Sonntag, 4. Dezember 2011

Waltz into Darkness


Am Ende gehen die beiden in eine Schneelandschaft (was natürlich ein Zitat von La Grande Illusion ist). Wälder, Berge, viel Schnee. Und wenn sie ganz klein in der Schneelandschaft geworden sind und es immer stärker schneit, erscheint auf der Leinwand blutrot das Wort ➱FIN. Was wird aus ihnen werden? Angefangen hatte es im hellen Sonnenlicht auf der Insel ➱Réunion. Da stand sie plötzlich mit ihrem Vogelkäfig in der Hand, seine mail order bride auf die er gewartet hatte. Sie sah so ganz anders aus als die Julie Roussel auf dem Photo, das die ihm geschickt hatte. Sie sieht aus wie Catherine Deneuve. Weil diese Marion, die vorgibt, Julie zu sein, natürlich Catherine Deneuve ist. Die Julie auf dem Photo hat sie umgebracht. Weil sie den reichen Zigarettenfabrikanten Louis Mahé haben will, den Jean Paul Belmondo spielt.

Jean Paul Belmondo ist natürlich den ganzen Film über elegant gekleidet (hier trägt Belmondo nur Belmondo) - bei Catherine Deneuve setzen wir das mal voraus, darüber brauchen wir nicht zu reden. Wenn Sie es genau wissen wollen: alle Kleider von Catherine Deneuve sind von Yves Saint-Laurent. Ob ihre weiße Unterwäsche, die Belmondo in der 37. Minute des Films zerreißt und im Kamin verbrennt (als er erkennt, dass die Betrügerin mit seinem Geld abgehauen ist) auch von YSL ist, weiß ich leider nicht.

Der Schneider von Belmondo, der in diesem Film nicht erwähnt wird, heißt Francesco Smalto (hier ein Smalto Modell aus dem Jahre 1954). Er hat sich gerade in Paris selbstständig gemacht. Da ist es natürlich von Vorteil, wenn in allen Belmondo Filmen auf der Leinwand zu lesen ist, dass die Klamotten von Monsieur Belmondo von Francesco Smalto sind (Jean Paul Belmondo est habillé par Francesco Smalto). Wahrscheinlich brauchte Belmondo die dann nicht zu bezahlen. Manus manum lavat. Schon Balzac hat seinen Pariser Schneider, den berühmten ➱Johann Jakob Staub nicht bezahlt. Ihn aber als le tailleur le plus célèbre de cette époque in seine Romane hineingeschrieben.

Francesco Smalto wurde 1930 in Reggio Calabria geboren, er hat in Turin das Handwerk gelernt und mit 21 Jahren hospitierte er bei Christiani. Das war 1951 ja die feinste Adresse von Paris. Der amerikanische Schriftsteller Gay Talese hat sich bei Cristiani seine Anzüge machen lassen. Er bekam da Hausrabatt, weil sein Vater, ein Cousin von Antonio Cristiani, dort einmal gearbeitet hatte. Talese hat seinem Vater im Januarheft des amerikanischen GQ ein schönes kleines Denkmal gesetzt. In dem Artikel erfährt man auch sehr viel über die Geschichte von Cristiani in Paris. Natürlich kommt die Geschichte auch in seinem autobiographischen Buch Unto his Sons vor, da gibt es aber nicht wie im GQ die sepiagetönten Bilder aus dem Familienalbum.

Die Pariser Schneider sind bei uns in Deutschland ja nicht so bekannt geworden wie ihre englischen Kollegen aus der Savile Row. Was man in Deutschland an französischen Namen kannte, waren Prêt-à-porter Lizenzprodukte, die wenig mit den großen Namen zu tun hatten: Yves Saint Laurent (Bäumler), Daniel Hechter (➱Miltenberger Kleiderwerke Otto Aulbach) und Pierre Cardin (Schildt). Nach seinem Gastspiel bei Christiani ist Smalto sechs Jahre bei José Camps gewesen (heute ➱Camps de Luca) - was auch eine sehr feine Adresse ist - bevor er sich 1962 als Herrenschneider selbstständig machte. Und Belmondo als Kunden gewann. Es ist für eine Firma immer gut, wenn sie Jean Paul Belmondo als Kunden hat. Der Start der Firma ➱Seraphin war auch deshalb erfolgreich, weil Belmondo da gleich ein halbes Dutzend Lederjacken kaufte.

