Montag, 29. Juni 2020

Richard Oelze


Heute vor 120 Jahren wurde der Maler Richard Oelze geboren. Wenn man in dem Suchfeld auf dieser Seite den Namen Oelze eingibt, wird man auch zwei sehr verschiedene Herren stoßen. Der eine ist der Bremer Kaufmann F.W. Oelze, der ein Brieffreund von Gottfried Benn war und diesen auch finanziell unterstützt hat. Der andere ist der Maler Richard Oelze (hier auf dem Photo vor einem Selbstportrait sitzend), der seltsame Bilder gemalt hat. Ich war ein halbes Jahr im Internet, als ich zu seinem 110. Geburtstag den Post Richard Oelze schrieb. Der sensationelle Leserzahlen erreichte.

Oelze hat einmal in Worpswede gewohnt, und dort gibt es heute auch eine Straße, die seinen Namen trägt. Ein richtiger Worpsweder ist Oelze nicht gewesen und nie geworden, und man erinnert sich auch nicht gerne an den verschlossenen Mann, der nur in der Dunkelheit arbeitete. Aber er war der einzige Maler im Ort, von dem ein Bild im Museum of Modern Art hing. Das wussten die Worpsweder Bauern, die ihn mal in der Nacht verprügelt haben, wahrscheinlich nicht.

Samstag, 27. Juni 2020

Die Rote


Der nachträglich laminierte Pappband des Buches fällt schon ein wenig auseinander, das Buch ist sechzig Jahre alt und schon mehrfach gelesen. Vorne steht Leseexemplar drauf, und auf der Rückseite findet sich der Satz Die Herren Rezensenten und die Redaktionen werden gebeten, Besprechungen keinesfalls vor dem 10. September 1960 zu veröffentlichen. Dass auch Frauen Bücher rezensieren könnten, das konnte man sich beim Walter Verlag (bei dem auch Arno Schmidts Edgar Allan Poe Übersetzung erschien) nicht vorstellen. Die Herren Rezensenten hießen Robert Neumann (der in der Zeit die Rezension Mein Feind Alfred Andersch schrieb) und Marcel Reich-Ranicki, der seinem Hass auf den Autor auch noch nach einem halben Jahrhundert freien Lauf ließ: Das Urteil über die 'Rote', die ich vor genau fünfzig Jahren ausführlich (leider!) besprochen habe, lautet auch bei mir (damals und heute) 'grauenhaft und kitschig'. Dass der Roman 'ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur' sei, ist Mumpitz und Humbug. Vielleicht hätte man beim Verlag nicht nur an die Herren Rezensenten denken sollen, sondern den Roman Die Rote von Alfred Andersch auch mal einer Frau zum Lesen geben sollen.

Ich war wenige Monate im Internet, als ich Marcel Reich-Ranicki zum erstenmal beleidigte, ich wiederholte das mit Vergnügen in dem Post Martin Walser, und ich könnte es ad infinitum wiederholen: der Mann mit dem prolligen Auftreten war nie ein seriöser Literaturkritiker. Er war auch nie ein Literaturwissenschaftler, dazu fehlte ihm das Rüstzeug; was er lautstark und häufig voller Haß abgab, waren Geschmacksurteile. Ich zitiere noch einmal etwas, was ich einem Kommentator des Walser Posts antwortete: Meine Abneigung gegen Herrn Reich-Ranicki beruht darauf, dass er nicht seriös ist und niemals seriös war. Er versteht, für einen Literaturkritiker erstaunlich, nichts von Literaturwissenschaft. Wahrscheinlich ist er sogar noch stolz darauf. Er ist ein Relikt der 50er Jahre, als man in Deutschland jemanden wie Benno von Wiese für einen bedeutenden Professor hielt. Die griechische Philosophie hatte eine nützliche Unterscheidung zwischen den Begriffen 'doxa' und 'episteme'. 'Doxa' ist die subjektive Meinung, dafür braucht es nicht viel. Der Gegenbegriff ist eine von Wissen und Kenntnis begründete Meinung. RR ist über den Bereich der 'doxa' nie hinausgekommen.

Im Internet hat ein gewisser Boris vom Berg (?) eine Seite, auf der er Bücher rezensiert. Dort findet sich auch eine Besprechung von Die Rote, die mit dem Zitat von Reich-Ranicki und den Sätzen endet: Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen! Fazit: miserabel. Aber nicht jedermann lässt sich diesen Unsinn bieten, und so findet sich dort auch ein schöner Kommentar: Schäbige Rezension: 3/4 ist Inhaltsangabe, davon die Hälfte fast wörtliches Zitat, einmal visuell durch die Erzählung geflogen, nichts verstanden. Jede Diffamierung unbegründet, am Ende wird für die Wirkung schnell noch die Nähe der eigenen Meinung zum ewigen Literaturpapst als Qualitätsnachweis mitgenommen: Dämlich und ohne jede glaubwürdige Aussage. Abstoßend selbstverliebt und enttäuschend … bullshit. Für so etwas ist man denn schon wieder dankbar.

Es hat 1960 auch andere Stimmen als die von Reich-Ranicki zu dem Roman von Andersch (hier in Mailand, wo auch der Roman beginnt) gegeben. So konnte man in der Hannoverschen Rundschau lesen: Ein außerordentliches Buch, eine Dichtung von Rang, brillant erzählt und erfüllt von der Erfahrung, der Erlebniskraft und dem Wissen eines Mannes, der mehr als einmal Gelegenheit gehabt hat, dieser unserer Zeit ins Notizbuch zu schauen. […]. Eine Geschichte von nahezu klassischer Einfachheit der Motive. Schauplatz ist das winterliche Venedig und es gehört zu den literarischen Ereignissen dieser Saison, von Alfred Andersch in die seltsame Atmosphäre der hier sonnenlosen, trüben, fast greisenhaften Stadt geführt zu werden. […]. Übrigens spricht es doch sehr für die Reife des heutigen literarischen Publikums, daß so ein anspruchsvoller Roman zum Bestseller werden kann.

