richtig nett. So mögen wir unsere adligen Preußen, die nur ein Ziel in ihrem Leben haben, dieses neue Deutschland mit einer militärischen Struktur zu überziehen. Kant gab uns den Kategorischen Imperativ, Moltke den Bellizismus. 

Wenn ich für einen Augenblick den Engländer Garnet Wolseley dagegenhalte, über den Gilbert und Sullivan diese herrliche ➱ Arie geschrieben haben: der hat auch die englische Armee reformiert. Aber er hatte nicht die Idee, dass Großbritannien ein Militärstaat werden müsste, da wird man auch den Spott von der Bühne ertragen. Über einen Moltke singt man keine Gassenhauer, einen Moltke hämmert man als Denkmal in Stein oder gießt ihn in Bronze. Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte.

Hier sitzt Moltke mal nicht auf einem Pferd. Hier sitzt er in seinem Arbeitszimmer in Versailles (wahrscheinlich sucht er die Lektüre für seine Töchter aus), wiederum von Anton von Werner gemalt. Ohne den General sähe das Zimmer richtig nett aus, wie man auf dieser aquarellierten Zeichnung von Anton von Werner sehen kann. Ja, vielleicht wäre die Welt ohne diese von Moltkes netter gewesen. Wir wissen es nicht, wir können die Geschichte leider nicht ändern.













post scriptum: Viele Leser gegen diesen Artikel protestiert und auf Helmuth James Graf von Moltke hingewiesen. Den habe ich keinen Augenblick lang gemeint. Ich kenne ihn und sein Schicksal ziemlich gut, und ich habe großen Respekt vor ihm. Er ist der Patenonkel meines Freundes Jimmy, von dem ich viel über die Familie weiß, was nirgendwo gedruckt steht. Aber ich habe oben von diese von Moltkes gesprochen - und dabei meinte ich genau die, die in dem Post behandelt wurden. Niemand anderen.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Picasso


Pablo Picasso wurde heute vor 130 Jahren geboren. Jeder kennt ihn, man braucht gar nicht mehr über ihn zu schreiben. Seine Kunst war ja immer ein wenig gewöhnungsbedürftig. Das können meine Kinder auch, konnte man manchmal hören. Wenn eins der Kinder Kieron Williamson heißt, ganz bestimmt. Picasso ist auch über Poster und Drucke weit verbreitet. Ach, der Picasso hängt bei uns auch in der Küche, hörte ich einmal einen banausenhaften Professor auf einer Party zur Gastgeberin sagen. Das, was hier im Wohnzimmer hing, war allerdings ein Handabzug des Meisters, signiert und mit Widmung. Es gibt sie doch, die feinen Unterschiede. Falls Sie sich die ganze Zeit fragen, was das Bild da oben soll, das ist ein Picasso! So hat er einmal angefangen. Ist das nicht erstaunlich?

Falls Sie alles über Picasso wissen wollen, dann gibt es das heute nicht bei mir. Sie sollten auch lieber nicht Deutschlands beliebtesten Kunstkritiker Werner Spies lesen, der sein klein bisschen Renommee in dem Kunstfälscherskandal um die Sammlung Jägers vergeigt hat. Nein, es gibt da nur ein Buch, das man lesen muss und das ist John RichardsonA Life of Picasso. Genau genommen sind es drei Bände; der erste erschien 1991, und die Kunstwelt hofft, dass der inzwischen 87-jährige Autor auch noch den letzten Band vollenden kann. Er hat aber mittlerweile genügend professionelle Helfer für diese Arbeit.

