Freitag, 31. Mai 2013

Ludwig Tieck


Mit der unbrauchbarsten Ausgabe, dem schlechtesten Wörterbuch, ... unternahm ich damals diese Uebersetzung, schreibt Ludwig Tieck an den Philosophen Karl Wilhelm Ferdinand Solger. Es wäre ja schön, wenn man das Zitat auf seine Shakespeare Bearbeitungen beziehen könnte. Aber es geht hierbei um seine Übersetzung von Cervantes' Don Quijote. Die erstaunlicherweise von Heinrich Heine (der in ➱Die romantische Schule in Deutschland nichts Nettes über Tieck sagt) gelobt wurde: Die Übersetzung des 'Don Quixote' ist Herrn Tieck ganz besonders gelungen. Fachleute sind da anderer Meinung und können vielleicht noch höflich sagen, daß sich hier ein Dichter, wenn auch ein extravaganter, eines fremdsprachigen Meisters angenommen und es verstanden hat, die eigene übersetzerische Unzulänglichkeit sprachlich zu überspielen. Und zählen dann auf, dass Tieck im Schnitt 634 Fehler auf hundert Seiten produziert. Also das Spanische ist seine Sache nicht.

Und wie steht es mit dem Englischen? Gilt er doch als der Co-Autor der Schlegel-Tieckschen Shakespeare Übersetzung. Die vom Aufbau Verlag vor zehn Jahren als Der Shakespeare fürs neue Jahrtausend angepriesen wurde: Trotz diverser Neuübersetzungen von Erich Fried, Heiner Müller, Frank Günther u. a. gilt die Anfang des 19. Jahrhunderts entstandene Übersetzung von Schlegel-Tieck nach wie vor als der deutsche Shakespeare. Diese wohl bedeutendste Sprachleistung der Romantik und die größte Übersetzung seit Luthers Bibel ist bis heute unübertroffen in ihrer Poesie und Schönheit. Wie modern und praktikabel sie ist, beweist die Tatsache, daß auch die deutsche Synchronisierung der oscarprämierten Hollywood-Adaption von 'Romeo und Julia' 1996 auf die Schlegel/Tiecksche Übersetzung zurückgriff. Zu dieser in ihrer Poesie und Schönheit unübertroffenen Werbelyrik kann man nur sagen, dass hier wohl irgendetwas daneben gegangen ist. Die größte Übersetzung seit Luthers Bibel in einem Satz und dann die Synchronisierung der oscarprämierten Hollywood-Adaption im nächsten. Fällt das schon unter concordia discors?

Ich mache das mit der Schlegel-Tieck Übersetzung mal ganz kurz. Sie ist nicht von Tieck. Der seinen Shakespeare wahrscheinlich nur durch die Eschenburgsche Prosaübertragung kennt. Wenn da etwas von Tieck ist, dann ist es von seiner Tochter Dorothea. Tieck hatte zwar das Geld kassiert, aber musste dem Verleger gestehen, nichts zu Wege gebracht zu haben: Der Verleger hat mich aufgefordert, die damals angekündigte Ausgabe insofern zu besorgen, daß ich die Übersetzungen jüngerer Freunde, die ihre ganze Muße diesem Studium widmen können, durchsehe, und, wo es nötig ist, sie verbessere, auch einige Anmerkungen den Schauspielen zufüge. Die jüngeren Freunde sind seine Tochter und Wolf Heinrich Graf von Baudissin. Dessen Leistung an dieser Übersetzung wird nie so recht gewürdigt. Die einzige Leistung von Tieck besteht in der Hinzufügung der Anmerkungen. Das ultimative Shakespeare Buch, das er sein ganzes Leben schreiben wollte, versickert jetzt in den Anmerkungen. Ich könnte hierzu eine ganze Menge schreiben, aber das lasse ich einmal. Und empfehle stattdessen das Buch Reinventing Shakespeare: A Cultural History from the Restoration to the Present von Gary Taylor (deutsch: Shakespeare wie er euch gefällt). Eine wunderbar freche Kulturgeschichte unserer Aneignung von Shakespeare. Friedrich Gundolfs ➱Shakespeare und der deutsche Geist wird erstaunlicherweise nicht erwähnt. Ist vielleicht auch gut so.

Dass Tieck das Geld des Verlegers Georg Andreas Reimer erst einmal einsteckt, obwohl er weiß, dass er allein die Shakespeare Übersetzung niemals bewältigen kann, ist kein Zufall. Der Mann ist ein Schnorrer. Ich nehme einmal an, dass er die achtzehn Jahre, die er in ➱Madlitz verbrachte, keinen roten Heller Miete bezahlt hat. Man kann dieses Kapitel seines Lebens sehr schön in Günter de Bruyns Buch Die Finckensteins: Eine Familie im Dienste Preußens nachlesen.

Wir brauchten nicht auf Israel Zangwills Roman The King of Schnorrers zurückzugreifen, der Titel eines Königs der Schnorrer war längst an Tieck vergeben. Am anschaulichsten sagt uns das Caroline Schlegel in einem ➱Brief an Pauline Gotter, der so schön ist, dass man ihn etwas länger zitiert:

Mit den Tieks ist überhaupt eine närrische Wirtschaft hier eingezogen. Wir wußten wohl von sonst und hatten es nur vor der Hand wieder vergessen, daß unser Freund Tiek nichts ist als ein anmuthiger und würdiger Lump, von dem einer seiner Freunde ein Lied gedichtet, das anfängt:

Wie ein blinder Passagier
Fahr ich auf des Lebens Posten,
Einer Freundschaft ohne Kosten
Rühmt sich keiner je mit mir.

Aber ich meyne, wir haben hier nach der Hand wieder erfahren, was es mit dieser Familie für eine Bewandniß hat, und wie sehr die Gaunerei mit zu ihrer Poesie und Religion gehört. Sie kamen von Wien her, weiß der Himmel warum und was sie für Anschläge dabei gefaßt haben mochten, leben 8 Wochen lang auf's splendideste im Wirtshaus, beziehen dann ein Privatquartier für 100 fl. monatlich, haben einen Bedienten und sonst noch 3 Domestiquen, einen Hofmeister für die Kinder der Bernhardi usw., zu dem allen aber keinen Heller eignes Geld. Es ist bekannt, daß Tiek nie welches hatte, daß er stets auf Kosten seines Nächsten lebte...


Und da ich gerade bei Klatsch und Tratsch bin, könnte ich natürlich auch noch einige Stimmen von Zeitgenossen zitieren. So zum Beispiel den Verleger Friedrich Nicolai: Herr Ludwig Tieck war vom Anfang seiner literarischen Laufbahn an ein höchst unbedeutendes Wesen. Er schrieb allerlei Romane, wovon keiner Wurzel fassen konnte, sondern jeder in dem Augenblicke verwelkte, da er aufsproßte. Und an anderer Stelle heißt es bei ihm: sonderlich ein gewisser Herr Tieck, der, ohne irgend etwas Sonderliches geschrieben zu haben, wegen eines ganz elenden Romans, genannt die Geschichte William Lovells, von Herrn A. W. Schlegel plötzlich im Intelligenzblatte der Allgemeinen Literatur-Zeitung zum großen Dichter geschaffen ward.

