Sonntag, 15. Juli 2018

Seven Seas


Das hier ist die Seven Seas, 1940 als C-3 Frachter gebaut, aber dann gleich von der US Navy vereinnahmt, diente sie den verschiedensten Zwecken. Hier liegt sie in Rotterdam, und da will ich mit Ihnen hin. Es ist ein schöner Sommertag im Jahre 1962. Wir sind morgens in Egmond aufgebrochen, um meinen Freund Ekke Dahle zu begrüßen, der mit der Seven Seas in Rotterdam, dem größten Hafen der Welt, ankommen soll. Mein Klassenkamerad Claus Jäger war auch an Bord gewesen. Der ist später noch Bürgermeister von Bremen geworden, weil er mit seiner FDP einmal 10,2 Prozent der Wählerstimmen erreichte. Davon träumt die FDP noch heute.

Die Seven Seas hat nicht immer so ausgesehen wie im ersten Absatz, so sah sie 1941 aus, als sie zum Flugzeugträger umgebaut worden war (Sie können alles über die wirklich interessante Geschichte des Schiffes hier lesen). Die Seven Seas ist ein Beispiel dafür, dass der Satz Schwerter zu Pflugscharen wahr werden kann. Einst war sie bei der Schlacht von Guadalcanal dabei, dann war sie das beliebteste Auswandererschiff auf der Route Bremerhaven New York oder Montreal. Jetzt fährt sie für den AFS oder macht preiswerte Weltreisen für Studenten.

Zehn Tage war die Seven Seas unterwegs gewesen, von Montreal den St Lorenzstrom hinunter und dann über den Atlantik. Nun kommt sie pünktlich um elf in den Hafen, aber es dauert lange, bis all die Schüler, die mit dem American Field Service ein Jahr in Amerika waren, von Bord kommen. Der im Ersten Weltkrieg gegründete American Field Service organisiert jetzt den international Jugendaustausch. Der AFS, der die Seven Seas in dieser Zeit gerne chartert, ist nicht die einzige Organisation in den 50er und 60er Jahren, die den Austausch zwischen den einst verfeindeten Nationen fördert. Dank des Fulbright Programms hatten wir im Gymnasium die ersten drei Jahre einen amerikanischen Englischlehrer, Mr Manally aus Ripon, Wisconsin. Man könnte hier die Beispiele beliebig fortsetzen, auch das Versöhnung über Gräbern hat etwas mit dem Jugendaustausch der 50er Jahre zu tun.

Rotterdam besteht fünfzehn Jahre nach dem Krieg nur aus Neubauten, die Deutschen haben es im Zweiten Weltkrieg in Grund und Boden gebombt. Das hat uns im Geschichtsunterricht zuhause niemand erzählt, hier wird es jedem Besucher vor Augen geführt. In dem Roman Vryheit do ik ju openbar: Roman aus dem alten Bremen von Trude Wehe, der bei meiner Mutter auf dem Nachttisch liegt, steht neben dem Namen meiner Mutter der Zusatz Zum Andenken an Hans Bünte gefallen 1940 vor Rotterdam. Ich weiß nicht, was Hans Bünte meiner damals zwanzigjährigen Mutter bedeutet hat, er war knapp 25 Jahre alt, als er starb. Ob meine Mutter jetzt, während wir durch Rotterdam fahren,  an den Unteroffizier Hans Bünte vom Infanterieregiment 65 denkt, der hier 1940 starb?

Unser Hotel hat uns am Morgen Lunchpakete mitgegeben. Über die sich jetzt am Mittag die Eltern von Claus Jäger und Ekkes Vater hermachen, meine Mutter wird Albert Dahle das noch jahrzehntelang vorhalten: Albert, Du hast uns die ganzen Lunchpakete weggefressen. Dabei hatten Jägers das meiste verputzt. Die Mutter von Claus packt riesige Mengen Fisch aus, aber das ist nichts für mich, da streune ich lieber auf dem Kai der Holland Amerika Linie umher. Ich suche den Konny, der auch an Bord war, aber ich kann ihn nirgends finden. Mein Vater würde ja gerne bei dem Fisch zugreifen, weil er ein leidenschaftlicher Fischesser ist. Aber er wird von meiner Mutter davon abgehalten. Sie wahrt zu den Jägers kühle Distanz.

Claus Vater ist Kapitän gewesen, bevor er in den dreißiger Jahren mit dem ambulanten Fischhandel angefangen hat, dann kam das Ladengeschäft. Ein renommiertes Geschäft. Aber das interessiert meine Mutter nicht. Ich weiß nicht, woher sie das hat, dass sie sich immer wie etwas Besseres vorkommt. Selbst wenn Claus Jäger (Bild) eines Tages Bremer Bürgermeister wird, für sie sind das immer noch die Leute mit dem Fischgeschäft. Die Bornierheit der Bremer Kleinstadtgesellschaft zeigt sich immer wieder in solchen Kleinigkeiten, meine Mutter ist da kein Ausnahmefall. Die sind alle so. Auch wenn sie nicht in der Weserstraße wohnen, wo jeder glaubt, dass er was Besseres ist.

Ich habe noch ein Photo von der Wiedersehensfeier, Ekkes Vater hat es mit einer seiner Leicas gemacht. Erstaunlich, wie bürgerlich ordentlich man damals im Urlaub ist. Ekke trägt einen braun-beigen Sommeranzug, ich einen blau-grau gestreiften Flanellblazer, Krawatte und ein Hemd mit rundem Kragen. Sowas hat nicht jeder. Mein Vater hat seinen hellgrauen Sommerzweireiher an, zu dem ihn sein Schneider überredet hat. Die Damen tragen Sommerkleider und elegante Handtaschen. Mein Bruder und Jörgi, die noch zu jung für Anzüge sind, tragen Pullover, aber sie haben saubere weiße Hemden darunter.

Ein Jahr, bevor Ekke, Claus und Konny nach Amerika gingen, hatte ich mich beim AFS beworben. Wurde interviewt und getestet und kam bei einem Auswahlgespräch unter die letzten zehn. Man nahm zwei, mich nicht. Es ist mir schon klar, dass ich für die Amerikaner, die in dem kleinen Glaskubus in der Contrescarpe von einem baumlangen Gunnery Sergeant bewacht wurden, zu frech war. Vielleicht lag es auch an meinem eleganten Westenanzug. Den muss ich erwähnen, weil er etwas mit dem Krieg zu tun hat. Alles heute hat in diesem Post mit dem Krieg zu tun: die Seven Seas, der AFS, die Stadt Rotterdam. Den Stoff zu dem Anzug hatte mein Vater am Strand von Dünkirchen im Gepäck eines englischen Offiziers gefunden, dem es wohl wichtiger war, auf ein Schiff nach England zu kommen, als diesen Stoff mitzunehmen. Mein Vater hat sich nach dem Krieg aus dem Pepitastoff einen Anzug machen lassen, zehn Jahre später erbte ich den, und Schneidermeister Anton Schiwal änderte ihn nach meinen Wünschen. Zur Tanzstunde war er fertig, Rückenschlitze und enge Hosenbeine. Habent sua fata libelli, Kleidung auch.

Ich war nicht traurig, dass das mit Amerika nicht geklappt hatte, amerikanische Kultur hatten wir hier im amerikanisch besetzten Bremen genug. Im nächsten Jahr hatte Mr Galatti vom AFS den Austausch mit Deutschland besser im Griff, da gab es nicht nur zwei Plätze für ganz Bremen, da gab es eine Handvoll Plätze allein für unsere Schule. Da hätte ich leicht einen Platz haben können. Aber ich wollte nicht mehr. Snobismus? Ich weiß nicht. Die entscheidenden Fragen waren eher: gibt es in Amerika irgendwo auf dem platten Land auch alle französischen Filme zu sehen? Und: wird die Frau mit den roten Haaren und den grünen Augen auch auf mich warten?