Alfred Andersch hat in diesem Blog schon den Post Alfred Andersch, er taucht auch noch häufiger auf, zuletzt in dem Post Dümmer=Sex, weil er es war, der den Roman Seelandschaft mit Pocahontas seines Freundes Arno Schmidt veröffentlicht hat. Der Roman Die Rote wird in zwei Posts erwähnt, die beide mit dem Film zu tun haben: Steve Cochran und Ruth Leuwerik. In dem Post Steve Cochran geht es um Michelangelo Antonionis Film ✺Il Grido.

Fabio Crepaz, eine der Hauptfiguren von Die Rote, fühlt sich nach einem Kinobesuch von der Figur des Aldo (gespielt von Steve Cochran) existentiell berührt, er denkt sich - während er uns den Film nacherzählt - in Aldo hinein: Fabio rauchte eine Zigarette und dachte über den Mann nach, den er gestern nachmittag in dem Kino in der Calle Larga gesehen hatte, er hatte den Sonntag nachmittag benutzt, um sich Antonionis neuen Film anzusehen, Fabio liebte gute Filme leidenschaftlich, das Schauspiel faszinierte ihn stets von neuem, aber gestern hatte er mehr gesehen als einen Film, er hatte einen Mann beobachtet, den er nicht aus seinen Gedanken brachte, weil er ihn an etwas erinnert hatte, was ihm, Fabio, fehlte. Dieser Mann hatte sich vor seinen Augen in einem Gelände bewegt, das in Fabios Leben eine weiße Fläche geblieben war. Antonioni hatte ihn gezeigt wie ein Gelehrter, der ein seltsames Insekt vorführt; er wies ihn auf einer Fläche aus weißer Leinwand vor, weiter nichts; er überließ es Fabio, seine Schlüsse selbst zu ziehen.

Dass Literatur in den Film wandert, das kennen wir (Sie könnten jetzt mal eben den Post The Go-Between lesen), aber dass ein Film in die Literatur wandert und dort eine wichtige Rolle hat, das ist selten. Reich-Ranicki hat Antonionis Film Il Grido nicht gekannt, er kann ja alles besprechen, auch das, was er nicht kennt. Wahrscheinlich wäre Il Grido für ihn auch Mumpitz und Humbug. Für Andersch ist es das nicht, das kleine Kapitel Das Meer, in dem Fabio Crepaz den Film nacherzählt, hat eine strukturelle Bedeutung für den Roman.

Und dieses Bild von Giorgione (Der Sturm) auch: Für ihn war es die Darstellung der ewigen Trennung zwischen Mann und Frau. Auf dem einen Ufer saß die Frau, nackt und innig in ihren kleinen Fruchtbarkeits-Ritus verzaubert, hell beleuchtet, eine klare biologische Formel, während auf dem anderen Ufer der Mann stand, dunkel, schön, lässig, genießerisch, verliebt, er hatte schon ein Kind gezeugt, und das Glied spannte sich schon wieder im Lederbeutel der Tracht des Jahres 1500; jung und getrieben, geistig und rätselhaft, hatte er sich noch einmal umgewendet, aber das Wasser – 'er könnte leicht hinübergehen' – lag unüberschreitbar dunkel und tief zwischen ihm und der Mutter mit ihrem Kind indes der Wolkenhimmel aller Jahrhunderte von einem großen Blitz durchzuckt wurde.

Literarische Texte zitieren andere literarische Texte, das wissen wir, spätestens seit der Holländer Herman Meyer sein Buch Das Zitat in der Erzählkunst geschrieben hat, Literatur kommt von Literatur. Andersch geht mit seinem Zitieren noch ein wenig weiter, Intertextualität ist ein Stilmittel dieses Romans. Andersch erzählt viele Geschichten, die er kunstvoll verknüpft und stilistisch mit innerem Monolog und wechselnden Erzählperspektiven immer wieder variiert. Antonionis Film und Giorgiones Gemäldes haben mit Fabio Crepaz zu tun. Der war Kommunist (wie Andersch in jungen Jahren), war im Spanischen Bürgerkrieg, dann bei den italienischen Partisanen mit Zweiten Weltkrieg. Jetzt will er mit der Partei nichts mehr zu tun haben, jetzt ist er nur noch Geiger in der Oper von Venedig in diesem großen und vielschichtigen Roman über Italien. Ein Werk so denkwürdig wie selten - das Geschenk eines europäischen Schriftstellers an Italien, urteilte La Fiera Letteraria. Von Mumpitz und Humbug war in der Zeitschrift aus Rom nicht die Rede.

Wir sind für vier Tage im Winter in Venedig, wohin es die aus ihrer Ehe geflohene rothaarige Franziska verschlagen hat. Und wo sie in einen Kriminalroman gerät, in dem ein ehemaliger Beamter der Gestapo und ein ehemaliger britischer Geheimagent eine Rolle spielen. Ich bin in einen Kriminalroman geraten, das gibt es doch gar nicht, Kolportage gibt es doch gar nicht, es gibt keine 'gangs', keinen Untergrund, keine Verfolgungen, das sind doch Erfindungen von Chandler, von Spillane, denkt Franziska. Das ähnelt dem Satz einer Romanfigur in Graham Greenes The Ministry of Fear: The thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux.

Der Roman ist sicher auch ein Kolportageroman, aber das ist für Andersch ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte von Fabio und Franziska zu erzählen. Der Kritiker Kurt Lothar Tank hatte das scharfsinnig erkannt, als er damals schrieb: Das klingt nach Klischee und Kriminalroman, und das ist auch Klischee und Kriminalroman. Aber zugleich ist es, ähnlich wie bei Graham Greene, die einzig mögliche Doppelkulisse, in der es glücken kann, 'der Wahrheit' habhaft zu werden. Dass die Szenen zuweilen reißerisch sind, sagt auch Heinz Piontek, aber erfügt hinzu: So raffiniert wie hier hat Andersch wohl niemals wieder eine Geschichte eingefädelt, die Effekte sind genau kalkuliert. Wahrscheinlich ist es diese Ebene des Romans, die ihm einen großen Erfolg bei den Lesern bescherte.