Ich könnte jetzt seitenlang so weitermachen. Ich sage auch gerne mit Grillparzer Trotz seiner mannigfachen Gaben, habe ich doch Tieck nie leiden mögen. Doch man sollte auch Stimmen zitieren, die Tieck (der heute vor 240 Jahren geboren wurde) loben. Nun, nach Goethes Tod, ist er der erste Dichter Deutschlands! Mit diesem Satz steht Justinus Kerner allerdings ziemlich allein da. Wenn man ein so schlechter Dichter wie Kerner ist, muss man das wahrscheinlich so sehen. Goethe hatte Tieck zwar Talent bescheinigt, aber ihm doch keinen Platz im deutschen Olymp zugestanden: Tieck ist ein Talent von hoher Bedeutung, und es kann seine außerordentlichen Verdienste niemand besser erkennen als ich selber; allein wenn man ihn über ihn selbst erheben und mir gleichstellen will, so ist man im Irrtum. Aber das sagt er natürlich nur so, damit wir nicht merken, dass Ludwig Tieck in Wirklichkeit sein Sohn ist. Ach, das wussten Sie nicht? Dann lesen Sie doch einmal dies ➱hier von einem gewissen Herrn ➱Lothar Baus. Es ist schön, dass das Internet Forschern wie ihm ein Sprachrohr bietet.

Wenn man bei Google Tieck eingibt, serviert einem dieses autocomplete System ➱Der gestiefelte Kater. Diesmal irrt es nicht, das würde ich auch empfehlen. Sonst nix. Außer einer Leseempfehlung: ➱Rüdiger Safranski, Romantik: Eine deutsche Affäre (Hanser 2007).

Mittwoch, 29. Mai 2013

Mount Everest


Heute vor sechzig Jahren haben der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay den Berg bestiegen, der nach dem Engländer Sir George Everest benannt worden ist. Die Rolex Werbung versichert uns seit diesem Tag, dass beide natürlich eine Rolex am Arm gehabt haben. Der höchste Berg der Welt bezwungen, das schreit ja geradezu nach einer Rolex: Top of the World. Auf den Bungsberg oder den Brocken kommt man auch mit einer alten Junghans.

Die Werbung von Rolex wäre ja ganz schön, wenn da nur diese Werbeanzeige der englischen Firma Smiths nicht wäre. Das knabbert jetzt ganz gewaltig an dem Rolex Mythos. Der ja immer schon zum größten Teil aus Werbelügen bestand, ich habe das ➱hier schon einmal gesagt. Was der Sherpa Tenzing Norgay allerdings zweifelsfrei getragen hat, ist ein roter Schal, den ihm der Schweizer Bergsteiger Raymond Lambert im Jahr zuvor geschenkt hatte. Damals, als sie 250 Meter vor dem Gipfel kehrtmachen mussten. Eigentlich wollten die Engländer in dem Jahr schon auf den Everest, aber als sie sahen, dass ihnen die Schweizer zuvorgekommen waren, begnügten sie sich mit dem Cho Oyu.

Unglücklicherweise für die Erfinder der Rolex Legenden gibt es da auch noch diesen Brief der Firma Smiths English Clocks an die Royal Geographical Society, in der der offizielle Ausrüster der British Mount Everest Expedition eine pro forma Rechnung schickt. Und versichert, dass die Uhren natürlich ein Geschenk gewesen seien. Und dann gibt es 1958 noch eine Werbeanzeige mit dem Titel On Top of the Everest Triumphant in the Antarctic: Fuchs and Hillary Relied on Smiths. Da war Sir Vivian Fuchs gerade von seiner Antarktistour zurückgekehrt. Mit einer Smiths am Handgelenk, keiner Rolex.

Rolex Fans zitieren immer einen Brief von Edmund Hillary an die Firma Rolex, in dem es heißt: To me an accurate watch is a novelty. I am one of those unfortunate people whose watches, for some some strange reason, always seem to go slow. No adjustment seems to counteract. However this Rolex has been a different matter altogether. Its accuracy is all one could desire and it has run continuously without winding ever since I put it on some nine months ago... I count your watch amongst my most treasured possessions. Leider vergessen sie dabei zu erwähnen, dass sich dieser Brief auf die British Cho Oyu Expedition im Jahre 1952 bezieht, nicht auf die Besteigung des Mount Everest. Die Smiths, die Edmund Hillary bei der Everest Expedition getragen hat, kann man übrigens heute noch besichtigen. Sie ist in London im Museum der ➱Worshipful Company of Clockmakers ausgestellt, seit Hillary sie im Oktober 1953 dem Museum geschenkt hat. Vielleicht sollten die Rolex Werbefuzzis mal einen Blick auf dieses unscheinbare Exemplar werfen: kleine Sekunde, 15 Steine, wasserdichtes Edelstahlgehäuse von der Firma Dennison. Das ist alles. Mehr brauchte man nicht, um auf den Mount Everest zu kommen.

Als die Firma Smiths die englische Mount Everest Expedition unter der Leitung von Colonel John Hunt mit ihren Uhren ausrüstet, ist sie seit einhundert Jahren im Geschäft. Sie ist nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige englische Firma (von dem Billigproduzenten Ingersoll abgesehen), die noch Armbanduhren baut. Die Engländer hatten ja einmal  - was Taschenuhren betraf - den Uhrenmarkt beherrscht. Bevor die ➱Amerikaner kamen. Und so begann Samuel Smith im Jahre 1851 mit qualitätsvollen Taschenuhren. Durfte sogar Maker to the Admiralty auf das Zifferblatt und das Werk schreiben. Mehr geht in England nicht.

Dieses Geschäft gaben seine Nachkommen im frühen 20. Jahrhundert auf, sie sahen keine Zukunft in der qualitätsvollen Taschenuhr. Sie setzten auf den Markt, den in Deutschland die Firma Junghans beackerte: Billiguhren. Und auf etwas ganz Neues, nämlich Instrumente für diese neumodischen  Fahrzeuge, die Automobil hießen. In diesem Bereich arbeiteten sie mit einer Firma namens Jaeger zusammen, aus der eines Tages Jaeger Le Coultre werden wird (in die Flugzeuge für die Battle of Britain baut Smiths auch schamlos Kopien von Jaeger Instrumenten ein). Liebhaber von britischen vintage cars und Motorrädern wissen das alles natürlich, antique cars und vintage cars (also das, wofür wir den falschen Anglizismus oldtimer haben) sind nur echt, wenn die Instrumente von Smiths sind. Die Verbindung zu Jaeger (an deren englischem Zweig Smiths später auch Anteile hielt) sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Smiths noch auszahlen.

Da hatte nämlich der englische Handelsminister Sir Stafford Cripps beschlossen, dass England unbedingt wieder eine eigene Produktion von Armbanduhren brauchte. Denn Ende der zwanziger Jahre war die englische Armbanduhrenindustrie zusammengebrochen. Große Namen wie ➱Rotherhams, ➱J W Benson, ➱Nicole Nielsen, ➱H Williamson und die ➱Lancashire Watch Company verschwanden von der Bildfläche. Was auch daran lag, dass die Engländer ein klein wenig den technischen Fortschritt verpasst hatten. Man kann das hier bei dem Uhrwerk von Rotherhams sehen: das hat noch eine Dreiviertelplatine, wie es im 19. Jahrhundert bei Taschenuhren üblich war. Auch die Schweizer Ankerhemmung hat den Sprung über den Kanal noch nicht so richtig geschafft. Die Engländer bauen hartnäckig ihre veraltete Spitzzahn Hemmung ein.

