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Dienstag, 1. Dezember 2015

Internetsucht


Gestern legte die DAK Krankenkasse die Ergebnisse einer Studie vor, für die die Gesellschaft für Sozialforschung Forsa im Sommer tausend Eltern befragt hatte: Jugendlichen droht die Internetsucht. Das ahnten wir schon immer. Dagegen hilft nur das Lesen von guten Büchern. Und die Leibeserziehung. Das mit der Leibeserziehung der Jugend lag dem Düsseldorfer Amtsrichter Emil Hartwich (der heute vor 129 Jahren in Berlin starb) besonders am Herzen. Dafür verfasste er Bücher wie Woran wir leiden: Freie Betrachtung und praktische Vorschläge über unsere moderne Geistes- und Körperpflege in Volk und Schule oder Reden über die vernachlässigte Ausbildung unserer Jugend. Und gründete den Zentralvereins für Körperpflege in Volk und Schule und den Düsseldorfer Wanderbund.

Hartwich war nicht nur Jurist und Sportpädagoge, er war auch Amateurmaler. Und im Düsseldorfer Malkasten (diese Künstlervereinigung wird schon in dem Post ➱Washington Crosses the Delaware erwähnt) lernt er eine hübsche junge Frau kennen. Er ist allerdings leider verheiratet. Unglücklich, versteht sich. Sie auch. Ihr Gatte hat jedoch wenig Interesse an Theater und Kunst (obgleich er sehr gut Klavier spielt), der macht in Preußen als Offizier Karriere. Der Rittmeister ist gerade nach Düsseldorf zu den Husaren versetzt worden.

Das Theater lieben sie beide, die junge Frau und der kunstsinnige Amtsgerichtsrat. Man führt in der feinen Gesellschaft von Düsseldorf auch gerne Lebende Bilder auf, ein gesellschaftlicher Brauch, der sich das ganze 19. Jahrhundert im Bürgertum finden lässt. In England reicht diese Mode der tableaux vivants noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Bei einem dieser Feste tritt Emil Hartwich als Fanfan der Husar auf. Wir ahnen schon an dieser Pose, an dieser Lässigkeit, die nicht einstudiert wirkt, dass in Emil Hartwich mehr steckt als ein spießiger preußischer Amtsgerichtsrat.

Wenn sie nicht mit ihm auf der Bühne steht (in der Rolle von Thusnelda), geht die junge Frau mit Hartwich ins Theater. Er malt sie (und ihren Mann und ihre Kinder), beide reiten zusammen aus. Hartwich ist Reserveoffizier, er weiß, wie er auf einem Pferd zu sitzen hat. Die junge Dame wohnt übrigens standesgemäß: die Dienstwohnung des Rittmeisters ist im Ostflügel des Schlosses Benrath. Das ist das Schloss, in dem der Großherzog von Berg, Joachim Murat, residierte. Und wo mein Freund Götz zur Schule gegangen ist, das hat er mir erzählt, nachdem er den Post ➱Joachim Murat gelesen hatte.

Es ist wohl nur eine platonische Beziehung. Man schreibt sich Briefe. Der Ehemann wird später in einer Klageschrift behaupten, die Briefe enthalten den unzweideutigen Beweis, dass die Ehefrau und Hartwich Geschlechtsverkehr gehabt, dass sie getrennt voneinander in der Fantasie die glühende Gemeinschaft fortgesetzt und die Scheidung von ihren beiderseitigen Ehegatten und Verheiratung miteinander geplant haben. Da hatte der Gatte (Bild) offensichtlich die Briefe entdeckt und gelesen. Leider wird man die Frage nach der sexuellen Beziehung nicht beantworten können, die Briefe sind verloren gegangen. Wenn er ihre Briefe kannte, kannte er auch das Tagebuch seiner Frau? In dem wenige Tage vor Hartwichs Tod steht: Trotz Abschied fahre ich mit List noch einmal zu ihm; er bringt mich wieder zurück, springt in der Burgstraße noch einmal halb betäubt aus dem Wagen, zieht mich noch einmal im Überschwang seiner Gefühle an seine Brust – das letzte Mal!

Es kommt, wie es kommen muss. Der Amtsgerichtsrat und Leutnant der Reserve Emil Hartwich (auch dieses Bild zeigt eher den Künstler und Bohemien als den preußischen Beamten) stirbt in einem Duell auf der Berliner Hasenheide. Sie kennen die Geschichte schon. Sie haben sie bestimmt gelesen. Es ist ein Roman, in dem wir Stellen finden wie: Sie hatte, als der Herr sie erhob, seine Augen sehr deutlich gesehen: ganz ungewöhnlich große, ausdrucksvolle, blaue Augen; und förmlich körperlich gefühlt, daß diese Augen, im Vorüberstreifen des Blicks, ein paar Sekunden auf ihr geruht hatten. Oder: Klotilde kam nicht weiter; die Stimme versagte ihr und das Blut schoß ihr in die Wangen: neben ihr stand Stephanie mit einem Herrn, der sich eben tief verbeugte, und in welchem sie trotz der veränderten Kleidung und der andern Beleuchtung sofort jenen Passagier in der entgegengesetzten Ecke des Pferdebahnwagens erkannte.

Ach, diesen Roman meinten Sie gar nicht? Also gut, es gibt neben dem ➱Roman Zum Zeitvertreib von Friedrich Spielhagen noch einen anderen ➱Roman. In dem allerdings die Namen der Beteiligten vom Autor auch ein wenig verändert wurden. Und so ist aus der Baronin Elisabeth von Ardenne (die ihren Geliebten um 66 Jahre überleben wird) keine Klotilde von Sorbitz, sondern eine Effi Briest geworden.

Theodor Fontane hat über die Frauen in seinen Romanen gesagt: Der natürliche Mensch will leben, will weder fromm noch keusch noch sittlich sein, lauter Kunstprodukte von einem gewissen, aber immer zweifelhaft bleibenden Wert, weil es an Echtheit und Natürlichkeit fehlt. Dies Natürliche hat es mir seit lange angetan, ich lege nur darauf Gewicht, fühle mich nur dadurch angezogen, und dies ist wohl der Grund, warum meine Frauengestalten alle einen Knacks weghaben. Gerade dadurch sind sie mir lieb, ich verliebe mich in sie, nicht um ihrer Tugenden, sondern um ihrer Menschlichkeiten, d. h. um ihrer Schwächen und Sünden willen.

Über den Roman Effi Briest wird eines Tages in einem anderen Stück Literatur, das Effis Nacht heißt, die Baronin von Ardenne klagen: Hätte nicht die Wahrheit den Roman überzeugender gemacht: Daß eben nicht ein erfundener Major und Adliger mein Geliebter war, sondern ein Rebell, der zwar sein Geld als Amtsrichter verdienen mußte, aber doch ein kantiger Einzelgänger war, und ein Künstler.

Wenn Sie jetzt noch ein klein wenig internetsüchtig sind, dann lesen Sie in dem Post ➱Ehebruch weiter. Und alles über das Leben von Elisabeth von Ardenne finden Sie ➱hier.

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