Seiten

Dienstag, 31. Januar 2012

Theodor Heuss


Es gab einmal eine Zeit, da hatten wir einen gebildeten Bundespräsidenten, den jeder in der Republik mochte. Das ist lange her. Ich denke jetzt nicht an Richard von Weizsäcker, sondern an unseren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, der heute vor 128 Jahren geboren wurde. Im Nachruf auf seinen Nachfolger Heinrich Lübke schrieb die Londoner Times 1972: Professor Heuss war außergewöhnlich erfolgreich als Bundespräsident und verkörperte bis zur Perfektion das Konzept des gebildeten Ehrenmanns [im Original: scholar and gentleman] unter den extrem schwierigen Umständen, in denen sich Deutschland selbst fand, nachdem Hitlers Aggressionskrieg verloren war. Er tat als formelles Staatsoberhaupt was er konnte, um das Image des Landes als eins der Dichter, Philosophen und Musiker wiederherzustellen. All das konnte man über Lübke wahrlich nicht sagen. Und über den derzeitigen Amtsinhaber wird das auch niemand sagen.

Ich habe Theodor Heuss 1957 einmal gesehen, als er einen Seenotrettungskreuzer auf seinen Namen taufte. Da war er in Vegesack. Weil Adolph Bermpohl, ohne den das mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wohl nichts geworden wäre, aus unserem Ort kam. Wir haben schulfrei und stehen im Strandgarten der Strandlust, während unter uns der Bundespräsident vorbei schreitet. Ich habe ihn natürlich photographiert, das Photo (6x6, chamois mit Büttenschnitt) habe ich immer noch. Man muss schon  etwas genauer hinschauen, aber man kann Heuss mit seinem hellen Regenmantel und seinem weißen Haarschopf mittenmang die Honoratioren gut erkennen.

Die heutige Theodor Heuss im Deutschen Museum ist nicht die originale Theodor Heuss (die wurde später zu einer Yacht umgebaut und hieß dann Frido Spatz), sondern ihr Schwesterschiff H.H. Meier. Das Beiboot der Theodor Heuss wird als Namen die plattdeutsche Koseform von Theodor, Tedje, bekommen. Was Platt ist, weiß Heuss, er hat einmal die Besatzungen der Seenotrettungskreuzer Norderney und Borkum um sie zu ehren in den Bremer Ratskeller eingeladen. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr linguistische Probleme gibt es. Der Vormann (so heißt bei der DGzRS der Kapitän) Johann Friedrich Rass fängt nämlich mit schwerer Zunge an, platt to snacken. Kein Problem für den Bundespräsidenten: Jetzt wollte mich der Rass reinlegen, er hat nämlich platt gesprochen. Aber da habe ich ihn auch hineingelegt und habe schwäbisch g’schwätzt!

Theodor Heuss war häufig in Bremen, obwohl Norddeutschland nicht so die Sache des viel gereisten Mannes war. In seinem Buch Von Ort zu Ort: Wanderungen mit Stift und Feder (1959) kommt halb Europa vor, Norddeutschland aber gar nicht. 1955 war Heuss Ehrengast der Schaffermahlzeit. Das war er schon 1952, zweimal darf man das nach den Statuten der Schaffermahlzeit gar nicht sein, aber bei Theodor Heuss macht man schon mal eine Ausnahme. Angefangen hatte es mit dem Satz Na, wir sehn uns dann wohl bei der nächsten Schaffermahlzeit in Bremen, den Wilhelm Kaisen in Bonn sagte. Wobei er wohl nicht wusste, dass er mit dieser Einladung an einer der unverbrüchlichsten Traditionen des Hauses Seefahrt gerüttelt hatte: niemand wird ein zweites Mal eingeladen. Aber man fand eine sehr diplomatische Lösung (die auch in der Zukunft funktionieren würde), man lud einfach nicht die Person Theodor Heus ein, sondern den zweiten Bundespräsidenten, der zufälligerweise auch Theodor Heuss hieß. Der Bremer Bürgermeister darf natürlich immer eingeladen werden. Die ersten Jahre hat sich Kaiser schlichtweg geweigert, sich einen Frack zu kaufen oder zu leihen. Weil ein schwarzer Anzug mit weißem Hemd und silberner Krawatte für einen Bremer Bürgermeister genug an feierlicher Kleidung ist (wie man auf dem Photo oben sehen kann). Aber irgendwann hat er sich dann doch einen Frack gekauft; als er nach Jahrzehnten in den Ruhestand ging, war seine erste Handlung, den ungeliebten Frack wieder zu verkaufen.

1952 hat Theodor Heuss Wilhelm Kaisen besucht, dem man auch einmal das Amt des Bundespräsidenten angeboten hatte. Von diesem Besuch gibt es ein wunderbares Photo. Es zeigte Heuss in der Küche von Wilhelm Kaisen. Heuss im piekfeinen Stresemann, jovial die Zigarre in der Hand, Kaisen daneben mit seiner grauen Strickjacke (er hatte die Grippe und hatte sich nur für Heuss aus dem Bett gequält). Über dem Küchenherd trocknen die Wollsocken von Wilhelm Kaisen. Wie behaglich normal ist dies doch, wie weit sind wir von einem Bundeskanzler Schröder entfernt, der sich als Model für italienische Luxusmode prostituierte. Auf solche Ideen wäre Kaisen nie gekommen. 

Seine Tochter hat ihm einmal bei Stiesing in der Sögestraße eine neue Strickjacke gekauft, und auch noch aus Kaschmir. Sie hat ihrem Vater aber nie erzählt, dass diese Strickjacke aus Kaschmir war. Und natürlich auch nicht, dass sie von ➱Stiesing stammte. Über das Geschäft sage ich jetzt nix mehr, ich hatte ja schon einmal hier ➱nette Dinge über sie gesagt. Habe ich sie nett drauf hingewiesen, die haben nicht mal geantwortet. Kein Stil, Leute. Streicht mich von der Kundenliste! Und da ich gerade dabei bin: der Chef von Regent hat meinen Post ➱Made in Germany gelesen und mir sehr ausführlich geschrieben. Und nein, er ist mir nicht mehr böse wegen der Bemerkungen über die Rolex. Das hat doch noch Stil!

Als Wilhelm Kaisen in seiner grauen Strickjacke den Bundespräsidenten in seinem kleinen Siedlerhaus in Borgfeld empfing, hatten Frau Kaisen mit der Hilfe ihrer Tochter und einer Nachbarin in der Küche belegte Brötchen geschmiert. Aus Platzmangel wurden die auf einem Brett hergerichtet, das man über die Badewanne gelegt hatte. So einfach konnte das Leben damals sein. Kaisen hat es auch nicht versäumt, dem Bundespräsident seinen Kuhstall zu zeigen. Er war auch als Bremer Bürgermeister noch Nebenerwerbsbauer, wenn ihn morgens das Auto zum Regieren ins Rathaus abholte, hatte er immer schon drei Stunden auf dem Feld und im Stall hinter sich. Die Amerikaner hatten ihn ja damals von der Feldarbeit weggeholt und ihn überzeugt, dass jetzt sein Platz im Rathaus sei. Die wahr gewordene Cincinnatus Legende.

Die Sache mit der Stallbesichtigung konnte er nicht auslassen, weil sein Ochse Theodor hieß: Da stand der berühmte Theodor vor seinem Namensvetter, meinem Ochsen Theodor. Das Photo ging um die Welt. Heuss und Kaisen haben sich immer gut verstanden, und Kaisen hat sich gerne an ihn erinnert: Und hier war noch was. Da hat der Heuss zu mir gesagt: "Nimm doch endlich einen Orden an, den will ich dir verleihen." "Nee danke", hab ich geantwortet, "behalte deine Orden". Darauf der Heuss: "Du willst ja nur mit deiner republikanischen Gesinnung protzen". "Richtig," hab ich gesagt, "das will ich." So konnte man damals miteinander reden. Heuss war ein Mann der klaren Worte. Die Bundeswehr hätte er lieber verhindert, sein Satz Nun siegt man schön zu jungen Rekruten bei einem Manöver im Jahre 1958 hat Geschichte gemacht.

Es gab 1952, als Heuss Bremen besuchte, auch noch keine Bild Zeitung. Hätte es eine gegeben, es wäre Theodor Heuss nie in den Sinn gekommen, mit diesem Schmierblatt zu paktieren. Der ehemalige Redakteur der Frankfurter Zeitung hatte da entschiedene Meinungen. Als es die Bild Zeitung dann gab, hat er dem Verleger Axel Springer gesagt: Sie sind der Verderber der Presse. Und schon vorher hatte er Bild eine geradezu fürchterliche Tageszeitung genannt. Das wird dem Axel Springer, der immer so fürchterlich englisch tat, mit seinen runden Piccadilly- und ➱Tab Kragen und seinem Rolls Royce nicht gefallen haben.

