Donnerstag, 21. November 2019

Mio caro Händel


Mein lieber Händel, beginnt die Sängerin ihren Brief, welche Ehrfurcht und Demut empfinde ich für Sie! Ich verneige mich vor Ihrem Genie und fühle mich mit Ihnen so tief verbunden wie eine Seelenverwandte. Am Ende des Briefes geht sie von dem Sie zum Du über: Deine Musik atmet Erhabenheit, tiefe Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und ihre spirituelle Kraft strahlt bis ins Heute. Eines Tages werden wir uns begegnen, zu himmlischen Klängen. Ich liebe Dich von Herzen und umarme Dich mit meiner ganzen Seele. Und sie zeichnet den Brief mit Deine Simone Berlin, im Sommer 2018. Die Liebeserklärung an Georg Friedrich Händel findet sich in dem Booklet zu der CD Mio caro Händel von Simone Kermes, die in diesem Jahr auf den Markt gekommen ist.

Sie war mal ein Punk mit roten Haaren, aber jetzt sieht sie anders aus: Soll ich auf dem Cover meiner neuen Händel-CD aussehen wie die junge Helene Fischer? Das sieht gut aus, gar keine Frage. Aber es hat mit der Sache nichts zu tun, mit dieser Musik. Also mache ich meine eigenen Fotos mit meiner eigenen Fotografin und bezahle die auch selbst. Ich kann nicht anders, ich habe mich immer schon eingemischt. Ein wenig von der Zeit als Punk ist übrig geblieben, wenn man ihre Kleidung betrachtet. Julia Frasi, Händels Sängerin bei The Triumph of Time and Truth, soll auch etwas exzentrisch gewesen sein, aber sicher nicht so wie die Die verrückte Königin der Barockmusik, wie die Welt die Sängerin nannte. Das hier trug sie bei der Echo Klassik Verleihung im Jahre 2014.

Sie entwirft ihre Kleider selbst, sie orientiert sich am Stil des 2010 verstorbenen Modeschöpfers Alexander McQueen, den sie bewundert hat. Über die Kleider ihrer Kolleginnen hat sie wenig Schmeichelhaftes zu sagen: Die stehen auf der Bühne in einem langen, uninspirierten Kleid von der Stange, das aussieht wie ein Scheuerlappen. Das kommt nicht immer gut an: Viele Sängerinnen haben ein Problem mit mir und meiner Art, mich zu kleiden. Es ist kein Zufall, dass ich vor allem Solokonzerte gebe. Sie kann leicht Solokonzerte geben, denn sie hat mit den Amici Veneziani ihr eigenes Orchester.

Sie hat lange mit Teodor Currentzis zusammengearbeitet und hat die Gräfin Almaviva in Le nozze di Figaro gesungen. Sie singt das Porgi amor anders, als man es sonst hört. Auf jeden Fall anders als die Callas. Ein Kommentator namens Kedem Berger schrieb dazu bei YouTube: This is so awful in so many ways, I can't even begin to explain why. She should be executed. Ich dachte, die Hasskommentare finden sich nur bei Politikern, jetzt sind die Klatschenkallis auch schon bei Mozart angekommen.

Currentzis (hier mit Simone Kermes als Donna Anna) hat das ganz gerne, wenn seine Sänger und Sängerinnen die Arie etwas anders angehen, er ist ja häufig bemüht, das Opernhafte aus der Oper zu nehmen. Sein Ottavio (Kenneth Tarver) in Don Giovanni zum Beispiel singt das Dalla sua pace ganz anders, als der es gemeinhin tut. Der Rezensent der Zeit fand übrigens ihr Porgi amor nicht awful: 'Porgi amor' die Cavatine der Gräfin aus dem zweiten Akt, die Klage einer betrogenen Ehefrau, klingt bei Kermes, als wüsste die Gräfin bereits, was nach dem Leben mit dem Grafen kommt. In jedem Fall scheint sie zu wissen, dass es gut sein wird, bei aller seidigen Traurigkeit der Töne. Und schön. Das ist etwas anderes als die Argauer Zeitung, die schrieb: Die fundamentlose Stimme von Barockstar Simone Kermes flattert milchweiss durch ihre Auftrittsarie 'Porgi amor'. Lassen wir das mal unkommentiert. Kermes ist bei den Mozart Opern von Currentzis, den sie mit einem Vampir verglich, die Contessa, die Donna Anna und die Fiordiligi. Man kann sich für alle drei Rollen andere Stimmen vorstellen, aber gegen ihre engelsgleiche Stimme im Contessa, perdono (zu dem es schon zwei Posts gibt) wird kein Kritiker etwas sagen können.

Ich hörte die Stimme von Simone Kermes letztens nachts im Radio, da sang sie Guardian Angels aus Händels Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno, das war in der Dunkelheit der Nacht sehr schön. Es ist auch am Tag noch schön:

Guardian angels, oh, protect me,
And in Virtue's path direct me,
While resign'd to Heav'n above.
Let no more this world deceive me,
Nor let idle passions grieve me,
Strong in faith, in hope, in love.
Guardian angels...

Händels Oratorium hat eine seltsame Geschichte. 1707 in Rom zum erstenmal aufgeführt (als Oratorium, um das römische Opernverbot zu umgehen), damals noch italienisch. Später gab es eine englische Fassung The Triumph of Time and Truth, und kurz vor seinem Tod konnte Händel noch die letzte Fassung in London erleben, dirigiert von seinem Assistenten John Christopher SmithRaymond Chandler hat vom cannibalizing gesprochen, wenn er Teile von frühen Stories noch einmal verwendete, Händels Oratorium ist ein einziges cannibalizing. Alles kommt noch mal hinein, auch das Lascia ch'io pianga, das er schon in zwei Opern verwendet hatte. Simone Kermes singt auf Mio caro Händel zwei Stücke aus dem Oratorium. Wenn Sie Teile daraus sehen wollen, dann habe ich hier einen Schnipsel von Jürgen Flimms Inszenierung. Ist vielleicht nicht so schlimm wie die Mozart Oper, die ich in Flimm ist schlimm erwähnte, aber doch irgendwie komisch.

Für Simone Kermes' CD Mio caro Händel brauche ich keine Werbung zu machen, das macht die Firma Sony schon, doch wenn Sie sie kaufen, weil Sie Händel lieben, machen Sie keinen Fehler.

