Mittwoch, 30. Oktober 2019

Basisformel


Da erfährt jemand ein ganz schreckliches Geheimnis, die ganze Welt ist bedroht. Aber aus irgendeinem Grund kann die Frau, die jetzt die Pläne kennt, nicht einfach zur Polizeiwache um die Ecke gehen. Und die Bösen dieser Welt, heißen sie nun Dr No, Dr Fu Manchu oder Ernest Stavro Blofeld oder wie immer, haben längst einen Profikiller unter Vertrag. Und was nun folgt, ist eine gnadenlose Jagd. Also am letzten Sonnabend zum Beispiel wurde bei ZDFneo Kate Abbott (Milla Jovovich) als Agentin der Homeland Security durch London gehetzt (der Film hieß auch Jagd durch London, im Original Survivor), verfolgt von Pierce Brosnan. Diesmal kein englischer Geheimagent mit einer dreistelligen Nummer, sondern ein böser Profikiller.

Der sprengt ein Restaurant in die Luft, das die Heldin glücklicherweise gerade verlassen hat, der Rest von London bleibt heil. In dem Film London has Fallen, in dem ein heldenhafter Agent den amerikanischen Präsidenten rettet, bleibt nichts von London heil. Natürlich sind wieder böse Verschwörer am Werk. Der Film ist der Höhepunkt des Schwachsinns, den diese Sorte Film erreichen kann. Ignatiy Vishnevetsky schrieb im The A.V. ClubA murky, brain-dead stab-a-thon packed with so many inane chases, laughable special effects, and mismatched stock footage shots that it begs to be made into a drinking game, 'London Has Fallen' is one of those rare films that is good at absolutely nothing. Der A.V. Club ernannte den Film später zum schlechtesten Film des Jahres.

Wir haben Ähnliches schon gesehen, immer wieder, mindestens einmal die Woche im Fernsehen. Die Welt wird immer wieder von einem Helden (oder einer Heldin) gerettet, die numinösen Mächte werden vernichtet. Es ist eine Formel, die auch für alle James Bond Verfilmungen gilt. Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism vier Grundmythen der Literatur isoliert, von denen eine die romance ist: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form, hence we know it better from fiction than from dramaAt its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness. Auf dieser Ebene haben das altenglische Beowulf Lied, Asterix und James Bond die gleiche Struktur.

Arthur Asa Berger führt in seinem Buch Popular Culture Genres: Theories and Texts solche Erzählungen auf die Märchentheorie von Wladimir Jakowlewitsch Propp zurück: There are heroes and heroines, there are villains and villainesses, there is conflict, there are helpers, there are magic agents or powers that the heroes have and that villains have, and so on. Heroes, whether they are knights, cowboys, soldiers, robots, androids, or cyborgs do certain kinds of things (such as rescue damsels in distress and thwart the heinous plans of evil and ruthless villains) and have done these things since we started telling stories. Einen Ritter, der gerade eine damsel in distress rettet, können wir hier sehen. Raymond Chandler hat das Bild in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben.

Wir lassen die großen Theorien mal eben draußen vor und suchen in der Literatur nach der Formel, in der Flucht und Verfolgung die wichtigste Rolle spielen. Wir finden das als ein wiederkehrendes Motiv in der englischen Gothic Novel, in der immer wieder unschuldige Schönheiten von einem Bösewicht durch Keller und Verliese von Schlössern gejagt werden. Und auch der Bösewicht, der Gothic Villain, ist nicht uninteressant, weil viele der Bösewichte des Thrillers im 20. Jahrhundert Züge des Gothic Villain haben. Zu denen auch die körperliche Deformation gehört, die zum Beispiel einen Dr No auszeichnet.

Mit Sir Walter Scotts Roman Waverley beginnt ein Typ des Romans, den wir die novel of flight and pursuit nennen können. Der Schotte Robert Louis Stevenson wird diese Formel in Romanen wie Kidnapped und Catriona wieder aufnehmen. Dieses Bild gehört natürlich nicht in Scotts Waverley, es ist von F.O.C. Darley, der James Fenimore Coopers Werke illustriert hat. Denn was ist The Last of the Mohicans anderes als eine Variation von Waverley? Eine novel of flight and pursuit mit Indianern anstelle der Schotten.

Dieser Schotte hier hat etwas in der Literatur von flight and pursuit angerichtet. Es ist John Buchan, hier im vollen Staatsornat als Generalgouverneur von Kanada. Er ist gerade Lord Tweedsmuir geworden, das war der Wunsch des englischen Königs gewesen, für den es undenkbar war, dass ein Bürgerlicher eine solche Position besetzt. Zwanzig Jahre zuvor hatte Buchan einen Roman geschrieben, der der Klassiker des Spionageromans des 20. Jahrhunderts geworden ist, und in dem wir alle Ingredienzien finden, die uns in dem Film Jagd durch London und vielen anderen Produktionen wieder begegnen.