Ich habe ein halbes Dutzend Bücher über Picasso gelesen, aber ich muss gestehen, seine Kunst gibt mir nichts. Ich kenne seine Bilder, aber sie berühren mich nicht wirklich. Ich bin da nicht der einzige: Picasso ist wahrscheinlich das Genie des Jahrhunderts. Obwohl ich neunzig Prozent seines Werkes hasse oder uninteressant finde, hat Francis Bacon gesagt. Was ich immer ganz schrecklich fand, war das Buhei, das man um sein Bild Guernica machte. Eine tote dekorative Fläche, in der nichts lebt. Es bekommt jeglichen Sinn, des es haben mag, ja nur durch die Konnotation Guernica. Wenn da als Titel drunter stünde: Odysseus und Telemachos töten die Freier der Penelope würde sich keiner um das Bild kümmern. Aber so etwas zu sagen, erscheint schon beinahe wie ein Sakrileg bei dem Status, den das Bild gewonnen hat. Horst Janssen, der wirklich etwas von der Kunst der Linien versteht, hat süffisant zu dem Bild gesagt: Guernica: flach und leer, ohne Wagnis in der Komposition und hochelegant im Lineament und in der modischen Farbskala: Hintergrund für eine Dior-Revue. Dieser faunische Geist scheiterte am Leiden im Nichtleidenkönnen.

Das einzig schöne Bild, das mir bei Picassos Namen einfällt, ist das Photo von Robert Capa von Françoise Gilot am Strand (oben), wo Picasso den Sonnenschirm für sie trägt. Dieser Augenblick des Glücks, dieses Lächeln von Françoise! Drei Jahre später ist Robert Capa tot, in Indochina auf eine Mine getreten. Und Françoise hat ihren Pablo auch schon verlassen. Manchmal denke ich mir, wenn das Bild größer wäre, könnte ich einen meiner Verwandten auf dem Bild sehen. Der machte in den fünfziger Jahren dort unten immer Urlaub. Nach ein, zwei Jahren kannten er und Picasso sich, grüssten sich, tranken mal einen Cassis oder Pernod oder was weiß ich zusammen. Hat er jemals einen Bierdeckel mit Picassos Kritzeleien aus der Kneipe mitgenommen? Hat er nicht, zu blöd. Soviel zur hanseatischen Zurückhaltung.

Montag, 24. Oktober 2011

August von Platen


Du ziehst bei jedem Los die beste Nummer,
Denn wer, wie du, vermag so tief zu dringen
Ins tiefste Herz? Wenn du beginnst zu singen,
Verstummen wir als klägliche Verstummer.

Nicht Mädchenlaunen stören deinen Schlummer,

Doch stets um Freundschaft sehn wir warm dich ringen:
Dein Freund errettet dich aus Weiberschlingen,
Und seine Schönheit ist dein Ruhm und Kummer.

Bis auf die Sorgen, die für ihn dich nagen,
Erhebst du Alles zur Apotheose,
Bis auf den Schmerz, den er dich läßt ertragen! 

Wie sehr dich kränken mag der Seelenlose,
Du lässest nie von ihm, und siehst mit Klagen
Den Wurm des Lasters in der schönsten Rose.

Das Gedicht heißt Shakespeare in seinen Sonetten und ist von Karl August Georg Maximilian Graf von Platen-Hallermünde. Falls Sie ihn nicht kennen sollten, dann gehören Sie zu einer Generation, bei der seine Ballade Das Grab im Busento (Nächtlich am Busento lispeln, bey Cosenza, dumpfe Lieder) nicht mehr in den Schullesebüchern stand. August von Platen wurde heute vor 215 Jahren geboren, er war ein deutscher Dichter. Muss man ihn noch kennen? Mir gefällt ja das Etikett Mumie im Museum der Germanistik, das ihm ein deutscher Professor verpasst hat. Heinrich von Heine konnte ihn nicht ausstehen, Thomas Mann hat ihn bewundert, wahrscheinlich ist der das Vorbild für Gustav von Achenbach in Tod in Venedig. Platen ist nicht als gefeierter Schriftsteller in Venedig gestorben, sondern heruntergekommen und versoffen in Syrakus in Sizilien. Unser etwas missratener Adliger (davon haben wir ja eine Menge in der deutschen Literatur) gilt als ein Meister des Sonetts. Ich weiß nicht, ich finde das Sonett an Shakespeare etwas kläglich. Will er insinuieren, dass Shakespeare schwul war? Das hätte er wohl gerne. Nein, ein Sonett muss so aussehen, wie ein schönes Shakespeare Sonett, dann liest man das auch noch nach Jahrhunderten (und H.E. Bates The Darling Buds of May lesen wir gleich hinterher).