Samstag, 14. Juli 2018

Bergman


Warum gibt es heute nichts zu Ingmar Bergman? fragen besorgte Leser. Ich wollte seinen hundertsten Geburtstag unbemerkt verstreichen lassen. Geht wohl nicht. Mir fällt aber heute nichts zu ihm ein, weil ich wahrscheinlich schon alles zu ihm gesagt habe. Lesen Sie doch bitte Ingmar Bergman und Schweigen. Und Schwedinnen. Und unter dem Post Bibi Andersson finden Sie Links zu allen Schwedinnen in diesem Blog. Das müsste für den Sonntag reichen, Sie wollen doch noch ein wenig Fußball gucken.

Le jour de gloire est arrivé


Dieses schöne Bild fand sich schon vor Jahren in dem Post 14. Juli. Dies ist ein Tag, den die Franzosen jedes Jahr groß feiern, und warum sollen sie nicht? Liberté, égalité, fraternité wären ja schöne Ideale, aber sie haben im Blutrausch der Revolution einen schäbigen Beiklang bekommen. Doch das Allons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé!, das der junge Rouget de Lisle in einer Nacht dichtet, das wird immer noch gesungen. Wenn Sie wissen wollen, wie die Nationalhymne entstanden ist, dann lesen Sie Stefan Zweigs Erzählung Das Genie einer Nacht :

1792. Zwei Monate, drei Monate schon schwankt in der französischen Nationalversammlung die Entscheidung: Krieg gegen die Koalition der Kaiser und Könige oder Frieden. Ludwig XVI. ist selbst unentschlossen; er ahnt die Gefahr eines Sieges der Revolutionäre, er ahnt die Gefahr ihrer Niederlage. Ungewiß sind auch die Parteien. Die Girondisten drängen zum Kriege, um die Macht zu behalten, Robespierre und die Jakobiner fechten für den Frieden, um inzwischen selbst die Macht an sich zu reißen. Von Tag zu Tag wird die Lage gespannter, die Journale lärmen, die Klubs diskutieren, immer wilder schwirren die Gerüchte, und immer mehr wird die öffentliche Meinung durch sie erregt. Wie immer eine Entscheidung, wird es darum eine Art von Befreiung, wie am 20. April der König von Frankreich endlich den Krieg an den Kaiser von Österreich und den König von Preußen erklärt. ....

Es ist spät nach Mitternacht. Der 25. April, der für Straßburg so erregende Tag der Kriegserklärung, ist zu Ende, eigentlich hat der 26. April schon begonnen. Nächtliches Dunkel liegt über den Häusern; aber trügerisch ist dieses Dunkel, denn noch fiebert die Stadt vor Erregung. In den Kasernen rüsten die Soldaten zum Ausmarsch und manche der Vorsichtigen hinter verschlossenen Läden vielleicht schon heimlich zur Flucht. Auf den Straßen marschieren einzelne Peletons, dazwischen jagen die klappernden Hufe der Meldereiter, dann rasselt wieder ein schwerer Zug Artillerie heran, und immer wieder hallt monoton der Ruf der Schildwache von Posten zu Posten. Zu nahe ist der Feind, zu unsicher und zu erregt die Seele der Stadt, als daß sie Schlaf fände in so entscheidendem Augenblick.

Auch Rouget, der jetzt in sein bescheidenes Zimmerchen in der Grande Rue 126 die runde Treppe hinaufgeklettert ist, fühlt sich merkwürdig erregt. Er hat sein Versprechen nicht vergessen, möglichst rasch ein Marschlied, ein Kriegslied für die Rheinarmee zu versuchen. Unruhig stapft er in seinem engen Zimmer auf und nieder. Wie beginnen? Wie beginnen? Noch schwirren ihm alle die anfeuernden Rufe der Proklamationen, der Reden, der Toaste chaotisch durch den Sinn. »Aux armes, citoyens! ... Marchons, enfants de la liberté! ... Ecrasons la tyrannie! ... L'étendard de la guerre est déployé! ...« Aber auch der andern Worte entsinnt er sich, die er im Vorübergehen gehört, die Stimmen der Frauen, die um ihre Söhne zittern, die Sorge der Bauern, Frankreichs Felder könnten zerstampft werden und mit Blut gedüngt von den fremden Kohorten. Halb unbewußt schreibt er die ersten beiden Zeilen hin, die nur Widerhall, Widerklang, Wiederholung sind jener Anrufe.

»Allons, enfants de la patrie,
Le jour de gloire est arrivé!«

Dann hält er inne und stutzt. Das sitzt. Der Ansatz ist gut. Jetzt nur gleich den rechten Rhythmus finden, die Melodie zu den Worten. Er nimmt seine Geige vom Schrank, er probiert. Und wunderbar: gleich in den ersten Takten paßt sich der Rhythmus vollkommen den Worten an. Hastig schreibt er weiter, nun schon getragen, nun schon mitgerissen von der Kraft, die in ihn gefahren ist. Und mit einemmal strömt alles zusammen: alle die Gefühle, die sich in dieser Stunde entladen, alle die Worte, die er auf der Straße, die er bei dem Bankett gehört, der Haß gegen die Tyrannen, die Angst um die Heimaterde, das Vertrauen zum Siege, die Liebe zur Freiheit. Rouget braucht gar nicht zu dichten, zu erfinden, er braucht nur in Reime zu bringen, in den hinreißenden Rhythmus seiner Melodie die Worte zu setzen, die heute, an diesem einzigen Tage, von Mund zu Mund gegangen, und er hat alles ausgesprochen, alles ausgesagt, alles ausgesungen, was die Nation in innerster Seele empfand. Und er braucht nicht zu komponieren, denn durch die verschlossenen Fensterläden dringt der Rhythmus der Straße, der Stunde herein, dieser Rhythmus des Trotzes und der Herausforderung, der in dem Marschtritt der Soldaten, dem Schmettern der Trompeten, dem Rasseln der Kanonen liegt. Vielleicht vernimmt er ihn nicht selbst, nicht sein eigenes waches Ohr, aber der Genius der Stunde, der für diese einzige Nacht Hausung genommen hat in seinem sterblichen Leibe, hat ihn vernommen. Und immer fügsamer gehorcht die Melodie dem hämmernden, dem jubelnden Takt, der Herzschlag eines ganzen Volkes ist. Wie unter fremdem Diktat schreibt hastig und immer hastiger Rouget die Worte, die Noten hin – ein Sturm ist über ihn gekommen, wie er nie seine enge bürgerliche Seele durchbrauste. Eine Exaltation, eine Begeisterung, die nicht die seine ist, sondern magische Gewalt, zusammengeballt in eine einzige explosive Sekunde, reißt den armen Dilettanten hunderttausendfach über sein eigenes Maß hinaus und schleudert ihn wie eine Rakete – eine Sekunde lang Licht und strahlende Flamme – bis zu den Sternen. Eine Nacht ist es dem Kapitänleutnant Rouget de Lisle gegönnt, Bruder der Unsterblichen zu sein: aus den übernommenen, der Straße, den Journalen abgeborgten Rufen des Anfangs formt sich ihm schöpferisches Wort und steigt empor zu einer Strophe, die in ihrer dichterischen Formulierung so unvergänglich ist wie die Melodie unsterblich.

