Sonntag, 30. November 2014

Opernhaus Hannover


In Hannover spricht man das beste Deutsch. Sagen die Hannoveraner. Die Hannoveraner sind in Germanistikvorlesungen immer ein schönes Beispiel für das Vernersche Gesetz. Wir sagen Hannover und sprechen es mit einem F aus, bei den Hannoveranern verschiebt sich das zu einem W. Bei vielen Rundfunksprechern, die heutzutage kaum noch einen Orts- oder Eigennamen richtig aussprechen können, gilt das Vernersche Gesetz natürlich nicht. Leider hat der Hannoweraner eine fatale Neigung dazu, ein A wie ein Ö auszusprechen. Wodurch ein Satz wie: In der Lavesstraße haben sie 'nen Mann mit 'nem Bananenwagen übern Magen gefahren etwas ö-lastig wird. Sie können das jetzt mal selbst aussprechen.

Die Lavesstraße heißt natürlich nach dem hannöverschen Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves. Der in den Jahren 1845–52 das hannoversche Opernhaus im spätklassizistischen Stil  gebaut hat. Diesen spätklassizistischen Stil beherrschte er sehr gut, er war oft genug in England gewesen (an das ➱Hannover ja historisch gebunden war). Er hat auch an englischen Architekturwettbewerben teilgenommen und Pläne für die ➱Great Exhibition und das Außen- und Kriegsministerium eingereicht. In beiden Fällen erfolglos, Klassizismus hatten die Engländer aus dem ➱18. Jahrhundert offensichtlich noch genug. Am 30. November 1950 wurde das im Krieg zerstörte Hoftheater wieder eröffnet. Mit dem Rosenkavalier. Beinahe hundert Jahre zuvor hatte man mit Figaro's Hochzeit eröffnet. Und das gibt mir einen Anlass, zu dem ➱Post The Marriage of Figaro noch einige Anmerkungen zu machen. Und auf Teodor Currentzis' neue Inszenierung einzugehen.

Nach dem Wiederaufbau durch Werner Kallmorgen (der auch die Oper in Kiel und das Thalia Theater neu konzipierte) sah die Oper dem Original von Laves ziemlich ähnlich. Sieht auch vielen Bahnhöfen ähnlich. In einem mehrsprachigen Bildband (Hannover: Ein dokumentarisches Bildwerk) aus der Mitte der fünfziger Jahre wird es als bedeutendstes historisches Bauwerk der Stadt und kultureller Mittelpunkt bezeichnet. Das mit dem bedeutenden historischen Bauwerk verstehe ich nicht so ganz, ich dachte immer, das sei das Welfenschloss (das heute die Universität ist) oder das restaurierte Herrenhausen (dessen klassizistische Fassade Laves auch gebaut hatte). Das mit dem kulturellen Mittelpunkt wird stimmen, denn in der Spielzeit 1955 waren 98,6 Prozent der 1.278 Plätze verkauft.

Ich habe das Opernhaus (und das Operncafé gegenüber) in schöner Erinnerung; als ich an der Heeresoffiziersschule war, habe ich alle Aufführungen dort gesehen (eine habe ich schon in dem Post ➱Nikolaustag erwähnt). Unsere Vorgesetzten hielten uns dazu an, kulturelle Veranstaltungen in Uniform zu besuchen. Machte von uns Fahnenjunkern keiner gerne, weil die nun mal potthässlich war. Ich habe es einmal gemacht. War ein Fehler. Das Publikum bei der Aufführung von Hochhuths Der Stellvertreter hat mich etwas seltsam angeschaut. Danach zog ich immer meinen guten blauen Anzug von Charlie Hespen an, wenn ich in die Oper oder ins Theater ging. Wenn Sie mehr zu der Tristesse der Uniformen der Bundeswehr lesen wollen, dann klicken Sie doch einmal ➱Uniformen an.

Modisch gesehen bot Hannover damals noch nicht viel, Heinrich's, H.B. Möller und Michael Jondral gab es noch nicht. Ich mochte Terner, wohin ich manchmal meine Mutter auf ihren modischen Beutezügen begleitete, die hatten früher immer gute Belvest und Isaia Jacketts. Heute haben sie nur noch Canali, alle anderen Marken scheinen in dem kleinen Klamottentempel von Jondral versammelt zu sein. Ob diese beiden Herren jemals eine Uniform getragen haben (oder in die Oper gehen), weiß ich leider nicht. Das Photo zeigt Bernhard Roetzel, den Autor des Buches Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode zusammen mit Heinrich Zapke, dem Gründer von Heinrich's (die heute wohl nur noch Damenmode führen). Die Läden von Möller und Zapke waren auch das Verhängnis von Gerhard Schröder, der bis dahin nur Pullover und Tweedjacketts getragen hatte. Bis die Hiltrud ihn in diese Läden schleppte. Erst war es Zegna, dann ➱Brioni. Ach, sie hätte ihm lieber mal 'ne Currywurst braten sollen. Mit Schröder sind wir dann auch schon bei der unangenehmen Seite von Hannover, und bevor ich jetzt etwas über Carsten Maschmeyer sage, höre ich lieber auf.

Dieses Opernhaus im klassizistischen Stil ist etwas zierlicher als das von Georg Ludwig Friedrich Laves. Es steht auch nicht in Hannover, es steht in Perm. Was jetzt nichts mit Dauerwellen zu tun hat, das ist die Stadt im Ural. 1965 hat man das aus dem 19. Jahrhundert stammende (und mehrfach umgebaute) Opernhaus (und Balletttheater) in Tschaikowsky Theater umbenannt. Es wird gerade wieder einmal umgebaut. Nicht von einem russischen Baumeister, sondern von dem weltberühmten David Chipperfield. Woran man sehen kann, dass die Oper in Perm etwas Besonderes sein muss. Ist sie auch.

Und aus Perm kommt auch die neue, ➱vieldiskutierte Aufnahme von Le Nozze Di Figaro, auf die rabinovitch1 mich in einem Kommentar (der ins Postscriptum des Posts The Marriage of Figaro gewandert ist) aufmerksam machte. Wir sehen hier den Dirigenten Teodor Currentzis vor der Oper von Perm. Was er trägt, ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber es ist mir lieber, dass er so aussieht, wie er ist. Und nicht so überkandidelt vornehm wie der Herr Roetzel (Jay sieht dagegen eher aus wie Heinrich Zapke, nur nicht so dick). Und schließlich ist es einem musikalischen Genie gestattet, herumzulaufen wie es will. Der letzte Meisterschüler von Ilja Alexandrowitsch Mussin fühlt sich wohl in Rußland, er soll sogar schon zum orthodoxen Glauben übergetreten sein.

