Seiten

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Der preußische Apoll


So sah das Bild in einem dieser großen Bildbände meines Opas aus, die alle vorwiegend Bilder der Historien- und Genremalerei des 19. Jahrhunderts enthielten. Hat mich schon im Kindesalter zu einem Fachmann für Historienmalerei gemacht. Egal, ob da der Alte Fritz oder Andreas Hofer auf den Bildern war, ich kannte sie alle. Dieses Bild zeigt den Tod des Generalleutnants Prinz Louis Ferdinand von Preußen in einem Hohlweg bei Saalfeld. Napoleon verlieh dem Sergeanten Guindey, der Louis Ferdinand den tödlichen Säbelhieb versetzt hatte, die Ehrenlegion. Sagte aber auch, wenn er ihm einen lebenden Prinzen gebracht hätte, er ihn zum Offizier ernannt hätte.

Der Tod des Prinzen am 10. Oktober in dem eigentlich unbedeutenden Gefecht von Saalfeld, das vier Tage vor der Schlacht von Jena und Auerstädt stattfindet, veranlasste noch Jahrzehnte später Theodor Fontane zu dem ➱Gedicht, dessen ersten Strophe reine Preußenpropaganda ist:

Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
Ein Kriegsgott anzuschaun,
Der Liebling der Genossen,
Der Abgott schöner Fraun,
Blauäugig, blond, verwegen
Und in der jungen Hand
Den alten Preußendegen –
Prinz Louis Ferdinand.

Und in der letzten Strophe wird es noch pathetischer: Prinz Louis war gefallen, Und Preußen fiel – ihm nach. Preußen wird wieder auferstehen. Aber das verdankt es nicht der Familie mit dem Namen Preußen, sondern den Stein-Hardenbergschen Reformen und der Bildungsreform von Wilhelm von Humboldt. Ihr könnt uns ja wiederhaben, ihr braucht es nur zu wollen, hauchte mir eine angeschickerte Preußenprinzessin auf einer Party ins Ohr. Delusions of grandeur. Das ist ein halbes Jahrhundert her, damals waren viele Preußenprinzen und Prinzessinnen in Bremen auf Partys zu finden, der Namensvetter des preußischen Apolls wohnte jetzt in Oberneuland und hatte viele Kinder. Ihr könnt uns ja wiederhaben, ihr braucht es nur zu wollen, aber wollte sie jemand? Sollte alles wiederkommen? Denn hier in Bremen hatte gerade ein Herr von Thadden dank der finanziellen Unterstützung des Ziegeleibesitzers Fritz Thielen aus meinem Heimatort die NPD gegründet. Preußen und NPD in Bremen, der Beginn eines neuen Deutschlands?

Was wäre aus Louis Ferdinand geworden? Hätte er, Wär' er hinaufgelangt, unfehlbar sich. Höchst königlich bewährt? Die militärischen Erfahrungen des jungen Generals sind gering. Auf dem Tiefpunkt seiner Karriere, als er zur Bewachung der französisch-preußischen Demarkationslinie in Lemgo und ➱Hoya stationiert ist, schreibt er: Ich lebe hier nur von Entbehrungen, und ohne Zweifel ist es nicht sehr angenehm, die schönsten Jahre des Lebens in diesem verwünschten Dorfe zuzubringen, ohne die Möglichkeit, für das Glück seines Lebens Pläne zu fassen oder die Fähigkeiten zu entwickeln, die man vielleicht besitzt. Dazu die allgemeine Lage von Europa hören müssen von den glänzendsten Thaten und dabei nur Galle destilliren können! Garnisonsdienst ist nicht seine Sache, er büchst ständig nach Hamburg aus. Wenn er ein Regiment in Magdeburg erhält, entflieht er nach Berlin, die Hälfte von Fontanes Gedicht handelt davon.

Er war ein Herr, wie wohl, seit die Welt sich so ganz ins Flache gewandt hat, keiner wieder geboren wird. Er war groß, schön wie Apollo, geschickt in allen Leibesübungen, ein gewandter Reiter, einer der gefürchtetsten Schläger im Fechten, dabei so außerordentlich stark, dass ich gesehen habe, wie er drei Finger in die Läufe von drei Infanteriemusketen steckte und sie so mit einem Male aufhob. Wenn er erschien in der sehr schönen und prächtigen Uniform seines Regimentes, sei es zu Fuß, sei es zu Pferde – und nie auf einem anderen als dem allerschönsten –, so war es nicht anders, als wenn der vornehmste Herr in der Welt, der schönste und der Kriegsgott selbst sich sehen ließ. Bei allen diesen Eigenschaften war es kein Wunder, dass er der Liebling aller Frauen war, was er gehörig zu benutzen verstand, schreibt Friedrich August Ludwig von der Marwitz in seinen Memoiren. Er schreibt aber auch: Im Jahr 1806 trank er nichts anderes als Champagner und fing damit an, sowie er aufstand, so daß er vormittag gewiß schon mit sechs Bouteillen fertig war und den Tag über ein Dutzend nicht hinreichte.

