Sonntag, 14. Oktober 2018

Pfauen


Heute ist die Frankfurter Buchmesse für jedermann geöffnet, dann ist wieder alles vorbei. Die Leute kaufen weniger Bücher, das kennen wir schon. Es können auch immer weniger lesen, wissen wir auch schon. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal ein Buch zu empfehlen, dass jedermann lesen kann. Jede Frau auch. Ist keine Weltliteratur, ist aber sehr vergnüglich. Die Hauptrolle in dem Roman spielt ein Pfau, der auch den Titel für den Debütroman der Übersetzerin Isabel Bogdan liefert:

In einem Anfall von Übermut hatte Lord McIntosh eines Tages fünf Pfauen erworben, drei Weibchen und zwei Männchen; er stellte es sich hübsch vor, wenn die Männchen auf der riesigen Rasenfläche vor dem Wohnhaus umherstolzierten und Räder schlugen. Die weniger hübschen Weibchen sollten sich dezent im Hintergrund halten und den Männchen unauffällig überhaupt erst einen Grund liefern, miteinander zu wetteifern und Räder zu schlagen. 

Die Realität wird jetzt etwas anders aussehen, als sich Lord McKintosh das vorgestellt hat: Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt. Nun gab es oben in dem kleinen Tal am Fuße der Highlands glücklicherweise kaum Dinge, die blau waren und glänzten. Es gab Wiesen und Weiden und Bäume und überhaupt viel Grün, und es gab die Heide. Und jede Menge Schafe. Das einzige blau Glänzende, was sich gelegentlich hierher verirrte, waren die Autos von Feriengästen. Lord und Lady McIntosh hatten die ehemaligen Wirtschaftsgebäude, Scheunen und alles, was sonst zu ihrem Anwesen gehörte und sich dafür eignete, zu Feriencottages umbauen lassen, damit der alte Kasten das Geld, das er verschlang, wenigstens halbwegs wieder hereinholte.

Ein schottisches Landhaus liefert die Theaterbühne, jetzt brauchen wir nur noch die Akteure: Lord und Lady McIntosh und die Gäste. Und natürlich die Pfauen. Was nun kommt ist ein wenig Fawlty Towers, ein wenig Evelyn Waugh und ein wenig P.G. Wodehouse. Wie gesagt, keine Weltliteratur. Aber immer amüsant. Und stilistisch gut geschrieben, mit feiner Ironie gewürzt. Ist etwas für Rekonvaleszenten, die im Bett liegen, für Leute, die am Strand liegen und einfach für zwischendurch. Auch diese Literatur gibt es. Glücklicherweise. Wenn Sie gerade Krieg und Frieden lesen und ein schlechtes Gewissen haben, trösten Sie sich mit Shaw, der gesagt hat: All normal people need both classics and trash.

Samstag, 13. Oktober 2018

Alice Neel


Es hat länger gedauert, die amerikanische Malerin, die am 13 Oktober 1984 starb, richtig zu entdecken. Aber im letzten Jahr war sie schon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Alice Neel hat lange gebraucht, bis sie wirklich berühmt wurde und ihre Bilder auf dem Kunstmarkt honoriert wurden. Portraits von ihr bringen heute auf dem Markt zwischen dreistelligen und sechsstelligen Ergebnissen. Den Film der BBC kann ich Ihnen leider nicht anbieten.

Dafür habe ich aber einen lange interessanten Vortrag von Phoebe Hoban, der Autorin der Biographie Alice Neel: The Art of Not Sitting Pretty. Neel, die immer für die Rechte der Malerinnen eingetreten ist, hat lange gebraucht, bis sie künstlerisch ernstgenommen wurde. Dann hagelt es Einladungen, Interviews, Dokumentarfilme. Ihren in Kuba geformten Stil, der ein wenig nach José Clemente Orozco, Diego Rivera und Frida Kahlo schmeckt, hat sie nie aufgegeben.

In ihren letzten Jahren, die ihre größte Schaffensperiode sind, wird sie auch die Malerkollegen malen, die mit der modernen Kunst in den sechziger Jahren reich und berühmt geworden sind. Andy Warhol inklusive. Barry Walker hat sie one of the greatest portrait artists of the 20th century genannt. Bei Google Bilder finden Sie einen reichen Querschnitt aus ihrem Werk. Sie hat auch Gedichte (hier eine Auswahl) geschrieben. Dies hier handelt von Harlem, einem Stadtteil, dessen puertorikanische Einwohner sie immer wieder gemalt hat:

I love you Harlem
Your life your frequent
Women, your relief lines
Outside the bank, full
Of women who no dress
In Saks 5th Ave would
Fit, teeth missing, weary,
Out of shape, little black
Arms around their necks
Cling to their skirts
All the wear and worry
Of struggles on their faces
What a treasure of goodness
And life shambles
Thru the streets
Abandoned, despised,
Charged the most, given
The worst
I love you for electing
Marcaronio, and him for being what he is
And for the rich deep vein
Of human feeling buried
Under your fire engines
Your poverty and your loves

Freitag, 12. Oktober 2018

Erinnerung


Die Buchmesse steht vor der Tür. Überall tauchen neue Autoren und neue Romane auf, von denen wir noch nie gehört haben. Alles ist wichtig, alles will verkauft werden. Ich las im Feuilleton, dass eine Autorin namens Inger-Maria Mahlke, die in diesem Jahr den Buchpreis erhielt, gesagt hat: Ich misstraue der Erinnerung. Ich dachte immer, Auoren wären stolz auf die Erinnerung? Hier offenbar nicht: Weil ich Erinnerung und Gedenken, der nachträglichen Konstruktion von Vergangenheit auf Makro- wie auf Mikroebene misstraue. Wir neigen dazu, sowohl in der Geschichte als auch in unseren Biografien, Ereignisse, unsere Einstellung zu ihnen so umzudeuten, dass sie mit unserem jetzigen Selbst- oder Geschichtsbild stimmig sind. Das schrittweise Rückwärtserzählen soll es ermöglichen, die unterschiedlichen Entwürfe eingebettet in ihren Zeitkontext offen zu legen. Ich habe etwas länger gebraucht, um das Interview zwischen Inger-Maria Mahlke und Mathilda May zu verstehen. Ich erspare Ihnen das und sage, worum es in dem Roman Archipel geht: es ist eine Familiengeschichte, die sich über hundert Jahre hinzieht. Der Roman spielt auf Fuerteventura, wo die Autorin ihre Jugend verbrachte. Und ja, es wird von vorne nach hinten erzählt.

Es muss noch eine Autorin genannt werden, die sich mit der Erinnerung beschäftigt und die gerade einen Preis bekommt. Sie heißt Aleida Assmann und ist die diesjährige Preisträgerin vom Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (den im letzten Jahr Margaret Atwood erhielt). In ihrem Buch Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik fand ich eine Seite, auf der die Autorin Zitate von Autoren versammelt, die etwas zum Thema Erinnerung gesagt haben. Schön fand ich Italo Svevos: Die Vergangenheit ist immer neu: Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet. Teile von ihr, die in Vergessenheit gesunken schienen, tauchen wieder auf, andere wiederum versinken, weil sie weniger wichtig sind. Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters. Sie benötigt gerade diese Töne und keine anderen. So erscheint die Vergangenheit bald lang, bald kurz. Bald klingt sie auf, bald verstummt sie. In die Gegenwart wirkt nur jener Teil des Vergangenen hinein, der dazu bestimmt ist, sie zu erhellen oder zu verdunkeln.  

Und dann fand ich da noch ein schönes Proust Zitat: Das Buch mit den in uns eingegrabenen, nicht von uns selbst eingezeichneten Charakteren, ist unser einziges Buch. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dabei belassen wir es mal für heute.

Dienstag, 9. Oktober 2018

fehlende Bilder


Jetzt habe ich es geschafft: die Villa von Arnold Duckwitz in Vegesack, von der es im ganzen Internet kein einziges Bild gab, ist bei Googles Bildern im Internet. Das Bild hat mir freundlicherweise der Pastor Ingbert Lindemann zur Verfügung gestellt. Das Haus sah schon mal schöner aus, aber das hier ist besser als garnix. Ich kenne den Landsitz des Bremer Bürgermeisters und Reichshandelministers, weil er gegenüber von unserem Haus stand. Durch den Park links vom Haus konnten wir auf die Weser schauen. Den Text auf der Tafel über der Tür kann ich immer noch auswendig: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. 

