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Dienstag, 6. August 2013

Hannelies Taschau


Kaum haben wir mal richtigen Sommer, da ist schon jedermann am Klagen: zu heiß, zu schwül. Wenn wir Deutschen unser Wetter nicht hätten, was sollten wir nur machen? Das Schlimmste am Sommer ist nicht das Wetter, das Schlimmste ist, wie die Leute aussehen. Das kann man nur mit ganz, ganz dunklen Sonnenbrillen ertragen. Früher dachte ich immer, die Bilder von Harald Duwe seien böse Karikatur, inzwischen glaube ich, dass er schon vor Jahrzehnten die Wirklichkeit abgebildet hat. Ich hätte mal einen Duwe billig kriegen können, der lebte damals noch, hatte sich noch nicht auf der B 404 zu Tode gefahren. Die Okkasion mit dem Duwe bot sich bei einer SPD Versteigerung für einen guten Zweck (der gute Zweck war die SPD), da hätte man ein Duwe Bild für einen Hunni haben können. Allerdings war da der Matthiessen drauf. Und den wollte niemand haben. Ich habe an dem Tag eine Grafik von Horst Janssen erstanden. Was soll ich mit einem Klaus Matthiessen im Wohnzimmer? Ein Janssen geht immer.

Der Duwe passt schon ein wenig zu einem Gedicht von Hannelies Taschau, das ich vor kurzem las. Es hat den Titel Aus diesem Sommer und fängt ganz harmlos an:

Aus diesem Sommer

I
Als ein sich vergrößerndes 
sich festigendes ins
Unermeßliche wachsendes 
Hochdruckgebiet 
entstand uns alle berührend

Diese wenigen Zeilen machen eine ganze Seite des schön gedruckten Gedichtbandes Gefährdung der Leidenschaft (Luchterhand 1984) aus. Wo eine I steht, sollte auch eine II stehen, denken wir uns. Und richtig, das Gedicht geht noch weiter. Auf der nächsten Seite finden wir:

II
Frauen schattenlos enthaart 
Sorglos bis auf die Knochen 
Mittelmäßig geschützt mit 
Faktor drei 
Ungenießbar 
Sich stündlich verschönernd 
bei so viel eigener Zuwendung 
Seide statt Haut 
lag überall herum weit entfernt 
vom Ursprungsort weit entfernt 

Bis hier können wir der Dichterin noch leicht folgen, danach wird es in den Strophen III bis V schwierig. Das ist immer so mit der Dichtung. Und es ist häufig bei Hannelies Taschau, was harmlos anfängt, bekommt vielfach etwas Unheimliches, Bedrohliches. Ich habe die Dichterin Hannelies Taschau (hier ein Jugendphoto) erst vor kurzem für mich entdeckt, als mir innerhalb von wenigen Tagen drei Gedichtbände von ihr in die Hände fielen (Gefährdung der Leidenschaft, weg mit dem Meer und Wundern entgehen: Gedichte 1957 - 1984). Alle drei Bände zusammen kosteten mich neun Euro. Die nächsten Bände, natürlich alle längst vergriffen, kosteten mich bei ZVAB und Amazon Marketplace sehr viel mehr. Aber ich habe es gerne vollständig. Nach meinem ersten Hemd von Henry Poole mussten es noch eine Handvoll anderer sein. Ich weiß, das ist ein blöder Vergleich, aber ich denke nun mal so. Ich liebe es, Dinge komplett zu haben. Ich weiß, dass Hannelies Taschau auch Romane schreibt, aber das interessiert mich nicht so sehr. Ich kann den ganzen Joseph Conrad hintereinander weg lesen, den ganzen Proust, aber mit Gegenwartsliteratur tue ich mich sehr schwer.

Es war ein heißer Sommertag, als ich die ersten beiden Bände von Hannelies Taschau (einer davon sogar ein nummeriertes Exemplar) in der Hand hielt. Ich hatte, das muss ich peinlicherweise gestehen, noch nie von ihr gehört. Aber das war mir damals mit ➱Gerhard Neumann auch so gegangen, man kann ja immer noch etwas dazu lernen. Als ich im verhältnismäßig kühlen Antiquariat das Gedicht Eröffnung Londons las (leider zu lang zum Abtippen), war der Band gedanklich schon gekauft. Der andere auch, weil da das Sommergedicht drin war. Und jetzt lese ich seit Wochen einen Band nach dem anderen, dieser Sommer mit dem ins Unermeßliche wachsenden Hochdruckgebiet gehört zweifellos der Dichterin Hannelies Taschau. Weil es immer wieder Verblüffendes zu entdecken gibt, wie das Gedicht Ich vermisse mich mehr. In leicht anderer Form steht es schon in ihrem Erstlingsband Verworrene Route, dort heißt es allerdings Parabel. Offensichtlich arbeitet die Autorin immer wieder an ihren Gedichten, manchmal wandern auch Sätze ihrer Prosastücke in Gedichte oder umgekehrt:

Im März 1945 – ich war sieben – entkam ich der
Obhut meiner Großmutter
Ich sprang in die Donau an einer Stelle von
der ich glaubte sie sei grundlos
Ich begann zu ertrinken
und wehrte mich
Man zog mich heraus und prügelte Wasser
und Schlamm aus mir
Drei Wochen hütete ich voll Sanftmut das Bett
ohne Anzeichen irgendeiner Krankheit
dann lernte ich schwimmen an derselben
Stelle


Das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur belehrt mich: Hannelies Taschau gehört zu einem Schriftstellertypus, für den Schreiben weniger Berufsausübung als primär eine Form der Bewältigung des eigenen Lebens ist. Der oft zitierte Satz „Schreibend artikuliere ich meine Ängste und Hoffnungen“ meint nicht subjektivistische Nabelschau, sondern ein reziprokes Verhältnis von Selbsterfahrung und Erfahrung gesellschaftlich-politischer Wirklichkeit. Es ist ein nicht entfremdetes Schreiben, das seine Impulse aus den persönlichen Bedürfnissen empfängt... Und: Hauptthema des Werks sind gescheiterte oder gelungene Ichfindungsprozesse, die durch eine als bedrückend oder gewalttätig erfahrene Umwelt ausgelöst... Das ist doch unlesbares Zeug, für wen ist so etwas geschrieben? Da ist es besser, wenn man zur Einführung ➱diesen Artikel aus Die Horen liest. Ich wundere mich immer wieder, dass es solche Zeitschriften noch gibt. Ich habe vor Jahrzehnten mal für die geschrieben, die Redaktion war herrlich unkonventionell.

Hannelies Taschau ist immer wieder überraschend. Sie schreibt Liebesgedichte, einmal zehn Seiten lang Gedichte, die Küssen heißen. Manchmal scheint sie unendlich verletzlich. Aber sie kann böse sein wie Harald Duwe (in Gedichten wie Countdown einer Hinrichtung, Ihn wenigstens mal sehn oder Eine Leiche für mich), man ist bei ihr niemals vor Überraschungen sicher. Sie schreibt auch über Kernkraftwerke und die weißen Bäuche der Brachsen [die] vorbeitreiben im heißen salzigen Wasser der Weser. Sie kennt sich in den Details aus. Das Weserwasser ist nicht salzig von der Nordsee, das kommt noch aus den Bergwerken der DDR, die ungehemmt ihren Dreck in die Werra kippten. Wenn ich ein Motto finden sollte für eine Auswahl ihrer Gedichte, ich würde dies Gedicht nehmen:

So habe ich noch nie 
geträumt 
So hinterhältig 
banal
so nah am alltäglichen Rest


1959 sind ihre ersten Gedichte bei Victor Otto Stomps in seiner Eremitenpresse erschienen. 29 Seiten stark, 222 nummerierte Exemplare. Wenig später traf Taschau, jetzt ein published poet in der Essener Buchhandlung Baedeker den jungen Nicolas Born. Sie wollte sich Celans Sprachgitter bestellen, weil sie Celan in Paris besuchen wollte: Das Buch musste bestellt werden, auch damals schon, ich musste meinen Namen nennen und Born rief, Sie sind die Lyrikerin Hannelies Taschau! Sie machen ganz wunderbare Gedichte! Er jubelte ein paar Zeilen hoch, und dann verriss er sie: So bittersüß dürfe es mit mir aber nicht weitergehen. Soweit Hannelies Taschau, nach einer anderen Darstellung soll Born gesagt haben: Hab ich’s doch gewußt. Sie schreiben ganz wunderbare Gedichte. Aber ich schreibe auch ganz wunderbare Gedichte. Sie hat einige Jahre in Paris gelebt, dort ist auch ihr Gedichtband Etre aveugle avec davantage de peau - Blind sein mit viel mehr Haut erschienen. Den besitze ich zwar nicht, aber inzwischen nenne ich ein halbes Dutzend Gedichtbände von Hannelies Taschau mein eigen. Wenn ich weitersuche, kriege ich sie vielleicht alle zusammen. Es gibt irgendwo sogar noch ein Exemplar von ihrem Erstling Verworrene Route. Kostet nur einen Bruchteil von einem Henry Poole Hemd. Mal sehen. Aber ich hätte für Sie noch ein wunderbaren Pubertätsgedicht:

Retrospektive

Die Diva hob wie absichtslos die Arme 
das reichte meist schon wir waren abgehängt 
War die neunzehn waren wir fünfzehn 
und absichtslos war nichts 
Zu ihrem rotblonden Gekräusel befragt: 
Rasiert werden Schweine vor 
dem Schlachten Bin ich ein Schwein soll ich 
geschlachtet werden? 
Das 
oder wie man es hinkriegt mit schnurrenden 
Bauchmuskeln im Gras im Sand im Unbekannt 
nicht zu versinken 
Geküsst sich zu entscheiden ob es für den Anfang reicht anstatt blindlings 
zurückzuküssen Lauter achtbare universelle 
Offerten an Mädchen wie uns 
Ich mag keine Cola zu sagen war für den Anfang 
nicht schlecht

Ich wollte, ich hätte sie früher entdeckt. Dann hätte ich sicher auch ihre Romane gelesen. ➱Brigitte Kronauer zu lesen, war vertane Zeit. Vieles in Hannelies Taschaus Werk klingt autobiographisch, kann sein, braucht nicht, ich habe da meine Zweifel. Wir sind immer gut beraten, das lyrische Ich nicht mit dem Dichter gleichzusetzen. So lange der Dichter bloß seine eigenen Empfindungen offenbart, gebührt ihm dieser Name nicht. Sobald er aber die objektive Welt in ihren verschiedenartigsten Gestaltungen sich anzueignen weiß, ist er ein Dichter im wahren Sinne des Wortes. Obgleich die Sache mit dem Ertrinken in der Donau (welchen Titel das Gedicht auch haben mag) schon ganz authentisch klingt. Und das Gedicht 20. März 1978, das wie ein Brief an die Mutter daherkommt, könnte auch aus dem wirklichen Leben stammen. Vor allem diese Stelle:

Oder sie ließen mich auch sechzehn Stun-
den ohne Essen nur für Trinken war immer
gesorgt
So was verringert doch die Lebenserwartung
Auch daß man uns nach den Lesungen fragen
darf: Warum schreiben Sie? Ich habe mir
vorgenommen darauf nicht mehr zu ant-
worten

Das muss ein Dichter lernen, auf solche Fragen nicht mehr zu antworten. Denn wir wissen ja: Der Dichter ist wie jener Fürst der Wolke, er haust im Sturm, er lacht dem Bogenstrang. Doch hindern drunten zwischen frechem Volke die riesenhaften Flügel ihn am Gang. Aber vom Albatros dichtet Taschau nicht, eher von den Störchen in Schreyan, wo sie einmal als Stipendiatin lebte. Und wir wissen natürlich, dass die Frage Warum schreiben Sie? nur eine Antwort kennt. Weil es nicht nur primär eine Form der Bewältigung des eigenen Lebens ist, sondern ein reziprokes Verhältnis von Selbsterfahrung und Erfahrung gesellschaftlich-politischer Wirklichkeit.

Erster Versuch

Rasen lüften
in Nagelschuhen aus dem Versandhaus
in Potsdam Herrenhausen Pyrmont Ich lüfte Rasen
wer will soll zusehen es hat nichts Trotziges eine
von herkömmlichen Ausdrucksformen befreite
Bewegung
Sie muss nicht verstanden werden Alles liegt bei
mir
keine Botschaft nur Hingabe nur ruhiges Verfügen
über sich selbst

Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich stelle mir dabei vor - und das ist eine wunderbare Vorstellung -  dass die Dichterin hier die Nagelschuhe aus dem Versandhaus trägt und dass der Rasen symbolisch für diese Kritiker steht, die Sachen schreiben wie Hauptthema des Werks sind gescheiterte oder gelungene Ichfindungsprozesse, die durch eine als bedrückend oder gewalttätig erfahrene Umwelt ausgelöst werden.

Es hat sich ergeben daß ich Gedichte meist 
an einem bestimmten Tisch mache - aber nicht das 
will ich erklären 
Nur sehe ich daß der Tisch inzwischen 
verbraucht ist 
jeden Tag kann er zerbrechen.

1 Kommentar:

  1. "Gescheiterte Ichfahndungsprozesse" klingt sehr technisch, warum nicht Versuche, die Existenz poetisch zu deuten, oder durch Poesie neu zu entdecken?

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