Samstag, 30. Juni 2012

Stille

Es ist merkwürdig still geworden im Land. Aus der Nationalmannschaft, die angeblich jede Mannschaft der Welt hätte schlagen können, ist ein trauriges Häufchen von Verlierern geworden. Die schillernde Seifenblase der Lobhudelei ist geplatzt. Die gleichen Fachleute, die vorgestern noch diese nationale Größenwahnhysterie anheizten, fordern heute schon den Kopf von Löw. Und dann melden sich auch Stimmen zu Wort, die man eigentlich lieber nicht hören wollte. Wie zum Beispiel dieser Alkoholiker aus Amerika, der im Trikot der Nationalmannschaft Traurig, aber wahr... twitterte. Am witzigsten bei all dem fand ich noch den Sänger Tim Bendzko mit seinem Satz Wo ist ein Lothar Matthäus, wenn man Ihn wirklich braucht????

Ich halte mich lieber aus der Diskussion heraus, ich habe mich bei meinen Bekannten in der letzten Woche schon sehr unbeliebt gemacht, weil ich gesagt habe, dass die Endspielpaarung Spanien und Italien heißen wird. Und dann habe ich noch böse Dinge über Gomez gesagt, das will ich hier nicht wiederholen. Aber mittlerweile hat wohl jeder selbst gesehen, dass zwischen Andrea Pirlo und Mario Gomez fußballerische Welten liegen. Ich schreibe heute auch nur, um ein klein wenig Reklame für eine kleine Ausstellung zu machen. Die findet in der Commerzbank von Osterholz-Scharmbeck vom 26. Juni bis zum 3. August des Jahres statt. Gezeigt werden Cartoons von Ekke Dahle. Zwei seiner Cartoons waren hier schon zu sehen, nämlich ☞hier und ☞hier. Und den dritten plaziere ich jetzt da unten. Mehr muss man ja auch nicht sagen.

Freitag, 29. Juni 2012

Rosemary Clooney


In einer Folge von Emergency Room tauchte in dem Krankenhaus in Chicago eine Patientin auf, die vollständig verwirrt war. Alzheimer, sie wusste ihren Namen nicht mehr und wusste nicht, wie sie in das Krankenhaus gekommen war. Aber irgendwann begann sie, auf dem Flur zu singen. Jazz. Und da erkennt einer der Doktoren, dass die Madame X die berühmte Sängerin Mary Cavanaugh ist. Sie heißt natürlich nicht wirklich Mary Cavanaugh, wir alle wissen, dass es Rosemary Clooney ist. Und dass ihr Neffe sie in die Sendung Emergency Room geholt hat, das sind die Gesetze des Showbiz. Und ein schöner Familiensinn, denn es war seine Tante Rosemary, die dafür gesorgt hatte, dass der junge George überhaupt kleine Rollen bekam.

Ich fand das damals sehr rührend, vieles aus dem turbulenten Krankenhausalltag von Emergency Room habe ich vergessen, aber an diese Folge erinnere ich mich noch. Rosemary Clooney ist heute vor zehn Jahren gestorben. Als Blogger, der mit dem amerikanischen Soldatensender AFN und dem Great American Songbook aufgewachsen ist, muss ich mal eben an diese Sängerin erinnern. Ich habe auch schon meine einzige Rosemary Clooney CD aufgelegt. Still on the Road heißt die, sie war 65, als sie die aufgenommen hat. Aber sie dachte noch nicht an das Rentenalter, sie war still on the road. Und hat noch ein halbes Dutzend CDs aufgenommen. Ihr letztes Konzert hat sie ein halbes Jahr vor ihrem Tod gegeben, da war sie fünfzig Jahre im Showgeschäft. Still crazy after all these years.

Donnerstag, 28. Juni 2012

This place of memory


Edgar Allan Poe hasste das literarische Establishment von Boston, dem er den schönen Namen Frogpondia verpasste. Nach dem kleinen See in Boston, den die Einwohner liebevoll Frog Pond genannt haben. Edgar Allan Poe kam aus dem Süden, die Boston Brahmins haben ihn nie akzeptiert. Für sie war Dichtung nur Dichtung, wenn sie von Bostonians geschrieben wurde. ➱Robert Lowell konnte das sicher gut nachfühlen. Aber je größer Amerika wurde, desto zersplitterter wurde die amerikanische Kultur. Das Modell des melting pot, bei dem die Kultur durch die White Anglo-Saxon Protestants bestimmt wurde, hat längst keine Gültigkeit mehr. Statt melting pot heißt das Modell heute salad-bowl.

Sicher hat es immer wieder Zentren der Dichtung gegeben, die Beat Poets hatten mit San Francisco und New York gleich zwei, doch große Dichtung entsteht auch jenseits der großen Städte und der Universitäten (wie dem Black Mountain College). Auch wenn Dichter es da vielleicht etwas schwerer haben, vom literarischen Establishment bemerkt zu werden. Wenn man an der Ostküste wohnt und jemanden beim New Yorker kennt, ist das wahrscheinlich  leichter. Wenn man in Las Vegas wohnt oder in der Nähe vom Moses Lake im Staat Washington, kann es schwierig werden. Oder auch nicht, weil es ja jetzt das Internet gibt. Das für viele aufstrebende Dichter eine Chance ist, ein published poet zu werden. Oder vielleicht auch nicht, um einmal Red Shuttleworth zu zitieren:

Weeks ago you got a corpulent come-on,
to be an ebook poet from the head guy
at Amazon-Kindle, but now he ain't
returning your call, which is for the best.


Als der Dichter Edward Field 1976 seinen Band A Geography of Poets herausgab (dem 1993 A New Geography of Poets folgte), war er einer interessanten Sache auf der Spur. Der Satz von Archibald MacLeish There always was a relationship between poet and place. Placeless poetry, existing in the non-geography of ideas, is a modern invention and not a very fortunate one, steht als Motto über dem Vorwort zu A New Geography of Poets. Da ist etwas dran. Für England hat es unter dem Aspekt ja schon originelle Bücher gegeben. Literary Landscapes of the British Isles: A Narrative Atlas von David Daiches und John Flower oder Margaret Drabbles A Writer's Britain: Landscape in Literature wären hier zu nennen.

Because one place to start from is just as important as any other. You’re a country boy; all you know is that little patch up there in Mississippi where you started from, hatte Sherwood Anderson zu William Faulkner gesagt. Und Faulkner hat diesen little patch auf die Landkarte der Weltliteratur geschrieben. Kann man sich Robert Frost (der übrigens in San Francisco geboren wurde) woanders als in Neuengland vorstellen? Kann man sich Carl Sandburg in Boston vorstellen? Irgendetwas muss an diesem sense of place sein. Das Gedicht Steinbeck Country von ➱Raynette Eitel, das hier ➱hier schon einmal präsentiert wurde, wäre ohne den Ort, den es beschreibt, nicht denkbar. Hier gehen Dichtung und genius loci überein, so wie das Land in den Romanen von Steinbeck beinahe eine Hauptperson ist. Ich habe bestimmt einen Regalmeter von Anthologien amerikanischer Lyrik, doch Raynette Eitel ist in keinem der Bücher mit einem Gedicht vertreten. Sie hat nicht mal einen Wikipedia Artikel, was ja neuerdings der Ausweis für eine Existenz zu sein scheint.

Und doch gibt es sie, ich habe sie im Internet gefunden. Einem neuen Ort für die Dichtung und die Dichter. Anthologien zementieren einen Kanon der Literatur, es sind immer wieder die gleichen Dichter, die gleichen Gedichte, die hier abgedruckt werden. Das wirkliche Leben und die entdeckenswerte Literatur scheint woanders zu sein. Es kommt jetzt viel aus dem amerikanischen Westen, und es scheint mir, dass der amerikanische Westen ein neues El Dorado der Dichtung werden kann. Ich habe mir den Titel dieses Posts von einem Buch geborgt, das mir die Texanerin ➱Joyce Gibson Roach einmal geschenkt hat. Ich fand den Titel sehr schön, aber er ist nicht von ihr, es ist ein Zitat von Katherine Ann Porter: This summer country of my childhood, this place of memory, is filled with landscapes shimmering in light and color, moving with sounds and shapes, heißt es bei ihr. Bezaubernd. Joyce Gibson Roach hat dreimal eine Spur Reward der Western Writers of America gewonnen. ➱Elmer Kelton, den ich auch einmal kennenlernte (und der mir auch ein signiertes Buch geschenkt hat), hat natürlich noch viel mehr Spur Awards. Er hat inzwischen ➱hier auch einen Post.

Und damit bin ich bei Red Shuttleworth, der hat letztes Jahr auch die Auszeichnung als Best Western Poet bekommen (es ist nicht die einzige Auszeichnung). Jetzt habe ich (da Red Shuttleworth so nett war, mir ein halbes Dutzend seiner Gedichtbände zu schenken) signierte Bücher von drei Spur Awards Preisträgern: Joyce Gibson Roach, Elmer Kelton und Red Shuttleworth. Das finde ich wirklich cool. Der Irische Wolfshund auf dem Photo ist übrigens nicht zur Dekoration auf dem Photo, der gehört dem Dichter. Und er kommt in seinen Gedichten auch vor, am besten gefallen mir die Zeilen: Our Wolfhound has a fondness for my description / of fat boiling off roadkill raccoon. I read this part slow.

Red Shuttleworth ist ein Dichter, der mich fasziniert, das True West Magazin hat ihn als Best Living Western Poet bezeichnet. Nicht zu Unrecht. Er hat natürlich auch keinen Wikipedia Artikel - und er hasst Facebook. Ich habe ihn erst in diesem Jahr durch Zufall entdeckt und ihn sofort in meinen ➱Blog geschrieben. Ich bin immer noch nicht ganz durch mit seinen Gedichten, ich lese auch vieles mehrfach. Einen Roman kann man auf die Schnelle lesen, Gedichte liest man langsam. Manchmal ist es sogar von Vorteil, sie laut zu lesen. Vor allem diese Gedichte, die vom kolloquialen Englisch leben, wo gesprochene Sprache und Dichtung beinahe übergangslos ineinander gehen. Dafür hatten die Engländer den Blankvers, weil der der gesprochenen Sprache so nahe kommt. Und sie mit solchen Gedichten, die der gesprochenen Sprache ähneln, dann auch möglichst weit weg kommen von der poetic diction, die schon für William Wordsworth ein Graus war.