Man kann jetzt nicht mehr am Haus vorbei auf die Weser schauen, das Haus ist abgerissen, durch zwei seelenlose Apartmenthäuser ersetzt. Das Landesamt für Denkmalschutz hat damals gepennnt. Die Denkmalpfleger haben zwar das Grabmal von Duckwitz in ihrem Bilderarchiv, aber nicht seinen Sommerwohnsitz in der Weserstraße. Heute gibt es in der Weserstraße 76 und 77 keinen Hinweis darauf, dass hier einmal der Mann wohnte, der die erste deutsche Flotte aufgebaut hat. Man ehrt in Bremen die Geschichte nicht.

Noch mehr Duckwitz in den Posts: Arnold Duckwitz, Reichsflotte und Admiral Brommy

Samstag, 6. Oktober 2018

Vordergrund


Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 zum fünfzigsten Geburtstag von Gustav Kampmann in Westermann's Monatsheftendaß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Dass mit dem hervorragenden Platz in der deutschen Landschaftskunst ist nicht so ganz wahrgeworden.

Die Betonung der abstrakten Flächigkeit mancher Landschaftsbilder Kampmanns und der Verzicht auf dn Vordergrund vernachlässigt etwas, was einst in der Renaissance der größte Zugewinn der Landschaftsmalerei gewissen war: Fluchtpunkt und Perspektive. Die kann man auf diesem Bild von Paolo Ucello gut sehen: wir werden mit der Jagdgesellschaft förmlich in die Dunkelheit des Waldes hineingezogen. Das Bild im Ashmolean Museum spielt übrigens eine wichtige Rolle in The Point of Vanishing, einer Folge von Inspector Lewis.

Dies ist der Katalog einer Ausstellung, die vor dreißig Jahren von Altona nach Kiel wanderte, und in deren Mittelpunkt Ludwig Philipp Stracks Gemälde des Ukleisees bei Sielbeck aus dem Jahre 1809 stand. Leider ist Stracks Bild im Internet nicht mehr zu finden, wir müssen uns mit dieser klitzekleinen Abbildung behelfen. Der Katalog ist didaktisch hervorragend gemacht, alle Fragen, die man an das Bild vom Ukleisee stellen kann, werden hier beantwortet. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das Zitat von Heinrich Voß: Es gibt ohne Zweifel Landschaften von auffallenderer Schönheit, von großartigerer Wirkung, von reicherer Fruchtbarkeit des Bodens, sicher aber keine, die lieblicher zum Auge und gewinnender zum Herzen guter sinniger Menschen spricht, als die unsrige!

Der kleine Ukleisee bei Eutin, den Strack für seinen Auftraggeber, den Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg (und den Hamburger Kaufmann Georg Friedrich Baur) malt, genießt eine besondere Stellung unter den holsteinischen Seen. So schreibt Wilhelm von Humboldt über das Jagdschloss SielbeckDas Merkwürdigste daran ist seine Lage auf einem Berge zwischen zwei Seen, und die Spaziergänge um die Ufer des kleineren unter diesen. Der Saal selbst ist ganz einfach und nichts weniger als schön. Aber die beiden Aussichten, die vordere beschränkte, und die dunkle auf den kleinen, und die hintere weite und helle auf den großen See sind göttlich.

Strack (hier seine Ansicht vom Plöner See) erfindet die Landschaftsmalerei nicht neu, neu ist nur in der Zeit, da man von Eutin als dem Weimar des Nordens spricht, dass die Ostholsteiner Landschaft ins Interesse von Literatur und Malerei rückt. Und dort ins Arkadische verwandelt wird. Johann Heinrich Voß wird in Luise den Plöner See besingen:

Stehn Sie ein wenig still; mir pocht das Herz! Wie erfrischend 
Ueber den See die Kühlung heraufweht! Und wie die Gegend
Ringsum lacht! Da hinab langstreifichte, dunkel- und hellgrün
Wallende Felder voll Korn, mit schimmernden Blumen gesprenkelt!
Dort das umbüschte Dorf, und der Thurm mit dem blinkenden Seiger!
Hier auf blumiger Wiese die röthlichen Küh', und der Hügel
Von Buchweizen umblüht; und der blaue See mit der Waldung!
Schaut doch umher, ihr Kinder, und freut euch!


Strack bleibt dem klassischen Aufbau des Bildes verpflichtet, er ist kein Neuerer wie der Engländer Richard Wilson. Dass links und rechts Bäume die Landschaft rahmen, hat er bei Claude Lorrain abgeguckt. Strack, der sein Handwerk bei seinen Verwandten, den Tischbeins, gelernt hat, kommt mit einem Stipendium der Kasseler Akademie für sieben Jahre nach Italien. Von dort wird er ein sanftes rosa Licht mitbringen, das seine Himmel überzieht; auch das Bild vom Ukleisee hat dieses Licht, das sich wohl eher in der Campagna Romana und weniger in den Himmeln über Eutin findet.

Der museumspädagogische Dienst in Altona hatte für die Ausstellung auch etwas für Kinder zu bieten. In einer Ecke vor der Ausstellung gab es eine Hafttafel, auf der die Kleinen sich eine Landschaft zusammenstellen konnten. Sie nahmen sich immer die Kühe aus dem Kasten, pappten sie unten auf die Tafel, die weißen Wolken kamen nach oben. Der Mittelgrund blieb leer, das war witzig. Natürlich kann man den Vordergrund mit Kühen vollpflastern, aber das wird auf die Dauer ein wenig langweilig, wie das Werk von Jacob Philipp Hackert zeigt.

Figuren und Tiere im Vordergrund nennen wir Staffage, zu dem Thema hätte ich hier eine sehr interessante Seite. Die Staffage kann Kühe oder Pferde enthalten, aber natürlich auch Menschen (häufig als Betrachterfiguren oder als Rückenfigur) wie auf diesem Bild von Strack. Es zeigt den Park, den Joseph Ramée für den Bankier und Kaufmann Georg Friedrich Baur entworfen hat. Mit Gartenanlage mit dem chinesischen Turm, künstlicher Burgruine, Waldhütten, Grotten und Rundtempel.

Diese Dinge enthält der englische Landschaftsgarten auch, wenn die Hamburger schon einen Franzosen beschäftigen, dann wollen sie es doch ein klein wenig englisch haben. Baur mit seiner Begeisterung für Landschaftsgärten wird sich sicher auf Hirschfelds Theorie der Gartenkunst berufen haben. Man kann die Aussichtsplattform mit dem Paar (wie den Waldweg, den Steg und den Angler in seinem Bild vom Ukleisee) auch als Repoussoir bezeichnen, etwas, das den Rest des Gemäldes zurückdrängt, räumliche Tiefe schafft.

Das wär's für heute mit dem Vordergrund von Gemälden, vielleicht gibt es irgendwann einmal etwas zum Mittelgrund und zum Hintergrund. Man weiß in diesem Blog nie, was kommt.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

3. Oktober


Als ich nach der letzten Bundestagswahl den Post Unser Land schrieb, hatte ich nicht daran gedacht, dass eine Woche später der Nationalfeiertag sein würde. Vielleicht hätte ich dann für Herrn Gauland noch den ein oder anderen Satz übrig gehabt. Ein halbes Jahrhundert nach Adolf von Thadden haben wir wieder eine rechtsradikale Partei im Parlament. Vielleicht ist das auch ganz gut: indem wir über die AfD diskutieren, diskutieren wir über unser Selbstverständnis, unsere Demokratie. Die Zeitungen versichern uns, dass unser Land zerrissen ist. Wirklich? Die Kanzlerin tut das, was sie immer tut: schweigen und die Raute machen. Ist das genug? Anita Ekberg konnte das besser. Es könnte bei uns etwas mehr sein:

Nein, das gemeine Beste, 
Des eignen Wohlergehens nur einzig sichre Feste 
Erweckt in mir den Trieb; Trieb, den der Himmel ehrt, 
Wenn seines Eifers Glut der Bosheit Spreu verzehrt. 
Die angestorbne Pflicht, das Vaterland zu schützen, 
Der Freiheit Gott zu sein; der Unschuld Recht zu stützen, 
Ist der geheiligte, mit Blut gelegte Grund
Worauf das Wohl des Staats und unserer Väter stund. 