Als Buchan 1915 seinen Roman The Thirty-Nine Steps schrieb, ahnte er noch nicht, dass er zwei Jahre später Chef des englischen Geheimdienstes sein würde. Vieles aus dem Roman findet sich auch in dem Thriller The Power-House (1916): You think that a wall as solid as the earth separates civilisation from barbarism. I tell you the division is a thread, a sheet of glassA touch here, a push there, and you bring back the reign of Saturn. Es ist ein Satz, der auch in The Thirty-Nine Steps stehen könnte. The Thirty-Nine Steps enthält eine Widmung an Buchans Freund Thomas Arthur Nelson, den er beim Studium in Oxford kennengelernt hatte, und der als Chef des Thomas Nelson Verlags auch der Verleger von Buchans ist. Buchan wird bis zum Jahre 1929 für den Thomas Nelson Verlag arbeiten.

Die Widmung von The Thirty-Nine Steps hat es in sich: My Dear Tommy, You and I have long cherished an affection for that elemental type of tale which Americans call the 'dime novel' and which we know as the 'shocker'--the romance where the incidents defy the probabilities, and march just inside the borders of the possible. During an illness last winter I exhausted my store of those aids to cheerfulness, and was driven to write one for myself. This little volume is the result, and I should like to put your name on it in memory of our long friendship, in the days when the wildest fictions are so much less improbable than the facts.

Buchans Held Richard Hannay (hier Kenneth More in einer schlechten ✺Filmversion des Romans) ist Schotte wie Buchan, er ist nicht mehr jung, er hat sein Geld in Südafrika gemacht. Jetzt ist er in London und langweilt sich: Here was I, thirty-seven years old, sound in wind and limb,with enough money to have a good time, yawning my head off all day. I had just about settled to clear out and get back to the veld, for I was the best bored man in the United Kingdom. Hannay lernt seinen Nachbarn kennen, einen Amerikaner namens Franklin P. Scudder, der ihm eine wilde Geschichte von einer riesigen Verschwörung erzählt. Hannay hat zuerst seine Zweifel, aber als er Tage später Scudder ermordet in seiner Wohnung findet, weiß er, dass die Geschichte wahr sein muss. Er kann sich nicht an die Polizei wenden, die hält ihn für den Mörder des Amerikaners. Er muss fliehen, verfolgt von den Bösewichten und der Polizei: in all thrillers the hero, whose task it is to protect civilization, must first lose the protection of society. The hunter becomes the hunted, sagt Ralph Harper in The World of the Thriller.

The thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux, lässt Graham Greene eine Romanfigur in seinem Roman The Ministry of Fear sagen, und benennt mit William Le Queux einen Vorläufer von Buchan, ein anderer wäre 'Sapper' mit seinem Helden Bulldog Drummond. Dass der Spionageroman eine Art factifiction ist, also etwas mit der Wirklichkeit der Spionage, dem ältesten (oder dem zweitältesten) Gewerbe der Welt, zu tun hat, macht ihn für viele Leser so reizvoll. Wer Verschwörungstheorien liebt, ist in diesem Genre bestens aufgehoben.

Das ist natürlich nicht Richard Hannay, das ist natürlich Cary Grant in North by Northwest, aber in Buchans Roman findet sich auch eine Szene, wo Hannay in den schottischen Highlands von einem Flugzeug gejagt wird. Alfred Hitchcock hatte alle Romane von John Buchan in seiner Bibliothek, und er hat François Truffaut in dem berühmten Interview gesagt: Buchan was a strong influence a long time before I undertook The Thirty-nine Steps, and some of it is reflected in The Man Who Knew Too Much...

Hitchcock hat The Thirty-Nine Steps verfilmt (hier Robert Donat als Richard Hannay), im selben Jahr, als Buchan Generalgouverneur von Kanada wird. Und es ist nicht nur The Man Who Knew Too Much, in dem man einen Einfluss von John Buchan spürt, es sind auch Filme wie North by Northwest und Saboteur. What I find appealing in Buchan's work is his understatement of highly dramatic ideas, hat Hitchcock gesagt und nimmt sich aus Buchans Roman das Motiv von flight and pursuit, all die episodenhaften Abenteuer, die der Held, der sich vom edwardianischen Gentleman zum Tramp wandelt, bestehen muss.

Was Hitchcock nicht interessiert (hier Richard Powell in seiner sehr stimmigen Verfilmung von The Thirty-Nine Steps), ist die Welt von John Buchan, die Welt der gentlemen und die Ideologie des englischen Empire. Buchan kommt aus der upper middle class und hat in Oxford Klassische Philologie studiert und heiratet in die englische Aristokratie hinein; Hitchcocks Vater war Gemüsehändler, und Hitchcock kann keinen Universitätsabschluss vorweisen. Buchan wird im Rang eines Colonel Direktor des Geheimdienstes und später Generalgouverneur von Kanada, Hitchcock wird Filmregisseur und jagt im Alter Blondinen hinterher. Verschiedener als Buchan und Hitchcock kann man nicht sein, und doch spukt Buchan immer wieder durch Hitchcocks Werk, weil den die romance where the incidents defy the probabilities nicht loslässt.

Richard Hannay rettet England natürlich im letzten Augenblick, damals bedeutet England noch etwas mehr als heute. Den Engländern gehört nicht mehr die ganze Welt, aber das Rule Britannia wird für einen großen Teil der Welt gelten. Für John Buchan wäre es unvorstellbar gewesen zu glauben, dass eine Flitzpiepe wie Boris Johnson englischer Premierminister wird.