Nun wird die Firma Smiths federführend in einer kleinen Industriegruppe (zu der zeitweise auch der Flugzeugbauer Vickers-Armstrong gehörte, deren Erfahrung im Uhrenbau sich auf den Bau von Zeitzündern von Fliegerbomben beschränkte), die die englische Uhrenindustrie ankurbeln soll. Ihr wichtigster Partner ist dabei nicht Vickers, die nur Fabrikgebäude im walisischen Ystradgynlais (fragen Sie mich jetzt nicht, wie man das ➱ausspricht) zur Verfügung stellen. Man braucht bei Vickers nicht mehr so viel Raum, die ➱Battle of Britain ist vorbei. Der dritte Partner ist der englische Ableger der Firma Ingersoll. Mit denen gründet man jetzt die Anglo-Celtic Watch Co. Ltd. Die Firma Ingersoll (die während des Krieges in ihrer Fabrik in High Wycombe Bombenzünder gebaut hatten) wollte nach den Bombenschäden des Krieges eigentlich schon schließen. Der Londoner Direktor E.S. Daniells, der die Firma Ingersoll 1930 den Amerikanern abgekauft hatte und in England groß gemacht hatte, war gerade in Pension gegangen. Aber da winkte Sir Stafford Cripps mit staatlicher Unterstützung von einer Million englischer Pfund. Und da baut man dann scheußliche Billiguhren (mit 5 statt 15 Steinen), die Smiths Empire oder Ingersoll Triumph heißen. Je kläglicher das Produkt, desto großartiger der Name.

Doch nachdem man die erste Million Billiguhren gebaut hat, will sich Smith von den Pakt mit dem Teufel Ingersoll peu à peu lösen. Schließlich hat Ingersoll keinen guten Namen. Die haben zuvor den Markt mit Mickey Mouse Uhren überschwemmt - der amerikanische Nachfolger der Firma Ingersoll heißt heute Timex, das ist nicht unbedingt haute horlogerie. Man baut bei Smiths zwar noch billige Souveniruhren für das Festival of Britain im Jahre 1951, aber man ist auch schon dabei, gute, zuverlässige Armbanduhren bauen. Da ist es wunderbar, dass man mit Robert Lenoir gerade einen neuen Technischen Direktor hat, der zuvor bei Jaeger (UK) war. Und der entwirft dieses schöne Qualitätswerk. Das zuerst nur vernickelt geliefert wird, ab 1951 ist es körnig vergoldet. Es gibt es sogar in einer Luxusausführung mit Breguetspirale. Natürlich ist es dieses 12-linige Qualitätswerk, das in die Uhren hinein wandert, die Smiths 1953 der Royal Geological Society liefert.

Dass es immer noch ein Halbplatinenwerk und kein Schweizer Brückenwerk ist, das können die Engländer wohl nicht lassen. Das Werk wird sich in den folgenden Jahren ein wenig verändern. Es bekommt eine Stoßsicherung (keine Incabloc, die jeder hat, sondern so etwas Feines wie eine ➱Kif-Stoßsicherung, die LeCoultre auch verwendet), eine schraubenlose Glucydurunruh und eine indirekte Zentralsekunde. Das ist dieser kuriose kleine Aufbau mit dem Zahnrad auf dem 27.CS Werk. Mit einem solchen Werk (das es sogar in einer Luxusausführung mit Breguetspirale gibt) bekommt man auch neue ➱Kunden. Die vornehmsten Geschäfte in London wie ➱Benson, ➱Garrards und Asprey handeln jetzt mit Smiths Uhren. Wenn Sie das Smiths De Luxe Uhrwerk einmal ticken sehen wollen, klicken Sie ➱hier.

Wenig später gelingt es Smiths, Andrew Fell (der der Direktor des National College of Horology gewesen war) als Berater zu verpflichten. Der konstruiert der Firma für das Modell Imperial ein moderneres 19-steiniges Werk mit Zentralsekunde, das Kaliber 0104. Und auf der Basis dieses Werkes wird die Firma Smiths im Jahre 1960 die erste englische Automatik bauen. Das wird in der Presse als nationales Ereignis gefeiert. Da ist man hinter der Schweiz um Jahrzehnte zurück.

Leider hat man bei der Konstruktion dieses wirklich schönen Uhrwerks vergessen, bei der ➱IWC in Schaffhausen anzufragen, wie es denn mit den Patentrechten und den Lizenzgebühren aussehen würde. Denn das Werk ist nichts anderes als eine Kopie des berühmten ➱Pellaton Aufzugs, der in den Automatikuhren der IWC der Kaliber 85 zuverlässig seinen Dienst tut. Es kommt wie es kommen musste, hohe finanzielle Forderungen der IWC, Einstellung des Baus des Automatikkalibers 0144G. Es rechnete sich jetzt nicht mehr. Die Automatikuhr hatte 1960 in der Edelstahlausführungen 25 Pfund gekostet, damit war man keine Konkurrenz für Schweizer Automatikuhren.

Danach scheint man sich bei der Firma Smiths nicht mehr so richtig für den Uhrenbau zu interessieren, das Kerngeschäft ist jetzt wieder der Instrumentenbau (das macht die Firma noch heute). Aber dann bekommt man Ende der sechziger Jahre den Zuschlag für einen Regierungsauftrag für die Lieferung von Militäruhren (lesen Sie ➱hier dazu mehr). Das ist die berühmte Smiths W10, eine Uhr hinter der alle Sammler hinterher sind (natürlich besitzt dieser Blogger eine). Die letzte Uhr, die auf dem Zifferblatt anstelle des Swiss Made ein Made in England trägt.

Sir Edmund Hillary ist nach der Besteigung des Mount Everest mit Uhren beschenkt worden, natürlich hat auch der Sherpa Tenzing Norgay eine goldene Rolex bekommen (hier im Bild). Einige Jahre später hat Hillary bei der Commonwealth Trans-Antarctic Expedition übrigens weder eine Smiths (wie der Expeditionsleiter Sir Vivian Fuchs) noch eine Rolex getragen. Sondern eine IWC aus Schaffhausen (➱hier ein Photo von der Übergabe). Das war das Modell XI, das die IWC damals an die englische Royal Air Force lieferte - und das dann später durch die Smiths W10 abgelöst wurde.

Falls Sie auf den Mount Everest klettern wollen, wäre eine alte Smiths natürlich stilecht. Ich würde meine Smiths Astral Taucheruhr tragen, die das heute (im Gegensatz zu mir) wahrscheinlich noch aushalten würde. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir allerdings sagen, dass natürlich jede Armbanduhr mit einem wasserdichten Stahlgehäuse und einem guten Werk den Weg auf den Gipfel geschafft hätte. Der neueste Gag für Bergsteiger oder Möchtegern Bergsteiger ist eine Uhr der Firma Kobold, ➱Modell HimalayaHandmade in Nepal. Das Zifferblatt ist aus einem kleinen Stückchen Fels vom Everest Gipfel. Das Teil kostet 16.500 $.

Gerade hat ein Achtzigjähriger den Berg bestiegen, er steht jetzt im Guinness Buch der Rekorde. Man hat nach fünfundsiebzig Jahren George Mallory gefunden, der ja vielleicht 1924 den Gipfel erreichte. Man musste, sensationsgeil wie man heute ist, unbedingt die Photos seiner Leiche veröffentlichen. Irgendwie gerät das Ganze aus den Fugen. I think the whole attitude towards climbing Mount Everest has become rather horrifying, hatte Hillary im Alter gesagt. Das hier ist eine Statistik der Bergbesteigungen seit 1953, es sind inzwischen wohl über sechstausend. Das Ganze ist schon zum Massentourismus geworden (lesen Sie doch dazu ➱hier den Beitrag von Reinhold Messner), der Berg zum Müllberg und Rummelplatz für gutverdienende Massentouristen. Die wahrscheinlich alle eine Rolex Explorer am Arm haben.

George Mallorys Uhr hat man auch gefunden, als man den Leichnam fand. Sie hat wahrscheinlich ungefähr so ausgesehen. Solche Uhren haben auch den Ersten Weltkrieg überstanden, das Werk ist in einem wassergeschützten Gehäuse eingekapselt. Die Zwiebelkrone deutet darauf hin, dass hier eine Dichtung eingebaut ist. Wahrscheinlich ist das ➱Gehäuse von François Borgel, dessen Firma die erste war, die sich auf wasserdichte Uhren spezialisiert hatte. Warum soll man damit nicht auf den Mount Everest klettern? Man wartet ja nur darauf, dass irgendeine Firma diese Uhr neu vermarktet.