Den lasset uns vereint mit unserm Blut verteidgen.

Gut, es ist ein wenig veraltet, was Justus Möser da in seinem Theaterstück Arminius schreibt, aber es hat auch mit unserer Nation zu tun.

Früher hatten wir den 17. Juni als Nationalfeiertag, jetzt ist es der 3. Oktober. Das mit dem dem 3. Oktober hat seinen Grund. Weil Sabine Bergmann-Pohl am 23. August in der Volkskammer das Abstimmungsergebnis bekannt gab: Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990. Das liegt Ihnen in der Drucksache Nr. 201 vor. Abgegeben wurden 363 Stimmen. Davon ist keine ungültige Stimme abgegeben worden. Mit Ja haben 294 Abgeordnete gestimmt. Mit Nein haben 62 Abgeordnete gestimmt, und sieben Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten. Meine Damen und Herren, ich glaube, das ist ein wirklich historisches Ereignis. Wir haben uns die Entscheidung alle sicher nicht leicht gemacht, aber wir haben sie heute in Verantwortung vor den Bürgern der DDR in der Folge ihres Wählerwillens getroffen. Ich danke allen, die dieses Ergebnis im Konsens über Parteigrenzen hinweg ermöglicht haben.

Ich stelle heute etwas ein, das schon in meinem ersten Jahr als Blogger am 3. Oktober hier stand (und 2015, 2016 und 2017 leicht verändert noch einmal). Es kann nicht schaden, es heute noch einmal hierher zu stellen:

Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.

Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint. 

Das hätten wir ja als Nationalhymne nehmen können, vom neuen Deutschland. Warum eigentlich nicht? Kann man ja auch zu der Melodie von Gott erhalte Franz den Kaiser singen, braucht man nicht unbedingt (wie Hans Albers in Wasser für Canitoga) zur Melodie von Goodbye Johnny zu singen. Wir haben in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg etwas länger gebraucht, bis wir überhaupt eine Nationalhymne bekamen. Es war Konrad Adenauer sehr peinlich, in Amerika mit Heidewitzka, Herr Kapitän begrüßt zu werden. Oder in seiner engeren Heimat mit Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien. Wir können ja glücklich sein, dass uns nach 1945 diese Hymne erspart blieb:

Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land.

Der Aufruf Macht das Tor auf des Bundestages von 1958 war im Jahre 1989 endlich erhört worden, als Wahnsinn das Wort der Stunde wurde. Das Wort Willkommenskultur gab es noch nicht im Repertoire der Presse, dies war jetzt Wahnsinn. Sind wir am Tag der Silberhochzeit zweier Staaten jetzt alle glücklich? Wo sind die blühenden Landschaften? Gibt es ein einheitliches Lohnniveau in Deutschland?

Es war eine Revolution ohne Blut, niemand ist an die Laterne gehängt oder vor ein Peloton gestellt worden. Erich Mielke ist verurteilt worden. Wegen eines Mordes im Jahre 1931, für nix anderes. Schalck-Golodkowski hat ein Jahr bekommen, aber auf Bewährung. Lebte danach in Rottach-Egern. Ausgerechnet da. Kaum waren wir ein Land, kaum waren die ersten verurteilt, gab es schon die ersten Rufe nach einer Amnestie. Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat, hat Bärbel Bohley gesagt. Aber für die Juristen ist alles gut, wie man hier lesen kann. Und das Wort vom Unrechtstaat hört man auch nicht mehr, seit uns die Linguistin Gesine Lötzsch erklärt hat, dass das ein propagandistischer Kampfbegriff gewesen sei.

Eine Woche nach dem Fall der Mauer bin ich einmal durch das Land gefahren, das heute nur noch Mäck-Pomm heißt (dabei ist das E in Mecklenburg ein langes Dehnungs-E). Ich konnte die Fahrt, das flache Land im Herbst mit den wunderbaren alten Alleen, genießen. Mein Bruder saß am Steuer seines nagelneuen Autos.

Das auch etwas mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Den Wagen davor hatte er bei einem örtlichen Händler gekauft, Werksvertretung der Automarke. Alles war gut. Bis eines Tages die Kripo in seiner Praxis stand. Beinahe alle Autos, die der Händler verkauft hatte, hatten mehr oder weniger gefälschte Papiere, Kilometerstand des Tachos und Nachweis für Inspektionen waren manipuliert. Der Händler war flüchtig. Er war in die DDR geflohen. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer. Der Autohändler war wahrscheinlich einer der wenigen Menschen in Deutschland, der über die deutsche Wiedervereinigung nicht glücklich war. Mein Bruder lernte Mecklenburg-Vorpommern dann später noch genauer kennen, weil der Prozess gegen den kriminellen Autohändler in Schwerin stattfand.

Kurz vor der Grenze überfiel mich bei unserer Fahrt, wie bei jedem Grenzübertritt in den Jahrzehnten zuvor, der übliche Schiss. Aber da war nichts mehr mit Kontrolle. Kein Satzbeginn mit Gänsefleisch mehr (Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen?). Keine im Busch lauernden Vopo Wartburgs mehr, wo man doch mit willkürlichen Strafmandaten so schöne Devisen einnehmen konnte. Die durch die DDR donnernden Laster aus Skandinavien wurden nie aufgeschrieben, die brachten Devisen. Ich traute dem Frieden noch nicht so recht, aber als ich in Schwerin sah, dass Jugendliche aus einem Trabbi heraus vorbeifahrenden Vopos den Mittelfinger zeigten, da wusste ich, dass eine neue Zeit angebrochen war. Das ist die Symbolik der Freiheit. Und an zerbröckelnden Mauern hing jetzt auch schon westliche Reklame. Das erste Billboard, das ich in der Noch-DDR sah, bedeckte die Wand eines zerbröckelnden Hauses. Es war von einer Zigarettenfirma, auf dem Plakat stand nur: WEST. Ich fand das eine schöne Symbolik. Ich ärgere mich noch immer, dass ich meinen Photoapparat nicht mitgenommen hatte.

Noch bevor die Mauer fiel, hatte Coca Cola den Weg in die DDR gefunden, wurde tatsächlich für zwei Mark fünfzig (Ost) in Läden gesehen. Eine Studentin, die in den Semesterferien bei Coca Cola jobbte, schenkte mir damals einen Coca Cola Anstecker und prophezeite mir, der wäre eines Tages sehr viel wert. Der rote Anstecker zeigte das geeinte Deutschland, mit dem Schriftzug Coca Cola in der Mitte. So, als ob Coca Cola Deutschland geeint hätte. Coca Cola und Kommunismus haben die gleiche symbolische Farbe. Ich weiß nicht, was der kleine Anstecker heute wert ist. Ich habe ihn aber immer noch. Ich stecke ihn jedes Jahr am 3. Oktober an.

Alles, was jetzt kam, war Kommerz. Abwickeln, umrubeln, plattmachen. Es gab damals einen Krimi aus der Reihe Schwarz-Rot-Gold, in dem der Hamburger Zollfahnder Zaluskowski mit seiner Mannschaft jetzt in Berlin sitzt, und lauter Kriminelle dabei sind, an dem Umrubeln zu verdienen. Da hat es Dieter Meichsner (dem der NDR und wir alle viel zu verdanken haben) uns mal wieder bewiesen, dass man Fernsehkrimis mit politischer Aufklärung verbinden kann.

Der erste Tatort, den die ARD 1970 sendete, hieß Taxi nach Leipzig. Er hatte gezeigt, dass man beide Deutschlands in einem Fernsehkrimi unterbringen konnte. Nach der Wiedervereinigung bekamen wir auf dem Bildschirm viele neue Kommissare, die das deutsch-deutsche Verbrechen bekämpften. Die Kommissare Kurt Böwe und Uwe Steimle aus Schwerin waren mir immer die liebsten. Aber leider ist Kurt Böwe, den viele noch aus Konrad Wolfs Der nackte Mann auf dem Sportplatz kannten, inzwischen tot. Und dem Uwe Steimle hat die ARD gekündigt.

