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Donnerstag, 8. Mai 2014

Lord Byrons Schuhe


Lord Byron putzt seine Schuhe nicht. Das sagt uns Percy Bysshe Shelley: He was very tall, but so bent that he seemed of ordinary height, and although his figure was so fragile, his bones and joints stood out too much, even grossly. And yet all these details, themselves unbeautiful, still formed an extremely sympathetic being... He was also extraordinary in his dress, for he generally wore a school-boy's jacket, never any gloves, and unpolished shoes and yet, among a thousand gentlemen, he would always have seemed the most accomplished. Wenn der junge Lord seine Schuhe nicht putzt, dann gibt es einen anderen, der das tut. Und der heißt John Arnaud Robin Grey (Jock) Murray. Er ist der sechste in einer berühmten Verlegerfamilie, die einst Byrons Werke verlegte.

Dass der Verleger und Byron Sammler Jock Murray die schwarzen Stiefel Byrons putzt, weiß ich aus einem Gedicht von Andrew Hudgins, das Lord Byron’s Boots heißt:

From their display case, John Murray VI removed
his obit said, Lord Byron’s boots from time to time, and smeared
hard black wax on dry two-hundred-year-old leather,
working it into cracks and gouges first burnished
with tallow and lampblack, a job I’d like. Come now, my man,
I want to see those elbows fly! If you think I’ll wear your work
to promenade the most admired and fashionable whores,
you may go to hell and fuck spiders. And back to work I go
on my own boots, blacking scuffs, and buffing scrapes, gouges, cuts,
and time to an elegant but not excessive luster.

Das Gedicht findet sich in der Sammlung A Clown at Midnight, aus der ich ➱Ostern schon das wunderbare Gedicht Princess after Princess zitiert habe. Dieser Cartoon ist von dem berühmten Max Beerbohm, hat den Titel Lord Byron, shaking the dust of England from his shoes. Die schwarzen Stiefel sind wahrscheinlich von William Smith aus Southwell angefertigt. Viele Schuhmacher aus dieser Zeit sind heute noch bekannt. Der Duke of Wellington vertraute George Hoby in der  St. James's Street, der ihm seine geliebten Hessian boots machte. Hoby hatte das Königshaus und die Aristokratie - George ➱Brummell nicht zu vergessen - als Kunden. Den Dandy Brummell hat ➱Lord Byron durchaus bemerkt, hat er doch gesagt: There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell.

Es ist die Zeit, in der die Gentlemen an ihren Schuhen gemessen werden (das tut man heimlich noch heute), und so kann man in einer Schmonzette mit dem Titel Letter from a Rake lesen: Her eyes drifted lower to the highly polished black Hussar boots which clung to his calf muscles. She took a deep breath and tried to turn her head away, but found herself unable. Or was it unwilling? Das hätte Jane Austen nicht zu schreiben gewagt, Sasha Cottman (die ➱hier auch eine nette Seite über den Regency Dandy hat) wagt das natürlich. Verkauft sich wahrscheinlich gut. Hält aber nicht so lange wie die Romane von ➱Jane Austen. Das Buch hier, Sarah Jane Downings Fashion the Time of Janes Austen kann ich uneingeschränkt empfehlen. Ob Sie die Dissertation The Boot and Shoe Trades in London and Paris in the Long Eighteenth Century von Giorgio Riello lesen wollen, müssen Sie selbst entscheiden (Sie finden sie ➱hier).

George Hoby war ein schlagfertiger Mann, der seinen eigenen Handwerkerstolz hatte. Und der ungern das Gemäkel von Kunden an seiner Kunst ertrug. ➱Captain Gronow erwähnt ihn mehrmals in seinen Erinnerungen. Dort findet sich auch die schöne Geschichte, dass der junge Fähnrich Horace Chatham Churchill (der es noch zum General bringen sollte) wutentbrannt in Hobys Laden kommt, um sich über die angeblich mangelhafte Qualität seiner Stiefel zu beschweren. Niemals wieder würde er sich von Hoby ein Paar Schuhe machen lassen: Hoby, putting on a pathetic cast of countenance, called to his shopman, “John, close the shutters. It is all over with us. I must shut up shop; Ensign Churchill withdraws his custom from me.” Das ist nun wirklich witzig.

Captain Gronow weiß auch zu berichten, dass Hoby in dem Augenblick beim Herzog von Kent (dem Vater der späteren Königin Victoria, wir können annehmen, dass die Stiefel auf diesem Bild von Hoby sind) war, als der die Botschaft von Wellingtons Sieg in Vitoria erhielt. Wenn der Herzog seinem Schuhmacher von dem Sieg erzählt, sagt der nur kühl: If Lord Wellington had had any other bootmaker than myself, he never would have had his great and constant successes; for my boots and prayers bring his lordship out of all his difficulties. Das mit dem Beten ist sicherlich wahr, George Hoby war in seiner Freizeit Methodistenprediger. Und er hat seinen Herzog, nach dem heute in England die ➱Gummistiefel wellies heißen, wirklich geliebt. Er hinterließ bei seinem Tod ein Vermögen von 120.000 Pfund, das wären heute Millionen. Ich glaube nicht, dass ein Schuhmacher jemals so viel verdient hat. Julius Harai (der für Max Schmeling und Walter Scheel die Schuhe machte) nicht und Benjamin Kleman wohl auch nicht. John Lobb vielleicht. Manolo Blahnik dank Sex and the City wohl auch.

Aber ich sollte auf Lord Byron zurückkommen. Die italienische Contessa Teresa Guiccioli weiß in ihren Erinnerungen an ihren Geliebten dazu zu sagen, dass Byron ganz normale Füße hatte. Dass er einen Klumpfuß wie Goebbels gehabt habe, ist wohl eine Erfindung seiner Feinde. Teresa Guiccioli zitiert in ihrem ➱Buch eine persönliche Erklärung des englischen Schuhmachers William Swift:

William Swift, bootmaker at Southwell, Nottinghamshire, having had the honor of working for Lord Byron when residing at Southwell from 1805 to 1807, asserts that these were the trees upon which his lordship's boots and shoes were made, and that the last pair delivered was on the 10th of May, 1807. He, moreover, affirms that his lordship had not a club foot, as has been said, but that both his feet were equally well formed, one, however, being an inch and a half shorter than the other. The defect was not in the foot but in the ankle, which, being weak, caused the foot to turn out too much. To remedy this his lordship wore a very light and thin boot, which was tightly laced just under the sole, and, when a boy he was made to wear a piece of iron with a joint at the ankle, which passed behind the leg and was tied behind the shoe. The calf of this leg was weaker than the other, and it was the left leg. 

Interessant ist hier, dass der Schuhmacher William Swift betont, dass es der linke Fuß ist, viele Zeitgenossen und Historiker reden von dem rechten Fuß. So ein Dr. Laurie, der Byron als Kind behandelte. Dann ➱Stendhal (der Byron 1816 in der Mailänder Scala begegenet) und Byrons Freund Trelawny. Für die These mit dem linken Fuß gibt es allerdings gewichtigere Zeugen. Da wäre neben dem englischen Schuhmacher William Swift der Bildhauer Bertel Thorvaldsen (der ➱hier einen Post hat). Der Byron sicherlich genau studiert hat, als er eine Statue von ihm anfertigte. Und dann ist da noch der Dr Julius Michael Millingen, Byrons Leibarzt in Griechenland. Ach, es ist schön, dass wir das mal geklärt haben.