Den authentischen Klang haben schon viele vor ihm beschworen, und letztlich hat ➱René Jacobs das alles auch schon gemacht. Was macht Currentzis' Aufnahme so anders? Die Ouvertüre kommt einem schneller vor. Ja und nein, Erich Kleiber ist 1955 nur acht Sekunden langsamer. Currentzis hat (wie das Music Theatre London) nur ein kleines Ensemble, man kann beinahe alle Originalinstrumente einzeln hören. Dies ist nicht der dicke, zähe Orchesterbrei, den Karajan anzurühren pflegte. Sein Ensemble MusicAeterna (und den dazugehörigen Kammerchor) hat Currentzis vor zehn Jahren gegründet. Dass man mit Originalinstrumenten spielt, versteht sich von selbst.

Das Ensemble gehorcht ihm aufs Wort. Schauen Sie sich doch ➱hier einmal das Finale an, in dem Sänger und Orchester mit dem Dirigenten eins werden - oder er mit ihnen. Dem furiosen Finale voraus geht das Contessa, perdono des Grafen Almaviva, das hier besonders schön gelingt. Klingt etwas anders, als bei ➱Fischer-Dieskau und Kiri Te Kanawa. Gut, es ist immer ein Augenblick ergreifender Schönheit, wenn der Graf dieses Contessa, perdono singt: Each time you hear 'Contessa, perdono' at the end of the opera, you understand how our passions and amours, all our dramatic entanglements, all our social and erotic desires and everything that we thought was so important along the way are only a reflection of true, divine, spiritual happiness.

Selbst in der Aufnahme des Music Theatre London vergessen wir (ab ➱Minute 55:50) das quirlige Chaos, vergessen wir, in welch derangiertem Zustand gerade Cherubino und Marcellina auf die Bühne gekommen sind. Das ist die Magie Mozarts. Der Rezensent der New York Times, Anthony Tommasini, war bei Currentzis etwas skeptisch: Still, he and his ensemble milk the moment for maximum sublimity. For all the beauty, it sounds a little inflated. Other interpretive takes are possible. After all, the Count’s contrition is likely to be short-lived. Gut, das wissen wir, die Katze lässt das Mausen nicht. Wir kennen den Grafen. Aber was zählt, ist dieser Augenblick.

Vieles in der Inszenierung von Currentzis klingt anders. Ungewohnt. Wenn Cherubino sein voi che sapete singt, dann sind da plötzlich Koloraturen zu hören. Es klingt, als sei das Patenkind des Grafen völlig neben der Spur. Aber so steht es im Original, versichert uns der Dirigent: What we are used to hearing is rooted in the opera tradition of the 20th century and that tradition was all about simplifying the material, sagt Currentzis. Dass aber nur er allein alle Phrasierungen und tempi Angaben der Originalpartitur richtig verstanden habe, diese Äußerung, die sich im booklet der Sony Aufnahme findet, muss man wohl cum grano salis nehmen.

Currentzis Initialerlebnis mit dem Figaro war eine Aufführung vor Todkranken in einer Moskauer Klinik vor zehn Jahren. Die noch einmal vor ihrem Tod die Schönheit der Mozartschen Musik hören sollten. Seitdem arbeitet er an seinem Mozart Projekt: The radicality of this recording is its precision. It is through strictest discipline that you unlock the perfume, bring the composer's text into real life, create all these colours that are impossible on the stage. This is why we spent such a significant amount of time in the studio – because we were pushing to reach our limits, to jump above our limit and reach a new understanding of this music. That is the privilege of a no-compromise studio recording. There are so many recordings which convey the general spirit of Mozart's music. The only point in making a new one is to give the audience a chance to hear and learn about all the magic which this score holds. I made this recording because I wanted to show what can be achieved if you avoid the factory approach of the classical-music mainstream. My credo is that every performance you give has to be like a pregnancy. You have to dream and you have to wait until the time comes when you see the miracle happening. If you're not like that in music, you lose the central idea of music. Music is not a profession and it's not about reproduction. It's a mission.

Für die Realisierung seines Mozart Projekts (Cosi fan Tutte, Le nozze di Figaro und Don Giovanni) - zu dem es ➱hier einen kleinen Film bei Klassik TV gibt - hatte sich Currentzis von Sony viel Zeit ausbedungen (was René Jacobs schon immer gemacht hat): My credo is that every performance you give has to be like a pregnancy. You have to dream, and you have to wait until the time comes when you will see the miracle happening. Das Ergebnis hat ihm Recht gegeben. Ich hätte hier noch einen hübschen kleinen ➱Werbefilm der Firma Sony. Le Nozze di Figaro kostet bei Amazon 28,97 €. Es lohnt sich, die auszugeben. Für 20,99 bekommen Sie die fünfzig Jahre alte Aufnahme von Otmar Suitner (mit Hilde Gueden, Anneliese Rothenberger, Walter Berry und Hermann Prey), das ist eine andere Welt. Sie können sie ➱hier ganz hören.

Freitag, 28. November 2014

Lieutenant Lindhövel


Ich hatte vorgestern ein langes Telephongespräch mit meinem Freund Jimmy. Er warf mir vor, dass ich mein Talent mit dem Bloggen im Internet verschleudere, ich solle endlich einen Roman schreiben. Jimmy hat keinen Computer, er hasst das Internet. Was Flaubert an Turgenjew schreibt, das könnte auch von ihm sein: Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben: doch eine Flut von Scheiße schlägt an seine Mauern, so dass sie einzustürzen drohen. Ich kenne das Argument schon. Er sagt das seit Jahrzehnten, als ich noch gar nicht wusste, was ein Blog ist: wann schreibst Du endlich einen Roman? Ich antworte ihm immer das gleiche: dass ich kein Talent zum Romanautor habe. Ich könnte einen schlechten Roman schreiben. Aber das will ich nicht, schlechte Romane gibt es schon genügend. Damit wir nicht wie Papageien immer das gleiche Gespräch wiederholten, gestand ich ihm, dass ich ein einziges Mal einen Roman geschrieben hätte. Und ich erzählte ihm die Geschichte, die unter dem Titel Das schwarze Heft im ersten Kapitel meiner Bremensien steht.

