Dienstag, 24. April 2018

Plattdeutsch


Warum nicht mal wieder ein büschen Platt? Klaus Groth hat heute Geburtstag. Der Dichter, der häufig den Sommer bei den reichen Eltern seiner Frau Doris in meinem Heimatort Vegesack verbrachte, ist schon häufig hier im Blog gewesen. Zum Beispiel in den Posts Klaus Groth und Min Jehan. Mein Opa sprach westfälisches Platt, mein Vater das Platt der schleswig-holsteinischen Westküste. Er liebte Klaus Groth, Fritz Reuter und Theodor Storm. Das habe ich wohl schon in dem Post Theodor Storm geschrieben. Wenn Wochenmarkt auf dem Sedanplatz war, ging mein Vater einkaufen. Er ging sonst nie einkaufen, an den Markttagen immer. Nur weil er dann mit den Bauern auf dem Markt platt snacken konnte.

Ich bin mit der Sprache aufgewachsen, ich höre und lese sie immer gern. Die Sprache wird im Norden auch noch gepflegt, Universitäten bieten Niederdeutsche Philologie an, die örtliche Zeitung offeriert Seiten auf Plattdeutsch. Als ich jung war, habe ich jeden Morgen Hör mal'n beten to im Radio gehört. Das gehörte zum Tagesbeginn dazu, wie die Nebelhörner, die von der Weser her tuteten. Und die Vulkanesen, wie die Arbeiter des Vulkans hießen, mit ihren schweren genagelten Arbeitsstiefeln die Weserstraße entlang zur Arbeit marschierten. Jetzt weiß ich, dass es gleich sieben Uhr sein wird. Das Radio sagt, dass im Hamburger Arbeitsamt in der Admiralitätsstraße noch Schauerleute gesucht werden, jeden Tag. Admiralitätsstraße. Klingt toll, die Wirklichkeit ist nicht so toll. Viele, die in Hamburg hinter den eisernen Gittern aufgereiht in der Schlange stehen, werden keine Arbeit finden. Aber darüber dachte ich damals nicht nach. Jetzt kam im Radio erst einmal Rudolf Kinau mit Hör mal'n beten to. Und dann die Morgenandacht, dann konnte der Tag kommen.

Mein Gedicht für den heutigen Tag ist, passend zum Regen draußen, Klaus Groths Regenleed:

Regen, Regen drus',
Wi sitt hier warm in Hus'!
De Vageln sitt in Bom to kurn,
De Köh de stat an Wall to schurn:
Regen, Regen drus',
Wi sitt hier warm in Hus'!

Regen, Regen rusch,
Wa rükt dat ut den Busch!
De Blöm de hangt so slapri dal,
De Böm de röhrt de Blæd ni mal:
Regen, Regen rusch,
Wa rükt dat ut den Busch!

Regen, Regen sus'
Vun baben op uns Hus,
Vunt Dack hendal in striken Strom
Un lisen ut den Eschenbom:
Regen, Regen sus'
Vun baben op uns Hus.

Regen, Regen rull,
Bet alle Gröben vull!
Denn lat de Wulken æwergan,
Lat de Sünn wedderkam';
Regen, Regen rull,
Bet alle Gröben vull!

Und dann habe ich da noch ein wunderschönes Gedicht von Theodor Storm, das er 1872 für Klaus Groth geschrieben hat:

Wenn't Abend ward,
Un still de Welt, un still dat Hart;
Wenn möd up't Knee di liggt de Hand,
Un ut din Husklock an de Wand
Du hörst den Parpendikelslag,
De nich to Woort keem över Dag;
Wenn't Schummern in de Ecken liggt,
Un buten all de Nachtswulk flüggt;
Wenn denn noch eenmal kiekt de Sünn
Mit golden Schiin to't Finster 'rin,
Un, ehr de Slap kümmt un de Nacht,
Noch eenmal Allens lävt un lacht -
Dat is so wat vör't Minschenhart,
Wenn't Abend ward.

Und zum Schluss habe ich noch ein kleines Schmankerl für die Liebhaber des Niederdeutschen. Nämlich Rudyard Kiplings berühmtes Gedicht Mandalay auf Plattdeutsch.


Montag, 23. April 2018

fliegende Tauben


Ich wollte bei ebay auf dieses Hemd von der italienischen Firma Guy Rover bieten, verpasste aber die Auktion. Weil ich unbedingt etwas schreiben musste und nicht auf den Termin geachtet hatte. Ich fragte die Verkäuferin, ob es eine Möglichkeit zum Sofortkauf gäbe. Sie bejahte. Wenig später bekamen wir eine Abmahnung von ebay, weil man offenbar keine privaten Deals machen darf. Meine Verkäuferin ging zur Geheimsprache über. Als sie mein Geld auf dem Konto hatte, schrieb sie: Der Adler ist gelandet, die Taube fliegt. Die blau-weiße Taube landete dann auch sicher bei mir, ich überlege, ob ich dem Hemd den Namen Taube geben sollte. Oder Wings of the Dove, wie bei Henry James.

Als Kelly in den siebziger Jahren seinen Laden aufmachte, hatte er an Hemdenfirmen Guy Rover, Truzzi und Orian. Später kam noch Luigi Borrelli hinzu. Die Firma Guy Rover war damals ganz neu auf dem Markt. Ich schwöre auf alte Guy Rover und Orian Hemden (trage aber ansonsten auch Fray, Pegaso, R. Böll und Dantendorfer), und wenn so etwas bei ebay auftaucht, bin ich sofort dabei. Man kauft sich ein Stück Vergangenheit zurück. Ich habe noch Hemden im Schrank, die ich vor vierzig Jahren gekauft habe, ich bin Nostalgiker, wenn man die gut pflegt, halten sie ewig.

Die Taube, die ein Etikett von Guy Rover und Uli Knecht hat (der am Anfang ja nur Spitzenfirmen führte), war ein Vintage Modell. Aber ungetragen. Das Hemd hat alles, was ein italienisches Spitzenhemd haben muss: angepasster Musterverlauf, dicke Knöppe und das kleine Dreieck unten in der Naht. Und dann noch das i-Tüpfelchen: das Knopfloch am Ärmel ist horizontal eingesetzt. Wenn Sie nicht wissen, was das bedeutet, dann sollten Sie mal eben den Post Handschuhknopf lesen.

Ich habe auch ein Gedicht für das Hemd. Als ich 2010 ein Vierteljahr im Netz war, gab es hier einen Post, der Oberhemden hieß. Natürlich mit einem Gedicht versehen, weil dies mein erster Poetry Month war. Das Gedicht war von der amerikanischen Dichterin Jane Kenyon, es hieß The Shirt:

The shirt touches his neck
and smoothes over his back.
It slides down his sides,
it even goes down below his belt -
down in his pants.
Lucky shirt.

Mein Gedicht heute heißt schlicht Das Hemd, es findet sich in Ernesto Cansados kleinem Buch Gedichte Gedanken Rezepte: Für´s Leben und den Herd:

Du wolltest mich am Abend besuchen
Es war wie immer.

Ich duschte die Last des Tages aus meinen Poren
Es war wie immer.

Ich zog ein frisches Hemd an
Es war wie immer.

Du küsstest mich freundschaftlich flüchtig
Es war wie immer.

Wir aßen und tranken und redeten
Es war wie immer.

Wir küssten uns plötzlich und unerwartet
Mit geöffneten Lippen und voller Leidenschaft
Unsere Seelen berührten ohne Vorwarnung unsere Körper
Und die Körper umschlangen die Seelen
Es war anders als immer.

