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Samstag, 21. Mai 2022

Christine


Sie lehnte sich an dem Geländer weit zurück, um noch etwas von der Sonne aufzufangen. Junge Frauen können ja nicht genug davon bekommen. Es war einer der letzten Tage des Sommersemesters, sie würde in den Ferien in Spanien sein, erzählte sie mir. Sie sprach immer sehr leise, man musste ihr nahe sein, um sie zu verstehen. Es ist, als ob sie in sich versinkt. Sie hat große ausdrucksvolle Augen. Aber soviel Nähe war mir ein wenig unheimlich, so gut kannte ich sie noch nicht. Sie fragte mich, was ich in den Semesterferien machen würde. Arbeiten, sagte ich. Ich mochte ihr nicht sagen, dass ich in den nächsten Wochen eine Uniform tragen würde, ich wusste nicht, welchen Stellenwert Reserveoffiziere der Bundeswehr bei jungen Frauen hatten. Wir verabredeten uns, dass wir uns am ersten Tag des Wintersemesters hier am Dreiecksplatz wiedertreffen würden. Es gab keinen Abschiedskuß, soweit waren wir noch nicht. Wir sind noch beim Sie.

Der Dreiecksplatz ist immer noch da, das eiserne Geländer, das sich ebenso vor dem Lammers findet, auch. Auf der anderen Seite der Straße, vor dem Haushaltswarengeschäft Tom Watson, ist auch ein Geländer. Da hat der Chauffeur von Lubinus mal den nagelneuen Aston Martin seines Chefs bei leichtem Glatteis reingesetzt. Totalschaden. Aston Martin hat den Motor zurückgekauft. Mein Bruder war damals Assistenzarzt bei Lubinus, er rief mich an: Komm hier heute nicht vorbei, hier ist die Hölle los, sagte er. Vielleicht waren auch die Straßenbahngleise Schuld an dem Unfall, damals fuhr hier noch die Straßenbahn. Ich hatte noch kein Auto, ich hatte immer eine Monatskarte. Die Uni war damals noch über die ganze Stadt verteilt, die Kunsthistoriker saßen in der Dänischen Straße, mit der Linie 2 kam man aber elegant von dort zu den Teilen der Uni, die in den alten ELAC Gebäuden beheimatet waren. Die Geschichte mit dem Aston Martin muss ich mal meinem Freund Keith erzählen, der hat nämlich einen. Elegant in grau. Sean Connery hat den mal ein Wochenende zur Probe gefahren, ihn aber doch nicht gekauft. Jetzt fährt Keith den grauen Aston Martin, aber so vorsichtig wie er fährt, wird er den bestimmt nicht am Dreiecksplatz in das Gitter setzen.

Ich war am ersten Tag des Wintersemesters nicht da, ich lag nach einem Manöverunfall im Bundeswehrlazarett Hamburg-Wandsbek, das Wintersemester war für mich gelaufen. Die Frau, die ich Christine nannte, habe ich nie wiedergesehen. Ich habe sie auch schnell vergessen. Avec le temps, va, tout s'en va on oublie le visage et l'on oublie la voix. Aber als ich vor drei Jahren beim Aufräumen ein altes schwarzes Schulheft fand, das Christine betitelt ist, da war sie wieder da. Das habe ich schon in dem Post prezzies gesagt. Innen findet sich der Titel Mitteilungen über Christine. Klingt ein wenig nach Uwe Johnsons Mutmassungen über Jakob. Wir hatten ja damals alle eine Uwe Johnson Phase. Es sind dahingestreute Notizen, Impressionen. Flüchtige Augenblicke steht auf der zweiten Seite. Mit dem Notieren von flüchtigen Augenblicken bin ich gut. Könnte ich das alles zusammenfügen, was ich an flüchtigen Momenten notiere, wäre ich Romanautor. Ich habe von mir selbst nichts Ganzes aus einem Stück, nichts Einheitliches und nichts Festes, nichts ohne Verwirrung und nichts Unvermischtes zu sagen, und nichts, was man in einem Wort fassen könnte Wir sind alle aus Flicken zusammengesetzt und das so ungestalt und kunterbunt, daß jedes Stück jeden Augenblick ein eigenes Spiel treibt. Das hat Montaigne gesagt, den zitierte ich schon damals gerne.

Ich habe in dem Heft Schwierigkeiten, meine Schrift zu entziffern. Es ist mit dem Füllfederhalter beschrieben, Füllfederhalter hassen mich. Ob sie eine Goldfeder haben oder nicht. Habe ich das Ganze im Dunklen geschrieben? Habe ich das wirklich geschrieben? Der Autor dieser Mitteilungen ist mir sehr fremd. Zwei Semester aus der Vergangenheit stehen in dem Heft, skizzenhafte Aufzeichnungen über eine junge blonde Frau mit Strähnchen im Haar. Der ganze Text des Heftes ist voller französischer Zitate.
 
L'amour s'en va, et le tien ne saurait durer
Comme les autres, un beau jour tu vas me quitter
Si ce n'est toi, ce sera moi qui m'en irai
L'amour s'en va, et nous n'y pourrons rien changer


Wollte ich mir selbst imponieren? Andererseits bedeutete mir Frankreich seit den Exi Tagen sehr viel. Es sind auch zahlreiche englische und lateinische Zitate im Text, das wundert mich wenig, auch meine Tagebücher sind voll davon. Aber in den Tagebüchern taucht die blonde Christine überhaupt nicht auf. Kein einziges Mal.