In seinen Jugendjahren war die leichte Deformation für Byron ein Greuel, spätestens seit ➱Mary Chaworth von that little lame boy gesprochen hat. Später konnte er ironisch darüber sprechen: The Morning Post in particular has found out that I am a sort of Richard the third - deformed in mind & body - the last piece of information is not very new to a man who passed five years at a public school. Byron hat in seiner Jugend orthopädische Schuhe getragen, von denen einer erhalten ist. Deshalb konnte er bei dem Cricketmatch zwischen Eton und Harrow auch nicht selbst laufen, sondern hatte einen substituteLord Byron insisted upon playing and was allowed another person to run for him, his lameness impeding him so much.

Falls Sie den Roman The Go-Between (zu dessen Verfilmung es ➱hier einen langen Post gibt) gelesen haben, dann wissen Sie natürlich, was ein substitute ist. Und wenn Sie alles über Cricket wissen wollen, klicken Sie ➱hier. Der Rest des Tages verläuft so, wie es  sich für junge englische Gentlemen gehört: After the match we dined together and were extremely friendly, not a single discordant note was uttered by either party. To be sure we were most of us rather drunk and went to the Haymarket Theatre, where we kicked up a row as you may suppose, with so many Harrovians and Etonians met at one place. Wir haben kein Bild von dem damaligen Spiel, dieses Bild (The Cricket Match between Sussex and Kent at Brighton) ist vierzig Jahre jünger, aber wir können uns vorstellen, dass es am 2. August 1805 auf dem Platz von Thomas Lord ähnlich ausgesehen hat.

Als Byron in Missolonghi im Sterben liegt, klauen ihm die Griechen alles. Auch die Schuhe. Ein Paar Slipper tauchen allerdings nach über hundert Jahren wieder auf. In einem kurzen Artikel im New Yorker vom 16.10.1954 von Peter Tompkins wird die Geschichte erzählt, wie ein australischer Sergeant 1945 in Griechenland von einem Paar Schuhe hört, die Byron gehört haben (ein Paar leichte, schmale, verblasste Pantoffeln in Händen, die Sohlen aus Saffianleder, die Oberseite mit zarter gelber Seidenstickerei und die Spitzen nach orientalischer Mode aufgebogen). In längerer Form findet sich diese Geschichte in dem Band Roumeli von Sir Patrick Leigh Fermor, der Lordos Vyron’s slippers gefunden hat. Die Welt hat sie 2011 unter dem Titel Lord Byrons Schuhe abgedruckt, Sie können die ganze Geschichte ➱hier lesen.

Der Belgier Joseph-Denis Odevaere, der das Bild mit dem toten Byron zwei Jahre nach Byrons Tod plakativ als neoklassizistisches Tableau malte, hat den rechten Fuß Byrons mit einem Laken umhüllt. Warum den rechten? Sagt doch sein Schuhmacher, dass sein linker Fuß die Deformation hatte. Hat Odevaere den toten Dichter wirklich gesehen? Nein, wir können dieses Bild (was manche allerdings tun) nicht als Beweis für Byrons mißgestalteten Fuß nehmen.

Odevaere war nicht in Missolonghi, er war in Brüssel: Dort trat er erneut in engen Kontakt mit seinem einstigen Lehrer David, als dieser sich 1816 in die Emigration nach Brüssel zurückzog, wo er sein Spätwerk schuf. Odevaere hatte sich unmittelbar nach Beginn des Aufstands in Griechenland den belgischen philhellenischen Komitees angeschlossen und war unermüdlich für die Sache der Griechen tätig. Zwischen 1825 und 1829 entwarf er acht großformative Szenen des griechischen Freiheitskampfes, darunter mehrer Historienbilder, die er in Ausstellungen zur Beeinflussung der der öffentlichen Meinung für ein freies Hellas präsentierte.

So steht es im Katalog zur Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums München Das neue Hellas. Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I. Und die Professoren Reinhold Baumstark und Adrian von Buttlar (der ➱hier schon erwähnt wird) werden wissen, was sie sagen. Das Bild mit dem überlebensgroßen Byron sieht aus, als hätte er einfach nur das Bild des toten Hektor von seinem Lehrer  Jacques-Louis David seitenverkehrt kopiert und die Figurengruppe im Vordergrund fortgelassen.

Aber spektakulär inszenierte tote Dichter haben in der Romantik Konjunktur, da fragt man nicht nach dem Wahrheitsgehalt. Und so können wir uns den Tod von ➱Thomas Chatterton und die Beerdigung von ➱Shelley so vorstellen, wie Henry Wallis und Louis Edouard Fournier sie gemalt haben.

Byron (hier eine wunderbare ➱Staffordshire Pottery: George Gordon Noel Byron and the Maid of Athens) hatte ein besonderes Verhältnis zu Schuhmachern. Vielleicht deshalb, weil der junge Mr Patterson (oder Pattison), der ihm in Aberdeen Latein beibrachte, Sohn seines Schuhmachers war: He was the son of my shoemaker, but a good scholar, as is common with the Scotch. Und dem Schuhmacher in Venedig, dessen Haus gerade abgebrannt war, gab er das Geld für den Neubau: The house of a shoemaker, near his Lordship’s residence, in St. Samuel, was burned to the ground, with all it contained, by which the proprietor was reduced to indigence. Byron not only caused a new but a superior house to be erected, and also presented the sufferer with a sum of money equal in value to the whole of his stock in trade and furniture.

Wenn er in English Bards and Scotch Reviewers dichtet:

Ye tuneful cobblers! still your notes prolong,
Compose at once a slipper and a song;
So shall the fair your handiwork peruse,
Your sonnets sure shall please—perhaps your shoes.

dann meint er aber eher Englands Dichter als Englands Schuhmacher. Man sollte die Dichter und die Schuhmacher schon auseinanderhalten (es sei denn, sie sind Schuh-/ macher und Poet dazu). Das schreibt er auf jeden Fall seinem Verwandten Robert Charles DallasYours and Pratt’s protégé, Blackett, the cobbler, is dead, in spite of his rhymes, and is probably one of the instances where death has saved a man from damnation. You were the ruin of that poor fellow amongst you: had it not been for his patrons, he might now have been in very good plight, shoe- (not verse-) making: but you have made him immortal with a vengeance. I write this, supposing poetry, patronage, and strong waters to have been the death of him.
Der arme Blackett bekommt dann noch einen dichterischen Nachruf von ihm: Epitaph for Joseph Blackett, Poet and Shoemaker. Das ist nun wirklich nicht sehr nett:

STRANGER! behold, interred together,
The souls of learning and of leather.
Poor Joe is gone, but left his all:
You’ll find his relics in a stall.
His works were neat, and often found
Well stitched, and with morocco bound.
Tread lightly—where the bard is laid
He cannot mend the shoe he made;
Yet is he happy in his hole,
With verse immortal as his sole. 
But still to business he held fast,
And stuck to Phœbus to the last.
Then who shall say so good a fellow
Was only “leather and prunella”?
For character—he did not lack it; 
And if he did, ’twere shame to “Black-it.”

Es gibt damals noch einen anderen dichtenden Schuhmacher, den Byron auch nicht mag. Der heißt Robert Bloomfield und im Gegensatz zu Joe Blackett hat er sogar richtigen Erfolg. Bis seine Verleger Pleite machen. Aber Byron scheint der Meinung zu sein, dass ein Schuster bei seinen Leisten bleiben soll. Vielleicht hätte er manche seiner Zeitgenossen, die nicht auf einer Public School waren und sich ihre Bildung hart erarbeitet haben, besser beachten sollen. Wie den armen ➱John Clare (Bild), der am Beginn seiner Karriere Byron nachdichtet. Um eines Tages zu erklären: I'm John Clare now. I was Byron and Shakespeare formerly. Aber da ist er schon ein klein wenig wahnsinnig.