Die moderne Lyrik bekommt mit diesem Kolloquialen - und daran haben seit Walt Whitman viele amerikanische Dichter gearbeitet, die sich dem make it new verschrieben haben - etwas Beiläufiges, ja beinahe Nebensächliches. Und dennoch kann man dem Ganzen immer noch anmerken, dass es Dichtung ist. Robert Lowell hat das perfektioniert, lesen Sie doch einmal ➱Skunk Hour. Oder William Staffords Written on the Stub of the First Paycheck:

Gasoline makes game scarce,
In Elko, Nevada, I remember a stuffed wildcat
someone had shot on Bing Crosby's ranch.
I stood in the filling station
breathing fumes and reading the snarl of the map. 

Ich habe das Gedicht von Stafford nicht ohne Absicht zitiert, es ist den Gedichten von Red Shuttleworth ähnlich. Weil es ein roadside America präsentiert, das wir häufig in Red Shuttleworths Gedichten finden. Nicht zufällig heißt ein langes Gedicht von ihm ➱Roadside Attractions. Es ist ein Amerika, das wir in dem Film ➱Two-Lane Blacktop finden. Oder in den Photographien von Robert Franks Photoband ➱The Americans. In William Least Heat-Moons Blue Highways. In manchen Bildern von Edward Hopper. Und das ein wenig durchschimmert in Rolf Dieter Brinkmanns Gedichten, die er in Amerika schrieb, wie zum Beispiel in Eiswasser an der Guadelupe Str. Ich glaube, Rolf Dieter Brinkmann, der so viel von amerikanischer Lyrik nach Deutschland importiert hat, wäre von Red Shuttleworths Gedichten begeistert gewesen.

One Week Past a Full Moon

I pull off the road, puzzle Kate and the dog,
to snap a photo as ordinary as salt in the blood.
A distant ridge of volcanic rock. Closer:
clumps of native grass and some sagebrush.
As ordinary as hand-weighing halved melons
while watching a butcher cut a roast down
to size for a couple with grown, gone children.
The standard American life: subject to purchase.

Wedges of cheese cake under plastic,
the obliteration of past-as-present,
a man short of seventy years stepping
onto a hilly field as if ambitious to scale
clouds yet to arrive in 1903 Nebraska....
Or... I keep driving on a narrow road
sudden with newly situated used single-wide
trailers for those in the general-good-times business:
bicycle repair, picture hook sales, cultural
connotations regarding breast augmentation.

My tread or another's tread... soon erased.
As if calculated from a ghost-passengers train.


Das ist ein Gedicht aus dem April dieses Jahres, man kann es ➽hier lesen. Wenn Sie diesem Link folgen, kommen Sie in den Blog von Red Shuttleworth. Aber ich muss da eine Warnung aussprechen: es ist gefährlich, in Red Shuttleworths Blog seine Gedichte zu lesen. Es kann passieren, dass Sie nicht aufhören können. Mir geht es jedesmal so. Wie eine poetische Endlosschleife werden die Gedichte präsentiert, und ich lese immer weiter. Und vor meinem geistigen Auge entsteht this place of memory... filled with landscapes shimmering in light and color, moving with sounds and shapes, obwohl ich nie an diesen Orten gewesen bin. Ich habe das Gefühl, dass ich diese Welt kenne, dass ich in ihr zu Hause bin. Es ist diese Magie der Dichtung, die den Leser in den Text zieht.

Den Band Brief Lives (2007) mochte ich gerne, weil hier - sehr viel kürzer als in John Aubreys gleichnamigem Werk - in kurzen Gedichten ein ganzes Leben eingefangen wird. So zum Beispiel Hank Williams:

They never tell you each road is a way
to meet shrill women who make you lonelier.
They never say the next train is short of seats.
When you bang your head on the inside of a back seat
car door, there's never a trim angel there,
just the devil disguised as radio music.
Morphined, chloraled, boozed: the snow
out on the highway is the color of watered down whiskey.
The last time he saw his star-wobbling soul in a mirror
it whispered, Every child is born to scare its momma.
At least there's no factory grindstone,
no Detroit hotel room with a concrete floor.
As two bottles clink on the floor below his jaw,
Hank can't find a way to turn around.


Mir fällt bei Hank Williams immer Daryl Dukes ➱Payday ein, ein zu Unrecht untergegangener, unterbewerteter Film. Das musste einmal gesagt werden. Ich habe das Hank Williams Gedicht auch deshalb zitiert, weil ich weiß, dass ich mindestens zwei Hank Williams Fans unter meinen Lesern habe. Wenn Sie kein C&W Fan sind, dann brauchen Sie vielleicht Hank Williams und ➱Waylon Jennings nicht zu lesen, dann sollten Sie aber unbedingt ➱Marilyn Monroe lesen. Immer wieder sind es Verse, die einen festhalten, wie hier "the gravediggers are waiting," Marilyn snapped. / Huston or Miller? Oder die Coyoten, die nur in der Nacht kommen und die nicht jeder sieht, in Old Night Friends (dem ersten Gedicht in Western Settings).

Und immer wieder öffnet Shuttleworth die Schranktür zu den skeletons in the cupboard von Amerikas kollektivem Western Mythos. Und dann werden sie für einen Augenblick wieder lebendig: Doc Holliday (lumps of blood and lung splash upon Doc's pillow), Frank James (I loved my brother but for years I've been selling pebbles off Jesse's grave), Bat Masterson (Masterson will write it all down for the 'New York Telegraph', having dumped being a shootist lawman) und Belle Starr. Und natürlich Johnny Ringo in seinem neuen epic poem, das Johnny Ringo heißt. Auf seiner ➱Homepage sagt Shuttleworth dazu mit schöner Ironie: Be sure to get a copy of Johnny Ringo. Every coffee table needs one. Tell your friends at the 'New York Times Book Review', if you have friends at that publication (or are willing to admit having friends there) to review it. Ja, das wäre es doch einmal: dass der New York Times Book Review oder noch besser der New York Review of Books von diesem amerikanischen Dichter Kenntnis nimmt! Unter ➱Theodor Roosevelt wäre das anders gewesen. Der hat das Vorwort zu John Lomax' Cowboy Songs and Other Frontier Ballads geschrieben. Und Owen Wister wusste schon, weshalb er ihm The Virginian gewidmet hat.

What I intended was to complete the story
sixty-eight-year-old Bat Masterson was writing
when he died over a typewriter in his 'New York
Telegraph' office. Damn it, I was only a boy
when I came to that intention...

Der Westen lässt Red Shuttleworth nicht los. Der Westen lässt Amerika niemals los. Der Westen, this place of memory, der Ort einer kollektiven Erinnerung wird immer weiterleben. Hier oder nirgends ist Amerika. Auch wenn Hollywood keine Western mehr produziert, auch wenn die Western nur noch ➱Spätwestern sind. Und aus der frontier das geworden ist, was Leslie Fiedler in Montana; or The End of Jean-Jacques Rousseau als the Tertiary or pseudo-Frontier, a past artificially contrived for commercial purposes, the Frontier as bread and butter bezeichnet hat. Und diese Tertiary Frontier kann Red Shuttleworth mit zwei Zeilen einfangen wie We skipped the Calamity Jane look-alike contest.The ethical dilemma of Old West boutiques is dreary. Oder: Except for Mondays, my waitress skimpy-poses / in a fake, tattered Apache dress for Japanese tourists.

Er hat das scharfe Auge eines Kameramanns, nichts entgeht ihm bei diesem Film in Worten. Nicht the long fingernails of pole dancers, das unkempt long black hair, / black currant lipstick oder The upcoming Walmart fashion season: plastic bear claw necklaces / to accessorize last autumn's dog-skin-collared jackets from China. Oder die wirklichen Absurditäten: Eccentric ranchers rich enough to buy green capes / for 300 Hereford steers on Saint Patrick's Day. Die Gedichte enthalten natürlich auch viel Naturbeschreibungen, das erwartet man von einem Dichter des amerikanischen Westens. Manchmal klingen hier Verse wie die Prosa von Cormac McCarthy, bei dem ja ebenso wie bei Steinbeck die Natur zu den Hauptfiguren des Romans zählt, doch vieles wird durch eine leise Ironie zurückgenommen. Hat niemals diese gewollte Schwere wie McCarthy: The October sun sets blood-red in the Cascades and junipers / go mottled mustard. Why shouldn't the stars be indifferent? Ohne das Why shouldn't the stars be indifferent? könnte es von McCarthy sein, aber so nicht. Und den nachfolgenden Satz The desert makes copies of itself, den macht ihm niemand nach.

Red Shuttleworths Verhältnis zur Natur ist anders als das von Wordsworth. Wordsworth ist letztlich ein sentimentaler Tourist, der jederzeit wieder aus dem Lake District abreisen könnte. Er kann sich zusammen mit seiner Schwester so lange in einen ➱Graben legen wie er will, was die Natur für die anderen bedeutet, die keine romantischen ➱Touristen sind, das wird er nie begreifen. Shuttleworth lebt in der Natur, arbeitet in ihr, er fährt nicht nur so zum Spaß mit seinem Wolfshund im Pickup durch die Gegend: I was reading Stephen Crane the night lightning killed / a butcher's dozen of my steers under a cottonwood. Wenn Sie die Serie der Winter Chronograph Gedichte lesen, bekommen Sie einen Eindruck vom elementaren Leben. Wo sich im Kampf gegen die Natur seit Jahrhunderten wenig geändert hat. Ich weiß jetzt nicht, weshalb mir beim Lesen der Gedichte Ezra Pounds kongeniale Übersetzung des altenglischen ➱Seafarer eingefallen ist.