Theodor Heuss hat übrigens die Engländer besser verstanden als Springer, dessen Englishness ja immer nur dieser hanseatische fake war: man geht als Hamburger bei Kledaasche und Oelke rein und kommt als Engländer wieder heraus. Nach seinem ersten Englandaufenthalt hatte der junge Theodor Heuss einen Reisebericht über den Sommer 1911 in England geschrieben, der hundert Jahre später immer noch eine scharfsinnige Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis verrät. Es lohnt sich, das zu lesen. Die Reisebeobachtungen finden sich auch in dem oben erwähnten Buch Von Ort zu Ort. Das zwar nicht als Text im Internet steht (wäre aber gut), aber als Buch für 0,01€ bei Amazon Marketplace zu finden ist. Die preiswerteste Ausgabe von Besser die Wahrheit von Christian Wulff kostet dort 6,95. Wenn der Text von Heuss nach hundert Jahren beinahe immer noch aktuell ist, wird das wohl niemand in hundert Jahren über irgendwelche Texte des gegenwärtigen Amtsinhabers sagen können.

Als ich das Buch Von Ort zu Ort von Theodor Heuss vor Jahren las, war mir ein Satz überhaupt nicht aufgefallen, der in diesen Tagen beim Wiederlesen ein Lächeln entlockte. In einer Nachschrift zu seinem England-Artikel von 1911 beschreibt Heuss das London des Jahres 1947. Die Engländer haben zwar den Krieg gewonnen, aber es geht ihnen nicht viel besser als den Deutschen. Es wird noch ein Jahrzehnt dauern, bis Harold Macmillan der Nation versichern kann: You've never had it so good! Heuss bewundert die Engländer für ihre Art, wie sie stoisch und mit common sense mit dem Mangel umgehen. Und in diesem Zusammenhang schreibt Heuss: Für den, der kein eigenes Fremdgeld besitzt, sondern die Gastlichkeit alter Freunde genießt, ist es schwer, die häufige Frage zu beantworten, ob "das Leben teuer sei". Das ist so ein Satz, den Christian Wulff auch parat hätte. Aber die Freunde von Heuss werden andere Menschen gewesen sein als Egon Geerkens und Carsten Maschmeyer.

Heuss, der sich ein bisschen genierte, dass er nur wenige Sätze Englisch sprach, hat im Oktober 1958 die englische Königin besucht. Die in ihrer Rede die Vielzahl der Verbindungen des englischen Königshauses mit Deutschland betonte - das hatte die königliche Familie nicht mehr getan, seit sich 1917 die Battenbergs in Mountbatten umgetauft hatte. Die englische Presse (die Times inklusive) reagierte von kühler Höflichkeit über eingefrorene Gleichgültigkeit bis zu brennender Feindseligkeit, so Richard Crossman. Geschichte sei die Kette der verunglückten Möglichkeiten hat Heuss einmal gesagt. Sein Englandbesuch hat aber doch viel bewegt, wenig später sagte der deutschblütige Prince Philip: Mit Deutschenhaß allein können wir nicht überleben. Es ist eine öde Beschäftigung, sich über die Geschichte zu ärgern, und sie macht blind für die Aufgaben der Zukunft. Die deutsche Presse gefiel sich damals in der Rolle, die feindseligen Äußerungen der englischen Presse zu wiederholen, woraufhin Heuss die Journalisten als auf gut deutsch gesprochen, Rindviecher bezeichnete. Ich liebe solche Sätze. Es kommt nur darauf an, wer es sagt.

Montag, 30. Januar 2012

Nikolaus Pevsner


He looked to me like a kindly postmistress - pink cheeks, gold spectacles, sweet smile, brisk, authoritative manner. Like a postmistress too he worked in a flurry of tiny bits of paper, produced from his pockets, scribbled on in his tiny script and then replaced or handed to a secretary for later action. No remark, no name, no event, no idea passed his attention without this note-taking procedure. He was always serious but never solemn. His curiosity was so tireless and his search for new knowledge so intense it seemed unhealthy. Such dedication made him, I think, a lonely figure. It earned him the reputation of being no more than a walking repository of data. He was a vulnerable man and I think resented the persistence of this false image. Das hat Sir Hugh Casson, der als Direktor des Festival of Britain erste Berühmtheit bekam, über Sir Nikolaus Pevsner geschrieben.

Nikolaus Pevsner wurde heute vor 110 Jahren geboren, er kam vor genau einem Jahr natürlich schon einmal in diesem ➱Blog vor. So ein Datum kann ich natürlich nicht auslassen. Inzwischen wissen wir mehr über ihn, da die Biographie von Susie Harries, Nikolaus Pevsner: the Life, bei Chatto & Windus erschienen ist. Der englische Wikipedia Artikel weiß das schon, der deutsche hat das noch nicht mitgekriegt. Die Biographie ist beinahe tausend Seiten dick, und sie enthält viel Unbekanntes über Pevsner, da Harries Zugang zu seinen unveröffentlichten Heftchen hatte, seinen Tagebüchern, die er seit 1915 vollschrieb.

Er war sein Leben lang ungeheuer fleißig, geradezu verbissen fleißig. So erinnert sich die Architekturhistorikerin Jane Fawcett: During the 13 years that Nikolaus Pevsner ran the Victorian Society, I had the privilege of working very closely with him, both as Secretary of the Society and as one of his students at Birkbeck College. The campaigns that he led to bring attention to the 19th century were memorable. When Nikolaus retired, it was said that he had saved a century. His breadth of scholarship worked on a European scale, and placed British Victorian architecture where it belonged, high upon it. His evening lectures at Birkbeck often lasted three hours, and came at the end of a full day in the office which had begun at 5am. He regularly worked for three hours before breakfast, and then walked to work. He frequently walked home as well. The climax of the academic year was, for his students, a visit to a cathedral, during which the entire building was studied, stone by stone. The last trip of all was a visit to Westminster Abbey, starting at 9am. After an exhausting day, without a break, during which some of the weaker students furtively munched biscuits, the survey was completed. At 4pm, Nikolaus, who had eaten nothing, said, "Now, the monuments." At 6.30pm the tour was finished. He was then over 70. Ich weiß nicht, ob ich so etwas überstanden hätte. Bei den Exkursionen des Kunsthistorischen Instituts, an denen ich teilnahm, gab es auch immer Pausen in Landgasthöfen.

Der deutsche Kunsthistoriker hat dem Land, das ihn aufnahm, viel zurück gegeben. Die Reihe der Buildings of England und die Reith Lectures The Englishness of English Art geben den Engländern eine kulturelle Identität. Stephen Games hat ihn in seinem Buch Pevsner – The Early Life: Germany and Art mit Holbein und Händel, den Königen aus dem Haus Hannover und dem Prinzgemahl Albert verglichen, Deutschen, die die englische Kultur ihrer Zeit geprägt haben. Er hatte aber auch (was auch Susie Harries tut) auf die dunklen Seiten von Pevsner hingewiesen. Diesen Widersprüchen im Leben eines Mannes, der lange die Nationalsozialisten begrüsst und seine Kinder noch 1939 in den Ferien nach Deutschland schickt. Und 1946 in der Uniform eines ➱Colonels zum ersten Mal wieder nach Deutschland zurückkehrt. Der so oft in England durch die Führerscheinprüfung fällt, dass ihm die Fahrschule schon einen Rabatt anbietet. Und der, obgleich längst verheiratet, ständig hinter jungen Frauen her ist.

None of the other nations of Europe has so abject an inferiority complex about its own aesthetic capabilities as England, hatte Pevsner im Vorwort von The Englishness of English Art geschrieben. Der gute Doktor Pevsner hat dafür gesorgt, dass die Engländer ihren architektonischen Minderwertigkeitskomplex losgeworden sind. Wenn sie ihn damals auch nicht wirklich geliebt haben, weil er ihnen immer zu schrullig deutsch erschien, respektieren tun sie ihn heute auf jeden Fall. Schauen Sie einmal in Jonathan Meades' ➱Pevsner Revisited hinein.

Sonntag, 29. Januar 2012

Fahrstuhl zum Schafott


Es wäre beinahe ein perfekter Mord geworden. Was das Töten bedeutet, das weiß der Julien Tavernier, der von Maurice Ronet gespielt wird, der ehemalige Fallschirmjäger ist gerade aus Indochina zurück. Den ungeliebten Ehemann von Jeanne Moreau umzubringen, ist keine große Sache. Und alles wäre perfekt gelaufen, wenn nicht ein Kleinkrimineller mit einer schwarzen Lederjacke Juliens Wagen geklaut und einen Mord begangen hätte. Und wenn der Hausmeister nicht den Fahrstuhl abgeschaltet hätte. So wird der zu einem Fahrstuhl zum Schafott. Wir sind in einem Film von Louis Malle, der heute vor 54 Jahren in die Kinos kam.