Mein Hemd nahm Deinen Geruch an
Es ist resistent gegen Schweiß
Resistent gegen mich und Waschmittel und Weichspüler
Das einzige meiner Hemden das jetzt einen Namen trägt
Nichts ist wie immer.

Sonntag, 22. April 2018

The Yellow Rose of Texas


Am 22. April 1836, einen Tag nach der Schlacht von San Jacinto (die schon in den Posts ↝Donald Trump und ↝Alamo erwähnt wird) haben die texanischen Freiheitskämpfer den mexikanischen General Antonio López de Santa Anna gefangen genommen. Und ihn gezwungen, die Unabhängigkeit der Republik Texas anzuerkennen. Das Photo hier ist aus der 10-teiligen Serie ↝Texas Rising, es zeigt den General Santa Anna und die schöne Emily D. West (die manchmal auch Emily Morgan genannt wird).

Sie ist eine Farbige, die in dem Lied The Yellow Rose of Texas als yellow bezeichnet wird, weil sie einen weißen Vater hat. Es hat sie wirklich gegeben, dies hier ist ihre Unterschrift. Sie können ↝hier mehr zu ihr lesen. Ob es aber wahr ist, dass der General Santa Anna die Schlacht von San Jacinto trotz tausendfacher Überlegenheit vergeigt hat, weil er mit der yellow rose im Bett lag, das ist eine andere Geschichte.

Seit dem Jahr 1836 gibt es das Lied The Yellow Rose of Texas:

There's a yellow rose in Texas
That I am a going to see
No other darky knows her
No one only me 

She cryed so when I left her
It like to broke my heart
And if I ever find her
We nevermore will part.

She's the sweetest rose of color
This darky every knew
Her eyes are bright as diamonds
They sparkle like the dew 

You may talk about dearest May
And sing of Rosa Lee
But the yellow rose of Texas
Beats the belles of Tennessee.

Das ist natürlich nicht politically correct, die darkies darf es nicht mehr geben. Auch in ↝Stephen Fosters ↝My Old Kentucky Home, der Nationalhymne von Kentucky, sind die darkies verschwunden. Im amerikanischen Bürgerkrieg ist The Yellow Rose of Texas mit veränderten ↝Texten gesungen. Die Melodie blieb, die Texte änderten sich. Als ↝Elvis das Lied sang, sah es schon ganz anders aus:

Oh the yellow rose of Texas is the only girl I love
Her eyes are even bluer than Texas skies above
Her heart’s as big as Texas and wherever I may go
I’ll remember her forever because I love her so.

There are so many roses that bloom along the way
But my heart’s in Amarillo and that’s where it will stay
With the yellow rose of Texas so I’d better get there fast
‘Cause I know I was her first love and I want to be her last.


Noch mehr Elvis in diesem Blog: ElvisElvis has left the building!, Ann-Margret, mehr Jazz?, Amazing Grace, Black Watch, Aurora, Sommermode, Ingeburg Thomsen, Elgin Automatic, Steuerschulden, Viva Zapata!, Nina van Pallandt, Gary Glitter, Stromlinie, Method Acting, Wildlederschuhe, Grand Old Opry, Charlie Parker spielt La Paloma, Bremerhaven

Samstag, 21. April 2018

Alltagslyrik: Hans-Ulrich Treichel


Meinen ersten Gedichtband von Hans-Urich Treichel (Der einzige Gast) fand ich bei Eschi im ↝Antiquariat. Ein schmaler grüner Suhrkamp Band, der aus der Bibliothek von Hans-Jürgen Heise stammte. Eschi hat einen großen Teil der Bibliothek gekauft. Das steht schon in dem Post zu ↝Sabine Techel, der vor einem Jahr hier ein richtiger Renner war. Hans-Jürgen Heise hat in den Gedichtbänden, die ihm meistens von den Autoren oder ihren Verlagen zugeschickt wurden, Gedichte, die er bemerkenswert fand, mit kleinen Kreuzen versehen. Die Gedichte mit den Kreuzchen lese ich immer zuerst, stimme aber nicht immer mit Heise überein.

Wenn die Dichter über Nord- und Ostsee, Meer und Strand schreiben, kriegen sie bei dem Kieler Hans-Jürgen Heise immer schon mal einen Sympathiepunkt. Zlatko Krasni hat in einem hübschen Gedicht Heise und die Ostsee miteinander verbunden. Das Gedicht finden Sie ↝hier, wenn Sie sich durch die Uhrenarmbänder gescrollt haben. Heise gefiel Treichels Gedicht Inselmuseum:

Schiffsuntergänge, prächtig
umwölkt, blaue Wale im Abendlicht, 
Eisschollen, darauf zwei träumende 
Bären, und im salzharten Bordbuch 
die zerflossenen Worte: Wetter 
gut. Sicht gut. Aus

Ist nett mit den blauen Walen im Abendlicht, ein klein wenig bemüht und konstruiert. Ich stelle dem Inselmuseum mal eben ein Gedicht mit dem Titel Bootsschuppen gegenüber:

Blechteller mit Pastetenkrümeln sauberster
Gegenstand an diesem Ort, 
Fliegen überall, Hundehaare im Fett, 
rosa schimmert die Haut durch die kahlen Stellen im Fell. 
Über ausgenommenen Makrelen grinst der Bootsverleiher - 
unverändert nach zehn Jahren. 
Wenn du die Küche übernimmst, 
kannst du bleiben

Das bleibt kleben. Wir können nicht anders, wir behalten es im Gedächtnis. Das Gedicht (auch mit dem Heiseschen Kreuzchen versehen) findet sich in Ralf Theniors Gedichtband (der auch Kurzprosa enthält) ↝Traurige Hurras. 1974 hatte die Zeitschrift Literarische Hefte ↝F. C. Delius und Ralf Thenior ihren Jahrespreis verliehen: Seine Stärke — und wir kennen zur Zeit niemand, der das so perfekt kann — sind kleine Prosa-Miniaturen, in denen sich eine ganz eigene, originelle Wahrnehmung von Vorgängen und Situationen ausdrückt, sie überraschen den Leser mit einem lautlosen Knall. So wäre einem das selbst nie aufgefallen, was Thenior da wie selbstverständlich vorführt. — Aber seine Darstellung macht auch unvermutete Vorfälle, Vorstellungen, Wendungen plausibel und reizvoll. Wenn hier von Prosa-Miniaturen die Rede ist, so sind das eigentlich Gedichte. Sagt auf jeden Fall Helmut Heißenbüttel im Nachwort zu Traurige Hurras. Und aus dem Band zitiere ich noch ein Gedicht, das Die Fastfrau heißt. Bekommt bei Heise mehrere Kreuze:

Wenn sie
um die Ecke kommt
mit ihren 14 Jahren
und dem rosa Pullover
etwas schmuddelig
an den Brüsten
hat schon ne Handvoll
sagen die Jungs
wenn sie
um die Ecke kommt
mit der Kaugummiblase
vor dem Mund
PLOPP

Doch zurück zu Hans-Urich Treichel. Bei Suhrkamp schreiben sie für seine Bücher tolle ↝Klappentexte und Waschzettel: Geschult an Heine, Brecht und Benn, spielt Treichel, wie ein Kritiker bemerkte, »virtuos mit Assoziationen und Binnenreim und erreicht ein Höchstmaß an pointierter Schlichtheit, Kunstfertigkeit und Musikalität«, heißt es da. Und seine Gedichte sind lesbar, verwendbar und nachprüfbar. Das prüfen wir doch mal an dem Gedicht Benn nach:

In so vielen Formen zu Hause 
In so vielen Lagen vakant 
Meist Bier und gelegentlich Brause 
Und immer bei klarem Verstand 

Mit allen Wassern gewaschen 
Von mancher Säure geätzt 
Und für die Damen Rosen 
Ein Dutzend grob geschätzt 

Äonische Zeiten beschworen 
Der Rest war Serologie 
Selten die Fassung verloren 
Grundsatz: Einsamer nie

Nett. So etwas konnte man vor Jahrzehnten in Pardon lesen. Ist das große Dichtung? Wir stellen dem mal eben etwas Alltagslyrik von Gottfried Benn (mit herzlichem Dank an JB) gegenüber:

Hör zu, so wird der letzte Abend sein,
wo du noch ausgehen kannst:du rauchst die “Juno“,
“Würzburger Hofbräu“ drei, und liest die UNO,
wie sie der 'Spiegel' sieht, du sitzt allein

an kleinem Tisch, an abgeschlossenem Rund
dicht an der Heizung, denn du liebst das Warme.
Um dich das Menschentum und sein Gebarme,
das Ehepaar und der verhasste Hund.