Gestern las ich dann im Wikipedia Artikel für den 28. November, dass heute vor 350 Jahren der Bremisch-Schwedische Krieg durch den Stader Vergleich beendet wurde. Das erste, das mir dazu einfiel, war ein Name: Leutnant Lindhövel. Den werden Sie wahrscheinlich nicht kennen, aber wenn man mit sechs Jahren (wenn der Opa Lehrer ist, dann kann man mit sechs lesen und schreiben) Trude Wehes Roman Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen gelesen hat, dann kennt man den Mann schon. In einer alten Chronik mit dem barocken Titel Warhafte, kurtze und einfältige Beschreibung dessen, was sich von anno 1600 bishero in der Kayserlichen Freyen Reichs und Hansestadt Bremen Merkwürdiges zu Kriegs- und Friedenszeiten, auch in andern Begebenheiten zugetragen heißt es über ihn: Der bremische Commandante, Lieutenant Paul Lindhövel, eines Burgers Sohn, wehrete sich mit seinen etwa 130 Soldahten tapfer, schoß mit glüenden Kugeln wacker in die von den schwedischen Soldahten bezogene, der Schantze zu nah gelegene Häuser.... Den Rest lasse ich mal. Sie können sich das denken, die Schweden unter Carl Gustav Wrangel bleiben Sieger. Der Leutnant kommt übrigens in dem Kapitel Das schwarze Heft vor, da dachte ich mir, dass dies zu viel der Fügung sei. Ich muss das jetzt veröffentlichen:

Die siebte Klasse meines Gymnasiums trug keinen hochtrabenden lateinischen Namen wie Quarta. Hier in Bremen wurden die Klassen prosaisch durchgezählt, sechs Jahre Volksschule für alle, und die siebte war dann die erste Klasse des Gymnasiums. Genauer: Allgemeine Volksschule/Oberschule Zweig D. In dieser siebten Klasse mussten wir im Deutschunterricht über unsere Heimatstadt Bremen schreiben. Was immer wir wollten: Erlebtes, Gehörtes, Anekdotisches, alles war erlaubt. Nach kurzem Überlegen legte ich mein Deutschaufsatzheft beiseite und holte aus meiner Schultasche ein neues schwarzes Heft, das ich am Vortag bei der Schreibwarenhandlung Six gekauft hatte (bei diesen Sixens war ich viel lieber als bei den Sixens vom Fischgeschäft, ich mag keinen Fisch). Und dann schrieb ich in rasendem Tempo einen Roman über Bremen, der das Heft von der ersten bis zur letzten Seite füllte.

In der Er-Form geschrieben, sah mein fiktiver Held hinter dem Lärmen und Treiben des Nachkriegsbremens ein anderes, historisches Bremen. Der Mini-Roman endete auf dem Bremer Markplatz, wo mein Held im Lichte der untergehenden Sonne, die sich rot in den Scheiben des Rathauses spiegelte (das musste sein), die Inschrift auf dem Schild des steinernen Rolands liest: Vryheit do ik ju openbar / de Karl und mennich vorst vorwar / desser stede ghegheven hat / des danket gode is min radt. Musste natürlich so pathetisch enden, Roland mit de spitzen knee, segg’ mal, deit di dat nich’ weh? wäre eine Antiklimax gewesen. Ich kassierte dafür 34 Fehler (alles Flüchtigkeitsfehler wegen des hohen Schreibtempos) und den guten Rat meines Klassenlehrers Hermann Bollenhagen, dass ich so etwas nie wieder machen solle. Aber es stand auch eine Eins darunter, weil ich der erste und einzige war, der jemals in der siebten Klasse ein ganzes Schulheft mit einem Roman gefüllt hatte. Ich verdanke Hermann Bollenhagen, der unseren jugendlichen Schwärmereien eine prosaische, nüchterne Vernunft entgegenzusetzen wusste, sehr viel. Ich habe sowieso mit meinen Lehrern in Volksschule und Gymnasium sehr viel Glück gehabt.

Die offiziell angesetzte Stunde zur Feier des Kriegsendes fiel bei Bollenhagen, dessen Kriegsverletzungen man jeden Tag sehen konnte, ohne jede Verherrlichung aus. Trocken und spröde erzählte er, wie er als junger Soldat in Russland mit seiner Kompanie in einen Birkenwald ging und links und rechts von ihm die Soldaten plötzlich tot am Boden lagen. Man sah den Feind nicht, man hörte die Schüsse kaum. Da waren nur dieser Birkenwald, der blaue Himmel eines Spätsommertages und der Tod. Dies war offensichtlich ein anderer Krieg als der Krieg meines Großvaters dreißig Jahre früher in Frankreich. Ich dachte dabei an den kleinen russischen Friedhof, den ich einmal beim Spielen mit meinen Freunden entdeckt hatte. Er lag in einem Birkenwäldchen bei Meyenburg, das wie eine Landzunge in die Äcker hineinreichte. Das war auch an einem Spätsommertag mit blauem Himmel. Viele Lehrer erzählten uns in den fünfziger Jahren ihren ganzen Krieg. Ohne dass wir das wussten, waren wir ihre Therapeuten, die ihnen zuhörten. Aber niemand sprach von den Zwangsarbeitern, die den U-Boot Bunker in Farge gebaut hatten, an Unterernährung und Entkräftung gestorben waren oder von den russischen Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg, die da in dem kleinen Birkenwäldchen lagen, mit Grabkreuzen in kyrillischer Schrift. 

Meinem Romanerstling sollte kein weiterer Roman folgen, ich wusste, dass Bollenhagen recht hatte: dies war grauenhafter Kitsch. Das Elaborat verdankte den Meistern des Realismus des 19. Jahrhunderts, die in der Bibliothek meines Großvaters standen, nicht das Geringste. Aber vieles einem historischen Roman, den ich einmal auf dem Nachttisch meines Vaters gefunden hatte. Von dem weiß ich nur noch, dass er Vryheit do ik ju openbar hieß. Und dass eine historische Figur, ein junger Leutnant namens Lindhövel, darin die Hauptrolle spielte. Ich habe mich nie dafür geschämt, dass mich dieser Roman einmal begeisterte (all normal people need both, classics and trash, hat Shaw einmal gesagt), aber wenige Jahre später wusste ich, dass die wirkliche Literatur aussehen sollte wie Proust oder Joyce. Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Bremen-Roman, Tami Oelfkens Maddo Klüver oder ➱Rudolf Lorenzens Alles andere als ein Held, zuerst gefunden hätte? Allerdings zeigte mein kleiner Roman auch eine gewisse stilistische Nähe zu ➱Friedo Lampe, wenn ich heute das 1949 bei Rowohlt erschienene Buch Ratten und Schwäne in die Hand nehme. Ich muss damals offensichtlich schon Friedo Lampe gelesen haben. Na ja, immature poets imitate, mature poets steal, hat T.S. Eliot geschrieben. 

Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen von Trude Wehe, 1936 im Friedrich Trüjen Verlag in Bremen erschienen, ist vom Markt verschwunden. Mammis Exemplar mit dem angeschmuddelten Leineneinband trägt die Unterschrift meines Opas, den Namen meiner Mutter mit dem Zusatz Weihnachten 1936 und einen späteren Zusatz in der Handschrift meiner Mutter Zum Andenken an Hans Bünte gefallen 1940 vor Rotterdam. Ich weiß nicht, was Hans Bünte meiner damals zwanzigjährigen Mutter bedeutet hat, er war Unteroffizier, knapp 25 Jahre alt, als er starb. Das weiß ich dank des Internets, das auch ein Zwischen-Netz zwischen Vergangenheit und Gegenwart sein kann, und das seinen Namen in einer Liste der Gefallenen eines Bremer Infanterieregiments enthält. 

Lesen Sie weiter im Post ➱Gräber

Donnerstag, 27. November 2014

Jil Sander


Heidemarie Jiline Sander hat heute Geburtstag. Die Hamburgerin, die auf einem Landgut bei Plön oder in Ibiza lebt (die Villa Behrens in Harvestehude hat sie verkauft), war einmal eine Ikone der Modewelt. Man lachte über sie, als sie eine Aktiengesellschaft begründete, deren Kapital nur aus dem Namen Jil Sander bestand. Der Erfolg gab ihr Recht. Zuerst ließ die Frau, die von der Presse auch Lady Cashmere, Gentle Jil, Jil Power oder queen of lean getauft wurde, noch viel in Deutschland fertigen. Sogar im heimatlichen Schleswig-Holstein, aber das ist längst Geschichte. Die Modemarke Jil Sander, gehört inzwischen auch längst anderen. Zuerst Prada, dann einer britischen Holding und jetzt der japanischen Firma Onward Holdings Co. Ltd. Hinter der niemand anderer steckt als Onward Kashiyama, der uns schon in dem Post ➱Maßkonfektion begegnete.

Die Produktionsstätte in Schleswig-Holstein hieß Ellerau. Dort brauchte nichts aufgebaut zu werden, das war zuvor die Produktionsstätte der Damenmantelfabrik von Arthur A. Erlhof gewesen, deren Produkte erle zf hießen. Das Kürzel zf stand für zierliche Frau. Die deutschen Mantelhersteller hatten in den fünfziger und sechziger Jahren eine kurze Blütezeit, als die deutsche Frau noch Mäntel trug. Doch dann kam langsam das große Sterben, das nur wenige (wie zum Beispiel Jobis, die zuerst von Seidensticker gerettet und dann an die Niederländer verkauft wurden) überlebten.

Maris (Hermann Marsian Neumünster), delmod (Delmenhorst) und Erlhof (der noch für ➱Joop gefertigt hatte) blieben auf der Strecke. Als die Textilfabrik in Ellerau schloss, vertickten die Marsians, die einstmals zu den Textilkönigen von Neumünster gehörten, schon Wolldecken auf Kaffeefahrten. Lange währte das Glück in Ellerau nicht, als Jil Sander an Prada verkaufte, war das für die deutsche Fertigung das Ende. In Deutschland fertigt kaum noch jemand Bekleidung. Nur noch der ➱Mann mit dem Affen.

Im Jahre 2005 schrieb Ilka Piepgras in der Zeit einen Artikel mit dem Thema Woran ist Jil Sander gescheitert? Da war Sanders gerade aus ihrer Firma ausgestiegen. Später kehrte sie zurück, stieg wieder aus, and so on. Ich weiß nicht, ob Ilka Piegras Jil Sander trägt, ich weiß eh nicht, wer heute außer magersüchtigen Kindfrauen und italienischen Spargeltarzans überhaupt Jil Sander trägt. Doch Ilka Piepgras' ➱Artikel ist nicht dumm. Und auch ein klein wenig böse. Das Lieblingsbuch von Jil Sander zitierend, serviert uns Ilka Piepgras dieses schöne Zitat als Beschreibung der Modeschöpferin: Wir wollen ohne Zögern einräumen, dass Isabel sehr leicht der Sünde der Selbsterhöhung zum Opfer fiel; (…) sie war gewohnt, meist schon nach flüchtigem Augenschein zu behaupten, sie habe Recht, und zuweilen streute sie sich selber Weihrauch. Das schreibt ➱Henry James über seine Heldin Isabel Archer in dem Roman Portrait of a Lady.

Für die Liebhaber der englischen Sprache (wie Jil Sander) habe ich das Zitat natürlich auch im OriginalIt may be affirmed without delay that Isabel was probably very liable to the sin of self-esteem; she often surveyed with complacency the field of her own nature; she was in the habit of taking for granted, on scanty evidence, that she was right; she treated herself to occasions of homage. Meanwhile her errors and delusions were frequently such as a biographer interested in preserving the dignity of his subject must shrink from specifying. Her thoughts were a tangle of vague outlines which had never been corrected by the judgement of people speaking with authority. In matters of opinion she had had her own way, and it had led her into a thousand ridiculous zigzags. Und das hier ist Nicole Kidman als Isabel Archer. Nicole Kidman soll im wirklichen Leben übrigens Jil Sander tragen. Oder macht dafür Reklame. Reklame ist in diesem business alles.

Wenn auch zu bezweifeln ist, dass Jil Sander trotz des exzessiven minimalistischen Purismus jemals in den Olymp der Modeschöpfer kommt, in dem ➱Charles Frederick WorthPaul PoiretMariano FortunyMadame Grès, ➱Coco Chanel, ➱Christian Dior und vielleicht sogar ➱Heinz Oestergaard jetzt sind, eine Auszeichnung wird man ihr nicht nehmen können. Und das ist neben dem Bundesverdienstkreuz die Auszeichnung vom Verein Deutsche Sprache als Sprachpanscher des Jahres. Und diese Auszeichnung hat sie sich mit dem folgenden Originaltext redlich verdient:

Ich habe vielleicht etwas Weltverbesserndes. Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.