Was war das vor fünfundzwanzig Jahren für eine Chance, gemeinsam einen neuen Anfang zu wagen! Aber dazu hätte es anderer Leute bedurft. Obgleich es ja nie an Idealisten gefehlt hat. Ich kenne Leute, die hier hochdotierte Positionen aufgegeben haben, um da drüben bei einem Neuaufbau zu helfen. Das ist etwas anderes als jene, die mit der Buschprämie dahin gelockt wurden. Aber für den dicken Kohl konnte das, woran er keinen Anteil gehabt hatte, jetzt nicht schnell genug gehen, Kanzler der Einheit wollte er sein. Sein Buch Ich wollte Deutschlands Einheit habe ich letzte Woche im Grabbelkasten eines Antiquariats gesehen, koste (nagelneu und ungelesen) zwei Euro. Ich habe es aber nicht gekauft.

Wir hätten ja von den Bürgerrechtlern lernen können und von der ganzen Intelligenz der Opposition. Wir hätten ja Jens Reich (hier mit Bärbel Bohley im Oktober 1989) zum Bundespräsidenten machen können. Wenn man bedenkt, was seit den griechischen Philosophen alles über die kluge Staatsführung gesagt worden ist. Und was gab es? Keine Konzeption, nur Gemauschel, und die so genannte Treuhand und tausenderlei Skandale, von denen die Leuna Affäre nur einer von vielen ist. Inzwischen haben wir eine Bundeskanzlerin und hatten einen Bundespräsidenten aus der DDR, aber wir können uns noch entsinnen, dass die Kanzlerin alles versucht hat, damit Gauck nicht Bundespräsident wurde.

Als die DDR Bürger dann in riesigen Zahlen kamen, weil es ein Begrüßungsgeld gab, und als ihre Rennpappen mit dem bläulichen Auspuffgas die Straßen verstopften, als die Geschäfte hier auch am Sonntag offen hatten, damit das Begrüßungsgeld gleich in ihre Kassen kam, da hatte man das Gefühl: jetzt kommt eine neue Zeit. War aber letztlich auch nur Kommerz. Ich habe dem hellblauen Trabbi, der neben mir auf dem Parkplatz stand, einen Zehnmarkschein unter den Scheibenwischer geklebt. Wochen später standen die Russen in der Einkaufsstraße und vertickten Russenuhren, alles nur Komandirskie, die Sowjetarmee bestand nur aus Kommandeuren. Und wenige Wochen später wurden sie von Leuten abgelöst, die jetzt geschnitzte geflügelte Jahresendfiguren verkauften. Der Ausverkauf des Ostens hatte begonnen. In Berlin sollen sogar Kalaschnikows auf dem Flohmarkt verkauft worden sein.

Das Gute mit der Einheit ist, dass ich Onkel Karl leicht erreichen kann. Der war zum Entsetzen der Berliner Verwandtschaft seinem Lehrer, dem Bildhauer Gustav Seitz, 1951 von Berlin-West nach Berlin-Ost gefolgt. Vor einem halben Jahrhundert habe ich meine Freundinnen bei Berlinbesuchen immer zur Stalinallee geschleppt und großspurig behauptet, dass all die Skulpturen mit den Helden der Arbeit von meinem Onkel Karl seien. Was nicht ganz stimmte, machte aber um 1960 auf junge Frauen großen Eindruck. Aber von diesen heroischen Jugendsünden war er eigentlich schon lange weg, wie seine Schwimmerin aus dem Jahre 1952 da links beweist.

Und wenig später hat er in Berlin sogar für die Bremer Stadtmusikanten gesorgt, das war wohl ein bildhauerischer Gruß an die Bremer Verwandtschaft. Das Photo von 1967 zeigt, dass eine Freiplastik auch von praktischem Nutzen sein kann. Haben wir sonst noch etwas aus der Kultur zu vermelden? Außer dem Roman Der Turm? Die Welt war der Meinung, Tellkamp habe wahrscheinlich den Roman des Jahrzehnts geschrieben. Den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Aber ist das Ganze wirklich Literatur? Es kann sich kaum mit Werner Bräunig messen. Die Neuausgabe von Bräunigs Rummelplatz und seinen Erzählungen Gewöhnliche Leute muss man unbedingt begrüßen. Dass viel, viel Geld in die Museen geflossen ist, natürlich auch.

Und sicherlich ist die Semperoper ein Schmuckstück, vor allem als Bierreklame, deshalb hat sie ja auch schon den inoffiziellen Namen Radeberger Arena. Was bleibet aber, stiften die Dichter. Also jetzt einmal von Bräunigs Roman Rummelplatz abgesehen. Und auch davon abgesehen, dass der von mir sehr geschätzte Günter de Bruyn Theodor Fontane immer ähnlicher und von Buch zu Buch besser wird.

Sein Buch Deutsche Zustände, zehn Jahre nach 1989 veröffentlicht, ist immer noch der Lektüre wert. Was auch etwas mit den schönen Photos von Barbara Klemm zu tun hat, die mit ihrer Ruhe und Ausgewogenheit hervorragend zum Ton des Buches passen. Nicht zuletzt die Duotone Druckqualität der Photos und das ruhige Layout des Buches tragen zum sinnlichen Vergnügen der Lektüre bei. Dies war ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer ein Buch, das ein anderes Deutschland jenseits des peinlichen politischen Tagesgeschäfts und der bunten Versprechungen der Werbewelt zeigte.

Ein anderes Bild von einer kommoden Diktatur zeigte uns auch Günter Grass' Roman Ein weites Feld. Den ich übrigens für seinen besten Roman halte. Ich bin kein Fan von Günter Grass, irgendjemand hatte mir diesen voluminösen Pappband in die Hand gedrückt und gesagt: Lies mal! Auf dem Cover stand: Unverkäufliches Leseexemplar... Bitte keine Rezensionen vor dem 28. August 1995. Ich las, es war ein wunderbares Leseerlebnis. Als ich die Geschichte von Fonty Wuttke las, wurde mir plötzlich klar, dass ich durch das Leben gekommen war, ohne je Fontanes Vor dem Sturm gelesen zu haben. Ein Versäumnis! Als ich mit dem Fontane fertig war, beschloss ich, dass ich jetzt eigentlich auch das tun könnte, wozu mich Friedrich Hübner jahrzehntelang drängte, nämlich endlich Tolstois Krieg und Frieden zu lesen.

Ein weites Feld bietet ein Panorama der deutschen Geschichte. Und das wenige Jahre nach der Wende, da kann man nur sagen: Respekt. Der Filmemacher Edgar Reitz brauchte etwas länger. Mit Heimat 3: Chronik einer Zeitenwende hat Edgar Reitz sein Heimat Projekt abgeschlossen und Wende und Wiedervereinigung auch nach Schabbach kommen lassen: Das ist natürlich schon für mich ein tiefgreifendes Erlebnis zu sagen 'dieses ist der letzte Teil von Heimat', also als berufliche Aufgabe. Und ich habe doch immerhin na bald 25 Jahre mit diesem Projekt verbracht, sodass dieses Projekt selbst eine Art Heimat bildet. Und das zu beenden, das ist nicht schmerzlos. Der Stoff geht mir nicht aus, und Geschichten erzählen unter dem Dach eines großen erzählerischen Werkes das Heimat heißt, das könnte ich ewig fortsetzen so lange ich gesund bin und arbeiten kann. Aber mit deutschen Fernsehsendern mich um das Budget zu streiten, und jede Silbe im Drehbuch rechtfertigen zu müssen, das will ich nicht noch einmal, das ist klar. Deswegen ist es Abschied von Schabbach

Sieben Jahre lang Gezerre mit der ARD wegen der Finanzierung für etwas, was der Abschluss des größten filmischen Meisterwerks über ein halbes Jahrhundert Bundesrepublik ist. Aber für einen Pausenclown wie Harald Schmidt, dafür hatten sie Geld bei der ARD. Das ist unser Problem, wieder nix wie Kommerz. Die Intendanten der Rundfunkanstalten haben Gehälter, von denen Bundespräsidenten nur träumen können, und was wird produziert? Dieser erschütternde Degeto-Quark, aber kein Geld für Heimat 3. Na ja, wir sind nicht aufs Fernsehen angewiesen. Gucken Sie sich jetzt nicht bei YouTube Heimat an, sondern kaufen Sie sich das Gesamtwerk Heimat I-III. Passt zur Themenwoche Heimat, die die ARD gerade [i.e. 2015] veranstaltet.

