Montag, 31. Juli 2017

Moor


Es gibt genügend Moor in Emily Brontës Roman Wuthering Heights, und das Moor, das immer etwas Unheimliches hat, findet sich immer wieder in der Literatur. Da verschwinden Menschen und werden nie wieder gesehen. Oder tauchen als Moorleiche wieder auf. Als ich über ➱Emily Brontë schrieb, kam es mir in den Sinn, einmal über das Moor zu schreiben. Etwas, was mir seit kleinauf vertraut ist, schließlich lag das Teufelsmoor sozusagen vor unserer Haustür. Auch wenn Rilke sagte: Ein grausiges Land, in dem ihr da lebt, er bleibt in ➱Worpswede.

Ich zeichne Ihnen das mal auf, man kann das nur schwer finden, sagte der Mann, mit dem ich am Tisch eines Gasthauses am Zwischenahner Meer saß. Er griff sich einen Bierdeckel vom Nachbartisch, holte einen Kugelschreiber aus der Tasche und begann zu zeichnen. Zeichnen war nicht unbedingt seine Stärke, aber er erklärte alles, was er auf den Bierdeckel brachte. Zuerst dieser lange Birkenweg, dann dreieinhalb Kilometer bis zu dem kleinen Kiefernwäldchen, und dahinter, da isses. Müssen Sie zwanzig Meter rechts reingehen, können Sie vom Weg nich sehen. Es war da, ein perfektes kleines Hochmoor, vielleicht fünfzig Meter breit und fünfzig Meter lang. Ein kleiner Tümpel mittendrin und viel Sonnentau. Den hatte ich schon seit der Volksschule nicht mehr gesehen. Zweimal im Jahr, wenn wir in unserem Schullandheim in Eggestedt waren, hielt uns unser Lehrer Herr Blume einen kleinen Vortrag über das Moor. Er hatte auch immer in einer kleinen Schachtel oder einer Dose eine Fliege dabei, die er an den ➱Sonnentau verfütterte.

Einen Vortrag im Moor ganz anderer Art habe ich Jahrzehnte später gehört. Wir waren im Manöver und wurden um Mitternacht aus unseren Zelten geholt, marschierten dann einen Kilometer über die Plaine und mussten dann antreten. Das Gelände war hell erleuchtet, zwei englische Bergepanzer waren dabei, einen von unseren ➱HS-30 Schützenpanzern aus dem Moor zu ziehen. Und unser Kompaniechef hielt uns einen Vortrag über die Feinde des Panzers. Wozu Minen, Panzerabwehrkanonen und die Panzerfaust gehörten. Aber das Schlimmste, sagte unser Hauptmann mit erhobener Stimme, das wirklich Schlimmste, das ist ein bescheuerter Panzerfahrer, der seinen Panzer im Moor versenkt. Wir durften wegtreten, blieben aber noch, weil wir sehen wollten, ob es den Engländern wirklich gelang, den HS-30 zu retten. Es gelang ihnen, sie machten das offensichtlich nicht zum ersten Mal.

In der Literatur wird das Moor meist mit Schauer und Schrecken verbunden, die meisten von uns kennen noch dieses O, schaurig ists, übers Moor zu gehn von Annette von Droste-Hülshoff. Ich habe die Frau für das melodramatische Gedicht immer gehasst. Aber das Moor in Adalbert Stifters Nachkommenschaften gefällt mir:

Was nötig war, hatte ich schon gestern vorbereitet, Farben, Pinsel, und viele Blätter, darauf gemalt werden konnte; denn ich wollte Moor in Morgenbeleuchtung, Moor in Vormittagbeleuchtung, Moor in Mittagbeleuchtung, Moor in Nachmittagbeleuchtung beginnen, und alle Tage an den Stunden, die dazu geeignet wären, an dem entsprechenden Blatte malen, so lange es der Himmel erlaubte. Moor im Regen hatte ich mir schon vorgenommen von meinem Fenster aus zu malen. Über das Moor im Nebel habe ich noch nicht nachgedacht. Es ist doch ein Glück, daß ich für meinen Kasten eine Vorrichtung erfunden habe, viel ölnasse Blätter in ihm unterbringen zu können, ohne daß sie sich verwischen. Wir wollen mal hoffen, dass unser Maler im Lüpfinger Moor solch schöne Wolken gemalt hat, wie sie Adabert Stifter gemalt hat.
      
An dieser Stelle möchte ich meinen Lesern sagen, dass ich - obgleich ich mit ➱Adalbert Stifter und ➱Mein Stifter zwei wirkliche schöne Stifter Posts geschrieben habe - mit Nachsommer noch keine Seite weiter bin. Moorgedichte sind auch nicht jedermanns Sache. Ich habe einmal Seamus Heaney getroffen, er war noch kein Nobelpreisträger, hatte aber wunderbare rote Hosenträger. Er war an dem Tag ein klein wenig von Moorleichen besessen. Während wir unser Guinness (das ist ja auch ein Zeuch, das wie Moorwasser schmeckt) tranken, erzählte er mir, dass er sich am nächsten Tag die ➱Moorleiche in Schleswig anschauen wollte und dann nach Silkeborg weiterreisen wollte (aus der Reise ist sein Gedicht ➱Tollund Man entstanden). In Heaneys Gedichtsammlung North wird es noch mehrere bog poems geben.

Mein liebstes Moorgedicht ist von Emily Dickinson (die ➱hier schon einen Post hat), es ist, wie so häufig bei ihr, sehr kurz. Bleibt aber im Kopf:

I never saw a moor, 
I never saw the sea; 
Yet know I how the heather looks, 
And what a wave must be. 
I never spoke with God, 
Nor visited in heaven; 
Yet certain am I of the spot 
As if the chart were given.

Ich schreibe diesen Post nicht nur, weil ich von den Brontës noch viel Moor im Kopf habe, sondern auch, weil heute der Todestag von Jürgen Christian Findorff ist. Der hatte ➱hier schon mal einen Post, der aber leider kaum gelesen wurde. Findorff war Tischler, aber eigentlich war er ein Universalgenie. Das mit dem Genie schreibt auch eine hannöversche Kommission nach London: Dieser Mann, der ein wahres Genie ist, und mit einem redlichen Character und vorzüglicher Geschicklichkeit einen unermüdeten Fleiß und gewissenhafte Betriebsamkeit verbindet, hat, durch eine langjährige Erfahrung geleitet, sich eine so gründliche und ausgebreitete Kenntnis erworben. ➱George III versteht den Text, und er gesteht dem Mann, den er 1771 zum Moorcommisar ernannt hat und ihm die Aufsicht über die neuen Kulturen und die Generalwahrnehmung des Moorbauungswerkes zugewiesen hat, endlich ein festes Gehalt zu.

Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, 

Der täglich sie erobern muß

heißt es im zweiten Teil von Goethes Faust, es geht hier um Landgewinnung. Vielleicht hatte Goethe den Deichbau an der Elbe im Sinn. Aber ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der Moorkommissar Findorff schon so etwas wahrgemacht, wovon Dr Faust träumte. Der Königlich-Hannoversche Moorkommissar Jürgen Christian Findorff (hier hat ihn ➱Heinrich Vogeler gemalt) verspricht den Ärmsten der Armen ein Stück Land, wenn sie an seinem Plan mitarbeiten, achttausend Gräben und Kanäle zu ziehen. Dafür konnte er nicht jeden gebrauchen: Es ist besser fleißige, als bloß bemittelte Leute zum Anbau zu nehmen…. Vor allen Dingen hüte man sich, Säufer und Prozeßgänger aufzunehmen; diese Leute taugen gar nicht im Mohre, schreibt Findorffs in seinem Moorkatechismus.

