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Sonntag, 29. Januar 2017

Sartoria d'Europa: Nervesa


Seit 1967 gab es bei Francesco Smalto auch eine Konfektionslinie, die in Italien von der Firma ➱Nervesa hergestellt wurde. Die stellten damals auch die Anzüge für Nina Ricci her und hatten in den letzten fünfzig Jahren (es gibt die von Giuliano Caponi gegründete Firma Nervesa genau so lange wie die Firma ➱Francesco Smalto) noch eine Reihe von Lizenzen: Aquascutum, Daks, Cifonelli, Borsalino, YSL (nicht das billige Zeug bei C&A), Lancetti und André Laurent. Und es gab auch noch eine Linie, die nach dem Firmengründer Giuliano Caponi benannt war.

Ich weiß nicht so genau, wie die Firma Nervesa heute dasteht, weil sie in der Vergangenheit eine Vielzahl ihrer Lizenzen verloren haben, aber ich weiß, dass ich mal ein Jackett und einen dunkelgrauen Flanellanzug von der Firma besessen habe. Das war erstklassiges Zeug. Das steht in dem Post ➱Waltz into Darkness, einem Post, den ich liebe. Weil er elegant einen Film von ➱Truffaut mit der französischen Herrenmode verbindt. Und als Zugabe noch Catherine Deneuve (die ich am liebsten in ➱La vie de chateau mag) in die Melange wirft.

Francesco Smalto, dessen Klamotten Jean Paul Belmondo trug, lässt nicht mehr bei Nervesa fertigen. Seine Spitzenkollektion kommt heute (wie die der Pariser Firma Hartwood) von Caruso. Ein italienischer Hersteller, der von ➱Werner Baldessarini aus dem Schönheitsschlaf geweckt wurde, und der ➱hier inzwischen einen eigenen Post hat. Wenn die Firma Nervesa jemanden wie Baldessarini gehabt hätte, dann wären sie heute auch berühmter als sie es sind.

Was die Firma Raffaele Caruso (die ebenso wie Nervesa einmal für Cifonelli produzierte) kann, das könnte schneidertechnisch die Firma Nervesa auch, aber die sind eher die graue Maus unter den sartoria Herstellern, die sich mit dem Label Made in Italy oben auf dem Aufhänger des Jacketts schmücken dürfen. Den oben erwähnten dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) von Nervesa hatte ich mir für die Hochzeit meines Bruders gekauft. ➱Kelly, der damals auch Nervesa trug (aber schon mit Kiton liebäugelte) erzählte mir, dass sei jetzt das Beste, was er hätte. War der Anzug auch, er hielt länger als die Ehe meines Bruders.

Graue Flanellanzüge waren eine Sache der fünfziger Jahre. Jeder wollte sie haben, spätestens seit Gregory Peck die Hauptrolle in ➱The Man in the Grey Flannel Suit gespielt hatte. Meistens waren sie langweilig, man konnte sie aber mit Hemd und Krawatte aufpeppen. Wozu die meisten Deutschen in der Ära Adenauer nicht den Mut hatten. Das war übrigens der Augenblick, in dem ich beschloss, niemals so herumzulaufen wie die meisten Deutschen. Den besten Flanellanzug habe ich bei der Eröffnung der Delacroix Ausstellung in der Bremer Kunsthalle gesehen.

Ein Herr, der ein wenig nach einem Double von Albert Darboven aussah, trug zu einem dunkelgrauen Flanellanzug (mit Weste) ein fett rot-weiß gestreiftes Hemd mit weißem Kragen. Delacroix, der ein großer Dandy war (und sich über das Schuhzeug von ➱William Turner mokierte), hätte das sicher gut gefunden. Von solchen Exzentrizitäten stand der graue Flanellanzug natürlich für Seriösität. Kein Kleidungsstück für ➱James Bond. Aber unbedingt für seinen Chef, wie wir hier sehen können.