Das ist Byron in den Augen vieler ja auch, mad, bad and dangerous to know hat man über den Sohn von Captain John Byron (den man Mad Jack nannte) gesagt. Für seinen Verleger John Murray war er: Wild, audacious, rebellious, ... half mad by nature. So steht es in seinem Buch Lord Byron and His Detractors, ein Buch, das hundert Seiten voller Schmäh der Zeitgenossen enthält.

Byrons Füße und kein Ende. Es ist nicht nur Andrew Hudgins, der über Byrons Schuhe schreibt. Auch ein Amerikaner namens George Greene (a pop-culture Juvenal, whose satiric strain is both trenchant and elegiac) hat gerade einen Gedichtband mit dem Titel Lord Byron's Foot veröffentlicht. Wo es heißt:

That day you sailed across the Adriatic,
wearing your scarlet jacket trimmed in gold,
you stood there on the quarter deck, beglamored,
but we were all distracted by your foot.
Your foot, your foot, your lordship’s gimpy foot,
your twisted, clubbed and clomping foot, your foot.

Das geht mit dem Fuß jetzt so weiter. Sie können das ganze Gedicht ➱hier lesen. Vielen Zeitgenossen ist Byrons Fuß überhaupt nicht aufgefallen. So versichert uns John Galt in ➱The Life of Lord Byron: The sense which Byron always retained of the innocent fault in his foot was unmanly and excessive; for it was not greatly conspicuous, and he had a mode of walking across a room by which it was scarcely at all perceptible. I was several days on board the same ship with him before I happened to discover the defect; it was indeed so well concealed, that I was in doubt whether his lameness was the effect of a temporary accident, or a malformation, until I asked Mr Hobhouse. Aber nun genug von dem Fußfetischismus. Das Einzige, was uns bei Dichtern interessiert, sind ihre Versfüße. Und da findet sich bei Byron kein Makel. Wenn wir ehrlich sind, denken wir bei Byrons Füßen und Byrons Schuhen doch eher an so etwas:









Lesen Sie auch: ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Cliff Roberts, Artisan. Und noch mehr Byron findet sich unter: Shelley, Lord Byron, Dracula, Henry Kirk White, Drachenfels, Sigrid Combüchen, Luxuskutschen und Thomas Moore.

Mittwoch, 24. März 2010

Shelley


Als er in Oxford studiert, sitzt der Sohn eines Landadligen in jeder freien Minute an einem Tümpel und lässt Papierschiffchen über das Wasser treiben: He twisted a morsel of paper into a form that a lively fancy might consider a likeness of a boat, and committing it to the water, he anxiously watched the fortunes of the frail bark, which, if it was not soon swamped by the faint winds and miniature waves, gradually imbibed water through its porous sides, and sank. Er wird die Kunst des Papierschiffchenfaltens perfektionieren und wird immer von Booten aller Art fasziniert sein. Aber er wird niemals lernen, wie man mit einem Segelboot richtig umgeht. Er kümmert sich nicht um solche Petitessen, er ist ein Dichter. Er wird auch niemals die Kunst des Schwimmens erlernen. Während er an seinem Teich in Oxford eine kleine Armada von Papierschiffchen faltet, träumt er sich (wie später, wenn er an der Pinne eines Segelbootes sitzt und dabei Gedichte liest) aus der Wirklichkeit hinweg. In der Zeit, die er mit Träumereien und Papierschiffchenfalten vertändelt, hätten andere einen Segelschein und die Freischwimmerprüfung gemacht. Aber Dichter wie Percy Bysshe Shelley stehen über diesen Dingen. Die schreiben neben dem Spiel mit Papierschiffchen ein Traktätchen über den Atheismus und fliegen damit nach einem halben Jahr in Oxford raus. Und verunglücken dann Jahre später beim Segeln in Italien und ertrinken im Mittelmeer.

Lord Byron dagegen kann richtig segeln. Und er kann auch schwimmen, stundenlang. Kommt nachts aus der Oper, wirft den Frackmantel ab, springt in den Canale Grande und schwimmt nach Hause. Würde er heute nicht mehr tun, ist zu dreckig. Als Shelley England wegen allerlei Skandalen verlässt, schmeißt er sich erstmal an den bewunderten älteren Dichter heran. Der hat England auch gerade wegen allerlei Skandalen verlassen. Aber bei einem echten Lord und berühmten Dichter nimmt man das freiwillige Exil in Italien als Teil des Mythos hin, beim Sohn eines einfachen Baronets, der gut Papierschiffchen falten kann und gerne Dichter sein möchte, ist es eher peinlich. Byron nimmt Shelley mit zum Segeln auf dem Genfer See, bei Sturm und Gewitter. Shelley hat eine Höllenangst. Byron kann da nur lachen, er hat keine Angst. Und er kann schwimmen. Er empfiehlt dem Jüngeren, schwimmen zu lernen.

Shelley möchte nur in einem Boot über das Wasser gleiten, dabei Gedichte lesen und die Welt vergessen. Er kauft sich 1822 ein Boot, das er zuerst Don Juan nennt, nach der Dichtung von Byron. Er könnte sich ja ein Boot mieten, er muss aber unbedingt selbst eins haben, weil Lord Byron auch ein Boot hat. Als er sich von Byron abwendet, tauft er die Don Juan in Ariel um, so etwas bringt nur Unglück. Erst versucht man den Namen Don Juan, den ein gewisser Captain Roberts auf Byrons Geheiß in das Segel gemalt hat, mit Terpentin auszuwaschen, dann schneidet man den Namenszug heraus und flickt das Segel. Das kann ja nichts werden. Den Namen Ariel gibt der Franzose André Maurois auch seiner Shelley Biographie von 1924, die mit unserem romantischen Dichter und Weltverbesserer nicht sehr nett umgeht. Shelley wird mit der Ariel bei einem Gewittersturm verunglücken. Als man seine Leiche Tage später am Strand findet, hat Shelley einen Gedichtband von John Keats in der Tasche seiner Jacke. In der anderen Jackentasche ist ein Band Sophocles. So etwas kann einen schon in die Tiefe ziehen.

Byron und sein neuer Freund Edward Trelawney werden die halb verweste Leiche von Shelley am Strand verbrennen. Danach schwimmt Byron erst einmal stundenlang im Meer. Das Herz von Shelley wird Trelawney aus den Flammen reissen und es Mary Shelley geben, eingepackt zwischen die Seiten von Shelleys Adonais. Mary Shelley wird es ihr Leben lang aufbewahren, es wird mit ihr beerdigt werden. Wenn die Romantiker eins können, dann ist es, einen Kult mit den Toten zu zelebrieren. Wenn auch eine konservative englische Zeitung nach dem Tod von Shelley höhnte Shelley, the writer of some infidel poetry, has been drowned, now he knows whether there is a God or not, nach dem Tod wird Shelley wirklich berühmt. Seine Grab ist auf dem protestantischen Friedhof von Rom. Auf der weißen Steinplatte stehen drei Zeilen von Ariel's Song aus Shakespeares Tempest: Nothing of him that doth fade/ But does suffer a sea-change/ into something rich and strange. John Keats liegt nicht weit von ihm. Der Friedhof ist voll von prominenten Toten, der Sohn von Goethe liegt auch hier.

Lord Byron, mit dem sich Shelley entzweit hatte, wird seinen Freund in einem Brief an seinen Verleger John Murray als without exception the best and least selfish man I ever knew bezeichnen. Ähnliches hatte er Murray schon vier Monate vorher geschrieben. Nein, Byron ist nicht schuld am schlechten Ruf den Shelley in England hat. Er kümmert sich auch um die Witwe. Das Sofa, das sie aus Byrons Villa (wo die Shelleys vorher gewohnt hatten) gerne hätte, das bekommt sie aber nicht, das ist seins. Er kauft ihr aber ein anderes. Eigentlich ist es rührend, wie er sich um sie kümmert. Byron gibt Leigh Hunt (den er nicht ausstehen kann) auch das Geld für Mary Shelleys Heimkehr nach England. Das erfährt Mary aber nie, da Hunt das Geld für sich behält. Jahre nach Byrons Tod wird er in Lord Byron and some of his contemporaries den Dichter, der ihn und seine unerzogenen Kinder (They are dirtier and more mischievous than Yahoos, hatte Byron an Mary Shelley geschrieben) immer durchgefüttert hatte, öffentlich schmähen. Aber diese Schrift markiert auch den endgültigen Untergang von Hunt.