Diejenigen, die am Plan von Findorff, aus einer feuchten Wüste urbares Land zu machen, mitarbeiten, denken nicht an Goethes Worte Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß. Für sie heißt es eher Den ersten sien dood, den tweeten sien noot, den drütten sien broot. Das Jahresgehalt, dass der König seinem Moorkommissar spendiert, ist gut angelegt. Ohne ihn wäre das Ganze nie gelungen. Und bei allem ist er bescheiden. Wenn die Gnarrenburger Kirche (die ohne ihn nicht gebaut worden wäre) 1790 feierlich eingeweiht wird, wird der Superintendent Johann Hinrich Pratje zu Findorff sagen: Die Angelegenheit dieses Baues wurde einem Mann übertragen, zu dessen wohlverdientem Ruhm ich alles sagen könnte und würde, wenn ich nicht befürchten müsste, dass ich seine seltene Mäßigkeit und Bescheidenheit beleidigen möchte.

Das Ende des Siebenjährigen Krieges ist der Beginn eines beispiellosen Aufschwungs im Kurfürstentum Hannover. Die Franzosen sind verschwunden, den ➱Cumberland wird man hier auch nie wieder sehen. Jetzt blüht Niedersachsen auf. Johann Hieronymus Schroeter begründet in Lilienthal im Teufelsmoor eine Sternwarte, die zu einer der führenden Sternwarten der Welt werden wird. Sie wird schon in den Posts ➱Zeiss und ➱Astronomie erwähnt. Und natürlich bei ➱Arno (Otto) Schmidt, weil der über Lilienthal sein letztes Werk, das Romanfragment Lilienthal oder die Astronomen, geschrieben hat.

Und dann ist da noch Albrecht Daniel Thaer aus Celle, der sich dort eine solch schöne Villa im englischen Stil leisten kann. Er wird über die englische Landwirtschaft schreiben, aber er war nie in England. Sein Buch wird auch in England gelesen (und gelobt) werden, und unseren Dr Thaer nennt man heute den Begründer der Agrarwissenschaft. George III hatte ihn zu seinem Leibarzt ernannt, kommt aber nie nach Celle oder Hannover, Dr Thaer nicht nach London. Vielleicht ist er aber auch für die ➱englischen Prinzen da, denn in Göttingen studieren drei Söhne von George III.

Was Dr Thaer für sein Studium der englischen Landwirtschaft braucht, das leiht er sich aus der Bibliothek seines Freundes Jobst Anton von Hinüber, einem Amtmann und Wegebauintendant. Und der bedeutendentesten Landwirtschaftsreformer im Kurfürstentum Hannover. Der übrigens auch mit dem Hinübersche Garten einen der frühesten englischen Landschaftsgärten in Deutschland angelegt hat (wenn Sie alles zum englischen Landschaftsgarten wissen wollen, dann klicken Sie bitte ➱hier).

Mit Pflanzen hat auch ➱Albrecht Roth in meinem Heimatort Vegesack zu tun, er ist der erste, der den Fang und Verdauungsmechanismus beim Rundblättrigen Sonnentau beschreibt. George III schenkt ihm auf seine Bitte ein Stück Land an der Weser. Wahrscheinlich glaubt er, der gute Dr Roth wolle da einen englischen Garten anlegen, aber weit gefehlt. Dr Roth, der mit Goethe korrespondieren wird, pflanzt da alles an, was die Seeleute ihm aus der weiten Welt mitbringen. Wenn ich bisher nur Gelehrte aus dem Kurfürstentum Hannover genannt habe, muss ich jetzt auch mal die Bremer erwähnen. Denn Bremen gehört damals auch zu Hannover. Und da gibt es neben Albrecht Roth eine Vielzahl von Naturforschern: Ludolf Treviranus, Franz Carl Mertens und Gustav Focke. Wenn man da noch die Astronomen Olbers und Bessel dazu nimmt, hätte man leicht eine Universität gründen können.

Natürlich haben wir nicht nur Moorkolonisation und Agrarwissenschaft, wir haben auch Kultur im Lande Hannover, vor allem an der Universität Göttingen, die George II gegründet hat. In Bremen haben wir damals nicht so viel Kultur. Heute auch nicht. Seit 1732 gibt es in Hannover den Wöchentlichen hannoverschen Intelligenz-Zettul, seit 1743 kann man in Hannover Tee kaufen. 1778 wird die Königliche Roß-Arzney-Schule gegründet, die erste Tierärztliche Hochschule in Deutschland. Zehn Jahre später veröffentlicht ➱Adolf Freiherr Knigges sein Buch Über den Umgang mit Menschen in Hannover. Die zeitliche Abfolge ist interessant: erst kommen die Pferde, dann das gute Benehmen. Nicht vergessen sollten wir unseren Universalgelehrten Georg Lichtenberg, der George III 1770 durch die Sternwarte von Kew führte und der Lehrer seiner drei Söhne in Göttingen war.

Dieses kleine Panomara hannöverscher Kultur mit dem Moor in Morgenbeleuchtung, Moor in Vormittagbeleuchtung, Moor in Mittagbeleuchtung, Moor in Nachmittagbeleuchtung nach dem Siebenjährigen Krieg musste mal eben sein. Unser Moorkommissar Findorff ist der einzige, der nicht auf der Universität gewesen ist, dennoch kann man ihn den anderen, die in der Zeit der Aufklärung in das Kurfürstentum Hannover Wissenschaft und Kultur bringen, durchaus gleichstellen. Er war zu bescheiden, auf seine Leistungen hinzuweisen: Wenn ich etwas verdient habe, wird es mir ungesucht schon werden.

An meinem Findorff Post von 2014 klebte noch etwas von meiner bisher unvollendenten ➱Autobiographie dran. Und obgleich das heute mal wieder viel zu lang geworden ist, stelle ich das heute auch noch hier her: mein erster Tag im Teufelsmoor. Der Sonntagnachmittag, den ich da beschreibe, liegt über sechzig Jahre zurück, aber ich habe nichts von der Stimmung vergessen. Ich habe etwas geerbt, was in der Familie läuft, von dem ich manchmal nicht weiß, ob es ein Segen oder ein Fluch ist. Es ist dieses Gedächtnis. Ich kann mich an beinahe alles erinnern, noch nach Jahrzehnten. Ich kann es mir visuell wieder vor Augen führen, es ist auch ein eidetisches Gedächtnis. Ich habe den Kopf voller kleiner Filme. Manche Augenblicke im Leben, der genius loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Es ist aber nicht immer schön, an manche Dinge möchte man lieber nicht erinnert werden. An diesen Tag im Moor schon:

