Mittwoch, 18. September 2019

Zauberberg


Am Ende des Films dirigiert der Komponist und Dirigent Fred Ballinger (gespielt von Sir Michael Caine) doch die Simple Songs, die die Königin gerne hören möchte. Am Anfang des Films Youth (Ewige Jugend) hatte er das noch abgelehnt, auch ein Adelstitel konnte ihn nicht locken. Zwischen dem Anfang und dem Ende, wenn Michael Caine im Frack der englischen Königin (ganz in weiß) und Prince Philip seinen ✱Simple Song #3 (gesungen von Sumi Jo) vorspielt, liegen zwei Stunden.

Die Story des Films ist so dünn wie die Schweizer Bergluft, befand Wolfgang Höbel bei Spiegel Online. Und Andreas Kilb schrieb in der FAZEin Rentnerfilm also, einer, in dem viel mehr geredet als gehandelt wird, ein Abgesang, in dem die Musik noch spielt, doch es ist die Musik verflossener Tage. Altes Kino für alte Augen. Aber noch böser und noch treffender ist der Satz: Der Film selbst, scheint es, hört auf zu denken, er macht es sich bequem in seinen Bildern, die wie eine Folge von Werbeclips auf der Suche nach dem passenden Produkt sind.

Es wird viel geredet in dem mit vielen Stars besetzten Film, aber inhaltlich gesehen, sagt uns eine Seite von Thomas Manns Zauberberg mehr als der ganze Film. Und an Clawdia Chauchat kommen die ganzen exotischen Schönheiten auch nicht heran. Paolo Sorrentino, der den wunderbaren Film La Grande Bellazza (lesen Sie dazu mehr in Felliniesque) gedreht hat, hat Michael Caine einen schönen Urlaub in einem alpinen Wellness Hotel verschafft. Ein Teil der Dreharbeiten wurde in dem Hotel gemacht, in dem Thomas Mann an seinem Zauberberg geschrieben hatte.

Heimat und Ordnung lagen nicht nur weit zurück, sie lagen hauptsächlich klaftertief unter ihm, und noch immer stieg er darüber hinaus. Schwebend zwischen ihnen und dem Unbekannten fragte er sich, wie es ihm dort oben ergehen werde. Vielleicht war es unklug und unzuträglich, daß er, geboren und gewohnt, nur ein paar Meter über dem Meeresspiegel zu atmen, sich plötzlich in diese extremen Gegenden befördern ließ, ohne wenigstens einige Tage an einem Platz von mittlerer Lage verweilt zu haben? Er wünschte, am Ziel zu sein, denn einmal oben, dachte er, würde man leben wie überall und nicht so wie jetzt im Klimmen daran erinnert sein, in welchen unangemessenen Sphären man sich befand. Er sah hinaus: der Zug wand sich gebogen auf schmalem Paß; man sah die vorderen Wagen, sah die Maschine, die in ihrer Mühe braune, grüne und schwarze Rauchmassen ausstieß, die verflatterten. 

Wasser rauschten in der Tiefe zur Rechten; links strebten dunkle Fichten zwischen Felsblöcken gegen einen steingrauen Himmel empor. Stockfinstere Tunnel kamen, und wenn es wieder Tag wurde, taten weitläufige Abgründe mit Ortschaften in der Tiefe sich auf. Sie schlossen sich, neue Engpässe folgten, mit Schneeresten in ihren Schründen und Spalten. Es gab Aufenthalte an armseligen Bahnhofshäuschen, Kopfstationen, die der Zug in entgegengesetzter Richtung verließ, was verwirrend wirkte, da man nicht mehr wußte, wie man fuhr und sich der Himmelsgegenden nicht länger entsann. Großartige Fernblicke in die heilig-phantasmagorisch sich türmende Gipfelwelt des Hochgebirges, in das man hinan- und hineinstrebte, eröffneten sich und gingen dem ehrfürchtigen Auge durch Pfadbiegungen wieder verloren. Hans Castorp bedachte, daß er die Zone der Laubbäume unter sich gelassen habe, auch die der Singvögel wohl, wenn ihm recht war, und dieser Gedanke des Aufhörens und der Verarmung bewirkte, daß er, angewandelt von einem leichten Schwindel und Übelbefinden, für zwei Sekunden die Augen mit der Hand bedeckte. Das ging vorüber. Er sah, daß der Aufstieg ein Ende genommen hatte, die Paßhöhe überwunden war. Auf ebener Talsohle rollte der Zug nun bequemer dahin.

