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Freitag, 27. Januar 2017

27. Januar


Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Das hat der vor Kurzem verstorbene Bundespräsident Roman Herzog gesagt, der den 27. Januar 1996 zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus machte. Es war eine Tat, die eigentlich lange überfällig war. Aber die Bundespräsidenten dieser Republik, die haben keine Geschichte geschrieben. Sagt uns ein vom Schuldienst beurlaubter Sportlehrer namens ➱Björn Höcke. Und er sagt uns auch, dass Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1945 eine Rede gegen das eigene Volk und nicht für das eigene Volk war.

Höcke sprach vor zehn Tagen in seiner Rede im Ball- und Brauhaus Watzke in Dresden (in Bierhäusern wie dem Bürgerbräukeller hat in Deutschland ja viel angefangen) von einer dämlichen Bewältigungspolitik. Wollte dann aber heute - aus welchen Gründen auch immer - einen ➱Kranz in Buchenwald niederlegen. Was ihm allerdings verwehrt wurde: Die Überlebenden der Nazibarbarei und die Angehörigen der Ermordeten können nicht zulassen, dass die Bedeutung des Holocausts relativiert und das Andenken an die Opfer herabgewürdigt wird. Wir wehren uns gegen das Erscheinen von Verharmlosern beim Gedenken an der Stätte unseres Martyriums.

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Als Paul Celan seine ➱Todesfuge schrieb, hätte es niemand für möglich gehalten, dass wir eines Tages AfD, Pegida und Reichsbürger in Deutschland haben würden. Doch dann bekamen wir Adolf von Thadden. Der mit seiner NPD von dem Ziegeleibesitzer Fritze Thielen aus meinem Heimatort finanziert wurde. Thielens hübsche blonde Tochter ist damals von zu Hause ausgezogen, ich fand das eine mutige und bewundernswerte Entscheidung. Kurz zuvor hatte unsere Schulzeitung Echo trotz größter Bedenken der Schulleitung einen Artikel vom Neuen Deutschland nachgedruckt, in dem aufgelistet wurde, dass der größte Teil der Kaufmannschaft des Ortes in der NSDAP oder sogar der SS gewesen war. Und dabei hatten die da drüben den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens noch gar nicht auf der Liste.

Irgendwie war das Ganze seltsam, da waren wir im Nachkriegsdeutschland von den amerikanischen Besatzern zur Demokratie gebracht worden und mussten nun sehen, dass der halbe Ort aus Nazis bestand. Und dass die neuen Nazis hier ihre finanzielle Basis hatten. Der Herr von Thadden ist ein so reizender Mann mit so guten Manieren, den kann man ruhig mal wählen, sagte mir eine Kapitänsgattin. Ich habe den reizenden Herrn von Thadden in der Strandlust eine Stunde lang reden hören, er wirkte sehr soigniert, hatte nichts von seinem Namensvetter Hitler an sich. Wirkte auch nicht so faschistisch wie ➱Franz-Josef Strauß, der hier an der gleichen Stelle geiferte. Aber Herr von Thadden war natürlich nur ein Wolf im Schafspelz, der Kreide gefressen hatte.

Und heute haben wir Björn Höcke, diese Schande für Deutschland. Das Gedicht Todesfuge von Celan stand früher in jedem Lesebuch, vielleicht auch in dem von Björn Höcke. Ich glaube, dass es an diesem 27. Januar angebracht ist, es wieder einmal zu zitieren:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith



Und wenn Sie die Rede von Björn Höcke lesen wollen, die finden Sie ➱hier.

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