Aber die beiden anderen Geschichten, die von Fabio Crepaz und der Romanheldin Franziska (die Antonionis Film auch im Kino gesehen hat), sind viel interessanter. Wann haben wir im deutschen Roman der Nachkriegszeit schon einmal eine solche Frauenfigur? Intelligent und gebildet, sicher und unsicher zugleich. Und Sex ausstrahlend, sodass die Männer ihr und ihren wehenden roten Haaren bewundernd und obszön nachstarren. Leser werden heute Ruth Leuwerik vor Augen haben, die in Käutners Verfilmung die Franziska spielt. Sie hat mit der Romanfigur wenig gemein, sehr, sehr wenig.

Andersch, der an dem Film ✺Die Rote mitzuarbeiten versucht hatte, schreibt an seinen Freund, den italienischen Komponisten Luigi Nono, nachdem der Film von den Kritikern verrissen worden war: Eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Alles Kitsch, Kitsch, Kitsch! Käutner und die Dame Leuwerick haben alles kaputt gemacht. Ich hätte mich nie auf eine Zusammenarbeit mit diesen Leuten einlassen dürfen… Ein Jahr verloren! Das einzig Positive war die Kameraarbeit des Italieners Otello Martelli, dem es in den Außenaufnahmen gelingt, den genius loci Venedigs, der auch den Roman beherrscht, einzufangen. Er war nicht irgendjemand, er hatte Meisterwerke ✺Bitterer Reis und La Strada photographiert. Aber gegen die Leuwerik und einen vollgekoksten Käutner kommt auch der beste Kameramann nicht an.

Man mag sich nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn Michelangelo Antonioni den vom Neorealismus und Existentialismus geprägten Roman von Andersch verfilmt hätte. Allerdings ist sein Film ✺L'avventura (aus dem dieses Bild stammt) in Cannes ausgebuht und ausgepfiffen worden. Manche Regisseure sind ihrer Zeit voraus. Manche Romanautoren auch. Mit den Mitteln des Stilisten und bewußten Erzählers gestaltete Alfred Andersch hier einen der bedeutenden, von intensiver Wirklichkeit vibrierenden Roman der zeitgenössischen europäischen Literatur, steht hinten auf dem Cover von meinem Leseexemplar, der Verlag deutet den Herren Rezensenten schon an, was sie schreiben sollen.

Die einunddreißigjährige Franziska Lukas verläßt in Mailand, wo sie sich mit ihrem Mann auf Geschäftsreise befindet, plötzlich ihren Mann und setzt sich in den Zug nach Venedig: »Bahnsteig sieben«, sagte er höflich. Eine Ausländerin. Irgendwohin. Sie sind verrückt oder Huren oder beides. Eine Ausländerin, die irgendwohin fahren will und Geld genug hat, um ein Rapido-Billet nach Venedig zu bezahlen. Ein Viertel meines Monatsgehalts. Eine verrückte Hure. Wie ihre Haare flattern. Eine Rothaarige. Keine Italienerin läßt ihre Haare so flattern. Er sah ihr nach, bewundernd und obszön. Sie will nicht zurück nach Dortmund zu ihrem Geliebten, der der Chef ihres Mannes ist, sie gibt diese verlogene Dreiecksbeziehung auf. Sie gibt auch die materielle Sicherheit im Deutschland des Wirtschaftswunders auf. Sie ist sich nicht sicher, ob sie schwanger ist. Ihr Mann rät ihr am Telephon zur Abtreibung, aber sie kann sich nicht entscheiden. Sie ist eine starke Frau, aber sie ist auch unsicher. Sie hat so gut wie kein Geld bei sich, sie will bei einem Juwelier einen Brillantring verkaufen, der einmal sehr teuer war.

Der Erzähler läßt uns an den Gedanken des Juweliers teilhaben: Das ist eine, die sich auskennt. Eine Erfahrene, man sieht es ihr an. Aber nicht so erfahren, um sich wirklich wehren zu können, auch das sieht man ihr an. Eine Rote, wenn ihr Haar nicht gefärbt ist, eine sehr schöne Rote aus Deutschland, die Roten sollen gut sein im Bett, sie ist eine Feine, eine squisita, und sie kann sich nicht wehren. Ihr Haar ist nicht gefärbt und ihre Brillanten waren lupenrein. 'Sie sind in Schwierigkeiten', Signora, sagte er freundlich, 'ich will Ihnen entgegenkommen. Achtzehntausend, weil ich Ihnen glaube, dass der Ring von Carstens ist.' […] Sie sagte nichts, sie nickte nur, fast unmerklich, und er verstand sofort, ich habe das Geschäft gemacht. Was der Juwelier denkt, was Franziska denkt, was der Beamte am Schalter denkt, ist im Roman durchgehend in Kursivschrift gesetzt, das erleichtert das Lesen.