In seinem Liebesgedicht Epipsychidion an die schöne Italienerin Emilia Viviani möchte der Dichter mit seiner Emily über the sea's azure floor in einer bark as an albatross segeln, along the boundless Sea, bis in die Aegaeis. Da ist Shelley nur in seiner Phantasie gewesen. Lord Byron war da wirklich. Ist da auch geschwommen, sogar über den Hellespont. Da gibt es jetzt im Mai zur Zweihundertjahrfeier ein Byron Swim Festival. (Für dichtende Schwimmer oder schwimmende Dichter: alles weitere ➱hier. Der 13. Lord Byron wird auch da sein). Als Byron 1810 über den Hellespont schwimmt, faltet Shelley noch in Oxford Papierschiffchen. Er hätte doch lieber schwimmen lernen sollen.

In der Zeile 591 von Epipsychidion (wenn der Leser diese Zeile erreicht hat, dann ist das Gedicht gottseidank auch gleich zu Ende) stehen die Worte: I pant, I sink, I tremble, I expire! Irgendwie passend für Nichtschwimmer. Mary Shelley konnte nach Shelleys Tod mit großer Befriedigung feststellen, dass die platonisch angebetete Emilia eine ganz ordinäre italienische Tussi war (und das Schwergewicht liegt hier auf ordinär). Shelley betet ständig Frauen an, aber er hat von Frauen in Wirklichkeit keine Ahnung. Das ist bei ihm wie mit dem Segeln.

Dienstag, 19. April 2016

Byron


Während ich dieses schreibe erfahre ich daß mein Vetter, Lord Byron, zu Missolungi gestorben ist. So hat dieses große Herz aufgehört zu schlagen! Es war groß und ein Herz, kein kleines Eyerstöckchen von Gefühlen. Ja dieser Mann war groß, er hat im Schmerze neue Welten entdeckt, er hat den miserabelen Menschen und ihren noch miserableren Göttern prometheisch getrozt, der Ruhm seines Namens drang bis zu den Eisbergen Thules und bis in die brennenden Sandwüsten des Morgenlandes. take him all in all, he was a man. Wir werden sobald nicht mehr seines Gleichen sehen. Byrons Vetter? Spricht hier der Captain George Anson Byron, der gerade der neue Lord Byron ist und wenig später Admiral sein wird?

Nein, hier spricht ➱Heinrich Heine. Für den Byron der einzige Mensch ist, dem er sich verwandt fühlt: Ich brauche eine stürmische, bewegte, abenteuerliche Jugend. Nicht umsonst habe ich mir den anspruchsvollen Titel 'Vetter Byrons' zugelegt. Ich brauche also unbedingt etwas von dem Format dieses revolutionären Titanen, der den 'Manfred' schrieb. Sagt Heine, den man auch schon mal den deutschen Byron genannt hat, in Heinrich Hubert Houbens Buch Gespräche mit Heine. In Wirklichkeit hat er so etwas ähnliches gesagt. Er hat auch einiges von Byron übersetzt. Aber nicht so viel wie der Bremer Bürgermeister ➱Otto Gildemeister.

Wenn es jemanden gibt, der in diesem Blog ein ständiger Gast ist, dann ist das Lord Byron. Am 19. April 2014 (der 19. April ist sein Todestag) gab es den Post ➱Lord Byron. Dem am 8. Mai der schöne Post ➱Lord Byrons Schuhe folgte. Und vorher war da noch viel, viel mehr. Ich liste das mal unten auf. Natürlich könnte ich heute ein Gedicht von Byron nehmen, aber ich nehme einmal Heines Childe Harold. Zwanzig Jahre nach Byrons Tod in den Romanzen veröffentlicht:

Eine starke, schwarze Barke
Segelt trauervoll dahin.
Die vermummten und verstummten
Leichenhüter sitzen drin.

Todter Dichter, stille liegt er,
Mit entblößtem Angesicht;
Seine blauen Augen schauen
Immer noch zum Himmelslicht.

Aus der Tiefe klingt’s, als riefe
Eine kranke Nixenbraut,
Und die Wellen, sie zerschellen
An dem Kahn, wie Klagelaut.


Noch mehr Byron hier: Lord Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo


Sonntag, 22. Januar 2012

Lord Byron


Der Lord hat heute Geburtstag, man sollte es zumindest mal erwähnen. Er ist in diesem Blog schon x-mal erwähnt worden. Unter anderem natürlich in dem Post über ➱Beau Brummell mit dem bezaubernden Satz: There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell. Diese Bemerkung sei nicht ernstgemeint gewesen, sagt ein gewisser Paul Holzhausen 1904 in seinem Buch Bonaparte, Byron und die Briten (mit dem schönen Untertitel Kulturbild aus der Zeit des ersten Napoleon). Der Titel klang vielversprechend, und so hatte ich vor Jahrzehnten in einem Antiquariat drei Mark für das Buch bezahlt. Ich weiß nicht, ob es schwachsinnigere Bücher zu diesem Thema gibt, oder ob diesem lehrerlämpelhaften Historiker aus Bonn namens Dr. ➱Paul Holzhausen die Krone gebührt. Zumindest ein napoleonischer Marschallstab sollte für ihn schon drin sein.

Ich stand vorgestern vor dem Regal, wo Byron und Shelley (und andere Romantiker) einträchtig nebeneinander stehen. Wollte einen Band der Briefe Byrons herausziehen, als mir dieses Buch vor die Füße fiel. Und wie die puritanischen Prediger, die das Werk des Holzwurms auf einer Seite der Bibel zum Anlass nehmen, über genau jenen Satz zu predigen, in dem das Löchlein des Holzwurms ist, dachte ich mir: schreib über Holzhausen!

Lord Byron interessiert den Oberlehrer am Königlichen Gymnasium in  Bonn, den ein zeitgenössischer Rezensent als Stimmungshistoriker bezeichnet (er selbst sieht sich als Stimmungsmaler), erst an zweiter Stelle. Eigentlich nur deshalb, weil der Napoleon verehrt. So wie Paul Holzhausen. Denn Napoleon ist das größte Genie der Menschheit, irgendwann weit dahinter kommt dann Byron. Beau Brummell hat da natürlich keinen Platz. Bonn, am zweiundneunzigsten Jahrestage der Schlacht von Borodino, datiert Holzhausen das Vorwort des in Frankfurt bei Moritz Diesterweg erschienenen Buches. Der Verfasser meint das nicht etwa ironisch! Er ist auf diesem Gebiet versiert, hatte er doch in den Jahren zuvor ➱Napoleons Tod im Spiegel der zeitgenössischen Presse und Dichtung und ➱Heinrich Heine und Napoleon I. publiziert.

Im Vorwort behauptet Holzhausen: Ich besitze die der heutigen Literatenwelt eigene Gabe der Selbstüberschätzung nicht in genügendem Maße, aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Wenn jemand die Gabe der Selbstüberschätzung hat, dann ist es Holzhausen. In diesem Buch mischen sich Geniekult und wilhelminischer Größenwahn zu einer gefährlichen Melange, denn nur der Verfasser (der auch für die Gartenlaube schreibt) hat recht, alle anderen sind doof. Insbesonders der Professor Karl Elze, der Byron nie verstanden hat. Karl Elze, der die deutsche Anglistik begründet hat, ist sicherlich ein verdienstvollerer Mann als Holzhausen gewesen.