Das bisschen Thomas Mann musste mal eben sein, weil der Post sonst zu inhaltsleer wird. Der Schauspieler Michael Caine, der Thomas Mann wahrscheinlich nie gelesen hat, hat England in den siebziger Jahren verlassen, weil ihm die Steuern zu hoch waren. Dann kam Mrs Thatcher und senkte die Steuern: Maggie Thatcher came in and put the taxes back down and in the end, you know, you don't mind paying tax. What am I going to do? Not pay tax and drive around in a Rolls Royce, with cripples begging on the street like you see in some countries? I decided not to become a tax exile, so I stayed in Britain, but they kept putting the tax up... Das ist natürlich eine schlimme Sache für Multimillionäre. Caine, der vor Jahren in einen Steuerskandal verwickelt war, lebte dann in Miami.

Das Haus in Miami hat er vor Jahren mit Gewinn verkauft, das große Landhaus in Surrey auch. Aber das Penthouse am Chelsea Harbour besitzt er noch. Und irgendwas in der Größe von 75 Millionen Dollar ist ihm auch geblieben. Im Jahre 2000 hat die Königin Sir Maurice Micklewhite zum Ritter geschlagen, er hat inzwischen seinen Namen in Michael Caine geändert. Die nette Julie Walters, die neben ihm in ✱Educating Rita spielt, ist auch geadelt worden.

Michael Caine ist Sozialist, das ist uns vielleicht nicht so klar: Emotionally, I am working class and I am a socialist. I have seen what the lower end of life is like and I want those people to get help. I am a left-wing Tory. Er ist nicht nur Sozialist, er kämpft auch für den Brexit: I'm a Brexiteer... I'd rather be a poor master of my fate than someone I don't know making me rich by running it. Ein Journalist hat das als one of the most thoughtless sentences ever uttered bezeichnet.

Wenn Sie den Film mit dem Sozialisten Michael Caine sehen wollen, dann können Sie das ✱hier tun (hinter all den ✱ Symbolen laufen heute Filme). Lesen Sie auch: Michael Caine.

Montag, 16. September 2019

Feminismus?


To have written the first good poems in America, while rearing eight children, lying frequently sick, keeping house at the edge of the wilderness, was to have managed a poet's range and extension within confines as severe as any American poet has confronted, hat Adrienne Rich über Anne Bradstreet gesagt, deren Gedichtband The Tenth Muse, lately Sprung up in America 1650 veröffentlicht wurde. Der Dichter John Berryman konnte sich nicht so kurz fassen wie Adrienne Rich, länger als fünf Jahre hat er an seinem Gedicht Homage to Mistress Bradstreet geschrieben. Anne Bradstreet, die am 16. September 1672 starb, gehörte zur Aristokratie der amerikanischen Puritaner; ihr Vater war Gouverneur von Massachussetts gewesen, und ihr Ehemann wird nach ihrem Tod auch Gouverneur von Massachussetts werden. Jener Kolonie, die nach dem Willen von John Wintrop a citty upon a hill sein sollte (lesen Sie hier mehr zu dem Thema).

Anne Bradstreet kann lesen und schreiben. Sie ist nicht die einzige Frau in der Kolonie, die das kann. Die Puritaner fördern es, dass jeder lesen kann. Im Verhältnis gesehen, gibt es in Massachussetts damals wahrscheinlich weniger Analphabeten als im heutigen Amerika. Aber die Alphabetisierung wird nicht gefördert, damit man William Shakespeare oder Sir Philip Sidney liest, die Lektüre der Bibel ist das Ziel. Und die kann eigentlich nur von den Männern verstanden werden. Über Annes Schwester Sarah (growne a great preacher) schreibt die Familie: she has unwifed herself. Die Folgen sind die Ehescheidung (die erste in Amerika) und die Enterbung. Religiöse Toleranz ist ganz und gar nicht die Sache der Puritaner, Anne Hutchinson wird verurteilt und muss die Kolonie verlassen, die Quäkerin Mary Dyer wird hingerichtet. Und von den Hexenprozessen in Salem wollen wir gar nicht erst reden.

Anne Bradstreet, die erste Schriftstellerin einer englischen Kolonie in Amerika, hält sich vorsichtig aus all dem heraus. Ihre Gedichte, die zuerst wohl nur für die Familie bestimmt waren, handeln von ihren Kindern (I had eight birds hatcht in one nest, Four Cocks were there, and Hens the rest), dem geliebten Ehemann oder dem abgebrannten Haus. Aber in ihrem Prologue, da wird sie richtig gefährlich. Ironisch und sarkastisch, ein persönliches Bekenntnis zur Rolle der Frau in der puritanischen Gesellschaft:

To sing of Wars, of Captains, and of Kings, 
Of Cities founded, Common-wealths begun, 
For my mean Pen are too superior things; 
Or how they all, or each their dates have run, 
Let Poets and Historians set these forth. 
My obscure lines shall not so dim their worth.