Da sind eine Menge Klischees und Platitüden in den Sätzen, aber der Autor streut das so mit leichter Hand dahin, er hat noch viel mit seiner Romanfigur mit den roten flatternden Haaren vor. Von der Handlung des Kolportageromans ganz abgesehen. Auf einer interessanten Internetseite bringt ein Interpret Franziskas Suche nach Freiheit mit der Zeile Freedom's just another word for nothing left to lose von Janis Joplin in Verbindung. Und damit sind wir wieder beim Existentialismus. Sartre, den Andersch nach dem Krieg häufig las, hat gesagt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Mit dieser Freiheit muss Franziska jetzt leben. Sie wird in Italien bleiben und ihr Kind bekommen, selbst wenn sie weiß, dass ihre neue Heimat auch nur eine neue Fiktion ist: ich habe mich immer nur für diese Häuser interessiert, ich wollte hinter das Geheimnis solcher Häuser kommen, ganz Italien besteht aus solchen Häusern, in denen die Leute abends im Dunkeln sitzen und Geheimnisse bewahren, arme, bittere, leuchtende Geheimnisse, wahrscheinlich ist das Ganze eine literarische Idee, ausgelöst von neorealistischen Filmen, ein bißchen Faszination von der Poesie südlichen Proletariats, das italienische Proletariat ist literarisch en vogue, aber vermutlich bedankt es sich dafür, vermutlich wünscht es, auf die Poesie zu verzichten, wahrscheinlich findet es nicht einmal Geschmack an jenen Filmen, die zwar sein Leben zu verändern wünschen, aber zugleich dem optischen Zauber dieses Lebens verfallen sind.

Die negativen Kritiken, wie zum Beispiel die von Herrn Reich-Ranicki, hatten beim Autor Spuren hinterlassen. Er hat den Roman, den er am 29.12.1957 in Venedig begann und am 20.12.1959 in Berzona beendete, umgeschrieben. Das letzte Kapitel Das Geheimnis alter Häuser wurde ganz gestrichen, der 1972 neu erschienene Roman hat jetzt ein offenes Ende. Ich selbst halte das für einen Fehler, mir genügt mein Leseexemplar, das mich vor Jahrzehnten eine Mark gekostet hat. Es ist nach sechzig Jahren immer noch ein großartiger Roman.


Lesen Sie auch: Alfred AnderschSteve Cochran und Ruth Leuwerik. Sie können übrigens heute im Radio bei DLF Kultur Der Tod des James Dean von Alfred Andersch hören.

Donnerstag, 25. Juni 2020

existentialism


Es ist etwas ganz Seltsames passiert ist: zum erstenmal in zehn Jahren habe ich mehr amerikanische als deutsche Leser. Deshalb gibt es hier zur Feier des Tages heute mal einen Post auf Englisch. Der ist allerdings nicht neu, der stand hier schon am 6. Oktober 2019. Mein Freund Yogi war über das Lob des St Olaf College in Northfield (Minnesota), wo er mal Professor gewesen war, so erfreut, dass er den Emeritus Norman Watt gebeten hat, den Post ins Englische zu übertragen. Und er hat das dann auf einer seiner Seiten veröffentlicht. Ich klaue mir das einmal zurück und stelle es am National Leon Day hier hin. Das St Olaf College (das in Fitzgeralds Great Gatsby erwähnt wird) ist ein kleines College, aber es hat einen hervorragenden Chor und die wahrscheinlich beste Kierkegaard Bibliothek der Welt. Und mit Kierkegaard sind wir natürlich beim Existentialismus.

Back in those days almost everyone was an Exi; to qualify, you needed a black turtleneck pullover and a grey tweed jacket. Grey tweed jackets (if at all possible with a Harris Tweed label) were all the rage in the ’50s. In Germany, these were preferably worn with a white shirt; it would never have occurred to the English to do this. In any case, your average German dressed this way didn’t look as elegant as in this picture of Gabriele Ferzetti in Antonioni’s film L’Avventura.

For us Exis, the tweed jacket couldn’t be new; it had to have the look of an Irish Wolfhound whose hair had just been combed through. It was the look of Left Bank jazz cellars (such as the one photographed here by Hubertus Hierl) or the former jazz club and bar in Hamburg known as the River-Kasematten. Along with the dark-colored turtleneck and tweed jacket you also had to have a book by Camus or Sartre under your arm, of course. That was eye-catching, since Rowohlt, the publishing house, had chosen red dust covers for both these authors’ books. In addition, you had to be nuts about Juliette Gréco (Sartre even wrote a chanson for her), as I definitely was. I’ve already written about this elsewhere in this blog. And: non, je ne regrette rien

Gréco started a fashion for long, straight, existentialist hair—the ‘drowning victim’ look, as one journalist wrote—and for looking chic in thick sweaters and men’s jackets with the sleeves rolled up. She said she first grew her hair long to keep warm in the war years; Beauvoir said the same thing about her own habit of wearing a turban. Existentialists wore cast-off shirts and raincoats; some of them sported what sounds like a proto-punk style. One youth went around with ‘a completely shredded and tattered shirt on his back,’ according to a journalist’s report. They eventually adopted the most iconic existentialist garment of all: the black woolen turtleneck.

The above text is from Sarah Bakewell’s excellent book At the Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. I’ve already written about this author, in my post Montaigne en allemand; her brilliant introduction to existentialism has also been translated into German. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, as Andrew Hussey wrote in the Guardian.

And he adds to that: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. This is something that Bakewell has mastered completely: how to explain difficult things simply. And it’s also worth noting that Juliette Gréco’s hair that kept her warm in the war years reached all the way down her back. This, at any rate, is what she says in her autobiography. Another book that has just appeared in German is Agnès Poirier’s Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. It’s a bit superficial and not on Bakewell’s level, but it is still a good portrayal of the customs and morals of the period.

The long hair of Juliette Gréco and Rita Renoir (the tragédienne du strip-tease), the black turtlenecks, the slightly slovenly appearance: those were external things. It was easy to imitate this style, since there were plenty of weekly news snapshots and photos of the Paris scene. We pictured a society outside of society that existed in bars and nightclubs, in a Paris that had originated in our notion of the darkness of American Film Noir and French poetic realism (as in ✺Le jour se lève and ✺Le Quai des brumes). This actually wasn’t so far off the mark, since in the meantime there was a book with the title Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

What we didn’t know was that the great existentialists, even when they frequented bars and nightclubs, didn’t look the way we did in our Exi outfits; they wore clothing that was quite ordinary and middle-class. And it wasn’t long until we put our outfits away and became Mods, as the English called their youth culture. When I heard Juliette Gréco in Berlin in 1962, I was wearing my good blue English suit from the best haberdasher in my home town.