Shall I compare thee to a summer's day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer's lease hath all too short a date:

Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimmed,
And every fair from fair sometime declines,
By chance, or nature's changing course untrimmed:

But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow'st,
Nor shall death brag thou wander'st in his shade,

When in eternal lines to time thou grow'st,
So long as men can breathe, or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.

Wir könnten den Grafen ja im Museum der Germanistik lassen, aber ich hätte da noch ein kleines Schmankerl zu Schluss. Sozusagen eine Wiederbelebung der Mumie. Und das ist ein Film von Karl-Heinz Käfer. Der schreibt sonst Drehbücher, dreht Folgen vom Tatort und solche Dinge. Hat aber auch schon mal den Grimme Preis bekommen. Aber dieser Kurzfilm in ➱zwei ➱Teilen bei YouTube ist wirklich köstlich. Hat noch keine hohen Einschaltquoten, aber das wird sich jetzt ändern. Vielleicht ist das jetzt der Beginn der August von Platen Renaissance.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Mein Stifter


Heute vor einem Jahr war sein 205. Geburtstag, ich habe damals, kultur- und traditionsbewusst wie ich nun mal bin, über Stifter geschrieben. Ich hatte gestanden, dass ich den Nachsommer immer noch nicht zu Ende gelesen habe. Und da mir niemand die Krone von Polen versprochen hat, um Friedrich Hebbel zu zitieren (Drei starke Bände! Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie gelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen zu versprechen) fühle ich mich auch nicht unter Druck. Einige Leser haben mich wissen lassen, dass ich richtig fies zu Stifter gewesen sei, das finde ich ganz und gar nicht. Ich war nicht richtig fies, ich habe über den Nachsommer nicht Magna Charta des Eskapismus gesagt, nicht die pleonastische Plattheit der Sprache und das barbarische Gestammel der gemästeten Nebensätze beklagt. Das hat Arno Schmidt gesagt, nicht ich. Ich habe den ➱Post gestern noch einmal gelesen, und ich finde ihn eigentlich gar nicht so unfair. Aber in meinem Verhältnis zu Stifter hat sich in der Zwischenzeit etwas geändert, worüber ich gerne einige Zeilen schreibe.

Als ich im letzten Jahr über Stifter zu schreiben wagte, vermisste ich ein Buch, dessen Lektüre mir vor Jahren großen Gewinn bereitet hatte - merken Sie was: ich schreibe jetzt schon wie Stifter. Kaum hat man zwei Kapitel Nachsommer im Gutenberg E-Text gelesen, da färbt das auch schon ab. Oder sagen wir es andersherum: er ist auch leicht zu parodieren. Also ich vermisste dieses Buch, das den schönen Titel Mein Stifter hatte. Es war nicht da, wo es stehen sollte, irgendwann gab ich es auf, nach ihm zu suchen. Es wäre natürlich schön gewesen, es beim Schreiben zur Hand zu haben, weil das Buch über des Verfassers Schwierigkeiten mit dem Nachsommer geht. Der Verfasser, ein Schriftsteller namens Arnold Stadler, hatte in unserer Stadt sein neuestes Werk mit einer Lesung beworben; am nächsten Tag fand ich im Grabbelkasten vor der Buchhandlung sein Buch, das wegen eines lädierten Schutzumschlags zu einem grotesk niedrigen Preis feilgeboten wurde. Ich war nicht bei der Lesung gewesen, für mich gibt es nichts Fürchterlicheres als Autorenlesungen. Und ich muss auch gestehen, dass ich an jenem schönen Sommertag, das Buch abwägend in der Hand, noch niemals etwas von einem Autor namens Arnold Stadler gehört hatte. Ich las die ersten Seiten und wusste: das ist mein Buch. Lädierter Schutzumschlag hin oder her. Ich zahlte 2,50€ an der Ladenkasse und ging mit Mein Stifter: Porträt eines Selbstmörders in spe und fünf Photographien nach Hause und begann zu lesen.