Teufelsmoor. Allein schon der Name. Wenn man fünf Jahre alt ist und die ganze Familie aus westfälischen Geschichtenerzählern besteht, in deren Geschichten der Teufel eine Person ist, die Opa oder Onkel Gustav, Onkel Werner oder wem auch immer schon mehrfach begegnet ist, dann hat der Teufel schon eine Bedeutung. Zumal Pastor Hemmelgarn auch jeden Sonntag von der Kanzel herunter gegen den Teufel wettert. Aber irgendwie schien Pastor Hemmelgarns Teufel anders zu sein als der Teufel von Opa. Der Teufel von Opa erschien natürlich nicht, ohne eine schweflige Spur zu hinterlassen: die kannste da noch sehen, in Drebber (oder war es Hilter? oder Dissen? Bad Rothenfelde?). Die Spuren des Teufels waren für mich in meiner Vorstellung gleich neben der Brandspur des Feuerrades, das Opa mitternachts die ganze Dorfstraße herunter verfolgte und dem er nur durch einen Sprung in die Tenne von Vahlenkamps Bauernhaus entkommen konnte, und da an der Tür, da kannste die Brandspur noch sehen. Die Geschichten mit den übernatürlichen Erscheinungen spielten alle in der Heimat meines Großvaters, niemals in Bremen. Immer wenn wir von Bremen kommend die Dammer Berge am Horizont sahen, waren wir in einem Land, in dem sich Sagen, Märchen und familiäre Anekdoten übergangslos mischten. Vorher hatten wir noch eine Pause eingelegt, bei der Opa im Wald verschwand. Erst Jahre später habe ich erfahren, dass dies keine normale Pinkelpause war: der Gang Opas in den Wald war ein Gang zu einem Albert Leo Schlageter-Denkmal, dem Opa rituell seine militärische Reverenz erweisen musste.

Aber über den Teufel redete mein Opa an diesem Sonntag im Teufelsmoor nicht. Während die Familie, Bauern und einige Lohnarbeiter mit Torfstechen und Verladen beschäftigt war, klärte er uns über das Lebenswerk des Königlichen Moorkommissars Jürgen Christian Findorff auf, der dieses Moor der Natur abgerungen hatte und Vater aller Moorbauern genannt wurde. Diese zivilisatorische Leistung wurde verglichen mit Friedrich dem Großen und dem Oderbruch. Diejenigen, die den ganzen Tag gearbeitet und keine Maulaffen feilgehalten hatten, nahmen solche Belehrungen eher unwillig auf, auch wenn sie mit plattdeutschen Weisheiten wie Den ersten sien dood, den tweeten sien noot, den drütten sien broot gewürzt waren. Aber wahrscheinlich erwarteten sie von einem pensionierten Lehrer auch nichts anderes. Findorff kannte ich, ein Bremer Stadtviertel hieß nach ihm, und damals konnte man da auf einem Kanal auch noch die Halbhuntschiffe sehen, die Torf aus dem Teufelsmoor zum Findorffer Torfhafen brachten. Dort war auch ein kleiner Markt mit Buden, das war immer aufregend. Das Oderbruch sagte mir nichts, ich war noch nicht bis zu Fontane vorgedrungen. Ich war ja auch erst fünf.

Der kleine Lastwagen von Onkel Gustav ist in der letzten Woche nicht gewaschen worden, Johnny Otten hatte strikte Anweisung von Gustav, nicht wie üblich morgens den Wasserschlauch zu nehmen. Es ist der gleiche Lastwagen, mit dem Mammi wenige Jahre zuvor ihre Schwiegermutter aus dem Feuersturm von Hamburg herausgeholt hat. Jetzt steht er staubüberzogen am Straßenrand, und man kann die blaue Schrift Färberei, Wäscherei, Chem. Reinigung nur ahnen. Camouflage, sagt Opa, und ich weiß nicht, was das ist. Meine Mutter und Tante Tilla tragen geblümte Baumwollkleider und Gummistiefel. Sie kochen Kaffee auf einem Karbidkocher, der noch aus Wehrmachtsbeständen stammt. Wir Kinder dürfen uns dem Karbidkocher nicht nähern. Zu gefährlich, verkündet Opa und erzählt Schauergeschichten von explodierenden Karbidöfen. Im Schauergeschichtenerzählen ist er gut. Oma strickt an einem Pullover, der bestimmt wieder aus dieser immer kratzigen Wolle meiner Kindheit sein wird.

Der Frühsommertag geht zu Ende, es wird langsam dunkel. Der Lastwagen ist mit Torf beladen. Alle sitzen auf der anderen Seite der Birkenallee, die eigentlich nur ein besserer Knüppeldamm ist, unter einer kleinen Baumgruppe. Es sind die einzigen Bäume weit und breit, die Birken zählt hier keiner als Bäume. Man kann hier ungehindert bis zum Horizont sehen. In der Ferne gibt es eine kleine Erhebung und etwas Wald, das muss der Weyerberg sein. Der Sage nach ist er entstanden, als der schlaue Fischer Dietrich den gefürchteten Riesen Hüklüt überredet hatte, sich den Sand der Bremer Düne in die Taschen zu stopfen. Woraufhin dieser prompt im Teufelsmoor versank, noch einmal in die Tasche griff und eine Handvoll Sand nach Dietrich schleuderte, und das ist nun der Weyerberg. Neben dem Berg muss Worpswede sein. Wo die Roten wohnen, sagt mein Opa. Ich weiß nicht, wer die Roten sind. Aber für meinen Großvater, den kaisertreuen Hauptmann des Ersten Weltkriegs, Träger des EK I und des weinroten Hanseatenkreuzes, sind sie überall. Ein Bettlaken ist auf dem Heideboden ausgebreitet, darauf stehen Kaffeetassen und anderes Geschirr. Die Fahrräder sind an einen Baumstamm gelehnt. Unser Schäferhund Hasso liegt hechelnd im Schatten. Ein Kuchen wird angeschnitten, Gustav holt eine Flasche Doppelkorn aus dem Fahrerhaus.

Es wechselt kein Geld den Besitzer an diesem Sonntagnachmittag, Geld gibt es nicht, oder wenn es welches gibt, dann ist es nichts wert. Niemand weiß, was die Währungsreform demnächst bringt. Mein Vater, Onkel Gustav und die Moorbauern stehen in einer kleinen Gruppe zusammen und trinken Doppelkorn. Die Ladung Torf wird in Naturalien bezahlt werden. Gustav wird die Wäsche der Bauern waschen, Kleider und Mäntel umfärben. Und bei meinem Vater ist die nächste Zahnbehandlung umsonst. Die Währungsreform kommt wenige Wochen später, dann werde ich mit meiner Mutter in einer langen Schlange vor dem Backsteingebäude der Oberschule stehen. Später darf ich Oma und Opa ihr Geld bringen, Opa guckt die Scheine skeptisch an. Die Generationen, die noch in einem Deutschland geboren wurde, das noch einen Kaiser hatte, haben schon alle möglichen Geldscheine gesehen. Findorff fängt mit hundert Reichstalern an, wir fangen mit vierzig Mark an, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Vor allem, wenn man noch Kind ist.