Auf den Gipfel ist das Ziel und das Ende unseres Lebens, auf ihn ist unsere Wallfahrt gerichtet, hat ➱Petrarca in einem Brief geschrieben. Der ja vielleicht den Mont Ventoux erklommen hat: Den höchsten Berg unserer Gegend, der nicht unverdienterweise der windige genannt wird, habe ich gestern bestiegen, lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen. Und auf dem Gipfel des Berges liest Petrarca, der keine Uhr dabei hat, in ➱Augustinus' Confessiones just die Stelle: Da gehen die Menschen, die Höhe der Berge bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber.


Dienstag, 28. Mai 2013

Horst Frank


Er wäre heute vierundachtzig geworden, aber er ist leider schon vierzehn Jahre tot. Singen war nicht seine starke Seite, aber er hat es trotzdem ➱getan. Klaus Löwitsch konnte auch nicht singen, der hat sogar mal eine Platte zurückgezogen, obwohl sie fertig war. Weshalb ich trotzdem eine LP von Narrenprozession habe, weiß ich nicht so genau. Aber wenn Horst Frank auch nicht singen konnte, kauften die Leute seine Platten doch. Weil er diese Stimme hatte. Vor Jahren geisterte seine Stimme noch einmal durch das ➱Radio, aber das war nicht wirklich Horst Frank. Das war dieser Wehmeier, dem wir Stenkelfeld und Frühstück bei Stefanie verdanken. Die Horst Frank Parodie (gibt es auch unter dem Titel Pfui Spinne! Die Horst-Frank-Parodie als CD) war nicht schlecht, doch die richtige Stimme von Horst Frank war natürlich noch besser. Wie die Fans von den drei Fragezeichen wissen.

Er hat in den schlimmsten Filmen mitgespielt, die Deutschlands schlechter Geschmack produzieren konnte. Und es machte ihm nichts aus. Weil die schlimmen Filme durch ihn gut wurden. Man ging damals gegen besseres Wissen ins Kino. Nur weil Horst Frank da mitspielte. Selbst wenn es eine Nebenrolle war. Das machte ihn einzigartig. Er guckte uns von der Leinwand an und sagte uns: natürlich ist das hier Schrott. Ich spiele nur hier mit, weil ich euch nicht enttäuschen will. Ihr seid doch nur meinetwegen gekommen.

Wir werden ihn nie vergessen. Schauen Sie doch einmal in den Trailer von Wolfgang Staudtes ➱Fluchtweg St. Pauli hinein. Oder in den Mitschnitt von seinem Auftritt bei der ➱NDR Talkshow, in dem er sein Leben Revue passieren lässt. Cool und ironisch, und immer gut gekleidet. Der Beginn seiner Karriere sah, wie er in einem ➱Interview im Jahr seines Todes versicherte, so aus:

Ja gut, nach meiner Ausbildung zum Handelskaufmann versuchte ich noch, für Adolf Hitler den Krieg zu gewinnen, was mir allerdings nicht gelang. Nach dieser unnötigen Erfahrung ging ich zurück nach Hamburg. Dort besuchte ich eine Matinee von Will Quadflieg, der las dort Gedichte oder rezitierte etwas, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. Jedenfalls, als ich die Vorstellung verließ, wußte ich - arrogant wie ich damals war - das kannst du auch. Bei der Prüfung für die Schauspielschule sprach ich dann nicht nur den Faust, oder nicht nur den Mephisto, sondern beide Rollen, ich hüpfte dabei immer hin und her. Das hatte noch keiner gemacht. Ich kam mit meiner Interpretation bis zur Abschlußprüfung, und fiel durch. 

In dem Interview antwortete er auf die Frage: Wie sehen Sie eigentlich das deutsche Filmgeschäft und auch das Fernsehen heute? in seiner typischen Art: Schrecklich! Furchtbar! Kommt mal ein gut gemachter Film, der den Zuschauer zu fesseln weiß, wird er just in dem Moment unterbrochen. Und man muß Werbung ertragen für Damenbinden oder Pepsodent. Das Resultat ist: Die Leute schauen gar nicht mehr hin. Entweder bügeln sie, rühren in der Suppe oder bumsen. Was sollen die armen Leute auch machen? Den 'Aus-Knopf' hat man ihnen wahrscheinlich nie gezeigt. Wissen sie, den Beruf des Schauspielers kann man heute so definieren: Früher wurden sie gebraucht, dann wurden sie lästig, heute sind sie überflüssig.

Da wünscht man sich doch dieses früher zurück. Da hatten wir wenigstens noch Horst Frank.

Montag, 27. Mai 2013

Dashiell Hammett


Viele Leser kannten mich noch nicht, als ich im Februar 2010 den Post ➱Grabsteine schrieb. Weil der kaum gelesen wurde, stelle ich den an Dashiell Hammetts Geburtstag noch einmal hier hin. Und füge dem eine kleine Leseliste hinzu, sozusagen Dashiell Hammett für Anfänger. Nun aber zuerst einmal der Post Grabsteine:

Der Soldat William Christman ist der erste, der 1864 auf einem Friedhof begraben wird, der der nationale Heldenfriedhof Arlington sein wird. Sein Grab schaufelt ein ehemaliger Sklave namens James Parks, der vor dem Krieg hier gearbeitet hat (auch er wird hier begraben). Als James Parks hier noch Sklave war, gehörte das Land Robert E. Lee. Jetzt hat der siegreiche Norden den Park des Südstaatengenerals enteignet. Man braucht im letzten Kriegsjahr Friedhöfe, keine Parks. Hier in Arlington werden Kriegshelden und Präsidenten ihre letzte Ruhe finden. Aber auch viele Unbekannte. Und für jeden Krieg, den die USA geführt haben, gibt es ein Grab des unbekannten Soldaten.

In Arlington ist auch der amerikanische Autor von hard-boiled novels Dashiell Hammett begraben. Er hatte ein Recht darauf, der Sergeant Hammett war Veteran zweier Weltkriege. Auf dem weißen Standardstein steht Samuel D. Hammett, der Name seiner letzten Einheit, seine Lebensdaten und World War I & II. Er hatte es sich gewünscht, hier begraben zu werden. Er wollte kein feierliches Begräbnis, aber er hat doch eins bekommen. Seine Lebensgefährtin, die amerikanische Schriftstellerin Lillian Hellman, verlas eine kurze Würdigung: Dash wrote about violence but he had contempt for it and thus he had contempt for heroics... He believed in man's right to dignity and never in all the years did he play anybody's game but his own - he never lied, he never faked, he never stooped. Das letzte kann man über den Mann nicht sagen, der Hammetts Beerdigung in Arlington verhindern wollte. Der heißt J. Edgar Hoover und ist Chef des FBI. Lillian Hellman ist in den Jahren der Hexenjagd mutig gegen Hoover und den Säufer McCarthy aufgetreten, sie hat über diese Zeit in Scoundrel Time und Pentimento geschrieben. Hammett ist für seine Überzeugungen ins Gefängnis gegangen. 