Mehr bist Du nicht, kein Haus, kein Hügel dein,
zu träumen dich in sonniges Gelände,
dich schlossen immer ziemlich enge Wände
von der Geburt bis diesen Abend ein.

Mehr warst du nicht, doch Zeus und alle Macht,
das All, die großen Geister, alle Sonnen
sind auch für dich geschehn, durch dich geronnen,
mehr warst du nicht, beendet wie begonnen -
der letzte Abend - gute Nacht.


Ich komme ganz schnell durch Treichels ↝Gedichtbände, ich klebe selten fest. Er ist kein ↝Uli Becker, auch wenn er manchmal so klingt. Ein ↝Rolf-Dieter Brinkmann ist er auch nicht. Aber es gibt auch gute Sachen wie dieses kleine Liebesgedicht:

Noch ist alles möglich.
Wir haben uns flüchtig gestreift.
Der Rest: wahrscheinlich tödlich.
Die Kunst: Das man es begreift.

Wir sollten es dabei belassen.
Ein Hauch ist fast wie ein Kuss.
Sich lieben heißt auch sich verpassen.
Auf andere Art. Und Schluß.

Das letzte Gedicht in Treichels Gedichtband ↝Südraum Leipzig (für den er in der Süddeutschen und hier harsche Kritik einstecken musste) hat den Titel Schreiben Sie eigentlich noch Gedichte? Ich zitiere es einmal hier zum Schluss:

Wenn mir was einfällt
Wenn mir was hinfällt
Im Dunkeln
Wenn ich allein bin
Wenn ich sehr allein bin
Für die Katze
Auf Reisen wenn ich Heimweh habe
Zu Hause wenn ich Heimweh habe
Aus Spaß an der Freud
Nur für meine Mutter
Nur gegen meine Mutter
Um Himmels willen
Nur wenn ich will
Nur wenn es sein muß
Sonst nie

Donnerstag, 19. April 2018

Nachdichtung


Am 19. April 1824 ist Lord Byron gestorben. Der Dichter ist in diesem Blog ein häufiger Gast gewesen, ich liste die Posts einmal unten auf. Ich habe in meinem Studium eine viersemestrige Romantik Vorlesung gehört, über Keats, Shelley, Byron, the rest of the guys in the band? wie Sergeant Hathaway in der ↝Lewis Folge ↝And the Moonbeams Kiss the Sea so schön sagt. Lord Byron kam in der Vorlesung so gut wie nicht vor. Wahrscheinlich hatte der ↝Professor Angst vor ihm. Oder der Assistent, der ihm die Vorlesung schrieb (und den er an Kollegen zum Rasenmähen auslieh), hatte Byron schlicht vergessen. Ich vergesse unseren Lord natürlich nicht und habe heute ein Gedicht, das den Titel Abschied von England vor seiner Reise nach Lissabon hat:

Leb wohl! leb wohl! im blauen Meer
Verbleicht die Heimat dort.
Der Nachtwind seufzt, wir rudern schwer,
Scheu fliegt die Möwe fort.

Wir segeln jener Sonne zu,
Die untertaucht mit Pracht.
Leb wohl, du schöne Sonn, und du,
Mein Vaterland - gut Nacht!

Mit dir, mein Schiff, durchsegl ich frei
Das wilde Meergebraus.
Frag nicht, nach welchem Land es sei,
Nur trag mich nicht nach Haus!

Seid mir willkommen, Meer und Luft!
Und ist die Fahrt vollbracht,
Seid mir willkommen, Wald und Kluft!
Mein Vaterland - gut Nacht!

Der Übersetzer ist kein Geringerr als ↝Heinrich Heine, ein Dichter, der Byron verehrt hat: Während ich dieses schreibe erfahre ich daß mein Vetter, Lord Byron, zu Missolungi gestorben ist. So hat dieses große Herz aufgehört zu schlagen! Es war groß und ein Herz, kein kleines Eyerstöckchen von Gefühlen. Ja dieser Mann war groß, er hat im Schmerze neue Welten entdeckt, er hat den miserabelen Menschen und ihren noch miserableren Göttern prometheisch getrozt, der Ruhm seines Namens drang bis zu den Eisbergen Thules und bis in die brennenden Sandwüsten des Morgenlandes. take him all in all, he was a man. Wir werden sobald nicht mehr seines Gleichen sehen. Sie können mehr dazu in dem Post ↝Byron lesen. Allerdings findet sich bei Byron kein vierstrophisches Gedicht, das vom Abschied von England handelt. Woher hat Heine das?

Man muss da schon ein wenig suchen, und ein Puzzle zusammensetzen. Die Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung vom Jahre 1818 veröffentlichte ein Gedicht von Byron, das zehn Strophen hatte und mit folgenden Sätzen eingeleitet wurde: Unser Reisender – also nicht Held – an idle traveller würde ihn Yorik nennen – geht zu Schiffe. Die Sonne steigt nieder und er singt dem Vaterlande sein Abschiedslied, ein liebliches im ächt romantischen Tone gehaltenes Lied. Diese zehn Strophen waren nichts anderes als der Anfang von Byrons Childe ↝Harold's Pilgrimage. Heinrich Heine macht jetzt - frech oder genial - nichts anderes, als sich zwei Strophen herauszupicken und den Rest wegzulassen, ich habe diese beiden Strophen blau eingefärbt:

Adieu, adieu! my native shore
Fades o’er the waters blue;
The night-winds sigh, the breakers roar,
And shrieks the wild sea-mew.
Yon sun that sets upon the sea
We follow in his flight;
Farewell awhile to him and thee,
My Native Land—Good Night!

A few short hours, and he will rise
To give the morrow birth;
And I shall hail the main and skies,
But not my mother earth.
Deserted is my own good hall,
Its hearth is desolate;
Wild weeds are gathering on the wall,
My dog howls at the gate.

‘Come hither, hither, my little page:
Why dost thou weep and wail?
Or dost thou dread the billow’s rage,
Or tremble at the gale?
But dash the tear-drop from thine eye,
Our ship is swift and strong;
Our fleetest falcon scarce can fly
More merrily along.’

‘Let winds be shrill, let waves roll high,
I fear not wave nor wind;
Yet marvel not, Sir Childe, that I
Am sorrowful in mind;
For I have from my father gone,
A mother whom I love,
And have no friend, save these alone,
But thee—and One above.

‘My father blessed me fervently,
Yet did not much complain;
But sorely will my mother sigh
Till I come back again.’—
‘Enough, enough, my little lad!
Such tears become thine eye;
If I thy guileless bosom had,
Mine own would not be dry.

‘Come hither, hither, my staunch yeoman,
Why dost thou look so pale?
Or dost thou dread a French foeman,
Or shiver at the gale?’—
‘Deem’st thou I tremble for my life?
Sir Childe, I’m not so weak;
But thinking on an absent wife
Will blanch a faithful cheek.