Winter Chronograph: 96

Dull sky all morning. No slide-up of sun
on a crackers-white, walk ripped-ground afternoon:
the powdery soft volcanic-ash soil is like an old woman
stepping into a closet, hair pouffed, to revisit... try on
sequined majorette shorts, silky turquoise nipple tassels.


Immer wieder gelingen ihm erstaunliche Bilder und Vergleiche, the powdery soft volcanic-ash soil ist noch konventionell, aber der dann folgende Vergleich ist verblüffend. Vielleicht eine far fetched imagery, aber das macht die Dichtung aus, John Donnes Gedichte leben davon. Red Shuttleworth öffnet nicht nur die Türen des Mythenkabinetts des amerikanischen Westens, er öffnet auch die Türen der Vergangenheit. Und so kommen wie bei der Confessional Poetry kleine Fetzen der Erinnerung zum Vorschein. Wie in dem Gedicht Winter Chronograph: 84:

A girl, yanking a cashmere sweater up and off a white
cotton bra, a pretty girl who wanted to make love for the first time
one night decades ago... who got a stress nosebleed instead....
She comes to mind: a steep blacktop over-the-speed-limit turn...
a glimpse of red and yellow plastic flowers against sagebrush at dusk.

Love & automobile, auch ein ewiges Thema von Amerika. Love leaves as deep-blue storm light, immer wieder scheint das immerwährende Thema der Lyrik durch: The wild-haired blonde. She kept sunflowers at bedside. / For passersby like you, lover. Oder: Dusty kisses in old hotels. / Beautiful lies: Clean rooms & bed. Sind Zeilen wie You ran off too many sweet girls, using Edvard Munch's / notion about paintings left out in bad weather, / It does them good to fend for themselves autobiographisch? There are dangerous love songs in electric fence wire.

In einem seiner Gedichte habe ich den schönen Satz gefunden:

God,
for lack of a better word,
works with found materials.

Der Dichter auch, Red, der Dichter auch. Am Ende meiner kleinen Einführung in die Welt des Mannes mit dem Stetson und dem Wolfshund kann ich nur sagen: Lesen Sie Red Shuttleworth, es ist die interessanteste Stimme, die der amerikanische Westen heute hat (na ja, mal abgesehen von ➱Cormac McCarthy). Spur Awards hat er schon, es wäre mal Zeit für den Pulitzer Prize.

Peter Bischoff, der vor Jahrzehnten die German Association for the Study of the Western gegründet hat, hat in diesem Monat einen runden Geburtstag. Er hat mich vor Jahrzehnten gezwungen, da Mitglied zu werden und immer wieder für die Zeitschrift Studies in the Western zu schreiben. Dafür bin ich ihm aber auch immer dankbar gewesen, denn eigentlich bin ich faul. Wenn man mich nicht antreibt, komme ich zu nichts. Dank Peter Bischoff und der ➱GASW habe ich auch Joyce Gibson Roach und Elmer Kelton (und Sandy ➱Marovitz) kennengelernt. Normalerweise schenken wir uns Bücher oder CDs, aber in diesem Jahr schenke ich ihm diese kleine Hommage an Red Shuttleworth. Weil er dann anfangen muss, Red Shuttleworths Blog zu lesen. Und dann wird er - genau wie ich - nicht aufhören können zu lesen. Und das ist doch ein schönes Geschenk.

Mittwoch, 27. Juni 2012

Christian Heineken


Dat is een Perd, dat is 'n Katt un dat is een Kerkturm und dat do is 'n Seilschipp, sagt die Amme dem Kind. Am nächsten Tag kann das Kind die Wörter wiederholen und im Bilderbuch auf die richtigen Sachen zeigen. Das Kind heißt Christian Heineken, es ist zehn Monate alt. Mit zwei Jahren beherrschte er außer dem Plattdeutschen auch das Hochdeutsche. Und Französisch und Latein. Ich konnte schon lesen und schreiben, als ich zur Schule kam. Wenn der Opa sich langweilt, weil er gerade als Lehrer pensioniert ist, dann kann man das. Aber in dem Alter, in dem man in die Schule kommt, war der kleine Christian Heineken schon tot. Hatte jedoch mit drei Jahren eine Geschichte Dänemarks geschrieben. Angeblich. Dabei war das arme kranke Kind zu schwach, um einen Bleistift zu halten. Und schreiben konnte er erst mit vier Jahren.

Jean Paul hat ihn in seiner Selberlebensbeschreibung erwähnt: Nun glaub' ich meine Pflicht als selbhistorischer Professor in Rücksicht auf das Erziehdörfchen Joditz so erfüllt zu haben, daß ich in der nächsten Vorlesung mit dem Helden und den Seinigen in Schwarzenbach an der Saale einziehen kann, wo freilich der Vorhang des Lebens um mehre Schuh hoch aufgeht und man vom Hauptspieler schon etwas mehr zu sehen bekommt als die bloßen Kinderschuhe, wie leider bisher. Denn in der Tat aus der heutigen Vorlesung schicken wir ihn in die nächste als einen mehr als zwölfjährigen Menschen mit zehnmal weniger Kenntnissen als der dreijährige Christian Heinrich Heineken hatte, da ihn nach dem Examen die Amme wieder an den Busen legte – so ohne alle Natur- und Länder- und Weltgeschichte ausgenommen das Teilchen davon, welches er selber war – so ohne alles Französische und Musikalische – im Lateinischen nur mit ein bißchen Lange und Speccius angetan – kurz als ein solches leeres durchsichtiges Skelett oder Geripplein ohne gelehrte Nahrung und Umleib, daß ich mit Ihnen allen kaum Zeit und Ort erwarten kann, wo er doch einmal anfangen muß, etwas zu wissen und das Gerippe zu beleiben in Schwarzenbach an der Saale. Ach ja, und trotzdem ist etwas aus ihm geworden.

Kant hat Christian Heineken ein frühkluges Wunderkind von ephemerischer Existenz genannt und von Abschweifungen der Natur von ihrer Regel gesprochen. Das Kind wurde überall herumgereicht. Was hat das kleine Kerlchen vom Leben gehabt? The true freak, however, stirs both supernatural terror and natural sympathy, since unlike the fabulous monsters, he is one of us, the human child of human parents, however altered by forces we do not quite understand into something mythic and mysterious, as no mere cripple ever is, sagt Leslie Fiedler in seinem Buch Freaks. Ein gewisser (oder besser gewissenloser) Christian von Schöneich, der das Kind zu einem kleinen Pseudo-Gelehrten dressiert hat, wird ihn in einem Buch verewigen: Merkwürdiges Ehrengedächtniß von dem Christlöblichen Leben und Tode des weyland klugen und gelehrten Lübeckischen Kindes, Christian Henrich Heineken: In welchem dessen Gebuhrt, seltene Erziehung, wunderwürdiger Wachsthum seiner Wissenschafften, glücklich abgelegte rühmliche Reise nach- und von Dännemark, samt seinem seligsten Abschiede aus dieser Sterblichkeit, umständlich enthalten. Der Hamburger Musikdirektor Georg Philipp Telemann wird ihm einen Nachruf widmen:

Kind, deßen gleichen nie vorhin ein Tag gebahr! 
Die Nach-Welt wird Dich zwar mit ew'gen Schmuck umlauben
Doch auch nur kleinen Theils Dein großes Wißen glauben, 

Das dem, der Dich gekannt, selbst unbegreiflich war

Christian Heinrich Heineken ist heute vor 287 Jahren in Lübeck gestorben. Man hatte ihn, mit einem Lorbeerkranz bekrönt, zwei Wochen lang auf einem Todten-Gerüst aufgebahrt, damit Tausende ihn bestaunen können. Der schlesische Edelmann Christian von Schöneich notiert in einem Büchlein all die Namen der Leute, wahrscheinlich nicht Hinz und Kunz, nur die Prominenz. Bild Zeitung und Bunte haben schon ihre Vorgänger

Der Geigenvirtuose Ruggiero Ricci, der auch ein Wunderkind war, hat im hohen Alter gesagt: Zuerst sollte man die Eltern aller Wunderkinder erschießen und dann das Kind an die Wand stellen und Schluss machen! Sicherlich eine etwa unorthodoxe Lösung. Aber den Christian von Schöneich hätte man schon als ersten erschießen sollen. Riccis Kollege, der Cellist ➱Janos Starker, hatte für die Wunderkinder nur die Bezeichnung dressierte Affen übrig. Und dem jungen Thomas Mann nötigten sie eine ironische Skizze mit dem Titel ➱Das Wunderkind ab.

Das Lübecker Wunderkind hatte übrigens einen Bruder, der ein ganz normales Lebens geführt und in der Welt etwas geworden ist. Und der auch sehr lange gelebt hat, er ist 84 Jahre alt geworden. Er hieß ➱Carl Heinrich (von) Heineken und hat es zum Privatsekretär des Grafen Brühl gebracht. Und hat das Dresdener Kupferstichkabinett und die Kunstsammlungen der sächsischen Kurfürsten kenntnisreich vermehrt. Er ist der heimliche Leiter aller Dresdener Galerien und Kabinette, die der Graf Heinrich von Brühl als Oberkämmerer nur dem Namen nach führt. Der Tod des Grafen Brühl bedeutete auch den Sturz seines Günstlings Heineken. Als er in die Dienste Brühls trat, war er mittellos gewesen, bei Brühls Tod gehörten ihm die Rittergüter in Altdöbern, Bollendorf, Kleinjauer und Muckwar sowie das Dresdner Palais am Taschenberg. Man klagt ihn an wegen Veruntreuung und Bereicherung auf Kosten des Staates, aber das ist nur eine vorgeschobene Sache, mit der man sich von dem System des Grafen Brühl befreien will (der, obwohl tot, auch angeklagt wird). Der den Staat Sachsen zwar durch Kunst und Bauwerke verschönt (die berühmte Brühlsche Terasse steht ja immer noch), aber so ganz nebenbei auch ein klein wenig ruiniert hat. Man wird Carl Heinrich von Heineken nichts Unrechtmäßiges nachweisen können und wird ihn eines Tages rehabilitieren. Er verkauft sein Dresdener Stadtpalais und zieht in sein Schloss Altdöbern (oben).

