Donnerstag, 16. August 2018

Willam Daniells Orient


Er war schon einmal in diesem ➱Blog, und damals schrieb ich: Vielleicht komme ich ja noch einmal dazu, auch über ihn zu schreiben. Meistens komme ich ja nicht dazu. Ich stellte damals William Daniell zusammen mit John Constable vor, und es erscheint uns heute schwer vorstellbar, dass Daniell (hier sein Blick auf Windsor Castle) berühmter als Constable war und viel früher als der in die Royal Academy aufgnommen wurde.

William Daniells Eltern sterben früh, sein Onkel der Maler Thomas Daniell (1749-1840) zieht ihn auf, nimmt ihn 1785 als Assistenten mit nach Indien. Meister und Lehrling. Als sie 1794 nach London zurückkommen, sind sie Partner, künstlerisch und finanziell. Der junge William Daniell hat schnell gelernt. Die beiden Daniells haben sich durch ganz Indien gemalt. Haben sozusagen auf Vorrat gemalt und gezeichnet, das wollen sie jetzt verkaufen.

Und sie werden es verkaufen. Von 1795 bis 1808 arbeiten die beiden an ihrem Werk ➱Oriental Scenery (Volltext), das den stolzen Preis von 210 Pfund Sterling hat. Das ist damals viel, viel Geld. Dreißig Stück kauft allein die East India Company, die Indien beherrscht. Die Rezensionen sind lobend. So schreibt das Calcutta Monthly Magazine: the execution of these drawings is indeed masterly; there is every reason to confide in the fidelity of the representations; and the effect produced by this rich and splendid display of oriental scenery is truly striking. In looking at it, one may almost feel the warmth of an Indian sky, the water seems to be in actual motion and the animals, trees and plants are studies for the naturalist.

William Daniell starb am 16. August 1837. Da sieht das Indien und China der beiden Daniells ganz anders aus als am Ende des 18. Jahrhunderts, da ist der erste Opiumkrieg gerade vorbei. Das hier sind die berühmten Canton Factories in der Sicht von William Daniells. Auch von ihnen wird in seinem Todesjahr nicht mehr viel übrig sein.

Wenn Sie ein optisches Fest mit dem Werk der beiden Daniells haben wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Montag, 13. August 2018

Millais


Nicht jedermann mochte das Bild von Christus im Haus seiner Eltern, das John Everett Millais 1850 dem viktorianischen England präsentierte. Der schärfste Kritiker war Charles Dickens, der in seiner Zeitschrift Household Words über den Christus von Millais sagte: a hideous, wry-necked, blubbering, red-haired boy in a nightgown, who appears to have received a poke playing in an adjacent gutter, and to be holding it up for the contemplation of a kneeling woman, so horrible in her ugliness that (supposing it were possible for any human creature to exist for a moment with that dislocated throat) she would stand out from the rest of the company as a monster in the vilest cabaret in France or in the lowest gin-shop in England.

Millais ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden, zum ersten Mal in dem Post Ritter mit einem Bild, das Raymond Chandler in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben hat. Während in Frankreich Maler wie Boudin den Himmel und die Küste entdecken, scheinen die Engländer die Errungenschaften von Constable und Turner vergessen zu haben und begeistern sich nur noch für das Mittelalter. Die Königin auch. Sie verleiht Millais den Titel eines Baronets, er ist der erste Künstler, der diesen Titel bekommt.

Millais (hier seine Ophelia) ist heute vor 122 Jahren gestorben, der Kitsch, den er produziert hat, hält sich hartnäckig in England. Wenn Sie noch mehr über den schlechten Geschmack der Victorianer lesen wollen, dann klicken Sie doch die folgenden Posts an: Penelope Boothby, Gustav Christian Schwabe, Drachen, Mark Girouard, Shakespeare, Spätrömische Dekadenz.

Sonntag, 12. August 2018

word processor


Der Computer kam mit einem Kran durch das ausgebaute Fenster. Standing in the leafy square in which I lived, watching all this activity, I had a moment of doubt. I was beginning to think that I had chosen a rather unusual way to write books, sagte der Mann, der das Monster bestellt hatte. Heute kommt ein Computer in einem kleinen Karton und ist, wie mein Apple Mini, kleiner als das Webster Dictionary. Der englische Schriftsteller Len Deighton war 1968 die erste Person, die einen Roman auf dem IBM wordprocessor MTST schrieb. Computer für jedermann gab es erst dreizehn Jahre später, als IBM heute vor 37 Jahren seinen Personal Computer 5150 auf den Markt brachte. Von nun an werden viele Schriftsteller einen Computer benutzen, was uns aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die Masse der Weltliteratur mit der Hand geschrieben wurde. Alles Erworbene bedroht die Maschine, gilt hier nicht unbedingt.

Der Roman, den Deighton mit dem IBM MTST schrieb, hieß Bomber, er gehört mit zu seinen besten Werken. Aber geschrieben hat Deighton, dem wir The Ipcress File und all die schönen Sponageromane verdanken, die Ian Fleming alt aussehen ließen., das Buch nicht auf dem Magnetic Tape Selectric Typewriter. Er schrieb weiter auf seiner elektrischen IBM Kugelkopf Maschine, klebte auch handschriftliche Teile zwischen den Text: I am a slow worker so that each book takes well over a year—some took several years—and I had always 'constructed' my books rather than written them. Until the IBM machine arrived I used scissors and paste (actually Copydex one of those milk glues) to add paras, dump pages and rearrange sections of material. Having been trained as an illustrator I saw no reason to work from start to finish. I reasoned that a painting is not started in the top left hand corner and finished in the bottom right corner: why should a book be put together in a straight line? Seine Assistentin, die Australierin Ellenor Handley, war die einzige, die das IBM Monster beherrschte.

Like many other commercially successful novelists before and since, Deighton could not afford to indulge a solitary muse. Ellenor Handley had worked with him in his south London home since 1966. In an email, Handley, now 73 and retired, detailed her role in Deighton’s writing process. “When I started Len was using an IBM Golfball machine to type his drafts,” she wrote. “He would then hand-write changes on the hard copy which I would then update as pages or chapters as necessary by retyping—time-consuming perhaps but I quite liked it, as I felt a real part of the process and grew with the book."

Hier sehen wir Ellenor Handley im Jahre 2012, da hat sie noch einmal die 558 Seiten des originalen Manuskripts von Bomber in der Hand. Wie häufig sind Frauen die Hebammen eines Textes. Mrs Melville macht aus Hermans Manuskript einen leserlichen Text, was wäre Hermann Broch ohne Jean Starr Untermeyer? Len Deighton hatte übrigens die sauteure IBM Maschine nicht gekauft, nur gemietet. Er ahnte zu Recht, dass das, was heute state of the art ist, morgen schon veraltet sein kann. Der nächste word processor, den Deighton benutzte, kam von der Firma Olivetti. Es war eine Olivetti TES 501, die er Richard Condon abgekauft hatte. Deighton benutzt heute einen Windows Laptop.


Wenn Sie mehr zum Thema Schriftsteller und word processors wissen wollen, kann ich die Lektüre von Track Changes: A Literary History of Word Processing von Matthew G. Kirschenbaum empfehlen.

Freitag, 10. August 2018

Gewitter


Man hatte es gestern  kommen sehen, man konnte es fühlen. Der Himmel wurde dunkler, bis er fast schwarz war. Im Fernsehen redete jemand von dem kommenden Unwetter, draußen war es längst die Wirklichkeit. Ich stand am Fenster und bewunderte das Fernsehbild, das uns der Himmel bot.