Montag, 18. November 2019

Ertrinken verboten


Sie steht am frühen Morgen unter der Dusche, als sie hört, dass zwei Einbrecher ihren Freund im Nebenzimmer bedrohen. Sie nimmt ihre Pistole, die in dem Halfter an der Wand hängt, und fordert die maskierten Eindringlinge auf, ihre Waffen fallen zu lassen. So beginnt der Kriminalfilm La Guerre des polices, den Dominik Graf in seiner Liebeserklärung an den Polar, den französischen Kriminalfilm, zitiert. Ich wollte das heute zuerst Polar nennen, aber ich weiß nicht, ob Sie mit diesem Wort, das aus Police und Argot gebildet wurde, etwas hätten anfangen können. Dominik Graf habe ich mit seinem Film Zielfahnder schon in dem Post Nackt erwähnt, seit Monaten will ich etwas über ihn schreiben (er wird schon in dem Post Klaus Wennemann erwähnt, aber das reicht nicht). Irgendwann kriege ich das hin. Marlène Jobert hat natürlich ihre Pistole in der Dusche, weil sie bei der Polizei ist, sie hat in diesem Film eine ganz andere Rolle als in Le Passager de la pluie. Doch das Photo ist auf jeden Fall ein guter Anfang, um über den französischen Kriminalfilm zu schreiben.

Im französischen Kriminalfilm haben Kommissare große Macht, vielleicht mehr Macht als in der Wirklichkeit. Das hat auch etwas mit der Struktur der französischen Polizei zu tun. Fans von Kommissar Maigret wissen, dass sein Arbeitsplatz der Quai des Orfèvre ist, aber er wird immer wieder in die Provinz beordert, um dort Morde aufzuklären. Wie zum Beispiel in Maigret kennt kein Erbarmen (Maigret et l'Affaire Saint-Fiacre), wo er in seinen Heimatort zurückkehrt. Die Romanvorlage gilt als einer der besten Romane von Simenon.

Die Kommissare kommen aus der Großstadt, aber sie durchschauen die ländliche Gesellschaft schnell. Wie der Inspektor Lavardin, den wir aus den Filmen von Claude Chabrol wie Hühnchen in Essig (Poulet au vinaigre) kennen. Oder der Kommissar Pierre Niémans in dem Film Die purpurnen Flüsse (Les Rivières pourpres). Die haben da zwar in der Provinz auch Polizei, aber das ist die Gendamerie, die kann in der Welt der Filme die schwierigen Fälle nicht lösen, da muss schon ein Kommissar von der police nationale aus der Großstadt kommen.

In dem Film Ertrinken verboten (✺Noyade interdite) kommen gleich zwei, Paul Molinat (Philippe Noiret) und Leroyer (Guy Marchand). Sie können einander nicht ausstehen, und Kommissar Molinat vermutet, dass Leroyer nicht nur wegen der Toten am Strand in dem kleinen Badeort am Atlantik auftaucht, sondern dass er auch wegen seiner Vergangenheit hier ist. Ich habe den Film vor Jahrzehnten einmal gesehen, und ich mochte ihn sehr. Lakonisch, bösartig, mit schwarzem Humor. Ich habe ihn auch schon in dem Post Les Films de ma Vie erwähnt. Ich habe jahrelang versucht, eine DVD zu bekommen, vergeblich. Die Romanvorlage von Andrew Coburn war erhältlich, der Film nicht. Aber dank der russischen Quelle, die ich schon mehrfach empfohlen habe, kann man ihn jetzt sehen.

Kommissar Molinat ist aus Bordeaux angereist, aber der kleine Badeort ist ihm nicht unbekannt. Er hat hier mal gewohnt, ist fortgezogen, als seine Frau ins Meer gegangen war. Nie wieder aufgetaucht. Jetzt finden sich beinahe täglich Leichen am Strand. Guy Marchand kennt den Ort nicht, aber er scheint etwas von der Vergangenheit von seinem Kollegen zu wissen.

Ich mag Philippe Noiret und Guy Marchand (der schon in dem Post Léo Malet auftaucht) und all die schönen Frauen, die in dem Film zu sehen sind. Sie werden noch Karriere machen. Die hübsche Marie Trintignant (die Tochter von Jean-Louis Trintignant), die Noiret hier im Arm hält, leider nicht so lange, weil sie von ihrem Freund im Drogenrausch umgebracht wurde.

Die Blonde in der Mitte ist Gabrielle Lazure. Die hatte eine ihrer ersten Rollen in dem Film✺La Belle Captive, aus dem diese Bild stammt. Der Film, der damals eine Sensation war, ist von Alain Robbe-Grillet, und über dessen Softporno Filme habe ich in dem Post Robbe-Grillet schon Böses gesagt. Der Film hat der Karriere von Gabrielle Lazure allerdings nicht geschadet, sie ist in furchtbar vielen Filmen zu sehen, aber kaum jemals wieder in einem guten Film wie Noyade interdite. Sie hat gerade in dem Buch Maman... cet océan entre nous mit ihrer Mutter abgerechnet, der sie offenbar eine schlimme Kindheit verdankte.

Neben Gabrielle Lazure steht Elisabeth Bourgine. Die kennen wir schon, wir können sie zur Zeit immer wieder bei ZDFneo in den Wiederholungen von Death in Paradise sehen. In dem Post Polanski wird sie auch schon erwähnt. Wir brauchen diese drei hübschen Frauen, nicht nur weil François Truffaut gesagt hat Le cinéma c'est de l'art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes, sie sind für die Handlung unentbehrlich.

Kommissar Leroyer hat sich in den schönen jungen Frauen getäuscht, so wie wir uns als Zuschauer in ihnen getäuscht haben. Wenn Leroyer mit Marie Trintignant, mit der er flirtete, wenn sie halbnackt am Strand lag, jetzt im Bett liegt, hat die plötzlich eine Pistole in der Hand. Das wird er überleben. Auch dass ihn Gabrielle Lazure die Treppe hinunterstürzt. Aber das lange Messer, das Elisabeth Bourgine in der Hand hält, das überlebt er nicht. Spätestens jetzt wissen wir, dass auch die Leichen am Strand auf das Konto der jungen Frauen gehen, die so leicht bekleidet durch den Film flitterten und so unschuldig wirkten.

Am Ende des Films verstauen sie ihr Gepäck in einem weißen Golf mit Pariser Kennzeichen und reisen ab. Aber sie kommen nicht bis Paris, die Polizei ist ihnen schon auf den Fersen. Da bleibt ihnen am Schluss nur ein Ende wie in ✺Thelma & Louise. Für unseren Kommissar Molinat wird es ein Happy End geben, er wird in dem kleinen Ort bleiben und sich mit der hübschen Marie (Anne Roussel), der Tochter seiner ehemaligen Geliebten Winny (Stefania Sandrelli) zusammentun.