Wie einst Georg Kofler, Geschäftsführer des Fernsehsenders Pro 7 so schön sagte: Ich hasse Anglizismen. Das ist alles Bullshit.

Dienstag, 25. November 2014

Realisten


Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte im Schloss Gottorf zeigt ab heute bis zum 8. März 2015 in einer großen Retrospektive das Werk von Friedel Anderson, der am 6. November sechzig geworden ist. Auf jeden Fall das Werk der letzten zehn Jahre, denn der Titel der Ausstellung ist Friedel Anderson: Licht Blick. Malerei und Graphik 2004–2014.

Schon im letzten Jahr konnte man in Schleswig Bilder des Malers sehen. Da hieß die Ausstellung Norddeutsche Realisten und war ein Riesenerfolg (das Photo hier wurde während der Ausstellungseröffnung gemacht). Man war stolz auf die vierhundert Leute, die zur Eröffnung gekommen waren. Aber vierhundert Besucher waren bestimmt auch an jenem schönen Septembertag 1990 bei der Eröffnung der Ausstellung Realisten der Gegenwart in der Galerie Kirchnüchel. Darüber habe ich schon vor einem Jahr in dem Post, der ➱Friedel Anderson heißt, geschrieben.

Realisten scheinen wieder einmal Konjunktur zu haben. Einen Realismus in der Malerei hat es immer wieder gegeben. Für Roman Jakobson war der Realismus eine Kunstströmung mit dem Ziel, die Realität durch Streben nach einem Maximum an Wahrscheinlichkeit möglichst unverfälscht wiederzugeben. Seine Definition zielte auf den Realismus des 19. Jahrhunderts, auf Courbet und andere. Die Neue Sachlichkeit, den magischen Realismus von ➱Oelze oder ➱Radziwill und den amerikanischen Realismus eines ➱Charles Sheeler oder ➱Edward Hopper kannte er noch nicht.

Irgendwie scheint man hier oben im flachen Land den Realismus zu mögen. Vierzehn Jahre vor der Ausstellung der Realisten der Gegenwart in Kirchnüchel konnte man in der Kunsthalle Kiel auch viele Realisten sehen, diesmal waren es die amerikanischen ➱Photorealisten. So hat sie der Galerist Louis K. Meisel (der mit ihnen gutes Geld verdient hat) genannt: Als mich ein Kunstkritiker fragte, wie ich diese Maler nennen würde, die Kameras und Fotografien als Grundlage für ihren Malprozess nutzen, antwortete ich: ›Ich weiß nicht so recht ... Vielleicht fotografische Realisten ... Nein! Fotorealisten. Die Ausstellung über die amerikanische Kunst wanderte danach in die Nationalgalerie Berlin. Das Katalogbuch Amerikanische Kunst von 1945 bis heute von Dieter Honisch und Jens Christian Jensen ist antiquarisch noch sehr preisgünstig zu finden.

Ich kann mich noch genau an die Eröffnung erinnern, als der Direktor ➱Jens Christian Jensen dem Ministerpräsidenten Stoltenberg, dem ich damals gerade die Rede für die Eröffnung der Moby-Dick Ausstellung in Schleswig geschrieben hatte (lesen Sie ➱hier mehr), etwas vergeblich die amerikanische Kunst näher zu bringen versuchte. Ich habe da Mäuschen gespielt und mich ganz elegant der Gruppe des Ministerpräsidenten angeschlossen. Das war schon sehr komisch, was da geredet wurde. Dass man in Kiel dem Photorealismus gegenüber aufgeschlossen war, hatte man schon bewiesen, als man das riesige Bild (drei mal vier Meter) Saintes Maries de la Mer von Franz Gertsch im Treppenhaus aufhängte.

So realistisch der neue Realismus daherkommt, er bleibt meistens kühl und leer. So wie diese gedeckte Tafel von Friedel Anderson. Kein Vergleich mit dem Spargelbund von Manet, das ➱hier einen Post hat. Wenn der Realismus sich darin erschöpft, eine Photographie mit anderen Mitteln zu sein (und der amerikanische Photo- oder Hyperrealismus ist ja nichts anderes), dann leben die Bilder nicht. Es braucht schon ein wenig mehr. Der englische Maler und Kunstkritiker Roger Fry hat bei den Impressionisten beklagt, dass sie nur die sichtbare Oberfläche gemalt hätten:

Impressionism encouraged an artist to paint a tree as it appeared to him at the moment under particular circumstances. It insisted so much upon the importance of his rendering this exact impression that his work often completely failed to express a tree at all; as transferred to canvas it was just so much shimmer and colour. The 'treeness' of the of the tree was not rendered at all; all the emotion and associations such as trees may be made to convey in poetry were omitted. Er sagt das in einem Kapitel über Manet. Der natürlich von der Kritik ausgenommen wird, weil er kein Impressionist, sondern ein Post-Impressionist ist.

Und natürlich haben die ➱Pinien des Post-Impressionisten Cézanne wohl etwas von dieser Baumhaftigkeit, um die es Fry geht. Es ist eine schwierige Sache mit der 'treeness' of the of the tree. Was ist mit diesen Bäumen, durch die Carl Blechens Waldweg bei Spandau führt? Haben sie genug treeness? Ist die Suche nach dem innersten Gehalt nicht eine Sache der Romantik? Ich halte dafür, dass die Malerei ihrem Wesen nach eine konkrete Kunst ist und einzig in der Darstellung der wirklichen und vorhandenen Dinge bestehen kann. Sie ist eine ganz und gar körperliche Sprache, die sich anstelle von Worten aus allen sichtbaren Dingen zusammensetzt; ein abstraktes, nicht sichtbares, nicht vorhandenes Ding hat im Bereich der Malerei nichts zu suchen, hat Gustave Courbet gesagt.

All die schönen Definitionen der Kunstkritiker, ob es die Realismus Definition von Jakobson oder die Sache mit der treeness bei Fry sind, sind letztlich wenig wert. Man hat es in der Schule gelernt, der Kunst diese Etiketten anzukleben: Klassik, Romantik, Impressionismus, Expressionismus etcetera, doch was hilft es, für das Verständnis eines Bildes? Kann man Hoppers Room by the Sea besser damit verstehen? Es geht um Licht und Luft, oder, wie ➱Jan Hendrik Weissenbruch (der mit seinen realistischen holländischen Kollegen ➱hier einen Post hat) sagte: Licht en lucht, dat is de kunst.