Es ist für französische Schneider immer förderlich, wenn Filmstars  (hier Jacques Dutronc) ihre Anzüge tragen und damit einen look propagieren. Seit 1967 gab es bei Smalto auch eine Konfektionslinie, die in Italien von der Firma ➱Nervesa hergestellt wurde. Die stellten damals auch die Anzüge für Nina Ricci her und hatten in den letzten fünfzig Jahren (es gibt die von Giuliano Caponi gegründete Firma Nervesa genau so lange wie die Firma ➱Francesco Smalto) noch eine Reihe von Lizenzen: Aquascutum, Daks, Cifonelli, Borsalino, YSL (nicht das billige Zeug bei C&A), Lancetti und André Laurent. Und es gab auch noch eine Linie, die nach dem Firmengründer Giuliano Caponi hieß. Ich weiß nicht so genau, wie die Firma Nervesa heute dasteht, weil sie in der Vergangenheit eine Vielzahl ihrer Lizenzen verloren haben, aber ich weiß, dass ich mal ein Jackett und einen dunkelgrauen Flanellanzug von der Firma besessen habe. Das war erstklassiges Zeug.

Der gute Ruf von Francesco Smalto hat ein wenig gelitten, als er 1995 vor Gericht zugeben musste, dass seine Schneider afrikanische Diktatoren nicht nur mit Anzügen aus dem Hause Smalto versorgten, sondern gleich auch noch Pariser Nutten mitbrachten. In einigen afrikanischen Staaten wurde während des Prozesses der Verkauf französischer Zeitungen verboten. Jean Paul Belmondo war übrigens nicht der einzige Filmstar, der Francesco Smalto trug, auch Sean Connery zählte zu den Kunden des Hauses. Heute wirbt man mit Zinedine Zidane; und die junge koreanische Designchefin Youn Chong Bak ist stolz darauf, dass man Anzüge für richtige Männer macht (Smalto habille les hommes, pas les minets) und keine magersüchtigen Models in der Werbung beschäftigt. Darüber sollte man bei der Firma ➱Regent mal nachdenken. Die Firma Francesco Smalto gehört seit zehn Jahren zu dem Konzern von Alain Duménil, der gleichzeitig mit Smalto das Haus Jean-Louis Scherrer gekauft hatte. Ich weiß jetzt nicht, ob die Qualität der Klamotten darunter gelitten hat, ich habe noch niemals ein Teil von Smalto in der Hand gehabt. Ich könnte jetzt natürlich bei ebay einen magnolienfarbenen Anzug für £ 249,95 kaufen (von dem das Jackett da unten abgebildet ist), the only one on ebay, extremley rare, collector's item. Ich kann's aber auch lassen. Weil er sich von den Nervesa Produkten die ich kenne wohl nicht wesentlich unterscheidet.

Dass der Anzug, den Belmondo in der ersten Szene mit Catherine Deneuve trägt, das Werk eines Pariser Schneiders ist, sehen Kenner auf den ersten Blick. Schauen Sie mal eben auf die ➱Schulter. Fällt Ihnen etwas auf? Also, abgesehen von der Belmondo Schulter. Die Art, wie der Ärmel eingesetzt ist, ist eine ➱Cifonelli Schulter (in der Abbildung das Modell rechts). Benannt natürlich nach der berühmten Schneiderfamilie ➱Cifonelli, die in Frankreich ein ebenso großer Name ist wie Domenico Caraceni in Italien (die Cifonelli Anzüge, die in den USA verkauft werden, werden bei Nervesa hergestellt).