Solche Kriminalfilme zu drehen, ist etwas, was die Franzosen können. Und sie haben auch die Filmkritiker, die das würdigen: Pierre Granier-Deferre ménage une ambiance chargée d'électricité. L'humour y est noir. Presque dérangeant. Un policier qui sort des sentiers battus, se mouvant au rythme du ressac de l'océan. Un érotisme soft porté par des actrices qui n'hésitent pas à se dévêtir devant l'objectif du cinéaste pour contenter le regard voyeur de certains personnages comme des spectateurs masculins en général. On pourrait lui reprocher son manque de rythme mais connaissant l’œuvre de ce cinéaste auquel il arrive de prendre son temps 'Noyade Interdite', en terme de vélocité, demeure dans la continuité...

Der Film wurde in St Palais sur Mer gedreht. Ich weiß sogar, wo das ist. Als ich die kleine Geschichte Sommerurlaub schrieb, wollte ich meine Heldin da am Strand plazieren. Aber das ging nicht, sie sollte Elisabeth Bourgine und Marie Trintignant keine Konkurrenz machen. Die schöne Buchhändlerin mochte eine Zicke sein, eine femme fatale war sie nicht. Bei den Dreharbeiten suchte die Filmfirma junge Mädchen, die sich am Strand tummeln sollten. Natürlich nicht für einen érotisme soft porté par des actrices qui n'hésitent pas à se dévêtir devant l'objectif du cinéaste. Die Filmfirma verlangte eine Beurlaubung durch die Schule oder die Begleitung von Erwachsenen. Die Schülerinnen des Lyzeums aus dem benachbarten Royan stellten vergeblich einen Antrag auf Unterrichtsbefreiung. Sie waren dennoch bei den Dreharbeiten dabei und präsentierten dem Direktor am Tag danach Entschuldigungsschreiben von ihren Eltern. Vielleicht ist eine von ihnen ja Schauspielerin geworden, das weiß man in Frankreich nie.

Freitag, 15. November 2019

Dunhill


Als ich die Posts Merrie England's Favourite Pipe und Pfeifenkauf schrieb, hatte ich keine Ahnung davon, dass so viele Leser das lesen würden. Es ermutigte mich, den Post Danske piber zu schreiben, der auch ein kleiner Bestseller wurde. Ich habe in dem Post Pfeifenkauf erwähnt, dass Herr Trennt gerade dafür sorgt, dass eine meiner alten Dunhill Pfeifen repariert wird. Loch im Pfeifenkopf, durchgebrannt. So etwas sollte bei Dunhill, die angeblich die besten Pfeifen der Welt machen, eigentlich nicht vorkommen.

Auf der kleinen alten Garantieurkunde, die unten in der Dunhill Pfeifenschachtel liegt, steht, dass die Firma ein Jahr Garantie gibt (die Firma Charatan wird eine unbegrenzte Garantie geben). Ich habe die Firma damals verflucht und mir gesagt, wenn ich die repariert bekomme, dann schreibe ich mal über Dunhill. Aber bevor ich zu Alfred Dunhill komme, muss ich erst einmal über Charatan schreiben. Denn als Alfred Dunhill vor 110 Jahren in das Geschäft mit den Tabakspfeifen einsteigt, kauft er die bei Charatan, er selbst stellt noch keine Pfeifen her.

Im Jahre 1863, als Tolstoi gerade seinen Roman Krieg und Frieden fertig hat, eröffnet ein russischer Jude namens Frederick Charatan seinen Tabakladen in der Mansell Street in London. Die Mansell Street liegt im jüdischen East End, das ist nicht so fein wie die Duke Street. Es ist die Gegend, wo Jack the Ripper sein Unwesen trieb. Jack London wird über das East End sein Buch The People of the Abyss schreiben, aus dem dieses Photo stammt. Wer hier wohnt oder hier seine Werkstatt hat, will da weg. Und Charatan zieht da weg, erst um die Ecke in die Prescott Street, dann in die Leadenhall Street, da ist er schon in der City of London. Und schließlich ist sein Laden in der Jermyn Street, vornehmer geht es nicht.

Das mit dem Jahr 1863, das Charatan zu der ältesten englischen Firma im Pfeifengeschäft machen würde, steht überall im Internet, aber es ist wahrscheinlich völliger Unsinn. Rechnet man von dem angegeben Alter in seiner Einbürgerungsurkunde zurück, wäre der Frederick (oder Fridrick) Charles Charatan damals vierzehn Jahre alt gewesen. In den ersten offiziellen Verzeichnissen taucht die Firma auch erst in den 1880er Jahren auf.

So bleiben erst einmal unumstritten die Firmen von dem Franzosen Emil Loewe am Haymarket und William Astley in der Jermyn Street (die Charatan eines Tages beliefern wird) die ersten Pfeifengeschäfte in London. Es sind viele jüdische Emigranten, die jetzt die englische Wirtschaft ankurbeln. Die Pogrome und die Maigesetze vertreiben sie aus Russland in das liberale England. Aus Bayern kommen die Frankaus, denen das bayrische Judenedikt das Leben schwermacht. England kann diesen geschäftstüchtigen Zuwanderern nur dankbar sein. Folgt man Heinrich Hausers im amerikanischen Exil geschriebenen Buch Battle Against Time: A Survey of the Germany of 1939 from the Inside, dann hat auch die Familie Dunhill jüdische Wurzeln.

Bevor wir zu Alfred Dunhill kommen, müssen wir mal eben nach Frankreich springen. Denn dort sitzen die Fabrikanten, die als erste das Bruyereholz verarbeiten, das sich so vortrefflich für Pfeifen eignet. Frederick Charatan schnitzte noch Meerschaumpfeifen, das kann der Russe im k.u.k. Österreich gelernt haben, über das er nach England kam. Wien ist im 19. Jahrhundert das Zentrum für vornehme verzierte Meerschaumpfeifen.

Neben dem echten Meerschaum aus der Türkei gibt es auch den Wiener-Meerschaum (oder Massa-Meerschaum), der mit Bindemitteln aus gemahlenen Resten von Fehlproduktionen hergestellt wird. Man kann aus den Meerschaumresten übrigens auch Katzenstreu machen. Es brauchte einige Zeit, bis sich die Bruyerepfeifen in der feinen Gesellschaft durchsetzen. Es gibt heute immer noch Meerschaumpfeifen, und eine Pfeife von Andreas Bauer (Wien) kann mehr als eine Dunhill Pfeife kosten.