Schwarz-Weiß, düster, ein wenig Film Noir, eine wenig Neue Welle. Und ein unvergesslicher Soundtrack, wenn Jeanne Moreau nachts im Regen durch die Straßen von Paris irrt. Und tolle Autos, ein Flügeltüren Mercedes kommt auch drin vor. Der Kleinkriminelle klaut das Auto von Maurice Ronet ja auch nur, weil das ein Cabriodach hat, das sich selbst versenkt. Das sieht man 1958 nicht so häufig. Einen Mercedes 300 SL natürlich auch nicht, das kleine 190er Modell schon. Sogar in unserem Kaff gab es einen, den ein Werftbesitzer seiner Tochter geschenkt hatte. Die Gattin vom Chefarzt des Krankenhauses hatte nur einen NSU Spider, der im Volksmund Facharbeiter-Porsche hieß. Der 190 SL galt immer als ein bisschen prollig, zumal Rosemarie Nitribitt einen hatte. Weshalb die Werbung der Firma Regent das Modell verwendete, weiß ich nicht.

Louis Malle liebt Autos, er hat auch einmal einen Dokumentarfilm über Citroen gedreht. Und er hat einmal gesagt: Wenn man in einem Bentley fahren gelernt hat, tritt der Wunsch nach einem Rolls-Royce etwas in den Hintergrund. Er kommt aus einer sehr reichen Familie, er kennt die Bourgeoisie, die er in seinen Filmen beschreibt. Alte französische Filme sind ja eine Fundgrube für Nebensächlichkeiten. Also für Cinéasten, die den Film schon x-mal gesehen haben und nicht mehr auf die Handlung achten.

Die achten jetzt auf die kleinsten Details: Klamotten, Autos, Werbung im Hintergrund, wie die flackernde Kronenbourg Lichtreklame. Ich habe die Szene nie vergessen, wie Maurice Ronet in Feu Follet im Vorbeigehen dem Zimmermädchen des Hotels, wo er die Nacht mit Lydia (Léna Skerla) verbracht hat, statt eines Trinkgelds seine Armbanduhr schenkt. Er braucht sie eh nicht mehr, er weiß, dass er Selbstmord begehen wird. Es sind diese kleinen Gesten, die große Filme machen.

Und natürlich die eleganten Klamotten. Den dunklen Anzug von Félix Marten oder den Regenmantel von Lino Ventura hätte man damals schon gerne gehabt. Natürlich ging man damals nicht nur wegen der Herrenmode und der Autos in französische Filme, obgleich das schon ein starker Anreiz war. Denn von der Mode und den Automobilen her gesehen gaben deutsche Filme wie Immer diese Radfahrer oder Wehe, wenn sie losgelassen (die gleichzeitig mit Fahrstuhl zum Schafott erschienen) ja nicht so viel her. Da boten französische Filme natürlich mehr; der Facel Vega, den Yves Montand in Aimez-Vous Brahms? fährt, war doch schon das Geld der Kinokarte wert. Ein Facel Vega war schon etwas besonderes, es gab in Bremen einen einzigen, der immer am Osterdeich gegenüber vom Weserstadion stand. Es war übrigens auch ein Facel Vega, in dem Albert Camus zu Tode kam.

Film ist, mit schönen Frauen schöne Sachen anzufangen, hat Truffaut gesagt. Und in diesem Punkt hatte Fahrstuhl zum Schafott auch etwas zu bieten, denn dieser Film bedeutete für Jeanne Moreau den Durchbruch zum internationalen Star. Sie wird in diesem Film hervorragend in Szene gesetzt von dem Kameramann Henri Decaë. Der hat ja auch viele coole Jean Pierre Melville Filme photographiert, das kann er nicht nur in Schwarzweiß, wie er zehn Jahre später in Der eiskalte Engel beweist. Die Photographie hat sicher viel dazu beigetragen, dass der Film den begehrten Prix Louis Delluc gewonnen hat.

Und last but not least hat dieser Film diesen wunderbaren Soundtrack, der Jazz Geschichte gemacht hat. Der Jazzfan Louis Malle hatte Miles Davis dazu überreden können, die Musik für den Film einzuspielen. Eine Studio Session, eine Nacht, völlig improvisiert: Was er machte, war einfach verblüffend. Er verwandelte den Film. Ich erinnere mich, wie er ohne Musik wirkte; als wir die Tonmischung fertig hatten und die Musik hinzufügten, schien der Film plötzlich brillant. Es war nicht so, dass die Musik (…) die Emotionen vertiefte, die die Bilder und der Dialog vermittelten. Sie wirkte kontrapunktisch, elegisch und irgendwie losgelöst. Das Album Ascenseur pour l’échafaud ist zu einer der berühmtesten Miles Davis Platten geworden.

Fahrstuhl zum Schafott ist ein Film, in dem alles stimmt: Darsteller, Photographie und Musik. Dazu die Reste des amerikanischen Film Noir, gewürzt mit einer Prise vom französischen Existentialismus. Die eleganten Klamotten und die Autos nicht zu vergessen. Setzen Sie sich vor den Bildschirm Ihres Computers, klicken Sie hier und zünden Sie sich eine Gauloise an.

Samstag, 28. Januar 2012

Jack the Dripper


Ab 1946 entwickelte Pollock die Dripping-Technik (er lässt Farbe auf die auf dem Boden liegende Leinwand tropfen und fließen, schüttet, sprengt und spachtelt, so dass sich Strukturen, Rhythmen und Muster aus Farbspritzern und -flüssen bilden; er trägt die Farbe vielfach nicht mehr mit einem Pinsel auf, sondern lässt sie aus einem Loch im Boden einer Farbdose fließen). Mit diesen Gemälden schreibt sich Jackson Pollock in die Kunstgeschichte ein und wird zu einem der bedeutendsten amerikanischen Künstler der Moderne. Seine Bilder leben vom Kontrast und wollen damit den widersprüchlichen Gegensatz von Körper und Seele ausdrücken. Wie bei allen Künstlern des Action Painting steht der Fertigungsprozess des Kunstwerkes im Vordergrund.

Also, das ist jetzt nicht von mir, das steht im Wikipedia Artikel, das käme mir nicht über die Lippen. Jackson Pollock, der heute vor einhundert Jahren geboren wurde, hatte einmal ganz anders angefangen. Da war er Schüler von Thomas Hart Benton, einem interessanten Maler, der hier im Blog sicher noch einmal auftaucht. Beinahe alle amerikanischen Maler, die nach dem Zweiten Weltkrieg abstrakte Malerei produzieren, haben vorher anders gemalt. An dieser Stelle muss ich mal eben den kanadischen Kunsthistoriker Serge Guilbaut zitieren. Der hat Kunstgeschichte und Philosophie in Bordeaux und Los Angeles studiert und ist nach seinem Studium Professor in Vancouver geworden. Sein Buch mit dem irritierenden Titel Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat: Abstrakter Expressionismus, Freiheit und Kalter Krieg löste bei seinem Erscheinen 1983 ein mittleres Erdbeben in der New Yorker Kunstszene aus.

Diese Streitschrift großer Originalität war auch eine Attacke auf alle lieb gewordenen Ansichten der führenden amerikanischen Kunstkritiker. Deren Isolation beklagt Guilbaut sicher zu Recht (das ist in der Literaturwissenschaft übrigens nicht viel anders). Es läuft auf die relativ simple amerikanische Überzeugung hinaus, dass amerikanische Kunst nur von amerikanischen Kritikern verstanden werden kann. Und die am liebsten die amerikanische Kunst von der Geschichte und Sozialgeschichte abkoppeln möchten. Wir hier in Amerika haben den abstrakten Expressionismus erfunden, basta. Amerika den Amerikanern.

Wenn nun jemand die Zusammenhänge zwischen der amerikanischen Kunst von den dreißiger Jahren bis in die fünfziger Jahre an die Zeitgeschichte koppelt, dann mag man das in der New Yorker Kunstszene nicht so sehr. Die Künstler möchten sich als einsamer Schöpfer großer origineller Werke verstehen, nicht in den Zusammenhang mit Roosevelt, Stalin und McCarthy gestellt werden. Obgleich es schon etwas rätselhaft bleibt, weshalb so viele, die unter Roosevelt gesellschaftskritische Kunst produziert haben, plötzlich abstrakte Maler werden. Wenn ich Guilbauts These bösartig etwas vereinfache: wer sich in den dreißiger Jahren (zum Teil in den Förderungsprogrammen der Roosevelt Regierung) einer sozialistischen Malerei verschrieben hatte, malt jetzt im Kalten Krieg abstrakt. Dann kann einem keiner der Ausschüsse für Un-American Activities des Kongresses etwas anhaben. Dies Bild hier ist natürlich nicht von Pollock, es ist von David Alfaro Siqueiros. Der neben Diego Riviera und Jose Clemente Orozco der berühmteste politische Freskenmaler der dreißiger Jahre war. Jackson Pollock hat mit ihm zusammengearbeitet, als er noch nicht auf die Idee gekommen war, die Farbe auf die am Boden liegende Leinwand zu träufeln.

