Samstag, 19. August 2017

What do I wear in bed?


Die Antwort auf die Frage der Titelzeile ist natürlich: Why, Chanel No. 5, of course. ▹Marilyn Monroe soll das gesagt haben. Sie hat es wirklich so ähnlich gesagt. In einem ▹Interview mit Georges Belmont, dem Chef von Marie Claire, hat sie 1960 gesagt: You know, they ask you questions. Just an example: What do you wear to bed? Do you wear a pyjama top? The bottoms of the pyjamas? Or a nightgown? So I said Chanel No. 5. Because it's the truth.

Es ist jetzt etwas pikant, nach der Frage What do you wear to bed? einen Buchtitel wie Sleeping with the Enemy zu präsentieren, ist aber nicht ohne Witz. Die Firma Chanel vermarktet Marilyn Monroe mit ihrer Frage What do I wear in bed? heute neu, das ist sehr peinlich. Aber was kann man von einer Firma erwarten, die von einer Nazi Kolloborateurin namens Gabrielle Bonheur Chasnel gegründet wurde? Und für die Karl Lagerfeld arbeitet? Coco Chanel hat heute Geburtstag, sie bekommt keinen neuen Post. Sie hatte hier schon einen. Der war nicht sehr nett, ging aber nicht anders.

Aber morgen, da gibt es hier was Nettes: einen langen Post über die italienische Firma Attolini und die italienische Luxusmode. Ganz ohne Kollaborateure. Und ohne Karl Lagerfeld.

Donnerstag, 17. August 2017

Jean-Jacques Sempé


Der französische Zeichner Sempé, der denselben Vornamen wie Rousseau hat, wird heute 85. Aber eigentlich kennt niemand seinen Vornamen, er ist einfach Sempé. So wie Rousseau einfach Rousseau ist. Sempé ist nicht nur Zeichner, er ist genau wie Rousseau auch Philosoph. Das ist jedem klar, der seine Zeichnungen kennt. Rousseau hat seine Kinder im Findelhaus abgegeben und mit Émile ou De l'éducation einen Roman über die Erziehung geschrieben. Aber wir erfahren vielleicht mehr über die Erziehung, wenn wir die Geschichten vom kleinen Nick lesen. Die erste hieß Rien n'est simple, und das ist sehr philosophisch.

Sempé ist sein Leben lang geradelt, heute radelt er nicht mehr, es geht ihm gesundheitlich nicht so gut. Aber passend zu seinem Geburtstag wird gerade Das Geheimnis des Fahrradhändlers verfilmt. Das hat ihn gefreut. Der französische Zeichner, der uns allen vielleicht mehr Freude bereitet hat als sein Namensvetter Rousseau, war schon am 17. August 2011 in diesem Blog. Ich stelle das heute noch einmal ein. Nicht ohne zu sagen: Je vous souhaite un chaleureux anniversaire.

Wenn ich auf das blicke, was Wikipedia am 229. Tag des Jahres als denkwürdig erscheint, dann gibt es für mich nur zwei Ereignisse, die man herausheben sollte: die Veröffentlichung von Miles Davis Kind of Blue Album 1959 und der Geburtstag von Jean-Jacques Sempé. Und so werde ich den Tag damit verbringen, Kind of Blue zu hören und Bücher mit den wunderbaren Zeichnungen von Sempé durchzublättern.

Eigentlich wollte ich nach diesem Satz aufhören. Aber dann wären Sie wahrscheinlich enttäuscht, weil Sie von diesem Blogger mehr gewöhnt sind. Also gut. Zuerst muss ich bekennen, dass ich kein großer Miles Davis Fan bin. Weil ich vor vierzig Jahren den Fehler gemacht habe, und mir Bitches Brew gekauft hatte. Habe ich mich nie dran gewöhnt. Ich finde auch die Filmmusik von Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’échafaud) viel besser als Kind of Blue. Denn es war diese Platte, die Miles Davis dazu gebracht hat, Kind of Blue aufzunehmen. Und da wir gerade bei musikalischen Bekenntnissen sind, möchte ich noch At Last! Miles Davis and the Lighthouse All-Stars von 1953 empfehlen. Konnte man jahrzehntelang nicht bekommen, aber ich war immer stolz, die Platte zu haben. Jetzt habe ich bestimmt alle Miles Davis Fans vergrellt.

Ascenseur pour l’échafaud ist 1957 in Paris aufgenommen worden, mit der Band von René Urtreger, der auch in der schönen Jazz in Paris Reihe von Gitanes mit einer CD (No. 67) vertreten ist. Und Paris bringt mich natürlich zu unserem Geburtstagskind Jean-Jacques Sempé. Der im gleichen Jahr seinen großen Durchbruch hatte und von dem Jahr an regelmäßig mit seinen Zeichnungen in Paris-MatchPunchL'Express, der New York Times und dem New Yorker zu sehen war. Ein Jahr später hatte er schon einen Vertrag von Diogenes. Wenn man als Karikaturist vor einem halben Jahrhundert einen Vertrag mit Daniel Keel hatte, war man in den Olymp aufgenommen worden. Denn da waren sie alle: Edward Gorey, Gerard Hoffnung, Norman Thelwell, Shel Silverstein, Sam Cobain, Chas Addams, Saul Steinberg, Ronald Searle. Und die Franzosen wie Chaval, Bosc, Siné und Topor. Loriot (dessen Tochter der Diogenes Lektor Gerd Haffmanns geheiratet hat) und Paul Flora waren da seit ihren Anfängen, Tomi Ungerer nicht zu vergessen. Später kamen aus Deutschland noch Waechter, Traxler, Deix und Franziska Becker dazu.