»Amour sacré de la patrie,
Conduis, soutiens nos bras vengeurs,
Liberté, liberté chérie,
Combats avec tes défenseurs.«

Dann noch eine fünfte Strophe, die letzte, und aus einer Erregung und in einem Guß gestaltet, vollkommen das Wort der Melodie verbindend, ist noch vor dem Morgengrauen das unsterbliche Lied vollendet. Rouget löscht das Licht und wirft sich hin auf sein Bett. Irgend etwas, er weiß nicht was, hat ihn aufgehoben in eine nie gefühlte Helligkeit seiner Sinne, irgend etwas schleudert ihn jetzt nieder in eine dumpfe Erschöpfung. Er schläft einen abgründigen Schlaf, der wie ein Tod ist. Und tatsächlich ist schon wieder der Schöpfer, der Dichter, der Genius in ihm gestorben. Auf dem Tische aber liegt, losgelöst von dem Schlafenden, den dies Wunder wahrhaft im heiligen Rausch überkommen, das vollendete Werk. Kaum ein zweites Mal in der Geschichte aller Völker und Zeiten ist ein Lied so rasch und so vollkommen gleichzeitig Wort und Musik geworden.

Den ganzen Text von Stefan Zweigs Das Genie einer Nacht aus Sternstunden der Menschheit finden Sie hier. Und diese junge Frau werden wir nicht vergessen. weil sie in Casablanca nach der Marseillaise noch ein Vive la France ruft. Es ist Madeleine LeBeau, von den Nazis aus Frankreich vertrieben, sie ist vor zwei Jahren im Alter von 92 Jahren gestorben. Ich hätte da noch eine Aufnahme aus dem Jahre 1907, und einen Ausschnitt aus dem Film von Jean Renoir von 1938. Opernsängerinnen können es singen, französische Präsidenten und das ganze Parlament auch. Und dann habe ich noch ein etwas bizarres Video, das aber schön gesungen wird.

Dienstag, 10. Juli 2018

Proust


The past is never dead. It is not even past, hat William Faulkner gesagt. Und seine Romanwelt zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart verknüpft sind. Vergangenheit ist für ihn die Vergangenheit des amerikanischen Südens, häufig mit Schuld verbunden. Das Heraufbeschwören der Vergangenheit ist etwas, was manchen Autoren gelingt, vielen nicht. The past is a foreign country: they do things differently there, sagt L.P. Hartley in seinem Roman The Go-Between, einem Roman, der immer wieder mit Prousts Werk verglichen worden ist. Bei dem die Vergangenheit als etwas Verlorenes ja schon im Titel des Romans steht. Und der uns in dem Kapitel, in dem es um die Madeleine geht, einiges dazu zu sagen hat: Ebenso ist es mit unserer Vergangenheit. Vergebens versuchen wir sie wieder heraufzubeschwören, unser Geist bemüht sich umsonst. Sie verbirgt sich außerhalb seines Machtbereichs und unerkennbar für ihn in irgendeinem stofflichen Gegenstand (oder der Empfindung, die dieser Gegenstand in uns weckt); in welchem, ahnen wir nicht. Ob wir diesem Gegenstand aber vor unserem Tode begegnen oder nie auf ihn stoßen, hängt einzig vom Zufall ab.

Ob es der Geschmack der Madeleine ist, ob die Bäume an der Allee den Erzähler festhalten wollen, ob es das kleine gelbe Mauerstück in einem Bild von Vermeer ist, immer entwirft Proust ästhetisch und atmosphärisch aufgeladene Augenblicke. Denn das Gedächtnis, indem es die Vergangenheit in unveränderter Gestalt in die Gegenwart einführt - so nämlich, wie sie sich in dem Augenblick präsentierte, als sie selber noch Gegenwart war - bringt gerade jene große Dimension der Zeit zum Verschwinden, in der das Leben sich realisiert. 

Wir können Prousts Madeleine Erlebnis, das ja mehr ist als Tee und Cookies ist, eine epiphany nennen, James Joyce hat in Dubliners davon überreichen Gebrauch gemacht. Die Autoren des New Journalism wie Joan Didion haben die Erinnerung und die epiphanies wiederentdeckt, von obsessive remembering hat Didion einmal über ihre eigene Technik gesprochen: A place belongs forever to whoever claims it hardest, remembers it most obsessively, wrenches it from itself, shapes it, renders it, loves it so radically that he remakes it in his image. Doch Prousts Entdeckungreise in die Vergangenheit und das eigene Ich ist keine Suche nach einem total recall, denn solche willentlichte Erinnerung erscheint ihm als Verfälschung. Die ars memoriae und ars reminiscentiae, die Frances A. Yates in The Art of Memory darstellt, sind seine Sache nicht, nur die mémoires involontaires gilt es zu suchen: Sehen Sie, der Künstler sollte sich ausschließlich im Bezug auf die unwillkürlichen Erinnerungen den grundlegenden Stoff seines Werkes erarbeiten. Zunächst einmal deshalb, weil dieses sich aus sich selbst bilden. Angezogen durch die Ähnlichkeit einer identischen Minute, haben sie allein das Markenzeichen der Authentizität inne. Und schließlich liefern sie uns die Dinge in einer exakten Dosierung zwischen Erinnerung und Vergessen.

Marcel Proust wurde am 10 Juli 1871 geboren, er ist in diesem Blog ein ständiger Gast. Wenn Sie mehr lesen wollen, dann klicken Sie doch diese Posts an: Combray, Marcel Proust, Spargel, Bilder, Hammershøis Bäume, lettre de lecteur, temps perdu, Tennis, Abendgesellschaft, SchreibenAnita Albus. In dem Post Temps retrouvé finden Sie eine Besprechung der wichtigsten Literatur zu Proust.

In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt.

Sonntag, 8. Juli 2018

Dicke Luft


Nimm mich mit Kapitän auf die Reise, sang Hans Albers. In der Welt des Traumschiffs ist die Welt noch in Ordnung. Blütenweiße Uniformen, kein Dreck. Aber das Traumschiff fährt in einer Traumwelt, die Wirklichkeit sieht anders aus.

Um die Jahrhundertwende dichtete ein Unbekannter, vielleicht ein Fähnrich zur See oder ein Oberleutnant namens Karl Rode, diese schönen Verse:

Was steigt denn da am Horizont
für´n schwarzer Rauch empor?
Es ist des Kaisers Segelyacht,
die stolze “Meteor”...

Weiße Segel und schwarzer Rauch passen nicht zueinander, Traumschiffe und Stickoyde auch nicht. Man ist in Kiel stolz darauf, dass sich für das Jahr 2018 zweiunddreißig Kreuzfahrtschiffe angemeldet haben. Und da liegen sie nun im Hafen, so niedlich bunt bemalt, welch schönes Bild. Aber der rote Kussmund wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass das nichts als Dreckschleudern sind, die mit dem billigsten aller Kraftstoffe betrieben werden: Schweröl. Nur wenige Kreuzfahrtschiffe filtern Feinstaub aus ihren Abgasen, sehr wenige. Es gibt dafür keine gesetzliche Pflicht. Der Naturschutzbund Deutschland hat ausgerechnet, dass ein einziger Ozeanriese auf einer Kreuzfahrt so viel Schadstoffe wie fünf Millionen Pkw ausstößt.

Ein Kreuzfahrtschiff bringt es am Tag auf 7.500 kg Schwefeldioxid, 5.250 kg Stickoxid, 450 kg Rußpartikel und 476.850 kg Kohlendioxid. Auch im Hafen, weil ihr Motor weiter dieselt. Nun wäre es ja eine Idee, die Schiffe mit Landstrom zu versorgen. Den Plan gibt es seit 2012, seit die Color Line in Oslo das erste Schiff an Landstrom anschloss. Schon seit Jahren will Kiel ein Landstrom Terminal für Schiffe, auf jeden Fall in Presseerklärungen. Gerade haben Stadt, Land und Hafen eine Absichtserklärung unterschrieben. Das wird dauern, das wird dauern. Als es darum ging, Geld für Sprüche wie Der echte Norden und Kiel Sailing City herauszuwerfen, da ging das schneller.

