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Dienstag, 6. März 2018

Hohehorst


In der Mittelstufe bekamen wir einen neuen Deutschlehrer, der Pedro Ziegert hieß. Eigentlich hieß er ja Peter Ziegert, aber es ging das Gerücht, dass er seine Jugend in Südamerika verbracht habe, wohin seine Eltern aus irgendeinem Grund gezogen waren. Er sah mit seinen schwarzen Haaren und seinen schwarzen Augenbrauen auch ein wenig so aus wie ein Südamerikaner. Auf jeden Fall wie die Südamerikaner im Kino. Von dem etwas exotischen Aussehen abgesehen, war er ein sehr guter Deutschlehrer.

Wie die Nordamerikaner aussahen, das wussten wir, mit denen waren wir groß geworden, schließlich war Bremen eine amerikanische Enklave. Mit Südamerika verband man im Ort immer die Familie ▹Lahusen, der ganze Ort war noch voller Geschichten über sie. Die Lahusens hatten sich im 19. Jahrhundert über die Jahrzehnte ein Stückchen von Südamerika gekauft. Um dann in Gestalt des jüngsten Mitglieds der Familie beinahe den Bremer Staat zu ruinieren. Oder um, wie Alfred Faust sagte, aus dem vergoldeten Sessel im Prunkschloß Hohehorst, im Holzschemel des Bremer Untersuchungsgefängnisses zu landenDies Gebäude hier war einmal das Verwaltungsgebäude der Lahusens, nach dem Krieg diente es den Amerikanern als Zentrum für ihr Bremen Port Command. Bremen war ja zuerst von den ▹Engländern erobert worden, aber die Amerikaner brauchten Bremen und ▹Bremerhaven für ihren Nachschub.

Einer der ersten aus der Familie Lahusen war in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Argentinien gegangen. Er konzentrierte sich auf die Schafzucht und begründete die Firma Lahusen y Cia Ltda, die zum größten Wollexporthaus Argentiniens wurde. Und mit Wolle werden die Lahusens in Bremen ihr Geld machen. In 1920er Jahren produziert Lahusens Konzern ein Viertel der Weltproduktion an Woll-Rohgarnen. Aus steuerlichen Gründen hatten sie ihre Firma Nordwolle (Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei) von Bremen nch Delmenhorst verlegt.

Ich würde Hohehorst nicht unbedingt als Prunkschloss bezeichnen, aber es hatte schon einen Anflug von Größe. Oder Größenwahn. Als wir klein waren, radelten wir dahin und erkundeten das Gelände. Das war immer ein Abenteuer. Der Landsitz in Löhnhorst war unbewohnt, doch in dem eindrucksvollen ▹Torgebäude saß ein Wächter. Der uns aber nie erwischte. Das elektrische Tor funktionierte auch nicht mehr richtig. Heute ist alles für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber wenn man dreizehn ist, Lederhosen trägt und auf ein Abenteuer aus ist, dann sind ein verwilderter Park und ein verfallenes Herrenhaus etwas ganz anderes.

Der Landsitz war noch nicht alt. Das neugotische Schloss wenige Kilometer weiter in Leuchtenburg, in dem die Familie von Ursula von der Leyen gewohnt hatte (und das schon in den Posts ▹Horace Walpole und ▹Gothick vorkommt), war viel älter. Dieses Haus hier mit seinen 107 Zimmern (alle Räume mit Telefonanschluss, auch die Kinderzimmer) und 12 Badezimmern wurde erst 1928-1929 gebaut. Im Eiltempo hochgezogen. Unter der Aufsicht des Architekten Otto Blendermann arbeiteten sieben Architekten, acht Bildhauer und vier Kunstmaler. Heute steht alles leer, hier sehen wir einen Hausmeister beim Inspizieren der Räumlichkeiten.

Otto Blendermann hat auch den Elephanten in Bremen gebaut, der hieß früher ▹Kolonialdenkmal, heißt jetzt Antikolonialdenkmal. Der einzige Sinn von dem roten Elephanten war eigentlich, dass man nachts nach einem Besuch des Bremer Freimarktes darauf kletterte, aber das fällt heute wohl nicht mehr unter political correctness. Die Polizei sah das sowieso nicht so gerne. Blendermann sprach von seinem Bau als von beinahe zeitloser Gediegenheit. Hohehorst ist nicht das einzige Schloss, das zwischen den Weltkriegen gebaut wird, lesen Sie mehr in den Posts ▹Auktionen und ▹Neubauten. Die Autoren von Der Bürgertraum vom Adelsschloss haben in ihrem Buch ein ganzes Kapitel zum Thema Pseudoschlösser des Nationalsozialismus.