Wahrscheinlich werden noch mehr Gewitter kommen, da werfen wir doch mal einen Blick auf literarische Gewitter. Ich präsentiere heute einmal einen Abschnitt aus der Erzählung Septembergewitter des Bremer Autors Friedo Lampe:

Und das Gewitter rauschte über die Stadt dahin, über Stadt und Wiesen und Fluß. Die schweren hängenden Wolkenbäuche platzten, und der Regen strömte in die Gärten und auf die Dächer, und die Blitze umzuckten den Ägidienkirchturm, und die Blumen auf den Gräbern lagen zerquetscht an der Erde, und der Großvater stand am Fenster und schaute mit Sorgen auf sie hin. Und der Wind schüttelte die Segel auf dem Fluß und füllte sie prall und riß den Dampfern den Qualm vom Schornstein und fuhr in die Straßen, daß der Staub wirbelte, und schlug die offenen Fensterscheiben zu und das Glas klirrte. Schwül war es gewesen und dumpf und still in der Stadt, und traurig war das Leben geflossen, aber nun rauschte und knatterte das Gewitter, und es war ein Lachen und Schreien und Jubeln ausgebrochen in den Lüften und ein Pauken und Beckenschlagen, und Trude Olfers stand auf dem Balkon mit fliegendem Haar und sang und fühlte die große Vermischung, und der Schwan in dem Graben unter ihr auf dem wogenden dunklen Wasser hob sich weit aus der Flut und schlug mit den Flügeln und reckte den Hals und schrie. Und die Jungens in Timmermanns Badeanstalt, Jan Gaetjen und seine Peliden, die sprangen kopfüber hoch vom Sprungbrett, und die Wellen tanzten und schäumten, und sie prusteten und kreischten und reckten die Arme, und Martin Hollmann saß still am Strande im Regen, blaß und müde, verbleut und zerkratzt, aber glücklich: er gehörte zur Bande.

Und die Kompanie des Leutnant Charisius marschierte auf dem Werder dahin, zurück zur Kaserne, stramm und mit hartem, regenverpeitschtem Gesicht, und schmetterte ein Marschlied, und Leutnant Charisius ging ein wenig hinterher. Laß es krachen, laß es donnern, recht so, recht, scharf muß der Blitz den Wolkensack zerschneiden. Und im Bürgerpark vor dem Schweizerhaus, wo die Leute so gemütlich auf der Wiese vorm Viktoriasee gesessen hatten, bei Kaffee und Kuchen, und Wöhlbiers Militärkapelle hatte gespielt in dem Pavillon, da war ein großer Tumult entstanden, die Leute drängten in die geschlossene Holzveranda des Schweizerhauses, und die Kellner hasteten zwischen den Tischen umher, rissen die Decken ab, trugen das Geschirr weg, und die Musiker sahen ruhig zu, geschützt durch das Pavillondach.

Friedo Lampe ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Früher gab es das Gesamtwerk in einem Band bei Rowohlt, jetzt kümmert sich der rührige Wallstein Verlag um den Autor. Den Roman aus dem Nachlass, Ratten und Schwäne, können Sie hier lesen.


Mittwoch, 8. August 2018

Opiumwolken


À la fintous ces nuages aux formes fantastiques et lumineuses, ces ténèbres chaotiques, ces immensités vertes et roses, suspendues et ajoutées les unes aux autres, ces fournaises béantes, ces firmaments de satin noir ou violet, fripé, roulé ou déchiré, ces horizons en deuil ou ruisselants de métal fondu, toutes ces profondeurs, toutes ces splendeurs, me montèrent au cerveau comme une boisson capiteuse ou comme l’éloquence de l’opium.

Was hat der gute Charles Baudelaire eingeworfen, dass er bei der Besprechung der Bilder von Eugène Boudin im Pariser Salon Wolken und Rauschgift miteinander in Verbindung bringt? Der große Corot war da viel nüchterner, er nannte Boudin den König der Himmel. Eugène Boudin, der Erfinder des Strandbilds, der Erfinder des Impressionismus, ist heute vor 120 Jahren gestorben. Er hat natürlich längst einen Post, das wäre heute, wo der Hochsommer ausklingt, sicher die richtige Lektüre.

Tout ce qui est peint directement et sur place a toujours une force, une puissance , une vivacité de touche qu'on ne retrouve plus dans l'atelier, hat er gesagt. Die Freiluftmalerei war für ihn das einzige Mittel, um die Natur einzufangen: Trois coups de pinceau d'après nature valent mieux que deux jours de chevalet. Dafür können wir ihm dankbar sein.

Sonntag, 5. August 2018

Foyle's War


Wenn Sie sich bei dem Namen Foyle in der englischen Krimiserie Foyle's War, die während des Zweiten Weltkriegs spielt, an die Londoner Buchhandlung in der Charing Cross Road erinnert fühlen, liegen Sie nicht falsch. Der Autor der Serie Anthony Horowitz hat sich den Namen dort geborgt. Und auch einen Christopher Foyle hat es dort gegeben, er darf in der Folge Bad Blood einmal im Bild erscheinen. Unser Christopher Foyle ist kein Inspector oder Chief Inspector, er hat einen höheren Rang. Von dem er kaum Gebrauch macht, er stellt sich immer als I am a police officer vor. Doch er ist ein Detective Chief Superintendent, das ist ganz weit oben.

Da drüber kommen im Rang schon die Commissioners. Wie hier Edward Fox als Foyle's Vorgesetzter Assistant Commissioner Summers in einer der ersten Folgen (die können Sie hier ganz sehen). Foyle möchte weg aus der Provinz (er ist der Polizeichef von Hastings), möchte zum MI5 oder irgendwo hin, wo er im Krieg mehr leisten kann. Aber als er ein Angebot für die Tätigkeit im Cabinet Office bekommt, lehnt er ab, weil er gerade einen Mord aufklären muss. Vergeblich versucht ihn der AC zu überreden: Foyle, if you go out of that door you will remain a policeman not just for the duration of the war but until the day you retire. You won't get a second chance. Foyle bleibt Polizist. Soviel Mühe man sich bei der Serie gegeben hat, man hat einen kuriosen Fehler nicht vermieden: den Rang eines Detective Chief Superintendent gibt es erst seit 1949 - die Serie spielt aber in der Zeit von 1940 bis 1947.

Zum MI5 wird Foyle noch kommen, in der Serie 7 und 8 ist er aus dem Polizeidienst ausgeschieden und arbeitetet für den Geheimdienst. Äußerlich verändert er sich nicht sehr, er trägt weiterhin den zweireihigen Mantel, den er in der ganzen Serie trägt. Und Samantha (Sam) Stewart arbeitet auch weiterhin für ihn.

Man hat sich viel Mühe mit der Ausstattung gegeben, dafür sind Engländer ja berühmt. Was man mit der Verfilmung von Brideshead Revisited und A Dance to the Music of Time hingekriegt hat, muss ja auch bei einem Krimi funktionieren. Wir sehen hier die Schauspielerin Tamzin Outhwaite (in der Folge Sunflower) in einem Kleid, dessen Modell die Kostümabteilung bestimmt in einer Zeitschrift der vierziger Jahre gefunden hat. Und zur Not gibt es ja immer noch das Victoria & Albert Museum, die wissen alles.

Die Szene mit Tamzin Outhwaite wurde übrigens in Dublin gedreht, die ganze siebte Folge wurde dort gedreht (hier Foyle mit seiner Fahrerin Samantha Stewart, gespielt von Honeysuckle Weeks). Die neunte Folge wurde zum größten Teil in Liverpool gedreht. In den ersten Folgen, die in Hastings spielen hatte man noch den größten Teil dort gedreht. Dieses recreating the past ist ja etwas, was in den Filmen, die man ganz grob mit dem Etikett Kostümfilm belegen kann, immer ein Problem ist. Hat man wirklich das Geld und die Fachleute, um etwas hinzubekommen, was den Geist einer ganz anderen Zeit atmet?