J. Edgar Hoover hat ein Staatsbegräbnis bekommen, der Sarg wurde auf dem Katafalk, der Lincolns Sarg getragen hatte, zum Kongressfriedhof gebracht. Nach den Feierlichkeiten vertreibt ein Friedhofsgärtner einige Jugendliche. Lasst die Blumen da liegen, ruft er. Dies ist das Grab eines berühmten Mannes. Ihr werdet noch in der Schule von ihm hören. Ja, wir haben von ihm gehört, und je mehr wir von ihm hören, desto schlimmer wird es. Dies ist der Mann, der Martin Luther King gehasst hat. Und der selbst schwarze Vorfahren hatte. Dies ist der Mann, über den der Jurist und Bürgerrechtler Frank J. Donner 1980 sagte: Hoover forged a blueprint for American fascism. Dies ist der Mann, der öffentlich eine puritanische Sexualmoral predigt und privat in Frauenkleidern auf seinem Schreibtisch tanzt. Sein Lebensgefährte Clyde Tolson liegt nur wenige Gräber von ihm entfernt auf dem Kongressfriedhof. Hammetts Kollege Raymond Chandler wollte neben seiner Frau Cissy im Cypress View Mausoleum begraben werden, aber da sich kein Testament finden ließ, liegt er jetzt auf dem Mount Hope Friedhof in San Diego. Auf einer in den Rasen eingelassenen Steinplatte steht: In Loving Memory. Raymond Chandler. Author. Hätte er sich ein militärisches Begräbnis gewünscht, wäre der Sergeant Chandler nicht wie der Sergeant Hammett nach Arlington gekommen, sondern auf einen englischen Soldatenfriedhof. Schließlich hat er als Soldat der Gordon Highlanders einmal den Kilt dieses Regiments getragen. In Loving Memory: So behalten ihn seine Leser im Gedächtnis. Die Leser von Samuel Dashiell Hammett werden sich seiner auch immer in loving memory erinnern. Auf dem Grabstein von J. Edgar Hoover stehen diese Worte nicht.


Raymond Chandler hat in seinem Essay ➱The Simple Art of Murder (der zuerst im Dezember 1944 im Atlantic Monthly erschien und dann 1950 zum Titel einer Short Story Sammlung wurde) über seinen Kollegen Hammett gesagt:

The only reality the English detection writers knew was the conversational accent of Surbiton and Bognor Regis. If they wrote about dukes and Venetian vases, they knew no more about them out of their own experience than the well-heeled Hollywood character knows about the French Modernists that hang in his Bel-Air château or the semi-antique Chippendale-cum-cobbler’s bench that he uses for a coffee table. Hammett took murder out of the Venetian vase and dropped it into the alley; it doesn’t have to stay there forever, but it was a good idea to begin by getting as far as possible from Emily Post’s idea of how a well-bred debutante gnaws a chicken wing. He wrote at first (and almost to the end) for people with a sharp, aggressive attitude to life. They were not afraid of the seamy side of things; they lived there. Violence did not dismay them; it was right down their street.

Hammett gave murder back to the kind of people that commit it for reasons, not just to provide a corpse; and with the means at hand, not with hand-wrought duelling pistols, curare, and tropical fish. He put these people down on paper as they are, and he made them talk and think in the language they customarily used for these purposes. He had style, but his audience didn’t know it, because it was in a language not supposed to be capable of such refinements.

Hammett selbst hat von seiner hard-boiled fiction nicht so viel gehalten, sie brachte ihm Geld, das war's. Obgleich es interessant ist, all die anderen ➱Autoren zu lesen, die seit Carroll John Daly für das legendäre Black Mask Magazin schrieben, sticht Hammett doch heraus. Mein Lesetip für seine Kurzgeschichten ist The Big Knockover, herausgegeben von Lillian Hellman, hier findet sich auch das Romanfragment Tulip. Von seinen Romanen würde ich Red HarvestThe Maltese Falcon und The Glass Key empfehlen. Es gibt die Romane seit 1999 sogar schon in der Reihe der ➱Library of America (herausgegeben von Steven Marcus, 997 Seiten). Dort sind auch die ➱Crime Stories & Other Writings erschienen. Als Raymond Chandler 1995 mit zwei Bänden (➱Stories and Early Novels und ➱Later Novels and Other Writings), die über zweitausend Seiten ausmachten, in die Reihe aufgenommen wurde, zickte ➱Joyce Carol Oates im New York Review of Books noch rum. Sie war der Meinung, er gehöre nicht in den Olymp der amerikanischen Literatur. Aber das hat die Herausgeber der Library of America nicht gekümmert, sie räumten den hard-boiled writers noch mehr Platz ein und brachten die Bände ➱Crime Novels: American Noir of the 1930s and 40s und ➱Crime Novels: American Noir of the 1950s heraus.

Es gibt drei Biographien zu Hammett, die beinahe gleichzeitig erschienen: Richard Layman, Shadow Man: The Life of Dashiell Hammett (1981), William F. Nolan, Hammett: A Life at the Edge (1983) und Diane Johnson, Dashiell Hammett: A Life, 1983. Ich würde die von Diane Johnson bevorzugen, die von Lillian Hellman Zugriff auf alles Material bekommen hatte (was Layman und Nolan verwehrt blieb). Es ist sozusagen eine von der Lebensgefährtin Hammetts autorisierte Biographie. Sie hat dazu noch den Vorteil, dass sie besser geschrieben ist, Diane Johnson ist Schriftstellerin, die kann das. Und trotz all dieser Biographien, irgendwie bleibt ein Geheimnis um den Mann. He adjusted himself to beams falling, and then no more of them fell, and he adjusted himself to them not falling, heißt es in der berühmten Flitcraft Parabel in The Maltese Falcon (➱hier im Volltext).

Dashiell Hammett lohnt die Neuentdeckung. Er ist wunderbar in kleinen Details In ➱The Glass Key (hier im Volltext) findet sich die wunderbare Stelle: Ned Beaumont nodded. He was looking at the blond man's outstretched crossed ankles. He said: "You oughtn't to wear silk socks with tweeds." Madvig raised a leg straight out to look at the ankle. "No? I like the feel of silk.""Then lay off tweeds.' Seidensocken und Tweed Jacketts, das geht nun gar nicht, wir sind gewarnt. Solchen Leuten kann man nicht trauen.

Vor einem halben Jahrhundert kümmerte sich (außer Hammett Fans) noch niemand um den Schriftsteller, inzwischen wird er vermarktet. Nicht erst, seit Wim Wenders seinen Film Hammett gedreht hat. Ein Mann namens Don Herron ➱Touristentouren auf den Spuren von Dashiell Hammett (so etwas gibt es inzwischen schon weltweit für viele Schriftsteller). Ein Amerikaner namens Sean Carson hat eine Red Harvest Oper für sieben Singstimmen und sechs Instrumente geschrieben, aber die scheint noch nicht ganz fertig zu sein. Einen Dashiell Hammett ➱Cocktail gibt es auch in irgendeiner Bar. Das musste ja kommen. Ein Dashiell Hammett Cookbook gibt es noch nicht. Wird aber noch kommen. Erstaunlicherweise hat man vor zwei Jahren eine Short Story von Hammett gefunden, die noch niemand kannte. Das ist das Verdienst von ➱Andrew Gulli, dem damit etwas gelang, was die Hammett Biographen Layman und Nolan (die sich immer brüsteten, alles von Hammett zu kennen) nicht hingekriegt haben. Und ich habe heute für Sie ein Schnipselchen aus dieser Story, die So I Shot Him heißt.

Rainey screwed himself around in his chair to see us better, or to let us see him better.
I was sitting next to him, a little to the rear. Above the porch rail his profile stood out sharp against the twilight gray of the lake, though there was nothing sharp about the profile itself. It had been smoothly rounded by thirty-five or more years of comfortable living.
"I wouldn't have a dog that was cat-shy," he wound up. "What good is a dog, or a man, that's afraid of things?"
Metcalf, the engineer, agreed with his employer. I had never seen him do anything else in the three days I had known them.
"Quite right," he said. "Useless."
Rainey twisted his face farther around to look at me. His blue eyes – large and clear – had the confident glow they always wore when he talked. You only had to have him look at you once like that to understand why he was a successful promoter.