Das da auf dem Bild sind die Knollen der Baumheide (Erica Arborea), die sich rund um das Mittelmeer findet. Sie sind ein halbes Jahrhundert alt, Knollen, die jünger sind, werden Qualitätshersteller nicht verwenden. Es ist ein langer Weg, bis aus diesem Holz eine Pfeife wird. Es wird gelagert, gekocht und wieder gelagert. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, klicken Sie diesen Link an. 

Es ist wahrscheinlich die Firma von François Comoy in Saint-Claude gewesen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch Bruyere verwendet. Vorher hatten sie schon Pfeifenköpfe aus allen möglichen Hölzern (zum Beispiel Buchsbaum, Kirsche oder Olivenholz) gedrechselt. François Comoys Sohn Henri wird am Ende des Jahrhunderts nach England gehen und dort eine Firma begründen, die Qualitätspfeifen herstellt. Die Comoys werden sich mit ihren Verwandten, den Chapuis, zusammentun und die Firma Chacom gründen, die es heute auch noch gibt. Sainte-Claude ist das Zentrum der französischen Pfeifenindustrie, sie haben da im Pfeifenmuseum auch eine Donald Trump Pfeife. Man kann so etwas kaufen, muss man aber nicht. Ist ungefähr so blöd wie die Horst Lichter Collection von Vauen.

Das Bild hier zeigt Reuben Charatan, dem sein Vater 1910 die Firma übergeben hatte, wie er voller Stolz vor seinem Bruyere Vorrat steht. Das Bild ist vom Anfang der fünfziger Jahre, Charatan ist immer noch gut im Geschäft, ist aber umsatzmäßig von Dunhill überholt worden. Die besitzen inzwischen noch andere Firmen wie Parker, Hardcastle und Masta, und sie werden auch Charatan schlucken. Werden die Firma dann wieder verkaufen und wieder zurückkaufen.

Dunhill macht die besten Pfeifen der Welt. Sagt die Dunhill Werbung. Wie kommt dann eine kleine Firma wie Sasieni dazu, ihre Produkte als World's Premier Pipe zu bezeichnen? Und wird nicht von Dunhill verklagt? Das liegt wohl daran, dass die Firma Dunhill weiß, wie gut diese Sasieni Pfeifen sind. Seine ersten fünf Pfeifenmacher hat Alfred Dunhill von Charatan weggelockt, darunter Joel Sasieni, der der Chef der Pfeifenproduktion von Dunhill wurde. Aber irgendwie gefiel ihm das nicht, obgleich er überdurchschnittlich gut verdiente, und so gründete er seine eigene Firma.

Sasieni hatte schnell großen Erfolg, und so konnte er 1926 in der Zeitschrift Vanity Fair diese Anzeige schalten, die den Prince of Wales zeigt. Mit der Überschrift: ... and the Prince said: 'I like a Sasieni Pipe!' Dunhill hat Sasieni dennoch eines Tages verklagt, weil Sasieni Pfeifen als Markenzeichen einen hellblauen Punkt auf dem Mundstück trugen. Dunhill, die ihre Pfeifen seit 1912 mit dem berühmten white spot verzierten, fühlte sich in seinen Markenrechten verletzt, Sasieni brachte hellblaue Spots auf seinen Pfeifen an. Gegen die deutsche Firma Vauen führte Dunhill einen jahrelangen Prozess, weil die auch weiße Punkte auf ihren Pfeifen hatten. Haben sie immer noch, aber nur in Deutschland, für Exporte mussten graue Punkte auf die Pfeifen. So etwas sind echte Sorgen.

Wirkliche Sorgen bekam Dunhill, als am Nachmittag des 17. Aprils 1941 deutsche Bomben Teile der Jermyn Street und der Duke Street zerstörten. Angeblich haben Dunhills Angestellte Winston Churchill in der Nacht um vier angerufen, um ihm zu sagen, dass der Humidor mit seinen Zigarren gerettet sei. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist. Wahr ist aber, dass Alfred Henry Dunhill, Captain im Ersten Weltkrieg und Träger des Military Cross, am nächsten Tag hinter einem Tisch auf der Straße saß und Tabak und Pfeifen verkaufte, wie man auf diesem Photo sehen kann.

1973 veranstaltete die Kieler Firma Tabac Trennt, die damals seit 103 Jahren im Geschäft war, eine große Sonderschau von Dunhill und Stanwell Pfeifen. Es gab auch eine Dunhill und zwei Stanwell Pfeifen zu gewinnen. Ich habe leider nichts gewonnen, aber eine Stanwell gekauft, die ich immer noch habe. Ist auch nie durchgebrannt. Ich weiß nicht, wie gut Dunhill Pfeifen wirklich sind. Wenn man diesen amüsanten Artikel von Ivy Ryan liest, dann bleibt von Dunhills Ruf nicht so viel übrig.

Dunhill ist heute ein Weltkonzern, der zur Richemont Gruppe gehört (zu der auch die IWC gehört), das Geschäft mit den Pfeifen spielt da keine große Rolle mehr. Es sind tausenderlei Produkte, die den Namen Dunhill tragen. Ihre erste Kollektion Herrenmode kam mal von Ermenegildo Zegna, ich weiß nicht, wer die heute herstellt. Ich weiß auch bei der Dunhill Werbung nicht, was sie soll. Macht John Hurt Werbung für einen Dunhill Pullover? Es ist niemand aus der Familie Dunhill mehr in der Konzernspitze, und die historische Pfeifensammlung von Alfred Dunhill wurde 2004 bei Christie's verkauft. Man braucht auch keine Dunhill Pfeife, man kann mit Qualitätspfeifen von Parker, Comoy's, Barling, BBB oder Ben Wade auch glücklich werden. Vielleicht auch mit einer amerikanischen Kaywoodie oder einer Missouri Meerschaum Pfeife, ich weiß es nicht. Und wenn man sich etwas wirklich Exklusives kaufen will, dann kauft man eine Pfeife von James Upshall oder von Karlheinz Joura aus Bremen.