Sehr gehrter Herr Sempé, Bosc hat uns freundlicherweise Ihre Adresse gegeben. Zur Zeit bereiten wir unseren vierten Sammelband Cartoons 1959 vor. Wenn Sie Lust haben, schicken Sie uns doch etwa zwanzig Ihrer besten Zeichnungen, hatte Daniel Keel 1958 nach Paris geschrieben. Das war der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft. Die nicht immer ungetrübt war, irgendwann hatten sich Sempé und Keel gründlich verkracht.  So dass der Schöpfer des kleinen Nick ihm schrieb: Entweder entscheiden wir, daß ich nicht mehr für Diogenes arbeite. Oder ich arbeite weiter für Diogenes, aber wir, Du und ich, haben keinen Kontakt mehr. So ist es auch gekommen, die nächsten Jahre lief alles über Keels Freund und Teilhaber Rudolf C. Bettschart. Der schickte immer seine Assistentin nach Paris, damit sie die Cartoons abholte und Sempé sein Geld brachte. Aber irgendwann haben sich die beiden Streithähne in einer Pariser Brasserie wieder versöhnt. Als Verleger von Leuten, die witzig Geschichten zeichnen, hat man es nicht immer leicht.

Denn auch die Welt von Sempé ist nicht lustig, wie vor Jahren Patrick Süskind in einem kleinen Essay über unser Geburtstagskind schrieb: Darum genügt es nicht, ein Album von Sempé rasch im Stehen in der Buchhandlung wie ein Daumenkino durchzublättern - ach wie nett, schau wie lustig! -, nein, man muss es mit nach Hause nehmen, den günstigen Moment abwarten, wo man für eine gute Weile ungestört ist, sich in eine Ecke damit setzen, am besten auf den Boden, und es Seite für Seite anschauen, darin lesen (auch wenn es keinen Text hat) und es langsam dechiffrieren. Was für ein Gewinn, was für ein Vergnügen!

Auch interessant: Jean-Pierre Desclozeaux

Mittwoch, 16. August 2017

Bremerhaven


Es gibt heute einen Anlass, einmal kurz über Bremerhaven zu reden. Liegt in Niedersachsen, gehört aber zu Bremen. Bremer fuhren da nur hin, um an der Columbuskaje das Schiff zu besteigen, dass sie nach ▹Helgoland bringen würde. Als ich klein war, begann Bremerhaven mit dem wunderbaren Schild ▹Schlotterhose & Co und hörte mit der Columbuskaje auf. Die ist das bedeutendste Kulturdenkmal von Bremerhaven, sonst ist in Fischtown nicht so viel los. Aber ich habe hier ein schönes Hafenbild von dem Bremerhavener Maler Paul Ernst Wilke. Und da ich bei Hafenbildern bin, möchte ich noch auf die Ausstellung der Bilder des Marinemalers Robert Schmidt-Hamburg hinweisen, die noch bis zum 29. Oktober im Warleberger Hof in Kiel ausgestellt sind. Lohnt sich nicht wirklich, es gibt bessere Marinemaler.

Der deutsche Regissseur Peter F. Bringmann hat Filme für Fernsehreihen wie ▹Ein starkes Team, ▹Tatort und Wilsberg gedreht. Das bringt sicher schönes Geld. Als Bringmann seine Karriere begann, drehte er schöne Filme. Wie zum Beispiel 1983 die ▹Heartbreakers, die schon in dem Post ▹Ingeburg Thomsen erwähnt werden. Vier Jahre vor dem Film über die kleine Band, die nach oben will, hatte Bringmann den Film Der Tag, an dem Elvis nach Bremerhaven kam (hier ein Filmphoto) gedreht. Das Drehbuch zu dem Film kam von keinem Geringeren als Horst Königstein, der kam aus Bremen, der wusste, wo Bremerhaven war. Als Bringmanns Film in die Kinos kam, war Elvis schon tot.

Elvis kam 1958 mit der USS General Randal nach Bremerhaven, den Seesack vorschriftsmäßig geschultert. Während der Überfahrt hatte er seine Kameraden unterhalten, indem er Klavier spielte. Die Army hatte ihm einen Job als Entertainer in den Special Services angeboten, aber das hat er abgelehnt, er wollte ein normaler GI sein. Er wollte auch diesem jungen Mann ein Autogramm geben, aber dazu ist es nicht ganz gekommen (lesen Sie hier die ganze Geschichte).

Bremerhaven ist nach 1945 für die Amerikaner der wichtigste Hafen in Europa. Der Hafen, der das Letzte von Deutschland für die Auswanderer des 19. Jahrhunderts war (wenn ihr Schiff nicht schon auf den ▹Ostfriesischen Inseln strandete), wird jetzt zum ▹Port of Embarkation für die Amerikaner. Zuerst waren ja, genau wie in Bremen, die ▹Engländer hier, aber die Amerikaner haben ihnen klargemacht, dass die Hansestadt Bremen und Bremerhaven nichts für sie seien.