Samstag, 25. Mai 2013

Steve Cochran


Man kann sich Antonionis Film Il Grido ohne den Ton ansehen - es sind die besten Filme, die ohne Ton verständlich sind. Michelangelo Antonionis Film lebt von seinen Bildern. Schöne Bilder, durchkomponierte Bilder. Das hier links ist Dorian Gray (die eigentlich Maria Luisa Mangini heißt), rechts ist Steve Cochran. Der ist Amerikaner, spielt hier aber überzeugend einen Italiener. Steve Cochran wurde am 25. Mai 1917 geboren, das gibt mir Gelegenheit, endlich einmal über Antonionis Il Grido zu schreiben. Ich habe den Film ja wohl schon mehrmals erwähnt. Seit ich ihn an einem heißen Sommertag in den Sixties (wo das Kino so schön kalt war) gesehen habe, gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf.

Steve Cochran nahm das italienische Angebot damals gerne an, seine Hollywood Karriere lief nicht so gut. Falls man überhaupt von einer Karriere sprechen kann. Er ist ganz groß in Nebenrollen (The Best Years of Our Lives [1946] und White Heat [1949] gehören sicher zu seinen besten Filmen), doch Gangster oder Boxer in B-Pictures zu spielen wurde ihm langsam zu langweilig. Er macht mehr Schlagzeilen mit seinen Weibergeschichten, das Englische hat für Leute wie ihn den schönen Ausdruck womanizer erfunden. Zusätzlich zu seinen drei Ehefrauen werden von der Presse noch Mae West, Jayne Mansfield, Joan Crawford, Merle Oberon, Kay Kendall, Ida Lupino und Mamie Van Doren zu seinen Eroberungen gezählt. Was Kay Kendall an ihm fand, weiß ich wirklich nicht. Die passt nicht so richtig in das Beuteschema. Dass sie etwas mit dem Herzog von Edinburgh gehabt haben soll, das mag ich schon eher glauben. Wir vergessen das Ganze jetzt einmal und erinnern uns an die wunderbare Kay Kendall in dem englischen Klassiker ➱Genevieve.

Es sind viele Amerikaner in Italien in den fünfziger Jahren. Manche kommen, weil sie zu Hause (wie Betsy Blair) auf der Schwarzen Liste der selbsternannten Kommunistenjäger wie McCarthy stehen. Manche kommen, um sich ihre Anzüge von italienischen Schneidern machen zu lassen. Oder Sie sind Kunden bei der gerade gegründeten Firma Brioni wie John Wayne oder Anthony Quinn. Der hatte im Jahr vor Antonionis Il Grido in Fellinis La Strada gespielt. Zusammen mit dem jungen Amerikaner Richard Basehart. den wir aus der Moby-Dick ➱Verfilmung kennen. Kirk Douglas spielt hier in Italien den Odysseus in Mario Camerinis Ulisse, John Huston dreht hier Beat the Devil.

Vielleicht sind die amerikanischen Schauspieler in dieser Zeit bei italienischen Regisseuren deshalb so beliebt, weil man auf den amerikanischen Markt schielt. Viele Amerikaner haben Italien bei der Eroberung kennengelernt, viele sind italienischer Herkunft - die werden doch jetzt italienische Filme sehen wollen. Auf die Frage: Why did you choose an American actor to play the part of a worker from the Polesine? Maybe this is what disturbed some critics, hat Antonioni geantwortet: The distributors definitely wanted a foreigner. They thought that an American name would be more appealing to the public. But I must say that I did like Steve Cochran in the film. If no one knew that he was American, if his name had been 'Sergio Michelini,' no one would have objected to him. 

Antonioni hat mit Steve Cochran und Betsy Blair (hier im Bild) zwei Amerikaner im Film. Deren Stimmen mussten natürlich synchronisiert werden (erstaunlicherweise ließ Antonioni aber auch die Stimme von Dorian Gray durch seine spätere Lieblingsschauspielerin Monica Vitti synchronisieren). Lyn Shaw hat auch einen englischen Namen, aber die braucht er nicht zu synchronisieren, denn sie ist wahrscheinlich auch Italienerin.

Obgleich diese Schönheit (häufiger Lynn Shaw geschrieben) eine große Unbekannte bleibt. Man weiß so gut wie nichts über sie, außer dass sie in den fifties mehrfach auf dem Cover von nicht so seriösen englischen ➱Magazinen auftaucht und vielleicht eine Beziehung zu dem englischen Dichter A.S.J. Tessimond gehabt hat. Das Nachkriegsitalien hat ja eine Vielzahl von Filmschönheiten zu bieten, die nicht alle (wie Gina Lollobrigida oder Sophia Loren) in Deutschland berühmt werden. Einen wunderbaren Überblick bietet der italienische Photograph Federico Patellani in seinem Band La plus belle, c'est toi / La piu bella sei tu. Ein Band, der auch für Modeinteressierte interessant ist. Leider schon vergriffen, aber Sie können sich ➱hier alle Photos von Patellani anschauen. Gibt einen eindrucksvollen Einblick in das Nachkriegsitalien.

Steve Cochran (hier im Dufflecoat zusammen mit Antonioni - das Photo läßt etwas von dem schlechten Wetter bei den Dreharbeiten ahnen) ist angeblich nach Italien gekommen, weil er hoffte, hier als Regisseur arbeiten zu können. Auf jeden Fall behauptete das Antonioni. Um es sofort mit which was just absurd! zu kommentieren. Neben den beiden Amerikanern wirkt hier noch eine Italienerin mit, die schon in Hollywood Karriere gemacht hat. Aber jetzt froh ist, David Selznick (der sie zu einer zweiten Greta Garbo machen wollte) entkommen zu sein: Alida Valli. Ihre Filme wie Hitchcocks The Paradine Case (1947), Carol Reeds The Third Man (1949) und Viscontis Senso (1954) hatten sie zu einem Weltstar gemacht.

Selbst wenn ein Film wie Il Grido im Milieu der kleinen Leute spielt und die Damen keine Pelzmäntel mehr tragen wie in den vorangegangen Filmen Cronaca di un amore oder La signora senza camelie, schöne Frauen kann ein Film für einen italienischen Regisseur gar nicht genug haben. Für einen franzöischen Regisseur auch nicht, wie Truffaut so schön sagte Le cinéma c'est de l'art de faire faire de jolies choses à de jolies. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass es in Il Grido nicht um jolies choses geht. Dieses Road Movie ante litteram zeigt eher eine Welt der Tristesse, der Tristesse der Landschaft wie der Gefühle. Es ist ein Film, den Antonioni in den nächsten Jahren immer wieder drehen wird, von L'avventura bis Il deserto rosso. Andere Schauspieler, andere Schauplätze, andere Milieus, aber immer der gleiche Film.

Die Bilder sind wie Landschaften der Seele. In der tristen, armseligen Ebene des Po wallen die Nebel, umhüllen die zerfallenden Häuser und löschen alle klaren menschlichen Konturen aus. Dort rauscht ein endloser Regen, verklebt die Gesichter, verwandelt die Erde in eine breiige Masse. Und ein bleigrauer Himmel scheint sich tiefer und tiefer herabzusetzen. Allein von diesen Bildern einer Landschaft, wie sie kein Italien-Urlauber jemals geschaut hat, geht eine eigenartige Faszination aus. Und wie wenig zufällig sie ist, macht ein Seitenblick in Antonionis Biographie klar: 1943 drehte er hier seinen ersten Kurzfilm 'Gente del Po' genau an den gleichen Schauplätzen wie 14 Jahre später dieses einsame Meisterwerk ... Antonioni selbst sagt dazu: 'es ist die Geschichte eines Mannes, der den Kompromiß mit dem Leben nicht findet, weil er ein Mensch mit einer großen Seele ist'. Kaum eine Filmkritik beschreibt den Film besser, als diese vor einem halben Jahrhundert geschriebene von Hans Hellmut Kirst.