Was bleibet aber, stiften die Dichter. Mein Buch der Einheit fiel mir (wie die besten Bücher, die ich gelesen habe) in einem Grabbelkasten in die Hand. Noch auf der Straße im Passantengewühl fing ich an zu lesen. Das Buch heißt Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise. Und ich nehme mal an, dass die Autorin Irina Liebmann mit ihren Büchern nicht auf sechs Millionen verkaufte Exemplare kommt wie Ildikó von Kürthy. Oder Inga Lindström, Charlotte Link und wie sie alle heißen. Obgleich es wirklich schön wäre, wenn sechs Millionen Deutsche Irina Liebmanns Buch lesen würden. Ein sentimental journey durch Deutschland, Ost und West, wechselnd zwischen Prosa und prose poem. Von der Wasserwelt in Lebus bis zum Rhein, hoch poetisch und hoch komisch. Dies ist ein Buch, das uns unsere hässliche Wirklichkeit vergessen lassen kann - obgleich die immer auch im Buch ist. Ich bin dem Zufall dankbar, dass ich das Buch 2010 passend zum zwanzigsten Jahrestag der Einheit gefunden hatte. Und ich bin Irina Liebmann ja sowas von dankbar, dass sie dieses Buch geschrieben hat.


Sie könnten auch noch lesen: Unser Land, Schicksalstag, Mauer, Mauern, Bauarbeiten, German German Overalls, God Save the King

Sonntag, 30. September 2018

Sommerende


Wir haben den Monat September mit etwas Lyrischem begonnen, und ich möchte ihn auch mit einem Gedicht schließen. Mir ist ein wenig nach Sommerende, da brauche ich nur aus dem Fenster zu schauen. Ich könnte jetzt Rilkes Gedicht Herbsttag zitieren, aber das steht mit anderen Herbstgedichten in dem Post Herbst. Da findet sich auch Wilhelm Lehmanns schönes Gedicht Fahrt über den Plöner See. Das Bild hier aus dem Jahre 1907 ist von dem interessanten Maler Gustav Kampmann, der am 30. September 1859 geboren wurde.

Er hat wunderbare plakativ großflächige Landschaftsbilder gemalt, die nach hundert Jahren noch modern wirken. Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 über Kampmann: daß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Ich habe hier zu dem Maler noch eine sehr interessante Seite.

Wenn ich nicht unbedingt ein Gedicht hätte präsentieren wollen, hätte ich heute über ihn schreiben können. Vielleicht kommt das noch einmal.

Heute möchte ich ein Gedicht bringen, das noch nicht in diesem Blog stand. Es ist Erich Kästners Gedicht Der September:

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

Freitag, 28. September 2018

eifohn


Ich besitze zum ersten Mal in meinem Leben ein Mobiltelephon. Brauche ich nicht wirklich, möchte ich auch nur für Notfälle haben, falls Vodafone mal wieder spinnt. Kam letztens häufiger vor. Ich wollte irgendetwas Preiswertes haben, etwas, mit dem man nur telephonieren kann. Ich fragte Matthias, der mir damals meine Vodafone Easy Box eingerichtet hatte. Er empfahl mir, bei ebay ein altes Nokia zu kaufen. Die waren ja mal Marktführer, heute wird der Markt von anderen beherrscht. Volker bot mir sein altes Nokia an, musste aber feststellen, das das schon richtig tot war. Ich erkundigte mich bei Omnicron, wo ich meinen großen Bildschirm gekauft habe und alle zwei Jahre eine neue Maus kaufe, nach einfachen Telephonen. Erfuhr, dass es Rentnertelephone gab. Große Tasten, nur telephonieren, sonst nix. Das wäre eine Möglichkeit.

Aber dann bekam ich von einer ehemaligen Nachbarin den Namen von Arne Herbst, der einen Service für alle Apfelsorten anbietet. Sie hatte bei ihm preisgünstig ein gebrauchtes IPhone gekauft und war sehr damit zufrieden. Der Service für alle Apfelsorten ist bei mir um die Ecke, ich rief da an und erkundigte mich nach dem billigsten Iphone. Wenn schon, denn schon. Warum nicht gleich ein Statussymbol? Dieser Arne Herbst ist riesig nett und brachte mir wenige Tage später ein schmales schwarzes Apple Produkt ins Haus, ein Jahr Garantie. Mit Sim Card und Vertrag. Ein Billigvertrag: 100 Minuten im Monat für zwei Euro. Mehr brauche nicht. Die schwarze Schönheit erwies sich kapazitätsmässig als etwa schwach auf der Brust, Arne Herbst brachte mir ein anderes, ein verbessertes Modell.

Mit dem kam ich gut zurecht, ein Kapazitätswunder ist das Ding aber auch nicht. Herr Herbst kommt nächste Woche vorbei und guckt sich das mal an. Tauscht den Akku aus oder so etwas. Service wird bei ihm groß geschrieben. Ich wäre wahrscheinlich mit einem alten Nokia oder einem Rentnertelephon auch glücklich gewesen, aber jetzt habe ich dieses kleine schwarze Teil, das nach Statistiken das Auto als Statussymbol längst überholt hat. Es ist ja eigentlich kein Telephon, es ist ein Computer, mit dem man zufälligerweise auch telephonieren kann. Und das seine Besitzer abhängig macht, dass sie nichts mehr von der wirklichen Welt sehen, sondern immer auf das Display glotzen müssen. Und wischen und tippen, wischen und tippen.

Mehrere Stunden am Tag verbringt ein Smartphone Nutzer vor seinem Handy. Man hat für die neue Gattung Mensch schon ein neues Wort erfunden: Smombies. Das ist ein sogenanntes Portmanteau Wort (so wie Wort Brexit, das aus Britain und Exit zusammengesetzt wird.) Das Sm kommt vom Smartphone, das ombies von den Zombies. Das ist es, dahin wird die Menschheit kommen, Smartphone Zombies.

Das Telephon kann süchtig machen: Please, God, let him telephone me now. Dear God, let him call me now. I won't ask anything else of You, truly I won't. It isn't very much to ask. It would be so little to You, God, such a little, little thing. Only let him telephone now. Please, God. Please, please, please. Das ist der Anfang von Dorothy Parkers klassischer Geschichte A Telephone Call. Ich habe die deshalb zitiert, damit dieser Post auf ein etwas höheres Niveau kommt. Literatur und Telephone wären auch ein schönes Thema. In Japan hat man schon den Telephonromane erfunden, dem Unsinn sind keine Grenzen gesetzt.

Natürlich kann man auch positive Dinge über Telephone sagen, ich hätte da zum Schluß eine kleine lyrische Lobeshymne auf das Telephon von Edward Field:

My happiness depends on an electric appliance
And I do not mind giving it so much credit
With life in this city being what it is
Each person separated from friends
By a tangle of subways and buses
Yes my telephone is my joy
It tells me that I am in the world and wanted
It rings and I am alerted to love or gossip
I go comb my hair which begins to sparkle
Without it I was like a bear in a cave
Drowsing through a shadowy winter
It rings and spring has come
I stretch and amble out into the sunshine
Hungry again as I pick up the receiver
For the human voice and the good news of friends

Dienstag, 25. September 2018

Lügenpresse


Nachdem der englische General Robert Napier die Bergfestung von Magdala erobert hatte, setzt eine beispiellose Plünderung ein. Gerhard Rohlfs, der als Beobachter bei den Truppen Napiers ist, hat das alles beschrieben. Er hat auch einem betrunkenen englischen Soldaten die goldene Kaiserkrone für zwei Buddeln Rum abgekauft. Er war sich nicht so sicher, ob dies wirklich die Krone des Kaisers Theodor von Abessinien war, schickt das Beutestück aber an den preußischen König. Der sie den Engländern zurückgibt. So korrekt sind die Deutschen. Das ist der Tenor eines Presseberichts über den Verbleib der Krone, mit dem ausländische Unterstellungen von Unterschlagung zurückgewiesen werden. Die vor allem  aus Frankreich kommen. An dieser Stelle gebraucht die Zeitung das Wort Lügenpresse. Gemeint sind damit die Franzosen. Wir sind im Jahre 1868, und mich erstaunte dieser frühe Gebrauch des Wortes, das 2014 das Unwort des Jahres war.