Und er beherzigt das Il faut cultiver notre jardin von Voltaires Candide und widmet sich seinen Gärten und dem Obstanbau. Den Wissenschaften und den Künsten sowieso. 1737 hatte er Longinus' Schrift Vom Erhabenen ins Deutsche übersetzt (Dionysius Longin vom Erhabenen, Griechisch und Teutsch, nebst dessen Leben, einer Nachricht von seinen Schrittten, und einer Untersuchung, was Longin durch das Erhabene verstehe), was für die ➱ästhetische Diskussion des 18. Jahrhunderts ein Meilenstein war. Er wird das erste alphabetische Künstlerlexikon in deutscher Sprache beginnen. 80.000 Graphikblätter hat er für das Kupferstichkabinett gekauft, aber er kaufte in Holland und Hamburg auch Gemälde: Elsheimer, Rembrandt und van Dyck. An der Echtheit der Sixtinischen Madonna hatte er Zweifel. Und Winckelmann konnte er nicht ausstehen, das macht ihn mir sehr sympathisch. Ein Urteil also, welches bloß ein Gelehrter in Kunstsachen fällt, ist nicht eher anzunehmen, als bis man überzeugt worden, daß er auch ein Kenner ist, hat er geschrieben. Das hat ➱Wilhelm von Bode auch so gesehen.

Zwei Brüder, zwei Leben. Es ist eine seltsame Geschichte. Der eine wird ein frühkluges Wunderkind von ephemerischer Existenz, der andere wird ein wirklicher Gelehrter. Dafür braucht es etwas Zeit, ein ganzes Leben. Und zu dem kleinen Christian Heineken geben wir ➱Michel de Montaigne mal das letzte Wort:

Ce que nous appellons monstres, ne le sont pas à Dieu, qui voit en l'immensité de son ouvrage, l'infinité des formes, qu'il y a comprinses. Et est à croire, que cette figure qui nous estonne, se rapporte et tient, à quelque autre figure de mesme genre, incognu à l'homme. De sa toute sagesse, il ne part rien que bon, et commun, et reglé : mais nous n'en voyons pas l'assortiment et la relation.
   Quod crebro videt, non miratur, etiam si, cur fiat nescit. Quod ante non vidit, id, si evenerit, ostentum   esse censet.
   Nous appellons contre nature, ce qui advient contre la coustume. Rien n'est que selon elle, quel qu'il soit. Que cette raison universelle et naturelle, chasse de nous l'erreur et l'estonnement que la nouvelleté nous apporte.


Montag, 25. Juni 2012

Englische Krimiserien


Während uns der englische Detektivroman in der Zeit des Golden Age of the Detective Novel eine Vielzahl unvergesslicher Privatdetektive bescherte, sind die Helden des Fernsehzeitalters in England fast immer beamtete Detektive. Heute haben wir Barnaby oder Lewis, die uns dank des ZDF am Sonntagabend eine nette Unterhaltung - oder in der Serie Prime Suspect mit Helen Mirren als Detective Chief Inspector Jane Tennison eine nicht so nette Unterhaltung - bescheren. Aber diese Serien haben eine Vielzahl von interessanten Vorgängern, die hierzulande nicht so bekannt sind.

Die erste BBC Serie der fünfziger Jahre, deren Folgen mit 30 Minuten noch sehr kurz waren, hieß Fabian of the Yard, (1954–1955). Sie basierte auf den Memoiren des gerade pensionierten Detective Superintendent Robert Fabian und ähnelte in vielem der einflussreichen amerikanischen Serie Dragnet. Diese amerikanische Serie war übrigens auch die Vorlage für die deutsche Stahlnetz Reihe, die mit dem Regisseur Jürgen Roland und dem Drehbuchautor Wolfgang Menge eine Vielzahl von qualitativ hervorragenden Filmen auf die Mattscheibe brachte. Das Haus an der Stör gehört sicherlich zu den Höhepunkten dieser Serie. Die Ableger von Dragnet hatten vieles gemeinsam, sie kamen als eine Art Dokumentarfilm daher, wozu auch die voice over narration beitrug, und sie basierten auf wahren Kriminalfällen, was vor jeder Sendung betont wurde.

Der nächste große Erfolg der BBC war eine Serie, die Dixon of Dock Green hieß, sie lief zwanzig Jahre lang. Im Mittelpunkt stand der Police Constable George Dixon, den die BBC aus seinem filmischen Grab geholt hatte. Denn in dem Film ➱The Blue Lamp (über den ich immer noch einmal schreiben will), war der gute Bobby George Dixon (gespielt von Jack Warner) von einem Kleinkriminellen (gespielt von ➱Dirk Bogarde) erschossen worden. The Blue Lamp und die daraus entstandene Serie waren eine romantische Verherrlichung der Figur des englischen Bobby, representative of all policemen throughout the country, steady-going, tolerant, unarmed, carrying out a multitude of duties, so die Presseverlautbarung der Filmfirma. Für den Filmkritiker der Times war das alles a bit too much of a good thing, für ihn waren es es nicht policemen as they really are but policemen as an indulgent tradition has chosen to think they are. Wir möchten unsere Fernsehpolizisten gerne nett haben, sie sind ein Teil eines nationalen Wunschdenkens, ob sie nun George Dixon oder Derrick heißen. Jack Warner spielte die Rolle des Sergeant Dixon bis er achtzig war. Viele unserer heutigen TV-Kommissare sind ja auch längst über das Pensionsalter hinaus, aber man lässt sie nicht gehen, weil das Publikum sie lieb gewonnen hat.

Der Mythos des englischen Bobby, der einsam, nur mit einer Polizeipfeife (die man immer noch kaufen kann) bewaffnet, seine Runde ging, war in den fünfziger Jahren noch ungebrochen. Die Verkörperung von Recht und Ordnung, die durch den Film The Blue Lamp und die Serie Dixon of Dock Green zementiert wurde, war noch nicht von Skandalen angekratzt. Obgleich sich die Haltung der Briten zu ihrer Polizei schon ändert. Die erste Untersuchungskommission im Jahre 1960 wird zwar noch von an overwhelming vote of confidence in the police sprechen, aber so ganz heil ist die Welt nicht mehr. Zehn Jahre später wird Scotland Yard auf einen Schlag vierhundert Beamte entlassen.

Die Metropolitan Police verdankt ihre Gründung dem Innenmister Sir Robert Peel, die ersten Polizisten nannte man Peelers. Bis sich Bobby, die Koseform von seinem Vornamen Robert, als Name durchsetzte. Diese Polizisten sind die Nachfolger jener Bow Street Runners, die die Brüder Henry und ➱Sir John Fielding in London etabliert hatten. Getreu der viktorianischen Arbeitsmoral wurden strenge Maßstäbe gesetzt: Every Police constable in the Force may hope to rise by activity, intelligence, and good conduct, to the superior stations. He must make it his study to recommend himself to notice by a diligent discharge of his duties, and strict obedience to the commands of his superiors, recollecting, that he who has been accustomed to submit to discipline, will be considered best qualified to command. Diese Sätze finden sich in den ➱Instructions der Metropolitan Police aus dem Jahre 1829, die danach beinahe wörtlich für alle Polizeikräfte in den von England beherrschten Teilen der Welt übernommen werden. Die Regeln sind streng, ein Police Constable darf zum Beispiel nicht ohne Einwilligung seines Commissioners heiraten.

Die Viktorianer haben den englischen Gentleman erfunden, und so schaffen die idealen Leitlinien von Sir Robert Peel auch eine Art Gentleman in Uniform. Der allerdings im Gegensatz zur zivilen Form des Gentleman keinen Schirm tragen darf: They are forbidden to carry sticks or umbrellas in their hands when on Duty. So ganz ideal scheinen die Kandidaten für die Police Force nicht immer gewesen zu sein, denn es gibt bei Peel häufig Sätze, die mit der Trunksucht zu tun haben. Wie zum Beispiel: On no pretence [sic] shall he enter any public house, except in the immediate execution of his Duty; such a breach of positive order will not excused: the publican himself is subject to a severe fine, for allowing him to remain in his house. No liquor of any sort, shall be taken from a publican, without paying for it at the time.

Wegen ihrer kleinen (oder größeren) Verfehlungen sind die Polizisten natürlich auch dem Spott ausgesetzt, das Magazin Punch bietet quer durch das 19. Jahrhundert immer wieder leicht übergewichtige Bobbys (Bobbies?) als Karikaturen an. Der wunderbare Cartoon da ganz unten ist aus dem 20. Jahrhundert, aber Sie sehen, was ich meine. Dieses Bild stammt natürlich aus dem Film ➱Carry On, Constable (wenn Sie sich mal einen lustigen Abend machen wollen, klicken Sie das an). Die junge Dame da rechts auf dem Bild kennen Sie bestimmt. Vielleicht in einem anderen Outfit, da ist sie ganz mit Gold angemalt und ganz tot (lesen Sie ➱hier mehr).

Die Verspottung der Polizei ist natürlich keine englische Eigenart, wir finden sie in allen Nationen. Ich liebe diese Szene aus einem ➱Sjöwall/Wahlöö Roman, wo ein Dreijähriger die Polizisten mit polis, polis, potatimos verspottet. Was zur Folge hat, dass die einfältigen Streifenpolizisten Kristiansson und Kvant den Täter entkommen lassen, um das Kind und dessen Vater zu verwarnen.

