Donnerstag, 7. Juli 2011

Gottfried Benn


Was schlimm ist

Wenn man kein Englisch kann,

von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins
Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.


Er ist im Sommer gestorben, heute vor 55 Jahren. Als alles hell war, und die Erde für den Spaten leicht. Meine erste Begegnung mit ihm hieß Kleine Aster:

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhelllila Aster
zwischen die Zähne geklemmt

Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muss ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

Stand in Hans Magnus Enzensbergers museum der modernen poesie, einem Buch, das eine Art Bibel für mich wurde. Enzensberger mochte Benn offensichtlich nicht, aber das interessierte mich nicht so sehr. Ich war gerade mit meiner Bertolt Brecht Phase fertig, da kam mir Benn gerade recht. Dessen klinische coolness, désinvolture oder was immer, faszinierte mich. Aus dem Grunde las ich damals auch Ernst Jünger. Wenn man jung und unsicher ist, sucht man sich Leitbilder. Die Jüngersche und die Bennsche intellektuelle Arroganz kamen wir damals zupass. Heute kann ich darüber lächeln. Obgleich ich immer noch kleine Reste einer intellektuellen Arroganz behalten habe. Die hebe ich mir aber für besondere Augenblicke auf.

Obgleich ich Benn für einen großen Dichter halte, ging meine Gottfried Benn Verehrung nicht so weit wie die des Bremer Kaufmanns Friedrich Wilhelm Oelze. Ich schlendere mein Leben lang durch den Supermarkt der Literatur und picke mir heraus, was mir gefällt. Natürlich habe ich den gesamten Briefwechsel von Oelze und Benn in den Einkaufswagen getan. Große Teile von Bertolt Brecht habe ich wieder zurückgebracht. Und die Erstausgaben der ersten Lyrikbände von Enzensberger möchte ich am liebsten auch wieder umtauschen. Er ist ein guter Essayist, aber ein schlechter Dichter. Brecht ist ein guter Theatermann, aber auch kein guter Dichter. Benn ist ein guter Dichter. Außer wenn er mit seinen Sphären und Äonen anfängt. 

Die Kleine Aster finde ich noch immer faszinierend, wenn auch nicht mehr so wie vor einem halben Jahrhundert. Vom Operationssaal verstand der Dr. Benn sicher etwas. Ich weiß nicht, wie viel er von Bierfahrern verstand. Da habe ich ihm etwas voraus. Weil ich einige Zeit lang in den Semesterferien als Bierfahrer gearbeitet habe, eine wunderbare Tätigkeit, bei der man mit vielen Menschen in Verbindung kommt. Vor allem, wenn man die Rotlichtviertel mit Alkoholika beliefert. Also diese Gegend, aus der die Klientele des Dr. Benn kam. Aber wie Gottfried Benn konnte ich zwischen Beruf und Berufung trennen, ich habe niemals in meiner Tätigkeit als Bierfahrer an ersoffene Bierfahrer auf dem OP-Tisch gedacht. 

Im Bücherregal steht Gottfried Benn bei mir neben Uli Becker. Ich finde das immer sehr komisch, aber bei der Nachbarschaft in meinem Bücherregal geht es nun mal nicht nach Verwandtschaft und Neigung sondern nach dem Alphabet. Und das Alphabet bewirkt dann auch, dass Bertolt Brecht neben Rolf Dieter Brinkmann steht. Ob die sich gemocht hätten? Als ich gestern im Internet nach Bildern suchte, fand ich einen Blog, in dem Benns Gedicht Untergrundbahn stand. Hab's gelesen, und da war sie wieder, die alte Gottfried Benn Faszination. Deshalb kommt das hier an den Schluss. Das Gedicht ist aus dem Jahre 1913, zwischen Untergrundbahn und Was schlimm ist liegen vierzig Jahre, zwei Weltkriege, ein ganzes Leben. Und die ewige Frage: wozu?

Untergrundbahn

Die weichen Schauer. Blütenfrühe. Wie

aus warmen Fellen kommt es aus den Wäldern.
Ein Rot schwärmt auf. Das große Blut steigt an.

Durch all den Frühling kommt die fremde Frau.

Der Strumpf am Spann ist da. Doch, wo er endet,
ist weit von mir. Ich schluchze auf der Schwelle:
laues Geblühe, fremde Feuchtigkeiten.

Oh, wie ihr Mund die laue Luft verprasst!
Du Rosenhirn, Meer-Blut, du Höherzwielicht,
du Erdenbeet, wie strömen deine Hüften
so kühl den Hauch hervor, in dem du gehst!

Dunkel: nun lebt es unter ihren Kleidern:
nur weißes Tier, gelöst und stummer Duft.

Ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen.

Ich bin der Stirn so satt. Oh, ein Gerüste
von Blütenkolben löste sanft sie ab
und schwellte mit und schauerte und triefte.

So losgelöst. So müde. Ich will wandern.

Blutlos die Wege. Lieder aus den Gärten.
Schatten und Sintflut. Fernes Glück: ein Sterben
hin in des Meers erlösend tiefes Blau.

Keine Kommentare:

Kommentar posten