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Samstag, 17. Dezember 2016

Esel


Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der käute sich sein Bündel Heu
Gedankenvoll und still entzwei.

Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhaßte Redensarten machen,
Womit man denn bezwecken wollte,
Daß sich der Esel ärgern sollte.

Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

Fangen wir doch einmal mit Wilhelm Busch an, das passt dann auch schön zu diesem Photo. Das liefert uns Google, wenn man Donald Trump und donkey eingibt. Wenn einer die absolute Macht hat, dann kann er alle Ämter besetzen wie er will. Wir sehen das gerade in Amerika. Kaiser Caligula hat einen Esel zum Konsul ernannt und das Volk damit verhöhnt. Wir haben einen Esel als Außenminister, der das deutsche Volk verhöhnt. Das sagte Heiner Geißler damals, als der Außenminister Guido Westerwelle von der spätrömischen Dekadenz gesprochen hatte. Heiner Geißler irrte. Nicht darin, dass Westerwelle ein Esel war, das war schon richtig. Doch Caligula hatte keineswegs einen Esel zum Konsul ernannt. Es war ein Pferd namens Incitatus. Auf jeden Fall erzählt das Sueton in seinem Leben der CaesarenIncitato equo, cuius causa pridie circenses, ne inquietaretur, viciniae silentium per milites indicere solebat, praeter equile marmoreum et praesaepe eburneum praeterque purpurea tegumenta ac monilia e gemmis domum etiam et familiam et supellectilem dedit, quo lautius nomine eius invitati acciperentur; consulatum quoque traditur destinasse. 

Die Unterschiede zwischen Pferd und Esel sind nicht immer so klar auszumachen. Das hier ist Napoleon beim Überqueren der Alpen. Auf jeden Fall auf der Leinwand von Jacques-Louis David. In Wirklichkeit hat Napoleon die Alpen auf einem Lastesel überquert. Nicht vorneweg, ganz weit hinten im Tross. In George Orwells Roman Animal Farm heißt der Diktator Napoleon. In Frankreich wäre so etwas strafbar. Denn die Franzosen haben ein Gesetz, dass niemand sein Schwein Napoleon nennen darf. Von Eseln ist nicht die Rede. Zumindest ist Regine Schindler nie belangt worden, als sie das Buch Der Esel Napoleon geschrieben hat.

Politiker und Esel sind ein eigenes Thema. Das Parlament ist kein Ort für Esel und Fohlen, Affen und Frauen, hat vor kurzem ein iranischer Abgeordneter gesagt. Und ich darf daran erinnern, dass vor Jahren im Zuge der Steuerziehungsaffäre um den französischen Minister Jérôme Cahuzac ein französischer Senator namens Christian Bourquin erklärte, dass er nichts außer einem acht Monate alten katalanischen Esel besitze. Das ist eine schöne Geschichte. Die Franzosen sind immer wieder gut mit solchen Affären, wir haben die Sache mit Elf Aquitaine und den Berluti Schuhen für den Minister noch nicht vergessen. Donald Trump besitzt keinen Esel, aber er kann ständig auf Esel schimpfen. Weil der Esel das Symboltier der Demokraten ist. Das hat der Zeichner Thomas Nast erfunden, dem wir auch den Nikolaus verdanken.

Und das bringt mich zu dieser Karikatur, auch einem Nikolaus, der aber Jahrhunderte älter ist als der rundliche bärtige Herr von Thomas Nast. Das Bild von Jost Amman, das heute im Louvre ist, hat den Titel Saint Nicolas sur un âne costumé en Vielfrass ou glouton. Dieser Nikolaus auf einem Esel ähnelt mehr einem Waldschrat als dem heiligen Nikolaus von Myrna. Diesem Heiligen sind allerdings niemals Esel als Attribute zugeordnet worden, ich habe das ganze Kleingedruckte im achten Band des Lexikon der christlichen Ikonographie gelesen. Aber warum dann dieses Bild im Jahre 1588?