Freitag, 6. Juli 2018

Tagesausflug


Du hast ja immer viel photographiert, sagte Frank. Gute Bilder, schob er nach. Das war nett. Photographierst Du noch? Was soll man da sagen? Das Desaster von dem Kindergeburtstag erwähnen, wo die Kiddies nach dem Knipsen kein Bild in der Kamera sehen konnten? So etwas kann eine Exakta noch nicht. Und ein großer Gossen Belichtungsmesser ist keine Minikamera. Ich rede mit Frank über das Bild, das ich auf der Fahrt nach Helgoland von ihm gemacht habe. Über die Reling hängend und grün im Gesicht? Nein, nichts davon, Frank scheint auf dem Bild mit einer Kabinentür zu kämpfen, die nicht aufgehen will. Wir sind jenseits von Rote Sand, die Wellen sind kabbelig geworden, und der Wind hat aufgeböt. Da werden heute noch viele seekrank werden, die ganze Schule ist an Bord. Der Direktor hat ein Schiff gemietet, sein Stellvertreter Willy Klevenhusen macht die Organisation. Eltern dürfen auch mitfahren. Der beste Schulausflug aller Zeiten, viel besser als die staatstragende Busreise an die Zonengrenze bei Helmstedt. Leider kaum Mädels an Bord, Koedukation kommt bei uns erst im nächsten Jahr (wir sind für Philip Larkins Annus Mirabilis noch zu früh dran).

Wir stechen nicht von Bremerhaven aus in See. Nein, wir gehen in Vegesack vom Anleger neben dem Ruderverein an Bord, dann geht es die ganze Unterweser entlang. Sieht man sonst nur vom Segelboot oder dem Schreiber Dampfer aus. Ist für viele auch gut, sich an das Schiff zu gewöhnen. Wem in Oberhammelwarden schon schlecht ist, der wird in der Nordsee Schwierigkeiten haben. Das Portrait von Frank habe ich auf 13x18 vergrößert, habe ich mit allen guten Bildern gemacht. Er hat gar nicht gemerkt, dass er photographiert wurde, so sollen Portraits sein. Ich kriege an dem Tag beinahe die ganze Schule auf zwei Filme. Natürlich alles in schwarz-weiß, noch sind wir kleinen Nachfolger von Henri Cartier-Bresson echte Puristen. Und ein Gelbfilter ist heute bei dem Himmel auch angebracht.

Ich photographiere mich langsam über das ganze Oberdeck, ich kann mich heute noch mit jedem Photo an jeden Augenblick der Reise erinnern: Lehrer auf Deckstühlen, wie unser Klassenlehrer Gustav Renziehausen (von dem ich das Gerücht in die Welt setze, dass er mit Eva Renzi verwandt ist). Neben ihm unser Lateinlehrer, der etwas liest, das eher nach einem schlimmen Krimi als nach Sallust aussieht (dass er ein Nazi gewesen war, wusste damals niemand). Unser erster Klassenlehrer am Gymnasium, Hermann Bollenhagen, ist im Gespräch mit Volker Harjehusen, der Kapitän werden wird. Massenhaft Freunde und Mitschüler. Peter Umlandt beim Skatspielen, Peter Köpp, elegant in seinem weißen Norwegerpullover mit braunen Mustern drauf und dann unser neuer Mitschüler, dessen Vater das Lokal Meyer-Farge-Schiffsansage gepachtet hat. Auch manche Eltern sind auf den Bildern. Ulis Vater, der bei der Kriegsmarine ein tolles U-Boot Fernglas, dick mit hellgrünem Gummi ummantelt, geklaut hat. Und meine Mutter beim Skatspielen mit Schülern. Da machen jetzt mal andere die Erfahrung, wie das ist, wenn man mit einer Frau Karten spielt, die notorisch schummelt. Ist mir auch lieber, dass sie Karten spielt, als wenn sie Kleine Möwe, flieg nach Helgoland singt.

Jeder redet jetzt mit jedem, ein richtiges Gemeinschaftserlebnis, es gab ein Leben vor dem Mobiltelephon. Auf der Rückfahrt werden tolle Geschichten erzählt, wie man den Zoll ausgetrickst hat. Unserem Englischlehrer Toni Winkelsesser soll die geschmuggelte Flasche Whisky aus dem Mantel gerutscht und am Boden zerbrochen sein. Ein anderes Opfer des Whiskyschmuggels soll Bernd Neumann gewesen sein, der aus lauter Angst vor der Entdeckung beim Zoll eine halbe Flasche Whisky ausgetrunken hat. Soll dann besinnungslos auf der Rückreise auf dem Oberdeck gelegen haben. Hat mir Uwe erzählt, der Bernd auf den Tod nicht ausstehen kann. Stimmen könnte die Geschichte schon, der Bernd war furchtbar doof. Hindert ihn nicht daran, Politiker zu werden.

Irgendwann werde ich das Photo mit der Kabinentür und Frank mal kopieren und dem Frank schicken. Wäre ja auch schön, wenn ich es hier einscannen könnte. Bin aber nicht intelligent genug dafür. Heike hat mir vor zwei Jahren den Scanner geschenkt, kann ich immer noch nicht mit umgehen. Habe auch kein I-Phone und kein Handy, läuft alles an mir vorbei. Und was machst Du so? fragt der Frank. Was der Frank macht, weiß ich, hat mir Peter Umlandt vor Jahren erzählt. Ja, was mache ich? Das halbe Leben an der Uni, jetzt Blogger. Blogger kann alles oder nichts heißen, deshalb übertreibe ich mal eben: Ich schreibe einen des besten deutschen Kulturblogs. Kommt meine Tochter drin vor? fragt Frank. Nur dann ist das ein guter Kulturblog. Da hat er mich. Woher soll ich wissen, dass seine Tochter Anna die Tanzdramaturgin am Frankfurter Mousonturm ist? Und dass der Sohn an der polnischen Filmakademie (ein Nachfolger von Wajda und Polanski?) studiert hat?

Nunc pede libero pulsanda tellus, wofür waren wir die Lateinklasse? Es wird zu wenig getanzt in diesem Blog. Es gibt Posts, die Fontane tanzt, Ratten, Tänzer, Tango oder Abtanzball heißen, doch das ist nicht viel. Aber immerhin wird jetzt bei mir Anna Wagner erwähnt.

Dienstag, 3. Juli 2018

Nichtverstehen


Der junge Handwerksbursche aus Tuttlingen hört in Amsterdam nur Kannitverstan. Gut, das sind ➱Holländer, die sind schwer zu verstehen, aber wie steht es mit uns? Frau Merkel versteht Seehofer nicht, und anders herum. Dann haben wir eine Staatskrise, das ZDF sendet ein Spezial nach dem anderen, die politischen Kaffeesatzleser werden vor die Kameras gezerrt, und in den Talkshows treffen sich diejenigen, die hier sowieso immer sitzen.

