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Donnerstag, 3. Oktober 2013

Alain-Fournier


In der Mittelstufe bekamen wir einen Deutschlehrer, den wir Pedro nannten. Eigentlich hieß er wohl Peter, aber es ging das Gerücht, dass er in Argentinien aufgewachsen war, wohin seine Eltern ausgewandert waren. Er kam aus einer feinen Bremer Familie, wohnte in Schwachhausen und besaß ein Auto. Er gehörte zu einer neuen Generation von Lehrern, die jetzt am Ende der fünfziger Jahre vieles anders machten. Glücklicherweise.

Wenn Sie wissen wollen, wie damals ein Lehrerkollegium aussah, dann schauen Sie sich dieses Bild an. Mein Mathelehrer (der Große in der obersten Reihe) zum Beispiel war aus einer anderen Generation, er hatte schon als junger Referendar meine Mutter unterrichtet. Das erste, was Pedro (der auch argentinisch schwarze Haare hatte) mit seiner neuen Klasse machte, war die Gründung einer Klassenbibliothek. Jeder musste ein Buch beisteuern, Goethe und Schiller waren verboten. Die würde eh niemand lesen. Ich überlegte lange, welches Buch ich stiften sollte. Dann beschloss ich, mein damaliges Lieblingsbuch zu opfern und mir eine neue Rowohlt Ausgabe zu kaufen. Ich konnte mir diesen Luxus erlauben, da mir mein Vater zusätzlich zum Taschengeld ein kleines Büchergeld spendierte. Mit dem Büchergeld begann das Verhängnis eines Lesers und Sammlers. Der Autor des Romans, den ich weggab, hatte keinen Vornamen, er hieß nur Alain-Fournier. Und das Buch hieß Der große Kamerad. Die Rowohlt Ausgabe, die ich in den Bücherschrank unserer neugegründeten Klassenbibliothek stellte, war natürlich nicht die Rowohlt Rotationsdruck Ausgabe von 1946.

Denn diese war (neben Romanen von Joseph Conrad, Hemingway und Tucholsky) der erste Roman, mit dem Rowohlt nach dem Krieg begann. Die Bücher kosteten fünfzig Pfennig und hatten eine Auflage von 100.000. Damals wandte sich der Verlag noch mit einer Bitte an die Leser an die Nation, die uns heute erstaunlich vorkommen mag:

Die Entwicklung der deutschen Literatur wurde im Jahre 1933 jäh unterbrochen. Was seitdem erschien, hat kaum Bestand. Dem Dichter und Schriftsteller, im Jahre 1945 plötzlich der Fesseln entledigt, fehlen noch neue Worte zu neuer Zeit. Es gibt eine ganze Generation von jungen Leuten, die nichts wissen von der Literatur vor 1933, auch nichts vernommen haben von den Stimmen des Auslandes, die spärlich nur - und auch nur in den ersten Jahren des nationalsozialistischen Regimes - zu uns drangen. Die Bibliotheken sind zerstört, die Bücher vernichtet oder einst auf Scheiterhaufen verbrannt. Deshalb machen, wir den Versuch, einen Teil der wesentlichen Werke der in- und ausländischen Literatur, die zu kennen notwendig ist, um wieder in europäischem Zusammenhang denken zu lernen, in einer hohen Auflage und zu billigem Preis an den Leser zu bringen. Dieses Unternehmen aber kann nur Erfolg haben, wenn Sie uns helfen. Wir brauchen Ihre Wünsche, wir brauchen Ihre Anregung, wir brauchen Kritik. Was wünschen Sie zu lesen? Von welchen Büchern glauben Sie, daß es notwendig sei, sie erneut vorzulegen? Was ist Ihre Meinung zu dem vorliegenden Werk? Was halten Sie von dem Autor? - Schreiben Sie uns! Stimmen Sie unserem Plan zu? In welcher Weise, glauben Sie, ließe er sich verbessern? Wünschen Sie die Form der Rotations-Romane nur als Notlösung betrachtet zu wissen, geboren aus der Armut unserer Tage, oder sehen Sie in ihr auch Möglichkeiten für die Zukunft? - Schreiben Sie uns auch dies! Haben Sie, falls Ihnen dies Buch gefallen hat, den Wunsch, es auch für später aufzubewahren, es in haltbarerem Gewande zu besitzen? Dann sprechen Sie mit dem Buchhändler, bei dem Sie diesen Rotations-Roman erwarben! Der Plan, den wir uns vorgenommen haben, kann nur gelingen, wenn Sie uns unterstützen mit Ihrem Rat und Ihrer Kritik. Scheuen Sie nicht das offene Wort! Wir werden mit Dankbarkeit auf Sie hören!