Hochmodern sei sein Buch (zusammengetragen mit dem Sammlerfleiß, den man an ihm kennt, so ein Rezensent) versichert uns der Autor. Und verknüpft seine Heldenverehrung Napoleons noch mit Nietzsche. Weil sie mit dem Übermenschentum und der Herrenmoral Friedrich Nietzsches ursächlich in etwa zusammenhängt. Das hat Byron nicht verdient, dass er von den Stimmungsmaler Holzhausen in diese Nachbarschaft gerückt wird. ➱Bonaparte, Byron und die Briten, das zuerst Lord und Imperator heißen sollte, ist ein kurioses und letztlich schlimmes Buch, und es ist so deutsch wie Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher. Die Saat mit Heldenverehrung, Größenwahn und Kulturpessimismus, die hier gesät wird, wird irgendwann aufgehen.

Ich möchte, sozusagen als Unkrautvernichtungsmittel, gegen diese Schriften, ein Buch halten, das dreißig Jahre nach Holzhausens Buch erschien. Es ist von A.G. Macdonnell und heißt Napoleon and his Marshals. Es war lange vom Markt verschwunden, bis es in der Reihe Prion Lost Treasures 1996 wieder aufgelegt wurde. Und prompt mehrfach nachgedruckt wurde.1996 schrieb Englands führender Militärhistoriker John Keegan: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars. A.G. Macdonell ist Schotte, er hat das wunderbare Buch England, Their England geschrieben, was in England (und Schottland) ein ewiger Klassiker ist. Die Beschreibung des dörflichen Cricketspiels in diesem Buch ist in jeder Anthologie der Cricket Literatur abgedruckt. Er hat auch das satirische Autobiography of a Cad geschrieben, was in deutscher Übersetzung die Zensur von Goebbels wohl nur passiert hat, weil man diese Satire für das Portrait eines typischen Engländers hielt.

Nein, Archibald Gordon Macdonell kann schreiben (er hat auch unter Pseudonymen Detektivromane verfasst). Seine 300-seitige Napoleon Biographie ist wahrscheinlich die kürzeste von allen, die amüsanteste ist sie auf jeden Fall. Ein Parforceritt mit dem kleinen Caporal und seinen Marschällen über die Schlachtfelder Europas. Dies ist nicht das Buch eines Historikers, dies ist das Buch eines Schriftstellers. Es gibt keine Bibliographie der benutzten Literatur. Jeder kann eine Hilfskraft im Britischen Museum alle Buchtitel über Napoleon abschreiben lassen, die Liste hinten ins Buch tun und die Leser mit angeblicher Gelehrsamkeit beeindrucken, sagt Macdonell. Aber er sagt auch, dass er für alles einen Beleg hätte. Wir glauben ihm, und es kümmert uns auch nicht. Das Buch endet mit dem Tod des letzten Marschalls 1852 und den Worten Que de souvenirs! Que de regrets! Und an dieser Stelle geht der Leser zurück zum ersten Kapitel und beginnt das Buch aufs Neue zu lesen.

Oder er greift zu Sigrid ➱Combüchens wunderbarem Roman Byron und beginnt, den zu lesen. Immerhin wird in dem Roman ja auch von seinen englischen Verehrern Byrons Geburtstag gefeiert. Und Paul Holzhausen kommt im Roman bestimmt nicht vor. Stell' ich den Holzhausen jetzt zurück ins Regal oder kommt er in die blaue Tonne?

Lassen wir das letzte Wort heute dem Dichter, der in Don Juan die selbstironischen Zeilen schrieb:

Even I—albeit I'm sure I did not know it,
Nor sought of foolscap subjects to be king—
Was reckon'd, a considerable time,
The grand Napoleon of the realms of rhyme


Byron hat (meist anonym) einige Napoleon Gedichte publiziert, in denen seine Haltung zu Napoleon sehr widersprüchlich ist (mehr dazu ➱hier). Ich stelle hier einmal Napoleon's Farewell ein. Das From The French ist natürlich frech gelogen, er hat das Gedicht auf Englisch geschrieben.

Napoleon's Farewell (From The French)

Farewell to the Land where the gloom of my Glory
Arose and o'ershadow'd the earth with her name--
She abandons me now--but the page of her story,
The brightest or blackest, is fill'd with my fame.
I have warr'd with a world which vanquish'd me only
When the meteor of conquest allured me too far;
I have coped with the nations which dread me thus lonely,
The last single Captive to millions in war.

Farewell to thee, France! when thy diadem crown'd me,
I made thee the gem and the wonder of earth,
But thy weakness decrees I should leave as I found thee,
Decay'd in thy glory, and sunk in thy worth.
Oh! for the veteran hearts that were wasted
In strife with the storm, when their battles were won
Then the Eagle, whose gaze in that moment was lasted,
Had still soar'd with eyes fix'd on victory's sun!

Farewell to thee, France!--but when Liberty rallies
Once more in thy regions, remember me then,
The violet still grows in the depth of thy valleys;
Though wither'd, thy tear will unfold it
Yet, yet, I may baffle the hosts that sur­round us,
And yet may thy heart leap awake to my voice
There are links which must break in the chain that has bound us,
Then turn thee and call on the Chief of thy choice!

Ach, ich hätte doch noch ein Postscriptum. Und das betrifft Beau Brummell, den weltbekannten Modenarren (so Holzhausen). Denn natürlich hat Byron recht, wenn er sagt There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell. Weil auch Napoleon und Lord Byron große Dandies waren. Denn warum steckt Napoleon seine Hand auf so vielen Bildern in die Weste? Weil er ein Magengeschwür hat? Weil die Hosen damals keine Taschen haben? Weil er Freimaurer ist? Schön und gut. Es ist aber eher deshalb, weil es eine etablierte Pose des Dandys ist. Ich hätte da für die Modeinteressierten noch einen interessanten Artikel von dem Amerikaner John Clubbe (ehemaliger Präsident der Byron Gesellschaft), der auch ein  Buch über die Wirkung des Byron Portraits von Thomas Sully auf Amerika geschrieben hat. Was natürlich nur eine schlechte Kopie des Bildes von Richard Westall ist, aber sehen Sie ➱selbst. Aber wenn das Buch vielleicht auch nicht so interessant ist, der Artikel über Byron, Bonaparte und Brummell ist es auf jeden Fall. Lesen Sie es selbst: ➱ Bend it Like Byron: The Sartorial Sublime in Byron, Bonaparte, and Brummell, with Glances at Their Modern Progeny.

Sonntag, 19. April 2026

Mad, bad, and dangerous to know


Es ist Sonntagmorgen, und ich habe keine Lust zu schreiben. Aber ich kann den Todestag von Lord Byron nicht ohne einen kleinen Post vorbeigehen lassen. Und deshalb gibt es heute zu unserem Baron, den Lady Caroline Lamb Mad, bad, and dangerous to know nannte, nur sein berühmtestes Gedicht She Walks in Beauty und drei Übersetzungen. Und Links zu allen Byron Posts im Blog. Mehr nicht. Kann auch mal sein.

She Walks in Beauty 


She walks in beauty, like the night 

Of cloudless climes and starry skies, 

And all that's best of dark and bright 

Meets in her aspect and her eyes; 

Thus mellow'd to that tender light 

Which Heaven to gaudy day denies.



One shade the more, one ray the less, 

Had half impair'd the nameless grace 

Which waves in every raven tress

Or softly lightens o'er her face, 

Where thoughts serenely sweet express 

How pure, how dear their dwelling-place. 