Mittwoch, 13. November 2019

nudes


Zuerst wollte William Etty Landschaftsmaler werden: The sky was so beautiful, and the effects of Light and Cloud. Aber dann überlegt er es sich anders: Afterwards, when I found that all the great painters of antiquity had become thus great through painting Great Actions, and the Human Form, I resolved to paint nothing else; and, finding God's most glorious work to be Woman, that all human beauty had been concentrated in her, I resolved to dedicate myself to painting,—not the Draper's or Milliner's work,—but God's more glorious work, more finely than ever had been done. Und das hat er dann auch getan, hat ad maiorem Dei gloriam beinahe nur noch nackte Frauen gemalt. Der Maler William Etty ist heute vor 170 Jahren gestorben. Wenn ich nicht schon 2012 den Post William Etty geschrieben hätte, gäbe es heute einen Post über ihn. Aber so lassen wir es mal, wie es ist.

Was Sie noch lesen könnten, wären die Posts AktmalereiSpätrömische Dekadenz und George Spencer Jackson.

Samstag, 9. November 2019

sattes Gelb


Das geht mit dem satten Gelb heute nicht über die vielzitierte petit pan de mure jaune in Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Sie erinnern sich bestimmt an die berühmte Stelle, wo der Schriftsteller Bergotte die Vermeer Ausstellung besucht, um Vermeers Ansicht von Delft zu sehen. Ein Kritiker hatte geschrieben, dass es eine kleine gelbe Mauerecke (an die er sich nicht erinnerte) enthalte, die so gut gemalt sei, dass sie allein für sich betrachtet einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme, von einer Schönheit, die sich selbst genüge. Bergotte hat (ebenso wie Proust, als der die Vermeer Ausstellung besuchte) einen Schwindelanfall, als er endlich auch die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks entdeckte. Er stirbt vor dem Bild, während er sich noch verzweifelt bemüht, Haltung zu bewahren: Ich möchte dabei doch nicht, sagte er sich, für die Abendzeitungen die Sensation dieser Ausstellung sein. Aber die Schönheit des kleinen Mauerstücks vernichtet sein eigenes Kunstwollen: So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. Meine letzten Bücher sind zu trocken, ich hätte mehr Farbe daran wenden, meine Sprache in sich selbst so kostbar machen sollen wie diese kleine gelbe Mauerecke es ist. Wir sind immer auf der Suche nach der kleinen gelben Mauerecke in unserem Leben.

Mir passt das mit der kleinen gelben Mauerecke von Marcel Proust heute am dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls ganz gut, weil ich gerade ein Buch gelesen habe, in dem es auch um gelbe Mauern (und um die Wende) geht. Es ist Hannes Hansens Roman Jenes volle satte Gelb, der den Untertitel Ein zeitgeschichtlicher Roman aus der Wendezeit hat. Der Autor stellt dem Roman ein Motto von Faulkner voran: The past is never dead. It's not even past. Und dann noch ein zweites von François Villon: Où sont les neiges d'antan? Es geht also um die Vergangenheit, und so ist in gewisser Weise auch Jenes volle satte Gelb eine Suche nach der verlorenen Zeit. Denn die Romanfigur Georg Nicolaisen ist in seiner Heimatstadt Potsdam auf der Suche nach der Vergangenheit: Er hatte wirklich davon gesprochen, von jenem schwer satten Gelb, das ihm noch, dessen war er sicher, in der Stunde des Todes leuchten würde vor den blinden Augen als endlich eingelöstes Versprechen der Heimat. Das schwer satte Gelb wird sich als Leitmotiv durch den Roman ziehen.

Aber es ist mit der Erinnerung so eine Sache. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, hat uns Jean Paul versichert. Das Potsdam, das der Antiquitätenhändler Georg Nicolaisen findet, ist nicht das Potsdam, das er 1960 verlassen hat. Alles ist schneller geworden: Draußen hatte sich die Zeit beschleunigt und war ein hungriger Wolf geworden, der die Ereignisse hetzte und vorwärts trieb, bis er sie in den Fängen hielt und zerfleischte. Und auch das Gelb ist nicht mehr das, was es einmal war, das muss Georg, der in Potsdam seine Jugendliebe Friederike Schönemann wiedergefunden hat, feststellen, wenn sie vor dem Schloss stehen: Im Park wartete eine neue, unangenehme Überraschung auf sie. Das lange verhüllt gewesene Schloss zeigte sich statt im gewohnten satten, ins Ocker spielenden Gelb in einem hellen, selbst an einem verhangenen Novembertag widerlich prahlenden Farbton. Das war empörend, das war kriminell. Ein Anschlag auf seine Kindheit und Jugend war es, ein hinterhältiger Diebstahl.

Aufgebracht wendet er sich an die Parkverwaltung, wird dort aber von einem hergelaufenen Rheinländer, der nichts aber auch gar nichts verstand, eines Besseren belehrt: Das was Sie als satt gelb bezeichnen, ist nichts weiter als das Ergebnis eines Alterungsprozesses. Der setzte früher, bei den damals verwendeten Farben sehr schnell ein. Heute haben wir bessere, die behalten ihren Ton erheblich länger. An dieser Stelle des Romans musste ich lächeln. In unserer Straße, in der beinahe alle Häuser unter Denkmalschutz standen, war einmal ein Nachbarhaus auf Kosten des Landesamts für Denkmalschutz neu gestrichen worden. Früher hatte der Malermeister Wenzel das Haus gestrichen, und das hielt mindestens zehn Jahre. Jetzt kam eine Farbe auf die Mauern, die nach den Originalfarben von 1840 angerührt worden war. Sie hielt bis zum nächsten Platzregen.

Jenes volle satte Gelb ist eine Geschichte von einer Suche, es ist auch eine Geschichte von der großen Liebe. Georg fängt mit Friederike noch einmal da an, wo sie vor dreißig Jahren aufgehört haben, aufhören mussten. Wegen der Mauer. Nur verdrängt hatte er, was schmerzte. Weggeschoben. Abgespalten. Wie immer die Begriffe lauteten, die Vergangenheit hätte tot sein sollen. Und nun war sie seit Monaten schon höchst lebendig. Ebenso wie Jay Gatsby in Fitzgeralds Roman The Great Gatsby glaubt Georg Nicolaisen an das Can't repeat the past? Why of course you can! Sören Kierkegard sagt in Die WiederholungWiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert. Hätte der Romanheld das lesen sollen, bevor er wieder mit Friederike anbandelte? War es so gewesen? Die Erinnerung zeigte sich als Igel, der sich bei Gefahr zusammenrollte und der Welt seine Stacheln wies. Wenn sie miteinander schliefen, vermischten sich Vergangenheit und Gegenwart, und jeder Liebesakt war eine Wiederholung aller vorangegangen.