Dabei scheint das Nichtverstehen für manche Philosophen etwas Positives zu haben, so kündigt ein Projektkolleg namens ➱Anoetik Formen und Leistungen des Nichtverstehens an: In der gegenwärtigen ästhetischen Theoriebildung und der Auseinandersetzung mit künstlerischen Gegenständen kommt dem Kulturerbe der hermeneutischen Tradition meist nur noch eine untergeordnete Rolle zu, scheint sie doch durch die radikal verstehensskeptischen Ansätze (namentlich der Dekonstruktion) längst obsolet geworden zu sein. Ein anderes Bild bietet die sprachanalytische Philosophie, in der neuere Einsichten zur ›Operation des Verstehens‹, insbesondere aber zum Phänomen des Nichtverstehens eine revidierte hermeneutische Epistemologie nahelegen. Das hier skizzierte Projekt möchte solche Konturen und Kategorien einer ›anoetischen‹ Subjektivität nachzeichnen, die das Nichtverstehen als Normalität menschlicher Weltbegegnung begreift, und im Umgang mit ästhetischen Objekten aus Literatur, Kunst und Musik produktiv machen. Damit verbindet sich zugleich die methodische Frage nach dem Grundriss einer philosophisch-ästhetischen Hermeneutik nach der Postmoderne, die im beirrenden Moment des Nichtverstehens ihren Ausgang findet.

Ich nehme an, Sie haben alles verstanden. Wenn nicht, ist das auch nicht schlimm. Schließlich kann man das Nichtverstehen als Normalität menschlicher Weltbegegnung begreifen. Wie sagte Wittgenstein so schön? Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.


Montag, 2. Juli 2018

Orthopäden


Wann waren Sie zum letzten Mal beim Orthopäden? fragte mich der Orthopäde. Ich dachte kurz nach und sagte: Vor fünfzig Jahren. Wenn Sie Poems are the MRI's of the soul und Gehen - Schreiben gelesen haben, dann wissen Sie, dass dieser Blogger zur Zeit ein wenig unter einer Lumboischialgie und anderen Dingen, die auch schöne lateinische und griechische Namen haben, leidet. Ich will das jetzt nicht vertiefen, ich möchte mal eben eine Geschichte erzählen, die von Orthopäden handelt und die irgendwo bei den Abenteuern des braven Soldaten Schweijk stehen könnte.

Ich war in einem Herbstmanöver der Bundeswehr gewesen und hatte einen kleinen Manöverunfall, der mich in das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg-Wandsbek beförderte. Ich habe das schon in dem Post Utta Danella erwähnt. Zum Weihnachtsfest sagte der Generalarzt zu mir (ich hatte Hals und Schulter in Gips): Die Schwester wird Ihnen heute abend ein Pikkolöchen einflößen. Irgendwann kam der Gips ab, und es gab so etwas wie Krankengymnastik. Mit dem Medizinball, das war sozusagen die krankengymnastische Steinzeit. Heute weiß ich mit meinem lahmen Bein, was Physiotherapeutinnen und Krankengymnastinnen alles können. Die kommen zweimal die Woche vorbei und quälen mich wie die Girls von St Trinian's, aber sie verstehen von dem Ganzen wahrscheinlich mehr als der normale Orthopäde.

Wenn auch die Orthopädie kein Vorzeigestück von Wandsbek war, die Chirurgie war es. Halb Afrika war da. Junge Männer, die in irgendwelchen sinnlosen Kriegen Körperteile verloren hatten. Meistens durch Minen. Ein Assistenzarzt erzählte mir, dass Hamburger Chirurgen hier Schlange ständen, um einmal hier operieren zu dürfen. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, auf jeden Fall für Chirurgen, ob es Friedrich von Esmarch oder die Chirurgen des MASH sind.

Ich will über das Wandsbeker Bundeswehrkrankenhaus nichts Böses sagen, dies war Hamburg, nicht Rostrup, über das Jochen Schimmang den Roman Der schöne Vogel Phönix schrieb. Ich lag erster Klasse, mein Gehalt lief weiter, Freunde und Freundinnen, die in Hamburg studierten, besuchten mich. H. fand es rattenscharf, mal in einem Bundeswehrlazarett zu knutschen. Als ich Wandsbek verließ, kriegte ich mal gerade die rechte Hand zum Gruß an den Mützenschirm, aber viel mehr war da nicht. Außerdem hatte ich als Neuerwerbung einen Tinnitus, den ich bis heute behalten habe.

Ich war wieder ein freier Mensch, aber es gab zahlreiche Verluste. Meine Karriere als Handballtorwart konnte ich mir abschminken, beim Tennis kriegte ich keinen Aufschlag mehr hin, und vom Cricket reden wir lieber nicht. Ich hatte die sicherlich sonderbare Idee, dass mir die Bundeswehr ein wenig an orthopädischer Hilfe spendieren sollte. Ich musste zum Amtsarzt und bekam Wochen später einen Bescheid, dass die Bundeswehr zu keiner finanziellen Leistung verpflichtet sei. Weil meine Beschwerden nichts mit dem Manöverunfall zu tun hätten, sondern auf eine in der Jugend unbemerkt durchgemachte Scheuermannsche Krankheit zurückgingen. Man muss sich so etwas auf der Zunge zergehen lassen. Vor einem halben Jahrhundert ließ man sich so etwas bieten, heute wohl nicht mehr.

Das nächste Jahr begann mit einer Überraschung: die Bundeswehr teilte mir mit, dass ich mir in Bremen meine Ernennungsurkunde zum Oberleutnant der Reserve abholen könne. Die Buskosten würden erstattet, und ich sei berechtigt, meine Uniform zu tragen. Auf letzteres verzichtete ich, ich zog einen Anzug an und trug meinen wunderbaren gelben Lamamantel. Ich hätte jetzt auch wieder militärisch grüßen können, viel Schwimmen und Gymnastik von einer blonden OP-Schwester hatten dafür gesorgt. Aber ich war mit der Bundeswehr fertig.

Die allerdings nicht mit mir. Ich erhielt plötzlich eine Aufforderung zu einer dreimonatigen Wehrübung (Kompaniecheflehrgang) in Hammelburg. Hammelburg kommt in der US Serie Hogan's Heroes vor, das sollte für jedermann ausreichen. Munster, Bergen-Hohne, Sennelager, alles schön und gut, aber nicht Hammelburg. Und nicht drei Monate. Ich begann einen mehrmonatigen Briefkrieg mit dem Verteidigungsministerium. Meine Trumpfkarte mit dem Manöverunfall spielte ich erst zum Schluss aus. Da war dann erst einmal vier Wochen Ruhe. Danach wurde ich aufgefordert, mich im Kreiswehrersatzamt bei einem Stabsarzt zu melden. Der Mann war sehr nett, er war noch nicht lange beim Bund. Wenn er dem Kleiderbullen auf der Kleiderkammer einen Geldschein zugesteckt hätte, hätte er eine Uniform bekommen, in die er hineinpasste.

Eine ärztliche Untersuchung fand allerdings nicht statt. Der Stabsarzt teilte mir mit, dass meine gesamten medizinischen Unterlagen auf dem Dienstweg verloren gegangen sein. Er musste sich sehr beherrschen, um diesen Satz herauszubekommen. Und dann sagte er, ihm sei das hier alles zu blöd, gab mir eine Überweisung für Privatpatienten und sagte mir, ich könne mir einen Orthopäden meiner Wahl für eine ärztliche Untersuchung aussuchen. Ich rief meinen Bruder an, der gerade sein Medizinstudium begann und fragte: Wer ist der beste Orthopäde im Ort? Die Antwort war: Dr Altenstein. Ich machte einen Termin bei der Koryphäe, wurde höflich behandelt, geröntgt und untersucht. Und zum Schluß sagte Altenstein, während er meine Röntgenbilder vor dem Milchglasschirm betrachtete: Die Bundeswehr will Sie haben? Infanterie? Da kann ich nur sagen: Ha, ha, ha. Das war das Ende meiner militärischen Karriere. Laut der Akten in meinem Wehrpaß hat die Untersuchung durch Dr Guenter Altenstein nie stattgefunden.