Mein zweites Teil von der Firma Nervesa war ein grünliches Jackett aus einem Luxusstoff von Carlo Barbera, leider habe ich davon keine Abbildung. Auf Photos schon, aber nicht hier. Ich bilde hier einmal eben ein Jackett von Nervesa ab. Die von Giuliano Caponi 1961 gegründete Firma benannte sich nach dem Ort, in dem sie ihren Sitz hatte: Nervesa in Venetien. Ein Ort, der nach einer verlustreichen Schlacht im Ersten Weltkrieg den Zusatz della Battaglia bekommen hat. Von der Abtei des Ortes ist, wie von dem ursprünglichen Ort Nervesa, wenig übrig geblieben, aber es muss erwähnt werden, dass sie der Ort war, wo eins der wichtigsten Benimmbücher der Renaissance geschrieben wurde.

Es ist Giovanni della Casas Buch ➱Il Galateo overo de 'costumi, ein Erziehungsbuch, das unter dem Namen Galateo in Italien ebenso sprichwörtlich wurde wie bei uns ➱der Knigge. Obgleich das ein Buch ist, das wohl niemand, der es zitiert, gelesen hat. Die deutsche Übersetzung von Nathan Chytraeus erschien 1597. Da war Chytraeus gerade Rektor der Bremer Lateinschule geworden, heute heißt die Schule Altes Gymnasium. Sie ist nicht so sehr wegen der Gelehrten bekannt, die sie hervorgebracht hat, sondern weil Peter Zadek hier seinen Film ➱Ich bin ein Elefant, Madame gedreht hat.

Damals sah das Kollegium eines Bremer Gymnasiums so aus. Die italienische Herrenmode hatte sie noch nicht erreicht. Wahrscheinlich bis heute nicht. Aber hatte sie die Botschaft von Della Casas Galateo erreicht? Das Buch ist eine Art Nachfolgebuch von ➱Baldassare Castigliones einflussreichem ➱Il Cortegiano. Wir können dem Ganzen entnehmen, dass schon im 16. Jahrhundert in Nervesa die Kultur zu Hause war. Oder dass hier die Bedienungsanleitung für die guten Sitten (costumi) geschrieben wurde. Zu diesem Thema kann ich noch die Lektüre des Buches Sprezzatura: 50 Ways Italian Genius Shaped the World von Peter D'Epiro und Mary Desmond Pinkowish empfehlen.

Und zu den guten Sitten gehört natürlich auch die richtige Kleidung, das war dem Firmengründer Giuliano Caponi, nach dem auch eine Linie der Firma Nervesa hieß, wichtig. Man nannte ihn respektvoll den dottore, mit dem Titel ist man in Italien ja großzügig. 2004 musste er seine Firma an die IGEFI Gruppe in Genua verkaufen, da titelten die Zeitungen La Igefi salverà Nervesa. Aber entlassen hatte er bis zum Schluss keinen seiner 203 Angestellten in den drei Fabriken. Auch nicht seinen bei allen beliebten Pförtner Corradino Dalla Marta. Als der 2012 starb, war er der Tribuna di Treviso einen längeren Nachruf wert.

Die IGEFI Gruppe übernahm alle Verbindlichkeiten und sorgte für ein neues Management. Man setzte große Hoffnungen auf Ralph Lauren, der seine ➱Purple Label Linie einige Jahre bei Nervesa produzieren ließ, aber der zog schnell weiter. Zur Sartoria Santandrea, die auch als Saint Andrews fungiert, blieb da aber auch nicht lange, sondern wanderte zu Cantarelli. Die Vielzahl der berühmten Namen war zwar schön für das Renommee von Nervesa gewesen, aber große Namen bedeuten nicht, dass diese Firmen auch ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlten. Wenn Sie die traurigen Bilder sehen wollen, wie die Fabrik bei ihrer Aufgabe aussah, dann klicken Sie ➱hier.

Inzwischen scheint nach Jahren des Aufbaus alles gerichtet, La crisi, a volte, può riservare inaspettate opportunità, sagte man sich. Ich weiß nicht, ob sie noch die RTW für Timothy Everest, die Konfektion für Leonard (das ist die Pariser Firma mit den wilden Mustern auf Damenkleidern und Herrenschlipsen) und die für Borsalino machen.