Die Aeneis beginnt mit Arma virumque cano, die Odyssee handelt von Wars, of Captains, and of Kings, Of Cities founded, Common-wealths begun. Das liegt außerhalb der Reichweite eines mean Pen einer Frau, der nur obscure lines schreiben kann. Die Rolle, die die Gesellschaft ihr zuweist, ist die des Haushalts (my hand a needle better fits):

I am obnoxious to each carping tongue 
Who says my hand a needle better fits. 
A Poet’s Pen all scorn I should thus wrong, 
For such despite they cast on female wits. 
If what I do prove well, it won’t advance, 
They’ll say it’s stol’n, or else it was by chance.

In der Übersetzung des Flensburgers Adolf Strodtmann aus dem Jahre 1862 klingt das so:

Ich muß mich beugen jedem Spötterwort,
Das meiner Hand die Nadel überweist;
»Des Dichters Kiel entweih' ich«, und so fort ...
Denn so verachtet ist der Frauen Geist.
Ist, was ich singe gut: es fördert Nichts –
Ihr sagt: »Sie stahl es, oder Zufall spricht's.«


Leider hat Strodtmann, der mit Carl Schurz befreundet war (und der in New York eine deutsche Buchhandlung gründen und Heines Werke herausgeben wird), nur die Hälfte von Anne Bradstreets Prologue übersetzt. Aber als alter 1848er hat er geschickt jene Strophen gewählt, die das revolutionäre Potential des Gedichts enthalten.

Ich muß mich beugen jedem Spötterwort,
Das meiner Hand die Nadel überweist;
»Des Dichters Kiel entweih' ich«, und so fort ...
Denn so verachtet ist der Frauen Geist.
Ist, was ich singe gut: es fördert Nichts –
Ihr sagt: »Sie stahl es, oder Zufall spricht's.«

Die Griechen waren milder doch gesinnt,
Da sie die Neun entlehnt aus unsern Reihn;
Die Poesie war einer Muse Kind,
Den Schwestern mußte jede Kunst sich weihn.
Doch solch Gespinnst zerhaut ihr mitleidslos –
Die Griechen waren arge Thoren bloß!

Laßt Griechen Griechen sein, und Frauen Fraun!
Des Geistes Kronen hat der Mann allein;
Vergebens ist's mit ihm zu kriegen, traun!
Er schafft das Höchste, und wir räumen's ein.
Den Vorrang drum in Allem ihm, dem Herrn –
Doch anerkennt auch unsre Leistung gern!

Ihr Federn, deren Flug gen Himmel steigt.
Für jedes Lied gekrönt mit Siegerglanz: –
Wenn euer Aug' auf dieses Blatt sich neigt,
Gebt mir – den Lorbeer nicht – den Epheukranz!
Dies schlichte Erz, dem Keiner Ehren zollt,
Macht heller nur erblinken euer Gold!


Sie können hier den Prologue ganz lesen, und eine Interpretationshilfe habe ich hier auch. Anne Bradstreet wird heute gerne als Feministin oder Proto-Feministin gesehen. Außerhalb ihres Gedichtes Prologue wird man dafür zuerst wenig Beweise finden, aber man muss genau lesen. So zum Beispiel steht in dem Gedicht über die verstorbene Königin Elizabeth:

Now say, have women worth, or have they none?
Or had they some, but with our Queen is’t gone?
Nay Masculines, you have thus tax’d us long,
But she, though dead, will vindicate our wrong.
Let such as say our sex is void of reason
Know ‘tis a slander now, but once was treason.


Ein Jahrhundert nach Anne Bradstreet schreibt Abigail Adams, auch eine Frau aus Massachussetts, an ihren Mann: remember the ladies, and be more generous and favorable to them than your ancestors. Do not put such unlimited power into the hands of the Husbands. Remember all Men would be tyrants if they could. If particular care and attention is not paid to the Ladies we are determined to foment a Rebellion, and will not hold ourselves bound by any Laws in which we have no voice, or Representation. 

Anne Bradstreet schreibt Gedichte, Abigail Adams schreibt Briefe. Immer mehr Frauen in Amerika werden schreiben. Einem Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wird das zu viel: America is now wholly given over to a damned mob of scribbling women, and I should have no chance of success while the public taste is occupied with their trash-and should be ashamed of myself if I did succeed. What is the mystery of these innumerable editions of the 'Lamplighter,' and other books neither better nor worse?-worse they could not be, and better they need not be, when they sell by the 100,000. Hier spricht niemand anderer als Nathaniel Hawthorne, der übrigens Anne Hutchinson in das erste Kapitel von The Scarlet Letter hineingeschrieben hat. Es ist ein Roman über eine starke Frau, aber ebenso wie Melvilles Moby-Dick verkauft er sich nicht, nur knapp achttausend Exemplare werden zu Hawthornes Lebzeiten verkauft.