Ein Neubeginn des deutschen kulturellen Lebens in der Stunde Null mit Alain-Fourniers Le Grand Meaulnes, eine erstaunliche Sache. Es war keine schlechte Wahl, der englische Romanautor John Fowles wird den Roman eines Tages the greatest novel of adolescence in European literature nennen. Und er sagt an anderer Stelle: Only in two cases can I confess that classics have consciously influenced me. One French writer I have always deeply liked and been seduced by is Marivaux, while the one novel I have always adored, from schoolboy days, and read countless times, is Alain-Fournier's Le Grand Meaulnes. I know it has many faults, yet it has haunted me all my life. Für Ludwig Harig war es Ein Jahrhundertbuch, auf das schon ein Jahr nach seinem Erscheinen der Staub einer gerade zu Ende gegangenen Zeit gefallen war - doch nicht liegen geblieben ist! Was es dichterisch ankündigt, erfüllt sich in der Wirklichkeit des Lebens. Und Rüdiger Safranski sagte: Bis heute ist 'Der große Meaulnes' für mich das schönste Buch, das ich kenne. Das glaube ich auch. Und das glaubte ich auch damals, als ich meine Rowohlt Ausgabe für die neue Klassenbibliothek opferte.

Wie ich auf das Buch kam, weiß ich noch genau. Es war eine Empfehlung meines Freundes Peter gewesen, ich weiß nicht, woher der immer diese tollen Tipps hatte. Ich habe mein ganzes Leben lang mehr auf die Empfehlungen von Freunden gegeben, als auf die Literaturlisten in den Zeitungen. Bestseller sind meine Sache nicht. Dass es Bücher wie Der Geschmack von Apfelkernen gibt, habe ich sicher mal gehört. Aber dabei bleibt es. Ich hatte es übrigens am Sonntag auf dem Flohmarkt in der Hand, habe aber vom Kauf Abstand genommen. Durch die Leselisten in den Studienfächern Anglistik, Amerikanistik und Germanistik habe ich mich im Studium durchgearbeitet. Also durch das, was noch übrig war. Das meiste hatte ich schon gelesen. Das kommt davon, dass Opa Lehrer war, und ich schon perfekt lesen und schreiben konnte, als ich zur Schule kam. Aber man lernt an der Universität wenig - wenn man nicht auf Leute wie ➱Gisela von Stoltzenberg trifft. Ich habe von Dieter Kühns Buch über Neidhart von Reuental, von seiner Übersetzung von Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde und von seinem großartigen Buch Wolfram von Eschenbach: Parzival mehr gelernt als durch mein Germanistikstudium.

Meine persönlichen Leselisten sehen anders aus als die Bestseller Liste des Spiegel. Und ich weiß auch nicht, ob bei der Spiegel Redaktion Alain-Fourniers Der große Kamerad unter die Top Ten kommt. Bei mir immer. Es ist ein Buch, dass man einmal gelesen haben muss. Ich habe Mama wörtlich folgendes gesagt: 'Ich würde mich zu Tode langweilen, wenn ich nicht ein Ziel hätte, nämlich dieses Buch zu schreiben', schreibt er im August 1910 an seinen Schwager Jacques Rivière. 1910 ist das Jahr, in dem Alain-Fournier (wie sich Henri-Alban Fournier, der am 3. Oktober 1886 geboren wurde, als Schriftsteller nennt) seinen Roman zu schreiben beginnt. Vorher hatte er einige kleinere Sachen in L'Opinion und der Nouvelle Revue française veröffentlicht, deren Leitung sein Schwager Rivière gerade übernommen hat.