And on that cheek and o'er that brow 

So soft, so calm, yet eloquent,

The smiles that win, the tints that glow,

But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent.


Die erste Übersetzung ist von Adolf Böttger, den man einmal den vergessenen Poeten der Romantik genannt hat. Er hat den ganzen Byron ins Deutsche übersetzte, und Byron hat auch seine eigenen Gedichte beeinflusst:

Sie geht in Schönheit, gleich der Nacht
In wolkenlosem Sternenlicht;
Des Schattens und des Lichtes Pracht
Eint sich in ihrem Angesicht;
Aus dem ein milder Schimmer lacht,
Der stets dem grellen Tag gebricht.

Ein Strahl hinweg, ein Schatten mehr,
Und fort würd’ auch die Anmut sein,
Die aus dem Rabenlockenmeer
Die Stirn umglänzt mit sanftem Schein,
Wo die Gedanken süß und hehr
Verkünden, dass ihr Wohnsitz rein.

Und auf der Stirn, dem Wangenpaar,
Spricht von dem reinsten Jugendmut
So sanft beredt, so ruhig klar
Des Lächelns Reiz, der Farben Glut,
Von einem Herzen wunderbar,
Wo Liebe voller Unschuld ruht
.

Das Rabenlockenmeer gefällt mir ganz besonders. Das ist besser als der Flechten Rabenton in der →Übersetzung von dem württembergischen Oberst Adolf Seubert. Den ich aber unbedingt nennen muss, weil er der erste Übersetzer von Carl Jonas Love Almqvist war, der hier schon in den Posts Giuseppe Verdi und Sexuelle Revolution vorkommt. 

Die zweite Übersetzung ist von dem Bremer Otto Gildemeister. Der mehrfache Bürgermeister seiner Heimatstadt ist wohl der gebildetste Bremer im 19. Jahrhundert gewesen. Er ist in diesem Blog schon häufig erwähnt worden, irgendwann komme ich noch mal dazu, einen längeren Post über ihn zu schreiben. Schon als Schüler hatte er damit begonnen, sich an Übersetzungen zu versuchen. Am Ende seines Lebens hatte er Shakespeares Sonette, Ariosts Der rasende Roland und Dantes Göttliche Komödie übersetzt. Und dazu noch Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Und dann gibt es auch noch diese wunderbaren Essays von ihm, von denen der Rütten und Loening Verlag 1991 eine Auswahl unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht hatte. Die Essays sind aber auch im Projekt Gutenberg zu lesen.

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternenacht;
Vermählt auf ihrem Antlitz sieh'
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht:
Der Dämmerung zarte Harmonie,
Die hinstirbt, wann der Tag erwacht.

Ein Schatten mehr, Licht minder klar,
So wär' die tiefe Anmuth nicht,
Die niederwallt im Rabenhaar
Und sanft verklärt ihr Angesicht,
Aus welchem hold und wunderbar
Die reine liebe Seele spricht.

O diese Wang', o diese Brau'n,
Wie sanft und still und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schau'n!
Ein frommes Wirken früh und spät;
Ein Herz voll Frieden und Vertraun,
Und Lieb', unschuldig, wie Gebet

Meine letzte Übersetzung ist neueren Datums. Der Übersetzer Bertram Kottmann, der in diesem Blog schon einige Male genannt wurde, vor allem, weil ihm die beste Übersetzung von Wordsworths →Daffodils gelungen ist, hat mir freundlicherweise erlaubt, seine Übersetzung hier abzudrucken:

In Schönheit geht sie wie die Nacht,
die wolkenlos und sternbesät;
des Dunkels Glanz, der Helle Pracht
in ihrem Blick und Antlitz steht
und so ein mildes Licht entfacht,
das Himmel grellem Tag verwehrt.

Mehr Schatten, ein gering´res Licht -
getrübet würd' der Liebreiz sein,
der aus den schwarzen Locken spricht,
die Stirn umglänzt in mildem Schein;
und ihr beseelter Blick verspricht,
dass er dort wohne, schön und rein.

Auf ihrer Stirn, der Wangen Paar
spricht mild und still und doch beredt
ein strahlend Lächeln, das fürwahr
für ihre reine Seele steht,
ein Herz aus dem unwandelbar
der Liebe holde Unschuld weht
.

Wenn Sie den Übersetzer Bertram Kottmann kennenlernen wollen, dann kann ich seine →Seite sehr empfehlen, eine Schatztruhe der Übersetzung. Die Oxford University Press hatte zum zweihundertsten Todestag von Byron The Oxford Handbook of Lord Byron herausgebracht. Das habe ich mir nicht gekauft. Ich vertraue immer auf die →Letters and Journals of Lord Byron: With Notices of His Life, die Thomas Moore 1830 herausbrachte. Ich habe noch eine Erstausgabe des Buches. Von den vielen Romanen, die es über Byron gibt, kann ich Derek Marlowes A single summer with L. B. und Sigrid Combüchens Byron umbedingt empfehlen. 

Und noch mehr Byron findet sich in den Posts: Lord Byrons Schuhe, Shelley, Byron, Lord Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo, Lord Byron, Nachdichtung, das Jahr ohne Sommer, The Vampyre

Donnerstag, 19. April 2018

Nachdichtung


Am 19. April 1824 ist Lord Byron gestorben. Der Dichter ist in diesem Blog ein häufiger Gast gewesen, ich liste die Posts einmal unten auf. Ich habe in meinem Studium eine viersemestrige Romantik Vorlesung gehört, über Keats, Shelley, Byron, the rest of the guys in the band? wie Sergeant Hathaway in der ↝Lewis Folge ↝And the Moonbeams Kiss the Sea so schön sagt. Lord Byron kam in der Vorlesung so gut wie nicht vor. Wahrscheinlich hatte der ↝Professor Angst vor ihm. Oder der Assistent, der ihm die Vorlesung schrieb (und den er an Kollegen zum Rasenmähen auslieh), hatte Byron schlicht vergessen. Ich vergesse unseren Lord natürlich nicht und habe heute ein Gedicht, das den Titel Abschied von England vor seiner Reise nach Lissabon hat:

Leb wohl! leb wohl! im blauen Meer
Verbleicht die Heimat dort.
Der Nachtwind seufzt, wir rudern schwer,
Scheu fliegt die Möwe fort.

Wir segeln jener Sonne zu,
Die untertaucht mit Pracht.
Leb wohl, du schöne Sonn, und du,
Mein Vaterland - gut Nacht!

Mit dir, mein Schiff, durchsegl ich frei
Das wilde Meergebraus.
Frag nicht, nach welchem Land es sei,
Nur trag mich nicht nach Haus!

Seid mir willkommen, Meer und Luft!
Und ist die Fahrt vollbracht,
Seid mir willkommen, Wald und Kluft!
Mein Vaterland - gut Nacht!

Der Übersetzer ist kein Geringerr als ↝Heinrich Heine, ein Dichter, der Byron verehrt hat: Während ich dieses schreibe erfahre ich daß mein Vetter, Lord Byron, zu Missolungi gestorben ist. So hat dieses große Herz aufgehört zu schlagen! Es war groß und ein Herz, kein kleines Eyerstöckchen von Gefühlen. Ja dieser Mann war groß, er hat im Schmerze neue Welten entdeckt, er hat den miserabelen Menschen und ihren noch miserableren Göttern prometheisch getrozt, der Ruhm seines Namens drang bis zu den Eisbergen Thules und bis in die brennenden Sandwüsten des Morgenlandes. take him all in all, he was a man. Wir werden sobald nicht mehr seines Gleichen sehen. Sie können mehr dazu in dem Post ↝Byron lesen. Allerdings findet sich bei Byron kein vierstrophisches Gedicht, das vom Abschied von England handelt. Woher hat Heine das?