Refaire sa vie, sagt der Franzose, und das ist es, was Georg und Friederike versuchen. Aber es gibt kein richtiges Leben im falschen. Vergiss nicht, dass wir heute Abend ins Kino gehen wollen. Kuss, Friederike, liest er am Morgen. Der französische Film, den sie in dem Kino sehen, das abgerissen werden soll, ist ein Liebesfilm. Der Autor verheimlicht uns den Titel (es ist Le mari de la coiffeuse), nicht aber das tragische Ende, wenn Mathilde sich während eines Unwetters in den reißenden Fluss stürzt, weil sie Angst vor dem Ende der Liebe hat. Auch eine Lösung, sagt Georg, wenn sie aus dem Kino kommen. Friederike ist ihm deshalb böse. Doch dann fährt der Text fort: In der Nacht liebten sie sich wie schon lange nicht mehr. Ein verzweifeltes Begehren verzerrte ihre Körper und trieb sie an. Noch einmal roch Friedrike nach Schilf und Schlamm und Pilzen. Noch einmal verschwanden ihre Falten, wurde ihr Bauch glatt. Als sie sich voneinander lösten, fing Friedrike an zu weinen. Ein stilles, tonloses Weinen zunächst, das sich dann in wildes Schluchzen steigerte. Zuletzt hatte er sie vor über dreißig Jahren so schluchzen hören. In jener letzten Nacht, bevor er fortgegangen war.

Hier könnte der Roman aufhören, aber so hört er nicht auf. Er endet auch nicht tragisch wie der französische Film, den sie gerade gesehen haben. Sie leben sich auseinander, mais la vie sépare ceux qui s'aiment, tout doucement, sans faire de bruit. Das volle satte Gelb gibt es heute noch im Internet zu kaufen, es ist die Farbe Sanssouci 078, benannt nach dem Schloss Sans Souci in Potsdam ist Sanssouci ein fröhliches, etwas orange-stichiges, leuchtendes Gelb, das als Wandfarbe sehr beliebt ist. Den Roman Jenes volle satte Gelb von Hannes Hansen, der meine heutige Leseempfehlung ist, kann man natürlich auch kaufen. Im Internet oder besser bei Ihrem Buchhändler, der Roman ist gerade vor einer Woche in der Edition Grabener erschienen. Kein roman-fleuve wie Prousts À la recherche du temps perdu, nur einhundertvierzig Seiten, aber die bieten genug zum Erinnern und Nachdenken.


Donnerstag, 7. November 2019

Oh My Darling Clementine


Heute vor dreiundsiebzig Jahren kam John Fords Western My Darling Clementine in die amerikanischen Kinos. Ich dachte, ich schreibe mal drüber, musste dann aber feststellen, dass ich vor vier Jahren schon einen Post My Darling Clementine in meinem Blog hatte. Den habe ich jetzt noch einmal überarbeitet, habe all die Filme, die da erwähnt wurden, mit einem Link zu der russischen Wundertüte versehen, in der man beinahe jeden Film findet. Wenn Sie heute Abend noch nichts vorhaben, und im Fernsehen gibt es bestimmt nichts, dann schauen Sie sich doch hier My Darling Clementine an.

Dienstag, 5. November 2019

Washington Allston


Diese kühle Blonde ist die Prinzessin Florimel. Auf jeden Fall stellt sich ein Fan der Chronicles Of Amber so vor. Florimel ist ein schöner Name, es stecken Blume (Flora) und Honig (mel) darin. Aber der Science Fiction Autor Roger Zelazny hat diese Prinzessin Florimel nicht erfunden, die gibt es schon ganz lange. Also ungefähr seit 1590. Dass ich Zelaznys Florimel überhaupt kannte, liegt daran, dass ich vor vielen Jahren mal einen Artikel über SF etc (genauer gesagt, einen Hassartikel) geschrieben habe, Teile davon sind in den Post Fantasy gewandert.

Ich lasse einmal die Chronicles Of Amber draußen vor und springe ins 16. Jahrhundert zu der Florimel, die in Edmund Spensers epischem Gedicht The Faerie Queene vorkommt. Da heißt es über die in goldene Kleider gehüllte Florimel: Still as she fled her eyes she backward threw As fearing evil that pursued her fast And her fair yellow locks behind her flew. Dieses zwei hundert Jahre alte schöne romantische Bild setzt Spensers Zeilen perfekt um. Das Bild ist von dem amerikanischen Maler Washington Allston, der heute vor 240 Jahren geboren wurde.

Allston war vier Jahre in Italien, man nannte ihn in Rom den amerikanischen Tizian, häufig haben seine Bilder etwas von dem großen Venezianer. Dieses Selbstportrait mit der interessanten Verteilung von Licht und Schatten hat er 1805 in Rom gemalt. Allston hatte in Harvard studiert und war danach nach London gereist, wo er zwei Jahre lang der Schüler von Benjamin West war. Viele amerikanische Maler sind im 18. und frühen 19. Jahrhundert nach England gereist, Benjamin West und John Singleton Copley waren die frühesten. Lesen Sie mehr dazu in dem Post 18th century: America.

Allston ist einer der ersten in Amerika, der den Vornamen Washington bekommt. In Rom wird er seinen Namensvetter Washington Irving, den Erfinder der amerikanischen Short Story, kennenlernen, sie werden Freunde. Auch den englischen Dichter Samuel Taylor Coleridge, der zu einem lebenslangen Freund wird, lernt Allston in Rom kennen. Er wird ihn ein Jahrzehnt später, wenn er mit seinem  Schüler Samuel Morse England besucht, portraitieren. Und nicht nur das, er wird auch ein Gedicht für Coleridge schreiben, denn er ist nicht nur Maler, er ist auch noch Dichter. Die vier Jahre in Italien sind die glücklichste Zeit seines Lebens.

Washington Allstons Vater soll auf dem Sterbebett über seinen Sohn gesagt haben: He who lives to see this child grow up will see a great man. Ich weiß nicht, wie wahr diese Geschichte ist, aber der Sohn von dem Plantagenbesitzer William Allston ist ein großer Mann geworden. Ein Stadtteil von Boston heißt heute noch nach ihm. Den Tod seines Vaters umgibt eine mysteriöse Geschichte, der Captain Allston hatte gerade die Schlacht von Cowpens überlebt, war nach Hause geritten und starb dann plötzlich auf seiner Plantage, wahrscheinlich wurde er von einem Diener vergiftet.