Für die einen ist der die glänzendste Verkörperung des Preußentums, ein Kriegsgott am Klavier (wie Günter de Bruyn ironisch das Kapitel über Louis Ferdinand in seinem schönen Buch Als Poesie gut überschrieben hat), ein Salonlöwe im literarischen Salon von Rahel van Varnhagen. Ich weiß nicht so recht, ob er wirklich mehr als ein preußischer Playboy und Weiberheld gewesen ist. Beethoven hat seine musikalischen Kompositionen gelobt (die Klaviertrios und Orchesterwerke kann man heute noch auf CD kaufen), er war eben sehr höflich. Er hat dem Prinzen auch sein Klavierkonzert No. 3 gewidmet. Dem Napoleon wollte Beethoven einmal seine dritte Symphonie widmen, hat es sich dann aber noch überlegt: Ist der auch nicht anders, wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen; er wird sich nun höher, wie alle Anderen stellen, ein Tyrann werden!

In Fontanes Loblied auf den Prinzen ahnt Louis Ferdinand in der vorletzten Strophe schon sein Ende:

Zu spät zu Kampf und Beten,
Der Feinde Rosses-Huf
Wird über Nacht zertreten,
Was ein Jahrhundert schuf,
Ich seh es fallen, enden,
Und wie alles zusammenbricht,
Ich kann den Tag nicht wenden,
Aber leben will ich ihn nicht.


Bei seinem Dichterkollegen Christian Friedrich Scherenberg (den Fontane durchaus schätzte) klingt das noch ein wenig melodramatischer:

Prinz Ludwig sitzt vorm Saitenspiel
Im Rudolstädter Schlosse,
Der letzte Strahl durch’s Fenster fiel,
Und Nacht wird sein Genosse.

"Ade, mein Preußen!" greift voll Schmerz
Er wieder in die Tasten,
Als schlüg’ er drein sein wildes Herz
Mit allen seinen Lasten.

Springt auf: “Mein Pferd, mein Pferd! muß fort
Zu meinen Fahnen reiten!"
Stürmt weg, noch ehe der Akkord
Verklungen aus den Saiten.

Der Sergeant Jean-Baptiste Guindey hatte dem Prinzen noch ein Rendez-vous, général, ou vous êtes mort ! zugerufen, aber der soll nur mit Sieg oder Tod! geantwortet haben. In anderen Kategorien können Preußen nicht denken. Sergeant Guindey ist Jahre später zum Leutnant in einem Garderegiment befördert worden, in der Schlacht von Hanau 1813 ist er gefallen. Um ihn hat es keinen Kult gegeben. Er komponierte keine Klaviermusik und hinterließ bei seinem Tod keinen Schuldenberg (von fast einer Million Thaler), keine illegitimen Kinder und keine trauernden Geliebten (wobei sich Louis Ferdinands Geliebte Pauline Wiesel auch schnell mit einem Franzosen getröstet hat). Neunzig Jahre nach Guindeys Tod hat ein Verwandter dafür gesorgt, dass er in seiner Heimatstadt Laruns ein Ehrenmal bekam:

A LA MÉMOIRE DE J.B. GUINDEY
QUI NAQUIT À LARUNS (BEARN) LE 12 AVRIL 1785
MARÉCHAL DES LOGIS AU 10e HUSSARDS
TUA DE SA PROPRE MAIN PAR UN HARDI COUP DE POINTE
A SAALFELD LE 10 OCTOBRE 1806
LE PRINCE LOUIS DE PRUSSE, NEVEU DU GRAND FREDERIC
LIEUTENANT DE GRENADIERS A CHEVAL DE LA GARDE IMPÉRIALE, OFFICIER DE LA L.H.
MOURUT GLORIEUSEMENT A LA BATAILLE DE HANAU LE 29 OCTOBRE 1813

2 Kommentare:

  1. Ob die Zeigelei in Ihrem Heimatort enteignet wird, wenn das NPD Verbot tatsächlich durchgeht?
    Mir wäre es lieber, ein preußische Prinzessin hauchte mir was ins Ohr, wenn ich schon die Reden in gewissen Landtagen nicht einfach abstellen kann.

    AntwortenLöschen
  2. Herr Thielen ist glücklicherweise seit zwanzig Jahren tot, Über die preußischen Prinzessinnen und Prinzen aus Bremen-Oberneuland möchte ich lieber nichts mehr sagen.

    AntwortenLöschen