Es ist ein schönes Buch. Es ist ein seltsames Buch. Halb Essay, halb Roman, es ist auch eine - vielleicht sonderbare - Liebeserklärung. Man wird nicht umhinkommen, irgendwann auch Thomas Bernhards Alte Meister zu lesen, da der Verfasser auch diesen Roman des österreichischen Grantlers behandelt, zumal ja sehr viel Stifter in dem Roman vorkommt. Aber das schöne seltsame Buch, an dessen Lektüre ich mich lebhaft erinnerte blieb - wie gesagt - verschwunden. Bis ich vor Monaten in einem Antiquariat eine vierbändige Stifter Ausgabe kaufte, ich konnte nicht anders, weil alle vier Bände (eine Lizenzausgabe der vierbändigen Ausgabe des Winkler Verlages) zusammen nur vier Euro kosteten. Und der Witiko dabei war, um den ich bisher einen noch größeren Bogen als um den Nachsommer gemacht hatte. Aber es waren auch sechzehn Zentimeter, die irgendwo hingestellt werden wollten, in ein Regal, in dem sich Stifter mit Arno Schmidt jetzt schon um jeden Zentimeter Regalplatz kloppte und vieles in zweiter und dritter Reihe stand. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Regal Buch für Buch zu entleeren, um alles neu zu ordnen. Das ist immer eine gefährliche Sache, sie haben eine über die Jahrzehnte gewachsene Anordnung. Und keiner würde behaupten, sie mögen unverstanden hier stehen. Ich habe zu meinen Büchern ein anderes Verhältnis als der Herr von Risach.

Aber das Schöne an dieser ganzen Aktion war, dass ich Arnold Stadlers Buch Mein Stifter wiederfand, ein Buch, das ich jederzeit zur Lektüre empfehle, ob man nun Stifter mag oder nicht. Ich fand auch ein Buch wieder, das ich völlig vergessen hatte, nämlich Walther Rehms Nachsommer: Zur Deutung von Stifters Dichtung. Das ist auch ein Buch, das ich nur empfehlen kann - wie eigentlich alles, was Walther Rehm geschrieben hat. Lies Walther Rehm, hatte mir mein Freund Peter vor beinahe einem halben Jahrhundert gesagt, lies niemals Benno von Wiese. Und daran habe ich mich gehalten. Als ich jetzt sein Buch (141 Seiten) ein zweites Mal las, fand ich auch dies erstaunliche Gedicht Stifters wieder, das mich bei der ersten Lektüre vor Jahren so verblüfft hatte. Walther Rehm zitiert das Gedicht eigentlich nur, weil Claude Lorrain darin erwähnt wird. Der kommt ja auch an einer Stelle des Nachsommer vor, wo es heißt: Mein Vater hatte Bilder von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese, Annibale Caracci, Dominichino, Salvator Rosa, Nikolaus Poussin, Claude Lorrain, Albrecht Dürer, den beiden Holbein, Lukas Cranach, Van Dyck, Rembrandt, Ostade, Potter, van der Neer, Wouvermann und Jakob Ruisdael. Wir gingen von dem einen zu dem andern, betrachteten ein jedes, taten manches Bild auf die Staffelei, und redeten über ein jedes. Mein Herz war voll Freude. Der junge Heinrich Drendorf hat offensichtlich noch nicht gemerkt, dass er in einem Museum aufgewachsen ist, normale Menschen wie Sie und ich haben solche Bilder nicht zu Hause im Wohnzimmer, die Königin von England vielleicht.

Doch davon abgesehen bleibt es ein ungewöhnliches Gedicht, und so gibt es heute zur Feier des Tages einmal den Text.