Die Limeys können ganz Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben, aber nicht Bremen. Vom Kriegsende bis zur Ankunft von Elvis werden mehr als 10 Millionen Tonnen Güter, mehr als dreieinhalb Millionen Menschen und 200.000 Privatfahrzeuge ausgeladen. Selbst die Güter für die Berliner Luftbrücke kommen über Bremerhaven. Die ▹Columbuskaje, wo Elvis ankommr, und der Columbusbahnhof, wo er in den Zug steigt, heißen heute Columbus Cruise Center. Es ist immer schön, wenn die Dinge einen englischen Namen bekommen. Na ja, Kiel hat jetzt ja auch den Zusatz Sailing City.

Die Bremer Polizei hat neue Uniformen bekommen, dunkelblau mit einem silbernen Schild auf der Brust, sieht nach einem überdimensionierten Sheriffstern aus (später wird die Gewerkschaft gegen dieses amerikanische Relikt Sturm laufen). Dieser Beamte trägt schon eine Schirmmütze, aber bei uns im Ort liefen die Schupos noch mit dem Tschako herum. Die Polizisten haben wenig zu sagen, die Herren mit den weißen Mützen (oder den Helmen auf denen MP steht) haben das sagen. Als uns in Bremerhaven ein amerikanischer Armeelaster den ganzen Chrom vom neuen Opel Olympia an der Fahrerseite abfährt und ohne anzuhalten verschwindet, fährt mein Vater zur nächster Polizeiwache. Der Beamte, der das Ganze unwillig aufnimmt, lässt sich am Ende des mit zwei Fingern getippten Protokolls zu dem Satz hinreißen: Na ja, sie sind schließlich die Sieger.

Elvis Presley ist heute vor fünfzig Jahren gestorben, er war 42 Jahre alt. Viele seiner Fans haben nicht an seinen Tod geglaubt, es gibt da die wildesten ▹Theorien. Mir wurde gestern erzählt, dass Elvis zusammen mit Hitler und Kennedy auf einer Südseeinsel lebt. Solche Geschichten halten sich ja beharrlich. Die Geschichte steht übrigens auch in dem Buch Elvis’ Tod: Szenen aus meinem Leben von Michael Schulte.

Ich war noch keine Woche Blogger, als ich am 8. Januar 2010 zum 75. Geburtstags des Kings den Post ▹Elvis ins Netz stellte. Ich kann jetzt nicht zu meiner üblichen Lamentatio anheben, dass den niemand gelesen hat. Nein, der wurde schon gelesen. Aber ich stelle ihn heute, am fünfzigsten Todestag von Elvis noch einmal hier her. Der Post ist ein klein wenig ironisch, aber das werden die Elvis Fans abkönnen.

Wenn man König ist, hat man ein großes Anwesen. Das kann man Graceland nennen, oder Neverland oder Xanadu. Wenn man das Anwesen geerbt hat, kann man ihm keinen neuen Namen geben. Dann heißt es weiterhin Balmoral oder Buckingham Palace, und man darf es nicht Disneyland taufen. Wenn man König ist, hat man keinen Nachnamen, dann heißt man nur Elvis oder Elisabeth. Wenn man kein ganz so richtiger König ist, dann heißt man Lotto King Karl oder Michael Jackson, the King of Pop. Wenn man König ist, fährt man ganz große Automobile. Wenn man König von Graceland ist, kommt die Karosserie der Autos bestimmt nicht von Mulliner Park Ward. Wenn man König von Graceland oder Neverland ist, nimmt man ganz viele Drogen. Die bringen einen dann um, nur nicht den König von Graceland. Der ist unsterblich. Wenn man König von England ist, nimmt man nur einen Gin Tonic zu sich. Bestenfalls schmiert man sich wie Philip die gichtigen Knöchel mit Butazolidin ein, mit dem man vorher die lahmen Pferde kuriert hat. Zusammen mit einem Single Malt reicht das auch für einen Trip. Wenn man König von Graceland ist, hat man beinahe so viel Diener wie der König von England. Aber man hat viel mehr Fans. Wenn man als König auf der Bühne lasziv mit der Hüfte wackeln kann, kriegt man ganz viele Frauen. Auch blonde Schnuckelchen wie Cybill Shepherd. Wenn man nur den Moonwalk kann, kriegt man überhaupt keine Frauen und muss die Tochter vom König von Graceland heiraten. Wenn man König von England ist, wird man General und Admiral und Ehrenoberst vieler Regimenter. Der König von Graceland ist nur Private First Class, aber er darf soviel Phantasieuniformen tragen, wie er will.

Der King wird heute 75. Wenn Sie ihn sehen: don't step on his blue suede shoes!

Sonntag, 13. August 2017

mehr Jazz?


Mein dritter Post als frischgebackener Blogger im Jahre 2010 hatte den Titel ▹Jazz. Der kanadische Professor Jack Chambers, den ich da vorstellte, ist im Nebenberuf  ein berühmter Jazzkritiker. Er taucht zwei Jahre später in dem Post ▹Richard Twardzik wieder auf, dazwischen gab es aber doch schon den einen oder anderen Post zum Thema Jazz. Es könnten mehr sein, sagte mir letztens ein Bekannter, den ich auf der Straße traf. Da ist etwas dran, aber leider haben die Jazz Posts das traurige Schicksal, dass niemand sie so recht liest. Nehmen wir mal ▹Lush Life: von der Statistik gesehen ein Flop, dabei ist das ein netter Post. Nur der Post ▹Ingeburg Thomsen ist so etwas wie ein Bestseller.