Es hat seit den ersten Tagen der neuen Londoner Polizei nicht daran gefehlt, dass ihre Taten in der Literatur verherrlicht wurden. Auch wenn es noch keine Detektivromane gibt, in denen sie die Helden sind. Aber Charles Dickens, der den Inspektor Charles Frederick Field kannte, hat ihn mit seiner Geschichte ➱On Duty with Inspector Field in die Literatur hineingeschrieben (Field, hier im Bild, wird sich später in den Inspector Bucket von Bleak House verwandeln). Daneben findet sich im 19. Jahrhundert eine Vielzahl von meist ➱sentimentalen Gedichten, die den guten englischen Bobby feiern. Und manche Polizisten dichten auch. Manche sind nur eine lokale Berühmtheit wie der policeman poet Andrew Corolan in Irland oder Matthew Andersson in Ayrshire. Manche werden weiter bekannt wie Ted Walter. Manche werden richtig berühmt, aber dann weiß niemand mehr, dass sie einmal ein Police Constable gewesen sind. Ich denke da an John Arlott.

Der Film The Blue Lamp und die daraus resultierende Serie Dixon of Dock Green sind der Schwanengesang in der Verherrlichung des britischen Bobby, die englischen Polizeiserien der sechziger Jahre werden ein realistischeres Bild der englischen Polizei zeigen. Auf langlebige Serien wie Z-CarsSoftly, Softly und die kurzlebige Serie Gideon's Way werde ich in einem anderen Post irgendwann mal eingehen, das wird sonst heute zu lang. Und wenn mich die Energie zum Schreiben nicht verlässt, gibt es dann noch einen dritten Teil über die Inspektoren Morse, Lewis und Barnaby.

P.S. Das ist eine Ankündigung gewesen, die vom Blogger schon beinahe wahr gemacht wurde. Lesen Sie auch: Endeavour, Kreuzworträtsel, Griechen, Palladio, Keep Calm and Carry On, Inspector Lewis, Inspector Barnaby und die Mode, Inspector Gently und Janker.

Sonntag, 24. Juni 2012

Baldessarini


Wenn ich doch nur dieses tolle Photo von der Wolford Strumpfreklame finden könnte, das ich einmal in Österreich im Skiurlaub photographiert habe. Ein beinahe nacktes Frauenbein auf einer Bretterwand mitten in der Schneewüste, sah toll aus. Sie fragen sich, was die Überschrift Baldessarini mit einem Werbeplakat einer österreichischen Strumpffirma zu tun hat? Ganz einfach, Werner Baldessarini, der Mann, der der Luxusmarke von Boss seinen Namen gab, ist da heute im Vorstand. Mit dem, was sich heute Baldessarini nennt, hat er nichts mehr zu tun. Er hat lediglich seinen Namen verkauft.

Die Marke Baldessarini gehört seit dem Jahre 2006 der Firma Ahlers in Herford. Deren Produkte brauchen Sie wahrscheinlich nicht unbedingt zu kennen. Ihr größter Gewinnbringer war das Eterna Hemd, zu dem ich nichts sagen kann, weil ich in meinem ganzen Leben kein Eterna Hemd besessen habe. Aber ich glaube es ist qualitativ nicht vergleichbar mit den Produkten einer anderen Firma, die Eterna hieß. Die stellte in der Schweiz Präzisisonsuhren her. Steht so auf dem Garantieschein der ➱Eternamatic, die ich von meinem Vater geerbt habe. Die Ahlers AG musste allerdings ihren Goldesel Eterna verkaufen, um Werner Baldessarini bezahlen zu können. Das soll irgendetwas zwischen sechs und zehn Millionen Euro gekostet haben. Ich weiß nicht, ob in dem Deal auch der Barbesitzer Charles Schumann drin war, der jahrelang das Gesicht der Baldessarini Linie von Hugo Boss war.

Früher stand auf dem Label unter dem markanten Schriftzug Baldessarini noch dezent Hugo Boss, jetzt wird der Name des Österreichers, der einen italienischen Opa hatte, noch einmal in Versalien wiederholt. Ohne das Hugo Boss, die Firma, die durch Baldessarini groß geworden ist. Da ist er der Chefdesigner gewesen, bis ihn eines Tages der Graf Pietro Marzotto zum Chef gemacht hat. Sie haben das eben richtig gelesen, die Firma Boss gehörte vor zwanzig Jahren den Italienern der Marzotto Gruppe. Heute gehört die Firma einem Investorenfond namens Permira, der die goldene Kuh Hugo Boss ➱über Gebühr melkt. Die Heuschrecken sind überall. Es gab 1998 viele Kritiker, die Werner Baldessarini nicht zutrauten, den Konzern Boss zu führen. Boss hat jetzt Deutschlands einzigen Vorstandsvorsitzenden, der keine Bilanz lesen kann, konnte man lesen. Aber er hat bei Boss die Weichen für die Zukunft gestellt. Und natürlich die Linie Baldessarini geschaffen. Das klingt im Wikipedia Artikel dann so: Unter der Leitung des damaligen Vorstandsvorsitzenden Peter Littmann und unter Baldessarinis Federführung als Chef-Designer wurde 1993 das nach ihm benannte hochpreisige Luxus-Label für den reiferen Herrn, Baldessarini, als Hugo Boss Top-Marke eingeführt.

Bei Boss hat inzwischen als Ersatz für die Baldessarini-Linie die Linie ➱Boss Selection eingeführt. Ganz nett, aber nicht mit Baldessarini zu vergleichen. Ich habe mal im Ausverkauf für billig Geld einen cremefarbenen Baumwollanzug gekauft. Das war optimistisch, draußen schneite es gerade. Die Baumwolle ist erstklassig, aber der Schnitt - das kann man bei Caruso besser. Der Anzug, mit dem man ein wenig aussieht wie ein italienischer Strizzi, ist nicht Made in Italy sondern Made in Turkey. Immerhin ist das Futter 100 % Cupro, das ist schon mal der erste Schritt in Richtung Qualität.

Das mit dem reiferen Herrn bei Wikipedia klingt irgendwie ein bisschen daneben, aber sei's drum. Hier sehen Sie zwei reifere Herren, Werner Baldessarini und seinen Freund Charles Schumann, ein Photo aus der Zeit, als Baldessarini offiziell noch Berater bei der Firma Ahlers war. Unter den beiden ist das neue Fimenlogo. Is it the good turtle soup or merely the mock? Die Antwort ist schnell gefunden, es hat heute nichts mehr mit der einstigen Qualität zu tun.

Baldessarini (neu) hängt jetzt schwer wie Blei bei Anson's rum (zu dem Bild hier sage ich nix). Wo ich schon ein paar Jacketts in Ruhe Naht für Naht untersucht habe. In der Anzugsabteilung von Anson's ist es meistens ruhig, und die beiden netten Verkäufer kennen mich, die lassen mich in Ruhe. Ich lasse andererseits die Baldessarini Jacketts und Anzüge auch in Ruhe. Ich nehme an, dass das ganze Geschäft über die Parfüms und die Jeans läuft, das ist ja bei vielen Marken so. Die Jeans sind O.K. Wenn man das grauenhafte Label abtrennt. Ich habe zwei oder drei, habe aber nie mehr als 39 € dafür bezahlt, 149 € VK ist ein etwas illusorisches Unternehmen, dafür kann man sich schon mit ein bisschen Suchen eine (oder mehrere) ➱Jacob Cohen Jeans kaufen. Das ganze Baldessarini Zeug wird ja auch bei Yoox und Zalando (und wie diese Firmen so heißen) weit unterhalb des Verkaufspreises verkauft. Oder bei Ebay. Neuerdings gibt es auch eine Uhrenlinie (von tollen ➱Designern designed), die kosten zwischen 300 und 400 Euro und werden bei Neckermann, Zalando und Amazon vertickt. Ist natürlich Quarz drin, igitt. Für den Preis kriegt man bei Ebay schon eine gute alte Eterna.

Ich habe im Spiegel vor Jahren gelesen, dass die Firma Ahlers einen ganz anderen Markt im Visier hat: Russland. Mit der Luxuslinie Baldessarini, die das Unternehmen vor zwei Jahren von Hugo Boss übernommen hat, ist Ahlers in Russland besonders erfolgreich. Baldessarini-Anzüge kosten 1.000 Euro aufwärts. "In Deutschland wird die Luft für solche Preislagen immer dünner", sagt Ahlers, "die Russen kaufen dagegen gern teuer ein." Vielen Dank, liebes Spiegel Archiv, aber dass die Anzüge tausend Euro aufwärts kosten, da habt ihr was verwechselt. Das war früher mal, als das noch richtige Qualität war.

Ist das hier die Zielgruppe (Du wollen Blume kaufen?) von Baldessarini? Ich habe bisher noch keinen Anzug von Baldessarini (lite) gesehen, der im vierstelligen Bereich lag. Aber es scheint sie zu geben. Wahrscheinlich in Russland. Der augenblickliche Baldessarini CEO Burkhard Stuhlemmer sagt zur Lage seiner Firma: Früher waren wir zu hochpreisig positioniert, das haben wir korrigiert. Die Marke Baldessarini schlägt die Brücke von Premium zu Luxus. Wir haben Anzüge für 499 € im Programm. Das sind Preise, die sich mit denen von Boss Selection vergleichen lassen. Eine solche Preislage bieten andere Marken auch. Diese haben aber keinen Anzug für 1.500 € im Programm, so wie wir. Umgekehrt beginnt für z.B. Zegna der Preiseinstieg bei 900 €. Dafür kann das Label nicht mit unseren Preiseinstiegslagen mithalten. In dieser Nische fühlen wir uns wohl. Wir machen Mode für den Mann, der angekommen ist und sich nichts mehr zu beweisen braucht.

Wir lassen das mal dahingestellt, ob sich die neue Firma mit Zegna vergleichen kann. Zur Zeit von Werner Baldessarini war das anders, da gab es nur Spitzenqualität. Die Hemden kamen aus Italien, hatten die Ärmel noch von Hand eingesetzt. So, dass die Naht des Ärmels nicht auf die Seitennaht des Hemdes stieß, was immer einen kleinen Knubbel macht. Das gab es bei Borrelli und Fray (und jetzt bei Ralph Lauren Purple), das war ein nettes Detail. Später waren die Hemden Made in Switzerland, da fiel das mit der Positionierung der Ärmelnaht weg, gegen die Stoffqualität war aber nichts zu sagen. Jacketts und Anzüge ließ Werner Baldessarini bei Caruso machen, diese Firma ist untrennbar mit ihm verbunden. Er hätte ja vielleicht auch ➱Regent nehmen können, warum nicht einmal in Deutschland produzieren? Schauen Sie dazu doch einmal bei ➱Wolfgang Grupp hinein, auch wenn sein Outfit ein wenig outriert ist, was er sagt, sollte man beachten. Aber vielleicht waren es Baldessarinis italienischen Wurzeln, die ihn nach Parma zu Caruso gehen ließen.