Sehnend sitze ich hier und hefte das Aug' in die Ferne.
Dort, wo des Himmels Blau sanft sich mit Bergen vermischt.
Dämmert das freundliche Land der verlassenen Heimat herüber,
Dorten der neblichen Streif, o ich erkenne ihn gut.
Dort ist hochaufragend der Wald der die Heimat beginnet.
Glänzendes Jugendland, wär ich doch wieder in Dir.
Oh, es war schön, da der Baum, worunter ich spielte,
Schön, da des Vaters Haus, schön, da das heimliche Tal
Meine Welt war. Nie umwölkte sich damals mein Himmel,
Immer war mir der Tag, immer der Abend so schön.
Damals kannte nicht Gram noch die unbefangene Seele,
Frohsinn tönte das Spiel, tönten die Berge zurück.
Hier, im fremden Land, hier werde ich nimmermehr glücklich.
Zwar wie ein Paradies liegt vor dem traurigen Blick
Bis zu dem blauen Gebirg' sich dehnend die duftige Landschaft,
Selber Claude Lorrains göttlicher Pinsel erschuf
Nie so ein liebliches Bild, als uns das lachende Fruchttal
Darbeut. - Mich erfreut nimmer das reizende Tal,
Nicht der rauschende Strom und nicht die schattenden Haine;
Nicht der purpurne West, welche die Sonne gemalt
Mit Liebfrauengewand mit hochrot flammendem Golde.
Leise, hold und still schwebet der Abend herab
Und auf seinem Fittige ruht sanft duftende Kühle.
Mählig nun sinket der Tag jenseits der Berge hinab.
Und die Röte welkt - ein Bild der sterbenden Unschuld.
Welche so groß und so schön sinkt wie der sterbende Tag.
Bis der letzte Zug des Odems die Sele verhauchet.
Fahre nur immer wohl - fahre nur, glänzender Schild!
Fahren auch andere hin: zwei mild herblickende Sonnen -
Lockten mit freundlichem Licht selige Keime hervor,
Arglos so ich das kosende Gift aus den schmachtenden Sternen,
Strebte mit zagender Brust auf zu den liebenden zwei,
Reichte das einzige Gut, mein Herz, in törichter Unschuld
Hin mit dem Reichtum all, den es im Innern verschloss.
Ganz als ein Armer hinweg glückselig der Holden zu spenden -
Und du warfst es hin! - Also verdient' ich es nicht!
Wahrlich nicht! Das blutende Herz, ein verstoßenes Kindlein,
Nahm ich es auf in die Brust, stillte den zitternden Schlag,
Trug es herum im Leid und in Freud als stummen Gefährten,
Möchte es tragen dahin, wo es zum erstenmal schlug.
Heilet es nicht das heimische Tal, so findet es Ruhe,
Wenn einst über dem Grab wanket das rauschende Gras.


Vor einem Jahr gab es hier Bilder von Adalbert Stifter. Heute sind die Bilder von dem österreichischen  Landschaftsmaler Thomas Ender. Der hängt bei Heinrich Drendorfs Vater nicht an der Wand, aber er ist ein Maler, den der dilettierende Landschaftsmaler Adalbert Stifter sehr bewundert hat.

Samstag, 22. Oktober 2011

Liszt Ferencz


So hat er sich selbst geschrieben, er fühlte sich immer als Ungar, auch wenn er diese Sprache kaum sprach. Deutsch ja, Französisch sowieso, er war lange genug in Paris. Ein Wunderkind, ein Genie, ein Tastenlöwe. Ein Superstar, so steht es auf jeden Fall im Titel einer Biographie von Oliver Hilmes (Liszt: Biographie eines Superstars), die rechtzeitig zum Liszt-Jahr erschienen ist. Er wurde heute vor zweihundert Jahren geboren, das muss gefeiert werden, und es wird auch überall gefeiert. Heute gibt es einen Festakt in Weimar, ein Ort, an dem es der rastlos durch Europa ziehende Liszt lange ausgehalten hat. Man spielt seine Musik heute immer noch, andere aus seiner Zeit wie seinen Konkurrenten Charles Valentin Alkan hat man völlig vergessen. Man kann seine Musik auch für eine Vielzahl von Zwecken ge- und missbrauchen, wie man an diesen Beispielen (➱No. 1 und ➱No. 2) sehen kann.