Ich hatte nie über die Geschichte des heute inflationär gebrauchten Wortes nachgedacht, musste aber nach der Lektüre des recht guten Wikipedia Artikels feststellen, dass das Wort schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Gebrauch ist, und vor allem während der 1848er Revolution (als auch die Zensur aufgehoben wird) Konjunktur hat. Nun begann ich zu suchen: wann fängt das Ganze an? Ich fand in einem katholischen Blatt namens Herold des Glaubens aus dem Jahre 1839 den vielleicht frühesten Beleg, allerdings wird die Lügenpresse hier noch in Anführungszeichen gesetzt. 180 Jahre Lügenpresse, 180 Jahre Verteufelung des politischen Gegners. Wir lügen alle betitelte Margret Boveri ihr Buch über den Journalismus im Dritten Reich. Damals hatte das Wort Lügenpresse seine zweite Konjunktur, heute dank AfD und Pegida wieder. Wer heute Lügenpresse brüllt, hatte früher wahrscheinlich ein Abo des Neuen Deutschland. Die Verluderung der Sitten nimmt zu. Können wir stolz darauf sein?

Gerhard Rohlfs war sich 1868 darüber im klaren, dass er wohl nicht die echte goldene Krone an sich genommen hatte. Er spricht davon, dass die wirkliche goldene Königskrone, Säbel, Schwert von Sir Robert Napier fürs englische Gouvernement und mit vollstem Rechte in Beschlag genommen wurde. England hat eine Krone im 20. Jahrhundert Haile Selassie bei einem Staatsbesuch zurückgegeben. Allerdings nur eine silberne, die goldene ist weiterhin im Victoria und Albert Museum. Den Rest der Beutekunst von der Plünderung von Magdala hat man nicht zurückerstattet. Dafür kämpft heute die Organisation Afromet. Nichts auf der Welt kommt wirklich in Ordnung.

Samstag, 22. September 2018

Gerhard Rohlfs


Drei der deutschen Afrikareisenden des 19. Jahrhunderts, Gerhard Rohlfs, Heinrich Vogelsang und Adolf Lüderitz, kamen aus der Hansestadt Bremen. Und wir haben da ein Kolonialdenkmal, das jetzt Antikolonialdenkmal heißt (lesen Sie mehr in dem Post Afrika). Das Bremer Kolonialdenkmal ist ein stilisierter Elefant aus Klinkern. Wunderbar, um in der Nacht da drauf zu klettern, die Klinker geben einen guten Griff für die Schuhe. Man verbindet einen Bummel über den Bremer Freimarkt immer mit der Mutprobe, dem nächtlichen Erklettern des Elefanten, wofür ist der sonst da? Die Polizei guckt da schon gar nicht mehr hin. Mit dem Bau des Elefanten, dem sogenannten Reichskolonialehrendenkmal, wollte man 1931 symbolisch an den Handel mit Afrika im 19. Jahrhundert anknüpfen, in der Hoffnung, dass die alten Verbindungen in den 1920er Jahren neu belebt werden könnten. 1989 hat man das steinerne Tier zum Antikolonialdenkmal umgewidmet. So einfach trennt man sich von der Vergangenheit. Beim Bremer Kultursenator gibt es jetzt eine etwas magere Seite, die Materialien zu Bremens Rolle im Kolonialismus anbietet. Man geht vorsichtig mit der dunken Vergangenheit um, die Aufschrift Colonialwaren an Lebensmittelgeschäften gibt es auch nicht mehr.

Mit dem Kolonialismus hat Gerhard Rohlfs, ebenso wie Gustav Nachtigal, eigentlich nicht so viel am Hut, er gründet keine Kolonie wie Lüderitz, mordet sich nicht durch Afrika wie Dr Carl Peters, den man auch blutige Hand und Hänge-Peters nennt. Dass Hans Albers in einem Nazi Propagandafilm den Dr Peters verkörperte, gereicht ihm nicht zur Ehre. Rohlfs ist, dass muss man betonen, entschieden gegen Sklaverei und Sklavenhandel, obwohl ihn ein geschenkter Sklave, den er Henry Noël tauft, ständig begleitet.

Rohlfs wird sich für die Afrikapolitik des Bismarckschen Reiches instrumentalisieren lassen, vor allem, wenn er deutscher Generalkonsul in Sansibar ist. Dort steht er aber im ständigen Gegensatz zu Bismarck, der lange an ihm festhält, als andere seine Abberufung forden. Das Amt in Sansibar gibt Rohlfs (hier bei seinem Antrittsbesuch beim Sultan) nach einem halben Jahr auf. Nicht von Haus aus Beamter und von daher mit jenem allen amtlichen Organisationsstrukturen gemäßen Schematismus nicht vertraut, der auch seiner Aufgabe zugrunde lag, nicht dazu zu bewegen, sich den Gepflogenheiten seines - und ebenso des Auswärtigen - Amtes anzupassen, etwa die regelmäßige Berichterstattung strikt einzuhalten, kein geschulter Diplomat und damit innerhalb des exklusiven Diplomatischen Dienstes ein Fremdkörper. Das schreibt ein gewisser Graf von Pfeil, der im übrigen mit einem Mörder wie Dr Carl Peters paktiert.

Bremen wollte für Gerhard Rohlfs ein Denkmal bauen lassen, das ihn auf einem riesigen Kamel zeigen sollte, aber daraus ist, wie aus anderen Plänen, nichts geworden. Erst 1961 haben wir in Vegesack eine moderne Plastik bekommen, eine Kreuzung zwischen Stele und Wegweiser, die im Fährgrund steht. Kann man aber nicht raufklettern. An seinem Geburtshaus ist eine Plakette, eine Gerhard Rohlfs Straße haben wir seit 1910 auch. Ein Gerhard Rohlfs Gymnasium sowieso.

Er wird als Sohn eines Arztes 1831 in Vegesack geboren, und im Gegensatz zu seinen beiden älteren Brüdern, die beide ordentliche Ärzte werden, ist er ein missratenes Kind. Ständige Schulwechsel, keine Matura. Büxt aus in die Armee, um Schleswig-Holstein vor Dänemark zu retten. In der schleswig-holsteinischen Frage, die wir alle nicht verstehen, über die Lord Palmerston gesagt hatte: Only three people... have ever really understood the Schleswig-Holstein business—the Prince Consort, who is dead—a German professor, who has gone mad—and I, who have forgotten all about it.

Rohlfs wird in der Schlacht von Idstedt zum Secondelieutenant befördert, wegen Tapferkeit. Danach ist der Krieg zu Ende, Rohlfs studiert Medizin, wechselt ständig die Universitäten, Heidelberg, Würzburg, Göttingen. Ein lustiges Leben im studentischen Corps der Hannoverana, Alkohol, Spielschulden. Eine Wiederholung, ein Jahrhundert weiter, von A Rake’s Progress. In den Semesterferien scheitert ein Versuch, in der österreichischen Armee unterzukommen. Er desertiert nach kurzer Zeit und geht nach Frankreich. Er wird seine Schwester von Nîmes aus bitten, ihm Geld zu senden. Da bereitet er sich auf ein Examen vor, den Concours für eine militärärztliche Tätigkeit in der Légion êtrangère. Er besteht 1855 den Kurs (der in Deutschland nicht für eine Zulassung als Arzt ausgereicht hätte), wahrscheinlich ist von den wenigen Semestern bei Rudolf Virchow in Würzburg doch etwas hängen geblieben. Er ist jetzt Feldscher in der Armee einer Kolonialmacht in Algerien. Sechs Jahre (oder vielleicht nur drei, die Quellen sind da widersprüchlich) in einer Besatzungsarmee, über diese Zeit wird der spätere Reiseschriftsteller wenig schreiben.

Bis jetzt ist das die Karriere eines Verlierers, in manchem der Karriere des jungen Joseph Conrad ähnlich. Nur bringt der mehr mit an Intelligenz und Sprachbegabung mit. Niemand würde in der Phase von Conrads Leben, als er Spielschulden hat und einen Selbstmordversuch unternimmt, darauf wetten, dass er Kapitän in der englischen Marine und einer der bedeutendsten englischen Romanciers werden wird. Niemand wird 1861 darauf wetten, dass aus dem gescheiterten stud. med. Gerhard Rohlfs der meistgelesene deutsche Afrikaschriftsteller des 19. Jahrhunderts werden wird.