‘My spouse and boys dwell near thy hall,
Along the bordering lake;
And when they on their father call,
What answer shall she make?’—
‘Enough, enough, my yeoman good,
Thy grief let none gainsay;
But I, who am of lighter mood,
Will laugh to flee away.’

For who would trust the seeming sighs
Of wife or paramour?
Fresh feeres will dry the bright blue eyes
We late saw streaming o’er.
For pleasures past I do not grieve,
Nor perils gathering near;
My greatest grief is that I leave
No thing that claims a tear.

And now I’m in the world alone,
Upon the wide, wide sea;
But why should I for others groan,
When none will sigh for me?
Perchance my dog will whine in vain
Till fed by stranger hands;
But long ere I come back again
He’d tear me where he stands.

With thee, my bark, I’ll swiftly go
Athwart the foaming brine;
Nor care what land thou bear’st me to,
So not again to mine.
Welcome, welcome, ye dark blue waves!
And when you fail my sight,
Welcome, ye deserts, and ye caves!
My Native Land—Good Night!

Aus alt mach neu, wir lassen den größten Teil weg, aber auch diese beiden Strophen, die Heine übersetzt sind ein Stück Literatur.

Noch mehr Lord Byron finden Sie hier: Lord Byron, Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, DrachenfelsDraculaElba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo, das Jahr ohne Sommer

Ich bekam gerade als eine Art Kommentar dieses ↝BBC Video geschickt, in dem Philomena Cunk von einem romantischen Dichter namens Ron redet. Man muss das Gedicht des Professors, den sie interviewt, gesehen haben. Die Szene ist gleich am Angang.

Mittwoch, 18. April 2018

verweht


There was a land of Cavaliers and Cotton Fields called the Old South... Here in this pretty world Gallantry took its last bow... Here was the last ever to be seen of Knights and their Ladies Fair, of Master and Slave... Look for it only in books, for it is no more than a dream remembered. A Civilization gone with the wind... Schöne Worte, pathetisch serviert, der Southern Myth in der Kurzfassung. Das ist der Anfang des Filmes ↝Gone With the Wind. Heute vor 54 Jahren starb Ben Hecht, den man den Shakespeare von Hollywood genannt hat, die Sache mit den cotton fields und cavaliers verdanken wir ihm. Sie könnten auch in Büchern wie When Knighthood was in Flower (ein Bestseller im Süden) und ähnlichen Werken stehen. Margaret Mitchell hatte für ihren Roman alternative Titel, ↝Tomorrow Is Another Day war einer davon.

Was Tara still standing? Or was Tara also gone with the wind which had swept through Georgia? steht im Roman, das Gone with the Wind steht nur im Titel. Das hat sie bei dem Engländer Ernest Dowson gefunden. In einem Gedicht, das den Titel ↝Non sum qualis eram bonae sub regno Cynarae hat. Ein Liebesgedicht, wo es in der dritten Strophe heißt I have forgot much, Cynara! gone with the wind. Das war es, was Margaret Mitchell anzog: It was the far away, faintly sad sound I wanted. Ernest Dowsons große Liebe ist elf Jahre alt, eine kleine Tresenschlampe. Er ist dreiundzwanzig, sechs Jahre wird er sie umwerben. Sie wird einen anderen nehmen. Er verfällt dem Alkohol, natürlich ↝Absinth, dem Modegetränk der decadence. Und schreibt wunderbar traurige, melancholische Liebesgedichte: I cried for madder music and for stronger wine, But when the feast is finished and the lamps expire, Then falls thy shadow, Cynara! the night is thine.

Das Gedicht des heutige Tages hat wieder einen lateinischen Titel, schließlich war der Dichter mal in Oxford. Da kann man dann schon Horaz mit Vitae summa brevis spem nos vetat incohare longam zitieren:

They are not long, the weeping and the laughter,
Love and desire and hate;
I think they have no portion in us after
We pass the gate.

They are not long, the days of wine and roses,
Out of a misty dream
Our path emerges for a while, then closes
Within a dream.

Dienstag, 17. April 2018

Pornos


Also, irgendwann ist Schluss. Ich gab bei Google meine Blogadresse ein, um zu sehen, was dann passiert. Vielleicht kann man so den ↝verschwundenen Lesern nachspüren. Manchmal findet man auf diese Weise ja Reaktionen und Kommentare zu meinen Posts, wie zum Beispiel ↝dies hier oder ↝ das da. Oder man findet Seiten, auf denen Posts aus SILVAE recycelt werden, wie zum Beispiel ↝hier. Aber gestern klickte ich etwas an, das silvae: August 2012 - loomings-jay.blogspot.ca hieß. Dachte mir, guck' mal, was im August 2012im Blog los war. Doch da landete ich plötzlich bei nackten Frauen. Seitenlang. Wenn man so etwas anklickt, gelangt man natürlich nicht zu meiner Blogadresse, sondern zu tausenderlei Adressen, die ↝neuemedien online oder so heißen. Und irgendwo auf der Seite taucht in dem Gewusel von photographisch bearbeitetem Frischfleisch meine Blogadresse auf. Zum Beispiel neben dieser Dame, die angeblich Kelly Hargraves heißt, aber bestimmt meinen Blog nicht liest. Wenn sie überhaupt lesen kann.

Es wird viel Schindluder betrieben im Netz. Ich habe auf einer ↝Seite gelesen: Liebe Leser und Leserinnen meines Blogs, mein Blog wurde gekapert. Schon im Frühling dieses Jahres, herausgefunden habe ich es per Zufall im Juni. Kapern bedeutet: ein Blog wird 1:1 kopiert und unter einer neuen Domain veröffentlicht. Der Zweck der Sache ist, in den kopierten Blog Werbung einzufügen und damit Geld zu verdienen, ohne eigene inhaltliche Leistung. Also unter illegaler Verwendung gestohlenen geistigen Eigentums. So etwas gibt es also auch. Nennt sich Content Diebstahl, ist massenhaft verbreitet. Ich sehe schon die Schlagzeilen in der Bild Zeitung: Pornoseiten kapern Kulturblog. Hoffentlich ist auf einer der Seiten, in der sich meine Blogadresse findet, nicht auch noch Donald Trumps Flittchen Stormy Daniels zu finden. Wenn man die Adresse meiner Seite bei ↝DuckDuckGo eingibt, kommt man nicht zu diesen schmutzigen Seiten, mit denen Google offensichtlich sein Geld verdient.

Es stellen sich hier Fragen. Ist das Ganze schon kriminell? Das Kapern sicherlich. Meine Adresse auf einer Pornoseite auch? Erreichen mich meine Leser nicht mehr, weil sie neuerdings nicht mehr bei SILVAE, sondern auf solchen Pornoseiten landen? Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich mit dem Ganzen nichts zu tun habe. Wenn es hier Nackedeis gibt wie Ilka Schüttelkorb, dann hat das einen Grund. Sie tauchte in dem Post zu ↝Hugh Hefner zusammen mit einem Gedicht von Matthias Politycki auf:

Da liegt sie hingeweht im Dünenschwung, gereift
zu scheuer Willenlosigkeit, aprilfrisch griffig,
ein sanfter Frühlingshorizont, so wölbungspfiffig!
Warum mein Auge trotzdem in die Ferne schweift?