Vor den Lahusens waren andere in Löhnhorst gewesen. Das ganze Gelände mit einem kleinen Gutshof war einmal Eigentum der Familie von der Borch (nach denen auch der Straßenzug Borchshöhe seinen Namen hat) gewesen. Denen gehörte auch das Schönebecker Schloss, in dem heute das ▹Heimatmuseum ist, das früher in der ▹Weserstraße war. Auf dem Schlossteich und der Aue konnte man früher im Winter wunderbar ▹Schlittschuhlaufen. Die von der Borchs haben das Schloss in den fünfziger Jahren an das Land Bremen verkauft. Der letzte von der Borch, von dem ich gehört habe, wurde als Nuttenmörder von Frankfurt bekannt. Mit dem Adel ist kein Staat zu machen.

Bevor die Lahusens ihren Prunkbau in die platte Landschaft setzten, war hier schon ein Gut mit Gutshaus, das einer Familie namens Ficken gehörte, die in den Kirchenbüchern seit 1666 erwähnt wird. Einer der letzten aus der Familie, ein Reinert (oder Reinhard) Ficken, hatte als Zuckerfabrikant in Philadelphia ein Vermögen gemacht. Jetzt kommt er zurück in die Heimat. Er lässt sich 1869 als Altersruhesitz ein schlossähnlichem Gutshaus im englischen Stil erbauen (man kann das oben auf dem Bild vielleicht erkennen), der englische Stil ist bei Bremern damals sehr angesagt.

Vor allem bei Bremern, die mit einer Engländerin verheiratet sind. Sie haben es ja mit den prachtvollen Bauten, diese Lahusens. Der argentinische Großgrundbesitzer Gustav Lahusen (der Bruder von Carl) wird sich 1905 in Grabau (Kreis Storman) als ▹Sommerwohnsitz dieses Haus errichten lassen. In einem Stil, den die Engländer im viktorianischen Zeitalter liebten. Das hatte seinen Grund, seine Gattin Ida Mathias war Engländerin. Eine Pastorentochter, deren Familie irgendwann einmal adelig gewesen sein soll.

Reinert Ficken war in Eggestedt geboren, einem Ort, an den ich die angenehmsten Erinnerungen habe. Weil da unser Schullandheim war, mein Opa hatte das Ende der zwanziger Jahren für die Schule erworben. Meine Mutter sagte immer etwas gehässig, dass es ihm mehr darum gegangen sei, eine Bleibe für seine Kameraden vom Stahlhelm zu haben, als dass ihm die Schule am Herzen gelegen hätte. Nach dem Tod von Reinert Ficken verkaufen die Kinder 1883 das 69 Hektar große Löhnhorster Anwesen an Christian Leberecht Lahusen. Der älteste Sohn, Henry Ficken, läßt sich in der Nähe die Villa Waldheim bauen, die heute der ▹Bremer Kirche gehört und als Gemeindehaus genutzt wird.

Der Verkauf des Gutes an den Bremer Großkaufmann Christian Leberecht Lahusen ist wahrscheinlich durch den Baron Knoop, der hier einen ▹Post hat, vermittelt worden. Lahusen hatte schon zuvor eine Villa in der Nähe von Knoops Gut Mühlental (Bild) in St Magnus gekauft, und Knoop hatte sich etliche Ländereien in der Gegend von Löhnhorst gesichert.

Die neureichen Bremer Millionäre der Gründerzeit wollen ihren Status durch eindrucksvolle Bauten dokumentieren. Für die Gartenanlagen wurde Wilhelm Benque gewonnen, der hat den Bremer Bürgerpark entworfen und dem Baron Knoop Knoops Park gebaut (er wird schon in den Posts Parks und Landschaftsgärten erwähnt). Der Park von Hohehorst hat auch eine Grotte, aber keinen Ziereremiten.

Johann Carl Lahusen hatte Armine Mathias, die Schwester der Frau seines Bruders, geheiratet. Sie schenkte ihrem Mann neun Kinder und verwandelte das Haus von Reinert Ficken in eine viktorianische Scheußlichkeit. Aber sie führte auch das Hockeyspiel in Delmenhorst ein, Engländer können nicht anders. Und sie steht wahrscheinlich auch hinter den vorbildlichen ▹Fürsorgemaßnahmen, die es in der Nordwolle gibt. Auch wenn diese vielleicht nur graduell besser waren als die in den anderen Fabriken, durch die Delmenhorst innerhalb weniger Jahre zur größten Industriestadt zwischen Weser und Ems geworden war. Was zu den berüchtigten Delmenhorster Verhältnissen führte, Wohnungsnot, soziale Konflikte und hohe Kriminalität.

