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Samstag, 3. August 2013

Europa


Ach ja, wie war das schön. Noch richtige D-Mark. Und doch schon ein bisschen Euro. Weil diese nackte Dame auf dem Stier nämlich Europa ist. Damit fängt das Verhängnis an. Heute sind wir angeblich alle für Europa und haben den Euro, aber die nackte Europa ist da nicht mehr drauf. Wahrscheinlich will man uns das namensgebende Flittchen ersparen. Dass Europa ein Flittchen war, darf der Kabarettist Hans Günther Butzko behaupten, ohne deshalb vor dem Europäischen Gerichtshof wegen Gotteslästerung angeklagt zu werden.

Ihren zweifelhaften Ruf wird die Dame ja seit der Antike nicht los. Es ist mir jetzt völlig schleierhaft, wie dieses Bild hierher geraten konnte. Wir vergessen die blonde dottoressa mit dem zweifelhaften Ruf mal schnell wieder. Im Jahre 2004 sagte die blonde Göttin: Der unrechtmäßige Bezug von Tagegeldern ist keine Bagatelle, sondern eine Straftat. Deshalb reicht es nicht aus, sich darüber zu empören. Da kann man nur sagen: Well roared, lion. Denn wer kassierte ungerührt Sitzungsgelder, ohne je anwesend gewesen zu sein? Gut, wir kennen die Anwort.

Die EU hat sich ihren schlechten Ruf verdient. War vor Wochen eine Schlagzeile der Welt. Aber woher soll der gute Ruf Europas kommen? Die Einigung Europas gleicht dem Versuch, ein Omlett zu backen, ohne Eier zu zerschlagen, hat Paul Lacroix gesagt. Und das ist schon über hundert Jahre her. Damals träumte noch Cecil Rhodes von einem geeinten Europa. Unter der Herrschaft Englands.

Warum müssen wir diesen Flickenteppich unterschiedlichster Interessen nach einer Frau benennen, die sich mit einem Stier einlässt? Das ganze europäische Unheil beginnt mit den alten Griechen. Damals wie heute. Die sind auch Schuld an der ➱klassischen Bildung. Was braucht man von der noch zu wissen? Ist doch alles in diesem unsterblichen ➱Lied gesagt, das Friedrich Hollaender für Hanne Wieder geschrieben hat (ja, ich weiß, dass ➱Tim Fischer und ➱Daliah Lavi das auch gesungen haben, aber über diese Version geht nichts). Ich springe mal eben zur dritten ➱Strophe:

War schlechtes Wetter, vom Himmel tropft es,
Circe zauberte sich grad' ein Ding, da klopft es.
Sie denkt 'nanu', denkt sie, 'nanu', denkt sie auf Griechisch,
das werden doch nicht die Platos sein, das wär' ja viechisch!
Immer wenn ich's mir gemütlich mach allein,
rennen die Platos mir die Bude ein!

Sie drückt den Drücker, ist gar nicht Plato,
es ist ein Kerl, den sie noch nicht gesehen bis dato.
Sieht blendend aus, könnte fast der Theo Heuss sein
ach du lieber Schreck, das wird doch nicht der Zeus sein?
Der kommt immer so verkleidet, was einem alles gleich verleidet,
manchmal kommt er gar als Schwan, wer soll das ahn?

Da sprach der Wanderer: 'Ich bin ja ein anderer,
Ihr Zeus ist momentan grad Goldfisch bei Kassandra.'
'Andra moi ennepe', ruft er und lüpft die Wade,
'Sie kennen mich doch sicher aus der 'Iliade'?
Ich bin Odysseus und ich habe mich verirrt,
ist hier die Villa, wo gestripteast wird?'

'Ich mach sie aufmerksam', sprach da die Circe,
'Sie meinen fälschlich, in der Circe liegt die Würze'
wenn sie Homer gelesen hätten, sehn Sie Kleinchen,
dann wüssten Sie, ich mach aus allen Männern Schweinchen.
Na, nun sind'se schon mal da, dann kommen Sie rein,
und wie das Schicksal spielt, ich habe grad kein Schwein.

Da rief der Fremdling: 'Halb elf, au weia,
ich muss nach Haus zu meinem Weib Penelopeia,
vor ihrer Türe japsen einundzwanzig Freier,
stand im 'Stern', sie nimmt sie alle in die Heia.'
Aber Circe sprach: 'Sei nicht doof, mein Kind,
jeder Ochse weiß doch, dass die spinnt.'

Wo ich Sie nun mit der Sangeskunst von Hanne Wieder auf die alten Griechen eingestimmt habe, möchte ich endlich zu meinem Thema kommen. Nämlich zu der Oper L’Europa riconosciuta, die heute vor 235 Jahren zum ersten Mal aufgeführt wurde. Es war eine große Ehre für Salieri, dass das neugebaute Mailänder Opernhaus mit seiner Oper eröffnet wurde. Antonio Salieri hatte in Wien gerade die Nachfolge von Florian Leopold Gassmann angetreten, der ihn zuvor in Komposition unterrichtet hatte. Zu Gassmann möchte ich sagen, dass ich es ungeheuer fies von der Plattenindustrie finde, dass zwar eine Vielzahl von Salieri Opern auf dem Markt sind, es aber nur eine einzige Gassmann Oper (La Contessina) auf CD gibt. Die habe ich natürlich, ich habe auch einmal vor Jahren eine ganze Oper von Gassmann im Fernsehen gesehen. Ich glaube, es war Opera Seria, eine Oper, die natürlich alles andere als eine Opera Seria ist. Als besonders Schmankerl habe ich heute diese Oper für Sie, klicken Sie ➱hier.