John Adams wird den Brief seiner Frau nicht ernstnehmen, er macht sich darüber lustig und redet vom Despotism of the Peticoat. Wenn er Präsident der Vereinigten Staaten wird, unternimmt er nichts, um die Rechte der Frauen zu stärken. Es wird lange dauern, bis amerikanische Frauen beim Wahlrecht den Männern gleichgestellt werden. Erst vor hundert Jahren hat der amerikanische Kongress das 19th Amendment beschlossen. Donald Trump, der Frauen schon als fat pigs, dogs, slobs, und disgusting animals beschimpft hat, hat das in diesem Jahr in einer Rede gewürdigt: Exactly one century after Congress passed the constitutional amendment giving women the right to vote, we also have more women serving in Congress than at any time before. Die New York Times hat ihn daraufhin als feminist bezeichnet. Aber Trump hat Recht, es gibt jetzt 102 Frauen im Kongress. Es überrascht nicht, dass die meisten von ihnen nicht der Partei des Mannes angehören, der als erster Präsident der Vereinigten Staaten immer wieder Frauen öffentlich beleidigt hat.

Freitag, 13. September 2019

Robert Frank


Die Weißen sitzen vorn, die Schwarzen sitzen hinten. Dieses Photo, das Robert Frank 1955 in New Orleans gemacht hatte, ist auf den Umschlag des Photobandes The Americans gewandert. Das Buch ist beim Steidl Verlag zur Zeit wohl vergriffen, aber ich nehme an, dass der Verlag das Buch, das seit 2008 elf Auflagen erlebt hat, jetzt wieder auf den Markt bringt. Es ist damals sehr aufwändig gedruckt worden, Frank hatte die Druckarbeiten selbst überwacht. Vor vier Jahren hatte Steidl das Gesamtwerk von Frank in einer Ausstellung gezeigt, nicht so aufwändig gedruckt: Cheap, quick, and dirty, that’s how I like it! hatte Frank dazu gesagt.

Der Schweizer Robert Frank hatte 1955 ein Guggenheim Stipendium bekommen, das es ihm erlaubte, mit seiner Leica (und einer Rolleiflex) einmal quer durch Amerika zu reisen. 687 Kleinbildfilme hat er von 1955 bis 1957 verbraucht, das waren beinahe 28.000 Aufnahmen, die die Betrachter hier 2016 bei einer Ausstellung in New York bewundern konnten. Nur 83 dieser Bilder wanderten in den Band The Americans.

Dieses Photo war nicht dabei, es sollte in einem Buch über New York erscheinen, das das Times Magazin herausbringen wollte, aber das ist nie erschienen. Hätte die elegante Dame, die die New York Times liest, in den Band The Americans gepasst? Die Menschen in dem Photoband tragen allerdings keine weißen Handschuhe, wenn sie die Zeitung lesen.

Sein Amerika in 83 Bildern wollte kein Verlag haben. Frank has managed to express, through the recalcitrant medium of photography, an intense personal vision, and that's nothing to carp at. But as to the nature of that vision I found its purity too often marred by spite, bitterness, and narrow prejudices just as so many of the prints are flawed by meaningless blur, grain, muddy exposure, drunken horizons, and general sloppiness. As a photographer, Frank shows contempt for any standards of quality or discipline in technique; as a poet he is too ready to lapse into the jargon of propaganda. His talent deserves better on both counts, schrieb Arthur Goldsmith in der Zeitschrift Popular Photography.

Aber dieses meaningless blur, grain, muddy exposure, drunken horizons, and general sloppiness ist ja bewusst eingesetzt, es ist der Stil von Robert Frank. Und meaningless ist es auf keinen Fall, die Photographin Jona Frank hat zu dem Bild Elevator — Miami Beach, 1955 einiges zu sagen. Jack Kerouac, der das Vorwort zu The Americans verfasste, schreibt darin: That little ole lonely elevator girl looking up sighing in an elevator full of blurred demons, what's her name & address?

Heute wissen wir, dass sie Sharon Collins heißt, sie hat sich auf dem Photo von Robert Frank wiedererkannt, als sie das San Francisco Museum of Modern Art besuchte. Und wir können am Beispiel dieser Photos auch sehen: nicht alles ist spontan, das Photo oben rechts ist Teil einer Inszenierung. Ein signierter Handabzug des Photos ist bei Lempertz vor zwei Jahren für 34.720 Euro verkauft worden.