Diese drei Landschaftsbilder von Allston in den letzten Absätzen zeigen uns, dass er im Pariser Louvre und in Rom genügend Bilder von Claude Lorrain gesehen hat, an dessen formelhafter Landschaft kaum ein Landschaftsmaler vorbeikommt. Seine Bilder werden auch die amerikanische Landschaftsmalerei beeinflussen. Allston kehrt 1818 aus Europa nach Boston zurück, aber seine große Zeit ist vorbei. Robert Southey wird in The Vision of Judgment schreiben:

Here lost in their promise
And prime, were the children of Art, who should else have deliver'd
Works and undying names to grateful posterity's keeping,
Such as Haydon will leave on earth; and he who, returning
Rich in praise to his native shores, hath left a remembrance
Long to be honour'd and loved on the banks of Thames and of Tiber:
So may America, prizing in time the worth she possesses,
Give to that hand free scope, and boast hereafter of Allston.


Zu seinem sechzigsten Geburtstag organisieren Freunde in Harding's Gallery in Boston eine Ausstellung seines Werkes. Es sind nur die Werke, die man in Amerika hat finden können: Such pictures of this great master as could be obtained on this side of the Atlantic, were collected for exhibition at Boston in the spring of 1839 and, although his largest and most celebrated works were not included, the variety, originality, artistic finish, and beauty — the mature skill and refined genius manifest in this gallery, made a deep and delightful impression upon all spectators versed in art, or endowed with a sense of the beautiful, schreibt Henry Tuckerman in seiner Geschichte der amerikanischen Maler.

Das Bild von der fliehenden Florimel war in der Ausstellung, vielleicht sein schönstes Bild. Man musste den Maler aus einem life of great seclusion reißen, das er in dem Bostoner Vorort Cambridgeport führte: Allston starved spiritually in Cambridgeport; he fed upon himself. There was nothing congenial without, and he turned all his powers inward and drained his memory dry. His works grew thinner and vaguer everyday, and in his old age he ruined his great picture. I know no more melancholy sight than he was, so rich and beautiful a nature, in whose veins the south ran warm, which was born to have grown to such a height . . . stunted on the scant soil and withered by the cold winds of that fearful Cambridgeport, hat der Bildhauer William Wetmore Story geschrieben.

Vielleicht hätte Allston in London bleiben sollen, wo ihn die Royal Academy 1819 zum Associate ernannt hatte, im selben Jahr übrigens, in dem auch John Constable ARA hinter seinen Namen schreiben konnte. Mein Lieblingsbild von Allston ist Rising of a Thunderstorm at Sea. Er hat es 1804 in Paris gemalt, wo er die Bilder mit Stürmen und Schiffbruchszenen von Joseph Vernet gesehen hatte: In Allston’s thunderstorm the tremendous presence and power of nature, the smallness of man, and the gallantry of his will to master nature expressed by the beauty of the swaying ship are felt by a mind peculiarly open to impressions of solemnity and grandeur. The whole tone is changed. Nature had never been felt in this way by Vernet or in American painting. Sagt Edgar Preston Richardson in Washington Allston: A Study Of The Romantic Artist In America und betont das Einmalige dieses Bildes.

Samstag, 2. November 2019

Basisformel ♀


Women had never come much my way, and I knew about as much of their ways as I knew about the Chinese language. All my life I had lived with men only, and rather a rough crowd at that. When I made my pile and came home I looked to see a little society, but I had first the business of the Black Stone on my hands, and then the war, so my education languished. I had never been in a motor-car with a lady before, and I felt like a fish on a dry sandbank, sagt Richard Hannay in John Buchans Roman Greenmantle. Sie haben es in dem Post Basisformel sicher bemerkt: die Welt der Richard Hannay Romane ist eine Welt ohne Frauen.

Dass es Frauen gibt, das wusste John Buchan schon, er hatte 1907 die Cousine des Herzogs von Westminster geheiratet (das ist der Mann, der später eine Affäre mit Coco Chanel haben wird). Und Buchan begann seine Karriere als Politiker als Fürsprecher für die Gleichberechtigung von Frauen. Er schrieb eine Art Kampfschrift Women's Suffrage: A Logical Outcome of the Conservative Faith, in der es heißt: To ... declare that sex is a bar to the Franchise is an impossible position for a reasonable Conservative to maintain; for, if the vote be denied to an educated and capable woman, who is a real asset to the State and takes a share in its burdens, not because she is not a citizen, but because, unfortunately, she is not a man, you are on the edge of a very dangerous doctrine.

In dem Roman Greenmantle lernt Hannay eine femme fatale kennen: I had seen the mysterious Hilda von Einem, I had spoken to her, I had held her hand. She had insulted me with the subtlest of insults and yet I was not angry. Suddenly the game I was playing became invested with a tremendous solemnity. My old antagonists, Stumm and Rasta and the whole German Empire, seemed to shrink into the background, leaving only the slim woman with her inscrutable smile and devouring eyes. 'Mad and bad,' Blenkiron had called her, 'but principally bad.' I did not think they were the proper terms, for they belonged to the narrow world of our common experience. This was something beyond and above it, as a cyclone or an earthquake is outside the decent routine of nature. Mad and bad she might be, but she was also great. Die Frau auf dem Bild ist nicht Hilda von Einem, das ist Mata Hari, die die Vorlage für die Romanfigur gewesen sein soll.

Die nächste Frau, die in Richard Hannays Leben eine Rolle spielt, finden wir in Mr Standfast: Sie heißt Mary Lamington, ist Krankenschwester, arbeitet aber in Wirklichkeit für den Geheimdienst: I turned to the girl, who welcomed me with a smile. I had thought her pretty in her V.A.D. dress, but now, in a filmy black gown and with her hair no longer hidden by a cap, she was the most ravishing thing you ever saw. And I observed something else. There was more than good looks in her young face. Her broad, low brow and her laughing eyes were amazingly intelligent. She had an uncanny power of making her eyes go suddenly grave and deep, like a glittering river narrowing into a pool.

Sie ist erst achtzehn, aber schon sehr erwachsen. Der General Richard Hannay verliebt sich sofort in sie: And oddly enough her mere presence took away the oppression I had felt in that room. For she belonged to the out-of-doors and to the old house and to the world at large. She belonged to the war, and to that happier world beyond it - a world which must be won by going through the struggle and not by shirking it... In dem Roman The Three Hostages wird sie, inzwischen mit Hannay verheiratet, eine wichtige Rolle spielen. Buchan hätte mehr aus ihr machen können, aber die Zeit für Frauen im Geheimdienst ist offensichtlich noch nicht gekommen.