The photographs that Henri Cartier-Bresson took of Camus and Sartre quickly attained an iconic character. At that time philosophers in France were stage-managed like movie stars. Or like the two new kings of the fashion scene,  Christian Dior and Jacques Fath. And French films, too, were often nothing more than existential philosophy on celluloid. In A bout de souffle, Jean-Paul Belmondo says: Suffering is completely idiotic. My choice is nothingness. That’s not much better, of course, but suffering is a compromise. I want all or nothing. From this moment on, I know this definitively. This attitude is very close to existentialism.

Camus was one of the heroes of my youth; I wanted to be as cool as he was in Cartier-Bresson’s photo. Camus always had good photographers. Another reason I liked him was that he was always well-dressed and had style; one of his school friends remembered that even as a teenager he wore gray flannel suits to class.

When he got married at age twenty-one, his rich mother-in-law paid for his elegant suits. Even though he acted the part of the bohemian, Camus didn’t look as shabby in his photos as Heidegger, who always looked like a little gnome on his walks through the woods of philosophy. In his well-documented, 920-page long biography, Olivier Todd described Camus as an elegant dandy and ladies’ man— the philosopher of the absurd in the role of Don Juan. I had no idea about that at the time. When I read Camus back then, I understood more about Camus than I did about women.

Although it was easy to imitate the Left-Bank French scene in its external appearance, and although it was easy to wear a black turtleneck with a raggedy tweed jacket, all these outer trappings were not the true driving force behind us little Exis at the time. To have been in Paris helped a great deal on our path to existentialism. To read the poems of  Jacques Prévert (photographed by Robert Doisneau above) in the original was one thing (I knew all his chansons which Juliette sang by heart). To read Camus was the other. He created sentences that you could ponder. How miserable the philosophy classes in school were in comparison to his works! I read Camus, although there was a lot that I didn’t understand. Or that I understood incorrectly. But when you’re eighteen, there’s a lot that you do understand, even if you don’t understand it. You can’t really live if life has no meaning.

All that I’ve written here up to now has already appeared in one form or another in my blog, but when I conjure up the Paris of the post-war period once again and listen to a few CDs from the collection Jazz in Paris by Gitanes, it’s because of the book pictured above. Yogi sent it to me from America after the author had given it to him. With a dedication, and now it’s mine. I started in on it immediately, because it’s a pleasure to read. The book was published by Harper Collins last year and has received justifiably good critical comments.

Other books by the author, Gordon Marino, are Kierkegaard in the Present Age and The Quotable Kierkegaard, and he is co-author of The Cambridge Companion to Kierkegaard. He is a Kierkegaard expert, and you wouldn’t be able to tell by looking at him that he is also good at something else that is quite different. At one time he was a boxer and he is still a boxing trainer today. Philosophers aren’t necessarily associated with that sport, although we of course should mention that Thomas Hobbes still played tennis in his old age. When Sartre was still teaching in secondary school, he taught his pupils boxing, which he had learned himself as a university student. Whether Heidegger really said I was left halfback with FC Messkirch, I don’t really know. But we do know that in his youth Albert Camus was goalkeeper with Racing Universitaire d’Alger. Speaking of that time, he said ultimately, all that I know most confidently about morality and human responsibility I owe to football.

Gordon Marino is also director of the Kierkegaard Library at St Olaf College and the fact that this small college possesses what is possibly the best Kierkegaard library in the world is owing to the professor pictured above. His name is Howard Hong, and although he himself does not have a Wikipedia article, the library that he established certainly does. This Internet lexicon apparently does not know what it is doing. For a description of his life, then, here is his obituary from the Minneapolis Star Tribune.

Having established the library that today bears his and Kierkegaard’s name would in itself be reason enough for there to be a Wikipedia article about him. But there is much more in addition to this. Together with his wife Edna, Hong translated all of Kierkegaard’s works into English; the seven volumes of his journals and papers were published by Indiana University Press, and the twenty-six volumes of Kierkegaard’s major works by Princeton University Press. For the first volume, Edna and Howard Hong received the National Book Award. Many honors were to follow for Howard Hong, including the Order of the Dannebrog and an honorary doctorate in theology from the University of Copenhagen.

I discovered Kierkegaard on my own, as you can see from my reading list for the year 1962. Kierkegaard and Camus never appeared in my university philosophy courses. In the German universities of the late ’60s, only second-class thinkers such as Marx and Hegel were represented. If I had not heard lectures by Gabriel Marcel, there would have been absolutely no highlights in the course of my university studies.

When I suggested Sören Kierkegaard ten years later as an examination topic for the doctorate, the lecturer in philosophy (whom I will not name here) rejected the topic outright. He was no philosopher, she said. At that point I knew that there was no point in my even bringing up the name Arthur Schopenhauer. She suggested Hegel to me, and all I could think was: yuck! If you read the post on Hegel in my blog, you will see why. And I still hadn’t even mentioned Jürgen Kuczynski’s wonderful quote about Hegel’s historically convoluted explanations. We finally agreed on the topic of the social contract in Hobbes, Locke, Rousseau, and Kant. It’s a nice topic, agreed, but it’s simply not Kierkegaard. One doesn’t even need to study philosophy to read Kierkegaard, because he’s among the philosophers like Schopenhauer (whose works he hadn’t really examined until shortly before his death) whom one can read without outside help. Every reader will understand him differently, but he is a pleasure to read. Because he is actually a poet.