Ich rede jetzt nicht von den italienischen Sandalenfilmen, in denen man römische Legionäre mit Armbanduhren sehen kann. Oder von den Kondensstreifen, die man im Himmel von Spartacus hinter Sir Laurence Olivier sehen kann. Davon soll hier nicht die Rede sein. Wir reden jetzt von den qualitätsvollen Produktionen, die in den sechziger, siebziger Jahren begannen und in den achtziger Jahren vielleicht einen Höhepunkt hatten. Denken Sie an Far from the Madding CrowdThe Great Gatsby oder A Room with a View. Sie können mehr zu dem Thema in dem langen Post The Go-Between lesen. Und vielleicht auch den ausführlichen Essay von Alan Parker über die Dreharbeiten von Angel Heart. Und die Lektüre von Anne Hollanders The 'Gatsby Look' and other Costume Movie Blunders könnte ich auch noch empfehlen.

Ich weiß nicht, wann Anthony Horowitz zum Schlafen kommt, die 25 Folgen von Foyle's War und die 6 Folgen von Barnaby sind ja nur ein kleiner Teil seiner Arbeit als Drehbuchutor. Dann kommen noch die Romane dazu. Und und und. Der Sender ITV hatte sich von Horowitz einen Nachfolger für die erfolgreiche Serie um Chief Inspector Morse gewünscht, Foyle's War (2002-2015) war die Antwort.

Sich für lange Zeit für die Dreharbeiten einer Serie festzulegen, bedeutet für einen Schauspieler, dass er wenig andere Rollen annehmen kann. Das war Michal Kitchen (hier in Out of Africa) klar: It’s certainly defined the last 10 years because I’ve done little else. This isn’t a complaint; having enjoyed the 30 previous years avoiding definition, it’s a privilege to be able to wait for projects that 100 percent fulfill the criteria, of which there have been, theater and radio aside, perhaps only about six. All worth the wait.

Michel Kitchen war mit seiner jahrelangen Arbeit sehr zufrieden: Foyle is the product of Anthony's original scripts and whatever I bring to them by adding, rearranging or taking out -- both of us have concluded that less is more. Some writers are very tight about what they've written and it can be restricting. Anthony was very easy, very loose and we worked to get a draft which was going to get the best out of me and which also flowed.

Seit Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle ist dem Detektiv ein Gehilfe an die Seite gestellt. Der Great Detective (von dessen Eigenschaften Foyle etwas hat), braucht eine vermittelnde Figur. Das ist in Foyle's War nicht anders. Foyle bleibt gottähnlich, kühl und unnahbar. Sein Sergeant Miller bleibt blaß, hat nie die Rolle, die Lewis in Morse hat.

Und so rettet Samantha Stewart, die vom Mechanised Transport Corps (MTC) als Fahrerin für Foyle zur Polizei abgestellt wird, die ganze Serie. Im wirklichen Leben besitzt Honeysuckle Weeks wohl gerade keinen Führerschein mehr. Horowitz hat in Interviews gesagt, dass die Figur der Samantha Stewart auf seiner Nanny Norah FitzGerald beruht, der er hiermit ein Denkmal setzen wollte. Und das hat er mit viel Liebe getan.

Eine englische Krimiserie bürgt häufig für Qualität. Hier gibt es noch etwas dazu: den Zweiten Weltkrieg. Von der Produktionsfirma angekündigt als: As World War Two rages over Europe, one man fights his own battle against murder, mystery and betrayal on the south coast of England.  Dies ist ein anderes England als es uns im Fersehen verkauft wird. Mörder, Wirtschaftskriminelle, Saboteure, Kommunisten, Gewerkschaften, die Battle of Britain (Foyles Sohn ist Pilot der Royal Air Force), Dünkirchen und das Exercise Tiger: diese Krimiserie ist eine Sozialgeschichte Englands von 1939 bis 1947 und zugleich eine revisionistische Nachhilfestunde in englischer Geschichte. Sorgfältig inszeniert mit Unterstützung des Imperial War Museum. Ein Buch gibt es auch schon zu diesem Thema: Rod Green The Real History Behind Foyle's War.

So gut und schön das alles ist, man muss hier leider einmal die ersten Zeilen von Gottfried Benns Gedicht Was schlimm ist zitieren: Wenn man kein Englisch kann, von einem guten englischen Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist. Es gibt Foyle's War nur in englischer Sprache (und lediglich die beiden letzten Folgen haben Untertitel).


Mittwoch, 1. August 2018

Wahnsinn, Mord und Malerei


Der Maler Richard Wilson (hier ein frühes Selbstbildnis) wurde heute geboren. Den kennen Sie schon, weil Sie im Mai den Post Italian light on English walls gelesen haben. Oder heute vor fünf Jahren den Post Richard Wilson. Ich habe aber noch einen weiteren Maler, der an einem 1. August geboren wurde, ein Jahrhundert später als Richard Wilson. Den gab es hier schon einmal in meinem ersten Jahr als Blogger. Der erste August 2010 bedeutete für den Blogger Jay eine ganze Menge, denn damals begann Google meine Besucher zu zählen. Das erste halbe Jahr war ich unter Googles Radar hinweggeflogen, von nun an gab es mich. Falls Sie mich damals noch nicht gelesen haben, stelle ich den Post zu dem Maler Richard Dadd, der heute vor 101 Jahren geboren wurde, noch einmal hier ein.

Das ist ein seltsames Bild, das da in der Nationalgalerie von Schottland hängt. Es zeigt Sir Alexander Morison, Doktor der Medizin und Psychiater. Der Maler, der das Bild 1852 gemalt hat, war sein Patient. Den Hintergrund mit dem schottischen Firth of Forth (der Heimat von Dr. Morison) und den beiden drallen Fischweibern aus Newhaven hat der Maler nie gesehen, er verlässt sich dabei auf eine Skizze der Tochter des Doktors. Der Maler sieht sowieso keine Landschaften, man lässt ihn nicht raus. Er ist Insasse von Bethlem (der Irrenanstalt, der die englische Sprache das Wort bedlam verdankt), später wird er in die neue Psychiatrie von Broadmoor kommen.

Er hat seinen Vater umgebracht. Er ist geisteskrank (wie viele in seiner Familie). Der Maler heißt Richard Dadd, aber man hat es sich angewöhnt ihn als the late Richard Dadd zu bezeichnen. Für die viktorianische Welt ist er schon tot, seit die Art Union 1843 geschrieben hatte: The late Richard Dadd. Alas! we must so preface the name of a youth of genius that promised to do honour to the world; for, although the grave has not actually closed over him, he must be classed among the dead. Er wird noch lange leben. Und malen. Was er da in Bethlem und Broadmoor malt, ist eine seltsame Feenwelt von Titania und Oberon auf Wimmelbildern. Aber es findet sich auch vieles realistisch Gemalte, aus dem man nicht schließen kann, dass der Maler Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt ist.

Kann man das je aus der Kunst ablesen? Wenn Sie sich diese Katzen anschauen und ich dazu sage, dass der Maler auch einmal Insasse von Bethlem war, dann kommen sie uns doch gleich richtig irre vor. Oder? Der Künstler heißt Louis Wain und er hat ganz bezaubernde und auch total bescheuerte Katzen gemalt. Die Mediziner sind sich immer noch nicht einige, ob er schizophren war oder das Asperger Syndrom hatte. Aber das ist den Louis Wain Freunden dieser Welt auch vollkommen egal.

Der Psychiater Dr. Morison, der der Überzeugung war, dass man von der Physiognomie des Patienten auf sein Leiden schließen könnte, wird sich in dem Bild diese Methode selbst gefallen lassen müssen. Er sieht traurig aus. Er ist 73, man hat ihn gerade aus der Position als Berater der Krankenhauses gedrängt und seine Frau, mit der er fünfzig Jahre verheiratet war, ist gerade gestorben. Das im Hintergrund, das ist die Welt seiner Jugend, er steht vor der Kulisse, als ob er nicht dazugehört. Mit der Geste des Zylinders  in der Hand scheint er Abschied zu nehmen von dem Maler, der sein Patient ist. Von uns. Hätte ein "normaler" Maler das besser malen können?