Sonntag, 1. Juli 2018

Weltkulturerbe


Im Jahre 2016 schrieb ich in dem Post ➱Haithabu etwas ironisch: Vor Jahren sollte Haithabu zusammen mit Fundorten in fünf weiteren Ländern zum Welterbe Wikinger werden. Schweden zog seine Befürwortung des Antrags zurück, raten Sie mal weshalb. Und auch der Antrag des Landes Schleswig-Holstein im letzten Jahr scheiterte erneut. Aber dafür sind wir ja dank Herrn Albig und seinem Gspusi aus der Werbewirtschaft ➱Der echte Norden. Für das Geld, das dieser Unsinn gekostet hat, hätte bestimmt eine Forschungsgruppe die braune Geschichte der Haithabu Forschung aufgearbeitet. Und einen stichhaltigen Antrag für die Anerkennung als Weltkulturerbe formuliert.

Jetzt hat es geklappt, gestern hat die UNESCO im Königreich Bhutan Haithabu und das Danewerk als Weltkulturerbe anerkannt. Da kann man nur froh sein, dass Haithabu nach langen Umbauten seit Mai 2018 wieder geöffnet ist. Die schleswig-holsteinische Kultusministerin ➱Karin Prien gebrauchte das Wort weltklasse, das wird vielen Fußballfans wehtun. Es ist kein leichtes Erbe mit dem Danewerk und Haithabu, das zeigt die Geschichte ihrer Erforschung. Falls Sie vor zwei Jahren den Post zu Haithabu nicht gelesen haben sollten, stelle ich ihn hier heute noch einmal ein:

Die Braut liebt einen anderen, aber sie soll den reichen Bauernsohn heiraten, den ihre Eltern ausgeguckt haben. Als man schon beinahe die Kirche erreicht hat, ruft die Braut aus: Hilf, o Gott! Lieber will ich auf der Stelle zu Stein werden, als einem Manne gehören, den ich nicht lieben kann. Kaum hat sie das gesagt, da erstarren sie und der Brautzug zu Stein, der Brautzug vom Bräutigam auch.

Sie kennen diese Geschichte einer Petrifizierung nicht? Dann kennen Sie das Großsteingrab bei Wildeshausen nicht. Ich war gerade zur Schule gekommen, als mir mein Opa diese Geschichte erzählte. Hinten im neuen ➱blauen Auto, wir waren unterwegs zu den berühmten Steinen von Braut und Bräutigam in Visbek. Es war kaum Verkehr auf den Straßen des norddeutschen Flachlands, 1950 war nie viel Verkehr auf den Straßen. Ich fand die Steinreihen in Visbek furchtbar langweilig. Heute würde ich sagen: eine Art Stonehenge für Arme. Später haben mich Liebesgeschichten, die etwas mit Steinen - und wenn es auch Grabsteine waren - schon interessiert. Also die Geschichten von Prinz Buris Henriksen, der die schöne ➱Liden Kirsten liebt. Oder ➱Elvira Madigan unter ihrem Grabstein in Landet Kirkegård.

Natürlich kann man das Thema von prähistorischen Steinen - Hünengräbern, Dolmen oder Menhiren - auch plakativ verkaufen. Wenn man zum Beispiel (wie in Dolmen: Das Sakrileg der Steine) eine sexy Polizistin in die Krimihandlung mischt. Aber auch ohne die schnuckelige Ingrid Chauvin kann man Archäologie plakativ verkaufen, wie Sendungen wie Terra X zeigen. Es ist eine Sendung, die meinem Freund ➱Kurt Denzer nicht so sehr gefällt. Was er zu dieser ➱Sendung mit der Maus sagt, das weiß ich nicht.

Die Franzosen verkaufen ihre steinerne Vergangenheit sowieso besser als wir, egal ob das Dolmen (mit oder ohne Ingrid Chauvin) oder Hinkelsteine sind. Und sicherlich kann sich die Archäologie auch mit diesem leicht übergewichtigen Gallier beschäftigen. Auf jeden Fall gab es bei der von Kurt Denzer gegründeten ➱Cinarchea einmal einen Referenten, der eine Publikation mit dem schönen Titel Asterix und Co. : Zur Rezeptions- und Forschungsgeschichte der Archäologie in seiner Publikationsliste aufzuweisen hatte. Und Ausstellungen über die Kelten kommen heute ohne die Erwähnung von Asterix und Obelix kaum noch aus.

Visbek und die anderen Hünengräber (die in Norddeutschland manchmal auch Hünenbedden heißen), die ich mit meinen Eltern von Cloppenburg bis Kleinenkneten in den nächsten Jahren besuchte, konnten damals in mir kein Interesse für die germanische Vergangenheit wecken. Meinen Eltern, die das mit den Hünengräbern und Thingstätten voll drauf hatten, missfiel es, dass ich als kleiner Pöks immer von Hühnergräbern sprach. Ich wusste es damals noch nicht, dass zum Beispiel Hühnerstein und Hinkelstein etymologisch verwandt sind. Ich hatte damals auch nicht das richtige Verhältnis zur germanischen Historie. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn mir damals das Kinderbuch von August Clausen, Haithabu, die alte Handelsstadt im Ringwall, in die Hände gefallen wäre.

Selbstverständlich musste die Freilichtbühne namens Stedingsehre in ➱Ganderkesee, die zur Zeit der Nazis einmal ein Oberammergau des Nordens werden sollte, auch besucht werden. Lag auf dem Weg in den Hasbruch, wohin wir immer zum ➱Kohl- und Pinkelessen hinfuhren. Die steinernen Reste einer germanischen Vergangenheit sind überall über das Land verteilt (wenn Sie wissen wollen wo, dann klicken Sie ➱hier), aber wir haben es heute nicht mehr so mit den Germanen. Die Jugend meiner Eltern fiel in das Dritte Reich, da war das anders. Da wurde jeder Deutsche zum Ur- und Frühgeschichtler und kannte alle Megalithen seiner Heimat.

Ich weiß nicht, wo ich das Lied hier aufgeschnappt hatte (im Heimatkundeunterricht bestimmt nicht), aber ich kannte alle Strophen:

Es lagen die alten Germanen zu beiden Ufern des Rheins, 
Sie lagen auf Bärenhäuten und soffen immer noch eins. 
Da trat in ihre Mitte ein Römer mit deutschem Gruß: 
Heil Hitler, Ihr alten Germanen, ich bin der Tacitus.

Dies ist eine Version des Liedes, die wohl Verbindungsstudenten gesungen haben, beinahe schon ein Lied des Widerstands. Es ist natürlich historisch falsch, dass die alten Germanen zu beiden Ufern des Rheins auf ihren Bärenhäuten gelegen haben. Die alten Germanen lagen am Ufer des Haddebyer Noors. Aber haben sie auf Bärenfellen gelegen? Befragt man heute den Computer, so gelangt man schnell auf ➱Seiten, wo Bücher wie R. Suchenwirth: Die Germanen: Von der Bronzezeit bis zur Völkerwanderung angeboten werden. Der Autor dieses Standardwerks war übrigens der Begründer der österreichischen NSDAP.