To Robert Frank I now give this message: You got eyes, hat Jack Kerouac geschrieben. Es wird erzählt, dass Robert Frank häufig photographierte, ohne durch den Sucher zu schauen. Wer je eine alte Leica in der Hand hatte, kann das verstehen. Den Sucher kann man vergessen, was man braucht, sind die Augen.

Robert Franks Les Américains erschien 1958 bei Robert Delpire in Paris, die Photographien wurden begleitet durch ausgewählte Texte von Erskine Caldwell, John Dos Passos, Henry Miller, William Faulkner und John Steinbeck. Nach der Präsentation der französischen Ausgabe kehrte Frank nach Amerika zurück, in New York traf er Jack Kerouac: I had met Jack Kerouac at a party given for him by his friend Lucien Carr. He was sitting on the sidewalk, around 18th or 19th Street, and I came there with a French edition of the book and I showed it to him. He liked the photos, and I said that you should write something for it. It was pretty relaxed. But Kerouac wrote the introduction. Wären Kerouac und Ginsberg nicht gewesen, wäre The Americans nicht zum Kultbuch geworden.

Dies ist das letzte Photo in The AmericansU.S. 90, en route to Del Rio, Texas, es zeigt seine Frau und seine Kinder, die er auf seinen Photoreisen häufig mitnahm, im Auto. Das Bild ist beschnitten (cropped), ein Stilmittel, das Frank häufig verwendet. Wie auch die schiefe Perspektive (die drunken horizons von denen Goldsmith sprach), ohne die das Photo vom elevator girl nicht denkbar wäre. Robert Frank war nicht der erste Photograph, der ein Guggenheim Stipendium erhielt. Vor ihm hatten Edward Weston, Ansel Adams, Walker Evans und Dorothea Lange schon ein Stipendium bekommen.

Robert Frank ist am 9. September im Alter von 94 Jahren gestorben. In manchen der Nachrufe wird er als Erfinder der street photography gefeiert. Das ist nicht ganz richtig, Ansätze dazu kann man schon bei Eugène Atget und Berenice Abbott finden. Und natürlich in Henri Cartier-Bressons Images à la sauvette. Robert Frank, Swiss, unobtrusive, nice, with that little camera that he raises and snaps with one hand he sucked a sad poem right out of America on to film, taking rank among the tragic poets of the world, hat Kerouac geschrieben. All die schönen Dinge, die jetzt in Nachrufen gesagt werden, sind richtig.

Was zu schnell vergessen wird, ist die Tatasache, dass Frank nur da weitermacht, wo die FSA Photographie aufgehört hat. Dies Photo ist nicht von Robert Frank, es ist von Dorothea Lange. Sie könnten zu diesem Thema den langen Post Dokumentarfilm lesen. Und in den Posts Margaret Bourke-White, Gordon Parks und Berenice Abbott steht auch etwas zu Franks Vorläufern. Und Jack Kerouac hat in diesem Blog natürlich auch einen Post.

Mittwoch, 11. September 2019

Vergessen


Vergessen ist vergessen wollen, sagte Professor Bondy in seiner Vorlesung. Er illustrierte den Satz mit einer kleinen Geschichte. Er hatte einer Studentin ihre Examensarbeit zurückgegeben und ihr gesagt, dass sie die noch einmal überarbeiten müsse. So wie sie sei, könne er sie nicht annehmen. Als die Studentin das Zimmer verlassen hatte, lag die Arbeit immer noch auf seinem Schreibtisch, die Studentin hatte vergessen, sie mitzunehmen. Curt Bondy war schon emeritiert, aber er las immer noch in gut gefüllten Hörsälen. Ich schrieb eifrig mit, auch den Satz Vergessen ist vergessen wollen. Bondy hatte gleich in der ersten Vorlesung gesagt, dass er ein Freudianer sei, auch wenn das zur Zeit nicht in Mode sei. Vielleicht war das eine Anspielung auf seinen Nachfolger Peter R. Hofstätter, der bei den Studenten nicht so beliebt war.

Zumal auch das Gerücht umlief, dass der ein Nazi gewesen war. Zwei Jahre zuvor hatte Hofstätter, in der Zeit einen Artikel mit dem Titel Bewältigte Vergangenheit? veröffentlicht, in dem er eine Generalamnestie für alle Verbrechen Nazideutschlands zu fordern schien. Die Redaktion stellte dem Artikel folgendes voran: Zur Veröffentlichung seiner Fragen haben wir uns nach einigem Zögern entschlossen. Die Gefahren liegen auf der Hand. Der Artikel ist von der Art, bei der – wie Erfahrung lehrt – statt des Ganzen einzelne Sätze wirken, die dann empört abgelehnt oder mit Beifall von der falschen Seite begrüßt werden können. Auch sind wir nicht in der Lage, uns Hofstätters Schlußfolgerungen zu eigen zu machen. Aber daß seine Fragen gestellt werden – das scheint uns wichtig.