Freitag, 28. Juli 2017

Sturmeshöhe


Ich weiß nicht, warum Emily Brontë noch nicht in diesem Blog aufgetaucht ist, erwähnt wurde sie schon, of all places, in dem Post ➱Ermenegildo Zegna. Und das nicht aus schier Schandudel, wie wir Bremer so sagen, das hat schon seine Berechtigung. Die Brontës werden auch noch in den Posts ➱Arno Schmidt und ➱Jean Rhys erwähnt. Emily wurde heute vor 199 Jahren geboren, und obgleich sie mit ihren Schwester in relativer Obskurität lebte und das Publikum ihre Werke nicht liebte (hier die ersten ➱Rezensionen), ist sie doch nicht vergessen. Ihr Roman Wuthering Heights ist x-mal verfilmt worden, und das Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire ist zu einem ➱Museum und einem touristischen Wallfahrtsort geworden.

Das sind die drei Brontë Sisters (von links Anne, Emily und Charlotte), gemalt von ihrem Bruder Patrick Branwell im Jahre 1834. Branwell wollte Maler werden, aber er ist früh gestorben. Tuberkulose, Alkohol und ➱Laudanum, die Lieblingsdroge der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, da kommt einiges zusammen. Das Wetter im Moor von Yorkshire entspricht auch nicht gerade dem Klima des ➱Zauberbergs.

Auf dem Bild der drei Schwestern war wohl ursprünglich auch Branwell Brontë in der Mitte, jetzt ist der bright star, auf den der Vater so große Hoffnungen setzte, unter dieser gelben ➱Säule verborgen. Hatte er erkannt, dass es mit seinem Talent nicht so weit her war? Patrick Brontë war aus Irland nach England gekommen, er änderte als erstes seinen Namen von Brunty in Brontë. Als er die Pfarrstelle in Haworth bekommt, wo er 170 Pfund im Jahr verdient, gibt er sehr viel Geld für Maler aus, die seinem Sohn die Kunst der Malerei beibringen sollen. Aber das Beste, was der Filius hinkriegt, ist dies Portrait seines Freundes John Brown. Er ist wirklich kein Genie.

Mit diesem Bild haben Sie wahrscheinlich an dieser Stelle nicht gerechnet. Ich könnte natürlich sagen, dass ich damit testen will, ob Sie als Leser noch bei der Sache sind. Eine rein didaktische Maßnahme. Als ich an der Heeresoffizierschule war, hatten wir einmal einen Nachmittag lang Unterricht über russische Waffen und Uniformen, tausende von Dias. Und da die amerikanischen Geheimdienstoffiziere, die die Show machten, wussten, dass jeder im Saal nach hundert Dias vom russischen T34 einschläft, mischten sie in unregelmäßigen Abständen Pin-Ups dazwischen. Anne Bancroft, die in ➱The Graduate eine Mrs Robinson spielt, hat hier aber schon eine Bedeutung. Sie werden es nicht glauben, aber Branwell Brontë ist einmal Hauslehrer bei einer Familie Robinson und fängt da etwas mit Mrs Robinson an. And here's to you, Mrs Robinson Jesus loves you more than you will know Wo wo wo God bless you, please, Mrs Robinson Heaven holds a place for those who pray Hey hey hey, hey hey hey.

Wenn man aus dem Fenster des Pfarrhauses in Haworth guckt, dann sieht das so aus, Tristesse pur. Hier ist wirklich nichts los, hier muss man sich schon selbst schön schreiben. Und dass machen die Brontës, sie erfinden sich in einem längeren Gedankenspiel (wie Arno Schmidt das nennt) neue Welten, die sie Glass TownAngria und ➱Gondal taufen. Sechzehn Jahre lang schreiben sie (zum Teil in klitzekleinen ➱Büchlein) an diesem Gedankenspiel, sie werden sich später für ihre Romane und Gedichte aus diesem Fundus bedienen.

Was soll man sonst machen, als Gedankenspiele zu spielen? Gentlemen, die die aufblühende Schönheit von Emily bemerken könnten, gibt es weit und breit nicht: Emily Brontë had by this time acquired a lithesome, graceful figure. She was the tallest person in the house, except her father. Her hair, which was naturally as beautiful as Charlotte's, was in the same unbecoming tight curl and frizz, and there was the same want of complexion. She had very beautiful eyes – kind, kindling, liquid eyes; but she did not often look at you; she was too reserved. Their colour might be said to be dark grey, at other times dark blue, they varied so. She talked very little. She and Anne were like twins – inseparable companions, and in the very closest sympathy, which never had any interruption.

Das Schreiben ist für die Kinder des Patrick John Brontë eine Flucht, die Mutter ist früh gestorben, zwei Schwestern auch, die Kinder haben kaum Freunde in dem kleinen Ort Haworth. Nicht nur Branwell trinkt, der Vater trinkt auch, so sind die Iren, möchte man sagen. Der Reverend ist für seine Predigten aber nüchtern. Emilys Gedichte können Sie ➱hier finden. Auf der Seite der ➱Poetry Foundation gibt es eine sehr gute Einführung in ihre Lyrik. Ich zitiere einmal ein Gedicht, das vielleicht typisch für Emilys Dichtung ist:

I’ll not weep that thou art going to leave me,
There’s nothing lovely here;
And doubly will the dark world grieve me,
While thy heart suffers there.

I’ll not weep, because the summer’s glory
Must always end in gloom;
And, follow out the happiest story —
It closes with a tomb!

And I am weary of the anguish
Increasing winters bear;
Weary to watch the spirit languish
Through years of dead despair.

So, if a tear, when thou art dying,
Should haply fall from me,
It is but that my soul is sighing,
To go and rest with thee.

Während ihre Schwester unter dem Pseudonym Currer Bell eine erfolgreiche Romanautorin wird (➱Jane Eyre sollte man unbedingt gelesen haben), schreibt Emily nur einen Roman. Aber was ist das für ein Roman! Robert McCrum setzt ihn auf Platz 13 der ➱100 best novels written in English (➱Jane Eyre kommt auf Platz 12). Der Roman ist großes Theater: Liebe, Leidenschaft, Hass, Einsamkeit und Tod. Zwei verschiedene Bühnenbilder werden auf die Bühne gerollt, die Sturmeshöhe Wuthering Heights (das Wort wuthering hat Emily in die englische Sprache gebracht) und Thrushcross Grange. Thrushcross Grange (das wäre ein Wort für ➱Evelyn Hamann) ist eine Welt, die ein wenig der Welt von Jane Austen ähnelt. Wuthering Heights kommt in der Welt von Jane Austen nicht vor.

Es ist eine einsame und wilde Welt, die noch viel von der ➱Gothic Novel hat. Besonders im dritten ➱Kapitel, wo wir einen Satz wie diesen lesen können: finding it useless to attempt shaking the creature off, I pulled its wrist on the broken pane, and rubbed it to and fro till the blood ran down. Sie werden diese Szene nicht vergessen, sie ist ein Festessen für Pychoanalytiker. Wuthering Heights ist ein Roman der ➱Träume. Und der Albträume.

Spätestens seit der Dissertation ➱Der Held und sein Wetter von ➱F.C. Delius wissen wir, dass das Wetter im Roman des 19. Jahrhunderts eine große Rolle spielt. Natürlich auch in Wuthering HeightsDame Penelope Lively gefällt das nicht so sehr: There’s lots of British weather in 'Wuthering Heights', but the wildness doesn’t appeal to me, it’s too much “pathetic fallacy” weather. Weather as a device that’s overdone. You’ve got a storm or two in 'Jane Eyre', but it’s rather more sparse, more judiciously used. That said, 'Wuthering Heights' is a marvellous novel, but I warm to Jane Eyre.