Kirst, der auch eines Tages beim ZDF für die Sendung Ratschlag für Kinogänger verantwortlich zeichnete, ist nicht der einzige Romanautor, den der Film beeindruckt hat: Fabio rauchte eine Zigarette und dachte über den Mann nach, den er gestern nachmittag in dem Kino in der Calle Larga gesehen hatte, er hatte den Sonntag nachmittag benutzt, um sich Antonionis neuen Film anzusehen, Fabio liebte gute Filme leidenschaftlich, das Schauspiel faszinierte ihn stets von neuem, aber gestern hatte er mehr gesehen als einen Film, er hatte einen Mann beobachtet, den er nicht aus seinen Gedanken brachte, weil er ihn an etwas erinnert hatte, was ihm, Fabio, fehlte. Dieser Mann hatte sich vor seinen Augen in einem Gelände bewegt, das in Fabios Leben eine weiße Fläche geblieben war. Antonioni hatte ihn gezeigt wie ein Gelehrter, der ein seltsames Insekt vorführt; er wies ihn auf einer Fläche aus weißer Leinwand vor, weiter nichts; er überließ es Fabio, seine Schlüsse selbst zu ziehen.

Auf dieses Zitat folgen fünf Seiten (die Sie auf ➱dieser interessanten Seite lesen können), auf denen Fabio Crepaz über den Film nachdenkt. Fabio Crepaz kommt natürlich in dem Roman Die Rote von Alfred Andersch vor. Die Filmfigur Aldo (gespielt von Steve Cochran) hat Fabio existentiell berührt, er denkt sich - während er uns den Film nacherzählt - in Aldo hinein.

In der großen ferraresischen Ebene, unter dem wässerigen Winterhimmel, blieb Aldo bei einem Mädchen, dem eine Tankstelle gehörte. Der Vater des Mädchens war ein alter, etwas verrückter Mann, und Aldo half dem Mädchen. Sie war eine Hübsche, sie war hübscher als Irma, sie war sinnlich und sie war wunderbar im Bett. Aldo hatte Glück. Nur der Vater störte sie. Er hatte eine Mitgliedskarte der Federazione Anarchicain der Tasche, er war vollkommen einsam, es gab am Unterlauf des Po keine Anarchisten mehr wie in der Toscana. Er beging verrückte Dinge, eines Tages griff er einen Nachbarn an, der sich gerade daran gemacht hatte, ein paar Bäume zu fällen. Virginia sagte zu Aldo: 'Es ist besser, wir bringen ihn ins Ricovero.' Sie stand vor der Kommode, während sie es sagte, sie sagte es wie beiläufig, aber Aldo warf ihr einen schnellen Blick zu, er wußte, wie es gemeint war. 

Wieder eine, dachte er haßerfüllt, die einen Mann wegschickt, weil er ihr lästig geworden ist. Die Tankstelle befand sich in der Nähe von Porto Tolle, an der neuen Straße von Ravenna nach Venedig, und sie brachten den Alten in das Altersheim von Ravenna. Virginia wollte es so. Aldo betrachtete die alten Männer, die in den kalten Korridoren des Ricovero saßen und warteten. Der alte Anarchist war gerne auf der Ebene um Porto Tolle umhergestreift. Antonioni war es darauf angekommen, zu zeigen, daß die Beziehung Aldos zu Virginia der Liebe so ähnlich war wie nur möglich. Hätte Aldo Irma vergessen können, so wäre er einer vollkommenen Täuschung erlegen, ja vielleicht wäre es ihm möglich gewesen, Virginia trotz ihres kleinen Charakters zu lieben. Den letzteren Schluß verneinte Fabio nach einigem Nachdenken, nicht so sehr wegen Virginias Charakter – die Möglichkeit der Liebe hing nicht von den Fehlern oder Vorzügen der Liebenden ab –, sondern weil er wußte, daß ein Ersatz nicht langsam in etwas Echtes umgebildet werden kann.

Einen genialeren Interpreten als Fabio Crepaz hätte sich Antonioni für seinen Film gar nicht wünschen können. Und einen besseren Aldo als Steve Cochran auch nicht. Cochran bewegt sich durch diesen Film, als hätte er sein ganzes Leben in der Po Ebene gelebt, als wäre dies sein wirkliches Leben. Die Suche nach der Liebe sieht bei Antonioni anders aus als in einem Hollywood Film (schauen Sie sich doch einmal Steve Cochran in ➱Tomorrow is Another Day an): Dieser Aldo war für Fabio der fremdeste aller Menschen. Fabio sah ihm zu, als beobachte er einen Polarforscher, der sich über Grönlands Inlandeis bewegte. In einem Gebiet, das für Fabio terra incognita war, ging Aldo so sicher umher, als wandle er im Traum. Es gelang Fabio nicht, seine Besessenheit zu verachten. Aldo kannte etwas, was Fabio nicht kannte.

Antonioni hat Cochran nicht gemocht, er hielt ihn schlichtweg für doof. Steve Cochran konnte Antonioni auch nicht ausstehen. Es ist erstaunlich, welche schauspielerische Leistung der gegenseitige Hass hervorbringt. Michelangelo Antonio ist ein genialer Regisseur, aber er ist auch ein intellektueller Snob. Ich gebe hier einmal ein ➱Interview wieder, das mit Antonioni geführt wurde. Ich habe die Fragenden (Studenten, Professoren, Filmkritiker) zur Vereinfachung mit einem F markiert, es kommt hier nicht auf ihre Namen an:

F: Okay, then here is my question: In your films, you have worked with the following three actors: Lucia Bose, Steve Cochran, and Monica Vitti. Three kinds of experiences, three different types of actors: Lucia Bose, who has done very little before she started working with you; Steve Cochran, whose experience is that of a school much different than ours; and Monica Vitti, who comes to films from the stage. Which of the three gave you the most difficulty?
Antonioni: Steve Cochran. Because he is the least intelligent of the three.
F: Just a moment. Only a short while ago you said you didn't want intelligent actors; you wanted it this way yourself, so why do you regret it now?
Antonioni: Let me explain. He was less intelligent in the sense that when I specifically asked him to do something, he simply refused to do it. I gave him certain directions and told him to follow those directions to the letter, would abruptly tell me, 'No.' 'Why not?' I would ask him. And he would reply, 'Because I'm not a puppet.' Now that was too much to tolerate-after all, there's a limit to everything. As a result, I had to direct him by using tricks without ever telling him what it was I wanted.
F: But it was resolved one way or the other. Either Cochran finally resigned himself to following your directions or else this underhand method you used went well. Because the end results were excellent.
Antonioni: No, because he just went ahead and did everything he want­ed - only he never became aware of the tricks I had to use in order to get what I wanted from him. 