Es gibt ungeheuer viel vergleichbare Seiten im Internet, auf denen sich Neonazis, Reichsbürger und Anhänger ➱esoterischer Kraftplätze austoben. Einer dieser Blogs hat den Namen ➱Germanenherz, er druckt viel von Herbert Jankuhn ab. Ein anderer heißt ➱Landser Endlösung Blog, der hat als Favicon ein Hakenkreuz, damit dem Leser alles klar ist. Auf dieser Seite kann man lesen: Das Zeigen eines achtspeichigen Hakenkreuzes auf einem Schild während einer Kampf-Vorführung auf den Wikingertagen in Haithabu erregt die Lügenpresse. Kaum einer der Besucher der traditionellen Wikingertage in Haithabu bei Schleswig Anfang August störte das historisch korrekte Auftreten vieler Darsteller mit Speer, Axt und Schild.

Die Wikingertage mit den korrekt gekleideten Wikingern in Haithabu, von denen die ➱Lügenpresse wieder mal falsch berichtet hat, haben in diesem Jahr zwanzigtausend ➱Besucher angezogen. Ob da auch Reichsdeutsche dabei waren? Ich komme auf das mytisch beladene Haithabu (altnordisch: Heiðabýr, aus heiðr=Heide‘ und býr=Hof), weil ich gerade mit Kurt Denzer (Bild) ein langes Telephongespräch geführt habe und zwei Tage später von ihm seinen neuesten ➱Haithabu Film zugeschickt bekam. Kurt hat schon einen ➱Post in diesem Blog, und wenn Sie ihn näher kennenlernen wollen, dann sollten Sie das lange ➱Interview lesen, das der Kieler Filmemacher ➱Helmut Schulzeck mit ihm geführt hat.

Viele bedeutende Städte wurden vergessen und man dachte, es hätte sie nur in Sagen gegeben, bis sie gefunden wurden. Troja ist so eine Stadt. Auch Haithabu kannte man nur aus alten Chroniken, aus Reiseberichten, aber gab es die Stadt wirklich? Sie soll eine der ersten großen Städte Nordeuropas gewesen sein, das "Tor der Wikinger zur Welt". Kieler Archäologen beginnen 1900 viele kleine Löcher in die grüne Wiese am Noor zu graben und werden schnell fündig. Gürtelschnallen, Pfeilspitzen, Münzen - der Boden ist geradezu "kontaminiert" mit archäologischen Schätzen - eine Sensation. Bald wird klar, es gab Haithabu wirklich. Prächtiger als es sich die Forscher ausgemalt haben. Das steht so in einem Text, der eine ➱Sendung von N3 beschreibt. Von diesem Herrn hier ist da nicht die Rede. Das ist der Däne Sophus Müller, um 1900 der berühmteste Archäologe Dänemarks (Sie können sein Buch Nordische Altertumskunde nach Funden und Denkmälern aus Dänemark und Schleswig ➱hier lesen). Sophus Müller hat Haithabu entdeckt. Punkt. Vor 1900. Deshalb braucht man ihn natürlich heute nicht mehr zu erwähnen.

Auch nicht erwähnt wurde in der Sendung diese Frau, ➱Johanna Mestorf, die die erste Professorin an der Kieler Uni gewesen ist. Die Direktorin des Museums vaterländischer Alterthümer in Kiel, die die Brieffreundin von ➱Harro Harring war, hat sich um die Ärchäologie wie keine andere verdient gemacht. Sie hat auch die Bücher von Sophus Müller ins Deutsche übersetzt, über ihre Übersetzertätigkeit war sie überhaupt zur Archäologie gekommen. Dänemark und Schweden (wo sie als Erzieherin bei einem schwedischen Grafen gearbeitet hatte) waren ihr Vorbild: Ich bin fest überzeugt, daß ein wohlgepflegtes Altertumsmuseum in Kiel mit einer Verwaltung, die mit Leuten umzugehen weiß, das eigene Interesse auf andere übertragen versteht, binnen kurzem sich derselben Theilnahme im Lande erfreuen würde, die wir in Dänemark finden, hat sie 1871 in einer Denkschrift geschrieben. Eine Verwaltung, die mit Leuten umzugehen weiß, das wäre eine schöne Sache. In ihrer Schrift Die vaterländischen Alterthümer Schleswig-Holsteins, Ansprache an unsere Landsleute hatte sie 1877 ehrenamtliche Vertrauensleute gefordert, die als Kontaktpersonen zwischen Bevölkerung und Museum dienen sollten. Heute macht das das Landesamt für Vor- und Frühgeschichte.

Dieses Verschweigen von wichtigen Namen ist etwas, was Kurt Denzer ärgert, es ist ja auch eine journalistische Schlamperei. Offensichtlich will man wieder einmal nicht, dass Haithabu nicht von einem Deutschen entdeckt worden war. Kurt hatte damit schon Ärger, als er den Film ➱Die Welt der Wikinger drehte: 1984 bekam ich den Auftrag von der Staatskanzlei, einen Film über die Wikinger zu machen, das heißt eigentlich nur über Haithabu. Viele Filme gab’s nicht, viel Geld hatte ich auch dafür nicht. Wer hätte mir helfen können?... Riskant, weil das Unternehmen doch sehr hoch angesiedelt war. Damals hatte Berlin die große Preußen-Ausstellung im Gropius-Bau, die große Staufer-Ausstellung war in Stuttgart. [Ministerpräsident] Albrecht hatte sein Evangeliar in Niedersachsen. Und wir sollten nun plötzlich durch die Jahrtausende zurückreisen. Das war natürlich schwierig. Ich wollte das machen. Aber da ja gesagt zu haben, mein lieber Mann! Das war ganz schön hart. 

Dann war ich eine Woche lang bei der BBC, habe mir angesehen, was die gemacht hatten. Die hatten nämlich gerade eine zehnteilige Serie über die Wikinger gemacht, anlässlich einer ganz großen Wikinger-Ausstellung in London. Ich war fix und fertig, als ich die Serie gesehen habe. Die war fantastisch. Mit einem Presenter, der durch die Sendung führt: Magnus Magnussen (Bild), ein Isländer, dem man alles abnahm, der nichts ablas. Der hat das gelebt, das ganze. Und noch mit diesem schönen feinen englischen Humor dabei. Das war ganz klar: So etwas haben wir in Deutschland nicht. Der eventuell dem Ganzen hätte nahe kommen können, möglicherweise, wäre Kulenkampf gewesen, aber selbst das schien unmöglich. (Nur um zu zeigen, wo die Problematik lag.) Also das wäre überhaupt gar nicht möglich gewesen. Dann diese ganzen anderen Szenen, so viel Geld hatten wir nicht. Wenn Sie einen Blick auf die im Text erwähnte BBC Serie werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Dem Staatssekretär, der 1986 so viel an Kurt Denzers Film zu bemängeln hatte, gefiel es nicht, dass ein Däne Haithabu entdeckt haben sollte: Und so wurde ich von der Regierung Barschel aufgefordert, im Film deutlich werden zu lassen, dass die versunkene Wikinger-Siedlung von einem schleswig-holsteinischen Schulmeister wiederentdeckt wurde. Mein Einwand, der erste Hinweis auf Haithabu stamme von dem Dänen Sophus Müller, wurde mit der Anordnung quittiert, „da reicht ein Anruf von uns, das war so…“. Hatte der Staatssekretär bei diesen Gedanken den Lehrer Conrad Engelhardt im Kopf, der im 19. Jahrhundert das Nydam Boot (heute im Schleswiger Landesmuseum in Gottorf) ausgegraben hatte? Man weiß es nicht, aber es ist doch eher unwahrscheinlich, dass die Bildung eines Politikers aus dem Kabinett Barschel bis zu Conrad Engelhardt reicht. Selbst die Bildung der schleswig-holsteinischen ➱Kultusminister reichte ja nie weit. Conrad Engelhardt war zwar Lehrer an einem deutschen Gymnasium, aber im übrigen war er Däne wie Sophus Müller.