Die Lizenzen, mit denen man einst prahlte, werden heute nicht mehr erwähnt. Obgleich dieser Name Nervesa Sartoria d'Europa passend war: die großen Namen von ganz Europa ließen bei Nervesa fertigen. Dass die Firma wieder lebt, kann man ihrer ➱Website ablesen. Die war jahrelang ziemlich tot. Ungefähr so wie der Katalog der ➱Kunsthalle Bremen. Wenn Sie einen Blick auf die Kollektion für den Sommer 2017 werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Am letzten Sonntag sah ich bei ebay ein Nervesa Jackett, auf das noch niemand geboten hatte. Allerdings zerschlug sich meine Hoffnung schnell, das Jackett für einen Euro zu bekommen. Irgendjemand schien zu wissen, was Nervesa einmal bedeutet hat. Ich bot nicht lange mit, das Jackett war sowieso ein wenig langweilig. Sah auf keinen Fall so aus wie die neueste Kollektion hier. Deshalb trauerte ich ihm auch nicht lange nach, für einen Euro wäre es O.K. gewesen.

Aber ich schaute mich mal bei ebay um und fand bei second-toni dieses Teil. Den Händler kenne ich, da habe ich schon häufiger etwas gekauft. Gute Preise und immer zuverlässig. 99,9% postitive Bewertungen bei über 65.000 Transaktionen, ein Querulant ist immer dabei, der die Statistik verdirbt. Dieses hübsche Nervesa Jackett war allerdings mit 99,98 Euro ausgezeichnet, für das Geld kriegt man bei ebay schon Caruso oder Brioni. Oder ein nagelneues Boglioli Jackett. Ich schrieb dem second-toni eine nette kleine Mail und wies ihn darauf hin, dass für dieses Jackett die Preisstruktur wohl nicht ganz stimme. Und setzte noch aus Spaß hinzu: Für 49 Euro würde ich es kaufen.

Am nächsten Morgen flatterte eine E-Mail von second-toni auf den Bildschirm, in der stand: Sie haben mich übezeugt. Und ich bekam das Jackett zum Sonderpreis von 49 Euro angeboten. Damit hatte ich nun nicht gerechnet, konnte der Verlockung aber nicht widerstehen. Jetzt habe ich nach Jahrzehnten wieder mal ein Nervesa Jackett. Nicht, dass man die siebziger Jahre zurückholen könnte, aber es ist doch irgendwie nett.

Das Jackett hat ein Etikett von ➱Felbinger, einem Herrenausstatter aus Bayern. Der Firmenchef Klaus Felbinger, der ein Jahr bei ➱Brioni volontiert hat, leitet in dritter Generation das Geschäft. Und was die im Angebot haben, ist vielleicht geeignet, um Rudolf Böll in Rottach-Egern Konkurrenz zu machen (zu dem gibt es ➱hier schon einen Post. Auf der Seite von Felbinger kann man lesen: "Sartorische Qualität" nennt man im Fachjargon, was das Angebot von felbinger kennzeichnet. Im Gegensatz zum Konfektionsanzug werden unsere Teile nach den Regeln edler Schneiderkunst gefertigt. Nichts wird geklebt oder fixiert. Alle Einlagen sind so pikiert, daß der verwendete Wohlfühlstoff in seiner Besonderheit sichtbar und spürbar wird. "Sartorische Qualität" vermögen nur ganz wenige, wie z. B. die großen Italiener Brioni oder Nervesa vorzuhalten. Mit diesen Firmen arbeiten wir so eng zusammen, daß auch individuelle Sakkos und Anzüge gefertigt werden können. Das ist es, da unten im Allgäu, da weiß man die Qualität von Nervesa zu schätzen. Und Humor haben sie da auch, da steht auf ihrer Seite: Felbinger-Kunden sind jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß. Das trifft auch auf meine Leser zu, die sind auch jung oder alt, klein oder groß, besonders klein oder besonders groß.


Die Firma Nervesa wird heute nicht zum ersten Mal in diesem Blog erwähnt. Sie könnten auch noch lesen: Tyrone, Made in Germany, Waltz into Darkness, Handschuhknopf, Made in Germany, Baldessarini, Pierre Cardin, Raffaele Caruso

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