Eine ganze Zeit lag ihm zu Füßen, vor allem die Frauen. Dieser bleiche melancholische Ungar konnte sie alle haben, er hatte auch viele, Ma in Ispagna son già mille e tre, um einen Komponistenkollegen zu zitieren. Sein Leben ist eine chronique scandaleuse. Erstaunlich, dass er noch Zeit zum Komponieren und Klavierspielen findet. Im Alter kleidet er sich auch noch schwarz, da ist er aber jetzt kein Don Juan mehr sondern ein Abbé. Da wird dann kein Liebestraum mehr komponiert sondern geistliche Musik. Hier auf dem Bild ist er im Salon am Piano. Beethoven schaut ihn als Büste an, Lord Byron hängt als Bild an der Wand. Und wenn man genau hinschaut, ist da im Dunkel links auch noch eine Statue von Jeanne d'Arc. Umgeben ist er von Alexandre Dumas, George Sand, Marie d'Agoult, Hector Berlioz (oder ist es Victor Hugo?), Niccolò Paganini und Gioachino Rossini. Irgendwie fehlt nur noch sein Schwiegersohn Richard Wagner, dann wäre die kulturelle Menagerie komplett.

Sein Schwiegersohn ist ja beinahe so alt wie er selbst. Vor zweihundert Jahren wird eine ganze Komponistengeneration geboren: Mendelssohn-Bartholdy (1809), Schumann, Otto Nicolai und Chopin (1810), Liszt (1811), Flotow (1812) Wagner und Verdi (1813). Und dann sollte ich vielleicht noch zwei Herren erwähnen, die heute weniger bekannt sind, die aber zu den größten Konkurrenten von Liszt in den Pariser Salons zählen: Sigismund Thalberg und Charles Valentin Alkan. Beide auch Komponisten, aber bekannter als Klaviervirtuosen. Von Alkan habe ich eine CD mit Marc-André Hamelin, wenn man die zu Ende gehört hat, hat man - genau wie bei Liszt - das Gefühl, dass die Klavierfirma das Klavier jetzt runderneuern muss. Pianisten, die Mozart oder Bach spielen, kriegen den Flügel nicht kaputt. Liszt mit seinen Kompositionen schon, er hat Sébastien Érard sicherlich zur Verzweiflung gebracht. Aber er hat auch viel zur Verbreitung von Érards Flügel beigetragen, da er bei der Firma seit 1825 unter Vertrag war (er hat aber auch auf einem Bösendorfer gespielt und einen Bechstein besessen, den man in Weimar noch bewundern kann).

Ich wollte zum Schreiben dieses Posts Musik von Liszt auflegen, musste aber erst nachdenken, wo die Liszt CDs eigentlich sein könnten. Ich vermutete sie in einem Kasten in einer dunklen Ecke (ja, da muss mal wieder gestaubsaugt werden), wo auch Chopin ist. Sie können daraus schliessen, dass ich beide Komponisten nicht so sehr mag. Ich dachte mir, ich klaue mir zum Schluss ein paar nette Sätze über Liszt aus Stephen Frys herrlich schräger Incomplete & Utter History of Classical Music, aber das war nix. Liszt wird da nur ein halbes dutzend Mal erwähnt, meistens im Zusammenhang mit Wagner, schließlich hat er ja den Lohengrin in Weimar auf die Bühne gebracht. Da ist es dann auch passend, dass Nike Wagner, die Leiterin der Liszt-Feiern in Weimar, eine Urenkelin von Wagner und eine Ur-Urenkelin von Liszt ist. Zu meiner großen Überraschung (oder vielleicht auch nicht) musste ich feststellen, dass Stephen Fry ein großer ➱Wagner-Fan ist. Aber seit den Tagen von ➱Franz Hüffer (Francis Hueffer) ist der Schwiegersohn Liszts ja in England zu Hause.

Also, wenn Stephen Fry mir kein witziges Aperçu liefert, dann gibt es jetzt zum Schluss keine kleinen Scherze mehr. Ich hoffe nur, dass ➱Martha Argerich, die bei mir gerade Liszt spielt, meine Lautsprecher nicht kaputtmacht. Und wenn sie fertig ist, wird Liszts Transkription der Pastorale von Beethoven aufgelegt, gespielt von ➱Glenn Gould. Das finde ich wirklich genial. Wahrscheinlich wegen Glenn Gould.