Natürlich gibt es in diesem Potpourri Post nachher auch noch Salieris Oper L’Europa riconosciuta, ich bin heute spendabel. Oper satt zum Nulltarif, das gibt's in Bayreuth nicht. Vom Anton Salieri hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass er den armen Mozart vergiftet hat. Wir haben alle den Film Amadeus gesehen. Wir kennen die Geschichte mit dem Unbekannten in Schwarz, der in der Nacht bei Mozart ein Requiem bestellt. Die nächtelange Arbeit ruiniert Mozarts Gesundheit. Und dann noch das heimtückisch verabreichte Gift:

SALIERI. Was ist?
MOZART. Gesteh's nicht gerne ein …
SALIERI. Ja, was denn!
MOZART. Bei Tag und Nacht lässt mich nicht mehr in Ruh
Mein schwarzer Mann. Wo ich auch geh und steh,
Verfolgt mich dieser Schatten. So auch jetzt
Hab ich's Gefühl, er säß bei uns selbdritt.
SALIERI. Genug davon. Was für ein Kinderschreck!
Zerstreu die leeren Sorgen. Beaumarchais
Sprach einst zu mir: »Nun, hör mal, Freund Salieri,
Wirst du von schwarzen Sorgen übermannt,
Dann öffne eine Flasche von Champagner
Und lies in meiner Hochzeit Figaros«.
MOZART. Ja! Beaumarchais und du warn gute Freunde;
Du hast für ihn »Tarare« doch komponiert,
'ne tolle Sache. Drin ist ein Motiv …
La la la la … Ach stimmt es wohl, Salieri,
Dass Beaumarchais jemand vergiftet hat?
SALIERI. Das glaub ich nicht: er schien mir viel zu lustig
Für solch Gewerbe.
MOZART. Ein Genie auch er,
Wie du und ich. Genie und Missetat
Sind völlig unvereinbar. Ist's nicht so?.
SALIERI. Ach, denkst du das?
     (Er wirft Gift in Mozarts Glas)
Nun trink schon aus.
MOZART. Auf deine
Gesundheit, Freund, auf diesen wahren Bund,
Der Mozart und Salieri eng verknüpft.
Zwei Söhne echter Harmonie.


Das steht nicht in Peter Shaffers Theaterstück Amadeus (das der Film als Grundlage nahm), das ist schon viel älter. Die Stelle findet sich in Alexander Puschkin ➱Mozart und Salieri (1832) - natürlich hat Peter Shaffer das sehr genau gelesen, bevor sein Theaterstück schrieb. Der Komponist Rimski-Korsakow hat aus dem Werk Puschkins eine kleine Oper gemacht, Fjodor Schaljapin sang bei der Premiere 1868 den Salieri. Wenn Sie einen Eindruck von Puschkin bekommen wollen, klicken Sie hier Salieris Monolog an. Ist im russischen Original. Klingt schön, versteh' ich aber kein Wort von. Wenn ich damals, als man uns in der Oberstufe die Freiheit der Auswahl anbot, nicht Französisch, Kunst und Theater genommen hätte, hätte ich natürlich bei Arved von Taube Russisch lernen können. Aber der baltische Baron war mein Lateinlehrer, das hielt mich davon ab.

Wenn Sie wollen hätte ich ➱hier die ganze Oper von Rimski-Korsakow in einer New Yorker Inszenierung. Ich mache heute so viele schöne musikalische Links, damit unsere Freunde von der NSA, die ja ALLES in Echtzeit mitlesen, auch ein wenig Bildung bekommen. Im Gegensatz zu dem Bild, das die Stücke von Puschkin und Shaffer vermitteln, ist der wirkliche Anton Salieri natürlich kein Giftmörder gewesen, er soll ein ganz reizender Mensch gewesen sein: Er ist ein höchst liebenswürdiger Mensch. Freundlich und gefällig wohlwollend, lebensfroh, witzig, ... ein feines, niedlich gebautes Männchen mit feurig blitzenden Augen, gebräunter Hautfarbe, immer nett und reinlich, lebhaften Temperaments, leicht aufbrausend, aber ebenso leicht zu versöhnen.

In dem selben Jahr, in dem die blonde Göttin des Europaparlaments die mangelnde Präsenz ihrer Kollegen beklagte, wurde das Teatro alla Scala nach mehrjährigem Umbau durch den Stararchitekten Mario Botta wieder eröffnet. Am 3. August 2004 präsentierte man jene Salieri Oper, die 1778 bei der Eröffnung ein so großer Erfolg gewesen war. Europa hat sich in der Zwischenzeit etwas verändert, die Oper L’Europa riconosciuta war aber eigentlich immer noch die gleiche. Kam in modernem Gewand daher, ➱Diana Damrau glänzte in der Titelrolle (wenn Sie mehr über diese Sängerin wissen wollen, klicken Sie ➱hier). Sie können hier den ➱ersten und den ➱zweiten Akt sehen. Und das Libretto hätte ich ➱hier auch. Sophia Loren war zur Premiere gekommen, Giorgio Armani auch. Ein gewisser Silvio Berlusconi schwärmte hinterher Gesang und Regie waren fabelhaft, ich habe einen unvergesslichen Abend verbracht. Unvergessliche Abende sehen beim ihm sonst wohl etwas anders aus (haben Sie übrigens ➱Bunga Bunga gelesen?). Ich könnte wetten, dass von unseren Europaabgeordneten an dem Abend niemand die Europa riconosciuta gesehen hat.

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