And since I’m on the topic of philosophers that one can read without having studied philosophy, let me come back to Gordon Marino’s book again. Any one who can read can read The Existentialist’s Survival Guide, with its excellent subtitle How to Live Authentically in an Inauthentic Age. One could add Sapere aude! The book isn’t a self-help manual, no more than Claude Lelouch’s film Hommes, femmes: Mode d’emploi is an instruction booklet for living with a woman. Marino’s Existentialist’s Survival Guide is an introduction to the history of existentialism, which for English critics is frequently nothing more than a fashion, a spiritual expression of the pain of existence. Andrew Hussey formulated this in The Guardian with a nice touch of irony: French philosophy, for all its fag-waving sexiness, is also mostly pretentious and daft. No philosophy has exemplified this more than existentialism, the movement that dominated cultural life in Paris after the Second World War.

The Internet is full of short films that offer brief introductions to philosophical topics. I liked the BBC film on Sartre narrated by Stephen Fry very much. One viewer wrote about an Introduction to Kierkegaard on YouTube, I so wish I had read some of Kierkegaard’s works when I was a teenager, because if I had, a lot of my life would have been a whole lot clearer to me. This is something that readers of Marino’s book could also say.

The author, who is always present as an imperfect human being, takes readers by the hand, as it were, and becomes their guide through a wilderness of thoughts. Edward F. Mooney wrote in the Los Angeles Review of Books: By steering through issues that bear on us personally, and revealing their disruption and augmentation of his life, Marino avoids purely abstract, academic exposition. Classes in existentialism and existential psychology are popular because, apart from vocational promises, they offer a personal relevance all too absent in lectures devoted solely to impersonal facts and techniques. While Marino’s grasp of the literature is impeccable, his verve and wit as a writer stand out, and his self-revelations are not self-promotions.

It is nice when philosophers say such things about their colleagues, rather than writing, for example sentences like: Hegel, a trite, insipid, disgustingly repulsive, ignorant charlatan who scribbled away with incomparable gall, absurdity, and nonsense, which is trumpeted by his venal adherents as immortal wisdom and accepted as such by ignoramuses . . . has resulted in the intellectual ruin of an entire scholarly generation. I would have liked to say this to my philosophy lecturer back then, but I did want to pass my oral exams, after all. The above-quoted passage, incidentally, is by Arthur Schopenhauer.

Dienstag, 23. Juni 2020

heute hier, morgen dort


Zu seinem siebzigsten Geburtstag habe ich ihm hier gratuliert. Das war ein kurzer Post, weil ich genau zwei Jahre zuvor mit Volkssänger einen langen Hannes Wader Post geschrieben hatte. Damals war ich ein halbes Jahr im Internet, hatte meine Statistikseite noch nicht gefunden und wusste nicht, wie viele Leute mich lasen. Oder ob mich überhaupt jemand las. Heute gucke ich jeden Morgen auf die Statistikseite. Der Post hat damals 803 Leser gehabt, kein Vergleich mit dem Post Somewhere West of Laramie vom 5. Juni 2010, der über 12.000 mal angeklickt wurde. Der kleine Wader Post im Jahre 2012 hatte nur 426 Leser gehabt, während ein Post wie Notting Hill in der Woche auf über 3.000 Leser kam. Ist zugegeben auch ein interessanter Post. Meine Leser scheinen Hannes Wader nicht so sehr zu mögen, aber einen Geburtstagsgruß gibt es heute trotzdem für ihn.

Vor drei Jahren hat er sein Abschiedskonzert gegeben, da war er fünfzig Jahre lang on the road. Neununddreißig Alben gibt es. 2013 hat den ✺Echo Preis für sein Lebenswerk bekommen, und er hat die Gitarre ergriffen und das Lied gesungen, mit dem er alle Konzerte eröffnet hat: Heute hier, morgen dort. Er singt das, weil er es im Schlaf singen kann, um reinzukommen in das Konzert. Weil er Angst hat vor dem öffentlichen Auftritt. Das hat er 2012 im Interview bei 3nach9 gestanden.

Im letzten Jahr hat er seine Autobiographie veröffentlicht. Einige Sätze daraus habe ich in dem Post Tagebücher zitiert. Mehr kann ich daraus jetzt auch nicht zitieren, weil ich das Buch der Ingrid geschenkt habe. Die liebt Hannes Wader, nicht nur, weil er schöne Lieder singt. Er war für sie ein richtiger Mann. Sie war immer neidisch auf mich, weil ich mal mit ihm in einer Konzertpause zehn Minuten geschnackt habe. Da war übrigens nichts vom Lampenfieber bei ihm zu merken.

Die Karte von dem Konzert liegt immer noch in meiner Schreibtischschublade. Hannes Wader hat mein Leben seit den 68er Tagen begleitet. Als ich das erste Mal bei einem Hannes Wader Konzert war, waren da nur Leute aus meiner Generation, ich weiß nicht, wie das heute ist. Aber Leute wie mich gibt es hunderttausendfach, Kriegsgeneration, irgendwie 68er, grauer Bart. Lauter Hannes Wader Klone. Ich weiß nicht, ob inzwischen auch Teenies zu seinen Konzerten kommen, damit sich Zahnspangengeneration und Kukidentfraktion treffen können, habe ich vor zehn Jahren geschrieben.

Auf seiner Homepage schreibt Wader: je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass ich zeit meines Lebens fast nichts anderes getan habe, als zu versuchen meine Jugendträume zu realisieren, dafür einiges auf mich zu nehmen und anderen zuzumuten. Bin ich meist erfolgreich in der Umsetzung banaler Vorhaben, scheitere ich an ehrgeizigeren Traumzielen (wie z.B. die Welt zu retten). Mehr als nur einen Bruchteil seiner Träume zu verwirklichen ist ohnehin unmöglich. Niemand kann das. Es kommt nur darauf an, seine Träume auch im Scheitern nicht zu entwerten, geringzuschätzen und sich ihrer nicht als Hirngespinste zu schämen. Der Browser Safari sagt bei der Adresse nicht sicher. Das hat nichts mit der kommunistischen Vergangenheit des Sängers zu tun, Safari kann bei vielen Seiten, vor allem im Kunstbereich, die Sicherheit nicht garantieren. Die Seite des englischen Photographen Roger Mayne ist auch nicht sicher. Und da ich dabei bin: Catalina läuft nicht mehr auf diesen Mac, dafür läuft der Mac wieder.