Viele Schriftstellerinnen haben etwas zu dem Roman gesagt. So Jeanette Winterson: When I was sixteen I read Wuthering Heights for the first time, and I read it as a kind of oracle; that life is worth nothing if it is not worth everything. Disaster does not matter, intensity does. You can dilute Wuthering Heights, as Mills & Boon and musicals have done. But if you are honest, you cannot escape its central stark premise; all or nothing. The all is not Heathcliff - that is the sentimental version. The all is what Heathcliff represents, which is life itself. Oder, etwas kürzer, Virginia Woolf: It is as if Emily Brontë could tear up all that we know human beings by, and fill these unrecognizable transparencies with such a gust of life that they transcend reality.

Und dann hätte ich noch Kate MosseThis brilliantly atmospheric Yorkshire saga has only one drawback - Emily never wrote another novel. For me, it is both fantastic but also true to life because the protagonists have such believably fierce emotions. Das ist natürlich nicht die Kate Mosse von der ➱Calvin Klein Reklame, die kann nicht so viele Wörter. Die beiden expressionistischen Illustrationen sind von Fritz Eichenberg, sie finden sich 1943 in der Ausgabe von Random House. Es gibt beinahe unzählig viele Ausgaben von Wuthering Heights, für Philologen gibt es aber nur eine Ausgabe. Und das ist die, die in der Reihe der Norton Critical Editions erschienen ist.

Arno Schmidt hat die Brontës durch seinen Radioessay Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern in Deutschland bekannt gemacht. Er findet sich in dem Buch Der Triton mit dem Sonnenschirm. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen rezensiert und dem Arno, als die Rezension gedruckt erschien, sie vorbeigeschickt. Er hat leider auf meinen Brief nicht geantwortet. Es gibt im Internet ➱Wuthering Heights im Original. Und in deutscher Übersetzung ➱Der Sturm-Heidehof von Gisela Etzel und ➱Umwitterte Höhen von Alfred Wolkenstein. Die beste Einführung in die Welt der Brontës bietet Elsemarie Maletzke mit Das Leben der Brontës. Und dann habe ich hier noch eine sehr gute deutsche ➱Brontë Seite (mit vielen nützlichen Links). Und die Wikipedia Seite zu ➱Wuthering Heights kann auch empfohlen werden.

Mittwoch, 26. Juli 2017

Besucher


So haben wir die englischen Royals gerne, wenn sie Deutschland besuchen. Sie sind ja eigentlich sowieso Deutsche und haben hier viele Verwandte, von dem ➱Pinkelprinzen wollen wir nicht reden. Und natürlich gibt es in der königlichen Familie immer wieder Leute, für die man sich ein bisschen schämt. Also zum Beispiel Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, ein Enkel von Victoria. Der verlor all seine englischen Titel, bekam aber von Adolf Hitler schöne neue. Und da ich den erwähne, könnte ich vielleicht noch ein königliches ➱Ehepaar erwähnen, das Deutschland besucht, aber das lassen wir lieber.

Wenn Sie noch einen Termin beim Arzt oder beim Friseur haben, dann können Sie alles über den Besuch von Kate und William in der Bunten lesen, deshalb lasse ich das heute mal weg. Und nein, ich weiß auch nicht, wer die Frau da rechts ist, die so alberne Gesten macht. Manche Leute machen ja alles, um mit den Royals aufs Bild zu kommen.

Ich muss mal eben zu einem anderen Besucher Deutschlands kommen, er heißt Wilhelm August und ist ein Sohn des englischen Königs Georg II. Sein Vater war der letzte englische Herrscher, der nicht in England geboren wurde. Er war auch der letzte englische Herrscher, der eine Armee auf dem Schlachtfeld führte. Sein Sohn ist in ➱Dettingen auch dabei, wird am Bein verwundet und ist ein Held. Über den heldenhaften Kampf des Vaters reden wir lieber nicht. Sein Pferd geht durch und rast nach hinten, George II sieht nichts von der Schlacht. Aber Wilhelm August darf im nächsten Jahr ein englisches Heer anführen. Nicht nur das, eine ganze Armee von Verbündeten. Unglücklicherweise ist Moritz von Sachsen auf der anderen Seite ➱Maurice de Saxe, ein gebildeter Mann und ein fähiger Heerführer. Das sind Dinge, die niemand über Wilhelm August sagen würde, der ist voll proll und als Feldherr völlig unfähig. Wilhelm August verliert die Schlacht von Fontenoy.

Und doch schreibt ein Deutscher, der in London arbeitet (es gibt noch keinen Brexit), eine Hymne auf ihn, die ➱See, the Conqu‘ring hero comes heißt:

See the conqu’ring hero comes,
Sound the trumpets, beat the drums,
Sports prepare, the laurel bring,
Songs of triumph to him sing.

Wir singen das zu Weihnachten als Tochter Zion, freue Dich und denken dabei nicht an Wilhelm August, den Sieger der Schlacht von Culloden. Der einzigen Schlacht, die er gewann. Gegen die weit unterlegenen Schotten, die er nach der Schlacht gnadenlos verfolgte und abschlachten ließ, heute würde man ihn einen Kriegsverbrecher nennen (lesen Sie mehr dazu in den Posts ➱Bonnie Prince Charlie und ➱Culloden). Wilhelm Augusts Rolle bei Culloden trägt ihm den Namen Butcher Cumberland ein, und mehr als ein Schlächter ist er auch nicht. Das BBC History Magazine hat ihn als the 18th century's worst Briton bezeichnet. Ein Jahr nach Culloden ernennt ihn sein Vater zum Generalkapitän aller britischen Truppen und das Parlament spendiert ihm eine jährliche Zulage von 25.000 Pfund Sterling, das wären heute einige Millionen Pfund. So ausgerüstet zieht er nach Holland und verliert wieder einmal gegen Maurice eine Schlacht.

Und danach besucht der dicke Cumberland Deutschland. Nicht die Universität Göttingen, die sein Vater 1737 gegründet hatte. Nein, er kommt als Feldherr, er soll das Kurfürstentum ➱Hannover vor den Franzosen schützen. Wie wir ihn kennen, wird daraus nichts. Schmählich muss er sich nach der Schlacht von ➱Hastenbeck den Franzosen ergeben. Die nach der Konvention von Zeven im Kurfürstentum Hannover herrschen. Es ist eine Tragödie für die hannöverschen und braunschweigischen Regimenter (hier der Herzog Ferdinand von Braunschweig), die in der Schlacht heldenhaft kämpfen, dass sie mitansehen müssen, dass Kummerland, wie sie ihn nennen, ihre Heimat preisgibt.

Wenn Cumberland nach London zurückkehrt, wird sein Vater ausrufen: Here is my son who has ruined me and disgraced himself. Jahrezehnte zuvor war er stolz auf seinen martial boy, jetzt will er nichts mehr von ihm wissen. Der König war übrigens gerade beim Kartenspiel, als er das berühmte Here is my son who has ruined me and disgraced himself sagt. Er spielt weiter und würdigt den Generalkapitän aller britischen Truppen keines weiteren Worts. Cumberland verliert alle militärischen Ämter, zieht sich ins Privatleben zurück, wird immer fetter (er wiegt mehr als 130 Kilo) und züchtet Rennpferde. Die Schotten hassen ihn bis heute.