Buchan wird noch vier weitere Richard Hannay Romane schreiben (und heute schreibt ein Mann namens Robert J. Harris noch Richard Hannay Romane), er ist ein Serienheld wie James Bond. Am Ende von The Thirty-Nine Steps geht Hannay als Captain zur Armee, in Mr Standfast ist er schon General. Wir finden in dem Roman Sätze, die wie ein Glaubensbekenntnis Buchans klingen: In that moment I had a kind of revelation. I had a vision of what I had been fighting for, what we were all fighting for. It was peace, deep and holy and ancient, peace older than the oldest wars, peace which would endure when all our swords were hammered into ploughshares. It was more; for in that hour England first took hold of me... I understood what a precious thing this little England was, how old and kindly and comforting, how wholly worth striving for. The freedom of an acre of her soil was cheaply bought by the blood of the best of us.

Es klingt ein wenig nach Shakespeares This precious stone set in the silver sea, aber man nimmt Buchan das ab, er hat so einen Hang zum Mystischen. Die englischen Soldaten, die schon während des Krieges an der Front The Thirty-Nine Steps lasen (It is just the kind of fiction for here, schrieb ein Offizier aus Frankreich an Buchan), werden solche Worte gerne vernommen haben. Man hat sich immer wieder schwergetan, John Buchan einzuordnen. Der schottische Schriftsteller und Jazzkritiker Brian Morton (Mitherausgeber des Penguin Guide to Jazz on CD) hat über ihn gesagt: Taken together, the Hannay novels say much about Scotland and Scottishness, our place in it and beyond it, who we are, what we dream of, and what we ultimately aspire to.

Verschwörungen, flight and pursuit, ein Abenteuer nach dem anderen, es bleibt immer dieselbe Geschichte, the romance where the incidents defy the probabilities. Es kommt nur darauf an, wer sie erzählt und wie sie erzählt wird. Und das kann John Buchan wie kaum ein anderer. The Thirty-Nine Steps war in über hundert Jahren niemals out of print. Weil wir es immer wieder lesen wollen: And that helps to define a point for us about Buchan's own work: he was an admirable stylist. ... but it is obvious that to his gifts we must add—what again is something not very common—the sheer faculty of telling a story. John Buchan was a Tusitala in his own right. He loved the story for its own sake—an accent perhaps insufficiently regarded at the moment, which is yet a lasting thing and will see out the more temporary moods of literary fashion. He certainly understood suspense, the art of excitement, the thrilling quality of his master, Stevenson, in such stories as 'The Thirty-Nine Steps'.


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Samstag, 26. Oktober 2019

danske piber


Diese Stanwell Pfeife habe ich gerade bei ebay ersteigert, es ist beinahe genau dasselbe Modell, das dreißig Jahre lang meine Lieblingspfeife war und jetzt leider zerbrochen ist. Holmbruch, knække hals, wie der Däne sagt. Die Pfeife war leicht und zierlich, genau das Richtige für den frühen Morgen, wenn ich zu Tippen anfange.

In den 1970er Jahren wurde Stanwell durch Werbespots von Loriot beworben, die mit dem Satz Drei Dinge braucht der Mann: Feuer - Pfeife - Stanwell endeten. Loriot selbst rauchte lieber Charatan als Stanwell oder Dunhill. Er war damals nicht der einzige, der die Werbebotschaft der 1948 von Poul Nielsen gegründeten dänischen Pfeifenfirma mit dem englischen Namen verkündete, das machte in Werbespots auch der berühmte Bremer Hans-Joachim Kulenkampff.

Die zierliche kleine Stanwell wäre auch etwas für Damen gewesen, vor einem halben Jahrhundert, als die dänischen Pfeifenfirmen England Konkurrenz machten, konnte man überall in Dänemark pfeiferauchende Damen sehen. Zur Zeit von Sören Kierkegaard gibt  es noch keine dänischen Pfeifenfabriken, dänische Zigarren schon. Als der Dandy Kierkegaard beginnt, Zigarren zu rauchen, ist das gerade in der dänischen Oberschicht chic geworden.

Tabak kam (wie Rohrzucker für die Herstellung von Rum) schon lange aus Dänisch-Westindien (hier Christiansted, die Hauptstadt von Saint Croix und Dänisch-Westindien). Im Geburtsjahr von Kierkegaard erlaubte der dänische König Frederik VI, dass auch in Dänemark Zigarren hergestellt werden durften. Handgefertigt natürlich. Man hatte in Dänemark schon seit dem 18. Jahrhundert in geringen Mengen Tabak angebaut.

Flensburg (damals noch dänisch) wurde, als 1778 das Monopol für die Kopenhagener Generaltabaks Handel-Direction fiel, zur Tabakstadt. Im Jahre 1809 verarbeiten die acht Flensburger Tabakfabriken 197.000 Pfund ausländischer Rohtabake. 1846 werden 344.000 Pfund Tabak und 6,3 Millionen Zigarren hergestellt. An dieser Zahl kann man ablesen, wie schnell das Zigarrenrauchen beliebt wurde.

Nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 verlor Flensburg als Tabakstadt jede Bedeutung. Für das Jahr 1888 schätzte ein Autor, dass in Dänemark immerhin noch 125.000 Kilo Tabak aus eigenem Anbau auf den Markt kamen. Im Zweiten Weltkrieg war man für die Eigenproduktion dankbar. Auf Fünen gibt es noch eine alte Tabaksscheune (Bild), die heute ein Museum ist. Und ein bisschen Tabak baut man daneben auch noch an.

1958 kaufte, statistisch gesehen, jeder Däne 209 Zigarren oder Zigarillos im Jahr, rauchte 1.035 Zigaretten dänischer Herstellung und verbrauchte 0,55 kg Tabak. In einer Internetquelle habe ich gelesen, dass damals eine Million dänischer Pfeifen hergestellt wurden. Da bin ich mir nicht so ganz sicher, bei den anderen Zahlen schon, die stammen aus einem 900-seitigen Dänemark Buch, das das dänische Außenministerium herausgegeben hat. Das Bild hier zeigt den Showroom von Den Permanente, einem unglaublichen Laden, der gleichzeitig eine Art Museum für das dänische Design war. Als ich Anfang der sechziger Jahre eine Woche in Kopenhagen war, war ich mehrmals in diesem Paradies des modernen Designs. Habe sogar etwas gekauft, das heute immer noch auf der Fensterbank in meinem Wohnzimmer steht.

Denn Design, von der Architektur (wie Arne Jacobsens Fabrik für Carl Christensen) bis zum Gebrauchsdesign, kommt jetzt aus Dänemark (und vielleicht noch ein wenig aus Schweden), wir kennen das von den dänischen Möbeln, die heute manchmal noch bei Bares für Rares erstaunliche Preise erzielen. Weltweit natürlich mehr als bei Horst Lichter, ein Chieftain Armchair von Finn Juhl kann mal schon fünfstellige Preise erreichen. Während bei uns in den fünfziger Jahren noch ein Möbelstil zu finden ist, den man manchmal liebevoll als Gelsenkirchener Barock bezeichnet, ist das dänische Design einfach cool. Damit Sie sich in die Zeit zurückversetzen können klicken Sie doch hier mal eben das Dave Brubeck Quartet mit Wonderful Copenhagen an.

Man erkennt es auf den ersten Blick, auch wenn nicht wie hier Christine Keeler auf einem Stuhl von Arne Jacobsen sitzt. Die Pfeifen, die jetzt in Dänemark entstehen, sind ein Teil des skandinavischen Designwillens. Ende der fünfziger Jahre tauchen zum ersten Mal Bruyerepfeifen bei einer Ausstellung der Dänischen Gesellschaft für Kunsthandwerk auf. Die meisten der prämierten Modelle stammten von Gert Holbek, der zuvor für Poul Rasmussen und das Kopenhagener Pfeifengeschäft Pipe-Dan gearbeitet hatte.

Damals gab es das Geschäft von Wilhelm Øckenholt Larsen in der Strøget von Kopenhagen noch, ein Mekka der dänischen Pfeinraucher, aber die Firma W.Ø. Larsen gibt es heute nicht mehr. Wurde an Stanwell verkauft. Und die sind nicht mehr in der Stanwell Fabrik in Borup (wo es noch ein Stanwell Museum gibt), Stanwell Pfeifen kommen heute aus Italien. Auch die Pfeifen von Bari (Viggo Nielsen) sind jetzt Made in Italy. Das zweite große Pfeifengeschäft Kopenhagens Pipe-Dan musste schon Jahre vor W.Ø. Larsen schließen.

Aufgeben musste auch die von Karl Robert Kris gegründete Firma Kriswill, die ursprünglich einmal Kriswell hieß, was der Firma Stanwell wegen der Namensähnlichkeit nicht so gut gefiel. Kriswill Pfeifen zeigten häufig noch mehr Design als die Pfeifen von Stanwell. Wie diese hier, die ich besitze. Neben Handmade und Denmark findet sich auf ihr der Name Bernadotte. Damit ist nun nicht Napoleons Marschall gemeint, sondern der Industriedesigner Sigvard Bernadotte, ein Sohn des schwedischen Königs Gustav VI. Adolf, der für die Firma Kriswill als Designer arbeitete. Auch nach der Pleite von Kriswill gibt es heute wieder Kriswill Pfeifen, die deutsche Firma Dan Pipe Dr Behrens KG hat den berühmten dänischen Pfeifenmacher Poul Winsløw gewinnen können, dass er für sie eine Kollektion von Pfeifen entwirft.

Wenn Hägar der Schreckliche Pfeife geraucht hätte, dann hätte seine Pfeife wahrscheinlich so ausgesehen. Diese Freehand Pfeifen tauchen Anfang der siebziger Jahre auf dem Markt auf und verkaufen sich wie geschnitten Brot. Vor allem nach Amerika. In einem Katalog von Dunhill aus dem Jahre 1972 (den ich sorgfältig aufbewahrt hatte) finden sich drei Freehand Pfeifen. Die wesentlich teurer sind als die teuersten Straight Grain Pfeifen von Dunhill.