Wenn man diese Seite anklickt, bekommt man einen Überblick über alle Alben, alle Lieder. Und man ertappt sich dabei, Ich bin unterwegs nach Süden oder Jepestinja Stepanowas Garten mitzusingen. Es ist eine gefährliche Sache, eine Hannes Wader CD einzulegen, da beginnt zu den ersten Gitarrenklängen ein Nostalgietrip, und der zieht einen zurück in die siebziger und achtziger Jahre. Ich stelle die CDs jetzt mal wieder alle ins Regal zurück, das Geburtstagskind wird mir das verzeihen. Er wird mir auch verzeihen, wenn ich nicht alles von ihm gut finde. So frankophil er ist, er hätte lieber die Finger von Les feuilles mortes gelassen, das Chanson ist bei Cora VaucaireYves Montand und anderen besser aufgehoben.

Wenn Sie nichts von Hannes Wader kennen, aber einen Überblick über sein Werk haben wollen, empfehle ich die CD Trotz alledem; die 37 Titel auf dieser Doppel CD hat Wader selbst ausgesucht. Meine Lieblings CDs sind die, auf denen er Lieder singt. Wie zum Beispiel die Carl Michael Bellman Lieder, die Liebeslieder oder die Schubert Lieder, Des Baches Wiegenlied finde ich sehr schön. In der 3nach9 Talkshow hat er Ende Dass wir so lang leben dürfen gesungen, und das stelle ich hier auch zum Schluss noch einmal hin.

Samstag, 20. Juni 2020

Strassenphotographie


Als ich dies Photo zum erstenmal sah, fragte ich mich, ob es wirklich echt war. Also wirklich auf der Straße gesehen und sofort photographiert, keine Inszenierung. Inzwischen weiß ich, dass der Photograph Robert Doisneau zwei Schauspielschüler dafür bezahlt hat, das junge Liebespaar zu spielen. Das Bild war nicht in einer Minute fertig, die Inszenierung hat einen halben Tag gedauert. Er hat das jahrzehntelang geleugnet, musste es eines Tages aber vor Gericht eingestehen.

Die junge Frau auf dem Photo hieß Françoise Bornet, ihre Karriere als Filmschauspielerin war nicht unbedingt großartig. Der vielleicht wichtigste Film, in dem sie eine kleine Nebenrolle hatte, war Die großen Familien, ein Film, der von Jean Gabin lebt. Hier posiert sie ein halbes Jahrhundert später mit dem Photo vor dem Pariser Rathaus. Das Photo, das sie pressewirksam hochhält, ist ein Originalabzug, den sie zur Auktion bringt. Es wird für 155.000 Euro verkauft.

Nicht so berühmt wie das Photo von Doisneau ist dies Photo zweier Liebenden auf der Plattfom eines Busses auf der Avenue Franklin Roosevelt aus derselben Zeit geworden. Es stammt von dem Holländer Nico Jesse, der sich in den fünfziger Jahren auch durch Paris photographierte. Er war eigentlich Arzt, hatte aber schon während seines Medizinstudiums in den dreißiger Jahren Photographien zu Ausstellungen geschickt. In den 1940er Jahren hatte er das von den Nazis besetzte Utrecht photographiert, das Buch erschien 1950 unter dem Titel Zó is Utrecht. Es machte ihn noch nicht berühmt, berühmt wurde er vier Jahre später durch das Photobuch Vrouwen van Parijs, das er zusammen mit André Maurois gemacht hatte.

Es erschien gleichzeitig in deutscher, französischer, schwedischer und englischer Übersetzung, ein erster europäischer Bestseller der Nachkriegszeit. Nico Jesse schloss seine Arztpraxis und wurde Berufsphotograph. Ich habe die deutsche Ausgabe gerade beim Aufräumen wiedergefunden, sie hat mich im Antiquariat Eschenburg mal eine Mark gekostet. Bei ebay und Amazon wollen Händler dafür inzwischen mehr als fünfzig Euro haben. Die deutsche Ausgabe erschien bei Christian Wegner in Hamburg in der Übersetzung von Gerda von Uslar, die auch Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet übersetzt hat.

Juliette Gréco ist mit diesem Photo aus dem Jahre 1952 auch in dem Buch (mehr Juliette gibt es in dem Post Abendlied, der zur Zeit ein Besteller ist), aber das soll nicht heißen, dass nur Prominente und Filmschönheiten in Frauen in Paris sind. Nico Jesse photographiert auch die Arbeiterinnen der Renault Werke in Billancourt, Verkäuferinnen, Näherinnen und immer wieder die Concierge, eine Institution der Bourgeoisie. Maurois hat in dem Buch zu der Pariser Concierge mehr zu sagen als zu Juliette Gréco (obgleich das, was er zu Juliette sagt, auch sehr nett ist).

Straßenphotographie ist inzwischen eine eigene Gattung der Photographie geworden. Wahrscheinlich hat sie mit Eugène Atget, den man den Balzac der Kamera genannt hat, angefangen. Paris is the city of the flâneur. Its streets and boulevards invite perambulation. Its arrondissements are filled with hidden beauty that trigger involuntary memory. Atget was a flâneur, who wandered the city waiting for his 'madeleine moment' to photograph. A chance encounter with a prostitute idling by her front door; a hawker selling wares from a cart; a maitre d‘s blurred face at the door of a restaurant; a shop window filled with mannequins; or the empty cobbled street still warm with the impression of activity, heißt es auf einer schönen Seite zu Eugène Atget im Internet.