Pariser Schneider lieben diesen Typ Schulter (hier noch einmal Cifonelli). Pariser Schneider lieben auch diese etwas seltsame Form des Revers. Es ist ein Revers mit abbrechender Spiegelnaht, auch Knize Revers genannt. War in den dreißiger Jahren sehr schick, findet sich heute wohl nur noch bei Pariser Schneidern. Ich musste diesen kleinen Ausflug in die Geschichte der Herrenmode mal eben machen. Weil die Leser, die in diesem Blog von Zeit zu Zeit geistvolle Artikel über Herrenmode lesen wollen, schon wieder gemurrt haben. Und weil ➱Film und Mode natürlich untrennbar verbunden sind. Und natürlich auch deshalb - um Ausreden bin ich nie verlegen - weil François Truffaut auch Kunde bei Francesco Smalto war.

Man kann das hier sicher sehen. Roger Vadim (links) trägt ein Jackett, das sicherlich keine Cifonelli Schulter hat. An François Truffauts Jackett kann man das ganz klar erkennen. Aber back to square one, zum Ende des Filmes La Sirène du Mississipi (dieser ➱Link führt zu einer russischen Version des Filmes, ist aber besser als gar nix)Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass da Catherine Deneuve und Jean Paul Belmondo durch den Schnee der Alpen stapfen, es hätten ja auch ➱Brigitte Bardot und François Truffaut sein können. Jahre nachdem der Film La Sirène du Mississipi in die Kinos gekommen war, hat Brigitte Bardot in einem Interview gesagt, dass Truffaut ihr die Rolle der Julie Roussel/Marion Vergano versprochen hätte.

Truffaut, Gentleman der er war, hat dem nie öffentlich widersprochen (obgleich er durchaus einen Augenblick erwogen hatte, gerichtlich gegen BB vorzugehen). Die Basis dieses Gerüchts ist die Tatsache, dass ihm die Brüder Robert und Raymond Hakim Truffaut die Filmrechte zu Waltz into Darkness verkaufen wollten, im Paket mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle. Aber Truffaut wollte nicht. Er liebte zwar den Autor, der unter dem Namen William Irish den Roman Waltz into Darkness geschrieben hatte, aber er konnte die Brüder Hakim nicht ausstehen. Sie haben einen schlechten Ruf, Joseph Losey hätte sie einmal beinahe verprügelt.

Truffaut wollte unbedingt Belmondo (hier in einem Jackett bei dem man Cifonelli Schulter und Knize Revers sehr schön sehen kann), den er schon für den Film verpflichtet hatte, bevor er die Filmrechte und ein Drehbuch hatte. Und er wollte Deneuve an der Seite von Belmondo. Dann fand er heraus, dass die Hakim Brüder die Filmrechte überhaupt nicht besaßen. Er kaufte die Rechte sehr preiswert von der Twentieth Century Fox, die an dem Film keinerlei Interesse mehr hatte. Den größten Teil des Geldes hatte im Jeanne Moreau geliehen. Die hasste die Hakims, weil sie ihr das Honorar aus dem Film ➱Eva nie gezahlt hatten - und Brigitte Bardot mochte sie auch nicht so besonders. Und natürlich hätte Truffaut auch den Zigarettenfabrikanten Louis Mahé spielen können (er hätte dann allerdings nicht solche Hosen getragen wie Belmondo: das ist noch der stehengebliebene Stil der Schneider der dreißiger Jahre - schon der Herzog von Windsor fand diesen Hosentyp gräßlich). Er hat Jahre später einmal über den Film - den er nie mochte - selbstironisch gesagt, dass er besser den Louis Mahé hätte spielen sollen - und Belmondo hätte Regie führen sollen.