Es ist manchmal ganz gut, dem anderen Ich zu begegnen, das man einmal gewesen ist. Das sagt auf jeden Fall Joan Didion in ihrem Essay On keeping a notebook: It all comes back. Perhaps it is difficult to see the value in having one’s self back in that kind of mood, but I do see it; I think we are well advised to keep on nodding terms with the people we used to be whether we find them attractive company or not. Otherwise they turn up unannounced and surprise us, come hammering on the mind’s door at 4 a.m. of a bad night and demand to know who deserted them, who betrayed them, who is going to make amends. We forget all too soon the things we thought we could never forget. We forget the loves and the betrayals alike, forget what we whispered and what we screamed, forget who we were.

Und dann taucht da in dem Text noch Carlo auf. Ich hatte beinahe vergessen, dass er auch hier studierte. Wir kamen aus demselben Ort, gingen zur selben Schule. Waren mehr oder weniger befreundet. Er hatte keine literarischen Interessen. Man konnte mit ihm nicht über Proust reden wie mit Peter, oder über Thackerays Vanity Fair wie mit Ekke. Ich glaube, der Ekke kennt heute noch die Namen von allen Nebenpersonen des Romans. Auch sportlich war Carlo niemand, mit dem etwas anfangen konnte. Kein Fußballer, man stellte ihn in der Mannschaft immer nach hinten. Aber er war im Yachtclub, gesegelt hat er sein ganzes Leben. Deshalb war er wohl auch an diese Uni gekommen, die Ostsee lag vor der Tür.

Sein Vater war Arzt gewesen, war auf der Höhe des Wirtschaftswunders plötzlich gestorben. Das Haus war wohl abbezahlt, aber viel blieb für die Familie nicht. Und dennoch war Carlo im Yachtclub und besaß als erster von uns allen einen Burberry Regenmantel. Seine Mutter arbeitete jetzt als Verkäuferin in einem Luxusladen, sie hatte keine Ahnung von den Dingen, die da verkauft wurden, aber sie war eine Dame. Das mochten die Kunden. Vornehme Damen waren offenbar damals schon selten geworden. Für sein Medizinstudium hatte Carlo ein Stipendium bekommen, seine Schwester wollte der Mutter nicht zur Last fallen, lernte Schneiderin und studierte dann Modedesign.

Ich weiß nicht mehr, wie die Frau, die ich Christine nannte, wirklich hieß. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals wusste, wie sie wirklich hieß. Nur der Carlo, der beinahe jede junge Frau im Ort kannte, kannte ihren Namen und wußte, wo sie wohnte. Er wußte auch, wo ich wohnte, lud sich immer bei mir auf einen schottischen Whisky ein und brachte häufig Frauen mit. Allerdings niemals diese blonde Christine. Einmal schleppte er Anne an, was mir ein wenig peinlich war, weil ich mit der mal eine Liebelei hatte. Ich kann den Carlo nicht mehr nach der Christine fragen, er ist seit Jahren tot. Hätte ich das schwarze Heft gefunden, als er noch lebte, hätte ich ihn sofort getragt. So bleibt sie namenlos, obgleich der Name Christine zu ihr passen würde. Ein Jahr vor seinem Tod hat er mich in der Uni angerufen, wollte mir sein ganzes Leben erzählen. Ich sagte ihm, er möge es kurz machen, ich müsste gleich in den Hörsaal. OK, sagte er, die Kurzfassung: drei Frauen, drei Kinder, drei Segelboote. Manchmal konnte er witzig sein.

Ich las damals Jacobsens Nils Lyhne und Kierkegaards Tagebuch eines Verführers, beides sehr schlechte Ratgeber in Liebesdingen. Ich weiß nicht, was Christine las, ich weiß allerdings, dass sie Vivaldi mochte, das hat sie mir einmal erzählt. Wir redeten manchmal miteinander. Ich weiß auch nicht wirklich, was sie studierte. Ich glaube, dass es Romanistik ist, weil sie Spanisch kann, aber ich sehe sie immer bei den Germanisten und bei den Kunsthistorikern. Sie kommt immer zu spät zur Vorlesung, geht dann katzenartig, beinahe auf den Zehenspitzen, durch den Mittelgang, bis sie ihren Platz findet. In Gedanken halte ich ihr immer einen Platz frei, aber wir sitzen nie nebeneinander. Doch wir lächeln uns zu. 

Wegen des katzenartigen Ganges nenne ich sie in meinem Text manchmal Clawdia Chauchat, aber sie ist keine kirgisenäugige Schönheit mit breiten Wangenknochen und schmalen Augen. Ihr Gesicht ist eher von einer klassischer Schönheit. Sie wäre in einem Film von Ingmar Bergman gut aufgehoben, in den französischen Filmen der nouvelle vague nicht, auch wenn sie Romanistik studiert. Die Romanistikstudentinnen, die ich kenne, sehen alle so aus, als würden sie sich ihre Klamotten in Paris kaufen. Christine kleidet sich nicht gut, sie könnte mehr aus sich machen. Vielleicht ein wenig Lippentift. Die letzten jungen Frauen, mit denen ich ausging, trugen Kaschmirtwinsets und Perlenkettchen. Sie ist definitiv nicht der Typ für Kaschmirtwinsets. Auch nicht der Typ für Rouge und Lippenstift.

I tell you this neither in a spirit of self-revelation nor as an exercise in total recall, den Satz klaue ich mir mal bei Joan Didion. Ich weiß nicht, warum ich damals das schwarze Heft vollgeschrieben habe mit diesen flüchtigen Augenblicken. Ich war nicht wirklich verliebt in Christine. Vielleicht ein bisschen, weil sie mich an Ingrid erinnerte. Aber das Heft mit dem Titel Christine ist keine Beschreibung einer amour fou, nicht einmal einer amour. Ich hätte das Ganze auch interesseloses Wohlgefallen nennen können, die belle inconnue verschönerte den tristen Alltag der Universität. Mehr war da nicht. 

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