Ein Artikel im Life Magazin vom 8. August 1949 mit Photos von Hans Namuth (links) macht Jackson Pollock berühmt, heute würden wir sagen zum Superstar. Is he the greatest living painter in the United States? titelte Life. Die Preise für seine Farbverteilung auf Leinwand schnellten in die Höhe. Zum ersten Mal in seinem Leben bekam er mehr als tausend Dollar für ein Bild (für Gothic - zweites Bild von oben - erhält er 1.200 Dollar). Das steht zwar in keinem Verhältnis zu den Millionen, die man heute für einen Pollock auf den Tisch legen muss. Es sei denn, man kauft einen für fünf Dollar, wie die amerikanische Oma, die früher Lastwagen gefahren hat. Man hat die Einnahmen von Pollock in den Jahren nach dem Life Artikel von 1948 auf über 10.000 Dollar im Jahr berechnet. Wenn man bedenkt, dass 1948 zwei Drittel aller amerikanischen Familien von weniger als 4.000 Dollar im Jahr leben, und sich 1951 noch 55 Prozent unter dem Existenzminimum von 4.166 Dollar befinden, kann man Pollock nicht arm nennen. Dennoch hält sich der Mythos von den armen abstrakten Malern beharrlich.

Das hier ist Amerikas beliebtester Künstler. Nicht Jackson Pollock, das ist Norman Rockwell. Dies Bild ist sicher von großer Symbolik: ein Normalbürger vor einem Bild, das wie ein Pollock aussieht. The Connoisseur heißt es, wurde in Amerika auch schon mal als Puzzle angeboten. Ich nehme mal an, dass Puzzles von Jackson Pollock Bildern Puzzles für Fortgeschrittene sind. Aber ist es Kunst? Ich habe in meinem Post über Marcel Duchamp einer gewissen Ratlosigkeit gegenüber moderner Kunst Ausdruck verliehen. Ich hatte meinen Freund Uwe (einen pensionierten Kunstprofessor) zitiert, dass Kunst alles ist, was man verkaufen kann. Trifft auf Jackson Pollock unbedingt zu. Und dennoch bleibe ich skeptisch. Weil ich nicht glaube, das alles, was ich selbst mit Farbe und Leinwand an einem Tag hinkriege, wirklich Kunst ist. Und so einen Jackson Pollock male ich an einem Tag, no problem. Einen ➱Yves Klein würde ich wahrscheinlich nicht so schnell hinkriegen, weil man dafür nicht nur Farbe und Leinwand braucht, sondern auch nackte Frauen, die sich in blauer Farbe wälzen.

Das hier ist kein Kunstwerk (obgleich es natürlich längst auch Automobile als Kunstwerke gibt), das ist ein Oldsmobile 88 Cabrio. So etwas hatte Pollock in grün, damit hat er sich nach einer mehrtätigen Sauftour zu Tode gefahren. Die Freundin seiner Geliebten, die auf den Rücksitzen stand und während er Fahrt schrie, dass sie hier raus wolle, ist dabei auch gestorben. Nur seine Geliebte auf dem Beifahrersitz hat den Unfall überlebt. Das grüne Jackson Pollock Oldsmobile Cabrio wird heute in Amerika als Kinderspielzeug angeboten. Und von einem Künstler namens Alasdair Macintyre zu einem "Kunstwerk" gebastelt: Jackson Pollock's Radio Controlled 1950 Oldsmobile Rocket 88 (with Ruth Kligman and Edith Metzger). Ich weiß jetzt nicht, ob das noch Kunst ist, oder ob das schon ein klein wenig pervers ist. Wenn man es verkaufen kann, ist es natürlich Kunst.

Der unvergessene Chas Addams (ja, der, dem wir die Addams Family verdanken) hat einmal bei einer Wohltätigkeitsauktion als Auktionator ein Bild von Jackson Pollock verkehrt herum gezeigt. Ist niemandem aufgefallen. Sie können jetzt mal eben schnell kontrollieren, ob Ihr Jackson Pollock richtig herum hängt. Wenn ich einen Jackson Pollock malen würde, würde ich natürlich auf die Rückseite this side up schreiben. Wenn man einen Jackson Pollock haben will und die Enttäuschung von dem hedge fond manager Pierre Lagrange vermeiden will, dem eine New Yorker Galerie für eine zweistellige Millionensumme einen gefälschten Pollock angedreht hatte, dann bleibt einem heute nur ein Jackson Pollock T-Shirt oder ein Jackson Pollock Turnschuh von Converse. Jackson Pollock Fans können natürlich auch für 7.99 € die DVD des Films Pollock kaufen.

Lesen Sie auch: Jackson Pollock

Freitag, 27. Januar 2012

Charles Lutwidge Dodgson


Rules and Regulations

A short direction
To avoid dejection,
By variations
In occupations,
And prolongation
Of relaxation,
And combinations
Of recreations,
And disputation
On the state of the nation
In adaptation
To your station,
By invitations
To friends and relations,
By evitation
Of amputation,
By permutation
In conversation,
And deep reflection
You'll avoid dejection. 

Learn well your grammar,
And never stammer,
Write well and neatly,
And sing most sweetly,
Be enterprising,
Love early rising,
Go walk of six miles,
Have ready quick smiles,
With lightsome laughter,
Soft flowing after.
Drink tea, not coffee;
Never eat toffy.
Eat bread with butter.
Once more, don't stutter.

Don't waste your money,

Abstain from honey.
Shut doors behind you,
(Don't slam them, mind you.)
Drink beer, not porter.
Don't enter the water
Till to swim you are able.
Sit close to the table.
Take care of a candle.
Shut a door by the handle,
Don't push with your shoulder
Until you are older.
Lose not a button.
Refuse cold mutton.
Starve your canaries.
Believe in fairies.
If you are able,
Don't have a stable
With any mangers.
Be rude to strangers.
Moral: Behave.

Ich glaube, das sind gute Regeln für das Leben, die der Reverend Charles Lutwidge Dodgson hier aufstellt. Dodgson wurde heute vor 180 Jahren geboren. Wir kennen ihn unter einem anderen Namen, nämlich als Lewis Carroll. Er hat diese wunderbaren philosophischen Bücher geschrieben, ➱Alice in Wonderland kam hier ja schon einmal vor. Er liebte kleine Mädchen und photographierte sie. Und da bin ich schon bei der dunklen Seite dieses Viktorianers. Denn das Ganze sieht doch ein bisschen nach kiddie porn aus.

Ein Jahrhundert später schrieb ➱Graham Greene in einer Filmkritik über Shirley Temple: watch the way she measures a man with agile studio eyes, with dimpled depravity. Adult emotions of love and grief glissade across the mask of childhood, a childhood that is only skin-deep. It is clever, but it cannot last. Her admirers – middle-aged men and clergymen – respond to her dubious coquetry, to the sight of her well-shaped and desirable little body, packed with enormous vitality, only because the safety curtain of story and dialogue drops between their intelligence and their desire. Und wurde sofort vom Anwalt der englischen Krone verfolgt. Wahrscheinlich, weil er insinuiert hatte, dass clergymen sich an der kleinen Lolita auf der Leinwand erregten. Da kann man dem Reverend Dodgson doch nur die letzte Zeile seines Gedichts empfehlen: Behave!

Ich besitze seit Jahrzehnten das Taschenbuch aus dem Dover Verlag Lewis Carroll, Photographer, herausgegeben von Helmut Gernsheim. Inzwischen ist das Angebot zum Thema Lewis Carroll und Photographie gewaltig angewachsen. Aber so toll ist Lewis Carroll als Photograph nun wirklich nicht. Wenn man sich Photos von viktorianischen Amateurphotographen anschauen will, dann sollte man zu einem Bildband von Julia Margaret Cameron greifen. Dies Bild ist von ihr, es zeigt Alice Liddell, die kleine Alice, die Lewis Carroll so gerne photographierte. Inzwischen ist sie eine junge Frau. Irgendwie sieht sie ziemlich zickig aus. Dazu passt eine sehr philosophische Bemerkung eines weiblichen Teenies, die ich letztens auf der Straße aufschnappte. Die sagte zu ihrer Freundin: Und ich sach dir, so süss die aussehen, wenn sie klein sind, innen paar Jahren wer'n da richtige Zicken draus. Das ist der Lauf der Welt.

Lesen Sie auch: Alice, Go ask Alice

Donnerstag, 26. Januar 2012

Erwin Blumenfeld


Wenn man in Berlin geboren wird und aus einer jüdischen Familie kommt, dann bleibt einem eines Tages nur die Emigration. Wenn man in der falschen Zeit lebt. Wenn man einer der berühmtesten Photographen der Welt geworden ist, dann schreibt man eines Tages seine Autobiographie. Ich rede nicht von Helmut Newton, ich rede von Erwin Blumenfeld, der heute vor 115 Jahren in Berlin geboren wurde. Helmut Newton hat zwar auch eine Autobiographie geschrieben, aber die ist nichts gegen das Buch, das Blumenfeld im Alter schreibt.

Kein Verlag will es haben. Ein Buch voller Hass. Hingerotzt ist es, sagt Alfred Andersch im Vorwort zu Durch tausendjährige Zeit. Der französische Schriftsteller Kléber Haedens verglich die französische Erstausgabe Jadis et Daguerre in seinem Artikel Du Balzac avec des Touches Céliniennes 1975 mit Céline. Diesen Vergleich wies Jürg Federspiel in seiner Besprechung Das Leben vor dem Sterben des Erwin Blumenfeld des inzwischen auf deutsch als Durch tausendjährige Zeit erschienenen Buches im Zürcher Tages Anzeiger Magazin 1976 zurück. Aber für mich war das damals, als ich das Buch in einem Grabbelkasten eines Antiquariats fand, völlig klar, dass mit Blumenfelds Buch ein kongeniales Werk zu Célines Voyage au bout de la nuit erschienen war.

