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Donnerstag, 1. November 2012

The Red Badge of Courage


The cold passed reluctantly from the earth, and the retiring fogs revealed an army stretched out on the hills, resting. As the landscape changed from brown to green, the army awakened, and began to tremble with eagerness at the noise of rumors. It cast its eyes upon the roads, which were growing from long troughs of liquid mud to proper thoroughfares. A river, amber-tinted in the shadow of its banks, purled at the army's feet; and at night, when the stream had become of a sorrowful blackness, one could see across it the red, eyelike gleam of hostile camp-fires set in the low brows of distant hills.

Ein Romananfang. Es ist früher Morgen. Es ist Krieg. Der Autor lässt vor unseren Augen ein Bild entstehen, mit vielen Farben, geradezu impressionistisch. Der Autor ist vierundzwanzig Jahre alt. Zum Zeitpunkt der Schlacht von ➯Chancellorsville, die er in seinem Roman The Red Badge of Courage beschreibt, war er noch gar nicht geboren. Dennoch werden viele Veteranen des Bürgerkrieges sagen, dass nur jemand, der dabei gewesen sei, so schreiben könne. Schreiben kann er, dieser Stephen Crane. Doch wenn er so überzeugend eine psychologische Studie eines jungen Mannes liefert, der vor dem Schrecken des Krieges in die Wälder flieht - wo hat er das alles her? Bei Ambrose Bierce können wir das beantworten, der war Offizier im Bürgerkrieg. Sein ➯What I Saw at Shiloh konnte er schreiben, weil er bei Shiloh dabei war.

A quarter of a mile further on they found a second surgeon similarly occupied, from whom Van Zandt obtained another deep draught of his favorite medicament, rejecting chloroform with profane politeness. Colburne refused both, and asked for water, but could obtain none. Deep in the profound and solemn woods, a full mile and a half from the fighting line, they came to the field hospital of the division. It was simply an immense collection of wounded men in every imaginable condition of mutilation, every one stained more or less with his own blood, every one of a ghastly yellowish pallor, all lying in the open air on the bare ground, or on their own blankets, with no shelter except the friendly foliage of the oaks and beeches. In the centre of this mass of suffering stood several operating tables, each burdened by a grievously wounded man and surrounded by surgeons and their assistants. Underneath were great pools of clotted blood, amidst which lay amputated fingers, hands, arms, feet and legs, only a little more ghastly in color than the faces of those who waited their turn on the table. The surgeons, who never ceased their awful labor, were daubed with blood to the elbows; and a smell of blood drenched the stifling air, overpowering even the pungent odor of chloroform. The place resounded with groans, notwithstanding that most of the injured men who retained their senses exhibited the heroic endurance so common on the battle-field.

Das konnte Stephen Crane (der heute vor 141 Jahren geboren wurde) nicht schreiben, das steht bei John William DeForest in Miss Ravenel's Conversion. Diese realistischen Schlachtbeschreibungen begründen einen neuen Realismus im amerikanischen Roman. Stephen Crane hätte das lesen können, aber man kann es nicht beweisen, dass ihn dieser Roman beeinflusst hat. Was er gelesen hat, ist auf jeden Fall ➯Tolstoi gewesen, den hat er bewundert. Die Erlebnisse des jungen ➯Fabrice del Dongo auf dem Schlachtfeld von Waterloo (was Tolstoi natürlich gelesen hat) hat er wahrscheinlich nicht gelesen, obgleich man eine Vielzahl von Ähnlichkeiten zwischen La Chartreuse de Parme und The Red Badge of Courage finden kann. Stephen Crane erfindet eine neue Form von Roman, ein wenig Impressionismus (wie bei dem Romananfang) und viel Realismus. Und eine psychologisch dichte Beschreibung des Seelenzustands des jungen Anti-Helden, a psychological portrayal of fear hat er seinen Roman genannt. Er hat eine Vielzahl von Quellen ausgebeutet, hat allen Erzählungen von Veteranen zugehört.

Der Roman, der dreißig Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs erscheint, trifft nicht nur auf begeisterte Kritiker: As Mr. Crane is too young a man to write from experience, the frightful details of his book must be the outcome of a very feverish imagination, schreibt einer von ihnen. Ambrose Bierce sieht in dem Roman nur eine schamlose Ausbeutung seiner Geschichten. Doch viele Kritiker sind der Meinung, dass dem Autor ein großer Wurf gelungen ist, so urteilt die New York Press: At times the description is so vivid as to be almost suffocating. The reader is right down in the midst of it where patriotism is dissolved into its elements and where only a dozen men can be seen, firing blindly and grotesquely into the smoke. This is war from a new point of view.

Was für Stephen Crane besonders zählt, sind die Stimmen aus England. Nicht nur das, was sein Freund ➯Joseph Conrad ihm sagt. Wenn man liest, was ➯George Wyndham oder Edward Garnett über Cranes Roman gesagt haben, muss man erkennen, dass die englischen Literaturkritiker ihren amerikanischen Kollegen weit voraus sind (vielleicht nicht unbedingt dem Journalisten und Romanautor ➯Harold Frederic, der Crane durchaus richtig einschätzte). Mr. Stephen Crane, the author of The Red Badge of Courage, is a great artist, with something new to say, and consequently, with a new way of saying it. His theme, indeed, is an old one, but old themes re-handled anew in the light of novel experience, are the stuff out of which masterpieces are made, and in The Red Badge of Courage Mr. Crane has surely contrived a masterpiece, hatte George Wyndham (der als Offizier der Coldstream Guards den Krieg kennengelernt hatte) geschrieben. Stephen Cranes Roman avanciert zu einem Klassiker der amerikanischen Literatur, one of the finest books of our literature nannte Hemingway ihn, und diesen Status hat der Roman behalten.

Die zeitgenössische amerikanische Literatur war während des Bürgerkrieges und der Zeit der reconstruction sehr zurückhaltend damit, den Krieg zu beschreiben. The Unwritten War hat der amerikanische Professor Daniel Aaron sein Buch über die Literatur des Bürgerkriegs genannt. Gut, wir haben Bierce und DeForest, Melvilles ➯Battle-Pieces und Whitmans Gedichte, aber die literarische Bewältigung des Krieges wird erst kommen: The Red Badge of Courage, Gone with the Wind, ➯The Killer Angels (unbedingt zur Lektüre zu empfehlen) oder Cold Mountain. Und und und - darüber vielleicht ein anderes Mal mehr.

Vor zwei Jahren gab es hier schon einmal einen Post zu ➯Stephen Crane, das hatte ich schon beinahe  vergessen. Aber dies heute kann vielleicht auch nicht schaden. Selbst Klassiker wollen von Zeit zu Zeit wieder ins Gedächtnis gerufen werden.

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