Da müssen wir mal eben zu einem anderen schottischen Autor springen. Er schreibt unter dem Namen ↝Michael Innes und beschreibt sich so: I was born just outside Edinburgh and almost within the shadow of the centenary monument to the author of Waverley. Edinburgh Academy, where I went to school, had Scott as one of its founders, and Robert Louis Stevenson was a pupil there for a short time. My headmaster told me one day I might write a 'Kidnapped' or a 'Treasure Island'. I remember his tone as one of mild censure and supposed he didn't greatly care for romances. I devoured them and no doubt they coloured my mind. Im Todesjahr von John Buchan kommt Innes' Roman The Secret Vanguard auf den Markt, eine Variante von The Thirty-Nine Steps mit einer weiblichen Heldin.

In seinem Roman, der eine Abkehr von der donnish novel des Golden Age of Detctive Fiction (also den Romanen, die Innes bisher geschrieben hat) und eine Hinwendung zum Thriller darstellt, lässt Michael Innes seine junge Helden Sheila Grant in der Eisenbahn Sir Walter Scotts The Antiquary lesen. Und sie denkt sich bei der Lektüre: Nice to be Sir Walter Scott and able to open a tale of romantic adventure with that leisurely, confident, bookwormy prose. Nice that readers stood for it; nice that one could feel oneself as a reader standing for it today. It was Sir Walter's confidence that got one. Innes ironisiert hier schon seine eigene book-wormy prose, das ist ein netter in-joke. Aber seien wir ehrlich, wir wären heute ja schon dankbar, wenn Autoren leisurely, confident, bookwormy prose schreiben würden.

Innes hat immer wieder Leser begeistert, so schreibt Raymond Chandler 1949: In spite of several mentions by you I have only just discovered Michael Innes. I think he is quite wonderful and I am about to buy up all the books of his that are still in print. Even if the plot were rotten, it would still be a pleasure to come into contact with a whole literate mind, full of sly humor and soft chuckles. What the typical mystery addict makes of him, God knows. Very little, I imagine, but he suits me fine, and makes all the words-of-one-syllable boys sound like so many lame-brain-dead-end-kids. Und der englische Dichter Philip Larkin antwortet in einem Interview auf die Frage von Miriam Gross, was er so läse: detective stories. Michael Innes - I don't know why there's never been a serious study of him, he's a beautifully sophisticated writer, very funny and, now and then, very moving.

Ich war vor Jahrzehnten einmal Berater eines deutschen und und eines schweizer Verlags, die auf der Suche nach guten Autoren für ihr Krimiprogramm waren (was glauben Sie, weshalb Diogenes John Buchan im Programm hat?). Innes war schwer zu vermitteln, sehr schwer. Zu intellektuell, zu highbrow, waren die Reaktionen auf meinen Vorschlag. Ähnliches konnte man in englischen Rezensionen lesen. So hieß es 1940 im Times Literary Supplement: In the fashionable game of making art and literature serve the end of crooks and sleuths, Mr Innes ranks as a master. Novelists who use apt quotation as mere ornament are outmoded. The idea now is to test the reader’s culture more and more in the manner of the cross-word inquisitor. Aber immerhin gibt es bei DuMont in ihrer Kriminal-Biblothek eine deutsche Übersetzung von The Secret Vanguard.

Während Sheila Grant Sir Walter Scott liest, diskutieren zwei Herren im Abteil über Lyrik, einer beginnt A Forsaken Garden von Swinburne zu zitieren. Allerdings fügt er dem Gedicht vier Zeilen hinzu, die nicht bei Swinburne stehen. Das erzählt Sheila einem Mitreisenden, nachdem die beiden Herren auf einem Bahnhof den Zug verlassen haben. Was sie nicht weiß, ist dass der Mitreisende ein deutscher Geheimagent ist und dass die vier Zeilen eine geheime Botschaft enthielten. Sheila wird gefangen genommen, kann wieder entkommen, und nun kommt die Maschine von flight and pursuit ins Rollen. Sheila Grant muss feststellen, dass viele Personen, die sie trifft, nicht diejenigen sind, die sie zu sein vorgeben: Nobody, she said to herself, is necessarily what he appears to be; nobody. Der junge Alester Mackintosh, der sie zu seinem Onkel, dem Lord-Lieutenant, bringen will, spricht unidiomatisches Englisch. Und der Onkel ist niemand anderer als der Chef der deutschen Geheimorganisation. Sheila flieht wieder einmal:

There were shouts behind. There were always shouts behind: they had become part of her normal background. She ran down the steps and jumped into the the motor-boat. At this point, she thought, the instalment should end. Will the heroine get away? Come next week and see. She had turned this and pulled that— controls exactly like those of a car. She had remembered to cast off. All without a hitch. The heroine has escaped - only she is heading at considerable speed straight for the bank. Swing the wheel. Remember to wave. Sheila waved. All about her the water leapt and spat. A machine-gun, perhaps.

Innes setzt darauf, dass wir als Leser solche Szenen schon kennen. Und so schildert er die Flucht der jungen Frau gerade filmisch. Und hochironisch, Will the heroine get away? Come next week and see. Ralph Partridge, der Rezensent des New Statesman, schrieb 1940: But for sheer excitement and picturesque melodrama 'The Secret Vanguard' will delight everyone with a taste for such things. Mr. Innes’s talent for pastiche serves him faithfully, even gloriously, in this most hackneyed branch of fiction. Every step of 'The Thirty-Nine Steps' he treads again with the punctiliousness of a don and the fidelity of a Scotsman. And if one Scotsman, John Buchan, could set himself to compose the super-thriller of the last war by mixing the right ingredients in the proper quantities, so can Michael Innes for this war. Only it is perhaps a pity to use exactly the same ingredients.

Aber, aber, Mr Patridge, natürlich sind es the same ingredients, es ist immer dieselbe Geschichte, the romance where the incidents defy the probabilities. Es kommt nur darauf an, wer sie erzählt und wie sie erzählt wird. Innes erzählt sie nur anders als Buchan. Es ist schade, dass aus der charmanten und gebildeten Sheila Grant keine Serienheldin geworden ist. Es ist noch nicht die Zeit für Frauen im Geheimdienst, wenn wir mal Ethel Lina Whites Roman The Wheel Spins aus dem Jahr 1936 ausnehmen, den Alfred Hitchcock als ✺The Lady Vanishes verfilmt. Hollywood verlangt Frauen, nicht der englische Roman von flight and pursuit. Und auf der Leinwand werden wir sie bekommen, ob sie nun ✺Modesty Blaise, Cathy Gale, ✺Emma Peel, ✺Kate Abbot oder ✺Evelyn Salt heißen. Oder einfach nur Bond Girls sind.