Gegründet wurde die Firma Raffaele Caruso von dem gleichnamigen italienischen Schneidermeister Ende der fünfziger Jahre. Also noch vor der Zeit, in der die Firma Kiton gegründet wurde. In ihren Anfangstagen trat Caruso noch unter dem Namen Ma.Co. auf, was für Manifacture e Confezioni stand. Wobei man beachten sollte, dass Manifacture zuerst kam. Die Werbung der Firma war zurückhaltend, von Zeit zu Zeit fand sich in der italienischen L'Uomo Vogue eine ganzseitige Anzeige. Sie hatten auch keine Werbung nötig, ihr Stand bei den Messen war immer umlagert. Weil es sich herumgesprochen hatte, dass hier eine Firma war, die mit einem hohen Anteil von Handarbeit beinahe die Qualität von Kiton bot. Allerdings für einen Bruchteil von deren Preisen - ideal für Herrenausstatter, die sich hier ihre Private Label Sakkos machen ließen. Und dann diese schöne Gewinnspanne hatten. Fritz Unützer in München setzte in seinem English House von Anfang an auf Caruso. Für ihn war die Firma das einzige Produkt in dieser Preislage (Sakkos um 600 bis 700 Euro VK), das in der Anmutung in die Nähe eines Kiton-Sakkos kommt.

Sie produzierten nicht nur Ma.Co. und R. Caruso oder nähten die Labels vornehmer Herrenausstatter in ihre Sakkos, sie waren auch die Produktionsstätte für eine Vielzahl von Firmen, die zwar einen großen Namen aber keine eigene Produktion hatten. Da waren sie ähnlich wie ➱Nervesa, die für Aquascutum, Nina Ricci, Francesco Smalto und Yves Saint-Laurent produzierten. Und so produzierten sie bei Caruso  Lanvin, Givenchy, Christian Dior (und neuerdings die teure Ralph Lauren Purple Linie). Von solchen hochklassigen Fabriken für Herrenkonfektion gibt es in Italien ja noch einige, ➱Santandrea (Mailand) - die auch einmal die Ralph Lauren Purple Linie produzierten - mit ihrer ➱Saint-Andrews Linie wäre nur ein Beispiel. Gab's mal kurz bei ➱Kelly's, flog aber wieder raus, weil Michael Rieckhof den Kunden ein weithin unbekanntes Label kaum vermitteln konnte. Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich. Häufig sind diese Firmen auch damit zufrieden, dass man sie gar nicht kennt, sie haben ihre Abnehmer, und die möchten sehr oft gar nicht, dass der Hersteller bekannt wird. Mittlerweile ist es in den zahlreichen Mode-Foren schon ein Gesellschaftsspiel geworden, herauszufinden, wer wann was hergestellt hat.

Die Zusammenarbeit mit Werner Baldessarini bedeutete für ➱Alberto Caruso ein Umdenken und eine Neuorientierung. It was Mr. Baldessarini that taught me to find the quality and underline it, hat Caruso in einem Interview gesagt. Das ist italienische Höflichkeit, was Qualität ist, wussten die in Italien schon vorher. Was für Caruso vielleicht noch wichtiger war, war die Tatsache, dass sie seit 1992 mit Enrico Borghetti in München einen Vertreter hatten, der die Marke in Deutschland vertrat. Ich kannte sie schon, bevor ich bei Kelly's mein erstes Caruso Jackett kaufte, weil ich damals ein Jahresabo von L'Uomo Vogue hatte und die Werbeanzeigen auswendig lernte. Was manchmal auch mir einer gewissen Wehmut verbunden war: all die schönen Dinge, sie würden nie über die Alpen kommen! Caruso kam jetzt, von Kiel (➱Kelly's) bis München (➱Unützer English House). Über die Jahre kam ein größerer Bekanntheitsgrad. Und höhere Preise.

Die Sache mit dem Bekanntheitsgrad schmeckt mir nun überhaupt nicht. Aus einem ganz simplen Grund: solange niemand die Marke kannte, konnte man die Jacketts bei Ebay für n'en Appel und 'nen Ei kaufen. Ich schäme mich überhaupt nicht zuzugeben, dass der größte Teil meiner Caruso Jacketts in Second Hand Läden und bei Ebay gekauft wurde. Ich möchte lieber keine Preise nennen, sie würden jedem Tränen in die Augen treiben, der je ein Caruso Jackett zum normalen Verkaufspreis erstanden hat. Es liegt daran, dass ich Mode nicht wirklich ernst nehme. Ich folge einfach Oscar Wildes Diktum I have the simplest tastes. I am always satisfied with the best. Aber ich habe keine Lust, dafür Geld auszugeben. Geld gebe ich für Bücher, CDs und ab und zu für Kunst aus.

In gewisser Weise hat Baldessarini Caruso groß gemacht. Dies hier ist das Etikett in der Brusttasche von einem Baldessarini Jackett, das von Caruso hergestellt wurde. Sind heute schon schwer zu finden. Baldessarini ist untergegangen, ist nur noch ein Name. Aber sonst ein Schatten seiner selbst. Aber was wird aus Caruso? Vor vier Jahren hat sich Umberto Angeloni bei Caruso (inzwischen ein börsennotiertes Unternehmen) eingekauft. Das ist nicht irgendjemand, der war jahrelang Mr. Brioni. Ist da weg, weil man ihm nach sechzehn Jahren als CEO den Stuhl vor die Tür gestellt hat. Wahrscheinlich hat es ihm auch nicht geschmeckt, dass Brioni jetzt dem Konzern Pinault-Printemps-Redoute (PPR) gehört. Kann man ihm nachfühlen.

Zuerst hatte Angeloni nur 35 Prozent des Unternehmens gekauft, aber dann hat er in den letzten Jahren seinen Anteil auf 80.1% erhöht. Er hat neuerdings seine eigene Linie, die ➱Uman heißt (die natürlich von Caruso produziert wird), jetzt mischt er die Konkurrenz auf. Und er hat gerade einen Deal mit ➱China eingefädelt. Wo soll das enden? La donna e mobile sang der Namensvetter des Firmengründers, der Modemarkt ist wie eine launische Diva, sind diese Expansionspläne und Joint Ventures wirklich von Nutzen? Wird die schon beinahe sprichwörtliche Qualität von Caruso leiden?

Hier sitzt die Firma Caruso noch nicht, das ist das Schloss der Fürsten von Soragna, die da seit beinahe siebenhundert Jahren wohnen. Die Firma Caruso sitzt ein bisschen weiter weg in einem Industriegebiet (wo sie auch einen ➱Fabrikverkauf haben). Ob der Principe Diofebo Meli Lupi di Soragna da einkauft, ist nicht bekannt. Die chinesische Firma, mit der Umberto Angeloni seinen neuen Deal plant, heißt China Garments Co. Ltd. Wahrscheinlich haben die früher blaue Mao-Jacken und Uniformen gemacht, jetzt wollen sie unter dem Namen SheJi-Sorgere italienische Luxusklamotten in China verkaufen.

In China gibt es mehr als eine Million Millionäre, die alle längst keine blauen Mao-Anzüge mehr tragen, die brauchen ja was zum Anziehen. Die wollen nicht die Billigklamotten tragen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in ihrem eigenen Land hergestellt werden. Oder die Billigklamotten, die unter ähnlichen Bedingungen von Chinesen als Made in Italy hergestellt werden, weil die schon große Teile des italienischen Marktes ➱(1)  ➱(2) unterwandert haben. Die Globalisierung nimmt immer seltsamere Formen an. Umberto Angeloni ist allerdings nicht allein mit seiner Sehnsucht, sich auf dem chinesischen Markt zu etablieren. Viele andere ➱Italiener sind schon da oder wollen da hin.

Ich habe die Marke Caruso in den letzten Jahrzehnten lieb gewonnen, ihre Jacketts passen mir immer perfekt. Selbst das älteste mit dem Stoff von Carlo Barbera passt immer noch gut. Ich brauche keine neuen mehr, ich kann leicht und locker dieses shop your wardrobe Spiel betreiben. Allerdings habe ich letztens doch wieder gesündigt und eins von diesen tollen alten Baldessarini (= Caruso) Cordjacketts gekauft. 30 Euro bei Ebay, ungetragen, Taschen noch zugenäht. Normalerweise trenne ich ja immer die Etiketten aus den Jacketts. Aber dieses bleibt drin. Es ist ein Etikett von ➱Möller in Hannover, das unter dem Namenszug ganz klein den schönen Satz trägt: Beschütze mich vor meinen Wünschen. Das hätten die ruhig größer schreiben können.

Samstag, 23. Juni 2012

Hannes Wader


Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab' mich niemals deswegen beklagt.
Hab es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt.

Manchmal träume ich schwer
und dann denk ich,
es wär Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war.

Dass man mich kaum vermisst,
schon nach Tagen vergisst,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht.
Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein oder anderen im Sinn.

Manchmal träume ich schwer
und dann denk ich,
es wär Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war.

Fragt mich einer, warum
ich so bin, bleib ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist, wird alt
und was gestern noch galt,
stimmt schon heut oder morgen nicht mehr.

Manchmal träume ich schwer
und dann denk ich,
es wär Zeit zu bleiben und nun
was ganz andres zu tun.

So vergeht Jahr um Jahr
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,
wie es war.

Mit diesem ➱Lied hat er all seine Konzerte begonnen. Glücklicherweise hat er nicht was ganz andres getan als zu singen. Hannes Wader wird heute siebzig. Da kann ich nur meine Glückwünsche wiederholen, die ich ➱hier vor zwei Jahren ausgesprochen hatte.

