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Donnerstag, 14. Januar 2021

Schicht machen


Vor einem Jahr fragte mich ein Freund, was ich von dem übermäßigen Gebrauch des Wortes awesome hielte. Ich sagte: Nichts. Ich hasse es, wenn Wörter ihres Sinns und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden. Also zum Beispiel dieses ubiquitäre vor Ort. Da, wo alle Reporter sind. Als ich das zum ersten Mal im Fernsehen hörte, dass der Reporter vor Ort sei, fragte ich mich: und wo ist das Bergwerk? Denn in die Welt der Bergleute (die neuerdings Bergmänner sind) gehört dieses vor Ort, und es ist auch das Ort, nicht der Ort. Und dann sind da noch die Feuerwehrmänner, die besser Feuerwehrleute sein sollten. Und, und, und. Das fängt morgens mit der Zeitung an und hört abends mit den Nachrichten auf. Vielleicht sollte man in alle Nachrichtenredaktionen einmal Schopenhauers Überlegungen über die Verhunzung der deutschen Sprache geben. Und dann packen wir die ganzen witzigen Bücher von Wolf Schneider noch dazu. Liest niemand diese Bücher mehr? Und da ich gerade dabei bin, Bücher zu empfehlen: Langenscheidt hat ein Lexikon Deutsch als Fremdsprache im Programm. Ist zwar nicht für Deutsche gedacht, kann denen heute aber sehr empfohlen werden. 

Das stand hier im Jahre 2016 in dem Post awesome, ich zitiere das gerne noch einmal. Eigentlich will ich nur auf dieses vor Ort zurückkommen, das aus der Bergmannssprache kommt. Wie die Schicht oder das Arschleder. Und um Bergwerke soll es heute einmal gehen. Ich beginne mal mit Goethe, der in seinem Gedicht über das Bergwerk Ilmenau schreibt:

Anmuthig Thal! du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;
Entfaltet mir die schwerbehangnen Äste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb’ und Lust, 
Mit frischer Luft und Balsam meine Brust!

Wie kehrt’ ich oft mit wechselndem Geschicke,
Erhabner Berg! an deinen Fuß zurücke.
O laß mich heut an deinen sachten Höhn
Ein jugendlich, ein neues Eden sehn!
Ich hab’ es wohl auch mit um euch verdienet:
Ich sorge still, indeß ihr ruhig grünet. 

Das geht noch so weiter, Ilmenau am 3. September 1783 ist ein Huldigungsgedicht an Goethes Freund und Landesherrn Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, das ihm Goethe an dessen achtundzwanzigsten Geburtstag überreichte. Sie können hier alles dazu lesen. Das Bergwerk in Ilmenau hat Goethe gut gekannt, seit 1776 war er achtundzwanzig Mal dort gewesen. Um ein Brandunglück aufzuklären, um die verfallenen Bergwerksanlagen zu inspizieren und zu sondieren, ob man den Bergbau wieder aufnehmen könne. Hier hat er auch Über allen Gipfeln ist Ruh geschrieben. Ein halbes Jahr nach der Überreichung des Gedichts erfolgt die feierliche Neueröffnung des Bergwerks, allein, es rentiert sich nicht. 1812 wird der letzte Schacht stillgelegt. Schicht im Schacht würden wir heute sagen, den Ausdruck kannte man damals allerdings noch nicht.

Das Wort Schicht und der Ausdruck Schicht machen sind dagegen schon sehr alt. Und dieses Schicht machen kommt auch in der letzten Zeile eines Bergwerksgedichts vor, das beinahe ein halbes Jahrhundert vor Goethes Ilmenau Gedicht geschrieben wurde. Es stammt von der Dichterin Sidonia Hedwig Zäunemann, die heute vor 310 Jahren in Erfurt geboren wurde. Es ist wie Goethes Gedicht ein Widmungsgedicht (hier im Volltext), dem Herzog Ernst August von Sachsen gewidmet; und es ist ein erstaunliches Gedicht von einer Frau, die am liebsten Männerkleidung trägt:

Man wendet zwar darwider ein:
Kein Weib soll Mannes-Kleider tragen:
(Wenn es gelegne Zeit wird seyn,
Will ich hierauf die Antwort sagen.)
Man wirft mir weiter vor: Dieß sey nicht mein Beruf.
Es sey von Gott der Weiber-Orden
Zum Haushalt nur erschaffen worden,
Man nimmt des Salomons sein Spruch-Buch zum Behuf.
Der König hat zwar recht; allein wer wills uns wehren,
Wenn wir darneben auch uns von dem Pöbel lehren.
Wer straft uns, wenn auch unser Geist

Ein Herz voll Muth und Feuer weist?

Sie weiß, wie es um den Beruf des Bergmanns steht:

Der Bergmann trägt den Lohn
Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken
Und Karren übern Arsch zu drecken,
Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen,
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.


Aber die Dichterin muss hinein in das Bergwerk:

Des Bergwerks Schönheit nimt mich ein,
Ich will / ich muß ein Bergmann seyn.
Ich kan die Regung meiner Brust
Ohnmöglich länger unterdrücken:
Ich muß zu meiner Herzens-Lust
Mich mit dem Bergmanns-Kleide schmücken.
Der Schacht-Hut ziert mich schon, nun bin ich ganz verkleidt!
Mein Gruben-Licht hat auch sein Feuer.
Kein unterirdisch Ungeheuer,
Noch Fahrt, Gefahr noch Müh sezt mich in Bangigkeit.
Schweigt stille! denn mein Geist wagt alles durchzugehen.
Schweigt! lasset mich im Berg’ die Weisheit Gottes sehen.
Glaubt, daß ich iezt so lustig bin,
Das macht, mir liegt die Fahrt im Sinn.

Es ist ein erstaunliches Gedicht einer emanzipierten Frau, die in eine rein männliche Domäne eindringt. Die Universität Göttingen verleiht der Dichterin Anfang 1738 für ihr Bergwerksgedicht den Titel einer poeta laureata. Goethes Gedicht ist eine gebildete Lobhudelei für seinen Fürsten, das Gedicht der Sidonia Hedwig Zäunemann (bey Gelegenheit des gewöhnlichen Berg-Festes mit poetischer Feder uf Bergmännisch entworfen) ist ein einzigartiges Gedicht in der deutschen Literatur. Es endet mit den wunderbaren Zeilen: 

Ich schweige, denn die Feder bricht,
Ja heut’ ist Fest, ich mache Schicht!

Ich jetzt auch.

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