Aber wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Friedel Andersons Kontor (dies ist ein Ausschnitt) wirkt gegenüber Hoppers Room by the Sea wie ein schlechtes Plagiat. Wir schreiben gemeinhin Ben Akiba den schönen Spruch Alles schon mal dagewesen zu (allerdings steht der zuerst in Gutzkows Uriel Akiba), das ist ein schöner Gemeinsplatz. Ebenso wie das Nihil novum sub sole des Predigers. Ich glaube, die Realisten leben nach der Devise, die sich bei Goethe findet: Alles Gescheidte ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen es noch einmal zu denken.

Man hat Friedel Anderson einen Meister des Interieurs genannt. Das kann man tun, wenn man nicht vergisst, dass es da schon andere gegeben hat. Größere. Wie hier Vilhelm Hammershøi mit seinem Bild Støvkornenes dans i solstrålerne aus dem Jahre 1900. Hammershøi hat (wie ➱Lenbach) den Photoapparat benutzt, was die neueren Realisten angeblich nicht mehr tun. Man braucht es nicht, um realistisch zu malen. Als ➱John Singleton Copley seinen Knaben mit dem Eichhörnchen malte, gab es noch keine Photoapparate. Die geheime Formel der Realisten scheint ➱Ezra Pounds Forderung to make it new zu sein. Hammershøi malt (wie gleichzeitig ➱Weissenbruch) die Interieurs der holländischen ➱Maler des 17. Jahrhunderts noch einmal. Der Realismus recycelt ad infinitum.

Aber so nett ich die norddeutschen Realisten finde, und so sehr ich ihr Bemühen um das variatio delectat respektiere, gegen Weissenbruch und seine Kollegen von der Haager Schule sehen sie ein wenig ärmlich und dated aus. Nichts macht den modernen Kunstfreund ratloser als ein 'schönes' Bild, sagt Nikolaus Störtenbecker, der eine Art Pate der norddeutschen Realisten ist. In eine kulturelle Diaspora seien sie verbannt, beklagt er: Wir können aber doch unsere Fähigkeit zu sehen, zu malen, nicht wegoperieren lassen, nur weil sie 'out' ist.

Man hat Friedel Anderson auch den wichtigsten Freiluftmaler Norddeutschlands genannt, einen Experten für Licht und Schatten. Sein Sohn hat ihn einmal den besten Abmaler der Welt genannt, solch hübschen Satz nehmen Journalisten gerne auf. Im Newsportal shz.de hat man ihn gerade Der malende Journalist genannt. Dies Bild hat Anderson im letzten Jahr gemalt, es zeigt Besucher der Schleswiger Ausstellung Norddeutsche Realisten (in der Anderson ja selbst vertreten war). Man fragt sich allerdings: musste das unbedingt gemalt werden?


Sonntag, 23. November 2014

The marriage of Figaro


Bei meinen ➱Aufräumarbeiten stieß ich auf zwei alte Posts, in denen ich beklagte, dass die wunderbar schrägen Operninszenierungen des Music Theatre London nicht als DVD zu finden sind. Die erste dieser Bemerkungen findet sich in dem Post über ➱Don Giovanni:

Leider habe ich die Don Giovanni Aufführung des ➱Music Theatre London vor Jahrzehnten verpasst. Ich finde von denen auch keine DVD im Internet, nur die einzelnen Meinungen von Kennern, die sagen, dass die BBC einfach zu blöd ist, diese herrlichen Aufnahmen auf eine DVD zu pressen. Aber damit ich beweisen kann, dass es die Truppe wirklich gab, bilde ich einmal Jacinta Mulcahy ab. Die zwar nicht soo toll sang, aber hervorragend aussah. Die Truppe glänzte bei ihren Auftritten in Hamburg (übertragen vom NDR) durch völlig schräge Mozart Interpretationen, die auch einer anderen Klientele als dem bürgerlichen Bildungspublikum Spaß machten. Sicher auch dem Kompositeur, dem Herrn Mozart in seinem roten Frack.

Die andere Erwähnung des Music Theatre London steht in dem Post zu ➱Cosi fan Tutte:

Mein allerschönstes Cosi fan Tutte Erlebnis gibt es leider auf keinem Ton- und Bildträger. In den 90er Jahren war die etwas schräge Truppe des Music Theatre London mehrfach mit Mozart Opern nach Hamburg gekommen. Es dirigierte Tony Britten (der gerade die Champions League Hymne komponiert hatte), und das Ensemble bestand aus actor-singers. Schauspielern, die ein wenig singen können oder Sängern, die auch gute Schauspieler sind. Sänger, die nicht schauspielern können, so Britten, gibt es schon genug. Aus der Truppe, die bei Cosi fan Tutte auf der Bühne stand, sind wohl nur Simon Butteriss und Jacinta Mulcahy noch berühmt geworden.

Die Inszenierung verlegt das Stück in den Golfkrieg. Zuerst sind Gugliemo und Ferrando englische RAF Piloten, die sich dann als prollige US Offiziere verkleiden. Man merkt den Engländern an, dass ihnen das so richtig Spaß gemacht hat (hier Simon Butteriss als Ferrando in der Hamburger Aufführung 1993). Der Abend stand dem Boulevard und der Music Hall Tradition näher als der Scala oder der Met. Die leichten sängerischen Defizite wurden durch die Spielfreude wettgemacht. Mozart hätte jede Minute davon gefallen. Ich war hingerissen von Jacinta Mulcahy. Und man muss ja auch erst einmal auf die Idee kommen, dass sich Fiordiligi in schwarzem Mieder (mit Strapsen) vor dem Spiegel aufbrezelt und dabei von der ewigen Liebe singt. Man findet wenig Fiordiligis, die mit schwarzen Strapsen so gut aussehen wie Jacinta Mulcahy damals. Und die auch noch singen können. Ich kann jetzt nur hoffen, dass irgendjemand beim NDR (der alle Auftritte des Music Theatre London im Hamburg aufgezeichnet hatte) jetzt mal ins Archiv stapft und sich ernsthaft überlegt, das Ganze mal auf DVD herauszubringen.