Viele Leser haben den Eindruck, ich würde nur über Schuhe schreiben. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Ich muss dem widersprechen, ich habe mal nachgezählt: die Posts über ▹Schuhe machen etwas mehr als ein Prozent in diesem Blog aus. Und es gibt mehr Posts zum Thema Jazz als zum Thema Schuhe. Hinter den Satz sollte ich eine ▹Brüllstange setzen. Und diese Schuhe sind keine gewöhnlichen Schuhe, das sind die Schuhe von ▹Billie Holiday.

Um Jazz zu hören, braucht man ein Abspielgerät. Wenn man nicht in Bremen im Jazzclub ▹Lila Eule hockt oder sich nicht immer auf Jazzkonzerten herumtreibt (es war ein Fehler, bei Albert Mangelsdorff in der ersten Reihe zu sitzen). Wenn man mutig war, schlich man sich nach dem Konzert hinter die Bühne, um dem Solisten die Hochachtung auszudrücken. Mein Freund Hannes Hansen hat so ▹Louis Armstrong kennengelernt. Und auf diese LP hat ▹Champion Jack Dupree mir mit ganz dickem Filzer Yours Champion Jack Dupree 1975 geschrieben. Im Jahre 1975 war es keine Schwierigkeit, Jazzplatten zu bekommen. Zwanzig Jahre zuvor schon. Da war man glücklich, wenn ein Freund in Amerika war und einem nicht nur ▹Harry Belafonte, sondern auch Jazz Begins vom Label ▹Folkways schickte.

Mein erster Plattenspieler war von der Firma Braun, er hat vom Volksmund den Namen ▹Schneewittchensarg bekommen. Ich habe ihn heute noch, auch wenn er nur dazu da ist, dass alle Glenn Gould CDs auf ihm gestapelt liegen. Dann kam die Zeit von ▹HiFi, heute habe ich natürlich einen ▹CD Player. Einen Plattenspieler habe ich selbstverständlich heute auch noch, sonst hätte ich Eugenie Baird nicht hören können, als ich ▹Lush Life schrieb.

Der Jazz begleitet mich schon lange, schließlich bin im amerikanisch besetzten ▹Bremen aufgewachsen und hörte täglich zum Entsetzen meiner Eltern AFN (manchmal auch BFN). Viele ▹Musiklehrer mochten diese Negermusik überhaupt nicht, sie hielten sie für den Untergang des Abendlands. Sie hatten nicht gemerkt, dass das Abendland längst untergegangen war.

In Bremen begann eine neue Zeit, es ist ja kein Zufall, dass ▹Elvis 1958 in Bremerhaven an Land geht, da ist noch das Hauptquartier der US Army. Da wurden wir früher in amerikanischen Armeebussen hingekarrt, um amerikanische Theaterstücke zu sehen. Mann, hatten die fette Ledersessel und tausend Tischtennisplatten. Und natürlich eine kleine Bühne. Das Schönste war die Rückfahrt in der Nacht, die Busse hatten keine Fenster, weil sie Armeebusse waren. Aber sie hatten oben kleine Halbfenster, wenn man den Sitz zurücklehnte konnten man einen langen Film mit dem Sternenhimmel sehen. Die VW Werbung mit Nick Drakes ▹Pink Moon ist nichts dagegen.

Immer wenn wir in ▹Langeoog im Frühling und im Herbst Haus Meedland in Schuss brachten, hockten wir bei schlechtem Wetter in der Penthousewohnung des Landesjugendpfarrers (ganz oben auf dem Photo) zusammen. Das dürfen wir, das hat er uns erlaubt. Er hat uns auch erlaubt, seinen Plattenspieler zu benutzen. Er hat, und das ist sehr stilvoll, einen Braun Schneewittchensarg. Allerdings das größere Modell, nicht den, den ich habe. Er hat auch Jazzplatten, aber das ist leider alles ▹Zickenjazz. Massenhaft ▹Louis Armstrong. Und Spirituals. Aber besser als gar nichts, die Wohnung hat eine riesige Fensterfront, und man kann hier oben schön über die Dünen gucken. Und die ▹Regenwolken vorbeirennen sehen.

Und dabei Satchmos When Israel was in Egypt’s land oppressed so hard they could not stand und Down by the riverside hören. Und Bücher am Fenster liegend lesen. Wir liegen in dieser Zeit in dieser Wohnung immer auf dem Fußboden. Tut man damals auf Parties auch. Außer, wenn man Klammerblues tanzt. In dieser Zeit höre ich (und die Jazz Fans in meiner ▹Klasse) noch ▹Chris Barber und all den Zickenjazz. Und wir haben eine ▹Skiffle Group. Der englische Dichter ▹Philip Larkin ist da stehen geblieben, wir bewegten uns schon in Richtung ▹Charlie Parker.

Wohin der berühmte Philosoph Adorno, der so gerne Barpianist geworden wäre, nie gekommen ist. Er musste natürlich auch etwas über den Jazz sagen, ein deutscher Philosoph muss immer etwas zu allem sagen. Der berühmte englische Historiker ▹Eric Hobsbawm hat über Adorno gesagt: Adorno wrote some of the most stupid pages ever written about jazz. Und das ist noch das Netteste, was man über Adorno sagen kann. Hobsbawm hat für den New Statesman in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Pseudonym Francis Newton geschrieben. Der Name war angelehnt an den Trompeter Frankie Newton (der ist auf der Aufnahme von  Billie Holidays ▹Strange Fruit mit drauf). Auch das Buch The Jazz Scene von Hobsbawm trägt den Namen Francis Newton.

