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Dienstag, 4. Februar 2014

Alfred Andersch


Es ist möglich, dachte Gregor, vorausgesetzt, man ist nicht bedroht, die licht stehenden Kiefern als Vorhang zu sehen. Etwa so: offen sich darbietende Konstruktion aus hellen Stangen, von denen mattgrüne Fahnen unterm grauen Himmel regungslos wehten, bis sie sich in der Perspektive zu einer Wand aus flaschenglasigem Grün zusammenschlossen. Die fast schwarz makadamisierte Straße deutete man dann als Naht zwischen den beiden Vorhanghälften; man trennte sie auf, indem man sie mit dem Fahrrad entlang fuhr; nach ein paar Minuten würde der Vorhang sich öffnen, um den Blick auf das Szenarium freizugeben: Stadt und Meeresküste. Da man jedoch bedroht war, dachte Gregor, war nichts wie etwas anderes. Die Gegenstände schlossen sich in die Namen, die sie trugen, vollkommen ein. Sie wiesen nicht über sich selbst hinaus. Es gab also nur Feststellungen: Kiefernwald, Fahrrad, Straße. Wenn der Wald zu Ende war, würde man die Stadt und die Küste erblicken - keine Kulissen für ein Spiel, sondern den Schauplatz einer Drohung, die alles in unabänderliche Wirklichkeit einfror. Ein Haus würde ein Haus sein, eine Woge eine Woge, nichts weiter und nichts weniger. Erst jenseits des Hoheitsgebietes der Drohung, sieben Meilen von der Küste entfernt, auf einem Schiff nach Schweden - wenn es ein Schiff nach Schweden geben sollte -, würde das Meer, zum Beispiel das Meer, sich wieder mit einem Vogelflügel vergleichen lassen, einer Schwinge aus eisigem Ultramarin, die den Spätherbst Skandinaviens umflog. Bis dahin war das Meer nichts anderes als das Meer, eine bewegte Materiemasse, die man zu prüfen hatte, ob sie geeignet war, eine Flucht zu tragen. Nein, dachte Gregor, nicht vom Meer hängt es ab, ob ich fliehen kann. Das Meer trägt. Es hängt von Matrosen und Kapitänen ab, von schwedischen oder dänischen Seeleuten, von ihrem Mut oder ihrer Geldgier ...

Gibt man so etwas Erstsemestern zum Übersetzen? Ich werde das nie vergessen, dass dieser junge, pädagogisch unfähige englische Lektor uns diesen Text in der Klausur des Übersetzungskurses servierte. Die fast schwarz makadamisierte Straße brachte mich zur Verzweiflung. Die Stelle steht in Alfred Anderschs Roman Sansibar oder der letzte Grund. Jeder, der einmal Übersetzungskurse an der Universität gegeben hat, weiß, dass Literaturübersetzungen in Klausuren eigentlich tabu sind. Und Texte wie dieser erst recht. Er bietet ja schon in der Muttersprache gewisse Schwierigkeiten. Ist aber auch ein schönes Beispiel für den Stil von Alfred Andersch, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Der Autor ist in diesem Blog bisher wenig vorgekommen. In dem Geburtstagspost für ➱Arno Schmidt musste er natürlich erwähnt werden. Er taucht auch kurz in dem Post über ➱Erwin Blumenfeld auf. Und in dem langen Post über Antonionis ➱Film Il Grido. Und dann noch bei ➱W.G. Sebald. Auf dessen Privatfeldzug gegen Andersch will ich aber nicht weiter eingehen.

Ebenso alt wie sein Freund Arno Schmidt, war Andersch in der Nachkriegszeit eine wichtige Person der Literaturszene, auch wenn sein erster Roman noch auf sich warten ließ. Denn Sansibar oder der letzte Grund erschien erst 1957. Da war von Schmidt schon ein großer Teil des Werkes auf dem Markt. Seelandschaft mit Pocahontas allerdings mit Hilfe von Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen. Andersch war, wenn man so will, Literaturmanager, bevor er Romancier wurde. Als der autobiographische Text Die Kirschen der Freiheit: Ein Bericht 1952 erschien, sagte Rowohlts Lektor Kurt Wilhelm Marek (der als C. W. Ceram Götter, Gräber und Gelehrte geschrieben hatte) nur siebzig verkaufte Exemplare voraus. Es gab allein siebzig Rezensionen. Von den viertausend Exemplaren der ersten Auflage war die Hälfte nach einem halben Jahr verkauft. Für Heinrich Böll war das Buch für jeden eine Wohltat, der nach 1933 das Denken nicht vergaß. Und es wäre auch ein guter Anfang, wenn man beginnt, Andersch zu lesen. Der Text findet sich unter anderem in einem Band des Walter Verlags in Olten, der Bericht Roman Erzählungen heißt.