In der Lahusen Villa in Delmenhorst auf dem Gelände der Nordwolle (Bild) war der gute Geschmack auch nur außen. Viel Stil ist bei den Lahusens et. al. nicht, zu finden. An die Hamburger Kaufleute, die sich die Palmaille oder neo-klassizistische Villen wie die ▹Henisch Villa bauen lassen, kommen sie nicht heran. Und die, die altes Geld und Kultur haben, besitzen Güter wie Heinekens Park oder ▹Gut Landruhe.

Man hat Carl Lahusen als Mehrer bezeichnet. Er baut die Nordwolle aus, der Grundbesitz und die Schafzucht in Argentinien werfen auch noch etwas ab. Hohehorst ist jetzt nicht nur ein Landsitz, zu dem ständig Ländereien hinzugekauft werden, jetzt wird es eine Art Mustergut für die Landwirtschaft mit einer weit beachteten Rinder- und Schweinezucht und einer Molkerei, die meinen Heimatort Vegesack mit Milch bester Qualität beliefert.

Ein Gründer, ein Mehrer, und nun kommt einer, der alles verjuxt. Er heißt Georg Carl Lahusen, steht auf dem Photo ganz links, stolz mit verschränkten Armen. Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt, hat Bismarck gesagt. Bei den Lahusens gibt es keine Kunsthistoriker, aber immerhin haben sie einen Komponisten in der Familie. Sie verkommen nicht erst in der vierten Generation, sie schaffen das schon in der dritten. An Lahusens 43. Geburtstag kommen ungebetene Gäste in Polizeiuniform ins Herrenhaus Hohehorst und verhaften den Hausherrn, der gerade Präsident der Industrie- und Handelskammer geworden ist, wegen Bilanzfälschungen und Konkursvergehen.

Als er Hohehorst und sein riesiges Bremer Verwaltungsgebäude (das wenig später ▹Haus des Reichs heißen wird) hochzieht, ist er eigentlich längst pleite. Seine Hausbank, die Danat Bank, reißt er mit in den Ruin hinein. Wegen Betrugs, Insolvenzvergehens und persönlicher Bereicherung in den Jahren 1926-1930 wird Georg Carl Lahusen zu fünf Jahren und 50.000 RM verurteilt, sein Bruder Heinz zu 2 Jahren und 9 Monaten Gefängnis, zuzüglich 20.000 RM Geldstrafe. Lahusen haftet mit seinem Privatvermögen, alles andere kommt unter den Hammer. Alfred Faust hat Lahusen als typischen Vertreter der Nachkriegsgeneration der Großkapitalisten, die durch Zufall oder Erbschaft an die Spitze eines Unternehmens gestellt werden, denen aber das nötige Verantwortungsgefühl und Können fehlt bezeichnet. Wo er recht hat, hat er recht.

Der Finanzskandal hat weitreichende Folgen, er ist von manchen Historikern mit der Bankenkrise vor wenigen Jahren verglichen worden, die wir alle noch kennen. Interessieren wir uns heute noch dafür? Wir wissen, es ist immer der Steuerzahler, der die Zeche zahlt. Kennen Sie ihn hier noch? Die ▹HSH, die dem ▹Herrn Kortüm so großzügig Millionen erließ, ist gerade verkauft worden, kostet die Hamburger und die Schleswig Holsteiner Milliarden. Und sie bekommen in dem Deal nicht mal ein kleines Schloss dazu.

Carl Lahusen sitzt seine fünf Jahre nicht ab, nach zwei Jahren ist er wieder draußen. Man weiß erstaunlicherweise wenig über seinen weiteren Lebensweg. Er soll mehrfach versucht haben, wieder ins Geschäft zu kommen, ohne Erfolg. Er stirbt 1973 in Washington. Da ist noch ein anderer Lahusen, aber der ist kein Wirtschaftskrimineller, der ist Gesandter an der deutschen Botschaft. Die Bremer Shakespeare Company (Bild) hat vor Jahren die Pleite von Europas größtem Textilkonzern Nordwolle als szenische Lesung auf die Bühne gebracht. Die Geschichte ist immer noch lebendig.

Das Gut Hohehorst (hier die prunkvollen Lampen am Tor) wird versteigert. Wird Heim für die SS Organisation Lebensborn, amerikanisches Offizierskasino, Tuberkulose Krankenhaus, Drogenklinik. Jetzt hat ist es von einem Immobilienspekulanten gekauft, der es in Luxuswohnungen umwandeln will. Aber wer will da wohnen? Das ZDF hat eine Serie, die Böse Bauten heißt. Man könnte Hohehorst dazuzählen. Der Lokalhistoriker Hans-Werner Liebig hat in jahrzehntelanger Arbeit alles über Hohehorst zusammengetragen. Sie können das ▹hier lesen. Er hat seinen hervorragenden Artikel im Untertitel Ein Anwesen von national-historischer Bedeutung genannt. Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber es ist etwas daran. Man könnte eine kleine deutsche Kulturgeschichte aus Hohehorst machen.

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