Dass man Jazz mag, erzählt man bei der Bundeswehr besser nicht. Obgleich ich da auch Leute getroffen habe, die im Privatleben in einer Jazzband spielten. Wenn das ▹Bundeswehrorchester Jazz spielt, klingt das grauenhaft. Andererseits, alles, was die Big Band spielt, klingt irgendwie grauenhaft. Das können die Engländer besser. Aber ich habe in meiner Dienstzeit viel für den Jazz getan. Weil ich jede Jukebox in jeder Kneipe mit soviel Kleingeld gefüttert habe, dass da für die nächste halbe Stunde nichts anderes als ▹Take Five lief.

Heute kann man über Jazz und Literatur in der Amerikanistik promovieren wie ▹Alexander Beissenhirtz das getan hat. Als ich studierte, wäre das unmöglich gewesen. Natürlich fällt einem beim Thema Jazz und Literatur sofort Langston Hughes ein (man könnte auch ▹Ralph Ellison als Beispiel nehmen), der mit seinen Gedichten schon in den Posts ▹April Rain Song, ▹Chris Barber und ▹Ralph Ellison auftaucht. Aber ich finde das Gedicht Jazz Tears von der amerikanischen Dichterin Raynette Eitel (die ich schon einmal in dem Post ▹John Steinbeck vorgestellt habe) auch sehr hübsch:

Jazz Tears

Jazz stirred in a cold martini,
staccato beating frozen memories
upon my fragile struggling heart.

Sounds of jazz are twins to twilight,
A soft soothing of indigo grief
great waves crashing over my body:

Warm jazz tears wash down my cheeks
in salty streaks if silver sadness.
Sweet images of the past

done in syncopated notes,
soft and mellow as golden moonlight,
call my ghosts to dance again.

Jazz tears and old fears hum,
blends of sadness and euphoria.
My martini twirls in the glass.

Ich liste unten einmal die Posts auf, in denen Jazz vorkommt. Selbst wenn es nur eine kleine Erwähnung ist. Wie in ▹Bachs Cellosuiten. Weil da plötzlich in dem schönen Film ▹Jazz On a Summer’s Day der Cellist Fred Katz (der Professor für Kulturanthropologie aber eigentlich Jazzer war) in einer kleinen Szene ▹Bach spielt. Eigentlich ist Bach ja sowieso Jazz, das haben wir alle schon immer gewusst.

Und,wie gesagt, hier noch mehr Jazz (und ganz ohne Schuhe): Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Play Bach, Birdland, Charlie Parker spielt La Paloma, Michel Legrand, Candy Dulfer, Harry Belafonte, Rickie Lee Jones, Mundharmonika, Nick Drake, Gulda, Rosemary Clooney, Sun Ra, Dexter Gordon, Don Byas, Richard Twardzik, Lena Horne, Monica Zetterlund, Cantate, Aimez-vous Brahms?, Folksongs, Teddy Boys, Mein Dänemark, Sempé, Marshall McLuhan, Arnold Duckwitz, Nico, Lou Reed, Madeleine Peyroux, Die Harmonie der Welt, Jean-Louis Trintignant, Birdland, P.J. Kavanagh, Improvisationen, Saturn, Nachtfahrt

Donnerstag, 10. August 2017

Jeanne Moreau


Ach, was war sie da noch jung, als sie 1954 neben Lino Ventura und ▹Jean Gabin in ▹Touchez pas au grisbi (Wenn es Nacht wird in Paris) eine kleine Nachtclubsängerin spielt, die die Geliebte des Gangsterbosses ist. Die beiden Herren sind übrigens schon in dem Post ▹Lino Ventura zu sehen. Ich mag Touchez pas au grisbi auch deshalb, weil Larry Adler (der ▹hier schon einen Post hat) da Mundharmonika spielt, unübertroffen. Und natürlich, weil Ventura und Gabin ungeheuer elegante Anzüge trugen. Das war damals der ▹französische Film: schöne Frauen, elegante Männer und gute Filmmusik.

Jeanne Moreau hatte es mit der Nacht und der Dunkelheit, auf die ▹Szene mit dem nächtlichen Paris und der Musik von ▹Miles Davis hatte ich schon letztens in dem Post Lush Life hingewiesen. Und die meisten Zuschauer werden es nicht bemerkt haben, dass sie auch mit einer ganz kleinen Rolle 1959 in ▹Les quatre cents coups zu sehen ist. Da kommt sie in der Nacht aus dem Haus in der Rue Montmartre (Nummer 146) und sucht ihren Hund. Damals verhandelte Truffaut schon mit ihr über den Film ▹Jules und Jim, und wo sie schon mal da war, konnte sie auch in Sie küßten und sie schlugen ihn mitspielen. Den Film hatte unser Direktor damals für den ▹Schülerfilmclub empfohlen. Nicht weil er das Talent des jungen Truffaut entdeckt hatte, nein, aus rein pädagogischen Gründen.

Mit ▹Fahrstuhl zum Schafott war sie berühmt geworden, mit ▹Gefährliche Liebschaften (einem Film, der schon einen Post hat) noch berühmter. Aber ganz wirklich berühmt wurde man damals nur, wenn man in einem Antonioni Film mitspielte. Der italienische Regisseur hat hier natürlich mit ▹Antonioni einen Post, wo sich auch die Links zu den Antonioni Filmen finden, die mich damals beeindruckt haben. Nicht ▹Blow-Up, aber zum Beispiel ▹Il Grido, ein ganz großer Film.