Man findet den Band antiquarisch leicht (und preisgünstig), und bis auf Die Rote (von der nur ein Teil unter dem Titel Fabio Crepaz, ein Porträt abgedruckt ist) enthält der Band eigentlich alles, was bis 1964 von Andersch erschienen war. Dazu gibt es noch einen dreißig Seiten langen Essay von Christoph Burgauner  mit dem Titel Zur Romankunst Alfred Andersch - was will man mehr? Anderschs Roman Die Rote ist von Helmut Käutner 1962 verfilmt worden, mit Ruth Leuwerik in der Hauptrolle. Aber der ➱Film kann gegen die Vielschichtigkeit des Romans nicht bestehen. Lediglich Gert Fröbe brilliert in dem Film.

Wenn man Die Kirschen der Freiheit gelesen hat und dazu noch die Briefe an seine Mutter von 1943 bis 1975 liest (aus denen sich Sebald bei seiner bösartigen Attacke auf Andersch wahllos Stellen herausklaubte), dann hat man den Menschen Andersch mit seinen Stärken und Schwächen recht anschaulich vor sich. Was politisches Bewußtsein ist, was es hervorbringt (neben den biographischen Unkosten) bei einem Schriftsteller, zeigt uns das literarische Werk von Alfred Andersch: exemplarisch in seiner Spannweite bewußter und verbindlich-gelebter Widersprüche. Max Frisch hat das in einem anderen Zusammenhang gesagt, es könnte aber auch eine Rezension zu diesem Buch sein.

Und dann sollte man noch seine letzte Erzählung Vater eines Mörders lesen, die er Arno Schmidt gewidmet hat. Sie hat ein Motto von Brecht: Diesen, hör ich, sind wir losgeworden Und er wird es nicht mehr weiter treiben Er hat aufgehört, uns zu ermorden Leider gibt es sonst nichts zu beschreiben Diesen nämlich sind wir losgeworden Aber viele weiß ich, die uns bleiben. Die Erzählung ist die (sicherlich auch autobiographische) Geschichte über einen ungeliebten Lehrer. Hier in der Verfilmung beeindruckend gespielt von Hans Korte.

Der Direktor eines humanistischen Gymnasiums in dieser Geschichte ist niemand anders als der Vater von Heinrich Himmler. Schützt Humanismus denn vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen, sagt Andersch im Nachwort. Wir wissen leider, dass die Anwort auf die Frage nein heißt. Ein Mitschüler von Andersch namens Otto Gritschneder hat erklärt, dass Andersch die Wirklichkeit entstellt habe, dass die Himmlers (bis auf das schwarze Schaf Heinrich) hochanständig und völlig normal gewesen seien. Er verkennt dabei, dass ein Autor die dichterische Freiheit hat, die Wirklichkeit zu verändern. Dies ist nicht die getreue Wiedergabe einer Griechischstunde, dies ist eine Parabel. Die Geschichte hat noch ein zweites Motto, das von Fritz Mauthner stammt: Fast niemand scheint zu fühlen, daß die Sünde, die allstündlich an unseren Kindern begangen wird, zum Wesen der Schule gehört. Aber es wird sich nocheinmal an den Staaten rächen, daß sie ihre Schulen zu Anstalten gemacht haben, in denen die Seele des Kindes systematisch gemordet wird.

Es ist vielleicht weniger bekannt, dass Andersch auch Gedichte geschrieben und Gedichte übersetzt hat. Helmut Heißenbüttel hat zu dem Band empört euch der himmel ist blau: Gedichte und Nachdichtungen 1946-1977 gesagt: Die Summe eines Lebens, von einem Erzähler und Prosaisten im Gedicht gezogen. Wenn Erfahrung heute noch in der Lage ist, sich in strenger Form mitzuteilen, dann ist es hier geschehen. Das finde ich sehr schön. Man kann offensichtlich die Werke von Andersch in zehn Bänden kaufen, bei mir im Bücherregal sieht das nicht so ordentlich aus. Nicht diese schreckliche Gleichförmigkeit, Zufallsprinzip von Büchern, die in einem halben Jahrhundert gekauft wurden. Ist mir lieber so. Aber wie immer die Bücher aussehen: don't judge a book by its cover. Bedenken Sie, dass Thomas Mann im März 1955 an Andersch schrieb: Es sind - für mich - wahre Kostbarkeiten, - Kostbarkeiten der Wahrheit -, in Ihrer Studie... Ach ja, welche Wohltat ist die Stimme des Wissens und der loyaler Intelligenz inmitten des quälenden Geschreis der Dummheit!

Und falls Sie sich immer noch fragen, was denn eine schwarz makadamisierte Straße sei, der schottische Ingenieur John Loudon McAdam, der diesen Straßenbelag erfand, hat einen Wikipedia Eintrag.

1 Kommentar:

  1. Das ist schöner Humor: McAdam = Makadam.
    Ich bau mir jedenfalls einen wirtschaftsweg in Makadambauweise. Da kommt dann ein Schild dran.
    "Gebaut nach Mac Adam Bauweise. Idee: JAY SILVAE"

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