Dr Denzer tat, wie ihm geheißen. Er fand, wir sollten besser sagen erfand, einen schleswig-holsteinischen Landschullehrer namens Harm Harmsen und präsentierte ihn der Regierung. Nicht ohne dezent darauf hinzuweisen, dass dieser Harmsen selbst dem berühmten ➱Herbert Jankuhn (zweiter von links, noch ohne SA- oder SS-Uniform) entgangen war. Dr Denzers damaliger Brief an die Landesregierung war ein Meisterwerk der Satire. Als der an seinem siebzigsten Geburtstag vorgelesen wurde, erheiterte er den ganzen Saal.

Jetzt hat Kurt Denzer, (hier bei den Dreharbeiten auf der ➱Shangri-la auf den Spuren von Leif Erikson) der im Auftrag der Universität sieben Dokumentarfilme über die Wikinger und die Siedlung und den Handelsplatz Haithabu gedreht hat, mit Haithabu – noch Fragen? einen neuen Film vorgelegt. Der sehr ironisch ist (und an seinen Film ➱Floret Academia anknüpft): Ich habe bewusst die Form der Travestie gewählt, also eine komische, satirische Umbildung ernsthafter Inhalte. Denn es sollten zwar wissenschaftliche Erkenntnisse transportiert werden, gleichzeitig aber mit den Mitteln der Parodie und Satire eine Distanz hergestellt werden, die es dem nachdenkenden Zuschauer ermöglicht, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Harm Harmsen kommt auch drin vor.

Das sagenhafte Haithabu ist nicht untergegangen wie Rungholt, Haithabu ist von dem König Harald von Norwegen (der auch England beherrschte) vernichtet worden. Ein Skalde des Königs besang die Tat:

Verbrannt wurde von einem Ende zum anderen ganz Haithabu im Zorn,
eine vortreffliche Tat, meine ich, die Svend schmerzen wird.
Hoch schlug die Lohe aus den Häusern,
als ich in der Nacht vor Tagesgrauen auf dem Arm der Burg stand.

Danach ist hier beinahe tausend Jahre nichts, und dann kommt das tausendjährige Reich. Und Herbert Jankuhn, Himmlers liebster Archäologe. War in der SA und der SS und vereinnahmte Haithabu für Himmlers Ahnenerbe. 1945 wandert der Obersturmbannführer der SS erst einmal für drei Jahre ins Gefängnis. Da hätte man ihn lassen sollen, doch dann kommt der unaufhaltsame Aufstieg des Herbert Jankuhn. Er erzählt bei der Entnazifizierung, dass er nie in der NSDAP gewesen sei und dass er nur unter Zwang in die SS eingetreten sei.

1949 erhält er (hier mit seiner Gattin ganz in Leder) einen Forschungsauftrag von der Schleswig Holsteinischen Landesregierung und buddelt wieder in Haithabu. Das old boy network funktioniert in Schleswig-Holstein vorzüglich, wo ein großer Teil der Landesregierung (und ein noch größerer Teil der Professoren der Universität) stramme Nazis waren. 1952 wird Jankuhn Gastprofessor an der Universität Kiel, 1956 wird er außerordentlicher Professor in Göttingen. Drei Jahre später Ordinarius. Sein wissenschaftliches Vokabular ist in den 50er Jahren nicht verschieden von dem der dreißiger Jahre (sagt sein Schüler Heiko Steurer), dennoch gilt er immer noch als ein ganz großer Gelehrter. In einem Blog wie ➱Parzifal natürlich sowieso.

Vielleicht sollte man einen Augenblick über den germanischen Tellerrand gucken, in den dreißiger Jahren werden in Dänemark und England Funde gemacht, die archäologisch auch sensationell sind: das Wikingerschiff von Ladby in Dänemark und das Schiff von Sutton Hoo in England. Beides waren Begräbnisstätten für einen Häuptling oder König, reichhaltig mit Grabbeigaben versehen. So wie das auch am Anfang des ➱Beowulf geschildert wird, wenn man dem Schiff mit dem toten Scyld Scefing ins Meer stößt:

Sie schmückten seinen Körper nicht weniger reich
als mit Gaben wie es die ersten einst taten
die ihn als Kind entsendet hatten
und übergaben ihn allein hinaus zu den Wellen.


Die Ausgrabungen von Ladby und Sutton Hoo kamen ohne die Unterstützung des SS Ahnenerbes  zustande und hatten auch nicht das Ziel zu beweisen, dass an den jeweiligen Stellen die Quelle des Germanentums war.

Haithabu war dem Arier Himmler und seinem Ahnenerbe wichtig, weil am Anfang des Jahrhunderts Gustav Kossinna behauptet hatte, dass das indogermanische Urvolk (selbstverständlich eine überlegene Rasse) in Norddeutschland und Dänemark zu Hause gewesen sei. So sollte Haithabu zum Kulminationspunkt des Germanentums werden. Der dunkle Schatten des Nationalsozialismus liegt noch immer über Haithabu. Das Museum hat es niemals fertigbekommen, die Nazi-Vergangenheit wissenschaftlich (und allgemeinverständlich) aufzuarbeiten. Und alle möglichen rechtsradikalen Gruppen blicken voller Glück (Thor sei Dank!) auf die Thingstätte. Oder was immer es für sie ist.

Als im Bremer Focke Museum vor drei Jahren die Ausstellung ➱Graben für Germanien: Archäologie unterm Hakenkreuz gezeigt wurde, gab es dort nichts von Haithabu zu sehen: Leider haben wir aus Schleswig keine Objekte bekommen“, sagt die Bremer Landesarchäologin Uta Halle auf Nachfrage. Und fügt, auf abermalige Nachfrage, hinzu: „Mein dortiger Kollege möchte keine Verknüpfung des heutigen Images von Haithabu mit der NS-Geschichte.“ Wenn sich ein Kleinkind in die Ecke stellt und sich die Augen zuhält, dann ist es unsichtbar.

Die neueste Publikation zum Thema Haithabu soll zum Schluß kurz erwähnt werden, es ist das Buch Spurensuche Haithabu: Archäologische Spurensuche in der frühmittelalterlichen Ansiedlung Haithabu. Dokumentation und Chronik 1963-2013 von Kurt Schietzel, dem ehemaligen Direktor des Archäologischen Landesmuseums Schleswig (und Gründer des Wikinger-Museums Haithabu). Das Buch ist sehr dick und wiegt 3,9 Kilo. Es hat 640 Seiten und ist reich bebildert mit Illustrationen, die aus einem Kinderbuch sein könnten. Sie können hier einen ➱Blick ins Buch werfen. Ich habe das Buch in der Hand gehabt, aber nach kurzer Betrachtung wieder zurückgegeben. Es wirkt wie ein ausgeschütteter Zettelkasten, ich glaube, weniger wäre mehr gewesen. Von dem SS Obersturmbannführer Jankuhn mag sich Schietzel nicht wirklich distanzieren, man lese dazu einmal die Seite 37 seines Buches.

Wenn Sie mal ideologisch einwandfrei, ohne die Hilfe von Himmler und Jankuhn, in die Steinzeit wollen, dann fahren Sie doch in das dänische Freilichtmuseum Hjerl Hede (in den dreißiger Jahren von einem ehemaligen dänischen Finanzminister gegründet). Landschaftlich wunderschön gelegen (ich habe es schon in dem Post ➱Mein Dänemark erwähnt), und im Sommer gibt es hübsche blonde Däninnen im steinzeitlichen Freizeitdress. So etwas hat Haithabu nicht zu bieten.