Cumberland hätte in Hastenbeck nicht aufzugeben brauchen, die beiden hannöverschen Obersten von Breitenbach und von Dachenhausen (hier von ➱John Singleton Copley gemalt), denen niemand gesagt hat, dass die Schlacht zu Ende ist, haben Teile des Schlachtfelds unter Kontrolle. Sie beginnen, die Franzosen mit ihren eigenen Kanonen zu beschießen und ihre Nachhut anzugreifen. Das erinnert ein wenig an den kleinen Hauptmann Tuschin in Tolstois ➱Krieg und Frieden, der auch ohne Befehl genau das Richtige macht.

Hauptmann Tuschin ist eine Erfindung von Tolstoi, der reale Oberst Maximilian von Breitenbach schafft es in einen Roman. Gleich am Anfang von Wilhelm Raabes ➱Hastenbeck taucht er auf: Als der hannoversche Oberst von Breitenbach ebenfalls seine gewonnenen Fahnen in später Nacht dem Helden von Culloden überreichte, soll dieser doch geweint haben. Die Tränen können wir ihm schenken. Der Marschall d'Estrées hatte recht behalten: über Nienburg und Verden ist der jämmerliche Rückzug weitergegangen und das flüchtige Heer erst bei Stade zum Stillstehen gekommen. Das welfische Allod – die Lande Braunschweig und Lüneburg – und das Hannoversche lagen der Frau Marquise von Pompadour und dem König Louis dem Fünfzehnten zu freiester Verfügung –

Im Jahre 1913 hat der Honourable Sir Evan Edward Charteris, der mit ➱John Singer Sargent und Edmund Gosse befreundet war, ein Buch über Cumberland geschrieben, wo er im Vorwort sagt:
In 1770 a statue of the Duke of Cumberland was placed in Cavendish Square by Lieutenant-General Wlliam Strode. On the pedestal were inscribed the following words: "In gratitude for his private kindness; in honour to his public virtue." Many years later the statue was removed and melted down to its original condition of shapeless metal. This act of destruction excited no protest. The incident is only too significant of the position occupied by Cumberland in public esteem: "Private kindness and public virtue" have seldom been the qualities by which the Duke has been known. On the contrary, his memory has been associated with a dull obloquy and odium. To the great majority of those among whom his name is familiar, he is merely known as that "Butcher of Culloden" who extinguished the last hope of a romantic cause by a series of acts of savage brutality. That is a reputation from which, hitherto, no very serious effort has been made to reclaim him.

Und einen serious effort to reclaim him wollen wir heute am Jahrestag der Schlacht von Hastenbeck auch nicht machen. Wir lassen ihn mal the 18th century's worst Briton sein. Ich nehme an, dass das Parlament den Bonus von 25.000 Pfund nicht weiterbezahlt hat. An Kriegen kann man ja immer schön verdienen. Diesen Pavillion hat sich der Herzog von Richelieu bauen lassen, das Geld kam aus dem Feldzug gegen Cumberland. Weil es deutsches Geld war, das das Bauwerk bezahlt hatte, gab ihm der Pariser Volkswitz den Namen Pavilion de Hanovre. So ist immer noch ein bisschen Hannover in Paris.

Hätte es heute vor 260 Jahren in Hastenbeck so geregnet, wie es im Landkreis Hameln in den letzten Tagen geregnet hat, dann hätte die Schlacht von Hastenbeck wohl nicht stattgefunden. Dann hätte Dr Wilhelm Havemanns Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg, bei der sich Wilhelm Raabe reichlich bedient hat, anders ausgesehen. Und der Marschall Richelieu hätte keinen Pavilion de Hanovre.


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Sonntag, 23. Juli 2017

Philipp Otto Runge


Dieses Selbstportrait von Philipp Otto Runge zählt zu seinen schönsten Bildern. Ich mag es sehr, auch sein Selbstportrait als ➱Federzeichnung ist sehr schön. Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesem Portrait immer an das Selbstportrait von ➱Carel Fabritius denken muss. Der schaut uns zwar auch an, aber er hat nicht diese Traurigkeit in den Augen. Goethe hielt viel von dem Maler, der heute vor 240 Jahren geboren wurde: Es ist ein Individuum, wie sie selten geboren werden. Sein vorzüglich Talent, sein wahres treues Wesen als Künstler und Mensch, erweckte schon längst Neigung und Anhänglichkeit bey mir; und wenn seine Richtung ihn von dem Wege ablenkte, den ich für den rechten halte, so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich begleitete ihn gern.

Und noch ein anderer Dichter der Romantik lobt Runge. So schreibt Clemens Brentano in einem Brief an Johann Friedrich Böhmer, nachdem der ihm Runges Gedicht ➱Es blüht eine schöne Blume geschickt hatte: Das Lied ist wirklich von Runge er-Rungen, ent-Rungen, entsp-Rungen, durchd-Rungen usw ... Er ist eigentlich doch der tiefsinnigste Künstler, der unmittelbarste der neueren Zeit gewesen, der eine Tiefe, ein Inneres, das vielleicht nie Gestalt gewonnen, zu Tage hat gebären müssen; was aber von solchem an die Oberfläche tritt, tritt heutzutage der Oberflächlichkeit entgegen; darum ist er so wenig gekannt und erkannt.

Das ist es, die Dichter rühmen ihn, aber beim Publikum ist der Maler kaum bekannt. Dennoch lobt Runge in einem Brief an seinen Bruder das Publikum und sagt: daß in einem Staat wie Hamburg sehr viel auf den guten Willen des Publicums gerechnet werden könne, wo die beschränkte Würkung der Behörden nicht ausreicht, und daß immer eine Masse von Menschen vorhanden bleibt, wo diesen guten Willen durch innern und äußern Antrieb rege zu machen möglich ist. Da ist sicherlich etwas dran, und die beschränkte Würkung der Behörden hat ja heute in Hamburg wieder Aktualität.

Allerdings muss man sagen, dass Runge hier nicht das Publikum meint, dass seine seine Bilder bewundern soll, sondern die Patriotische Gesellschaft. Die hatte Runge gerade als Ehrenmitglied aufgenommen, unter anderem, weil es sich bei ihm um einen talentvollen, denkenden Künstler handle. Im Rathaus denkt man offensichtlich nicht, das wird wenige Jahre später der Marschall ➱Davout für die Hamburger übernehmen. In der Kunsthalle Hamburg denkt man offensichtlich auch nicht, die Beschreibung des wohl bekanntesten Bildes von Runge auf der Seite der Kunsthalle ist nun wirklich ärmlich, wenn man das zum Beispiel mit diesem ➱Post eines Bloggers vergleicht. Noch mehr zu Runge findet sich bei jemandem, der als ➱Kunstdirektor schreibt oder an dieser Stelle, wo man Daniel Runges ➱Nachrichten von dem Lebens- und Bildungsgange des Mahlers Philipp Otto Runge findet.