Was die Straßenphotographie betrifft, so gibt es in diesem Blog natürlich einen Post zu Robert Frank, und der Engländer Roger Mayne (der eine gute Seite im Internet hat) wird in dem Post Sedanplatz erwähnt. So etwas Ähnliches wie auf diesem Bild (das Photo ist von Frank Horvat) hätte ich auch gerne photographiert. Ich hatte mich vorsichtig in die Mitte einer Kreuzung zweier Boulevards begeben, war ein wenig in die Knie gegangen, um die heranrauschenden Autos einzufangen, als ich einen gellenden Pfiff hörte. Ich drehte mich um und sah einen Flic mit weißem Gürtel, der mir einige Bösartigkeiten zurief. Ich habe nicht alles verstanden, mein Französisch war noch nicht so gut. Ich war sechzehn und photographierte mit meiner Werra durch Paris.

Autos in Paris zu photographieren, ist die eine Sache, Menschen in Paris abzulichten ist eine andere. Indianer haben geglaubt, dass Photographen ihre Seele stehlen würden, wenn sie sie ablichteten. Wir haben eine Scheu davor, fremde Menschen zu photographieren. Nicht die Japaner, die mit ihren Handys sinnlos alles und alle auf den Straßen photographieren. Aber ich. Dies Photo von der Garde Républicaine kann jeder Berufsphotograph machen. Aber ich hätte ein Bild machen können, das es nirgend in der Bilderflut von Google gibt. Ich saß in der Métro und mir gegenüber saß ein Gardesoldat. Es war der 14. Juli, er wollte sicherlich zu einer Parade. Er saß stocksteif da, damit seine weißen Reithosen keine Falten bekamen. Den hochpolierten silbernen Helm hielt er mit beiden Händen fest. Ich habe nicht gewagt, ihn zu photographieren, obgleich ich mit meinem kleinen Ikophot Belichtungsmesser schon die richtige Belichtungszeit herausgefunden hatte.

Ich weiß nicht, warum Nico Jesse heute so gut wie vergessen ist, seine Bücher Frauen in Paris oder Paris in the '60s (als deutscher Titel Sehnsucht nach Paris mit 500 Photos und einem Text von seiner dritten Frau Ute Vallance) verkauften sich gut. Er hatte einen Vertrag mit Sigbert Mohn und photographierte sich durch Europas Metropolen: Menschen in London (aus dem diesem Bild stammt), Menschen in Berlin, Menschen in Rom erschienen alle bei Bertelsmann. Dann gab er die Strassenphotographie auf und wurde Werksarzt bei einer Fleischkonservenfirma, für die er auch die Werbung machte. Zum Ende seines Lebens war er erstaunlicherweise pleite, lagerte seine Photoausrüstung ein und arbeitete für eine Versicherung. Bon vivant achter de camera ist der Titel eines niederländischen Buches über Nico Jesse, vielleicht war er zu sehr Bonvivant.

Vielleicht hat er auch zuviel photographiert. Robert Frank hat von 1955 bis 1957 beinahe 28.000 Aufnahmen quer durch Amerika gemacht, aber für seinen Bildband The Americans nahm er nur 83 dieser Bilder. Nico Jesse ist in Museen vertreten, das MoMa hat Bilder von ihm, und als 1955 die Ausstellung The Family of Man eröffnet wurde, gehörte Jesse auch zu den Photographen, die hier ausstellten. Edward Steichen hatte ihn persönlich eingeladen. Ein Handabzug eines Photos von Jesse bringt heute bei Auktionen vielleicht mal 500 Euro, nicht die 155.000 Euros von Doisneaus Kussszene. Die Ausstellung Family of Man brachte eine Ideologie mit sich: Photos sollten eine Bedeutung haben. Nico Jesses Photos hatten keine tiefgehende symbolische Bedeutung, sie waren Ausschnitte aus dem Leben.

Wie die Menschen in London aussahen, das wusste ich genau. Dank Nico Jesse. Dieser Gentleman ist seit 1959 in meinem Bildergedächtnis gespeichert, weil ich das Buch besitze. Ich habe das schon in dem Post Otto Flake gesagt, dass meine Mutter sich in den fünfziger Jahren eine Mitgliedschaft im Bertelsmann Buchclub hatte aufschwatzen lassen. Wenn ihr bei den Bestellungen nichts einfiel, pickte ich mir die Photobände heraus. Die stehen heute immer noch bei mir im Regal.

You know, doctors work a lot with prescriptions: it seems to us that Nico Jesse works according to the famous example of Goethe’s theatre director: 'Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant'. With his camera, Nico Jesse takes life by the horns. And the result is: life. Against all the academic rules of photographic technique, he can afford to take blurry, moving shots. The final result is not bad photography, but rather increased life. From the perspective of art, professional photographers are technically inclined and can usually be quite annoying. As such, they are likely to make all kinds of derogatory remarks when it comes to Jesse’s photos. Yet none of them can deny that he approaches his subjects in a grandiose way, that he knows how to capture life at its most interesting moments and that this life is always captivating, hat sein Freund Paul Citroen (den Nico Jesse hier 1971 gemalt hat) über ihn gesagt.

Nico Jesse griff hinein ins volle Menschenleben. Die Menschen, die er mit seiner Leica photographierte, hatten den Eindruck, als würden sie ihn schon ewig kennen, hat ein Freund über ihn gesagt. Das hier sind keine Bordsteinschwalben, das sind junge Frauen, die an einem Montagmorgen zur Académie de la Grande Chaumière (wo Walter Sickert einmal Lehrer war) gekommen sind. Montags ist Modellmarkt für Aktmodelle. Aktmodell zu sein ist in Paris ein Beruf wie jeder andere, versichert uns André Maurois im Textteil zu Frauen in Paris. Die jungen Frauen sehen völlig normal aus, sie haben noch nichts von den Frauen an sich, die sich bei Heidi Klum bewerben, um Superstars zu werden. Sie hätten bei Heidi Klum auch keine Chance.