Freitag, 22. Juni 2012

Schicksalsspiel


Die Griechen spielen keinen modernen Fußball, lese ich. Sie spielen Steinzeitfußball, rühren nur Beton an, wie ihnen König Otto das beigebracht hat. Hinten dicht machen und vorne darauf hoffen, dass der Schiedsrichter mal einen Elfer pfeift. So, oder ähnlich äußern sich die Haruspices und Kaffeesatzleser im Sportteil der Zeitung. Und was tun wir? Spielen wir modernen Fußball? Schönen Fußball auf keinen Fall. Schönen Fußball spielt nur Borussia Dortmund. Haben Sie mal bemerkt, dass neuerdings der Fußball dem Hallenhandball immer ähnlicher wird?

Mir ist es egal, wie das heute ausgeht. Meinetwegen können die Griechen gerne gewinnen. Und für diesen Fall habe ich hier einen schönen Cartoon, den mir ein Freund gerade zugeschickt hat. Von ihm habe ich auch den wunderbaren Hahn bekommen, der vor kurzem den ➱Günter Grass Post verzierte. Der Cartoon ist schon berühmt geworden, wenn man bei Google Günter Grass Hahn eingibt, kommt er als erstes Ergebnis. Noch vor den von Günter Grass gezeichneten Hühnern. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Damit wären wir wieder bei den Plattitüden. Und beim Fußball. Das Schlimmste bei der EM ist nicht der langweilige Fußball, das Schlimmste sind die Plattitüden. Wenn Sie den Fußball etwas literarischer haben wollen, dann lesen Sie doch noch einmal den Post ➱Fußballpoesie. Und ansonsten machen wir uns mit dem Satz von Gary Lineker Mut: Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans win.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Bachs Cellosuiten


Klangpuristen mögen sich vielleicht am schniefigen Atmen des Interpreten stören, besonders an den leisen Stellen bei Killmayer. Wer aber wollte von einem Künstler verlangen, beim Spiel den Atem anzuhalten? Auch denke man vergleichsweise an den seligen Siegfried Palm, bei dem das Schnaufen manchmal lauter war als die Musik. Der Plattenrezensent, der das sagt, schreibt über einen Cellisten. Gute Cellisten schnaufen. Ich weiß nicht, ob der Peter oder ob Jimmy das gesagt hat, die beide Cello spielten. Aber der Satz mit dem ➱Schnaufen ist mir seit Jahrzehnten im Gedächtnis. Damals habe ich diejenigen bemitleidet, die immer ihr Cello mit sich herumschleppen mussten, während ich mir nur die Noten unter den Arm klemmte, wenn ich zu meiner Klavierlehrerin ging. Aber der Jimmy spricht nach Jahrzehnten immer noch mit Hochachtung von seiner Cellolehrerin. Ich bin meiner Lehrerin auch nicht mehr böse, dass sie mich gequält hat, das war schon richtig. Man sieht es als Teenie nur nicht ein.

Ich hatte mir letztens bei Zweitausendeins dieses Sonderangebot für 8.99 bestellt, Bachs Cellosuiten von André Navarra, wurde im Katalog als Kult beschrieben, aber das bedeutet ja überhaupt nichts mehr. Früher vielleicht, als der Zweitausendeins Versand noch Kult war. Und das Merkheft noch ein Teil der (Sub-) Kultur der Republik war. Aber seit Frau Susemihl gestorben ist und seit Lutz Reinecke den Verlag verkauft hat, taumelt Zweitausendeins wohl dem Untergang entgegen. Symptomatisch dafür ist wohl, dass die CD 2 der Cellosuiten von meinem CD-Player nicht gespielt wurde, vom Computer auch nicht. War irgendwie blöd, wenn man Bachs Cellosuiten einmal zu hören angefangen hat, kann man schlecht damit aufhören.

Sie umfangen einen wie die Dunkelheit, und lassen einen nicht mehr los. Am besten ist es, wenn es draußen schon Nacht und es im Haus ganz still ist. Und wenn man dann das Licht löscht, sich in die Zimmermitte auf den Teppich legt und dem Schnaufen des Cellos lauscht. Wenn Sie jetzt sagen: voll bekifft der CD mit dem Gesang der Buckelwale zu lauschen, tut es auch, kann ich wenig dagegen sagen. Das ist sicher auch ein musikalisches Erlebnis. Ist aber nix gegen Bachs Cellosuiten. Der Herr auf diesem Bild ist Pierre Fournier, seine Aufnahme hat mich ein Leben lang begleitet. Wenn es darum ginge, eine Top Ten der Cellisten zu erstellen, die Bachs Cellosuiten aufgenommen haben, würde ich ihn immer auf einen der ersten Plätze setzen. Mstislav Rostropowitsch hat über Pierre Fournier mon ami, mon idole et mon dieu gesagt. Das ist nett von ihm gewesen.

Yo-Yo Ma und Mischa Maisky kämen auf keinen Fall auf die ersten Plätze, die kämen bei mir gar nicht erst auf die Liste. Weil sie in sind und aggressiv vermarktet werden, um solche Sachen mache ich einen Bogen. Ich kenne beide Aufnahmen, so ist es nicht, ich will sie auch nicht schlecht machen. Wenn ich jetzt sagen würde, dass Mischa Maisky der André Rieu des Cellos ist, dann wäre das sicher fies. Doch ich bin etwas allergisch gegen diese neumodischen Inszenierungen. Ich besitze auch keine CD von Lang Lang. Wenn Sie sich das ➱hier betrachten, dann kann man nur sagen: muss nicht sein. Auch die Aufnahme von Mstislav Rostropowitsch in ➱Vézelay war mir zuviel des Guten. Gut, ich habe es auch im Fernsehen gesehen, und ich habe auch die CD, aber ich würde keine Reklame dafür machen. Und deshalb gibt es hier auch keinen Rostropowitsch als Abbildung. Aber dafür das schöne Tympanon der Kathedrale von Vézelay.

Mein Interesse liegt eher auf den Künstlern, die still und zurückhaltend sind, nicht auf denen, die einen Bach Lite servieren. Und so würde ich Heinrich Schiff jederzeit Mischa Maisky vorziehen, wenn es darum ginge, welche CDs man auf die einsame Insel mitnehmen darf. Meine Liste ist subjektiv, aber neben Pierre Fournier gehört natürlich der Name Pablo Casals. Wenn der nicht mit dreizehn Jahren die Noten (in der Bearbeitung von Friedrich Grützmacher) entdeckt hätte und die nächsten dreizehn Jahre mit dem Üben der sechs Suiten verbracht hätte, hätten die Cellisten des 20. Jahrhunderts dieses Werk vielleicht nie gespielt. Man hatte diese Suiten für akademisches Zeug gehalten, für mechanischen Etüdenkram ohne musikalische Wärme. Man muss sich das einmal vorstellen. Wie konnte ein Mensch sie kalt finden – sie, die Poesie, Wärme und Raumgefühl förmlich ausstrahlen! Sie sind die Quintessenz von Bachs Schaffen, und Bach selbst ist die Quintessenz aller Musik, hat Casals in seinen Lebenserinnerungen gesagt.

Ich finde es cool, wie der leidenschaftliche Pfeifenraucher Casals sogar mit dem Pfeife im Mund Cello spielt. Oder ist das eine Inszenierung für den Photographen? Wirklich cool war ➱Fred Katz in den Zwischenszenen von Jazz On a Summer’s Day. Wenn er mit nacktem Oberkörper einsam in seinem Zimmer sitzt und manchmal bei dem Prélude in G-Dur Takte auslässt, um seine Ziggi zu rauchen. Wenn Sie den Pfeil oben bei Fred Katz oben anklicken, können Sie einen Schnipsel aus dem Film sehen, aber am besten kaufen Sie sich die DVD von dem Film. Nicht wegen Bachs Cellosuiten, sondern wegen dem Jazz. Obgleich Bach eigentlich auch Jazz ist. Und damit meine ich jetzt nicht mal ➱Jacques Loussiers Version. Nein, es ist eine abstrakte Musik, abstrakt wie Jazz.

Es hat lange gedauert, bis die Hexenmeister des digitalen remastering die alten Aufnahmen von Casals aus den Jahren 1936 bis 1939 von störenden Nebengeräuschen befreit haben. Ich habe zwei verschiedene Aufnahmen, würde aber die Naxos Version (New restoration by Ward Marston) jederzeit vorziehen. Ja, ich weiß, dass es da eine Diskusion gibt, aber die wird geführt von Leuten, die nicht mehr die Musik hören, sondern die Flöhe husten hören können. Während ich dies hier schreibe, höre ich die zweite CD von André Navarra auf einem billigen Tchibo CD Player, mein sauteures ➱High-End Gerät kann die ja wie gesagt nicht lesen. Diesen kleinen Player (der aber relativ gute Lautsprecher hat) neben mir benutze ich eigentlich nur als Radio, jetzt läuft der Bach da drauf - und es klingt in der Stille der Nacht einfach toll. Anders als Fournier, man muss es auch zwei-, dreimal hören, dann wird die Einspielung von Navarra immer besser. Man hört immer mehr unter der Klangoberfläche.

Ich weiß nicht, wie viel Einspielungen der Cellosuiten von Bach auf dem Markt lieferbar sind, mir genügen die, die ich habe. Ich habe in den letzten Wochen, während ich anfing, an diesem Post zu schreiben, jeden Tag einige Stunden lang Bach gehört. Und ich weiß immer noch nicht, was ich auf die Insel mitnehmen würde, wenn mich die BBC zu ihrer Sendung Desert Island Discs einladen würde. Fournier und Casals kommen unbedingt auf die Liste, Heinrich Schiff (der bei Navarra studiert hat) und André Navarra können es auch sein. Aber die ultimative Aufnahme? Also mal von Pierre Fournier abgesehen? Meine Antwort wäre ganz simpel: ➱Janos Starker mit der alten Mercury Living Presence Aufnahme.