Der Artikel wurde als Skandal empfunden, zumal Hofstätter in einem Interview die These vertrat, Hitler habe den Juden den Krieg erklärt – Konsequenz: Die getöteten Juden sind ‚gefallen‘, nicht ermordet worden –, eine Amnestie für NS-Verbrechen sei notwendig. Ähnliches sagte er auch in einem Leserbrief an die Deutsche National Zeitung, der er auch ein Interview gab. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wäre da ganz anderer Meinung gewesen. Wie tief kann man als Ordinarius fallen, wenn man die Nähe zur Deutschen National Zeitung sucht? Der Herausgeber der Zeit, Rudolf Walter Leonhardt, nahm mit einem langen Artikel Der Fall Hofstätter: Notwendiger Widerspruch – Verständliche Empörung – Unkontrollierte Hysterie zum Fall Hofstätter Stellung. Es wurde mit keinem Wort erwähnt, dass Hofstätter Mitglied der NSDAP und österreichischer Heerespsychologe gewesen war.

Die Hamburger verfuhren etwas seltsam mit der Besetzung ihrer Lehrstühle. Erwin Panofsky war 1933 von den Nazis entlassen worden. 1947 berief man das ehemalige SA- und NSDAP Mitglied Werner Schöne auf die Professur für Kunstgeschichte, der noch wenige Jahre zuvor geschrieben hatte: Sozialistische Gedankengänge waren mir immer fremd, die weiche Politik der Republik gegenüber dem Ausland habe ich gehasst. Ich war und bin ausgesprochener Antisemit . . . Auch in der Kunstgeschichte war mir das jüdische Element zuwider.

Wir sind 1965 in einer seltsamen Zeit. In meinem Heimatort finanziert der Ziegeleibesitzer Fritze Thielen die NPD, deren erster Bundesvorsitzender er wird. Seine Tochter ist damals aus dem Elternhaus ausgezogen, ich habe sie dafür bewundert. Alles schien irgendwie wiederzukommen. Ich studierte damals keine Psychologie, aber ich hörte Bondys Einführung in die Psychologie. Zum einen hörte ich die Vorlesung, weil er ein berühmter Mann war, ich habe damals auch die Vorlesung von Carl Friedrich von Weizsäcker besucht. Gerhard Maletzke hat auf die Frage, in wieweit sein Lehrer Curt Bondy ihn beeinflusst habe, geantwortet: Bondy hat mich menschlich sehr geprägt. Er hatte ein grundgütiges Herz und besaß viel Güte und Weisheit. Er war allerdings kein hundertprozentig echter Wissenschaftler. Was immer das heißen soll. Mir reichte das, was Bondy vortrug, durchaus aus. Ich habe von der Vorlesung nichts vergessen. Auch nicht die nette Frau, die immer neben mir saß. Die hatte einen Job beim Spiegel und brachte mir jede Woche ein kostenloses Exemplar mit.

Ich hörte Bondys Einführung in die Psychologie auch deshalb, weil man noch in andere Fächer als die eigenen hineinschnupperte. Ich habe jahrelang Romanistik Vorlesungen gehört, obgleich ich das Fach nicht studierte. Aber damals empfahlen die Rektoren der deutschen Universitäten den Erstsemestern, auch Lehrveranstaltungen außerhalb ihrer Fächer zu besuchen. Das studium generale war nicht nur ein leeres Schlagwort. So etwas ist heute undenkbar. Die Bachelor-Master Studiengänge haben Module und credit points und sind eine Verschulung und Verflachung der Universität. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr zu erleben brauche. Bondy benutzte uns 1965 in gewisser Weise als Versuchskaninchen, denn zwei Jahre später erschien seine überarbeitete Vorlesung als Buch bei Ullstein. Die Einführung in die Psychologie erlebte 16 Auflagen.