Wenn Sie mehr zu dem Bild wissen wollen, kann ich nur Jörg Traegers Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder: Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik empfehlen, das in der hervorragenden Reihe Fischer Kunststück erschienen ist. Der Kunsthistoriker Jörg Traeger war die Nummer Eins der Runge Forschung, sein kleines Buch ist sicher auf einem höheren Niveau als das Buch von Ellen Pomikalko und Ute Blaich ➱Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder. Aber das ist ein rotfuchs-Kunstbuch, das macht auch einen Sinn. Ute Blaich habe ich immer geschätzt, ich habe noch ihre LP (Deutsche Grammophon) von The Wind in the Willows im Regal. Und da ich bei Kiddies bin, möchte ich noch auf das interessante Buch So nah und doch so fern: Philipp Otto Runges gesteigerte Wirklichkeit der Kinder. Eine Entdeckungsreise durch die Bildwelten Runges und seiner Zeit des Pädagogen Andreas Gruschka hinweisen.

Runges Äußerungen über den guten Willen des Publicums sind übrigens prophetisch: als 2010 die Ausstellung ➱Kosmos Runge: Der Morgen der Romantik in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird, hat man gerade große Teile des ➱Werkes gekauft, die vorher nur geliehen waren. Es ist übrigens ➱Alfred Lichtwark gewesen, der (mit privater Unterstützung) die ersten Käufe für die Kunsthalle tätigte, Runge selbst interessierte ihn nicht so sehr. Ihn interessierte, dass Runge (hier mit seiner Frau ➱Pauline und seinem Bruder Daniel) ein Hamburger war. Das Bild hat den Titel ➱Wir Drei, es war ein Geschenk Runges an seine Eltern.

Es ist natürlich eine ➱Eiche, dieser symbolträchtige deutsche Baum, an den sich Daniel Runge lehnt. In den Befreiungskriegen wird die Eiche über das Symbol der Treue hinaus zu einem nationalen Symbol für Einigkeit, Schutz und Festigkeit. Die drei Soldaten eines Freicorps auf dem Bild von Kersting halten ihre Wache in einem Eichenwald, es dürfte kein anderer Wald sein. Simon Schama hat in seinem Buch Landscape and Memory (➱Der Traum von der Wildnis) eine Menge über den deutschen Wald zu sagen, ich halte Landscape and Memory für sein bestes Buch.

Der englische Kunsthistoriker Matthew Craske hat in seinem höchsten originellen Buch Art in Europe 1700-1830 darauf hingewiesen, dass die geschlossen auftretende Familie wie in Wir Drei oder dem Bildnis seiner Eltern vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Napoleon zu sehen ist. Runge malt nicht nur 1806 seine Eltern in seinem Heimatort Wolgast. Er ist auch nach Wolgast gezogen, weil es der Firma Firma Hülsenbeck, Runge & Co, in der einmal als kaufmännischer Gehilfe angefangen hat, sehr schlecht geht. Der Konkurs kommt im nächsten Jahr, die Kontinentalsperre macht sich bemerkbar (darüber sollten die Engländer mit ihrem Brexit mal nachdenken), aber Daniel Runge (hier von seinem Bruder portraitiert) wird eine neue, erfolgreiche Firma gründen. Sein Bruder wird dort stiller Teilhaber sein.

Auf der Rückseite dieses beinahe zwei Meter hohen Gemäldes können wir die Geburtsdaten der Eltern des Künstlers lesen, sowie den Satz: Diese meine lieben Eltern habe ich meinen Geschwistern und mir zum Andenken gemalt und zur Lust mein Söhnlein Otto Sigismund als 1 1/2 Jahr, und meines Bruders Jacob Söhnlein Friedrich als 3 1/2 Jahr. Wollgast im Sommer 1806. Im Herbst 1806 wird Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee schlagen und danach in Berlin einziehen. Die kleine schwedische Flagge (Pommern ist damals noch schwedisch) auf einem der Schiffe im Hintergrund, die Runges Vater gehören, ist vielleicht eine Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden kann.

Es gibt von dem Bild eine zweite, kleinere Version, eine Ölskizze. Die Kinder fehlen, die Lilie mit ihrer Symbolik fehlt, die gepflegt bürgerliche Kleidung von Runges Eltern ist einfacher gehalten, die Schiffe von Daniel Nikolaus Runge sind nicht zu sehen. Runges Eltern sind neununsechzig Jahre alt, sie sehen älter aus. Runges Vater steckt noch im 18. Jahrhundert, er trägt noch eine Perücke. Das Ehepaar wirkt ein klein wenig verloren vor seinem Haus. Es fehlen die Kinder, Daniel Nikolaus Runge und Magdalena Dorothea haben elf Kinder, da müssen jetzt die Enkel mit auf das Bild, über das Alfred Lichtwark sagte: In der deutschen Kunst um 1806 steht es wie ein Wunder. 

Lichtwark meinte damit, dass es einzigartig sei und keine Vorbilder in der europäischen Malerei habe. Das sagt auch Mario Praz in Conversation Pieces, der größten Studie des Familienbilds. Allerdings mit leicht boshafter Ironie: There is nothing conventional in this severe, almost surly pair of old people dressed in materials hard as metal; solemnly taking a walk, they cross the sparse orchard and are considered with some misgiving by one of the grandchildren, who convulsively clutches a flower and who maybe a moment ago has given the grandmother the rose she holds in her left hand. One cannot suppose that she received it with a smiling face: one suspects that in the hands of such a formidable-looking woman any flower would soon wither. The house behind them looks like a prison wall; the free view of the water with its moored boats and of the sky (which is overcast by a black cloud) does nothing to dispel the sense of a cloistered and severe life communicated by the figures, the wall, and the toothed fence.

Mein Katalog der Hamburger Ausstellung ➱Runge in seiner Zeit aus dem Jahre 1977 sieht besser aus als dieser hier. Weil ich ihn mir neu gekauft habe. Nachdem ich den ersten Katalog damals durchgearbeitet habe, habe ich ihn einer Studentin der Kunstgeschichte geschenkte. À propos Studenten, kurz bevor ich die Uni verließ, belehrte mich eine Kollegin, dass man jetzt nicht mehr Studenten sagte. Das hieße jetzt Studierende. Ich sagte ihr, dass ich für solchen Unsinn zu alt sei. Und unterließ es höflicherweise zu sagen, dass es Schwachsinn sei, weibliche Schafe Schäfinnen zu nennen. Was sie in ihrer Vorlesung hartnäckig tat.

Man kann den Hamburger Katalog von 1977 (Prestel Verlag) antiquarisch noch bekommen, es ist vielleicht das Beste, das man zu Runge kaufen kann. In Hamburg war damals nicht nur das Werk von Runge zu sehen (die Hamburger Kunsthalle hat die größte Sammlung), sondern die ganze deutsche Romantik drumherum. Wie zum Beispiel Carl Joseph Begas oder ➱Friedrich Wasmann (Bild). Die Philipp Otto Runge Ausstellung war zuerst in der Reihe der ➱Kunst um 1800 gar nicht vorgesehen, in den ersten zwei Jahren gab es ➱Ossian, ➱Caspar David Friedrich, Johan Tobias Sergel, ➱Johann Heinrich Füssli und ➱William Blake. Danach kamen in den nächsten vier Jahren Philipp Otto Runge, ➱William Turner, John Flaxman und Goya. Ein größeres Projekt hat die Hamburger Kunsthalle im 20. Jahrhundert niemals bewältigt. Bis auf die Sergel Ausstellung habe ich alle Ausstellungen gesehen, die ➱Ossian Ausstellung und die Caspar David Friedrich Ausstellung sogar mehrfach.