Nach zwanzig Jahren in Bethlem wird man Dadd in das Broadmoor Hospital in Crowthorne in Berkshire bringen, das modernste psychiatrische Krankenhaus des viktorianischen Englands. Einer der ersten, der dahin gekommen ist, ist Daniel M'Naghten. Der hat den Privatsekretär eines englischen  Premierministers umgebracht, und sein Fall hat Rechtsgeschichte geschrieben. Die M'Naghten Rules sind heute immer noch der Gradmesser für englische Gerichte, die entscheiden, ob ein Straftäter ins Gefängnis oder in die Psychiatrie kommt. Edward Oxford kommt auch hierher, der hatte versucht, die Königin und den Prinzgemahl umzubringen. Jeder Geisteskranke, der eine Straftat begangen hat, kommt jetzt von Bethlem nach Broadmoor.

Dadd wird dort bis zu seinem Tode 1886 weiter malen, man fördert in Broadmoor auch alle Sorten von Kreativitäten. Dadd kann da einen Mann namens William Rutherford Benn kennenlernen, der auch seinen Vater umgebracht hat. Der wird Jahre später als geheilt entlassen, ändert seinen Namen in William Rutherford. Aber er kommt bald nach Broadmoor zurück, nachdem sich seine Frau im Garten erhängt hat. Dass ihr Kind unter diesen Umständen völlig normal geblieben ist, ist eigentlich ein Wunder. Wir lieben dieses Kind alle, weil wir sie als Miss Marple kennen.

Richard Dadd kann in Broadmoor noch jemanden kennenlernen, der eines Tages noch berühmt werden wird. Der ist Amerikaner und hat in London einen wildfremden Menschen umgebracht. Er ist Arzt im amerikanischen Bürgerkrieg gewesen, war bei der Schlacht von The Wilderness dabei. Da hat er irische Deserteure mit einem heißen Eisen brandmarken müssen, das hat ihn wahnsinnig werden lassen. Und er ist immer seltsamer geworden, bis ihn die Armee eines Tages pensioniert hat. Er ist nach London gefahren, weil seine Familie fand, dass das gut für ihn sein könnte. Fand er auch, aber nur weil er glaubte, dort billige Nutten finden zu können. Das ist das einzige, was ihn noch seit dem Ende des Krieges interessiert. Irgendwie ist er auch ein Opfer des Bürgerkriegs. Und hier in London, da glaubt er, dass die Iren hinter ihm her wären, wegen des Brandeisens damals. Da kann er froh sein, dass er nach Broadmoor kommt. Obwohl es eine viktorianische Musteranstalt ist, sieht es von außen aus wie ein Gefängnis. Das liegt wohl daran, dass sein Erbauer Sir Joshua Webb vorher nur Gefängnisse entworfen hatte. Broadmoor Hospital gibt es noch heute, es ist immer noch ein Hochsicherheitsgefängnis für geisteskranke Straftäter.

Im Jahre 1896 macht sich Dr James Murray (Bild), der Herausgeber des größten Wörterbuchs der Welt (das damals noch nicht Oxford English Dictionary sondern New English Dictionary heißt) zu einem Höflichkeitsbesuch auf. Einer seiner wertvollsten Beiträger und Korrespondenten ist niemals den Einladungen nach Oxford gefolgt, so kommt der große Dr Murray jetzt nach zwanzig Jahren in die Provinz. Er wird unter der Adresse seines geschätzten Mitarbeiters von einem Diener in ein imposantes viktorianisches Arbeitszimmer geleitet, hinter einem Mahagonischreibtisch sitzt ein ehrfurchtgebietender viktorianischer Gentleman, der ähnlich aussieht wie Dr Murray. Murray verbeugt sich leicht und sagt: A very good afternoon to you, sir. I am Dr James Murray of the London Philological Society, and editor of the New English Dictionary. It is indeed an honour and a pleasure to at long last make your acquaintance - for you must be, kind sir, my most assiduous helpmeet, Dr W.C. Minor?

Und nun gibt es eine peinliche Pause, nach der der Direktor von Broadmoor dem Besucher erklärt, dass der wertvollste Mitarbeiter des englischen Lexikons nicht hinter diesem Schreibtisch sitzt, sondern Insasse der Anstalt ist. Denn wenn der Dr. William Chester Minor sich nicht gerade von den Iren verfolgt fühlt und alle möglichen Wahnvorstellungen hat, dann exzerpiert er die halbe englische  Literatur und trägt so (wie tausend andere quer über die Britischen Inseln) zum Gelingen des neuen englischen Lexikons bei.

Wer alles darüber lesen will (und das sollten Sie unbedingt tun), der sollte Simon Winchesters The Surgeon of Crowthorne: A Tale of Murder, Madness and the Love of Words lesen. Das Buch ist zu Recht ein Bestseller auf beiden Seiten des Atlantiks geworden. Es gibt es auch in deutscher Sprache: Der Mann, der die Wörter liebte. Bei Amazon schon ganz preiswert, Wörter sind billig geworden. Und wenn Sie jetzt auf den Geschmack gekommen sind, dann lesen Sie doch gleich Simon Winchesters The Meaning of Everything: The Story of the Oxford English Dictionary hinterher. Die erste große Ausstellung zu Richard Dadd wurde beinahe hundert Jahre nach seinem Tod in der Tate Gallery veranstaltet. Die Kuratorin des Bethlem Hospitals Patricia Allderidge schrieb den Katalog und wählte die Bilder aus. Etwas Besseres zu Richard Dadd hat es seit 1974 nicht gegeben. Für die Liebhaber von Katzen sei gesagt, dass Patricia Allderidge auch ein Buch über Louis Wains Katzen geschrieben hat.

Das Bild weiter oben zeigte Dr James Murray bei seiner Arbeit am Dictionary, er ordnet all die kleinen Zettel mit Wortbelegen durch die Jahrhunderte, die ihn aus ganz England erreichen. So etwas macht man heute mit dem Computer. Nicht ganz. Als vor kurzem die Professorin Jane Roberts den Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary vorstellte, sagte sie, dass man das in vierzigjähriger Arbeit mit kleinen Zetteln gemacht hätte. Wie zu den Zeiten von James Murray. Ich finde das sehr beruhigend, dass das immer noch so funktioniert.

Samstag, 28. Juli 2018

gesudelt, nicht gemalt


Joseph Anton Koch hatte gestern seinen  250. Geburtstag, bekam hier allerdings keine Erwähnung, da die Mondfinsternis den Vorrang hatte. Ich konnte ihn guten Gewissens auslassen, da es es am 27..Juli 2016 schon einen Post zu ihm gab. In dem allerdings eines nicht erwähnt wird: Kochs Haß auf William Turner. Der ist ja damals noch nicht so bekannt wie heute, so kann zum Beispiel Theodor Fontane Jahre nach Turners Tod schreiben: Turner ist auf dem Continente außer bei den Kunstverwandten kaum dem Namen nach gekannt, und seine Bilder kennen nur jene wenigen, die zu ihren Künstlerfahrten nach Rom und Paris einen flüchtigen Besuch an der Themse gestellt haben. Turner hat nur localen Ruhm, aber an Ort und Stelle ist es ein ganz unbestrittner Ruhm.

Den ihm Joseph Anton Koch streitig macht, gesudelt, nicht gemalt (oder noch grober: cacatum non est pictum) seien Turners Bilder, verkündet Koch. Man wisse gar nicht, wie herum man sie aufhängen soll. Und über die Ausstellung von Turners Bildern bei seinem Romaufenthalt 1828 schreibt Koch: So großer und grob gesinnter Pöbel sich auch einfand, die Ausstellung dieses weltberühmten Engländers, namens Turner, in Augenschein zu nehmen, so war die Ware doch zu sehr unter aller Kritik und unter der von der modernen Welt bewunderten Mittelmäßigkeit. Das Bild des Montblanc oben hat Turner mit 28 Jahren gemalt, da gab es die meisten Alpenbilder von Koch noch gar nicht. Wir wüssten, wie wir es aufzuhängen hätten, und wir würden nicht von gesudelt reden. Vielleicht lesen wir mit dieser Einführung den Post aus dem Jahre 2016 mit anderen Augen:

Schreibe ich über Joseph Anton Koch oder lasse ich es? Die Frage stellte sich mir, als ich auf das Kalenderblatt vom 27. Juli bei Wikipedia schaute. Der Maler wurde am 27. Juli 1768 geboren, in seiner Jugend hatte er noch Ziegen gehütet. Durch die Empfehlungen eines Bischofs war er zur Karlsschule nach Stuttgart gekommen, einer Militärakademie, die einige Berühmtheit hatte, weil Friedrich Schiller da auch gewesen war. Der war noch mit fünfzehn Bettnässer, was die Biographen auf den harten militärischen Drill schieben. Joseph Anton Koch hat die Militärakademie nach sechs Jahren verlassen, der mit der französischen Revolution sympathisierende Eleve kam damit einem Rausschmiss zuvor. Malte aber mal eben diese schöne Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule.