Weil: Fern im Heft, da liegt und lockt das ganze Land
der unbegrenzten Möglichkeiten, Lee wie Luv,
in einem Frauenleib, den sich ein Faun erschuf,
da bocken selbst die Worte, leisten Widerstand,

wenn man noch reden lange wollte statt zu tun,
ein jeder Satz geht in die Hose, tralala ...
ganz sprachlos steht man, weiß nicht ein noch aus noch ein –
und weiß es doch! Vom Scheitel bis zum Frack, oh ja,
wächst und gedeiht und drängt und drückt das ganze Sein.
Der Frühlingsdünenschwung, der darf inzwischen ruh'n.

Und da ich schon dabei bin erotische Lyrik zu zitieren, mache ich doch mit einem Gedicht von Michael Wildenhain weiter. Es hat den Titel Allerleirauh:

Es sei nicht mehr warm gewesen
Sie habe ein Kleid getragen und Nylons
Er habe vorn auf dem Beifahrersitz
Acht Bottiche Farbe transportiert

Sie habe hinten gesessen er
Habe sie im Rückspiegel gemustert
Was sie tue Künstlerin auch sein Metier sei
Farbe das Wort habe er betont

Manchmal habe er gesagt
Falle ihm Dreck in die Farbe
Muss man sieben habe sie erwidert
Er habe im Rückspiegel genickt

Sieben habe er bestätigt
Und ihre Beine betrachtet
Sehr feine Siebe er habe gelächelt
Und sie am Knie berührt

Sag es nun sag es er habe das Nylon
Zwischen den Fingerspitzen zerrieben
Feinstrumpfhose zerrieben
Feinstrumpfhose habe sie geflüstert
Sieben habe er zu ihr gesagt

Montag, 16. April 2018

Spike Milligan


Heute wäre er hundert geworden, der Terence Alan Milligan, den alle Welt nur als Spike Milligan kennt. Er konnte KBE hinter seinen Namen schreiben, war aber nicht ↝Sir. Weil er Ire und kein Engländer war. Im Zweiten Weltkrieg war er in der englischen Armee, da hätte er eigentlich Engländer sein müssen. Aber sei es, wie es sei, er hat das bestimmt nicht so ernst genommen. Über seinen Krieg hat er immer wieder geschrieben, beginnend mit Adolf Hitler: My Part in His Downfall. Er hatte Freunde im Königshaus, Charles zum Beispiel. Der ihn auch zu seiner ersten Hochzeit eingeladen hatte, wo Milligan in einem Morning Coat, den man zum Pferderennen, aber nicht in der Kirche trägt, einen seiner unnachahmlichen Auftritte hatte.

Denn diese Version des ↝Morning Coat ganz in grau darf, so eine alte englische Benimmregel, nur der Bräutigam (und der Brautvater) oder ein Viscount tragen. Prince Charles liebte The Goons (Spike Milligan, Peter Sellers und Harry Seacombe), ohne die es Monty Python wahrscheinlich nicht gegeben hätte. Einer ihrer großen Hits war der ↝Ying Tong Song, Spike Milligan kann dazu etwas erzählen, was ihm passierte, als er bei Prince Charles eingeladen war: At one point, William and Harry came down in their pyjamas and he said, 'Look Spike, would you sing the 'Ying Tong Song' to them?', and I had to sing this fucking song. I felt such a fool, but then we had a lovely supper.

Er ist in siebzig Filmen zu sehen, aber er hat auch sein Leben lang geschrieben, Schreiben war für ihn eine Therapie gegen die bipolare Depression. Er hat viele Gedichte geschrieben. Sie können ↝hier 51 davon lesen. Viele Gedichte sind Nonsense Gedichte, da haben die Engländer seit ↝Edward Lear eine schöne Tradition. Stephen Fry hat über Milligans Gedichte gesagt: absolutely immortal - greatly in the tradition of Lear. Ich zitiere heute einmal mein Lieblingsgedicht, ich weiß, dass ich das schon in dem Post ↝Theaterschlacht zitiert habe, aber das macht nichts. Es ist immer wieder gut:

Said Hamlet to Ophelia,
I'll draw a sketch of thee,
What kind of pencil shall I use?
2B or not 2B?

Sonntag, 15. April 2018

Elegie


Sein Vater Thomas Arnold war der Headmaster der Public School Rugby, er selbst wollte kein Lehrer werden. Hat aber doch einmal an der Schule seines Vaters unterrichtet und wurde dann Schulinspektor. Jahrzehnte lang in der Eisenbahn, in Wartesälen und billigen Hotels quer durch England. Wenn einer das England der Königin Victoria wirklich kennt, dann ist das ↝Matthew Arnold. Der Kulturkritiker und Dichter ist heute vor 130 Jahren gestorben, da soll er einen kleinen Post bekommen. Heute vor zwei Jahren hatte er ↝hier schon einen Post, deshalb wird das heute ganz kurz.

Das Gedicht Longing entstammt einer Gruppe von fünf Gedichten, die Faded Leaves heißen. Es ist das letzte Gedicht dieser Gruppe, die von der verlorenen Liebe handeln. Davon handeln tausende von Gedichten. Auch das ↝Volver, volver, das Harry Dean Stanton ↝hier so rührend singt. Der leicht elegische Ton von Arnolds Gedichten ist sein Markenzeichen. Oder, wie es so schön auf einer Internetseite heißt: Thus it is evident that the most attractive thing about Arnold’s poetry is its persistent elegiac quality. Arnold is at his best in his mood of lament and melancholy. Cazamian aptly remarks that Arnold’s poetry shall continue to be read “because of its inner Romanticism”.

Wir finden das in seinem berühmten Gedicht ↝Dover Beach:

Ah, love, let us be true
To one another! for the world, which seems
To lie before us like a land of dreams,
So various, so beautiful, so new,
Hath really neither joy, nor love, nor light,
Nor certitude, nor peace, nor help for pain;
And we are here as on a darkling plain
Swept with confused alarms of struggle and flight,
Where ignorant armies clash by night ...


Und der elegische Ton beherrscht auch das Gedicht Longing:

Come to me in my dreams, and then
By day I shall be well again!
For so the night will more than pay
The hopeless longing of the day.

Come, as thou cam'st a thousand times,
A messenger from radiant climes,
And smile on thy new world, and be
As kind to others as to me!

Or, as thou never cam'st in sooth,
Come now, and let me dream it truth,
And part my hair, and kiss my brow,
And say, My love why sufferest thou?

Come to me in my dreams, and then
By day I shall be well again!
For so the night will more than pay
The hopeless longing of the day.

Samstag, 14. April 2018

Mainz


Am 14 April 1793 hatte die Belagerung von Mainz begonnen. Goethe war als eine Art Kriegsberichterstatter dabei, Sie können seinen Bericht ↝hier lesen. Die Belagerung von Mainz kommt schon einmal in dem Post zu dem Maler ↝Johann Adam Ackermann vor. Das ist ein vielgelesener Post. Vielgelesene Posts sind im Augenblick leider Nostalgie, denn nach den ↝Zahlen von Google in den letzten 14 Tagen liest mich niemand mehr. Ich schreibe aber trotzdem weiter.

Ich habe heute ein Gedicht, das zu dem Thema Mainz passt, denn es kommt aus dem Gedichtband Nach Mainz von Ursula Krechel, die auch Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur ist. Der Band Nach Mainz war ihr Debüt als Dichterin. Auf der immer empfehlenswerten Seite von ↝planet lyrik können Sie mehr zu dem Buch lesen lesen, über das Ursula Krechel sagte:  Sonntagnacht sagte jemand im Traum mit der Stimme einer unangetasteten Autorität: Gedichtbände dürfen nicht zu dick sein. Ehe ich noch erstaunt zur Seite blicken konnte, war ich aufgewacht. Wer immer der Ratgeber war aus dem Puppentheater des Über-Ichs, er hatte recht.