Man muss da schon ein wenig suchen, und ein Puzzle zusammensetzen. Die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung vom Jahre 1818 veröffentlichte ein Gedicht von Byron, das zehn Strophen hatte und mit folgenden Sätzen eingeleitet wurde: Unser Reisender – also nicht Held – an idle traveller würde ihn Yorik nennen – geht zu Schiffe. Die Sonne steigt nieder und er singt dem Vaterlande sein Abschiedslied, ein liebliches im ächt romantischen Tone gehaltenes Lied. Diese zehn Strophen waren nichts anderes als der Anfang von Byrons Childe ↝Harold's Pilgrimage. Heinrich Heine macht jetzt - frech oder genial - nichts anderes, als sich zwei Strophen herauszupicken und den Rest wegzulassen, ich habe diese beiden Strophen blau eingefärbt:

Adieu, adieu! my native shore
Fades o’er the waters blue;
The night-winds sigh, the breakers roar,
And shrieks the wild sea-mew.
Yon sun that sets upon the sea
We follow in his flight;
Farewell awhile to him and thee,
My Native Land—Good Night!

A few short hours, and he will rise
To give the morrow birth;
And I shall hail the main and skies,
But not my mother earth.
Deserted is my own good hall,
Its hearth is desolate;
Wild weeds are gathering on the wall,
My dog howls at the gate.

‘Come hither, hither, my little page:
Why dost thou weep and wail?
Or dost thou dread the billow’s rage,
Or tremble at the gale?
But dash the tear-drop from thine eye,
Our ship is swift and strong;
Our fleetest falcon scarce can fly
More merrily along.’

‘Let winds be shrill, let waves roll high,
I fear not wave nor wind;
Yet marvel not, Sir Childe, that I
Am sorrowful in mind;
For I have from my father gone,
A mother whom I love,
And have no friend, save these alone,
But thee—and One above.

‘My father blessed me fervently,
Yet did not much complain;
But sorely will my mother sigh
Till I come back again.’—
‘Enough, enough, my little lad!
Such tears become thine eye;
If I thy guileless bosom had,
Mine own would not be dry.

‘Come hither, hither, my staunch yeoman,
Why dost thou look so pale?
Or dost thou dread a French foeman,
Or shiver at the gale?’—
‘Deem’st thou I tremble for my life?
Sir Childe, I’m not so weak;
But thinking on an absent wife
Will blanch a faithful cheek.

‘My spouse and boys dwell near thy hall,
Along the bordering lake;
And when they on their father call,
What answer shall she make?’—
‘Enough, enough, my yeoman good,
Thy grief let none gainsay;
But I, who am of lighter mood,
Will laugh to flee away.’

For who would trust the seeming sighs
Of wife or paramour?
Fresh feeres will dry the bright blue eyes
We late saw streaming o’er.
For pleasures past I do not grieve,
Nor perils gathering near;
My greatest grief is that I leave
No thing that claims a tear.

And now I’m in the world alone,
Upon the wide, wide sea;
But why should I for others groan,
When none will sigh for me?
Perchance my dog will whine in vain
Till fed by stranger hands;
But long ere I come back again
He’d tear me where he stands.

With thee, my bark, I’ll swiftly go
Athwart the foaming brine;
Nor care what land thou bear’st me to,
So not again to mine.
Welcome, welcome, ye dark blue waves!
And when you fail my sight,
Welcome, ye deserts, and ye caves!
My Native Land—Good Night!

Aus alt mach neu, wir lassen den größten Teil weg, aber auch diese beiden Strophen, die Heine übersetzt, sind ein Stück Literatur.

Noch mehr Lord Byron finden Sie hier: Lord Byron, Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, DrachenfelsDraculaElba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo, das Jahr ohne Sommer

Ich bekam gerade als eine Art Kommentar dieses ↝BBC Video geschickt, in dem Philomena Cunk von einem romantischen Dichter namens Ron redet. Man muss das Gedicht des Professors, den sie interviewt, gesehen haben. Die Szene ist gleich am Angang.

Donnerstag, 18. Mai 2017

The Vampyre


Wenn man seine Memoiren schreibt, ist man wie ein Vampir und saugt die Erinnerung von anderen aus. Der Satz gefällt mir. Ich habe nicht gewusst, dass ich ihn geschrieben habe. Ich hatte nur im Suchfeld von meinem Blog das Wort Vampir eingegeben, und da war dieser Satz im Nachruf auf meinen Klassenkameraden ➱WuddelWenn man seine Memoiren schreibt, ist man wie ein Vampir und saugt die Erinnerung von anderen aus. Aber von den ➱Erinnerungen soll heute nicht die Rede sein, sondern von diesen Blutsaugern der Literatur, die zum ersten Mal vollentwickelt in der Geschichte The Vampyre auftauchen. Deshalb der Titel heute, in genau dieser Schreibweise, mit dem Ypsilon.

Ich war vor Jahren an einem Sonntagnachmittag noch einmal in der Uni gewesen, um korrigierte Klausuren in den Stahlschrank einzuschließen. Als ich das Geschäftszimmer abschloss, sah ich eine Anzahl von Büchern auf dem Tisch neben der Tür liegen. Das war der Ort, wohin jeder seine Bücher legte, die er nicht mehr brauchte. Ich griff mir eins, das Twilight hieß, es war von einer Autorin namens Stephenie Meyer. Ich hatte noch nie von der Frau gehört. Als ich am Montagmorgen Twilight reumütig wieder auf den Tisch legte, gab ich ihr keine großen Aussichten auf eine literarische Karriere. Ich hatte den Roman nicht zu Ende lesen können, weil ich immer wieder diese schrecklichen Lachanfälle hatte.

Das steht schon in dem Post ➱Vampire. Da steht über die Gattung der Vampire aber auch: daß der ganze Lärm von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunklen und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke. Das hat Gerard van Swieten gesagt, den die Kaiserin Maria Theresia nach Mähren geschickt hatte, damit er aufklären sollte, was an den sich häufenden Vampirgeschichten dran ist. Es ist nichts dran, es gibt keine Vampire. Das können wir in Swietens ➱Abhandlung des Daseyns der Gespenster mit einem Anhange vom Vampyrismus lesen.

Die blutsaugende Spezies ist in diesem Blog gar nicht so selten. Da heute vor 120 Jahren der Roman ➱Dracula des irischen Autors Bram Stoker veröffentlicht wurde (der ➱hier schon einen Post hat), möchte ich noch einmal an diese reizenden Wesen, die das Tageslicht, Kreuze und Knoblauch scheuen, erinnern. Und eben auch daran erinnern, dass es schon siebzig Jahre vor Bram Stoker eine Kurzgeschichte mit dem Titel The Vampyre gab, geschrieben in dem ➱Sommer, in dem es nicht hell werden wollte. Man hielt die Geschichte zuerst für ein Werk von Byron, aber es war sein Leibarzt Dr John William Polidori (hier von F.G. Gainsford gemalt), der die erste richtige Vampirgeschichte der Literatur schreibt.

The Vampyre (hier im ➱Volltext) wird schnell in ganz Europa berühmt. Nicht wegen des adligen Vampires Lord Ruthven, sondern weil jeder es für ein Werk von Lord Byron hält. Natürlich möchten das Byron und Polidori das richtigsstellen. Der eine, weil er The Vampyre für Schrott hält, der andere, weil er auch ein wenig vom Ruhm abhaben will. So schreibt Polidori an den den ➱Herausgeber des Morning Chronicle: Sir, As you were the first person to whom I wrote to state that the tale of The Vampyre was not Lord Byron's, I beg you to insert the following statement in your paper. . . . The tale, as I stated to you in my letter, was written upon the foundation of a purposed and begun story of Lord Byron's. . . . Lord Byron, in a letter dated Venice, stated that he knew nothing of the Vampyre story, and hated vampyres. Dass Lord Byron Vampire hasst, gefällt mir ausnehmend. Damn 'the Vampyre'. What do I know of Vampires? It must be some bookselling imposture; contradict it in a solemn paragraph, schreibt Lord Byron an seinen Freund (und Bankier) den Honourable Douglas James William Kinnaird.