Und floh erst einmal in die Schweiz, danach ging er nach Italien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Alpen vergaß er nie, er malte viele Bilder, die man als heroische Landschaft bezeichnet. So etwas ist in der Geschichte der Malerei nicht ganz neu, schon ➱Nicolas Poussin hatte solche Bilder gemalt. Aber die Romantik wird das Thema neu entdecken, sogar der Schriftsteller Gottfried Keller wird eine solche heroische Landschaft malen.

Auf diesem Bild von Blunck, das den Bildhauer Bertel Thorvaldsen (ganz rechts am Tisch) und seine Freunde in einer römischen Trattoria zeigt, ist Joseph Anton Koch leider nicht mit drauf. Hätte er aber sein können, denn er war mit ihm befreundet, und der Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde hat eine Vielzahl von Einträgen für seinen Namen. Die Ateliers von Thorvaldsen und Koch werden für Jahrzehnte die Anlaufstationen für alle durchreisenden Künstler sein (auch ➱Blechen wird bei Koch wohnen). Das Bild von Detlev Blunck war übrigens schon in dem Post ➱Bertel Thorvaldsen zu sehen.

Die Landschaft mit dem Regenbogen hat Koch 1805 gemalt, es ist das Jahr, in dem er mit dem ➱Schmadribachfall beginnt. Den lässt er aber erst einmal auf der Staffelei (oder in einer Ecke des Studios) stehen, erst 1811 wird er ihn vollenden. Das Bild ist heute in Leipzig, die Neue Pinakothek München hat eine spätere Fassung. Die früheste Fassung des Bildes ist dieses Aquarell von 1794, das das Kunstmuseum Basel besitzt. Es ist in seinem Detailreichtum und der Luftigkeit der Farben vielleicht schöner als die anderen Bilder.

Koch hat sein Bild in einem Brief an seinen Freund Robert von Langer selbst beschrieben als: Eine sozusagen prachtvolle Wildnis mit Gletscherkaskaden, Wolken, welche zum Teil die Gebirge umschleiern, machen den Hintergrund aus; In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Wald von Tannen und anderem wilden Gewächs und Felstrümmern und stürzenden Wassern vermischt. Der Vordergrund ist die Tiefe des Tales, von frischem Grün erfreut, mit dem brausenden Strom der Steinberg Lütschüne, in welch sich oben gedachte Wasser stürzen. Der ich aus einem solchen Bergland geboren bin und mich selbst als Kind solcher majestätischer Natur schon immer freute und deren Erinnerung mir noch jetzt tief eingeprägt ist. Auch besitze ich sehr fleißige Zeichnungen nach der Natur hiervon.

Der Maler Joseph Anton Koch wäre mir eigentlich schnurzpiepeegal. Wenn da nicht diese Reproduktion des Schmadribachfalls wäre, die ich jahrelang an die Wände verschiedener Studentenbuden gepappt hatte. Ich weiß nicht weshalb. Aber ich kenne natürlich jeden Quadratzentimeter des Bildes. Die Reproduktion ist heute nicht mehr an der Wand, die ruht in einer großen Mappe im Keller. Wenn Sie mehr über Kochs Gemälde wissen wollen, dann kann ich Hilmar Franks kleines Buch in der hervorragenden Reihe Kunststück des Fischer Verlags empfehlen. Und diese ➱Seite auf der ein Kunstpädagoge didaktisch das Bild analysiert, besser kann man es nicht machen.

Die kleine Winzerstadt Olevano hatte Joseph Anton Koch um 1803 entdeckt. Er entdeckte da nicht nur die Schönheit dieser Landschaft, er entdeckte auch eine schöne Italienerin namens Cassandra Ranaldi, die er drei Jahre später heiratete. Besonders angetan hat es Koch ein Eichenwäldchen oberhalb von Olevano, das Serpentara (Schlangenwäldchen) heißt. Das wird dann für den Rest des Jahrhunderts für alle deutschen ➱Maler, die Rom besuchen (sogar für den Deutschamerikaner ➱Albert Bierstadt), die Vorlage für das Zeichnen von Eichen sein.

Als der Maler Edmund Kanoldt (diese Zeichnung des Serpentara Wäldchens ist von ihm) 1873 erfährt, dass man den Wald abholzen und zu Eisenbahnschwellen verarbeiten will, alarmiert er den deutschen Botschafter in Rom. Und dann gibt es eine beispiellose Aktion, Künstler sammeln und spenden (der Maler Carl Schuch übernimmt ein Viertel der Kosten), um das Wäldchen zu kaufen. Und da Deutsche immer übertreiben müssen, ist das Schlangenwäldchen inzwischen zu einem heiligen Eichenhain geworden.

Was wären wir Deutschen ohne Wald? Ohne das Lindenblatt, das auf Siegfried fällt, ohne Hermann den Cherusker, ohne ➱Wolfsschlucht, ohne Eichendorffs Wälder und die Märchen der Brüder Grimm? Könnte ich jetzt stundenlang drüber schreiben. Habe ich auch schon getan, ich liste unten einmal einige Posts zum Thema Wald auf. Und ich muss natürlich das Buch von Simon Schama Landscape and Memory (Der Traum von der Wildnis) erwähnen, das ein schönes Kapitel über den deutschen Wald hat.

Die Gegend von Olevano war nicht mehr unbedingt idyllisch, jetzt im Risorgimento häufen sich in der ruhigen Gegend die Überfälle durch banditti. Die kommen normalerweise auf den Bildern von ➱Salvator Rosa vor (dies ist eins seiner Bilder), aber es scheint sie auch in der Wirklichkeit zu geben. Die Malerin Louise Seidler (die Sie schon aus dem Post ➱Georg Friedrich Kersting kennen) hat in ihren Lebenserinnerungen davon berichtet, wie Briganten den Baron von Rumohr überfallen wollten und den Maler Friedrich Salathè entführten. Die Geschichte geht aber gut aus.

Wenn Deutsche sich etwas vornehmen, dann führen sie das auch zu Ende (vom Flughafen Berlin-Brandenburg einmal abgesehen), das Serpentara Wäldchen (hier ein Bild von August Lucas) wird nicht abgeholzt, es bleibt in deutscher Künstlerhand. Bis heute. Denn da gibt es die Villa Serpentara, die so etwas Ähnliches wie die Villa Massimo ist.

Obgleich ich die Alpen nicht unbedingt mag, schreibe ich doch häufig über sie. Wenn Sie den Post ➱Tanzseuche anklicken, finden Sie Links zu all den Alpen Posts. Ich war noch keinen Monat im Netz, da musste ich schon über die Alpen schreiben und in dem Post ➱Ästhetik diese kleine Geschichte erzählen: Aus der Zeit von Sir Arthur Conan Doyle (dem seine Schneider besonders dicke Tweedhosen gemacht hatten, damit er die verschneiten Hänge herunter rutschen konnte) datiert auch eine kleine Geschichte, die man sich in Bremen erzählt. Wo man sich ja englischer als die ➱Engländer gibt. Das tun die Hamburger ja auch, aber die sind für die Bremer ja nicht wirklich zurückhaltend englisch, eher schon neapolitanisch leichtlebig. Also, eine Bremer Senatorenfamilie fährt mit der Eisenbahn in die Alpen. Und angesichts des Panoramas der schneebedeckten Berge und des ewigen Eises springt der Sohn auf und ruft: Guck mal, Vadder. Was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt: Junge, exaltier Dir nicht so. Worauf die Mutter, das Verhalten des Juniors erklärend, einwirft: Das musst Du verstehen, er studiert ja nun schon ein Semester in Hamburg.