Wenn wir Rohlfs mit seinem Zeitgenossen Sir Richard Francis Burton vergleichen, werden die intellektuellen Defizite von Rohlfs nur noch deutlicher. Nach der Zeit in der französischen Armee geht er nach Marokko, wird Leibarzt eines Sultans und hätte jetzt eigentlich ein Auskommen. Sein Bruder reist ihm nach und versucht, ihn zur Heimkehr zu überreden. Vergeblich, Rohlfs will weiter in das Herz des dunklen Kontinents. Seine erste Reise (die sein älterer Bruder Hermann finanziert hat) endet in einem Desaster, er entkommt nur knapp dem Tod. Sein zerschossener und zerhackter Arm wird von einheimischen Naturheilkundlern in weichen Ton gelegt und heilt wieder aus (die linke Hand wird gelähmt bleiben). Diese medizinische Wundertat machte den Hauptteil des Gerhard Rohlfs Vortrags in der siebten Klasse meines Gymnasiums aus. Wenn man vierzehn ist, wird man von solchen Geschichten beeindruckt.

Der Reiz des Neuen, das Lockende, völlig unbekannte Gegenden durchziehen zu können, fremde Völker und Sitten, ihre Sprache und Gebräuche kennen zu lernen, ein Trieb zu Abenteuern, ein Hang, Gefahren zu trotzen: Alles dies bewog mich, das Wagnis auszuführen, schrieb Rohlfs. Jeder andere würde nach diesen Erlebnissen nach Vegesack zurückkehren. Aber nicht Gerhard Rohlfs, achtzehn Jahre seines Lebens wird er in Afrika verbringen, und diese Jahre zählen doppelt, wird er sagen. Er wird der erste sein, der die Sahara durchquert, von Tripolis bis Lagos, von Tanger bis Assuan. Er wird der erste und letzte sein, der ein Afrika kennen lernt, das vor ihm noch kein Europäer gesehen hat, das noch nicht von den Kolonialmächten aufgeteilt ist. Seine Expeditionen werden im Laufe der Zeit immer besser ausgestattet sein, werden durch das Mitnehmen von hochkarätigen Wissenschaftlern auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Am Anfang hat er nur sein in der Legion geschultes Gespür für Macht- und Sozialstrukturen, seine Beobachtungsgabe (die noch nicht die geschulte Beobachtung, die thick descripion, eines Clifford Geertz ist) und seinen Bleistift, mit dem er alles aufschreibt.

Sein Bruder wird seine ersten Berichte und Tagebücher nach Deutschland bringen und für die Veröffentlichung sorgen. Glücklicherweise gerät alles in die Hände von August Petermann in Gotha, Deutschlands berühmtestem Kartographen. Der wird aus Rohlfs kryptischen Aufzeichnungen ein neues Bild der Sahara konstruieren, eines, in dem weniger weiße Flecken auf der Karte sind. Er wird auch behutsam alle Texte edieren, ergänzen, interpolieren, ihnen einen wissenschaftlichen Touch geben. Gerhard Rohlfs wäre nichts, hätte es August Petermann nicht gegeben. Wenn Rohlfs nach Jahren in Afrika zum ersten Mal wieder nach Vegesack zurückkehrt, wird er nicht mehr ein Aussteiger, ein Herumtreiber, das Sorgenkind der Familie sein, er ist jetzt berühmt. Man wird seinen Namen in einem Atemzug mit Hornemann und Heinrich Barth (den er inzwischen gelesen und kennen gelernt hat) nennen. In einem Atemzug mit solchen Namen wie Mungo Park und David Livingstone. Beinahe alle seine Schriften sind heute noch erhältlich. Von seinem Hauptwerk Quer durch Afrika 1865-1867 gibt es sogar ein Audiobook, gelesen von Hans-Peter Hallwachs (der seine Karriere einst als Schauspieler bei Zadek in Bremen begann).

Quer durch Afrika liest sich noch heute gut. Es hat nicht die literarische und moralische Dimension von Joseph Conrads Heart of Darkness, aber es zeigt einen wachen Geist, einen neugierigen und erstaunlicherweise in dieser Zeit unvoreingenommenen Beobachter. Von Kiplings white man’s burden und von Carl Peters’ Rassenideologiewahn ist hier wenig zu spüren. Es ist auch ein Zeugnis einer gewissen Arglosigkeit und Naivität, die ihn am Ende seines Lebens den Massenmörder Leopold II von Belgien als einen hochherzigen Menschenfreund sehen lässt. Conrad hat in Heart of Darkness über den Genozid in Belgisch-Kongo anders geurteilt, die letzten Worte von Kurtz sind: the horror, the horror. Mark Twain wird in King Leopold’s Soliloquy schärfere, bösere Worte finden. Die zweite Auflage (price 25 cents) ziert ein Kreuz und ein Schlachtermesser

Wenn man Rainer-K. Langners etwas verworrene Mixtur aus fabulierendem Roman und Rohlfschen Zitaten, Das Geheimnis der großen Wüste, außer acht lässt, dann bleibt das wohl beste Werk über den Afrikareisenden das kleine Buch von Wolfgang Genschorek, Im Alleingang durch die Wüste: Das Forscherleben des Gerhard Rohlfs ist 1982 bei Brockhaus in Leipzig in der Reihe Pioniere der Menschheit erschienen. Es setzt Rohlfs in die politischen Verhältnisse seiner Zeit, spart nicht mit Kritik. Denkt aber nicht daran, wie Genschoreks DDR-Historikerkollegen das mit Gustav Nachtigal tun, ihn in die Nähe zu Carl Peters zu rücken.

Dies alles hört man im Vegesacker Heimatmuseum damals nicht, hier liegen der Nachlass von Gerhard Rohlfs und alles, was er an Denkwürdigem aus Afrika mitgebracht hat. Eine Flagge, die die Kaiserin von Äthiopien für ihn bestickt hat (ich weiß nicht, ob diese Geschichte wahr ist). Von dem ersten äthiopischen Abenteuer, als Rohlfs Beobachter in der englischen Armee von Sir Robert Cornelis Napier ist, ist nicht die Rede. General Napier wird nach der blutigen Erstürmung von Magdala zum Baron of Magdala ernannt, der Kaiser Theodor II begeht Selbstmord. Rohlfs kauft einem betrunkenen englischen Soldaten die goldene Kaiserkrone für zwei Buddeln Rum ab. Zwischen Vegesack und dem dunkelsten Afrika liegt die halbe Welt, aber Rohlfs wird seinem Heimatort immer verbunden bleiben. Vegesack ihm auch, der Marschendichter Hermann Allmers wird dafür sorgen, dass er ein Paar Walkiefer erhält, die er vor seinem Haus in Weimar aufstellt. Das Grab des doctor honoris causae, Hofrats und ehemaligen Generalkonsuls von Sansibar Gerhard Rohlfs ist auf dem Vegesacker Friedhof.

Lesen Sie auch: Emily RueteAfrika, Ein Platz an der Sonne

Dienstag, 18. September 2018

Theater


Michael Caine hat in seiner Autobiographie What’s it all About? gesagt, dass man das wird, wovor man am meisten Angst hat. Er ist Schauspieler geworden. Ich habe keine Angst vor der Bühne, ich werde auch kein Schauspieler. Ich habe keine theatralische Sendung wie Wilhelm Meister oder Anton Reiser. Meine Bühne als Schauspieler werden für mehrere Jahrzehnte die Quadratmeter vor der Wandtafel in den Hörsälen der Universität sein. Da bin ich eine kleine Rampensau, die Studenten lieben das.

Und doch habe ich ein wenig Erfahrung auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten. Ich sage nur: Schultheater. Hieß damals noch Laienspiel oder Spielschar, diese Namen sagen schon alles. Hätte ich gar nicht mehr als Kurs nehmen dürfen, weil ich mein Wahlfachkontingent mit Kunsterziehung und Französisch schon voll habe, aber man macht für mich eine Ausnahme. Ich wollte ja auch nur zum Theater, weil ich Bühnenbilder gestalten wollte. Hätte man mich gelassen, aus mir wäre Robert Wilson geworden. Oder Wilfried Minks, der jetzt am Bremer Theater revolutionäre Bühnenbilder gestaltet. So aber werde ich, da die Position des Bühnenbildners schon von einem älteren Schüler besetzt ist, Regieassistent und Souffleur.