Ein ganz großer Film ist auch ▹La Notte - da ist sie wieder die Nacht. Das Photo zeigt Jeanne Moreau und ▹Marcello Mastroianni in der ▹Schlußszene. Modehistorisch beachten wir einmal das kleine Schwarze und Jeanne Moreau und den eleganten Anzug von Mastroianni. Der wahrscheinlich von Attolini kommt, er war da Kunde. Und den Lesern, die gerne die Modeposts lesen, kann ich sagen, dass ich gerade an einem Post über Attolini schreibe. Das wird sie beruhigen.

Sie konnte auch ganz anders sein. Zum Beispiel in dem Truffaut Film ▹Die Braut trug Schwarz, da war sie tough, Männer verschlingend und tötend. Truffaut hat einmal über Jeanne Moreau gesagt, sie habe alle Vorzüge eines Mannes, aber ohne seine Fehler. Jeanne Moreau selbst hat gesagt: Oui, j’ai vécu comme un garçon.
Wir können Sie ▹hier dazu hören. Sie konnte Englisch, ihre Mutter war Engländerin. Truffaut konnte kein Englisch. Proust übrigens auch nicht. Jeanne Moreau rauchte Ziggis, mit ihrer rauchigen Stimme klingt ihr Englisch herrlich ordinär.

Aber das Zitat ist noch nicht ganz zuende: Oui, j’ai vécu comme un garçon. Ça m’irrite de dire cela. J’aurais préféré dire: j’ai vécu comme une femme libre. Die Braut trug Schwarz ist ein Farbfilm, Jeanne Moreau trägt darin nur weiße und schwarze Kleider. Schwarz steht ihr immer. Auch wenn sie in einem schwarzen T-Shirt auf einem Citroen sitzt (das Photo wurde während der Dreharbeiten zu Die Braut trug Schwarz gemacht).

Une femme libre, das ist sie immer gewesen, auch wenn sie so alberne Klamotten trug wie in ▹Viva Maria. Ich nehme an, dass sie die Rolle nur angenommen hat, weil ▹Louis Malle der Regisseur war. Wahrscheinlich hat sie sich auch ein wenig amüsiert, ▹Gregor von Rezzori hat sich auf jeden Fall gut amüsiert. Auf dem Photo von der Szene mit der Erfindung des Striptease ist natürlich auch Brigitte Bardot zu sehen, die beiden waren nicht unbedingt Freundinnen.

Die Bardot hat behauptet, dass Truffaut ihr die Hauptrolle in ▹La Sirène du Mississippi angeboten hätte. Was nicht stimmte. Der Film war die zweite Verfilmung eines Thrillers von Cornell Woolrich durch Truffaut, Die Braut trug Schwarz war die erste gewesen. Der Film war an den Kinokassen ein Flop, aber Hitchcock schrieb an Truffaut: J'ai tout particulièrement savouré la scène ou Moreau regarde mourir à petit feu l'homme qu'elle a empoisonné. Avec mon humour un peu particulier, je crois que j'aurais fait durer le plaisir : Moreau aurait délicatement posé un coussin sous sa tête de façon qu'il meure avec plus de confort encore !

Als Truffaut in Geldschwierigkeiten war, gab ihm Jeanne Moreau (die ja auch mal mit Truffaut eine Affaire hatte) das Geld für den Film. Es ist übrigens ein Film, der ▹hier einen ganz langen Post hat. Cornell Woolrich, der Autor der Romanvorlage, hatte damals noch nie etwas von François Truffaut gehört, ließ ihm aber durch Truffauts amerikanische Agentin ausrichten, dass er durchaus in der Lage sei, einen Brief in französischer Sprache zu lesen, falls Truffaut ihm schreiben wolle. Er hat den Erfolg von La Mariée était en noir und La Sirène du Mississipi nicht mehr erlebt. Es ist eine traurige Sache, da schreibt einer großartigen melodramatischen Kitsch - ich kann den Roman Phantom Lady nur empfehlen - und Regisseure wie ▹Jacques Tourneur und ▹François Truffaut machen daraus wunderbar kitschige melodramatische Filme.

Jeanne Moraeau war gut darin, die Femme Fatale zu spielen und Männer wie Idioten aussehen zu lassen. Wie in Joseph Loseys Film ▹Eva, einem Film, der in Deutschland nicht so bekannt geworden ist. Wenn Sie den Post ▹The Go-Between gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich von Joseph Losey eine Menge halte. Ein Jahr liegt zwischen La Notte und Eva, zwei völlig verschiedene Rollen, verschiedener geht es nicht. Aber es ist die gleiche Frau, die das spielt. Nicht viele können das. Brigitte Bardot konnte mehr als man ihr zutraute, Catherine Deneuve kann wenig mehr als schön sein. Veronica Ferres kann ... ach, lassen wir das.

Den Namen Eva trägt Jeanne Moreau auch in dem Film ▹Das Irrlicht (Le feu follet) von Louis Malle. In dem Post ▹Fahrstuhl zum Schafott steht auch ein wenig zu Le feu follet. Das ist der Film, in dem Maurice Ronet seine Armbanduhr als Trinkgeld wegschenkt und am Ende Selbstmord begeht. Aber nicht, ohne zuvor endlich ▹The Great Gatsby zu Ende gelesen zu haben.