Dunhill wird sogar eine eigene Firma namens Harcourt gründen, wo der junge Preben Holm seine Träume von Pfeifen verwirklichen kann. Zwei Pfeifen von Preben Holm sind auch auf dem Cover des kleinen Buches von Paul C. Olrik (Mitte unterste Reihe). In einer sehr schönen Bibliographie (leider nur auf Dänisch) wird er als der grand old man der Literatur von Tabak und Pfeifen bezeichnet, das war er sicherlich. Das kleine Buch Piberygerens ABC, das mir mal ein netter dänischer Händler geschenkt hat, ist sehr nützlich für alle, die mit dem Pfeiferauchen beginnen wollen.

Diese Freehand Pfeife trägt den Markennamen von Ben Wade und den Zusatz Hand Made in Danmark. Ich besitze ein halbes Dutzend Ben Wade Pfeifen, auf denen aber aber immer Made in London England lesen kann. Jetzt ist die Firma pleite, und der Markenname ist nach Dänemark verkauft worden, es ist viel Bewegung auf dem Pfeifenmarkt. Ich finde diese Freehand Pfeifen, die es heute noch zu teuren Preisen gibt, ganz furchtbar, ich war nie in Versuchung so etwas zu kaufen.

Die bizarren Formen der Pfeifen standen im völligen Gegensatz zu dem minimalistischen modernen dänischen Design der fünfziger und sechziger Jahre, das zugleich mit vielen Pfeifenfabriken sein Ende findet. Von da an gibt es im Industriedesign nur noch Kopien (auch der Stuhl, auf dem Christine Keeler sitzt, ist eine Kopie) und Kommerz. Die Pipedia, eine Art Wikipedia für Pfeifenraucher listet 167 dänische Markennamen und Pfeifenmacher auf, viele davon sind inzwischen Geschichte. Wie W.Ø. Larsen, von denen diese Pfeife (eine meiner beiden Larsen Pfeifen) stammt. Keine klassische Pfeifenform, aber doch schön, und vielleicht ein Höhepunkt des dänischen Designs.

Das Rauchen ist eine rituelle Angelegenheit, die man am besten in der Gesellschaft von Freunden und Bekanten ausführt, damit es so richtig hyggelig wird. Es gab das Tabakscollegium vom König Friedrich, es gibt noch das Bremer Tabak Collegium. Und auch zur Bremer Schaffermahlzeit werden noch Tonpfeifen gereicht. Bevor man entdeckte, dass der Tabak am besten aus Bruyerepfeifen schmeckt (um 1880 wurden in Saint-Claude die ersten Pfeifen aus der Erica Arborea hergestellt), wurden Pfeifen aus allen möglichen Materialien hergestellt. Wir wissen nicht, wie den dänischen Künstlern, die Constantin Hansen 1837 in Rom gemalt hat, ihre türkischen Chibouk Pfeifen geschmeckt haben. Wenn sie Glück hatten, waren die Köpfe aus Meerschaum, einem Material, das heute noch für Pfeifen Verwendung findet. Aber es ist kein Zufall, dass die Herren (wie auch die Fischer in Skagen auf dem Bild von Michael Ancher im fünften Absatz) Pfeife rauchen. Es verbindet sie.

Lange Zeit waren Pfeifen mit Köpfen aus Porzellan oder Keramik die einzigen Pfeifen auf dem Markt, schon im 18. Jahrhundert hatte man in Meißen und bei Josiah Wedgewood solche Pfeifen im Programm. Die Köpfe, die häufig reich verziert waren, wurden sehr heiß, weshalb diese Pfeifen einen sehr langen Stiel haben. Deutschland war ein großer Markt für diese Pfeifen, sogenannte Reservistenpfeifen tauchen immer wieder auf Auktionen auf. Es gibt die Porzellanpfeifen allerdings wie hier auch in moderner Form. Denn die Kongelige Porcelænsfabrik, besser bekannt als Royal Copenhagen, hatte dem dänischen König zum siebzigsten Geburtstag zwei solcher Pfeifen geschenkt. Die Produktion wurde noch für fünfzehn Jahre beibehalten, man findet die Produkte noch in Antikläden und im Internet.

Der dänische König (der schon in dem Post Des Königs Jaguar auftaucht) raucht Pfeife, der Mann neben ihm, der 1964 Kopenhagen besuchte, nicht. Zum Pfeifenrauch haben Frederik seine Ärzte geraten, um den Kettenraucher von den Ziggis wegzubringen. Ziggis raucht seine Tochter Margrethe immer noch, sie kann das nicht lassen. Frederik hatte sogar eine eigene Tabakmischung, die immer noch von Poul Olsen hergestellt wird. Die Pfeifensammlung des Königs kann heute noch im Schloss Amalienborg besichtigt werden. Seit Frederik VI das Zigarrenrauchen für die Aristokratie gesellschaftsfähig gemacht hatte, ist der Tabak mit dem dänischen Königshaus verbunden.

Tabak kommt immer noch aus Dänemark, die Scandinavian Tobacco Group mit Sitz in Kopenhagen ist der größte Tabakhersteller der Welt. Auch wenn auf den Dosen englische Namen wie Orlik, Peterson oder Dunhill stehen, es kommt alles von der SGT. Wenn es auch keine großen Fabriken wie die von Stanwell mehr in Dänemark gibt, Pfeifenmacher, die unter ihrem eigenen Namen oder für eine andere Firma arbeiten, gibt es noch genug. Zu dem Thema gibt es hier einen schönen Artikel von Jakob Groth zur Geschichte der dänischen Pfeifen.