Zu dem Cellisten Heinrich Schiff möchte ich noch eine kleine Anekdote servieren. ➱Friedrich Gulda hatte für ihn ein Cellokonzert geschrieben und war ihm hinterher sehr böse. Aber hören wir ihn selbst im Interview: Nun kommen Sie auf Ihren Streit mit Heinrich Schiff, dem Cellisten. GULDA: Genau. Diesem Herrn Schiff hab' ich mein Cellokonzert auf den Leib geschrieben. Er hat es des öfteren unter meiner Leitung gespielt, und er sollte es voriges Jahr unter einem anderen Dirigenten in Salzburg spielen. Stattdessen hat er es, um sich Liebkind zu machen und seine Gage zu kriegen, in gemeiner und hosenscheißerischer Weise durch ein ungefährliches Repertoirestück von Haydn ersetzt, damit er in die diversen Arschlöcher hineinkriechen kann und der Herr Karajan ihm nicht bös' ist. Seither verkehre ich nicht mehr mit ihm. Das möchte ich hier in aller Deutlichkeit sagen. Ich habe über den Charakter dieses Herrn sehr viel gelernt, obwohl ich es im Grunde schon vorher wußte. Schöner geht österreichischer Schmäh nicht, das kriegt auch Thomas Bernhard nicht besser hin.

Als letztes wäre da noch Robert Cohens Aufnahme von 1990. Ich weiß nicht mehr, wie ich an diese CD gekommen bin, ich wusste auch nichts über ➱Robert Cohen. Inzwischen bin ich dank des Internets natürlich schlauer, da findet sich auch eine ➱Besprechung der Aufnahme. Sie sehen schon, es gibt eine Vielzahl von Alternativen zu Mischa Maisky und Yo-Yo Ma. Alle Aufnahmen der Cellosuiten klingen anders. Robert Cohens Aufnahme hat den Vorteil, dass sie schon digital aufgenommen und nicht von einer Analogaufnahme transferiert wurde. Die Aufnahmen klingen natürlich anders, weil jeder der Interpreten ein anderes Instrument besitzt. Weil manche das Grundtempo langsamer oder schneller nehmen, manche das Hüpfen und Tanzen der Melodie, andere das Elegische, Melancholische betonen. Weil manche die Wiederholungen spielen, andere sie fortlassen. Und weil wir kein gesichertes Originalmanuskript der ➱Noten besitzen.

Jede Aufnahme der Cellosuiten ist ein eigener Mikrokosmos. Eine Kathedrale von Tönen, die da vor uns aufgebaut wird. Manche Interpreten und Kritiker haben dem Werk einen sakralen Charakter zugeschrieben. Wenn ich sage, dass Musik meine Religion ist, dann sind diese sechs Solo-Suiten meine Bibel, hat Mischa Maisky gesagt. Die Cellosuiten sind häufig (wie Bach überhaupt) in die Nähe des Quasi-Religiösen gerückt worden. Und dann wird immer wieder erzählt, dass Bach als Barockkomponist nur soli deo gloria komponiert hat, ich kann's nicht mehr hören. Und dann sollen die sechs Suiten auch noch die sechs Schöpfungstage symbolisieren. Aber jedes Musikerlebnis kann ein metaphysisches Erlebnis sein, ob man nun an Gott glaubt oder nicht.

Schauen Sie doch mal eben in dieses ➱Video hinein. Gut, werden Sie sagen, sie muss noch ein bisschen üben (Casals spielte sein Leben lang täglich aus den Suiten). Doch die Magie der Töne springt immer über, es ist beinahe gleichgültig, wer das Cello spielt - selbst in dem ➱Mercedes Werbespot mit der quäkenden Stimme von Boris Becker setzt sich das Cello durch. Die junge Dame in dem Video heißt Anna Litvinenko, sie ist erst achtzehn, in ihrer Heimatstadt Miami spielt sie schon im ➱Symphonieorchester.

Sie möchte gerne eine zweite Jacqueline du Pré werden, aber wenn ich an deren trauriges Ende denke, wäre ich da lieber vorsichtig mit solchen Wünschen. Berühmte Cellistinnen hat es immer gegeben, deshalb gibt es da etwas weiter unten einmal ein Bild von Guilhermina Suggia, die jahrelang mit Pablo Casals zusammengelebt hat. Es ist von den englischen Maler Augustus John, dessen Tochter Amaryllis Fleming (Bild) auch eine berühmte Cellistin geworden ist. Amaryllis Fleming war übrigens die Mutter von ➱Ian Fleming, aber das ist eine andere Geschichte.

So nett ich den Teenie aus Miami finden möchte, die Inszenierung stört mich doch etwas. Man muss in dem Alter kein schulterfreies Abendkleid tragen. Es sei denn, man will so enden wie ➱Vanessa Mae oder dieses unbekannte ➱Modell. Seit Man Rays Photo und seit Laura Antonelli in Il Merle Maschio sind ja den sexuellen Phantasien, die das Cello auslösen kann, keine Grenzen gesetzt. Die junge Anna Litvinenko inszeniert sich mit dem YouTube Video, das Ganze ist Kalkül. Ihr Vater ist der erste Cellist des Symphoniorchesters, er wird sein kleines Wunderkind schon dressieren.

Ich würde kein Wort darüber verlieren, wenn der Teenie in Jeans und Rolli auftreten würde, aber so ist es doch etwas degoutant. Es ist die gleiche Chose, die ➱Graham Greene bei der Vermarktung von Shirley Temple beklagte. Wir leben offensichtlich in einer Zeit, wo man nur durch Inszenierungen etwas werden kann. Wenn zwei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer Mstislaw Rostropowitsch sich am Checkpoint Charlie auf die Straße setzte und die Bach-Suiten gespielt hat, dann ist das sicher eine schöne Geste. Wahrscheinlich war es aber auch eine PR-Aktion. Hätte ein Berliner Straßenmusikant sich mit seinem Cello an die gleiche Stelle gesetzt, hätte es wohl kein solches Echo in der Weltpresse gegeben. Straßenmusikanten mit einem Cello, die halbwegs gut Bach spielen, bekommen übrigens von mir immer ein Geldstück.

Ich hätte, bevor ich dies alles schrieb, in The Classical Good CD&DVD Guide schauen können, der von der Redaktion des englischen Magazins Gramophone herausgegeben wird. Die Rezensenten von Gramophone (über die sich schon Glenn Gould in einer Parodie lustig machte) sind ja ebenso wie The Penguin Guide of Compact Discs häufig das letzte Wort in Sachen Schallplattenkritik. Und was sagen die zu Mischa Maisky und Yo-Yo Ma? Sie mögen die Aufnahmen auch nicht. Sie mögen auch Rostropowitsch nicht so besonders und empfehlen eher die Interpreten wie Pierre Fournier, die ich auch empfohlen habe. Da bin ich aber froh.

Und dann hätte ich noch eine kleine Überraschung, eine Aufnahme, die ich schon ein halbes Dutzend mal gekauft und verschenkt habe. Bei dieser Aufnahme der Cellosuiten heißt der Interpret Henk van Twillert. Was er da im Kasten neben sich hat, ist allerdings kein Cello, das ist ein Yamaha Bariton Saxophon. Klingt aber wirklich toll. Mit einem Fagott würde es natürlich auch gehen, wie dieses ➱Video zeigt. Und da ich gerade das Fagott erwähne, lesen Sie doch einmal das schöne Gedicht von Raynette Eitel mit dem Titel ➱BassoonEs hat ja immer wieder Versuche gegeben, die Cellosuiten auf anderen Instrumenten zu spielen. Zum Beispiel auf einer Bratsche.

Das bringt mich zum Schluss, damit das Ganze nicht zu abgehoben und highbrow wird, zu einem Bratscherwitz. Die Bratscher sind im Orchester nie so recht angesehen, es ist erstaunlich, wie viel Witze es über sie gibt. Das Internet ist voll davon, es gibt sogar einen Wikipedia Artikel über Bratscherwitze. Der wirklich blöde Bratscherwitz geht so: Ein Bratschist möchte gerne Bachs Cellosuiten studieren... Hier könnte der Witz schon aufhören, denn es gibt Orchestermusiker, die angesichts dieses ungeheuerlichen Verlangens schon lachen. Aber lesen Sie doch ➱hier weiter. Über Cellisten werden keine Witze gemacht.

Und ganz zum Schluss habe ich noch ein kleines Gedicht. Was zwar nicht von der Qualität der Lyrik von ➱Raynette Eitel ist, aber es ist für unser Thema schlichtweg wunderbar. Geschrieben wurde es im Jahre 2004 von einer Anonyma namens Zoe, ich habe es im ➱Hi-Fi Forum gefunden:

Habe nun ach mich durchgekauft,
durch alle Disks mich durchgerauft,
alle diese diapasons d'or gehört,
auf denen mehr oder weniger geröhrt,
am meisten wohl der Beschi,
der klingt dass man glaubt man hört einen Kontrabass, 

aufgeblasen, HIghestFI, nicht meine Rass,
dann der Rostropowitsch in Burgund, 

o hätt ich nur die Flaschen gekauft, so schön rund
anstatt der Silberlinge,
dann der Bylsma auf seinem vielgelobten Strad, 

O wär ich lieber an den Strand...
und Wispelwey etwas dry
dann der Fournier, er mittelschwer, 

viel Bass, den ich hass,
eleganter schon der Yo Yo MA, 

ganz gut für den Bach,
nur etwas flach,
Da sitz ich nun ich armer Tor
zieh ich doch den Casals vor,
(trotz aller Einwände)
und den hatte ich als erstes



post scriptum: Ein Leser beklagte, dass ich Maria Kliegel nicht erwähnt hätte. Das tut mir sehr leid. Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Kann ich das wieder gutmachen, wenn ich sage, dass ihre Aufnahme der Suiten 2003 bei Naxos (2 CDs) eine der wunderbarsten Aufnahmen überhaupt ist? Dass ich die Aufnahme von Victor Yoran besitze, habe ich überhaupt nicht gewusst, ich habe sie letztens beim Aufräumen gefunden. Kann man auch unbedingt empfehlen.