In einer Kundenrezension zu einer nicht mehr lieferbaren Aufnahme von Cosi fan Tutte, die dem ➱Spiegel immerhin eine Besprechung wert war, schreibt ein Rezensent bei Amazon: This is a really fun performance, with acting and singing of equal quality. The performance is updated to an airforce base with dialogue in modern english replacing some of the singing. This makes it much easier to understand and is ideal for newcomers to the opera. It is a great shame that the company has now closed but this is an entertaining record of what they were trying to do, making opera accessible to all. Tja, das war die mit den Strapsen. Habe ich noch auf VHS, aber mein VHS Recorder ist leider kaputt.

Ich kann heute eine kleine Überraschung präsentieren, ich habe nämlich The Marriage of Figaro im Internet gefunden. War vor Jahren, als ich mich wortreich beklagte, noch nicht da. Lassen Sie uns zuvor einen Blick auf eine Seite der Firma Pozzitive werfen: In 1994, producer Dan Patterson came to Pozzitive with a proposal to televise the work of Music Theatre London, an opera company who had hit on the brilliant idea of presenting classic opera - Die Fledermaus, Cose Fan Tutte, Don Giovanni etc with modern day translated and updated librettos, performed by singers who were also actors, and with a small orchestral ensemble. MTL had been touring with great success for many years, under the Musical Direction of Tony Britten and the Stage Direction of Nicholas Broadhurst. Die Produktionsfirma Pozzitive ist, horrbile dictu, auf Comedy spezialisiert. Da ist unser Wolferl Mozart nun gelandet.

Macht nichts. Es ist ja eine opera buffa. Warum nicht einmal so. Die Inszenierung war ein großer Erfolg quer durch Europa. Vor allem, weil man in England ein neues, junges Publikum gewinnen konnte. Es wird englisch gesprochen (die Rezitative sind neu) und gesungen, nicht italienisch. Wenn Cherubino sein Voi che sapete che cosa e amor singt, dann hört man einen anderen Text, als man ihn sonst in einer englischen Aufführung hören würde. Hören Sie ➱hier (ab Minute 9:33) doch einmal Jacinta Mulcahy in der Hosenrolle des Cherubino zu. Das hier sind Mary Lincoln, die sängerisch und schauspielerisch eine überzeugende Susanna gibt, und Harry Burton als Figaro.

In diesem Zimmer des Schlosses spielt ein großer Teil der Handlung. Wir erkennen den Heimtrainer und den Schuhschrank der Gräfin. Der Schuhschrank wird in der Oper übrigens funktional gebraucht (der Heimtrainer auch), wenn Susanne mit einer Stange die Schuhe für die Gräfin (Jan Hartley) herunterangelt. Sind wahrscheinlich alle von Manolo Blahnik. Bevor Cherubino seine Liebeserklärung singt, können wir die Gräfin auf dem Heimtrainer mit dem Porgi amor hören (ab ➱Minute 1:48). Gut, das klingt bei der ➱Callas oder bei ➱Renée Fleming anders, ist aber auch nicht schlecht.

Vieles in dieser Aufführung ist spezifisch englisch. Wenn Cherubino in den Krieg geschickt wird - was Figaro die Gelegenheit gibt - (ab ➱Minute 34) sein Non più andrai, farfallone amoroso zu singen - dann ist dieser Krieg natürlich der Falkland Krieg, das war er in der Cosi fan tutte Inszenierung des London Music Theatre auch. Dass Graf Almaviva (Andrew C. Wadsworth in der Bildmitte) Ähnlichkeiten mit Alan Clark hat (dessen berühmte Diaries am Anfang ins Bild gesetzt werden), ist wohl nur von einem englischen Publikum goutiert worden. Er heißt hier auch nicht Graf Almaviva, sondern Sir Cecil Portico und ist Europaabgeordneter der Konservativen Partei. Cecil Portico klingt ein wenig nach Michael Portillo, der ebenso wie Alan Clark (the most politically incorrect, outspoken, iconoclastic and reckless politician of our times) keine Zierde der Partei war.

Man hat Opern in den letzten Jahrzehnten viel angetan. Werner Schneyder hat in seinem schönen Buch Meiningen, oder, Die Liebe und das Theater witzige Sachen zu einer total bescheuerten Don Giovanni Inszenierung gesagt. Er endet seine Philippika mit den Sätzen: Warum gab es in der Premiere dieser Inszenierung nicht derartige Lachsalven, daß der Dirigent abklopfen mußte? Warum hat der Theaterdirektor nach der Hauptprobe nicht laut gesagt: „Das nicht!" Warum nehmen die Menschen Vertrottelung nicht mehr als Vertrottelung wahr? Und da ich bei Trotteln bin: das hier rechts ist der trottelige Gärtner des Grafen, gespielt von dem Vollblutschauspieler Nigel Planer. Auch Komik will gelernt sein, der über die Bühne irrlichternde Otto Waalkes war in der Fledermaus der Hamburger Staatsoper nicht wirklich komisch.

Schuld ist das Feuilleton, sagt Schneyder. Es setzt die Regisseure unter Druck, auf Gewalt originell sein zu wollen. Damit das Feuilleton über die genialen Einfälle (oder die Auswüchse) des Regietheaters schreiben kann. Ob jemand seine Rolle sprechen oder seinen Part singen kann, das interessiert längst nicht mehr. Aber wenn man wie Zadek in Hamburg die Bühne mit grünem slime übezieht, dann redet man darüber (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Die Engländer fanden das gar nicht so witzig: Zadek’s dreadful Winter’s Tale in Hamburg, with a provincial prose text...stage covered in green ’slime‘, live sheep, and so onUnd wenn Zadek in Bremen den armen Martin Sperr, der mit Jagdszenen aus Niederbayern ein one day wonder war, daran setzt, Shakespeare neu zu übersetzen, obgleich Sperr kaum Englisch konnte, dann kann man trefflich sehr lange darüber reden.

Zadek ist an vielem Schuld, weil plötzlich jeder Regisseur in Deutschland so sein wollte wie Zadek. Aber Zadek hatte lediglich aus England diese vielen kleinen Gags des Boulevardtheaters mitgebracht, statt Tiefsinn Turbulenz, statt sogenannter Werktreue Gag-Serien, konstatierte der Spiegel ➱1964. Doch viele hielten die kleinen billigen Gags (wie die golfspielenden Bischöfe in Held Henry) für große Kunst, und das ist bis heute die Misere des Regietheathers. Denn die Engländer haben da eine ganz andere Tradition, schon Shakespeare machte viele kleine schmutzige Witze (lesen Sie doch einmal ➱William Shakespeare), weil er wusste, dass die prollige Hälfte seines Publikums das goutierte. Wir haben im Barocktheater nur den Pickelhäring (und schon der war ein englischer Import, den die englischen Komödianten mitbrachten). Wir haben nicht Gilbert und Sullivan und die Music Hall, das haben nur die Engländer.