Jeanne Moreau ist am letzten Julitag im Alter von 89 Jahren  gestorben. Ich weiß nicht, wer sie die Muse der Nouvelle Vague genannt hat, aber das war sie sicher. Viele Regisseure waren in sie verliebt, nicht nur Truffaut. Ich habe nicht alle ihrer 120 Filme gesehen, aber doch viele. Ich war in den sechziger Jahren viel im Kino, es war eine große Zeit des Films. Ich habe schon mehrfach in diesem Blog gesagt, dass ich damals davon träumte, Filmkritiker zu werden. Filmkritiker waren damals für mich das Größte, auch Truffaut hat ja so angefangen. Ich träumte damals nicht davon, an einer Uni zu unterrichten. Aber jetzt, wo das mit der Uni zuende ist, bin ich Blogger, da kann ich über Filme schreiben, soviel ich will - schauen Sie doch einmal in meinen Themenblog ▹Silverscreen. Da habe ich das Layout extra so gestaltet, dass es ein wenig wie ein Filmstreifen aussieht.

Jeanne Morau hat mit ihrer rauchigen Stimme auch gesungen, und das soll sie für uns am Schluss noch einmal tun. Ich glaube, sie hat den Text zu diesem ▹Chanson selbst gschrieben:

Dans l'eau du temps qui coule à petit bruit
Dans l'air du temps qui souffle à petit vent
Dans l'eau du temps qui parle à petits mots
Et sourdement touche l'herbe et le sable
Dans l'eau du temps qui traverse les marbres
Usant au front le rêve des statues
Dans l'eau du temps qui muse au lourd jardin
Le vent du temps qui fuse au lourd feuillage
Dans l'air du temps qui ruse aux quatre vents
Et qui jamais ne pose son envol

Dans l'air du temps qui pousse un hurlement
Puis va baiser les flores de la vague
Dans l'eau du temps qui retourne à la mer
Dans l'air du temps qui n'a point de maison
Dans l'eau dans l'air dans la changeante humeur
Du temps, du temps sans heure et sans visage

J'aurai vécu à profonde saveur
Cherchant un peu de terre sous mes pieds
J'aurai vécu à profondes gorgées
J'aurai vécu à profondes gorgées
Buvant le temps, buvant tout l'air du temps
Et tout le vin qui coule dans le temps
Et tout le vin qui coule dans le temps

Dienstag, 8. August 2017

Friedrich Wasmann


So habe ich denn damals, in einem entlegenen Erdenwinkel in größter Abgesondertheit lebend und meine eigene künstlerischeTätigkeit beiseite schiebend, eine für mich gänzlich fremde Arbeit unternommen: die Vorbereitung zur Herausgabe eines noch nicht druckreifen Manuskripts mit vielen in den Text eingefügten Lichtdrucken; es war dies aus der Ferne und bei den Forderungen, die ich auch an die äußere Form eines Buches stellte, keine leichte Arbeit.

Das schreibt der norwegische Maler Bernt Grönvold, den Lovis Corinth 1923 gemalt hat (Bild), über das Buch Friedrich Wasmann: Ein deutsches Künstlerleben von ihm selbst geschildert. Der Hamburger Maler, den ich letztens in dem Post über  Philipp Otto Runge erwähnte, wurde am 8. August 1805 in Hamburg geboren, wo er auch bei Christoffer Suhr seine malerische Ausbildung erhielt. Wasmann ging danach an die Dresdener und dann an die Münchener Akademie. Ständig kränkelnd ließ er sich für zwei Jahre in Meran nieder, bevor er für drei Jahre nach Italien ging.

In Rom traf er (hier ein Selbstportrait) Künstler wie ➱Friedrich Overbeck, ➱Joseph Anton Koch und ➱Bertel Thorvaldsen, geriet unter den Einfluss der Nazarener und konvertierte zum Katholizismus. Doch drei Jahre Rom waren dem Hamburger genug, er kehrt an die Alster zurück. Lernt eine Frau kennen, die er 1845 heiratet und zieht mit ihr nach Meran. Wo er im Alter von 81 Jahren sterben wird. Das ist die Kurzfassung des Lebens des Malers, seine Autobiographie ist natürlich länger. Sie endet mit den Worten: Dieses habe ich in meinem zweiundsechzigsten Lebensjahre geschrieben und bitte die, welche es lesen, um ein Vaterunser, damit ich bei Gott Gnade und Vergebung der Sünden finden möge.

Wasmann hat erstaunliche Bilder gemalt, wie diesen ➱Blick in die Campagna (1835), ein Bild, das die Hamburger Kunsthalle besitzt. Die, dank ➱Alfred Lichtwark, viele Bilder von ihm hat. Als Bernt Grönvold zehn Jahre nach dem Tod von Wasmann dessen Lebenserinnerungen herausgab, war das Buch, das in fünfhundert Exemplaren erschien, leider ein Flop: Das Buch fand keine Beachtung. Ich hatte ein Echo, einen etwas wärmeren Empfang des neuen Kömmlings erwartet. Als nach neun Iahren kaum siebzig Exemplare Käufer gefunden hatten, zog ich die übrigen aus dem Buchhandel zurück. Man kann es (in der der Neuauflage von 1915) heute immer noch antiquarisch finden, ich habe für mein Exemplar drei Euro bezahlt. Die sich unbedingt lohnten.