Das Gedicht heute heißt Umsturz, es ist offensichtlich schon Gegenstand des Deutschunterrichts. Im Internet häufen sich die Anfragen von Schülern nach Interpretationshilfen, denen kann man nur zurufen sapere aude. Für das Lesen und Verstehen von Literatur braucht man Dr Königs Erläuterungen und das Internet nicht, das kann man selbst machen. Wenn Sie das Gedicht vorgelesen haben wollen, dann klicken Sie ↝hier.

Umsturz

Von heut an stell ich meine alten Schuhe
nicht mehr ordentlich neben die Fußnoten
häng den Kopf beim Denken
nicht mehr an den Haken
freß keine Kreide. Hier die Fußstapfen
im Schnee von gestern, vergeßt sie
ich hust nicht mehr mit Schalldämpfer
hab keinen Bock
meine Tinte mit Magermilch zu verwässern
ich hock nicht mehr im Nest, versteck
die Flatterflügel, damit ihr glauben könnt
ihr habt sie mir gestutzt. Den leeren Käfig
stellt mal ins historische Museum
Abteilung Mensch weiblich.

Freitag, 13. April 2018

grüne Schuhe


Mit dem Titel grüne Schuhe meine ich jetzt nicht die englische Firma Edward Green, sondern wirklich grüne Schuhe. Grün ist nicht unbedingt die normale Farbe von Herrenschuhen. Für Gummistiefel, die die Engländer ↝Wellingtons oder Wellies nennen, ist es die angesagte Farbe. Aber nicht unbedingt für Glattlederschuhe. Und doch: ich besitze jetzt ein Paar grüner Schuhe. British Racing Green, sagte Volker, als ich sie ihm zeigte. Darauf war ich noch gar nicht gekommen. Dass die englischen Rennwagen die Farbe grün haben, verdanken sie der grünen Insel Irland. Wo ja auch diese putzigen ↝leprechaun Kobolde grüne Schuhe tragen

Ich sah die Schuhe bei ebay, verhandelte kurz mit der Händlerin über den Preis, und schon waren sie gekauft. Traumhafte Herrenschuhe in Grün wie neu Handgemacht stand im Text dabei. Der Hersteller wurde nicht erwähnt, war aber auf dem Photo ersichtlich. Er hieß ↝Alt Wien, und wir wissen natürlich, dass diese Schuhe nicht in Wien, sondern in Northampton von der Firma Crockett und Jones gemacht werden. Crockett und Jones (mit ihrer Linie Alt Wien) und ↝Alfred Sargent (mit der Linie Der Budapester: Traditionelles Schuhhandwerk) sind die einzigen Engländer, die unter deutschem Namen Schuhe mit einem ↝Wiener Leisten offerieren.

Das kommt offenbar von München bis Wien gut an. Zu ↝Cordhosen sehen die grünen Schuhe mit dem Scotchgrain Leder bestimmt gut aus. Wenn ich sie vor Wochen schon gehabt hätte, hätte ich sie bestimmt am ↝St Patricks Day getragen. Aber den ↝Bloomsday habe ich mir schon mal vorgemerkt. Das Modell hat den Namen Bach, passend für ↝Bachs 333. Geburtstag. Man kann das Modell Bach erstaunlicherweise jetzt auch bei ↝Görtz kaufen. Allerdings nicht in grün. Will Görtz jetzt ganz nach oben? Vor vielen Jahren hatten sie ja schon einmal Laszlo Vass (die damals auch die Schuhe für ↝Baldessarini machten) im Angebot.

Ich besaß schon einmal grüne Schuhe, das ist aber mehr als ein halbes Jahrhundert her. Es waren dunkelgrüne Desert Boots von der Firma Clarks. Ich habe sie geliebt. Mein Klassenkamerad ↝Wuddel hatte sie meine Golly Schuhe getauft, ich weiß nicht weshalb. Damals waren die Desert Boots von Clarks noch von anderer Qualität als heute. Ich habe immer wieder mal Clarks gehabt, nie wieder dunkelgrüne und nie wieder die Qualität von 1960. Und da ich bei ↝Wildlederschuhen bin, muss ich doch mal eben auf Larry Kirwans Buch Green Suede Shoes hinweise.

Für den heutigen Tag habe ich ein Frühlingsgedicht von ↝Theodor Fontane, in dem auch grüne Schuhe drin vorkommen. Na ja, das ist ein klein wenig übertrieben, denn bei Fontane trägt der Frühling bei seiner Ankunft einen grünen Knospenschuh. Das ist etwas anderes als ein grüner Alt Wien Schuh, ist aber ein schönes Bild:

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
»Er kam, er kam ja immer noch«,
Die Bäume nicken sich's zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuß auf Schuß;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.«

O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.

Dienstag, 10. April 2018

das Jahr ohne Sommer


Sonntag und tropische Mittagshitze in der Südsee: »das weiße Meer ist eingeschlafen, und purpurn steht ein Segel drauf«. Und Kommodore LINDEMANN, vom holländischen Dampfer GOUVERNEUR=GENERAAL LOUDON, kann, wenn er gähnend das Doppelglas vor die Augen hebt, zumindest noch 2 Mastspitzen in der Ferne wahrnehmen; denn obwohl die Boote der eingeborenen Fischer längst auf den Strand gezogen wurden, und ihre Eigentümer Siesta halten, ist die Sunda=Straße – einer der Hauptverkehrswege unseres Globen – immer belebt.
     Und wieder die gleißende Stille jenes 26. August 1883.
Gegen 14 Uhr beginnt dumpfes Rollen im Nordosten, wie wenn schwerkalibrige Schiffsgeschütze übten – aber schon nach wenigen Augenblicken verzieht Kommodore Lindemann die Stirn :so schnell schösse Niemand, und wenns ein ganzes Geschwader wäre! Gleich darauf bildet sich am Horizont etwas, »Wolken vergleichbar«, das sich langsam höher schiebt; bis, gegen 17 Uhr, der ganze Himmel überzogen ist. Gleichzeitig vernimmt man ein knisterndes Geräusch in der Atmosphäre; die Kompaßnadel beginnt zu tanzen; es wird immer finsterer; und der Kommodore beschließt, solange das bißchen Sicht noch anhält, lieber linker Hand in die Bucht von Lampong einzulaufen, und dort vor Anker zu gehen.
     Denn der Himmel ist entsetzlich geworden! Erfüllt mit klumpigem Schwarz, aus dem in rasender Folge Blitze wimmeln:
     »Weiße Riesenschlangen auf tintigem Grund«, notiert einer der Offiziere.

Schon atmet man schwerer, denn feinster Staub erfüllt die Luft des zur Nacht gewordenen Tages; greifbar geht Geruch um: nach glühender Asche ; und wie Schwefelflammen.
     Dort im Südosten steigen »Feuerketten« in die Luft und ganze Katarakte weißglühender Bälle. Vorsichtshalber lotet man die Tiefe um das geängstete Schiff – die ist zwar noch konstant, und stimmt mit den Angaben der offiziellen Seekarte; aber als man das Bleilot, aus 200 Metern Tiefe, in die Hand nimmt, ist es so heiß, daß es den zuckenden Fingern entfällt!
     Und überall beginnen Szenen, wie wir sie atemloser und makabrer nicht aus Coleridge’s ‹Ancient Mariner› kennen: Masten, Rahen und Aufbauten wimmeln plötzlich von St.Elms=Feuern, unruhigen, zuckenden. Und die farbige Besatzung verliert alle Fassung: sie huschen, braun und zartgliedrig, umher, von einem der blaßblauen Flämmchen zum anderen, und schlagen sie mit den Händen aus; die eingeborenen Heizer verlassen ihre Kesselfeuer und helfen bei dem Geschäft, die schwefligen Kleindämonen zu ersticken.