Es wird nicht verwundern, dass es in einem Blog namens SILVAE manchmal um Wälder geht. Lesen Sie auch: silvae: Wälder: Lesen, Eisenhammer, Deutsche Romantik, Wolfsschlucht, Lützow, Moritz von Schwind, Vollmond, Caspar David Friedrich, Adalbert Stifter, Zweite Heimat, Carl Blechen

Freitag, 27. Juli 2018

Die Mondfinsterniß


        Die Mondfinsterniß 
        (Am 26, December 1833)

Da ist der Erdenschatten! -
Seht ihr, am Mondesrand
Erscheint er wie ein Streifen 
Von grauem Atlasband.

Und breit und immer breiter 
Umflort er. schon. das Bild 
Des heiligen Planeten, 
Jetzt steht es ganz verhüllt –

Und doch durchblickt den Schleier
Der Mann im Mond so klar –
Wie ahnt's der Dichterseele
So groß und wunderbar! –

Schwimmt nicht in diesem Schatten
Zugleich der Schattenfall
Der tausend Berg und Wälder
Auf unserm Erdenball,

Der tausend Creaturen
Und Wesen ohne Zahl? –
Doch wer durchblickt die Schatten
Mit ew'gem Augenstrahl? –

Das thust du, Herr des Lebens;
Wie tief du auch verhüllt,
Durchschaust du doch die Schatten
wie's dunkle Mondesbild!

Und nicht allein die Schatten,
Das Wesen auch; den Kern
Des Erdballs wie des Menschen
Durchschaust du, Aug' des Herrn!

Mittwoch, 25. Juli 2018

Tristan Akkord


In der ersten Folge der Serie um Chief Inspector Morse (The Dead of Jericho) spielt Morse den Tristan Akkord auf dem Klavier der toten Klavierlehrerin, er liebt nun einmal Wagner. Er ist nicht der erste musikalische Detektiv in der Geschichte der Krimiliteratur. Sherlock Holmes spielte Geige, Lord Peter Wimsey Klavier. Holmes besaß sogar eine Stradivari. Das erzählt uns auf jeden Fall Dr Watson: We had a pleasant little meal together, during which Holmes would talk about nothing but violins, narrating with great exultation how he had purchased his own Stradivarius, which was worth at least five hundred guineas, at a Jew broker’s in Tottenham Court Road for fifty-five shillings.

Am 25 Juli 1886 hatte Wagners Tristan und Isolde bei den Bayreuther Festspielen Premiere. Wenn Sie die Posts Richard Wagner, bêtes noires und Bayreuth gelesen haben, dann wissen Sie, dass dieser Blogger kein Wagner Fan ist. Aber ein klein wenig Wagner darf es heute schon sein. Die praktische Kurzfassung für Leser, die Wagner nicht mögen und niemals nach Bayreuth fahren würden. Wir fangen einmal mit dem Text an. Und da lesen wir natürlich nicht Wagners Libretto, sondern Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg von Dieter Kühn. Nichts anderes.

Und wenn Sie alles über den sogenannten Tristan Akkord wissen wollen, dann hören Sie Antonio Pappano oder Asher Fish zu. Das Highlight der Oper ist natürlich Isoldes Liebestod, dafür lassen wir heute Hildegard Behrens singen. Schöner geht es nicht.

Dienstag, 24. Juli 2018

Mit siebzehn


Ich habe in einem Bericht über die Jugendarbeit der Vegesacker Gemeinde von dem inzwischen auch schon pensionierten Pastor Ingbert Lindemann das Bild eines unbekannten Photographen (das könnte unser Diakon Klaus Nebelung gewesen sein) gefunden. Da sind wir, an einem schönen Sommertag, vor dem gerade renovierten Gemeindehaus, Kirchheide Nummer 18. Elf junge Frauen, drei junge Männer, Teile der sogenannten Jungen Gemeinde, die sich durch das Alter vierzehn bis siebzehn definiert. Viele auf diesem Bild sind schon in diesem Blog erwähnt worden, sie wissen es bloß nicht. Ich bin auch auf dem Bild, ganz oben in der Tür, der einzige, der einen Schlips trägt. Das haben Sie sich natürlich auch so gedacht, dass Jay einen Schlips trägt. Mit siebzehn. Ich trage auch einen hellgrauen Pullunder. War damals Mode, auf jeden Fall in französischen Filmen. Der Konny neben mir trägt keinen Schlips, der muss zur Strafe den Rest seines Lebens dunkle Anzüge und Schlipse tragen, weil er Staatssekretär sein wird und höchste Richterämter innehaben wird. Werner hat wenigstens ein Jackett an, er darf den Schlips weglassen, weil er der beste Fußballer von uns Straßenfußballern auf dem Sedanplatz war.

Mit siebzehn hat man noch Träume, sang Peggy March 1965. Hier auf diesem Photo sind wir alle siebzehn, aber Peggy March singt noch nicht. Ist auch noch keine siebzehn.  Haben wir wirklich Träume? Der Zweite Weltkrieg liegt fünfzehn Jahre zurück. Viele Väter sind gefallen oder sind Kriegsversehrte wie mein Vater. Viele Häuser sind zerstört. Wir sind irgendwie durch die Nachkriegszeit gekommen. Leicht unterernährt (zu Hause gibt es diesen scheußlichen Lebertran, auf den die Eltern schwören), mit immer kratzigen Wollsocken und immer kratzigen Pullovern. Aber es gab Schulspeisung, dafür hatten die Amerikaner gesorgt. Ich nahm immer Kakao.

Und man musste alle Monate zur Reihenuntersuchung oder Impfung zum Gesundheitsamt. Wegen der gefürchteten Tbc oder anderer Krankheiten, die etwas mit dem Mangel zu tun hatten. Stundenlang in Unterwäsche oder Turnzeug barfuß auf den kalten Gängen stehen. Ich kannte das Wort entwürdigend damals noch nicht, aber das war es: entwürdigend. Die meisten Ärzte des Ortes wohnten in unserer Straße, sie hatten schon schnell nach dem Krieg ein Auto. Die meisten hatten einen schwarzen Mercedes, der Röntgenologe besaß sogar ein Mercedes Coupé. Die Ärzte im Gesundheitsamt hatten keine Autos, bestenfalls einen Volkswagen. Wahrscheinlich hassten sie deshalb die Kinder. In manchen Träumen stehe ich noch immer auf kalten Fluren und warte darauf, dass ich an die Reihe komme. Das klingt ein wenig kafkaesk, aber es ist so.