Dabei hatte das Buch einen berühmten Fürsprecher gehabt. Na ja, berühmt war er noch nicht, er war noch keine zwanzig, als er diese Buchbesprechung schrieb: Vor einigen monaten ist einer unsrer liebenswürdigsten maler im geist der ersten hälfte des jahrhunderts einer unverdienten vergessenheit entrissen worden .. es war dazu nötig dass drunten im südlichen Tirol der nachlass des aus Niederdeutschland gebürtigen künstlers von einem heutigen künstler der ein Norweger ist entdeckt und gesammelt und in einer mit fleiss und opfern hergestellten schönen ausgabe dem deutschen volk zugänglich gemacht wurde.

Das vorliegende buch das mit einer selbst-lebens-beschreibung Wasmanns eine reihe von zeichnungen und gemälden aus den jahren 1828–35 in guten steindruck-nachbildungen enthält und das allein die bekanntschaft mit dem in keiner öffentlichen sammlung vertretenen meister vermitteln kann ist wol von ausgezeichneten kunstkennern wie Hermann Schlittgen dringend empfohlen worden hat aber in weiteren kreisen die würdigung noch nicht gefunden die es verdient.

Mögen wir auch zugeben dass durch eine gewissenhafte und feine auswahl der wert der angebotenen schöpfungen ungemein erhöht wird und wir minderwertiges gar nicht zu gesicht bekommen so ändert das wenig an unsrer bewunderung für den mann der fern vom markte der ausstellungen fern vom drang der bestellungen schweigend und unbekannt zur zeit des Nazarenertums d.h. der allgemeinen formerstarrung mit der selbständigkeit der auffassung die reinheit der linien mit der vollendeten festigkeit und sicherheit eine keusche wahrhaft rührende anmut verband.

Schon in einer sehr frühen bleizeichnung ... zieht uns eine den zwang der schule durchbrechende eigenart an: in dem männlichen bildnis sehen wir die ganze verträumte jugend von damals mit dennoch einer festen und scharfen schönheit .. fast wie ein Rafael wirken die höchst einfachen striche die einen jüngling bilden · wie uns scheint einer von denen die voll von kühnen unschuldigen träumen und von himmlischen erwartungen ihre strasse nach Italien zogen.

Von bezaubernder innigkeit sind die mädchenköpfe ... besonders das zweitgenannte auf getöntem papier ... bei aller kindlichen und jungfräulichen reinheit liegt in diesem antlitz das bedeutungsvoll die augen aufschlägt ein so grosses trauriges verzichten dass wir ganz die jahreszahl vergessen und meinen die neuesten Engländer und Franzosen vor uns zu haben und zwar die besten. Manche dieser bildnisse sind uns eine enthüllung: so deutlich haben wir noch nie gestalten jenes abschnitts gesehen den man die Romantik nennt · ohne verschwommenheit und verweichlichung die helden Jean Pauls: wir bekommen ein neues bild jener stillglühenden und tiefblauen zeit.

Eine andre seite von Wasmanns kunst zeigen uns die ölbilder aus einem späteren abschnitt seines lebens mit noch gesteigertem sinn für das wirkliche .. wol müssen wir die farben dazu ersinnen (sie werden eher verschwiegen als leuchtend sein) aber es genügt die haltung jener Alten zu betrachten die bei meisterhafter behandlung der gewandung in ihrer behäbigen güte soviel menschliche ewige schönheit mitbekommen hat · oder den etwas geduckt dasitzenden keineswegs liebeerweckenden menschen den ich mir vorstelle mit seinem ledergelben südländergesicht das sich vom etwa blauen sammt des sessels abhebt: es ist darin etwas vom bestreben der Alten Meister die die abschreckende hässlichkeit geistlicher und weltlicher würdenträger so unvergänglich verklärt haben.

Dem maler dem mann von handwerk werden zulezt einige skizzen und entwürfe eine besondere aufmerksamkeit abringen · einige ganz geringfügige dinge mit einer einfachheit und fertigkeit hingeworfen wie es nur die Japaner vermögen: dort ein lamm · dort ein hahn · dort eine ziege. Die lebensbeschreibung die keine erläuterung zu den abbildungen gibt läuft selbständig als text mit. Sie ist im schlichten ehrlichen manchmal schattierungslosen ton damaliger zeit abgefasst .. dort finden wir aber auch – abgesehen von der teilnahme die das leben dieses merkwürdigen mannes erwecken muss – so feine beobachtungen und einflüsternde wendungen wie sie nur dem grossen schriftsteller gelingen.

So lesen wir in den kindererinnerungen: Bald zogen kosakenpulks · lieder in melancholischen molltönen singend in langen zügen über den deich · bald französische reiterscharen · die langsam vorüberreitend und niedergebeugt auf uns kinder die wir sie neugierig anblickten traurig und matt herabsahen · bei der betrachtung einer Medusenmaske stehen die worte: was ich damals nicht verstand ist mir jezt klar und erscheint mir wie ein bild der von Gott getrennten unerlösten natur die wie der blick der schlange das auge des menschen bezaubert die seele erstarren macht und in tödlichen schlaf versenkt · in der Italienreise findet sich der abschluss: Die menschen schienen mir einen wehmütigen zug im gesicht zu haben den ich bis dahin nie gekannt hatte als wären sie auf einer wallfahrt durchs leben begriffen und bewegten selbst mitten im geräusch des tages und bei der arbeit die lippen zu stillem gebet.

Sie werden es nicht glauben, der junge Kunstkritiker ist niemand anderer als ➱Stefan George.