So beginnt ↝Arno Schmidts Prosastück ↝Krakatau, überschrieben mit die größte aller historisch bekannten Naturkatastrofen. War es wirklich die größte? Vulkanologen können dem Arno nicht zustimmen, es gibt da noch eine größere Naturkatastrophe. Heute vor 203 Jahren hatte der am 5. April begonnene Vulkanausbruch des Tambora seinen Höhepunkt. Dieser Vulkanausbruch steht auf dem Vulkanexplosivitätsindex mit der Stärke 7, der Krakatau kommt nur auf 6. Es gibt vielleicht auf der Insel Sumbawa in Indonesien nicht so viele Tote wie beim Ausbruch des Krakatau, aber die Spätfolgen sind größer. 1816, 1817 und 1818 sind die Jahre ohne Sommer.

So etwas hatte man Jahrzehnte zuvor schon in kleinerem Ausmaß gehabt. Nämlich 1783, als es im Sommer nicht hell zu werden scheint, und ein nebliger Rauch über allem liegt. ↝Lichtenberg schiebt es auf die armen Kolonisten an der holländischen Grenze, die das Moor abbrennen. Das steht auf jeden Fall in dem Gutachten, das der Professor Lichtenberg erstellt. Auch ein anderer Gelehrter, Christoph Gottfried Bardili, äußert sich 1783 Über die Entstehung und Beschaffenheit des außerordentlichen Nebels in unserer Gegend. Aber eigentlich ist er Philosoph und beschäftigt sich eher mit dem transzendentalen Nebel Immanuel Kants, den er nicht ausstehen kann. Darauf, dass die isländischen Vulkane an dem Wetter schuld sind, scheint niemand zu kommen (lesen Sie mehr dazu in den Posts ↝Wintersonnenwende und ↝Vulkane). Außer Benjamin Franklin, der 1784 Meteorological Imaginations and Conjectures vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen isländischen Vulkanen und dem kalten Winter in Amerika geben kann.

Wer es kann, flieht vor Dunkelheit und Hungersnot. Das Leben der Baronin Barbara Juliana von Kruedener bekommt eine ↝Wende, aber noch berühmter wird eine Gruppe von englischen Schriftstellern, die es in die Schweiz zieht. Die ↝Gothic Novel verdankt einem Vulkanausbruch ihren Höhepunkt. Lord Byrons Leibarzt Polidori und Mary Shelley werden ↝The Vampyre und ↝Frankenstein schreiben. Und Lord Byron schreibt das Gedicht Darkness:

I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air;
Morn came, and went—and came, and brought no day,
And men forgot their passions in the dread
Of this their desolation; and all hearts
Were chill’d into a selfish prayer for light


Sie finden das ganze Gedicht in dem Post Dracula. Und noch mehr Lord Byron hier: Lord Byron, ByronLord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo,

Montag, 9. April 2018

Daffodowndill


Das bekam ich gerade von einer Bekannten geschickt, die neueste Kreation von Olivia Palermo, schon vergriffen. Passt wunderbar zum Frühling, dem Sonnenschein und den zwanzig Grad da draußen. Olivia Palermo ist ein Model, die auch Schuhe entworfen hat. Sie ist eine New Yorker Stilikone, so etwas wird man heute schnell. ↝Nico brauchte damals dafür etwas länger. Angesichts der floralen Pracht dachte ich mir: ich bilde diese Blumenschuhe ab und suche mir dazu ein Frühlingsgedicht, in dem New York vorkommt. War gar nicht so leicht.

Ich fand ein Gedicht, das New York Spring heißt, aber das passte nicht zu Olivia Palermo und diesen Schuhen. Ich nehme es trotzdem mal. Weil es ein sehr gutes Gedicht ist. Und weil es von einer australischen Dichterin ist. Poeten aus Australien und Neuseeland sind ja nicht so häufig in meinem Blog. Ich hatte 2010 einen Post zu dem neuseeländischen Dichter ↝C.K. Stead: Kiwi, von dem sich auch ein Gedicht in dem Post ↝Katherine Mansfield findet. In dem Post gibt es auch ein bezauberndes Aquarell mit einem Kiwi, gemalt von einem jungen Maler, der meinen Blog liest. Leider sind beide Posts kaum gelesen worden. Bei der Vorstellung des Australiers ↝Kenneth Slessor habe ich das anders gemacht. Da habe ich den Post Marinechronometer genannt, was tausende von Lesern anzog. Heute präsentiere ich Ihnen einmal Rosemary Dobson (Bild) ohne Tricks mit Captain Cooks ↝Marinechronometer oder Waltzing Matilda. Dobson, die 2012 im Alter von 92 Jahrn starb, war eine der bekanntesten  Dichterinnen Australiens. David Malouf hat sie als one of our most admired and enduring voices bezeichnet.

Die Enkelin des englischen Dichters Henry Austin Dobson ist, wenn ich das recht sehe, nie ins Deutsche übersetzt worden. Und sie ist hierzulande leider auch kaum bekannt Wir können das jetzt ein klein wenig ändern. Zum einen bietet die Australian Poetry Library auf ihrer ↝Website 577 Gedichte von Rosemary Dobson an, das ist doch schon mal etwas. Und dann habe ich ↝hier noch den Text des Buches Rosemary Dobson: A celebration. Und den Text des Gedichts New York Spring habe ich natürlich auch:

 I was alert for crime
The quick knifing, death 
The body spreadeagled, the turning 
Away of the watchers 
Wry avoidance of pity, 
The dark stain spreading 
As the dark stain spread 
In a thousand old films. 
Well, we took the subway 
Battered by graffiti 
And rose like muddy minnows 
To the blue of the city
And lunchtime loiterers
In the first sun of springtime.
I saw a girl on roller-
Skates. She wore a button
Saying Save the Whales,
She wore a pair of headphones  
Wired to a Walkman
In her top pocket
And a whole symphony orchestra
Played for her alone.
This was in New York
Along the Avenue
In the spring of April
Nineteen eighty-two


Wenn Sie aber etwas mit Blumen und Sonne und Frühling haben wollen, das kann ich auch anbieten.
Es ist ein kleines Gedicht, das Daffodowndilly heißt. Geschrieben von ↝A.A. Milne für seinen kleinen Sohn, für den er auch die Geschichte mit dem Bären von sehr geringem Verstand erfunden hat:

She wore her yellow sun-bonnet,
She wore her greenest gown;
She turned to the south wind
And curtsied up and down.
She turned to the sunlight
And shook her yellow head,
And whispered to her neighbour:
"Winter is dead."

Sonntag, 8. April 2018

verschwindende Leser


In Saloniki weiß ich einen
der mich liest
Und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.

Als Günter Eich das kleine ironische Gedicht Zuversicht 1966 veröffentlicht, ist er schon beinahe vierzig Jahre im Geschäft. 1929 war sein erster Gedichtband erschienen. 1950 hatte er den Preis der Gruppe 47 erhalten, 1959 den Georg-Büchner-Preis. Und doch haben Dichter immer Zweifel: wer liest mich? 1989 hat Hans Magnus Enzensberger die Leser von Gedichten gezählt und die Enzenbergersche Konstante in die Welt gesetzt: die Zahl von Lesern, die einen neuen, einigermaßen anspruchsvollen Gedichtband in die Hand nehmen, lässt sich empirisch ziemlich genau bestimmen. Sie liegt bei ±1354. Ich weiß nicht, ob das wirklich ernstzunehmen war.