Bei Was ihr Wollt habe ich noch die Kulissen unter der Anleitung von Rolf B. ausgemalt, aber das ist frustrierend unter meinen Fähigkeiten. Ich übernehme kleine Nebenrollen: ein Ritter in Der junge Parzival, ein Staatsrat in Leonce und Lena, den Butler Lane in Bunbury or, The Importance of Being Earnest. Henry von Heiselers Stück über den jungen Parzival ist ein ziemlicher Fehlgriff des Leiters der Spielschar, das sage ich ihm auch, so was sollte man nicht aufführen. Poetische Stücke wie Leonce und Lena und Eichendorffs selten gespieltes Stück Die Freier (wo ich der Souffleur bin) sind O.K., von Heiselers Parzival nicht.

Wolframs Parzival lese ich damals zweisprachig, Wolfram von Eschenbachs Original und die neuhochdeutsche Übersetzung. Es steht ja damals noch (heute in den Zeiten von G-8 und Turboabitur undenkbar) Mittelhochdeutsch auf dem Unterrichtsplan. Die poetische Sprache fasziniert mich immer wieder:

Do er die bluotes zäher sach
ûf dem sné (der was al wîz),
dô dâhter ‘wer hât sînen vlîz
gewant an diese varwe clâr?
Cundwier âmûrs, sich mac für wâr
Disiu varwe dir gelîchen.

Blutstropfenszene, werden die Germanisten ungerührt sagen. Für mich ist das einer der Höhepunkte der deutschen Dichtung, Goethe hin oder her. Goethe und ich werden nie Freunde. Jimmy kann einen großen Teil seines Werkes auswendig, da ähnelt er Erich Trunz. Ich mache einen Bogen um Goethe, leider steht er im Lehrplan. Ich muss in der 13. Klasse einen Aufsatz mit dem Thema Deuten Sie die Erscheinungen des Weiblichen in Faust als Symbol! schreiben. Ich würde jetzt ja gerne wissen, was ich damals dazu geschrieben habe. Mich interessieren in dieser Zeit ganz andere Formen des Weiblichen, wie zum Beispiel die mit der Stupsnase und den Sommersprossen.

Aber Wolfram von Eschenbach, das ist wirkliche Literatur. Ich schreibe viele seiner Zeilen in meine eigenen Gedichte hinein (wenn man mit achtzehn nicht dichtet, hat man im Leben etwas falsch gemacht), diese Montagemethode habe ich von Ezra Pound. Karl Lachmanns Wolfram von Eschenbach habe ich immer noch. Vielleicht sollte man an den Gymnasien mal Dieter Kühns Der Parzival des Wolfram von Eschenbach zur Pflichtlektüre machen.

Die Inszenierung von Henry von Heiseler ist auch deshalb ein Flop, weil eine der Hauptrollen an einen Schüler gegangen ist, der furchtbar doof ist und nicht das geringste schauspielerische Talent hat. Er fuchtelt mit seinem Holzschwert herum und sagt seine Verse auf, Know your lines and don't bump into the furniture. Wir haben uns immer ein bisschen für ihn geschämt. Später wird er Staatsminister für Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Edu Schäfer, der Spielleiter, heißt gar nicht Eduard, aber in der ganzen Schule heißt er so. Vielleicht hat er mal versucht, die Wahlverwandtschaften im Unterricht lesen zu lassen. Er nimmt die literaturkritischen Anmerkungen seines neuen Regieassistenten durchaus ernst und macht mir eine erstaunliche Offerte.

Ich darf mir jede Woche ein Buch aus der Lehrerbibliothek entleihen. Dafür muss ich jede Woche durch das ganze Lehrerzimmer, zuerst mit klopfendem Herzen, in die Lehrerbibliothek. Hier steht die gesamte deutsche Literatur, Joseph Kürschners Deutsche National-Litteratur. So etwas kaufen Germanistikinstitute und Universitätsbibliotheken. Abschreckend. Eigentlich lese ich jetzt ja Prousts À la recherche du temps perdu, aber daneben arbeite ich mich nun in den nächsten Jahren von Regal zu Regal. Mein Germanistikstudium wird mir nicht mehr viel bieten können. Wer außer mir hat freiwillig Achim von Arnims Die Kronenwächter gelesen? Dr Hans Ludwig Schäfer bin ich heute noch dankbar, das habe ich ihm vor zehn Jahren auch gesagt.

Das Schultheater wird sich entwickeln, „Laienspiel“ wird Jahrzehnte später ein Begriff sein, den man nur noch in Oberammergau gelten lässt, das Schultheater wird professionell werden, ich merke das in den achtziger Jahren, wenn ich anstelle meiner erkrankten Frau die Theater AG eines Kieler Gymnasiums leite. Gerade wurde übrigens in Kiel das 34. Schultheaterfestival (das größte Schultheaterfestival Europas) eröffnet, das zeigt, dass das Schultheater einen ganz anderen Stellenwert bekommen hat. Die Langeweile, die das Schultheater in den 60er Jahren verbreitete, lag damals nicht an unserer Schule, die anderen Schulen machten auch kein anderes Theater. Die stinklangweilige Inszenierung von Aucassin und Nicolette in der PH Bremen habe ich nur deshalb ertragen, weil Ingrid darin mitspielt. Aber sie rettet das Stück auch nicht. Dabei wäre das so einfach, im Theater mit hübschen Frauen hübsche Dinge zu machen. Um Truffaut etwas abzuwandeln. Wir tapsen auf den Bühnen der Aulen vor dem Hintergrund der Orgeln mit schweren Fußfesseln. Die deutsche Bildung und die tiefere Bedeutung machen uns das Gehen schwer. Wenn wir Eichendorffs Die Freier oder Büchnes Leonce und Lena ein wenig gegen den Strich gebürstet hätten, was hätte aus uns werden können?

In Bremen zeigt man uns unter der Ägide von Kurt Hübner, der seinen jungen Wilden wie Zadek und Peter Stein freie Hand lässt, wie Theater aussehen könnte. Meine Eltern mögen diese Sorte Theater nicht, und so komme ich in den Genuss ihrer Abo Karten, von Torquato Tasso bis Hamlet. Man muss ehrlicherweise sagen, dass nicht alles, was Zadek auf die Bühne bringt, großes Theater ist. Manches ist schlicht nur Klamauk. Ein Theatererlebnis sollte ich noch erwähnen, den Besuch einer amerikanischen Aufführung von Arthur Millers Death of a Salesman in einer Kaserne in Bremerhaven. Die Bühne gehört zum Freizeitzentrum der amerikanischen Truppen, und dieses Gebäude bietet neben der Bühne alles, etwas der GI für die Zeit nach dem Dienst braucht. Säle voller Tischtennisplatten und hunderte von fetten, großen Ledersesseln. Die Bühne verzichtet angenehmerweise auf ein Bühnenbild, das ist schon mal nicht schlecht, der Regisseur macht alles mit Licht und Scheinwerfern. Bleibt einem bei Willy Lomans Erinnerungsszenen auch keine andere Wahl. Und dann der ganze Text im Original.

Das Schönste aber ist die Fahrt zurück. Wir sind mit riesigen grünen Armeebussen gekommen, wir werden mit den gleichen Bussen zurückgebracht. Die haben keine Fenster, lediglich oben im Dach gekurvte Glasluken. Es ist schon nach Mitternacht, wir sind voll von Arthur Miller und dem gescheiterten American Dream, und wir sind müde. Aber wenn man sich im Sitz zurücklehnt, dann kann man da oben in den gebogenen Fenstern den blauen Nachthimmel, Wolken, einzelne Sterne, Zweige von großen Bäumen und Telegraphenleitungen sehen. Das ist auch ein schönes Schauspiel. Jetzt ist schon Montagmorgen, in der ersten Stunde wird es französische Grammatik geben, in der zweiten die Declaration of Independence. Die Phrase the pursuit of happiness passt prima zu Willy Loman. Jefferson hat das in letzter Minute geändert, eigentlich war nicht von happiness die Rede, sondern von property. Daran denken Amerikaner ja als erstes. Hätte auch zu Willy Loman gepasst.