Curt Bondy kam aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Hamburger Familie. 1914 begann er sein Medizinstudium in Kiel, das er aber abbrach, als er Soldat wurde. Freiwillig, genau wie mein Opa. Bondy studierte nach dem Krieg in Hamburg Philosophie und Psychologie und promovierte 1921 als erster Doktorand bei William Stern, dem Mitbegründer der Hamburger Universität. Er arbeitete nach seiner Habilitation im Jugendstrafvollzug, leitete später eine Jugendstrafanstalt in Eisenach und unternahm Reformversuche im Bereich der Resozialisierung von Jugendlichen. Die von ihm initiierten reformpädagogischen Experimente auf Hanöhfersand galten als bahnbrechend. Er wurde 1936 der Leiter des Lehrguts Groß Breesen (hier mit seinem Pferd Edgar in Groß Breesen), wo Jugendliche auf die Auswanderung vorbereitet werden sollten.

1938 kam er mit seinen Schülern in das KZ Buchenwald, konnte aber dank internationaler Hilfe zusammen mit den Schülern wegen der geplanten Emigration freikommen. Er emigrierte über England und Holland nach Amerika und wurde Professor am renommierten College of William and Mary in Williamsburg, Virginia. Ein Teil seiner Schüler konnte in Richmond auf der Farm unterkommen, die William Thalhimer auf Bondys Anregung angelegt hatte. 1949 nahm Bondy den Ruf auf den Lehrstuhl in seiner Heimatstadt an. Viele hatten nicht geglaubt, dass er zurückkehren würde, aber der Wiederaufbau des Psychologischen Instituts der Universität Hamburg wurde jetzt sein Lebenswerk. Er führte es, wie es in einem Bericht über 100 Jahre akademische Psychologie in Hamburg heißt, danach von 1952 bis 1959 als erster Nachkriegsordinarius für Psychologie beeindruckend schnell zu neuer Größe.

Ich überlegte mir das ganze Semester, wie die Herren Bondy und Hofstätter wohl miteinander umgehen würden. Als Bondy Hofstätter nach Hamburg holte, wusste er vielleicht nichts von Hofstätters Vergangenheit. Für ihn war Hofstätter ein Schüler von Karl Bühler, und der war ja auch emigriert. Doch spätestens nach dem Artikel in der Zeit hätten Bondy erste Zweifel kommen müssen. Vielleicht war er deshalb in seinem Institut noch derart aktiv, damit es ein Gegengewicht für Hofstätter gab. Ich hatte von Hofstätter das Buch Gruppendynamik: Die Kritik der Massenpsychologie gelesen, das bei Rowohlt in der Reihe Rowohlts deutsche Enzyklopädie erschienen war. Es war frei von nationalsozialistischem Gedankengut.

Ich las damals alles aus der rde Reihe, was ich in die Finger kriegte. Eine Suhrkamp Kultur, von der später jeder reden würde, gab es noch nicht, die rde Reihe war der intellektuelle Olymp. Die beiden Bände von Gustav René Hocke über den Manierismus erschienen mir als das Beste der Reihe. Ich habe mir später auch noch Bondys Einführung in die Psychologie gekauft, aus reiner Nostalgie. Im letzten Jahr ist bei dem Hentrich & Hentrich Verlag in Berlin in der Reihe Jüdische Miniaturen ein schönes kleines 90-seitiges Buch von Susanne Guski-Leinwand erschienen, das die Lebensleistung von Curt Bondy würdigt.

Über Hofstätter wissen wir inzwischen auch mehr. Das verdanken wir dem Lehrer und ehemaligen Hamburger Bürgerschaftsabgeordneten Dr Hans-Peter de Lorent, der in 180 Biographien dargestellt hat, wie sich die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen während der Naziherrschaft verhielten. Die drei Bände von Täterprofile hat die Hamburger Landeszentrale für politische Bildung dankenswerterweise online gestellt (Band 1, Band 2 und Band 3). Peter R. Hofstätters Biographie findet sich in Band 2.

Dies hatte ein ganz anderer Post werden sollen. Den Titel Vergessen hatte ich gewählt, weil ich etwas wirklich vergessen hatte. Der erste Absatz mit dem Vergessen ist vergessen wollen war geschrieben, bevor das Ganze außer Kontrolle geriet. Ich kam von Bondy auf Hofstätter, und da war ich bei dem Thema, zu dem ich eigentlich nicht wollte, das man aber nicht vermeiden kann. Und auch nicht vergessen sollte. Worüber ich eigentlich schreiben wollte, das war ein altes schwarzes Schulheft aus den sechziger Jahren, das ich beim Aufräumen fand. Christine stand vorne drauf, und in dem Heft waren Skizzen zu einer Erzählung über eine Frau, die ich Christine genannt hatte. Ich erinnere mich an sie, sie war blond und hatte kleine Strähnchen im Haar, sie legte den Kopf immer etwas schief. Sie sprach sehr leise, man musste nahe an sie heranrücken. Das alles weiß ich noch. Aber alles andere, das in diesem Heft stand, das hatte ich vergessen.