Célines ➱Roman habe ich vor Jahrzehnten gelesen, als meine Französischkenntnisse noch richtig gut waren. Inzwischen besitze ich aber die schöne Neuübersetzung, die 2003 bei Rowohlt erschienen ist. Erwin Blumenfelds Werk sollte zuerst Einbildungsroman heißen (die Ausgabe von Eichborn von 1998 hat auch diesen Titel), man weiß nicht so recht, ob dies ein Roman oder eine Autobiographie ist. Aber sind nicht auch alle Romane Autobiographien? Das Buch beginnt mit seiner Geburt und endet mit seiner Ankunft in Amerika. Da, wo seine Karriere als weltberühmter Modephotograph beginnt, da hört er auf. Dem Buch ist noch eine Seite hinzugefügt, die sich in seinem Nachlass fand. Eine Art Schreibübung, die Beschreibung der Gefühle bei einem Herzinfarkt. Die mit den Worten endet: ... alles war Vergangenheit: Ich war tot. Das ist nun ein klein wenig makaber, denn wenige Tage später war er wirklich tot, Herzinfarkt.

Erwin Blumenfeld ist Dada-Künstler gewesen, ➱Experimentalfilmer und Photograph. Er hat in Amerika für Harper's Bazaar und Vogue photographiert, und es gab da wahrlich keinen Mangel an Modephotographen, seit der Baron Adolphe de Meyer die Modephotographie sozusagen geadelt hatte. Da war sich dann auch Edward Steichen dafür nicht zu schade, und dann kamen sie alle: George Hoyningen-Huene, Man Ray, Horst P. Horst, Clarence Sinclair Bull (der hauptsächlich für Hollywood arbeitete), George Platt-Lynes und Lee Miller. Und man sollte natürlich Louise Dahl-Wolfe und die von ihr beeinflussten Photographen Irving Penn und Richard Avedon nicht vergessen. Ach, ich merke beim Auflisten dieser Namen, dass ich irgendwann mal über Modephotographie schreiben muss. Deutsche Photographen wie F.C. Gundlach eingeschlossen.

Mittendrin bei all der Prominenz ist Blumenfeld, ewiger Neuerer und Experimentierer. Und über all dies, die schöne Welt des schönen Scheins, erfahren wir in Durch tausendjährige Zeit so gut wie nichts. Dafür alles über das Leben. Und das nicht in gepflegter Form. Da hat Andersch mit seinem hingerotzt schon recht. Dies Buch ist ordinär und prollig, komisch und grotesk, geflunkert und hoffnungslos ehrlich. Es ist das Werk keines Ghostwriters, der einen international berühmten Photographen beweihräuchert, dies ist ein Werk der deutschen Literatur. Vielleicht merkt die Literaturwissenschaft das ja noch mal.

Im Ersten Weltkrieg ist Blumenfeld Fahrer eines Sanitätswagens gewesen. Ernest Hemingway auch. Aber während Hemingway seine Uniform umarbeitet, damit es aussieht, als sei er Offizier der Armee gewesen (Faulkner macht mit seiner Luftwaffenuniform ähnliches: die Amerikaner müssen immer übertreiben) und sein kleines Kriegserlebnis in Romanen und Short Stories vermarktet, beschönigt Blumenfeld nichts. Es macht wenig Sinn, über Blumenfelds Einbildungsroman zu reden, man muss ihn lesen. Das Buch ist zwar vergriffen, aber man findet es noch leicht im Modernen Antiquariat.

Mittwoch, 25. Januar 2012

Hochzeitsmarsch


Heute vor 154 Jahren hat der Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen im St James's Palace von London die Tochter von Königin Victoria geheiratet. Er war ein Mann von Bildung und liberalen Ansichten. Deutschland hat nicht so viel davon gehabt, weil er nur 99 Tage Kaiser war. Das Jahr 1888 wurde zum Dreikaiserjahr. Seinen Nachfolger hält er hier auf dem in Balmoral gemachten Photo an der Hand. Falls Sie schon immer einmal wissen wollten, wie das Wohnzimmer in Balmoral aussieht, dann klicken Sie hier. Der Teppich im Tartanmuster ist ein Design von Prince Albert.

Den kleinen Schottenjungen da oben kennen wir alle, das ist unser Willem II in schottischer Verkleidung. Verkleidungen hatte er in seinem Leben viele. Ein theatralischer Transvestit, halbverkrüppelt, mit der geschichtlichen Mission, die Welt unter vergoldetem Marschallstab den herrlichen Tagen Herrn Hitlers entgegen zu führen. Dieser schöne Satz stammt von Erwin Blumenfeld, ich habe ihn gerade parat, da ich seine Autobiographie Durch tausendjährige Zeit noch einmal lese. Denn morgen gibt es hier Erwin Blumenfeld. Das Bild von Anton von Werner könnten wir sofort wieder vergessen, ich habe es nur hier, um Ihr Augenmerk auf die kleine Exzellenz am Fenster zu lenken. Da steht er, der kleine Adolph Menzel, der ein größerer Maler als Anton von Werner ist.

Wenn der deutsche Prinz die englische Prinzessin heiratet, muss natürlich auch Musik gespielt werden. Welche Musik? Sie ahnen es schon, natürlich Mendelssohns Hochzeitsmarsch aus der Bühnenmusik von Ein Sommernachtstraum. Aber hier ist es eine Premiere. Millionen von Brautleuten werden es von da an dem königlichen Paar nachmachen. Warum hat die Königin Victoria für ihre Tochter und ihren Schwiegersohn nun diese Musik ausgesucht? Man mag Mendelssohn bei Hofe. Im Juni 1842 war er zum ersten Mal Gast im Buckingham Palace. Zuvor war er in der englischen High Society herumgereicht worden. Victoria lässt für den Anlass die Volieren mit ihren Lieblingsvögeln aus dem Zimmer tragen, sie könnten durch ihr Gezwitscher den Maestro stören. Der spielt die Lieder ohne Worte. Dann gibt es noch Webers Lützows wilde Jagd und Gaudeamus Igitur.

Und hat zum Schluss noch eine Zugabe, eine freie Improvisation, bei der er die österreichische Nationalhymne mit der rechten, und die Rule Britannia mit der linken Hand spielt. Really I have never heard anything so beautiful...We were all filled with the greatest admiration. Poor Mendelssohn was quite exhausted when he had done playing, notiert Victoria in ihrem Tagebuch. Es wird nicht der einzige Besuch im Buckingham Palace (the only really nice, comfortable house in England... where one feels completely at home) sein. Felix Mendelssohn wird wiederkommen, um die kleine Orgel von Albert zu bewundern. Gemeinsam machen die drei dann Hausmusik, Victoria singt. Mendelssohn wird Victoria dann noch seine gerade vollendete Schottische Symphonie widmen.

Auf dem überlebensgroßen Bild von Franz Xaver Winterhalter (von dem Victoria begeistert war: a chef d’oeuvre” ... such beautiful, brilliant, fresh colouring - & we were enchanted)  ist Vicky, die den deutschen Kronprinzen heiraten wird, auf der rechten Seite des Bildes. Da spielt sie noch mit ihrer kleinen Schwester. Dreizehn Jahre später hat sie ihren eigenen kleinen Willy. Aber vorher gab es ja noch Mendelssohns Hochzeitsmarsch. Sie hätten ja auch Elsas Brautlied aus Wagners Lohengrin nehmen können. Scheint das beliebteste Stück zu sein, das Teenager bei YouTube klimpern.

Den Richard Wagner, der Mendelssohn hasst wie die Pest, mag man im Königshaus nicht so besonders. Gewiss, er wird einmal in Windsor empfangen, und Victoria und Albert hören sich die Tannhäuser Ouvertüre an, aber das ist es dann aber auch. Es hat Wagner geschmerzt, dass ihn die Königin gefragt hat, wann denn seine Opern ins Italienische übersetzt würden, damit auch sie sie verstehen könne. Ich weiß jetzt nicht, wie man Wagalaweia ins Italienische übersetzt, aber der Gedanke ist köstlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Victoria die deutsche Sprache perfekt beherrscht. Es hat Wagner natürlich noch mehr geschmerzt, dass er Jahre später wegen seiner antijüdischen Hasstiraden von Friedrich Wilhelm und Victoria öffentlich gerügt wird. Da werden die beiden sicher froh gewesen sein, dass sie Mendelssohns Hochzeitsmarsch zur Hochzeit hatten und keine Musik von diesem komischen Sachsen, der nur drei Sätze Englisch konnte.