Die Antwort ist einfach: es ist religiöse Propaganda der Reformationszeit. Manchmal werden Volksbräuche von einem Herrscher verboten - so wie der Kinderbischof in England von Heinrich VIII verboten wurde - manchmal funktioniert die Verleumdungskampagne auch ganz gut. Der Heilige Nikolaus kommt aus der katholischen Kirche, er wird verehrt. Im Russischen findet sich das Sprichwort Wenn Gott stirbt, haben wir noch immer den Heiligen Nikolaus. Solchen Aberglauben müssen Protestanten natürlich bekämpfen. Zumal dieser Nikolaus im Volksglauben seltsame Gesellen um sich geschart hat, die man nicht mit einem Gottesmann assoziiert. Und eigentlich auch nicht ins Haus lassen würde. Wie Knecht Ruprecht, Belsnickel und den Krampus, der eher einem Teufel ähnelt (Bild). Die protestantischen Bemühungen, Nikolaus zu verdrängen, zielten teilweise auch darauf ab, ihn mit seinen teuflischen Begleitern wie dem Krampus zu identifizieren und ihn so zur Karikatur werden zu lassen, schreibt Paul Werner in Weihnachtsbräuche in Bayern: Kulturgeschichte des Brauchtums von Advent bis Heilig Dreikönig.

Der Heilige Nikolaus kommt nicht immer auf einem Esel daher wie bei Jost Amman, häufig reitet er ein weißes Pferd (wenn er nach Holland kommt, heißt das Pferd Amerigo und Sinterklaas bringt den Zwarte Piet als Gehilfen mit). Aber ebenso häufig hat er einen Esel, schließlich kann er die Geschenke für die Kinder der Welt nicht alleine tragen. In Holland legten die Kinder am Abend vor dem Nikolaustag Karotten und Heu für den Esel vor die Tür. Solange sie kein Heineken Bier dazu stellen (die Grachtenpisse trinkt ja nur James Bond), ist das in Ordnung. In Tirol stellt man Schnaps (und Schnupftabak) für den ermüdeten Alten vor das Haus, ich weiß aber nicht, ob das wirklich gut für den alten Herrn ist.

So toll das Lexikon der christlichen Ikonographie (von dem ich leider nur den achten Band mit den Heiligen von M bis Z besitze) ist, es hilft uns bei all den Fragen nach dem Brauchtum nicht weiter. Da müssen wir schon die Volkskundler fragen. Als ich vor Jahren Hermann Bausinger, dem Doyen der deutschen Volkskunde, zum Geburtstag gratulierte, war er überrascht und erfreut. Überrascht und erfreut war ich auch, denn diese kleine Einführung in Volkskunde und Popular Culture Studies ist von vielen tausend Lesern gelesen worden. Heute muss ein anderer Volkskundler hervorgehoben werden. Nämlich Werner Mezger, der mit seinem Buch Sankt Nikolaus: zwischen Kult und Klamauk: zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen etwas Fundamentales geleistet hat.

Und was machen unsere Literaturwissenschaftler, sind die etwa untätig geblieben und haben nicht über das Thema des Esels in der Literatur geschrieben? Apuleius' Roman Der goldene Esel ist doch ein Klassiker. Und dann ist da noch der Esel, der bei den Gebrüder Grimm seine Kumpane auffordert, mit ihm nach Bremen zu gehen. Denn: Etwas besseres als den Tod findest du überall. Glücklicherweise hat Jutta Person es mit ihrem Buch Esel: Ein Portrait unternommen, eine kleine Kulturgeschichte des Esels zu schreiben. Der Esel vom Nikolaus ist noch immer auf kitschigen Weihnachtskarten, aber zu Weihnachten brauchen wir Kitsch.

Und den Esel. Schließlich steht er mit dem Ochsen an der Krippe, da darf er nicht fehlen: Tertia autem die nativitatis Domini egressa est Maria de spelunca et ingressa est stabulum et posuit puerum in praesepio, et bos et asinus adoraverunt eum. Tunc ad impletum est quod dictum est per Isaiam prophetam dicentem: «Cognovit bos possessorem suum et asinus praesepe domini sui.» Vielleicht ist der Esel auch ein Engel, hat der Ratzinger angedeutet.


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