Poul Nielsen hatte während des Zweiten Weltkriegs seine Firma Stanwell gegründet, weil man von dem englischen Markt abgeschnitten war. In Ermangelung von Bruyereholz wurden die Pfeifen zuerst aus Buchenholz gefertigt. Nach 1948 hatte man wieder genügend Bruyereholz, und Stanwell stieg mit seinen Pfeifen, die durch ihr Design und ihren Preis bestachen, zu einem ernstzunehmenden Konkurenten der Engländer auf. Über die redet heute kaum noch jemand, und nach dem Brexit werden sie vielleicht ihre letzte Bedeutung verlieren.


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Donnerstag, 24. Oktober 2019

A room of one's own


Heute vor neunzig Jahren erschien bei der englischen Hogarth Press ein Essay von Virginia Woolf (hier von ihrer Schwester Vanessa Bell gemalt), der Geschichte gemacht hat. A Room of One’s Own ist die erweiterte Fassung von zwei Vorträgen, die Virginia Woolf im Jahr zuvor, an den beiden Colleges der Universität Cambridge gehalten hat, die weibliche Studenten aufnahmen. Das Buch der Romanautorin, der wir so schöne Werke wie Orlando, The Waves und To the Lighthouse verdanken, gilt heute als eines der wichtigen Manifeste des Feminismus des 20. Jahrhunderts. Und nicht nur das, der überlange Essay ist mit seiner poetischen Sprache auch ein Teil der englischen Literatur.

Zur Feier des Tages gibt es heute hier den Essay A Room of One’s Own in englischer Sprache. Eine vollständige deutsche Fassung gibt es im Internet nicht, aber der Reclam Verlag hat die ersten zwanzig Seiten von Ein Zimmer für sich allein in der neuen Übersetzung von Axel Monte ins Netz gestellt. Klicken Sie hier. Das Buch kostet 4,80 und enthält neben dem vollständigen Text auch noch Erläuterungen und ein Nachwort. Mehr kann man sich als Leser nicht wünschen.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Tiermaler


Der englische Maler James Ward ist heute vor 160 Jahren gestorben, er wurde neunzig Jahre alt. Der deutsche Wikipedia Artikel weiß über ihn nicht so viel zu sagen: James Ward war hauptsächlich als Tierzeichner, aber auch als Schlachten- und Genremaler tätig. Viele seiner Zeichnungen mit Tieren sind durch Kupferstiche bekannt geworden, gesammelt in einem von John Boydell 1805 veröffentlichtes Werk. Im Auftrag der Britischen Regierung, malte er eine gigantische allegorische Darstellung der Schlacht bei Waterloo, die bis heute verschollen ist. Außerdem schuf er mehrere Genrebilder, darunter Szenen mit Schmugglern und Wilddieben. 1811 wurde er Mitglied der Londoner Akademie. Seine Enkelin Henrietta Ward, ebenfalls Malerin, heiratete 1848 den Maler Edward Matthew Ward. Sein Ur-Enkel Leslie Ward wurde unter dem Pseudonym Spy ein bekannter Karikaturist der Zeitschrift Vanity Fair

Als ich das las, war ich ein wenig irritiert, weil in dem Lexikonartikel James Wards Hauptwerk überhaupt nicht erwähnt wurde. Und damit meine ich nicht seinen View in Tabley Park, der in der Tate Gallery hängt. Da sind natürlich auch Tiere drauf, ein kleiner gotischer Turm (den Turner auch einmal gemalt hat) und ein schöner Himmel, der ein wenig an John Constable denken lässt. Offensichtlich beherrschte der Künstler noch etwas anderes als die Tiermalerei

Tiermaler in England zu sein, ist ein einträgliches Geschäft, da gibt es viele, die sich darauf spezialisiert haben. An den großen George Stubbs, der hier schon zwei Posts hat (Bildbeschreibung und George Stubbs), kommt allerdings keiner der englischen Tiermaler heran. Und deshalb lasse ich mal die ganzen schönen Pferde weg und komme zu dem Bild, das der deutsche Wikipedia Artikel nicht erwähnt.

Es heißt Gordale Scar und wurde für den Lord Ribblesdale gemalt, auf dessen Grund und Boden sich diese Schlucht von Kalksteinfelsen befand. Das Bild hat hier schon einen ausführlichen Post, der zu stillen Freude des Bloggers viele tausend Mal angeklickt worden ist. Und hoffentlich heute noch mehr Leser findet. Wenn Sie noch mehr über das Bild wissen wollen, dann kann ich Ihnen den Ausstellungskatalog der Tate Gallery von Edward J. Nygren James Ward's Gordale Scar: An Essay in the Sublime empfehlen.

Samstag, 19. Oktober 2019

Lady Chatterley


Der Herr mit dem Bowler in der Mitte liest ein gefährliches Buch, die Dame neben ihm weiß nicht so ganz, was sie davon halten soll. Ein berühmt gewordener Prozess im Jahre 1960 hatte gerade ergeben, dass die Penguin Ausgabe von Lady Chatterley's Lover (der dritten Version, die Lawrence geschrieben hatte) nicht verbotenen werden konnte. Allen Lanes Penguin Verlag verkaufte am ersten Tag des Erscheinens von Lady Chatterley's Lover 200.000 Exemplare und druckte gleich 300.000 nach. Mehr als drei Millionen werden es in kürzester Zeit sein. Für viele Kulturkritiker war das der Beginn der permissive society. Oder wie Philip Larkin in seinem Gedicht Annus Mirabilis so schön dichtete:

Sexual intercourse began
In nineteen sixty-three
(which was rather late for me) -
Between the end of the "Chatterley" ban
And the Beatles' first LP
.