Dienstag, 24. Januar 2012

Adolph Menzel


Meine Intention war, den Fürsten darzustellen, den die Fürsten haßten und die Völker verehrten, dieß war das Ergebnis dessen was Er war, mit einem Wort: den alten Fritz, der im Volke lebt, hat Adolph Menzel gesagt. Heute ist der dreihundertste Geburtstag von Friedrich II, und statt über ihn zu schreiben - was in den letzten Wochen jeder tut (sogar Thea Dorn in der Zeit) - schreibe ich lieber mal über Menzel. Nicht über den Menzel mit dem ➱Portrait seiner Schwester, nicht über den Menzel mit dem ➱Balkonzimmer. sondern über den Menzel der Friedrich Bilder. Wie zum Beispiel diesem Bild hier, Friedrich und die Seinen bei Hochkirch. Als ich klein war und mir die Welt der Bilder in den Kunstbänden anschaute, die ich zu Hause fand, begriff ich nicht, was dieses nachtdüsterne, beinahe dämonische Bild sollte. Ich begreife es heute immer noch nicht. Wenn wir nichts über die Schlacht von Hochkirch wissen, eines können wir mit einem Blick sehen: es war kein Sieg des ein Meter sechzig großen Friedrich. Wie langsam sich die beiden älteren Offiziere erschöpft vorne aus dem Graben quälen (auf den dem Bild vorausgehenden Skizzen sind sie etwas dynamischer)! Es ist ein ➱irritierendes Bild, das da am Anfang eines Jahrzehnts steht, in dem Menzel seine Friedrich Bilder malt. Es steht völlig im Gegensatz zu dem 1849 gemalten Gemälde ➱Die Bittschrift. Und es steht natürlich in noch größerem Gegensatz zu dem, was Menzel in den fünf Jahren zuvor an impressionistischen Skizzen gemalt hatte. Klicken Sie einmal diese ➱Seite an, dann wird dieser Gegensatz überdeutlich.

Irritierend war es auch für die zeitgenössischen Kritiker: Unserer Ansicht nach sollte man dem Volke die Glanzpunkte und nicht die Schattenseiten seiner historischen Vergangenheit auf diesem Wege vor Augen führen. Man war von Menzel anderes gewohnt. Denn der bis dahin unbekannte junge Maler war durch seine Illustrationen zu Franz Kuglers ➱Geschichte Friedrichs des Großen bekannt geworden, zu der er 398 Zeichnungen beigesteuert hatte. Vom Februar 1839 bis zum Juli 1842 hatte er an diesem Buch gearbeitet, dessen erster Band zur Hundertjahrfeier der Thronbesteigung Friedrichs 1840 erschien. Das Buch, in dem der Öffentlichkeit zum ersten Mal der Friedrich vorgestellt wird, der in seiner Jugend vom Vater gepeinigt wird, wird ein Bestseller. Es ist heute noch lieferbar, ist gerade vor Wochen wieder  neu aufgelegt worden. Das Werk von Kugler und Menzel verschafft ➱Friedrich II eine neue Popularität, eine Volkstümlichkeit, die er bis dahin nicht hatte. Vielleicht liegt es daran, dass Menzel den König in seiner Darstellung zu einem volksnahen Herrscher, beinahe zu einer Art Bürger macht, das ist etwas, dass das bürgerliche Publikum nach 1848 durchaus goutiert.

Kaum ist Menzel mit den Ilustrationen zu KuglDieers Geschichtswerk fertig, beginnt er mit den Illustrationen zu Die Armee Friedrichs des Großen in ihren UniformenDer Entschluß zu dem Unternehmen reifte an der Wahrnehmung, welch ein überschwenglich reiches Feld in derjenigen Geschichtsepoche, welche das Leben und die Thaten Friedrich's des Großen erfüllen, unserer vaterländischen Kunst zu bearbeiten noch bevorstehe. Eine zeitraubende Arbeit, detailliert echte Uniformen (an lebenden Modellen) von jedem Regiment des Preußenkönigs zu zeichnen, bis 1857 wird es Menzel beschäftigen. Es ist jetzt von Vorteil, dass er weiß, wo er sein Material findet, denn schon während der Arbeit an dem Kugler-Buch hatte er geschrieben: Ich sitze jetzt an Vorstudien bis über die Ohren, ich habe mir Gelegenheit verschafft, alle Waffen und Kleider aus den Zeiten Friedrichs, die hier noch auf dem königlichen Muntierungs-Depot aufbewahrt werden auf dem Model nach der Natur studieren zu können, das ist mit ein großer Vortheil. Ich kann dadurch den Sachen die Authenticität geben. Authentizität ist eines seiner Lieblingsworte. Und während er sich verbissen durch die Dienstkleidung der preußischen Armee zeichnet, hat er natürlich den kleinen großen Friedrich nicht vergessen.

Friedrich über alles. Mich hat nicht so bald was so ergriffen. Der Stoff ist so reich, so interessant, so großartig, worüber Sie zwar den Kopf schütteln werden, wenn mans genauer kennen lernt, so malerisch, daß ich bloß einmal so glücklich werden möchte, aus dieser Zeit einen Cyklus großer histori­scher Bilder malen zu können. Und so malt er das Flötenkonzert, Friedrich mit der Tänzerin Barberina, Friedrich und Joseph II (der ja ein aufgeklärterer Fürst als er selbst war) und Friedrich bei Leuthen. Die ganze Fritzen-Welt, wie Fontane das so nett genannt hat. Das Bild (oben), das den Preußenkönig mit seinen Generälen zeigt, bleibt unvollendet (er mochte es nie), der Preußenkönig bleibt ein weißes Nichts.

Das malerisch schönste Bild ist sicherlich Bonsoir, Messieurs! Friedrich der Grosse in Lissa, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Menzel illustriert hier die Anekdote, wonach Friedrich und sein Kavalleriegeneral Ziethen nach der Schlacht von Leuthen das halbe Offiziercorps der Österreicher im Schloss von Lissa überraschen:  Erstarrt blieben sie stehen, als Friedrich mit seinem Adjutanten ganz ruhig vom Pferde stieg und sie mit den Worten bewillkommnete: "Bon soir, Messieurs! Gewiß werden Sie mich hier nicht vermuten. Kann man hier auch noch mit unterkommen?" So schön die Geschichte ist, sie ist durch historische Fakten nicht wirklich gedeckt. Das unvollendete Bild lebt von der nervösen Dynamik der Personen und der Lichtführung in dem Chiaroscuro. War das Flötenkonzert noch ein Biedermeier Klein-Klein (oder gar ein malerischer Ausflug in die Welt des Rokoko?), wird Menzel jetzt freier, ungehemmter. Mit breitem pastosen Farbauftrag ist er jetzt ein Jahrzehnt später von einem Bild wie der Bittschrift weit entfernt. Es ist auch weit vom Zeitgeschmack entfernt, der Auftraggeber will es nicht haben, es bleibt erst einmal in Menzels Atelier.

Und er ist mit diesem Bild - wie auch solchen Bildern wie dem Mondschein über der Friedrichsgracht - wieder näher an seiner impressionistischen Phase von der Mitte der vierziger Jahre. Die ich hier heute mal auslasse, vielleicht schreibe ich da noch einmal drüber. Wenn Sie das wunderschön gemalte Balkonzimmer sehen wollen, müssen Sie den Post Carl Blechen anklicken. Die Bilder vom König Friedrich verkaufen sich übrigens nicht wie geschnitten Brot, wie man heute glauben könnte.

Als er die Illustrationen für Kuglers Buch übernahm, war er vierundzwanzig, die Geschichte Friedrichs des Großen war ein Auftragswerk, das eine gesicherte Bezahlung gewährleistete. Jetzt ist er ein freier Künstler, ist auf den bürgerlichen Kunstmarkt angewiesen, der damals in Berlin noch in Kinderschuhen steckt. Kunst sammelnde Bankiers und Industrielle wie Eduard Arnhold, Adolph Liebermann von Wahlendorf (der das Eisenwalzwerk kauft), Peter Louis Ravené, Carl Justus Heckmann oder Magnus Herrmann wird es erst später geben. Die Aufträge vom Hofe (die ein ➱Franz Krüger hatte) sind noch nicht gekommen. Menzel überlegt sich ernsthaft, ob er nach Paris ziehen sollte.