Wir hatten Glück auf der Volksschule, wir hatten gute Lehrer. Es hätte anders kommen können. Ich will nicht wieder den schönen Satz zitieren, dass auch schlechte Lehrer eine gute Schule sind. Die Ute, die unten links sitzt, mochte Frau Alexandru besonders, weil die eine Heimatvertriebene wie sie war. Ich habe das lange nicht begriffen, wie entwurzelt die Flüchtlinge waren. Schwarze Löcher in der Seele. Ich mochte meinen Klassenlehrer Herrn Blume und meine blonde Englischlehrerin aus St. Magnus. Den Musiklehrer Herrn Muschalek (auch ein Heimatvertriebener) hasste ich. Wir Jungens hatten immer Angst, dass wir nach vorne kommen müssten und vorsingen müssten. Da waren wir dankbar, dass die blonde Annegret mit glockenklarer Stimme in jeder Stunde einmal You are my sunshine singt. Ich konnte Noten lesen, weil mein Opa mir Klavierunterricht gab, und ich habe ein sehr gutes Gehör. Aber ich konnte nicht singen. Die Ingrid, die oben in der Mitte mir nahe steht, konnte schön singen. Ich habe das schon in dem Post Mein Dänemark geschrieben:

Wir sind jetzt achtzehn, und das hier um uns herum ist die ideale Landschaft für einen Sommerflirt, aus dem mehr werden könnte. Und auch Begegnungen in Kirchen haben jetzt ihren Reiz. Ingrid singt mir in einer verlassenen Kirche, in die schon Gras und Unkraut hineinwachsen, Summertime vor. Nur für mich. Um die Akustik der kleinen Kirche zu testen. Sie kann wunderschön singen. Aber ihr Summertime klingt anders als das, das Ute damals in der Nacht in der Strandlust gesungen hat. Hier im von huschenden Sonnenfetzen beleuchteten weißgekalkten Raum hat die Melodie eher die Qualität von sakraler Musik. Summertime, and the living is easy. Getrennt von der Welt da draußen, die heute kein wirklicher Sommertag ist. Aber ich weiß schon, dass dies ein kleines Geschenk an mich ist. Dass sie jetzt nur für mich singt, in dieser kleinen Kirche, die sich auf der Düne festkrallt wie das Gras und die verhungerten Kiefern. Auf der Nordwestseite liegen die Butzenscheiben schon unter einer Sandschicht.

Wenn dies ein Wunschkonzert wäre, würde ich mir jetzt von ihr I skovens dybe stille ro wünschen, das man uns im Gemeindehaus von Nyköbing beizubringen versuchte. Aber man kann nicht alles haben. Die Augenblicke von großer Nähe und Vertrautheit, an denen ich ihr morgens das Butterbrot schmiere, wechseln ab mit Tagen von großer Fremdheit, there ain’t no cure for the summertime blues. Sie weiß auch nicht so recht, was sie will. Sie hat jetzt, wie beinahe alle Achtzehnjährigen, Ärger zu Hause mit ihren Eltern, Taschengeldkürzungen, Ausgehverbot, es ist ein Wunder, dass sie überhaupt mitfahren durfte. Wir werden diesen Sommer nebeneinander hergleiten, uns suchen und nicht suchen. Sie weiß nicht, dass ich Gedichte über sie schreibe. In der Ersatzwelt, die uns heute das Internet bietet, kann ich bei YouTube jeden Tag I skovens dybe stille ro hören. Ergreifend gesungen von einer Dänin namens Anette Kruse in ihrer Küche. Ein kleines Stück von der Jugend kommt immer wieder zurück. Wenn auch in ganz anderer Form.

Der Post Mein Dänemark hatte gewisse literarische Ambitionen, ich weiß nie, in welchem Stil ich schreiben sollte. Als in der Schule Besinnungsaufsätze gefordert wurden, schrieb ich Essays. Mein Deutschlehrer hasste mich dafür. Als ich Wissenschaftler war, schrieb ich wissenschaftlich, aber meistens doch nicht. Der geforderte wissenschaftliche Stil ist etwas für nerds, das wollte ich nicht sein. Doch alle Redaktionen von wissenschaftlichen Zeitschriften und alle Verlage nahmen das, was ich schrieb. Jay schreibt immer gut, hat ein Herausgeber einer Zeitschrift gesagt. Ich habe gefragt, ob ich das schriftlich bekommen könnte. Kriegte ich, von vier Herausgebern unterschrieben. Ich habe kurz überlegt, ob ich es an meine Bürotür kleben sollte, habe es aber gelassen. Da klebte schon Montaignes Satz Que sais je?

Das ist das Schöne an einem Blog, ich kann schreiben, was und wie ich will. Niemand von uns auf dem Photo oben ist Schriftsteller geworden. Ich habe zwar damals angefangen, Romane zu schreiben, die aber alle spätestens nach zehn Seiten in einem Mäppchen verschwanden. Zu romantisch, zu larmoyant. Als ich viele Jahre später Uwe Johnsons Roman Ingrid Babendererde las, wußte ich, dass das der Roman war, den ich hätte schreiben wollen. Nicht nur, weil die Heldin Ingrid hieß. Vielleicht sollte ich sprachlich mutiger sein. Sollte etwas wagen. Auch sprachlich. Ich erkenne gute Literatur, wenn ich sie sehe. Also Sätze wie: Gott gibt mir nicht den Himmel wieder. Er gibt uns keine Kneipe. Er bestraft nicht die Sünder, füttert nicht Schokolade noch Kuchen. Liest nicht vor. Er läßt das Bett kalt.

Wir werden jetzt langsam erwachsen. Zur Konfirmation hatten wir schon richtige Anzüge an. Und jetzt lernen wir tanzen. Bei Theodor Fontane sagt der Chinese: aber wir lassen es andere machen. Wir tanzen selbst und erlernen alle sogenanten Gesellschaftstänze, die man angeblich kennen muss: Walzer, Foxtrott, Polka, Rumba, Samba, Tango, Cha-Cha-Cha und Boogie Woogie. In der Tanzschule Niko Arff lernt man aber alles, damit man für den Abtanzball und das Leben gerüstet ist. Man lernt auch gute Manieren, wenn man das zuhause bisher nicht gelernt hat.

Gute Manieren sind jetzt wichtig in den Adenauerjahren, die deutsche Gesellschaft scheint davon besessen zu sein. Man will jetzt nicht noch einmal alles falsch machen. Die Manieren der bürgerlichen Mittelklasse werden nun zum Maßstab für das Leben. Das Buch von Adenauers Protokollchefin Erica Pappritz über den guten Ton ist jetzt ein Bestseller. Löst den guten alten Knigge ab. Dabei war der ja eigentlich Philosoph und kein Schreiber von Benimmbüchern. Man diskutiert überall über das Regelwerk von Frau Pappritz, in dem auch steht, wie häufig man die Klospülung betätigen darf. Die Deutschen haben ja immer noch diesen Hang, alles ordentlich zu reglementieren. Auf solchen Unsinn wäre der gute Freiherr nicht gekommen.

Die vom Krieg traumatisierte Generation nimmt das Buch offensichtlich dankbar hin. Ein halbes Jahrhundert später ist das schon anders, da wird gutes Benehmen in Bremen als Unterrichtsfach in der Schule angeboten. Das brauchen wir damals nicht, wir werden permanent erzogen, Großmütter haben ihre eigenen Benimmregeln, die sie uns beibringen. Mein Opa sowieso. Und das wird auch strikt durchgesetzt und eingehalten. Ich halte mich noch heute daran. Ich werde in meinem Leben eine Vielzahl von Büchern lesen, die das bürgerliche Leben beschreiben, und in vielen erkenne ich meine eigene Jugend wieder. Denn bis auf die ganzen Errungenschaften der Technik, die der Hausfrau das Leben einfacher machen, sind die fünfziger Jahre eigentlich die dreißiger Jahre. Da stehen geblieben, wo Hitler die Zeit angehalten hat.

Der Tanzlehrer Niko Arff hat ein Holzbein, aber er bewegt sich auf dem Parkett seiner Tanzschule sehr graziös. Beim Ausfallschritt des Tangos kann er das Bein hörbar schleifen lassen. Wir kennen uns in der Tanzstunde beinahe alle. Manche aus unserem Jahrgang sind nicht bei Niko Arff, weil ihre Eltern der Meinung sind, dass die noch zur Zeit des Kaisers gegründete Tanzschule Schipfer-Hausa in Bremen viel vornehmer ist als Niko Arff in Vegesack. Die so Ausgestoßenen gucken dann manchmal heimlich in der Dunkelheit von der Stadtgartenseite in den hellerleuchteten Saal von Niko hinein. Wie die kleine Meerjungfrau, um ein Gemeinschaftserlebnis betrogen.