Der Penguin Band ist gerade wieder Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung gewesen. Nicht das Buch, das bei mir im Regal steht, sondern dieses Exemplar hier, das der Richter Sir Laurence Byrne im Prozess verwendet hatte. Seine Gattin hatte dafür ein hübsches Damasttäschchen genäht, damit das Ganze nicht so zerfleddert aussah. Und sie hatte in dem Buch auch die schmutzigen Stellen angestrichen, damit ihr Gatte die schneller finden konnte. Wahrscheinlich wirkte bei ihr noch nach, was ein englischer Rezensent beim Erscheinen der Erstausgabe 1928 in Frankreich schrieb: the most evil outpouring that has ever besmirched the literature of our country. The sewers of French pornography would be dragged in vain to find a parallel in beastliness . . . Unfortunately for literature as for himself, Mr. Lawrence has a diseased mind.

Das Buch kam jetzt bei Sotheby's zur Auktion, und man konnte auf der Seite der Regierung lesen: Arts Minister Michael Ellis has ordered a temporary export bar on the copy of Lady Chatterley’s Lover used by judge during obscenity trial
. Der Amerikaner, der bei Sotheby's bereit war, dafür 56.250 £ auf den Tisch zu legen, ging wegen des Exportverbots leer aus. Jetzt besitzt die Juristische Fakultät der Universität Bristol das Buch. Mit dem Damasttäschchen und den Annotationen von Lady Dorothy.

56.250 £ sind eine Menge Geld für ein Paperback, in dem die schmuddeligen Stellen markiert sind. Also Stellen wie diese, wo der Wildhüter Mellors zu Lady Constance sagt:  Tha's got such a nice tail on thee," he said, in the throaty caressive dialect. "Tha's got the nicest arse of anybody. It's the nicest, nicest woman's arse as is! An' ivery bit of it is woman, woman sure as nuts. Tha'rt not one o' them button-arsed lasses as should be lads, are ter! Tha's got a real soft sloping bottom on thee, as a man loves in 'is guts. It's a bottom as could hold the world up, it is!"

Ich hatte in dem Post Fernsehen auf den französischen Film ✺Lady Chatterley von 2006 hingewiesen, und arte hat dankenswerterweise anschließend noch eine Dokumentation mit dem Titel ✺Der Prozess der Lady Chatterley: Orgasmus und Klassenkampf in einem englischen Garten gesendet, die noch bis zum nächsten Jahr abrufbar ist. Der Roman von D.H. Lawrence ist immer wieder verfilmt worden, zuerst 1955 von ✺Marc Allégret, die neueste Verfilmung ist aus dem Jahre ✺2017 von der BBC. 1981 gab es eine Version von ✺Just Jaeckin, der ja wie seine seine Hauptdarstellerin Sylvia Kristel eher im Softporno Geschäft zu Hause war, also bei solchen Filmen, die in dem Post Patti d'Arbanville erwähnt werden.

Es gibt auch noch einige Pornofilme, die den Namen Chatterley im Titel haben, wie zum Beispiel Lady Chatterley's Ghost oder Lady Chatterley Stories, aber das lassen wir lieber weg. Dass der Roman immer wieder auf seine Sexszenen reduziert wird, ist inzwischen zu einer Plattitüde geworden. Dafür braucht man ein nacktes Playboy Häschen wie Jessie Lunderby in Lady Chatterley's Ghost nun wirklich nicht. Es ging D.H. Lawrence, der ebenso wie seine Romanfigur Sir Clifford Chatterley impotent war, schon um Sex, aber so etwas wie hier hatte er sicher nicht gemeint. Doing dirt on sex, it is the crime of our times, because what we need is tenderness towards the body, towards sex, we need tender-hearted fucking, hat er geschrieben.

Eine interessante Verfilmung des Romans bot die vierteilige ✺BBC Serie von Ken Russell, der auch Lawrences Roman ✺Women in Love verfilmt hatte. Aber Joely Richardson blieb als Lady zu ladylike und zu kalt, wie letztlich auch Marina Hands in dem französischen Film, den arte gerade gesendet hat, der Film ertrank in schönen Bildern. Dass im Roman einmal We fucked a flame into being gesagt wird, scheint angesichts dieser Bilder kaum glaublich. Das Wort fuck kommt in dem Roman übrigens nur 26 Mal vor.

Der Chatterley Prozess im Jahre 1960 war der Beginn vom Ende der englischen Zensur, der mit dem Theatres Act von 1968 war es mit der Macht des Lord Chamberlain als Zensurinstanz vorbei. Allerdings gab es 1964 schon wieder einen Prozess um einen englischen Roman, diesmal war John Clelands Roman Fanny Hill aus dem Jahre 1748 dran.