Jörg Traegers Katalog Philipp Otto Runge und sein Werk: Monographie und kritischer Katalog ist schwer zu bekommen. Er steht bei mir im Regal, weil ich damals Mitglied des Deutschen Kunstverein war, es war die Jahresgabe für die Mitglieder. Die Jahresgaben waren immer teurer als  der Jahresbeitrag, das hatte mir mein Freund ➱Peter gesagt. Als die Jahresgaben immer mickriger wurden, bin ich aus dem Verein ausgetreten. Aber wer sich für Runges Leben und Werk interessiert, ist auch mit kleineren Büchern gut bedient. Man bekommt zum Beispiel ➱Jens Christian Jensens Buch (DuMont) bei Amazon Marketplace ab einem Cent, und auch ➱Frank Büttners bei C.H. Beck erschienenes Taschenbuch ist antiquarisch noch zu finden.

Der Morgen ist die grenzenlose Erleuchtung des Universums, hat Runge gesagt. Lange hat er an dieser romantischen Weltvision gearbeitet. Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. 

Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt. Das ist nicht von Runge, das steht in Novalis' ➱Hymnen an die Nacht (auf den ihn Tieck hingewiesen hatte), aber es passt zu diesem Bild, das den Zauber des ersten Sonnenlichts mit symbolischer Überhöhung auf die Leinwand bannt.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn Runge Landschaften gemalt hätte. Denn als er an der ersten Fassung seiner schwebenden Aurora (➱Der kleine Morgen) arbeitet, malt John Constable ein Bild wie ➱dieses. Es drängt sich alles zur Landschaft. Ist denn in dieser neuen Kunst — der Landschafterey, wenn man so will, — nicht auch ein höchster Punkt zu erreichen? der vielleicht noch schöner wird wie die vorigen? Ich will mein Lehen in einer Reihe Kunstwerke darstellen; wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten, wir erleben die schöne Zeit dieser Kunst nicht mehr, aber wir wollen unser Leben daran setzen, sie würklich und in Wahrheit hervorzurufen –. Das hier ist eine Nillandschaft, Otto Runge war niemals am Nil, er war auch nicht in Italien oder Paris wie andere Maler seiner Zeit. Und die Nillandschaft ist keine freie romantische Phantasie, er braucht sie als Mittelteil für seine ➱Ruhe auf der Flucht.

Der Weg, den Sie betreten haben, ist um so rühmlicher, als er wahrscheinlich ein einsamer bleiben muß; ja was ist einsamer, als die Philosophie, da sie sich selbst verlassen muß, um sich zu belauschen? Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswerth und rührend erschienen, da Sie gewissermaaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen und zu sehen, wie Sie zum Sehen gekommen; denn an solchem Bestreben sehe ich, daß das Leben der Kunst wahrlich verloren ist, indem der Künstler sich umsehen muß in sich selbst, um das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Das schreibt Brentano im Januar 1810 in einem ➱Brief an Runge, der wird aber keinen langen Weg mehr gehen, am Ende des Jahres ist er tot. In dem Jahr hat er noch die, wie er, an der Tuberkulose sterbende Sophia Sieveking gemalt, vielleicht sein letztes Werk.

Das hier ist Runges Portrait seines Freundes Friedrich August von Klinckowström, eines Mannes, der als preußischer Offizier anfängt und danach Direktor einer Erziehungsanstalt für adlige Knaben wird, daneben malt er aber auch noch. Wenn Klinckowström ihm aus Paris schreibt, ist Runge versucht, auch nach Paris zu gehen. Aber er fürchtet sich vor den vielen Einflüssen, seine Kunst soll ganz aus ihm heraus kommen. Rembrandt bedeutet ihm viel. Der ist ihm einmal im Traum erschienen und hat ihn seinen lieben Otto genannt, als er noch an der Kopenhagener Akademie studierte. Runge bleibt in Hamburg und schreibt an Klinckowström: Mir ist recht oft beklommen zu Muthe, dass ich so allein bin. Könnte ich es auf irgend eine Weise, die mir als Wunsch nur bekannt ist, dahin bringen, etwa 10 junge Leute von verschiedener Art ihre Studien zu betreiben anzuleiten! Aber dazu wird es nicht kommen, Runge, der in seinen Briefen mit beinahe allen Romantikern vernetzt ist, bleibt allein.

Haben Sie schon einmal mit diesen Karten Skat gespielt? Dieses Kartenspiel von Runge ist 1924 im Insel Verlag erschienen, es wurde nach den wiedergefundenen Originalstöcken von Friedrich Wilhelm Gubitz in der Spielkartenfabrik Altenburg hergestellt. Und damit bin ich bei einem anderen Philipp Otto Runge. Einem Mann, der ➱Gedichte schreibt, Spielkarten entwirft und ➱Scherenschnitte anfertigt. Und dann schreibt er auch noch Märchen, plattdeutsch. Die Sprache mit der er aufgewachsen ist, er liebt sie. Vielleicht kennen Sie ➱Van den Machandelboom nicht, aber ➱Von den Fischer un siine Fru, das kennen sie bestimmt. Runge schickt es an die Brüder Grimm, die es in ihre Sammlung aufnehmen.

Und eines Tages wird Runge selbst zur ➱Literatur: Nun hat man die eine von mir gebrachte mundartliche Mär 'Von den Machandelboom' glücklich in die Leitung für 'Einsiedler' aufgenommen, doch die andere, die ich gleichfalls vor Jahren auf der Insel Rügen einem alten Weib nachgeschrieben und überdies als Variation notiert habe, weil die Alte, wunderlich hartnäckig, mal so, mal so erzählt hat, nämlich die Mär 'Von dem Fischer un syner Fru' liegt immer noch ungedruckt, wenngleich der Buchhändler Zimmer schon vor zwei Jahren den Herren Arnim und Brentano die Aufnahme des Märchens vom Butt in das Wunderhorn empfohlen hat. Hier ist nun Gelegenheit, erneut über die Sache, wie ich sie endlich doppelt vorlege, zu sprechen. Deswegen bin ich, auf Wunsch der Herren Grimm, von weither angereist. Denn eigentlich sollte ich vor meinem Bild sitzen. Das heißt 'Der Morgen' und will und will nicht fertig werden.

So nett das bei Günter Grass ist, wir wollen dem literarischen Runge nicht das letzte Wort überlassen. Das letzte Wort soll der wirklich Runge haben, der gerne Platt snackt und der dabei ist, das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Im August 1810 schreibt Runge an Brentano: daß es mir in meinem Leben höchstens nur 1, 2, höchstens 3 Jahre erlaubt gewesen ist, ohne Unterbrechung, ein Künstler- oder vorzüglich ein Mahlerbestreben rein durchzuführen, so bin ich oft Jahre lang von aller wirklichen Arbeit durch so verschiedene Begebenheiten abgehalten, ja einige mahl mit der Aussicht, nie wieder dazu zu kommen. Daher habe ich so vieles angefangen, so wenig vollendet.