Der Herr im oberen Absatz ist Simon Butteriss, der als Basilio in The Marriage of Figaro etwas untergeht, aber das liegt an der Rolle. In Cosi fan Tutte hatte er mehr Raum für seine Spielfreude. Und da ich Gilbert und Sullivan erwähnt habe, er kann auch einen komischen ➱Major General. Und für Jacinta Mulcahy sind Gilbert und Sullivan auch eine Stufe auf der Karriereleiter gewesen. Zehn Jahre bevor sie in Hamburg die Fiordiligi sang, war sie in Cork in dem ➱Musical Mr Gilbert & Mr Sullivan zu sehen. Und die Mabel in den Pirates of Penzance hat sie im Opernhaus von Cork auch gesungen.

The Marriage of Figaro ist keine abgefilmte Bühnenaufführung. Dies ist für das Fernsehen gedreht, und die Aufführung nutzt die Möglichkeiten. Viele Figuren wenden sich direkt an die Kamera. Wie Harry Burtons Figaro, wenn er sein Se vuol ballare, signor contino (hier bei ➱Minute 7:43) in die Kamera singt. Das hat vielleicht nicht mehr die bedrohliche Brisanz, die Beaumarchais' La Folle Journée, ou Le Mariage de Figaro drei Jahre vor der Französischen Revolution hatte, aber effektiv ist es doch. Er singt in dieser Aufnahme allerdings nicht Se vuol ballare, signor contino, da man ja alle Texte überarbeitet hat. Statt sein Zimmer mit dem Cinque, dieci, venti, trenta (hier bei ➱Minute 3:00) auszumessen, hören wir ihn mit einer Fernbedienung in der Hand TV, video, HiFi, CD singen.

Leider ist es um das Music Theatre London sehr, sehr still geworden. Als sie begannen, sah es bei denen wahrscheinlich so aus wie auf diesem Szenenbild des Zimmers, das der Graf dem jungen Paar Susanna und Figaro überlassen hat: The basic idea behind Music Theatre London started as a conversation between Nicholas Broadhurst and Tony Britten whilst they were working as Staff and Musical Directors, respectively, for The National Theatre’s 'Guys and Dolls' in 1985. They discovered a shared passion about finding a means of de-mystifying opera. Putting these ideas into practice they organised a workshop of 'The Marriage of Figaro', presenting it as a music drama with actor-singers, and concentrating on re-establishing the importance of the text by experimenting with a new and colloquial translation. The success of the workshop led to a production at the Croydon Warehouse; and the unanimous acclaim with which it was greeted led almost immediately to a West End transfer to The Ambassadors Theatre.

Since that time MTL has continually questioned the conventional notion that Opera is about a sublime musical experience, which propels the entire production process. It is interesting to note that while “designer Opera” is still prevalent - i.e. big pictures and broad strokes, companies like ENO, Opera North and even the Royal Opera House are gradually coming round to the idea that if Opera is an all-encompassing art form then it had better pay attention to all the constituent elements. MTL, however, continues in the vanguard of the restoration of textual and dramatic values by its insistence on the importance of modern and relevant translations, performed by genuine actor-singers. Accompanied by a chamber group playing new orchestrations that ensure that every word is heard, we are able to present comedies that are actually funny, and tragedies that move and affect an audience in a way that we believe is unique.

Vielleicht ist das verlassene Zimmer ein Symbol für die augenblickliche Lage des MTL. Dabei war das Konzept ja goldrichtig. Weg von der designer Opera - und weg von verstaubten Räumen wie diesem - hin zu einem Mozart für jedermann, dessen Melodien man auf der Straße singt und pfeift (so wie man das mit den Melodien von ➱Weber und ➱Jacques Offenbach auch eines Tages tun wird).

Ich nehme an, dass mit dem designer opera so etwas wie die Salzburger Aufführung von Le nozze di Figaro aus dem Jahr 2006 gemeint sein muss. Ich habe die Inszenierung nicht verstanden, weiß aber noch, dass der Bühnenbildner schwer von kalten weißen Treppenhäusern begeistert war. Und dass mir die Freundin von Herrn Putin in der Rolle der Susanna als eine Fehlbesetzung erschien.

Mozart und die Engländer, das ist eine lange Geschichte. Mozart war ja am Anfang seiner Karriere einmal in England. Der König ➱George war von ihm begeistert. Der junge ➱William Beckford wurde angeblich von Mozart unterrichtet, und angeblich hat Mozart die Melodie, die der kleine William Beckford spielte, später zu Figaros Arie Non più andrai, farfallone amoroso verarbeitet. Wenn diese schöne Geschichte wahr ist, dann liegt die Entstehung von Figaros Hochzeit also in England. Und bei den Engländern ist Mozart immer gut aufgehoben gewesen. Was wäre Glyndebourne ohne ihn?

Wenn Sie ein wenig skeptisch bezüglich der gesanglichen Leistungen des MTL sind, dann können Sie sich natürlich diese schöne Aufführung aus ➱Glyndebourne anschauen, die ich schon in dem Post ➱Hochzeitsvorbereitungen hervorhob. Aber wenn Sie den Mut haben, sich auf ein wenig ham acting einzulassen, dann klicken Sie dies hier an (➱Teil 1, ➱Teil 2 und ➱Teil 3). Wurde in der Produktbeschreibung der VHS Cassette damals angepriesen als: Randy conservative Euro MP Sir Cecil Portico has made amorous advances to his wife's maid, Susanna, while his godson, Cherubino, has made some sleazy advances of his own - to the bored Lady Portico. Worse still, news has been leaked to a reporter from The Sun. But Sir Cecil's wily valet, Figaro, has a plan that should put them all firmly in their place. This is Mozart's grand opera transformed into modern soap opera by the BBC, with an English translation that sets the capers and confusions in a National Trust property.

Kostet keinen Eintritt. Und Sie brauchen auch weder Frack noch Smoking.

P.S. In einem Kommentar hat rabinovitch1 auf die Aufnahme von Teodor Currentzis mit seinem Ensemble MusicaAeterna (Sony 2014) hingewiesen. Aus irgendwelchen Gründen weigert sich das System, den Kommentar abzudrucken, also weise ich so noch einmal auf diese schöne ➱Aufnahme hin.