Er hat den Roman in seinem Kopf längst fertig, das beweist ein Brief vom April 1910, den er an Rivière schreibt: Meaulnes, 'le grand Meaulnes', der Held meines Buches ist ein Mensch, dessen Kindheit zu schön war. Sein ganzes Jünglingsalter hindurch schleppt er sie mit sich nach. Manchmal scheint es, als ob jenes erträumte Paradies, das die Welt seiner Kindheit war, am Ende seiner Abenteuer auftauchen sollte, oder erstehen müßte auf eine seiner Gebärden hin. So an jenem Wintermorgen, wo er nach drei Tagen unerklärlicher Abwesenheit wieder in die Schulstube tritt wie ein geheimnisvoller und dreister junger Gott. — Aber er weiß schon, daß dies Paradies nicht mehr möglich ist. Er hat auf das Glück verzichtet. Er ist in dieser Welt wie einer, der fortgehen wird. Da liegt das Geheimnis seiner Grausamkeit. Er entdeckt die Fadenscheinigkeit all der kleinen Paradiese, die sich ihm darbieten, und offenbart ihren Betrug. Und an dem Tag, wo das unbestreitbare und unabweisliche Glück vor ihm aufsteht und sein menschliches Antlitz an das seine legt, da flieht der große Meaulnes, nicht aus Heldenmut, sondern aus Entsetzen, weil er weiß, daß die wahre Freude nicht von dieser Welt ist.

Im September 1910 schreibt er an Rivière: Gestern habe ich das dritte Kapitel meines Romans ins reine geschrieben; es ist furchtbar demütig und lächerlich. Meine Mutter sagte: 'Es hat Wert. Es steckt etwas darin. Aber es ist nichts für junge Mädchen, die gerade aus dem Pensionat kommen! So etwas hat man noch nirgendwo zu sagen gewagt'. Er ändert mehrfach die Konzeption des Romans, im Frühjahr 1913 gibt er ihn der Zeitschrift L'Opinion. Aber deren Sekretär Henri Massis kann die Herausgeber nicht zur Publikation bewegen. Und so erscheint der Roman von Juli bis November 1913 in fünf Fortsetzungen in der Zeitschrift La Nouvelle Revue Française. Im Herbst kam er bei Émile-Paul Frères als Buch heraus, was dem kleinen Verlag auf Jahre das Überleben sicherte. Denn der Roman war erfolgreich (fünfzehn Jahre nach seinem Erscheinen war er in der 49. Auflage), er war sogar für den Prix Goncourt im Gespräch. Aber das interessierte Alain-Fournier wenig. Ich verlange weder den Preis noch Geld, ich möchte nur, daß der 'Grand Meaulnes' gelesen wird, schreibt er seinem Schwager. Und gelesen wird der Roman werden.

Er kam an einem Sonntag im November 189… in unser Haus. Ich sage noch immer ‘unser Haus’, obwohl es uns nicht mehr gehört. Vor fast fünfzehn Jahren sind wir aus der Gegend fortgezogen und werden sicher niemals dorthin zurückkehren. So beginnt der Erzähler den Roman. Dieser François Seurel ist - wie Alain-Fournier - der Sohn eines Lehrers, und er wird eines Tages selbst Lehrer sein. Etwas, das Alain-Fournier nicht gelungen ist, weil er alle Prüfungen nicht bestanden hat. Bis auf die der französischen Armee, wo man ihn in dem traditionsreichen 88. Infanterie Regiment zum Leutnant macht. Fünfzehn Jahre vor ihm war ein anderer Schriftsteller zur Armee gegangen, tat seinen Dienst im 76. Infanterie Regiment. Das war ursprünglich einmal im 17. Jahrhundert ein Regiment für die Schweizer Reisläufer gewesen. Ob die noch den ➱Kuhreigen gesungen haben, als ➱Marcel Proust in das Regiment kam?

Der neue Klassenkamerad des fünfzehnjährigen François Seurel heißt Augustin Meaulnes, er wird für den Erzähler schnell zum Freund, zum großen Kameraden. Er ist älter als die anderen, er ist sehr geheimnisvoll, und eines Tages trägt er eine prachtvolle Seidenweste aus einer längst vergangenen Zeit. Und mit der Seidenweste bin ich schon bei einer der geheimnisvollen Episoden des Romans, der ein ewiges unmerkliches Hinüberwechseln vom Traum zur Wirklichkeit ist. Er ist ein Bursche, bei dem alles möglich ist, der an sich selber glaubt, und wenn man mit ihm einen Weg entlanggeht oder über eine Straße, dann fühlt man, daß alles möglich wird und er einem vielleicht im nächsten Augenblick, bei der ersten Wendung des Weges, lächelnd das 'Schöne Besitztum' zeigen wird, das man niemals erblickt hat, außer im Traum. 