Der Soziologe ↝Lars Clausen hat 1974 eine Umfrage veranstaltet, die Was liest der Kieler Bürger und warum? hieß. Der Kieler Bürger las alles mögliche, die ADAC Motorwelt, Magazine über den Gartenbau, aber kaum Gedichte. Vielleicht stimmt die Enzenbergersche Konstante doch. Als ich 2010 in diesem Blog den Poetry Month einführte, kannte ich meine Leserzahlen noch nicht, weil ich die Statistikseite noch nicht gefunden hatte. Google offeriert dem Blogger diese Statistikseite, damit er sehen kann, wer ihn wo auf der Welt wann liest. Wunderbares Spielzeug. 2011 blieben die Leser im April weg, in den Folgejahren gewöhnten sich meine Leser an den Lyrikmonat.

Wenn die Zahlen stimmen. Ich habe mich schon in dem Post Statistiken darüber echauffiert, dass Googles Zahlen für die Blogstatistik nicht ganz stimmen können. Plötzlich hatte ich ganz viele englische Leser, eine Neuheit für diesen Blog. Und dann waren die Franzosen wieder in großer Zahl da.

Sie sind alle wieder weg. Von einem Tag auf den anderen. Da hat offensichtlich bei Google jemand an der Schraube für die Algorithmen gedreht. Die ersten drei Monate des Jahres hatte ich jeden Tag zwischen 2.000 und 3.000 Leser, jetzt komme ich auf 1.000. Wenn's hoch kommt. Pfuscht mir Cambridge Analytica ins System? Ich nehme das Ganze nicht mehr ernst. Wenn ich die unscheinbaren Wörter meine Leser bei Google eingebe, lande ich erstaunlicherweise auf Platz acht der Ergebnisse. Gebe ich sie bei der interessanten Suchmaschine DuckDuckGo ein, komme ich sogar auf Platz drei. Warum? Bin ich so berühmt, dass zwei Wörter mich an die Spitze der Suchergebnisse befördern? Das Ergebnis der Suche heißt übrigens Mein Blog, meine Leser, eine Seite, die weit mehr als 20.000 Mal angeklickt wurde.

Sind es diese Zahlen, die einen weit nach oben bringen? Silvae (lat. f. pl.): ‚Wälder‘, wird von lateinischen Dichtern und in ihrer Nachfolge als Titel für Gedichtsammlungen bzw. als Bezeichnung einer Publikationsform von Gelegenheitsliteratur verwendet, steht in dem Wikipedia Artikel zu Silvae. Daher kommt der Titel meines Blogs, Publius Papinius Statius hat den Titel Silvae lange vor mir verwendet. Aber der römische Dichter kommt als Suchergebnis nicht auf Platz 1. Auf Platz 1 bin ich. Ist schon komisch, aber da spielen die Millionen Klicks, die mein Blog erhalten hat, vielleicht eine Rolle. Und natürlich die Algorithmen. Ja, wir wollen Algorithmen transparenter machen. Es muss klarer erkennbar sein, nach welchen Programmcodes Unternehmen wirklich vorgehen, hat Katarina Barley gerade im Facebook Skandal gesagt. Ein frommer Wunsch. Das Internet besteht doch nur aus Lug und Trug. Mundus vult decipi, ergo decipiatur, wie der Lateiner sagt. Google denkt ja gar nicht daran, seine geheimgehaltenen Algorithmus bekanntzumachen.

Die Bundesregierung hat übrigens im letzten Jahr 4,98 Millionen Euro für Anzeigen bei Facebook, Instagram und Twitter ausgegeben. Weshalb tut sie das? Warum schickt sie das Geld nicht gleich zu
Cambridge Analytica, die auf ihrer Homepage den Satz stehen haben: Cambridge Analytica uses data to change audience behavior?

Ich habe für meine zwei Leser heute neben dem Gedicht Zuversicht von Günter Eich noch ein Gedicht, es heißt Der Leser und findet sich zuerst im Jahre 1909 in einem Gedichtband von Felix Braun. Es ist ein Gedicht aus einer Zeit, als es noch keine Computer gab und man Texte noch in Büchern las:

Sag: ist das nicht ein wunderliches Leid:
um fremde Menschen trauern, die nicht leben,
und über Dinge, die sich nie begeben,
voll Sehnsucht träumen in der Einsamkeit?

Geheimnis, dessen Sinn ich nie verstand:
sich über Worte atemlos zu neigen
und zu vernehmen in gespanntem Schweigen,
was einer dachte, träumte und empfand.

Wenn dann die letzte Zeile still verrinnt,
sich weit zurück im weichen Sessel lehnen,
die Arme breiten, lächeln unter Tränen
und wieder müßig blättern wie ein Kind.

Und stundenlang wie tief im Nebel gehn
und Verse summen, die wie Glocken läuten,
die tiefstes Glück und tiefstes Leid bedeuten
und dennoch langsam in den Wind verweh'n.

Freitag, 6. April 2018

Giovanni Pascoli


Am 6. April des Jahres 1327 soll der italienische Dichter Francesco Petrarca in der Kirche von St. Claire in Avignon zum ersten Mal seine ↝Laura gesehen haben. Hat sofort angefangen, Sonette zu schreiben. 317 Stück. Die neue Gedichtsform, die eine unerreichbare Geliebte anhimmelt, verbreitet sich rasch über Europa, sodass der Romanist Ernst Robert Curtius eines Tages von einer Pest des Petrarkismus sprechen wird. Sie können mehr dazu in den Posts ↝Zähmung und ↝Petrarca lesen, mehr gibt es dazu heute nicht.

Aber einen italienischen Dichter möchte ich heute vorstellen, der in Deutschland nicht so bekannt ist. Er heißt Giovanni Pascole, er wurde 1855 geboren und starb am 6. April 1912. Zu seinem hundertsten Todestag gab es in Italien eine 2€ Gedenkmünze. Er hatte eine schwere Kindheit. Das sagt sich so leicht, der Satz findet sich in der Biographie vieler Dichter. Doch bei Pascoli ist er wahr. Als er zwölf ist, wird sein Vater auf der Landstraße erschossen, das Pferd zieht die Kutsche mit dem Toten bis nach Hause. Im Jahr darauf sterben Pascolis Mutter und seine Schwester. Wenig später zwei seiner Brüder. Giovanni Pascoli war auf dem Landgut einer Prinzessin aufgewachsen, wo sein Vater der Gutsverwalter war. Nun ist dieses schöne Leben dahin. Pascoli wird studieren, wird Dichter und Professor, seine Gedichte sind in allen italienischn Schulbüchern.

Den Tod des Vaters hat er in das Gedicht ↝La cavallina storna (Die graue Stute) geschrieben, es ist eins seiner berühmtesten Gedichte. Ich habe es hier im ↝Original und in einer ↝deutschen Fassung. Für den heutigen Tag nehme ich mir nichts so Dramatisches. Ich nehme mir ein kleines impressionistisch dahingetupftes Gedicht, das Temporale (Gewitter) heißt:

Un bubbolìo lontano...

Rosseggia l'orizzonte,
come affocato, a mare:
nero di pece, a monte,
stracci di nubi chiare:
tra il nero un casolare:
un'ala di gabbiano.

Habe ich auch auf Deutsch, übersetzt von Theresia Prammer (die auch in ↝Sinn und Form einen Aufsatz über Pascoli geschrieben hat) von der interessanten Seite der ↝Erlanger Übersetzerwerkstatt:

Ein Brodeln in der Weite...
färbt rot den Horizont,
wie Feuer, auf dem Meer,
und pechschwarz in den Bergen,
zerfetzt das helle Wolkenheer:
in all dem Schwarz ein kleines Haus:
der Flügel einer Möwe.