Polidoris Vater Gaetano war als politischer Flüchtling nach England gekommen, er hat viel übersetzt. John Milton zum Beispiel. Und den Klassiker der Gothic Novel ➱The Castle of Otranto. Polidoris Übersetzung Il castello di Otranto, gedruckt in London 1795, steht bei mir im Regal. Schön in hellbraunem Leder eingebunden - Sie ahnen schon, dass ich ein kleines Regal zum Thema der schwarzen Romantik habe. Wir können wohl davon ausgehen, dass sein John Polidori Pappis Übersetzung schon früh gelesen hat. Sie können mehr dazu in dem Post ➱Horace Walpole lesen. In dem Post kommt Ursula von der Leyen auch drin vor, nicht wegen fehlerhafter ➱Gewehre oder ➱Munitionsdiebstähle, nein, ihr Vater hatte ein neugotisches Schloss in Leuchtenburg bei Bremen geerbt. So richtig mit Efeu und bröckelndem Mauerwerk.

Polidoris Leben war kurz wie das einer Sternschnuppe. Mit neunzehn war er Doktor der Medizin, seine Dissertation hatte das Schlafwandeln zum Thema, da ist der Weg nicht weit zur Gothic Novel. Er wird Lord Byrons Leibarzt und versucht, ihn vom Suff abzuhalten. Das ist der Sommer, wo die englischen Dichter der Romantik in der Villa Polidori hocken und es draußen nicht hell wird. Wo Polidori in sein Tagebuch schreibt: As soon as he reached his room, Lord Byron fell like a thunderbolt upon the chambermaid. Ken Russell hat daraus den Film ➱Gothic gemacht. Lord Byron mag seinen Arzt nicht so besonders, er nennt ihn Pollydolly. Die beiden Herren trennen sich in Genf. Zum Verhältnis von Byron und Polidori hätte ich hier einen sehr witzigen ➱Essay von Carrie Frye. Polidori wird noch zwei andere Werke schreiben ➱Ernestus Berchtold: The modern Oedipus und ➱The Fall of the Angels: A sacred poem. Die Werke hinterlassen in der literarischen Welt keine größeren Spuren. Polidori stirbt 1821 durch die eigene Hand. Er wird das nicht mehr erleben, was er angerichtet hat.

Ein Jahr vor seinem Tod wird in Paris das Theaterstück Le Vampire von Charles Nodier aufgeführt, das ein gewisser Heinrich Ludwig Ritter in sein Theaterstück Der Vampyr oder die Todten-Braut (1822) umarbeitet, ein romantisches Schauspiel in drei Acten; in Verbindung eines Vorspiels: Der Traum in der Fingalshöhle. Unter dem gleichen Titel erscheint wenig später ein Roman (➱Volltext) von Theodor Hildebrand. Und auf der Basis des Theaterstücks von Heinrich Ludwig Ritter schreibt Wilhelm August Wohlbrück das Libretto für Heinrich Marschners romantische Oper. Und das ist noch nicht genug, auch ➱Peter Joseph von Lindpaintner bringt 1828 einen Vampyr auf die Bühne, eine Oper, die heute noch manchmal gespielt wird. Marschners Vampyr können Sie bei ➱YouTube in zwei Teilen hören.

Das alles ist ein wenig verwirrend, wir merken uns mal einfach: kaum ist die Geschichte The Vampyre auf dem Markt, wird geklaut und recycelt. Weil man glaubt, dass sie von Byron ist. Es ist eine Geschichte, die man offensichtlich ad infinitum recyceln kann. Bis zu Bram Stoker. Bis zu Anne Rice und Stephenie Meyer. Oder bis zu diesem Höhepunkt der amerikanischen Pornoindustrie, dessen deutscher Verleihtitel Liebling, du beißt so gut war. Das war ein Porno, der Film, in dem Catherine Deneuve (ganz oben) einen lesbischen Vampir spielt (➱The Hunger), sollte kein Porno sondern Kunst sein. Ist aber nur ein schlechter Porno, dann doch lieber Seka, Serena oder Kay Parker in ➱Dracula Sucks.

Es geht ja immer um Sex in diesen Geschichten, oder wenn wir es vornehmer sagen wollen: eros und thanatos. Ich zitiere mal eben den Schluss des ersten Teils des Romans Der Vampyr oder die Todten-Braut von Theodor Hildebrand:

Welche Ueberraschung! Nicht Helene befindet sich hier, sondern die unerklärbare Lodoiska! Sie geht mit langsamen Schritten auf und nieder, aber scheint nichts desto weniger in der größten Ungeduld zu sein; bald blickt sie auf das Bett, in welchem das kranke Kind ruht, bald auf den Mond, der in einem völlig wolkenleeren Himmel immer höher steigt ..... Jetzt schlägt die Schloßuhr zwölfe! ..... In demselben Augenblicke werden Lodoiska’s Gesichtszüge völlig entstellt, und eine schreckliche Freude scheint ihre Muskeln zusammenzuziehen; mit der größten Heftigkeit reißt sie sich den Handschuh ab und stürzt sich wie wüthend über das Bett her. Hier legt sie ihren Mund auf den des Kindes und scheint mit langen Zügen das Blut zu trinken, das sie aus der Brust und von da aus allen Adern dieses unglücklichen Wesens hervorsaugt! —
     Dieß ist zu viel für den guten Werner. Sollte er auch sein Leben verlieren, er kann dieses schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen; er spannt eine seiner Pistolen, reißt die Thür mit Gewalt auf, und stürzt sich auf das Ungeheuer los, um ihm den Lohn für seine Verbrechen zu geben.
     „Endlich habe ich dich ertappt! rief er aus. Kehre jetzt zur Hölle zurück, und besudele die Erde nicht mehr mit deiner Gegenwart!“ Er drückt seine Pistole auf sie ab, und Lodoiska wird von der Kugel getroffen; aber schneller als der Adler, der in seinem Neste von dem kühnen Jäger überrascht wird, springt sie von dem Lager auf, das sie so eben entweihete.
     — Elender, sagte sie, deine Mühe ist vergebens! du selbst sollst jetzt mein Geheimniß mit in’s Grab nehmen! —
     Ein scharf geschliffener Dolch blitzt in ihrer Hand; Werner giebt zum zweiten Male Feuer, aber die Kugel fährt unschädlich neben Lodoiska vorbei in die Mauer, und in demselben Augenblicke wühlt das mörderische Eisen in seinem Herzen. Ohne einen Laut von sich zu geben fällt Werner todt auf den Fußboden nieder.


Sie werden ➱hier weiterlesen wollen. Man will immer weiterlesen, obwohl es immer wieder die gleiche Geschichte ist. Dr Polidori hat es auch in die Welt des Romans geschafft, so taucht er in Derek Marlowes A Single Summer with L.B. auf. Auch in Tom Hollands The vampyre: The secret history of Lord Byron und in Der kalte Sommer des Doktor Polidori von Reinhard Kaiser ist er die Hauptfigur. Und die Fans der Vampirliteratur werden sicherlich Dr William Polidori's Tonic Water trinken. Ist kein Tropfen Blut drin.

Neben den Posts Dracula und Vampire gibt es in diesem Blog zwei lange Essays zu dem Thema, die Fantasy und Gothick heißen. Legen Sie schon mal Knoblacuh und Kreuze bereit.