Muss ich weiter schreiben? Nein. Man muss dieses Buch selbst lesen, muss es mit der Seele der Kindheit lesen. Dann entführt es einen in den Märchenwald unserer eigenen Kindheit, wobei der Traum als ein unendliches und ungenaues Kinderdasein zu verstehen ist, das unter jenem anderen webt und unaufhörlich von seinem Widerhall in Bewegung versetzt wird. Und außerdem gilt wohl, was Paul Miron in Gero von Wilperts Lexikon der Weltliteratur schrieb: Es ist vergebliche Mühe, eine Analyse der Charaktere dieser schon von der Handlung her so komplizierten Geschichte zu versuchen. Eine Fülle an Symbolen regiert hier und deutet an, was Glück und Freundschaft, was Liebe und Sünde, was Treue und verlorenes Paradies sein können. Der Wechsel zwischen Erdachtem und Erlebtem erhöht den Zauber eines stilistisch meisterlichen Buches, das ein Wendepunkt in der Geschichte der französischen Erzählkunst war und den Weg für die Moderne öffnete.

Seit hundert Jahren gibt es jetzt diesen Roman, er ist das Lieblingsbuch von vielen geworden. Vielleicht hat F. Scott ➱Fitzgerald bei seinem großen Gatsby an den großen Meaulnes gedacht, das Verhältnis von Nick Carraway zu Jay Gatsby ähnelt durchaus dem von François Seurel zu Augustin Meaulnes. Es gibt den Roman in zahlreichen deutschen Übersetzungen, man kann ihn bei Amazon für wenige Cent kaufen, die neue Übersetzung von Christiane Landgrebe ist von vielen Kritikern gelobt worden. Wo meine alte Rowohlt Ausgabe geblieben ist, weiß ich nicht, ich habe jetzt die Suhrkamp Ausgabe, die Walter Widmer übersetzt hat (die erste deutsche Übersetzung stammte von Arthur Seiffhart). Bei Suhrkamp gab es auch unter dem Titel Jugendbildnis die Briefe von Alain-Fournier in der Übersetzung von Ernst Schoen, die antiquarisch auch leicht zu finden sind.

Ich möchte zum Schluss aus dem Chor der Leser, die von Le Grand Meaulnes begeistert sind, zwei Stimmen hervorheben. Die eine ist die des englischen Schriftstellers Julian Barnes, sein ➱Artikel im Guardian lohnt die Lektüre. Julian Barnes ist ja ebenso wie John Fowles der französischen Literatur eng verbunden gewesen, er hat ➱Flaubert übersetzt und das wunderbare Buch Flaubert's Parrot geschrieben. Die andere ist nicht die Stimme eines Schriftstellers. Es ist ein Politiker. Und Büchernarr. Er heißt ➱Reinhard Klimmt und war einmal Ministerpräsident des Saarlandes. Ich wusste gar nicht, dass Politiker Bücher lesen, das gibt einem doch Hoffnung in die politische Klasse.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Romans ist der Leutnant Henri-Alban Fournier bei Verdun gefallen. Der begonnene Roman Colombe Blanchet blieb unvollendet.

2 Kommentare:

  1. Lieber Jay, dieser Beitrag gefällt mit herausragend gut. Das sind doch mal Literaturempfehlungen, so mit privatem Hintergrund. Das Buch kommt unbedingt auf meinen Merkzettel.
    Der Rowohlt - Aufruf ist wirklich verblüffend, aber auch verständlich. Er zeugt von den Bemühungen, nich nur baulich sondern auch kulturell und literarisch etwas Neues anzufangen. Ich überlege, wie ich das in meinem Blog unterbringe.
    Viele Grüße am Feiertag der genau dazu hervorragend passt.
    Uwe Rennicke

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  2. Sie müssen (!) unbedingt mal diesen Link öffnen:

    http://litterae-artesque.blogspot.de/2013/10/zwischenruf-am-03-oktober-2013.html

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