Am Anfang des Filmes steht der Mechaniker Aldo auf einem Fabrikturm, von wo ich mein Haus sah, den Fluß, mein Kind... Am Ende des Filmes sieht er seine Welt noch einmal von dem Turm, dann stürzt er in die Tiefe. Wir wissen nicht, ob es Selbstmord oder ein Schwindelanfall ist. Der französische Filmkritiker Gérard Gozlan schrieb damals in der Filmzeitschrift Positif einen langen Artikel über den Film, der von den Kritkern sehr unterschiedlich aufgenommen wurde:

Da liegt der Skandal: ein Mann begeht Selbstmord, weil ihn eine Frau verlassen hat; ein Mann begeht Selbstmord aus Liebe, da liegt der Widerspruch. Auch hier könnte Brecht von einer 'Krise des Empfindens' sprechen, die für unsere verfaulten Traditionen und das Versagen einer ganzen Skala unserer Gefühle bezeichnend ist, die nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmen ... 'Il Grido' ist nicht, wie man gern behauptet, ein Film zum Ruhm der ewigen Liebe, sondern ganz einfach ein kritischer Film, dessen Held weder schwach noch ohnmächtig, sondern einzig und allein von Sinnen ist: Il Grido ist der Film der Gefühlsverwirrung ... die Macht und Tragweite dieses Liebesfilms macht uns nachdenklich vor der Auffassung unserer Liebe, unserem Liebeswahnsinn, unserer Liebesleidenschaft, unserem Liebesempfinden usw... Ach, ich weiß nicht, dieser ganze Pseudomarxismus der sechziger Jahre ist langweilig geworden. Da bleibe ich doch lieber bei Alfred Andersch:

Am Ende der Stationen seines Dramas führte Antonioni Aldo in ein schwarzes Paradies ohne Scham, als wolle er ihm beweisen, daß sein Drama auch dort noch nicht endete, wo es mit allen Konventionen der Liebe vorbei war. Schließlich hätte Aldo sich sagen können, daß seine ganze Affäre nicht so wichtig sei, wenn es möglich war, die Beziehungen zwischen den Menschen auf eine so einfache Weise zu regeln, wie die Tagelöhner der Emilia sie übten. Aber Antonioni ließ Aldo hartnäckig an der Idee seiner Liebe festhalten, was immer auch die Ethnologen der primitiven Stämme, der Gesellschaften im Urzustand, dazu sagen mochten. Fabio bewunderte Antonionis Eigensinn... Aber wenn ich kennengelernt hätte, was Aldo kannte, überlegte Fabio, woran hätte ich es erkannt? Woran erkennt man die Liebe? Er suchte nach dem richtigen Wort, es konnte nur ein einziges Wort für das Wesen der Liebe geben, und er fand das Wort: es hieß Abhängigkeit.

Mehr Michelangelo Antonioni in diesem Blog unter ➱Swinging London, ➱Michelangelo Antonioni, ➱Antonioni. Als ich das erste Mal über Antonioni schrieb, endet der Post mit: Ich merke gerade, dass ich jetzt Tage (oder Wochen) über Antonioni weiter schreiben könnte. Ich höre erst einmal auf und stelle das ein. Vielleicht ein anderes Mal. So dacht ich. Nächstens mehr, wie Hölderlin am Ende von Hyperion sagt. Ich habe drei Jahre gebraucht, um dieses Nächstens mehr wahr zu machen. Aber ich war am Anfang meines Blogger Lebens, ich wußte noch nicht, wohin es mich führen würde.

Freitag, 24. Mai 2013

Greensleeves


Das Lied ist ja nicht totzukriegen, angeblich hat es Heinrich VIII für ➱Anne Boleyn (dieser Link führt zu einem Post, der hier schon ein kleiner Bestseller ist) komponiert. Was natürlich nicht stimmt, aber in der Zeit damals kannte man es schon. Bei ➱Shakespeare wird es auch schon zitiert, wenn Falstaff sagt: Let the sky rain potatoes! Let it thunder to the tune of Greensleeves! Aus gegebenem Anlass zitiere ich einmal eben ein ➱Lied aus einer Oper von 1728. Es hat da nur einen etwas anderen Text:

Since Laws were made for ev'ry Degree,
To curb Vice in others, as well as me,
I wonder we han't better Company,
Upon Tyburn Tree!
But Gold from Law can take out the Sting;
And if rich Men like us were to swing,
'Twou'd thin the Land, such Numbers to string
Upon Tyburn Tree!


Tyburn Tree hat nichts mit der idyllischen Natur zu tun, das ist der Galgen, an den man Jonathan Wild am 25. Mai 1724 hängt. In der Oper von John Gay und Johann Christoph Pepusch darf Jonathan Wilde, der hier Macheath heißt, weiterleben. Und weitersingen. Die Herren Gay und Pepusch sind schnell bei der Hand, vier Jahre nach dem Tod von Wild haben sie ihre Oper auf der Bühne. Die in London ein phänomenaler Erfolg ist.

London ist in dem Jahrhundert die Musikmetropole Europas. Wenn die Engländer außer Dr Thomas Arne (der Rule, Britannia! geschrieben hat) nur wenige eigene Musiker haben, macht das gar nichts, jeder ist jetzt in London. Von Händel (den die Engländer inzwischen für einen Briten halten) bis zu Haydn. Von Carl Friedrich Abel (hier von ➱Gainsborough portraitiert) bis zu Johann Christian Bach (den Gainsborough auch gemalt hat). John Gay nimmt sich als Komponisten Johann Christoph Pepusch, der schon seit 1700 in London ist. Gay braucht Geld, er hat sein Vermögen bei dem berühmten South Sea Bubble verloren. Sir Isaac Newton (der damals selbst ein Vermögen verlor), soll zu dem Börsencrash gesagt haben: I can calculate the movement of the stars, but not the madness of men. Ein Satz, den wir uns für die nächste Euro Krise mal merken sollten.

John Gays ballad opera ist eine Art Nummernrevue, eine Frontalattacke auf die italienische Oper. Und auf die Opern von George Frideric Handel, der gerade englischer Staatsbürger geworden ist. Diese Oper ist etwas zum Mitsingen, was die Zuschauer auch tun werden, denn viele Lieder  - wie Greensleeves - sind ihnen vertraut. Diese Oper ist nicht nur ein Angriff auf den herrschenden Operngeschmack, sie ist auch ein Angriff auf die herrschende upper class. Die Welt, die uns Hogarth zeigt, ist hier auf der Bühne lebendig. Hätte Jacques Offenbach im 18. Jahrhundert gelebt, er hätte diese Oper geschrieben! Hätte ➱Richard Wagner im 18. Jahrhundert gelebt, er hätte diese Oper natürlich nicht geschrieben.

Es werden sich noch viele an diesem Stoff bedienen. Einer der ersten ist Henry Fielding, dessen Bild hier aus seinem sehr ironischen Werk The Life and Death of Jonathan Wild, the Great stammt. Zweihundert Jahre nach John Gays Version des Lebens vom highwayman Jonathan Wild erscheint in Deutschland ein Stück, dessen Arbeitstitel Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel mit 9 Bildern nach dem Englischen des John Gay. Übersetzung: Elisabeth Hauptmann. Bearbeitung: Bertolt Brecht. Musik Von Kurt Weill lautet. Wir kennen es heute als Dreigroschenoper.

Ich glaube, ich schreibe darüber ein anderes Mal einen längeren Post. Von Pepusch zu Benjamin Britten, von John Gay zu Bert Brecht. Hogarth inklusive. Die Rockband aus ➱Glasgow nicht zu vergessen. Für heute hätte ich ➱hier den Volltext von John Gay und eine schmalzige ➱Filmversion mit Sir Laurence Olivier als Macheath. Und natürlich eine Gesamtaufnahme von ➱The Beggar's Opera (leider ohne bewegte Bilder), aber dafür die ➱Britten Version mit bewegten Bildern. Eine Platte mit der Musik von Pepusch besitze ich schon lange, aber gerade habe ich mir für drei Cent bei Amazon Marketplace eine CD bestellt. 

Und wenn der Post schon ➱Greensleeves heißt, sollte das Lied natürlich auch hier noch einmal gesungen werden. Am besten natürlich so, wie es in seiner Entstehungszeit geklungen haben mag. Da bieten sich counter tenors wie der berühmte ➱Alfred Deller an. Aber ich nehme mir (nachdem ich mich durch fünfzig Greensleeves Interpretation bei YouTube gequält habe) einen counter tenor aus Taiwan, der ➱D. Kai Ma heißt und das ganz rührend singt. Und dann habe ich zum Schluss als Schmankerl noch eine wirklich schräge ➱Version. Dazu sollten Sie jetzt noch unbedingt diesen ➱Post lesen.