Bevor er sein riesiges scheußliches ➱Gemälde von der Krönung Wilhelm I malt (und darin in vier Jahren 123 Einzelportraits unterbringt), schließt er seine Friedrich Bilder mit dem schönen Bild Kronprinz Friedrich besucht den französischen Maler Antoine Pesne auf dem Malgerüst in Schloss Rheinsberg ab. Wieder so eine vertrackte Perspektive mit der Treppe wie bei Bon soir, Messieurs!, aber diesmal herrscht hier keine nervöse Unruhe, sondern heitere Gelassenheit. Ein Augenblick der Unbeschwingheit in der Jugend Friedrichs, etwas ganz anderes als das nachtdunkle Hochkirch Gemälde, auf dem Friedrich beinahe isoliert von den Seinen auf den Betrachter zureitet. Ein Weg ohne Ausweg. Hier blickt er auf den Hofmaler Maler Antoine Pesne, hier ist er der Freund der schönen Künste, nicht der einsame Feldherr im Augenblick der Niederlage. Der junge Friedrich hat übrigens für den verehrten Maler auch ein Gedicht geschrieben:

Poëme adressé au sieur Antoine Pesne

Quel spectacle étonnant vient de frapper mes yeux!
Oui, Pesne, ton pinceau te place au rang des dieux;
Tout respire, tout rit, tout plaît en ta peinture,
Ton savoir et ton art surpassent la nature,
Et du fond du tableau tes ombres font sortir
L'objet que de clarté ta main sut revêtir.
Tel est l'effet de l'art, tels en sont les prestiges;
Tes dessins, tes portraits sont autant de prodiges.
Quand d'un vaillant héros, des peuples estimé,
Tu nous traces les traits et les yeux animés,
On le voit plein de feu, tel qu'entouré de gloire,
Jadis dans les combats il fixait la victoire.
Quand de la jeune Iris, brillante de santé,
Tu nous montres l'image et la rare beauté,
Je sens pour tes couleurs tout ce qu'à mon jeune âge


Und da ich bei Gedichten bin, mache ich doch gleich mit einem anderen weiter. Kennt Er Menzel? Wer ist Menzel? fragt Friedrich II in Theodor Fontanes Gedicht Auf der Treppe von Sanscouci den Dichter:

Ja, wer ist Menzel? Menzel ist sehr vieles,
Um nicht zu sagen alles; mind’stens ist er
Die ganze Arche Noäh, Thier und Menschen:
Putthühner, Gänse, Papagei’n und Enten,
Schwerin und Seydlitz, Leopold von Dessau,
Der alte Zieten, Ammen, Schlosserjungen,
Kathol’sche Kirchen, italiensche Plätze,
Schuhschnallen, Broncen, Walz- und Eisenwerke,
Stadträthe mit und ohne goldne Kette,
Minister, mißgestimmt in Cashmirhosen,
Straußfedern, Hofball, Hummer-Majonnaise,
Der Kaiser, Moltke, Gräfin Hacke, Bismarck –“
„Outrir’ Er nicht.“
„Ich spreche nur die Wahrheit.
Bescheidne Wahrheit nur. Er durchstudirte
Die groß’ und kleine Welt; was kreucht und fleucht,
Er giebt es uns im Spiegelbilde wieder.
Am liebsten aber (und mir schwoll der Kamm,
Ich war im Gang, ‚jetzt oder niemals‘ dacht’ ich)
Am liebsten aber giebt die Welt er wieder,
Die Fritzen-Welt, auf der wir just hier stehn!
Im Rundsaal, vom Plafond her, strahlt der Lustre,
Siebartig golden blinkt der Stühle Flechtwerk,
Biche („komm, mein Biche’chen“) streift die Tischtuch-Ecke,
Champagner perlt und auf der Meißner Schale
Liegt, schon zerpflückt, die Pontac-Apfelsine ...“


Was Fontane hier in seiner Festgabe zum siebzigsten Geburtstag von Menzel beschreibt, ist die Bildwelt des späten Menzel. Was er nicht erwähnt, ist das Frühwerk - das kennt die Öffentlichkeit nicht. Er erwähnt neben der Fritzen-Welt auch das berühmte ➱Eisenwalzwerk. Aber was er nicht erwähnt, ist der Menzel, der es rigoros ablehnt, Bilder von den erfolgreichen Schlachten der Preußen zu malen. Germania braucht noch viel gute Maler etc: - gar nicht der vielen mediokren Schlachtbilder wegen - so ein beispielloses Ding wie unsere Armee darf nicht ihr Bestes allein bleiben, schreibt Menzel 1870 in einem Brief an seinen Freund, den Potsdamer Militärarzt Dr. Friedrich Wilhelm Anton Puhlmann. Ein Bild wie Moltke vor Paris, wie es ➱Anton von Werner malt, wird er nicht malen. Nach dem Krieg von 1866 wird er die Schlachtfelder besuchen und ➱tote Soldaten malen (oben). Jahre später wird er auf die Frage, warum er die Siege von 1866 und 1871 nicht gemalt habe, sagen: und über das Alles: muß denn der Greuel gemalt werden?!? Ich habe anno 66 (post festum) einen Ausflug nach Böhmen gemacht!– – –. Nach dem Krieg von 1871 wird er französische ➱Kriegsgefangene malen.

Und dennoch taugen diese Bilder nicht zu dem Beweis, dass Menzel ein politischer Revolutionär ist. Er hat die deutschen Siege in den Kriegen gegen Österreich und Frankreich begrüsst. Er steht treu zu dem Königshaus. Aber er malt im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen keine Propagandabilder. Er ist weder ein Jacques-Louis David noch ein Arno Breker, wie der Bremer Kunsthallendirektor Günter Busch 1981 bei der Eröffnung der Kieler Ausstellung Adolph Menzel, Realist, Historist, Maler des Hofes sagte.

Und er hatte auch niemals vor, Friedrich II zu einer mythischen Figur zu machen. Das werden andere tun, eine andere Zeit wird ihren Friedrich nicht über Menzel, sondern über Otto Gebühr kennenlernen. Und über einen Nazi-Historiker namens Karl Richard Ganzer: Als Adolf Menzel in Knabenjahren mit seinem Vater aus Breslau nach Berlin übersiedelt, muß schon die knappe Strenge, die seinem Leben ihr Zeichen aufdrückt, Herrscherin in seiner Seele gewesen sein. Menzel hat niemals Unterweisung im Zeichnen bekommen. Er ist sein eigener unbestechlicher Lehrer, er prüft und verwirft sein Werk nach eigenem unbestechlichem Urteil, er lernt Geradheit, Schärfe und Ehrlichkeit an seinem eigenen Schaffen zuerst. So wird er Meister, weil er als Suchender jede selbstgefällige Täuschung zu unterdrücken gelernt hat. Klar und streng wirft nun sein Stift, von einem schonungslosen Blick überwacht, die großen Gestalten Preußens aufs Blatt. Als ob ihn magischer Bann bezwinge, vertieft er sich in Friedrich den Großen, zeichnet ihn hundertmal, kerbt ihn in Holz, malt ihn in großen Bildern, spürt mit dem Stift seinen königlichen Geheimnis nach. So hat er Friedrichs Bild geschaffen, wie es für immer im deutschen Bewußtsein leben wird. Noch manches andere Werk ist ihm geglückt; doch daß er Friedrichs Züge zu mythischer Gestaltung geformt hat, bleibt sein unvergänglicher Ruhm.

Solche Ansichten, in dieser raunenden Sprache vorgetragen, halten sich lange bei uns. Große Teile unseres ➱Caspar David Friedrich Bildes stammen auch noch von den Nazis. Aber mit all dem hat Menzel nichts, aber auch gar nichts zu tun. Auch wenn die Besessenheit, mit der er sich der Fritzen-Welt zuwendet, schon ein wenig paradox ist. Aber er verherrlicht die aristokratische Gesellschaft nicht, häufig karikiert er sie. Diese schöne kleine Anekdote (von der verschiedene Fassungen existieren) mag das beleuchten: So fragte denn auch Kaiserin Augusta ihren Ältesten: »Fritz, sind wir denn wirklich so häßlich, wie der Menzel uns malt?« Der Kronprinz: »Ja, Mama, so häßlich sind wir!

Es ist eine kalt-objektive Nüchternheit - die Suche nach Authenticität - des Beobachters, die ihn bei der Aufbahrung der Märzgefallenen schreiben lässt: So oft nun ein neuer Zug Särge vorbeikam, trat der König barhaupt heraus und blieb stehen, bis die Särge vorüber waren. Sein Kopf leuchtete von ferne wie ein weißer Flecken. Es mag wohl der fürchterlichste Tag seines Lebens gewesen sein. Und er malt es. Und fängt als nächstes Bild die Tafelrunde von Sanssouci (oben) an. Das Bild ist, ebenso wie Friedrich und die Seinen bei Hochkirch, nicht erhalten. Es ist etwas Seltsames mit den Friedrich Bildern: manche nicht vollendet, andere Kriegsverluste. Menzels Friedrich bleibt letztlich rätselhaft, so rätselhaft wie die weiße Figur auf dem Bild Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen.

Sonntag, 22. Januar 2012

Lord Byron


Der Lord hat heute Geburtstag, man sollte es zumindest mal erwähnen. Er ist in diesem Blog schon x-mal erwähnt worden. Unter anderem natürlich in dem Post über ➱Beau Brummell mit dem bezaubernden Satz: There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell. Diese Bemerkung sei nicht ernstgemeint gewesen, sagt ein gewisser Paul Holzhausen 1904 in seinem Buch Bonaparte, Byron und die Briten (mit dem schönen Untertitel Kulturbild aus der Zeit des ersten Napoleon). Der Titel klang vielversprechend, und so hatte ich vor Jahrzehnten in einem Antiquariat drei Mark für das Buch bezahlt. Ich weiß nicht, ob es schwachsinnigere Bücher zu diesem Thema gibt, oder ob diesem lehrerlämpelhaften Historiker aus Bonn namens Dr. ➱Paul Holzhausen die Krone gebührt. Zumindest ein napoleonischer Marschallstab sollte für ihn schon drin sein.