Vielleicht sollte der Obszönitätsprozeß auch nur von einer wirklichen Obszönität ablenken, damit meine ich nicht, dass Boris Johnson in dem Jahr geboren wurde. Sondern die Liebesaffaire, die diese junge Dame, die in dem Absatz da oben neben der Kopie eines Arne Jacobsen Stuhls sitzt, mit dem Verteidigungsminister hat. Das ist natürlich Christine Keeler, die hier schon einen ausführlichen Post hat. Und den Film ✺Scandal aus dem Jahre 1989, wo Christine Keeler von Joanne Whalley gespielt wird, biete ich heute auch noch an.

Ich bleibe mal im Jahr 1964, da erschien in dem amerikanischen Nudistenmagazin Nude Living dieses Photo als Illustration zu einem Artikel, der In Defense of the Pleasures of the Body hieß. Kunst? Pornographie? Können wir beim Anblick nackter Frauen an andere Kategorien denken? D.H. Lawrence hasste Pornographie. Er hasste auch James Joyces UlyssesThe last part of [Ulysses] is the dirtiest, most indecent, obscene thing ever written. . . . This Ulysses muck is more disgusting than Casanova. I must show that it can be done without muck. Er hat wohl richtig erkannt, dass in Molly Blooms Monolog mehr Sex steckt, als in seinem ganzen Chatterley Roman. Die junge Dame mit dem schönen Körper hier ist übrigens Marli Renfro, die vier Jahre zuvor als Double für Janet Leigh in Psycho unter der Dusche stand.

“I don’t care!” she said stubbornly to Hilda at bedtime. “I know the penis is the most godly part of a man. . . . I know it is the penis which connects us with the stars and the sea and everything. It is the penis which touches the planets, and makes us feel their special light. I know it. I know it was the penis which really put the evening stars into my inside self. I used to look at the evening star, and think how lovely and wonderful it was. But now it’s in me as well as outside me, and I need hardly look at it. I am it. I don’t care what you say, it was the penis gave it me.”

Das steht nicht in Lady Chatterley's Lover, das die dritte Version des Romans ist, die Lawrence schrieb. Dies Zitat findet sich in der zweiten Version, die John Thomas and Lady Jane heißt (die auch die Vorlage für den französischen Film von 2006 war). Viele Kritiker halten John Thomas and Lady Jane für das bessere Buch: The Lady C. and her lover of the second version are also less romantic and more believable, with Connie Chatterley less sophisticated and intellectual, and her gamekeeper less a matinee idol in quickly removable corduroy breeches. None of the three versions make a great novel out of Lawrence’s materials, but a reading of the second suggests that one of Lawrence’s great literary mistakes was to expend much of the waning energies of his last years on the third.

Ours is essentially a tragic age, so we refuse to take it tragically. The cataclysm has happened, we are among the ruins, we start to build up new little habitats, to have new little hopes. It is rather hard work: there is now no smooth road into the future: but we go round, or scramble over the obstacles. We've got to live, no matter how many skies have fallen. So beginnt der Roman, der auch ein Gesellschaftsroman sein will, aber das Thema ist bei Anthony Powell besser aufgehoben als bei Lawrence. Sir Clifford Chatterley (rather supercilious and contemptuous of anyone not in his own class. He stood his ground, without any attempt at conciliation) kommt schwerverletzt aus dem Krieg zurück, aber vom Schrecken des Krieges dringt nichts in diesen Roman. Gegen Goodbye to All That von Robert Graves sind die Kriegserinnerungen von Sir Clifford ärmlich.

Was bleibt von Lady Chatterley's Lover übrig, wenn wir den ganzen schwülstigen Sex streichen, der bei Lawrence schon zu einer Art Religion geworden ist? Nicht viel, es ist kein guter Roman. Er kann nicht mit den beiden wirklich großen Romanen konkurrieren, die in den zwanziger Jahren auf den Markt kommen: Ulysses und A la recherche du temps perdu. Der Literaturkritiker F.R. Leavis empfahl, statt des Romans Lawrences Essay Pornography and Obscenity zu lesen. Ich mag Thomas Hardy, den Lawrence immer wieder beklaute, ich mag Joseph Conrad, nicht nur, weil er über Lawrence sagte: he had started well, but had gone wrong. Filth. Nothing but obscenities. Auf dem Cover des Penguin Classics Band von Lady Chatterley's Lover steht der Satz No one ever wrote better about the power struggles of sex and love. Der Satz ist von Doris Lessing, die auch ein sehr lesenswertes Vorwort verfasst hat.

Ich mag Hardy und Conrad und viele andere Romanautoren, aber D.H. Lawrence habe ich nie gemocht. Und dennoch kann ich ein Buch von ihm empfehlen. Es heißt Studies in Classic American Literature (der Link führt zum Volltext), es kommen keine Wildhüter und keine nackten sexuell frustrierten Ladies drin vor, dies sind Essays zur amerikanischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Das Buch ist 1992 unter dem Titel Der Untergang der Pequod: Studien zur klassischen amerikanischen Literatur auch einmal auf Deutsch erschienen. Es gehört mit zum Besten, was über die amerikanische Literatur geschrieben wurde.


Das kleine Sternchen ✺ im Text zeigt an, dass Sie dort einen Film sehen können.