Meine Mutter war vor dem Krieg auch bei Schipfer-Hausa. Vielleicht gab es da Niko Arff noch nicht, aber für mich war das keine Alternative. Ich gehe natürlich zu Niko, erstens ist es nur fünfzig Meter weit, und zweitens kann ich dann mit Ingrid tanzen, die auch in dem Kurs ist. Zum Abtanzball in der Strandlust kriege ich sie leider nicht zugelost, sondern eine Blondine aus ihrer Klasse, die aus Schönebeck kommt und furchtbar viel quasselt. Da muss man vorher noch einen Besuch bei den Eltern machen, mit Anzug, weißem Hemd, Schlips und Blumen. Obgleich ich sonst in meinem Leben keine Frauen vergessen kann, von ihr weiß ich nicht mehr, wie sie heißt. Ich weiß nur noch, dass sie in Schönebeck in der Wilden Rodung in der Nachbarschaft von Edu Schäfer wohnte.

Eigentlich sind wir ein schönes Paar gewesen, wenn ich das einzige Photo betrachte, das ich von diesem Abend kenne. Aber ich kann mich trotz des Photos nicht an ihren Namen erinnern. Wer immer gesagt hat, dass die Vergangenheit nur das photographische Negativ sei, das in der Gegenwart entwickelt wird, hier muß er sich getäuscht haben. Die jungen Frauen in ihren Abendkleidern und Cocktailkleidern (vorwiegend in hellen Farben, manche mit Blumenmustern) sehen sehr elegant aus. Alle kleine Ruth Leuweriks. Wir tragen dunkle Anzüge und weiße Hemden, Peter, Eberhard Petzold und Pussie Wawer auch eine silberne Schleife. Burchi Krusewitz und Eberhard haben haben in der Tanzstunde nicht aufgepasst und tragen Ringelsöckchen, die man eigentlich nicht auf einem Photo sehen will.

Von nun an wird getanzt, Abtanzbälle (man kennt immer eine junge Frau, die Abtanzball hat), Oberstufenbälle (auch die von anderen Bremer Schulen), Rudervereinsbälle. Später Bataillonsbälle (sehr förmlich), Theaterbälle (furchtbar vornehm und langweilig). Manchmal auch im Sommer auf dem Land, wenn in Ausflugslokalen die Musik aufspielt. In der Meierei im Bürgerpark, dem Gasthaus am Emmasee und Bruns Garten in Leuchtenburg gibt es das in den fünfziger Jahren noch. Das finde ich am Schönsten, doch es ist ein Vergnügen, das vom Aussterben bedroht ist.

Ich tanze gerne, ich kann mich auch gut bewegen und trete meiner Partnerin auch nicht auf die Füße. Mit Traute werde ich viel tanzen, auf ihrem Abtanzball (Schipfer-Hausa), ihrem Oberstufenball (Gymnasium an der Kleinen Helle, da kennt mich niemand). Einmal auch zu einem Ball in einer Tanzschule neben dem Theater am Goetheplatz. Da wird sie von einem Typ zum Tanzen aufgefordert, was mich furchtbar eifersüchtig macht. Eigentlich ärgere ich mich auch nur, weil der so einen eleganten dunkelbraunen Tonic Anzug trägt. Wo kriegt man so was her? Ich bin auch mit Traute bei vielen Parties, wir haben sonst nichts. Sie darf keinen jungen Mann nach Hause mitbringen, ihr Vater ist stockkonservativ. Wir knutschen draußen auf dem dunklen Friedhof.

Manchmal sitzen wir Abende lang in einer stilvollen Bar in der Bahnhofstraße zwei Häuser neben Schaper-Siedenburgs Hotel und gucken uns in die Augen. Die Bar hat sie ausgesucht, ich hätte nicht mal gewusst, dass es die da gibt. Wenn man aus Vegesack kommt, kennt man sich in der Welt der damals angesagten Gaststätten in Bremen-Stadt natürlich nicht aus. Na ja, von der Lila Eule hat man selbst in Vegesack schon gehört. Aber ohne Gudrun wäre ich nie im Kleinen Olymp oder im Kaiser Friedrich gelandet, denn wenn man mit den Eltern ausgeht, dann gibt es in Bremen nur drei Namen: die Bude von Keuneke an der Liebfrauenkirche für die schnelle Bratwurst, Hillmann oder Stecker fürs Kaffeetrinken. Oder das Essighaus, wenn man richtig essen will. Den Ratskeller, den ein Freund letztens als Frittenbude im Tiefparterre bezeichnete, überlassen die Bremer sowieso den Touristen.

In der Disco wird man eines Tages die Standardtänze nicht mehr brauchen (Boogie-Woogie ausgenommen). Dann bleibt einem nur noch ein Tanzverein, aber das ist mir irgendwie zu blöd, wegen des Tanzens in einen Verein zu gehen. In den frühen sechziger Jahren gibt es noch Festlichkeiten zuhause. Dafür werden bei uns in den Wohnzimmern die Möbel beiseite gerückt, Vatis Wartezimmer wird ganz leer geräumt, so wird das halbe Haus zur Tanzfläche. Die jungen Frauen tragen Cocktailkleider oder Twinsets mit Perlenkettchen, wir Anzüge und schmale Schlipse. Niemand trägt Jeans. Es geht alles sehr gesittet zu. Vor allem bei Gert von Arnim, wo der Vater nach dem Tod von Gerts Mutter eine adlige Hausdame eingestellt hat, die dafür sorgt, dass Anstand und Sitte nicht verletzt werden. In Adelskreisen weiß man noch, was sich gehört. Gerts Vater fährt einen schwarzen VW Käfer, das ist der Höhepunkt an Bremer Understatement. Dagegen ist der schwarze Bentley von Biggis Opa schon wieder prollig.

Aber neben dieser Form der Abendgesellschaft setzen sich jetzt Parties durch, etwas ganz Neues. Da braucht man keine große Tanzfläche mehr, weil da nur der ganz eng geklammerte Schmuseblues getanzt wird. Jeder bringt kleine Plastikalben mit Schallplatten und eine Flasche Rotwein mit. Man muss nur aufpassen, dass niemand die Platten auf dem Heizkörper ablegt, die Dellen kriegt man aus seinen Lieblingsplatten nie wieder raus. Meine kleine Sammlung habe ich immer noch, manche haben Rotweinflecken. Blueberry Hill ist dabei, Monty Sunshine, der Sidney Bechets Petite Fleur spielt, und alles was wir damals in abgedunkelten Räumen bei Kerzenlicht gehört haben. Wir haben jetzt einen Partykeller mit einer kleinen Bar, da wo nach dem Krieg unser Schwein und danach der Kohlenkeller war. Willy Mrowetz hat ihn mit weinglasschwingenden Mönchen und Bremer Motiven ausgemalt. Bei diesen Parties, die es jetzt überall geben wird, halten sich die Eltern mit ihrer Anwesenheit zurück, oder sie räumen diskret das ganze Haus. Wir sitzen auch nicht mehr auf Sesseln und Sofas, sondern liegen auf dem Boden und knutschen. Auf diesen Parties braucht man jetzt keine Standardtänze mehr.

Natürlich kann man die später noch brauchen, auf Hochzeiten, wenn die ersten von uns heiraten. Bei der von Volker und Chris bin ich mit Gudrun, die ein aufregendes Kleid trägt. Ich habe meinen scharfen italienischen Smoking an, bei dem der Schalkragen nur eine schmale Seidenkante hat. Der begleitet mich durch die sechziger Jahre, bis ich aus ihm herauswachse. Oder es keine Gelegenheiten mehr gibt, ihn zu tragen. Die Sixties achten ja nicht so sehr auf bürgerliche Förmlichkeiten. Aber ich trauere dem immer noch nach, dem Smoking der italienischen Firma Sidi und den Förmlichkeiten. Die Firma Sidi gibt es auch nicht mehr. Von Zeit zu Zeit tauchen bei Ebay noch scharfe Sidi Anzüge unter der Kategorie Retro auf. Wenn man lange genug wartet, wird alles Retro.