Kurz bevor Catherine und Jean Paul den verschneiten Abhang hinaufgehen, hatte sie noch versucht, ihn zu vergiften (die Berghütte ist übrigens die gleiche, die in Truffauts Tirez sur le pianiste vorkommt). Aber dann hat sie erkannt, dass sie ihn doch liebt. Ich lasse das mal lieber, aus den letzten Worten des Film zu zitieren. Wenn Marion sagt: Jetzt gehöre ich nur dir, Louis. Es tut weh, Louis, es tut weh. Ist das die Liebe? Tut Liebe so weh? Das tut uns auch weh. Und wir ertragen es nur, weil wir Catherine lieben. Und François. Und Jean Paul. Sonst würden wir uns das nicht angucken. Natürlich ist das melodramatischer Kitsch, aber diese Geschichte einer amour fou ist so von Truffaut gewollt (gegen gewollten Kitsch habe ich gar nichts), der hier ironisch mit allen Klischees des Krimis und der Trivialliteratur spielt.

Und all das fand er natürlich schon in der Romanvorlage von William Irish, der in Wirklichkeit Cornell Woolrich heißt. Der wurde heute vor 108 Jahren geboren. Der erste Roman, den ich von ihm las, war Phantom Lady (1944 von Robert Siodmak verfilmt), ein Roman bei dem man am Ende der Lektüre nur Wow! sagen konnte. So ähnlich hat sich Truffaut auch gefühlt - und prompt zwei seiner Romane verfilmt: The Bride Wore Black als La Mariée était en noir (Die Braut trug Schwarz) mit Jeanne Moreau und Waltz into Darkness als La Sirène du Mississipi. Das ist da kein Tippfehler, fragen Sie mich jetzt nicht, weshalb die Franzosen den amerikanischen Fluss so schreiben. Als Truffaut an die Verfilmung von The Bride Wore Black heranging, lebte Cornell Woolrich noch. Er hatte allerdings noch nie von François Truffaut gehört, ließ ihm aber durch Truffauts amerikanische Agentin ausrichten, dass er durchaus in der Lage sei, einen Brief in französischer Sprache zu lesen, falls Truffaut ihm schreiben wolle. Er hat den Erfolg von  La Mariée était en noir und La Sirène du Mississipi nicht mehr erlebt.

François Truffaut ist nur einer von vielen Regisseuren, die Cornell Woolrich verfilmt haben. Kein anderer roman noir Autor ist so häufig verfilmt worden wie er! Und dennoch sind seine Romane heute nur noch antiquarisch zu finden. Da hat man es mit Truffauts Filmen und Hitchcocks Fenster zum Hof (auch nach einem Cornell Woolrich Geschichte) leichter. Als Truffaut an seinen Cornell Woolrich Verfilmungen arbeitet, hat er seine Hitchcock Phase. Denn gleichzeitig mit den Filmen entsteht sein großartiges Interview-Buch Le cinéma selon Hitchcock (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?). Dort sagt er einmal: it might be said that the texture of your films is made up of three elements: fear, sex and death, und das beschreibt eigentlich auch sehr schön die Textur seiner eigenen Filme in dieser Zeit.

Truffauts Hitchcock Verehrung geht so weit, dass er für diesen Film unbedingt unbedingt diese kühle Blonde braucht, ohne die ein Hitchcock Film nicht funktioniert. Diese icy sexuality, dieses paradox between the inner fire and the cool surface. Und wer könnte das besser spielen als Catherine Deneuve, die so kalt ist wie der Schnee in der letzten Szene des Filmes? Mit oder ohne weiße Unterwäsche.

1 Kommentar:

  1. Lieber Jay,

    ich bin selbst nicht Kunde von Smalto, nenne aber einige Erbstücke aus diesem Haus mein eigen, die qualtativ über jeden Zweifel erhaben sind - siehe auch Jeffery Diduchs post mortem einer meiner geerbten Jacken: http://tuttofattoamano.blogspot.com/2011/03/francesco-smalto-haute-couture.html.

    Herzliche Grüße,

    dE

    PS: Herzlichen Dank für das charmante Wildlederschuh-Zitat!

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