Ich stand vorgestern vor dem Regal, wo Byron und Shelley (und andere Romantiker) einträchtig nebeneinander stehen. Wollte einen Band der Briefe Byrons herausziehen, als mir dieses Buch vor die Füße fiel. Und wie die puritanischen Prediger, die das Werk des Holzwurms auf einer Seite der Bibel zum Anlass nehmen, über genau jenen Satz zu predigen, in dem das Löchlein des Holzwurms ist, dachte ich mir: schreib über Holzhausen!

Lord Byron interessiert den Oberlehrer am Königlichen Gymnasium in  Bonn, den ein zeitgenössischer Rezensent als Stimmungshistoriker bezeichnet (er selbst sieht sich als Stimmungsmaler), erst an zweiter Stelle. Eigentlich nur deshalb, weil der Napoleon verehrt. So wie Paul Holzhausen. Denn Napoleon ist das größte Genie der Menschheit, irgendwann weit dahinter kommt dann Byron. Beau Brummell hat da natürlich keinen Platz. Bonn, am zweiundneunzigsten Jahrestage der Schlacht von Borodino, datiert Holzhausen das Vorwort des in Frankfurt bei Moritz Diesterweg erschienenen Buches. Der Verfasser meint das nicht etwa ironisch! Er ist auf diesem Gebiet versiert, hatte er doch in den Jahren zuvor ➱Napoleons Tod im Spiegel der zeitgenössischen Presse und Dichtung und ➱Heinrich Heine und Napoleon I. publiziert.

Im Vorwort behauptet Holzhausen: Ich besitze die der heutigen Literatenwelt eigene Gabe der Selbstüberschätzung nicht in genügendem Maße, aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Wenn jemand die Gabe der Selbstüberschätzung hat, dann ist es Holzhausen. In diesem Buch mischen sich Geniekult und wilhelminischer Größenwahn zu einer gefährlichen Melange, denn nur der Verfasser (der auch für die Gartenlaube schreibt) hat recht, alle anderen sind doof. Insbesonders der Professor Karl Elze, der Byron nie verstanden hat. Karl Elze, der die deutsche Anglistik begründet hat, ist sicherlich ein verdienstvollerer Mann als Holzhausen gewesen.

Hochmodern sei sein Buch (zusammengetragen mit dem Sammlerfleiß, den man an ihm kennt, so ein Rezensent) versichert uns der Autor. Und verknüpft seine Heldenverehrung Napoleons noch mit Nietzsche. Weil sie mit dem Übermenschentum und der Herrenmoral Friedrich Nietzsches ursächlich in etwa zusammenhängt. Das hat Byron nicht verdient, dass er von den Stimmungsmaler Holzhausen in diese Nachbarschaft gerückt wird. ➱Bonaparte, Byron und die Briten, das zuerst Lord und Imperator heißen sollte, ist ein kurioses und letztlich schlimmes Buch, und es ist so deutsch wie Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher. Die Saat mit Heldenverehrung, Größenwahn und Kulturpessimismus, die hier gesät wird, wird irgendwann aufgehen.

Ich möchte, sozusagen als Unkrautvernichtungsmittel, gegen diese Schriften, ein Buch halten, das dreißig Jahre nach Holzhausens Buch erschien. Es ist von A.G. Macdonnell und heißt Napoleon and his Marshals. Es war lange vom Markt verschwunden, bis es in der Reihe Prion Lost Treasures 1996 wieder aufgelegt wurde. Und prompt mehrfach nachgedruckt wurde.1996 schrieb Englands führender Militärhistoriker John Keegan: Even a Napoleon hater, which I am, will love this book. Still after 60 years, a thrilling gallop through the Napoleonic Wars. A.G. Macdonell ist Schotte, er hat das wunderbare Buch England, Their England geschrieben, was in England (und Schottland) ein ewiger Klassiker ist. Die Beschreibung des dörflichen Cricketspiels in diesem Buch ist in jeder Anthologie der Cricket Literatur abgedruckt. Er hat auch das satirische Autobiography of a Cad geschrieben, was in deutscher Übersetzung die Zensur von Goebbels wohl nur passiert hat, weil man diese Satire für das Portrait eines typischen Engländers hielt.

Nein, Archibald Gordon Macdonell kann schreiben (er hat auch unter Pseudonymen Detektivromane verfasst). Seine 300-seitige Napoleon Biographie ist wahrscheinlich die kürzeste von allen, die amüsanteste ist sie auf jeden Fall. Ein Parforceritt mit dem kleinen Caporal und seinen Marschällen über die Schlachtfelder Europas. Dies ist nicht das Buch eines Historikers, dies ist das Buch eines Schriftstellers. Es gibt keine Bibliographie der benutzten Literatur. Jeder kann eine Hilfskraft im Britischen Museum alle Buchtitel über Napoleon abschreiben lassen, die Liste hinten ins Buch tun und die Leser mit angeblicher Gelehrsamkeit beeindrucken, sagt Macdonell. Aber er sagt auch, dass er für alles einen Beleg hätte. Wir glauben ihm, und es kümmert uns auch nicht. Das Buch endet mit dem Tod des letzten Marschalls 1852 und den Worten Que de souvenirs! Que de regrets! Und an dieser Stelle geht der Leser zurück zum ersten Kapitel und beginnt das Buch aufs Neue zu lesen.

Oder er greift zu Sigrid ➱Combüchens wunderbarem Roman Byron und beginnt, den zu lesen. Immerhin wird in dem Roman ja auch von seinen englischen Verehrern Byrons Geburtstag gefeiert. Und Paul Holzhausen kommt im Roman bestimmt nicht vor. Stell' ich den Holzhausen jetzt zurück ins Regal oder kommt er in die blaue Tonne?

Lassen wir das letzte Wort heute dem Dichter, der in Don Juan die selbstironischen Zeilen schrieb:

Even I—albeit I'm sure I did not know it,
Nor sought of foolscap subjects to be king—
Was reckon'd, a considerable time,
The grand Napoleon of the realms of rhyme


Byron hat (meist anonym) einige Napoleon Gedichte publiziert, in denen seine Haltung zu Napoleon sehr widersprüchlich ist (mehr dazu ➱hier). Ich stelle hier einmal Napoleon's Farewell ein. Das From The French ist natürlich frech gelogen, er hat das Gedicht auf Englisch geschrieben.

Napoleon's Farewell (From The French)

Farewell to the Land where the gloom of my Glory
Arose and o'ershadow'd the earth with her name--
She abandons me now--but the page of her story,
The brightest or blackest, is fill'd with my fame.
I have warr'd with a world which vanquish'd me only
When the meteor of conquest allured me too far;
I have coped with the nations which dread me thus lonely,
The last single Captive to millions in war.

Farewell to thee, France! when thy diadem crown'd me,
I made thee the gem and the wonder of earth,
But thy weakness decrees I should leave as I found thee,
Decay'd in thy glory, and sunk in thy worth.
Oh! for the veteran hearts that were wasted
In strife with the storm, when their battles were won
Then the Eagle, whose gaze in that moment was lasted,
Had still soar'd with eyes fix'd on victory's sun!

Farewell to thee, France!--but when Liberty rallies
Once more in thy regions, remember me then,
The violet still grows in the depth of thy valleys;
Though wither'd, thy tear will unfold it
Yet, yet, I may baffle the hosts that sur­round us,
And yet may thy heart leap awake to my voice
There are links which must break in the chain that has bound us,
Then turn thee and call on the Chief of thy choice!

Ach, ich hätte doch noch ein Postscriptum. Und das betrifft Beau Brummell, den weltbekannten Modenarren (so Holzhausen). Denn natürlich hat Byron recht, wenn er sagt There are three great men of our age: myself, Napoleon and Beau Brummell. But of we three, the greatest of all is Brummell. Weil auch Napoleon und Lord Byron große Dandies waren. Denn warum steckt Napoleon seine Hand auf so vielen Bildern in die Weste? Weil er ein Magengeschwür hat? Weil die Hosen damals keine Taschen haben? Weil er Freimaurer ist? Schön und gut. Es ist aber eher deshalb, weil es eine etablierte Pose des Dandys ist. Ich hätte da für die Modeinteressierten noch einen interessanten Artikel von dem Amerikaner John Clubbe (ehemaliger Präsident der Byron Gesellschaft), der auch ein  Buch über die Wirkung des Byron Portraits von Thomas Sully auf Amerika geschrieben hat. Was natürlich nur eine schlechte Kopie des Bildes von Richard Westall ist, aber sehen Sie ➱selbst. Aber wenn das Buch vielleicht auch nicht so interessant ist, der Artikel über Byron, Bonaparte und Brummell ist es auf jeden Fall. Lesen Sie es selbst: ➱ Bend it Like Byron: The Sartorial Sublime in Byron, Bonaparte, and Brummell, with Glances at Their Modern Progeny.