Es ist manchmal ganz gut, dem anderen Ich zu begegnen, das man einmal gewesen ist. Das sagt auf jeden Fall Joan Didion in ihrem Essay On keeping a notebook: It all comes back. Perhaps it is difficult to see the value in having one’s self back in that kind of mood, but I do see it; I think we are well advised to keep on nodding terms with the people we used to be whether we find them attractive company or not. Otherwise they turn up unannounced and surprise us, come hammering on the mind’s door at 4 a.m. of a bad night and demand to know who deserted them, who betrayed them, who is going to make amends. We forget all too soon the things we thought we could never forget. We forget the loves and the betrayals alike, forget what we whispered and what we screamed, forget who we were.

Und irgendwann schreibe ich über diese blonde Frau, die ich Christine genannt habe. Das werde ich nicht vergessen.

Sonntag, 8. September 2019

501


Vor 120 Jahren starb der Berliner Maler Wilhelm Amberg. Als ich den vor Tagen in der Wikipedia suchen wollte, gab es das Internetlexikon plötzlich nicht mehr. Es war das Opfer einer Cyberttacke geworden. Also nahm ich die Deutsche Biographie, wo man erfährt: A. war 1839-42 Schüler der Berliner Akademie unter W. Herbig und Atelierschüler von  K. Begas. In Paris studierte er bei  Léon Cogniet bis 1845; es folgte ein ausgedehnter Studienaufenthalt in Italien. Nach Berlin zurückgekehrt, wurde A. 1863 Mitglied der Akademie. Anfangs bevorzugte er mythologische Motive und Porträts, später Genrebilder bald sentimentaler, bald humoristischer Art, die sich besonderer Beliebtheit erfreuten und dem Künstler mehrere Auszeichnungen einbrachten. In seinen besten, gern Themen der Rokoko- und Zopfzeit darstellenden Bildern, dominiert mehr und mehr das Landschaftliche. Einige seiner Werke zeichnete er selbst auf Stein.

Die Vorlesung aus Goethes „Werther“ im oberen Absatz gilt als eines seiner Hauptwerke. Das Bild könnte ein Bild eines anderen Malers beeinflusst haben. Es ist aus dem Jahre 1870, tut aber im Stil so, als stammte es aus der Zeit, als Goethes Werther gerade erschienen war. Dies Bild von Manet ist 1865 gemalt, es ist neu, revolutionär. Mit der neuen Kunst hat der Berliner Genremaler Wilhelm Amberg nichts zu tun. Seine Bilder werden in der Gartenlaube oder Über Land und Meer abgedruckt. Das sagt eigentlich schon alles.

Wenn junge Frauen schon in der Natur lesen, dann sollte das so wie auf diesem Bild aussehen. Aber das charmante kleine Bild ist nicht von Amberg, es ist von dem österreichischen Maler Gottfried Hofer. Der kleine Post heute heißt 501, und damit ist nicht das Jeansmodell von Levis gemeint. Nein, als ich gestern den Post Nackt in meinen kleinen Kunstblog vita brevis, ars longa stellte, sah ich, dass da fünfhundert Posts zur Kunst standen. Die stehen natürlich auch in SILVAE, sind aber bei Wordpress leichter zu finden.

Ich nehme mal an, dass die Zahlen bei Wordpress stimmen, die bei Google stimmen auf keinen Fall. So wie Wikipedia eine Cyberattacke hatte, hatte ich in den letzten Tagen eine Leserattacke. Plötzlich waren es nicht mehr die achthundert Leser am Tag, plötzlich waren es zweitausend, dann über dreitausend. Kamen angeblich alle aus Kanada. Sind aber alle wieder verschwunden. Ich habe noch ein Bild von Amberg, das glücklicherweise aus dem Rahmen der Wertherzeitbilder und des Geschmacks der Leser von Gartenlaube und Über Land und Meer fällt. Ein sommerlicher Garten in dem vornehmen Badeort Misdroy (Międzyzdroje), wo Amberg gerne mit seiner Familie im Sommer weilte. Vielleicht muss man aus Berlin herauskommen, um so etwas zu malen.

Samstag, 7. September 2019

Nackt


Ich fange mal auf einer gehobenen Ebene an, um dann in den Niederungen des deutschen Fernsehens zu versinken. Dieses Bild von Ary Scheffer wird gemeinhin als Éros et Thanatos zitiert. Wahrscheinlich, weil der Bildtitel Les ombres de Francesca da Rimini et de Paolo Malatesta apparaissent à Dante et à Virgile etwas lang ist. Sir John Henry von Schroder hat eine Version des Bildes seiner Heimatstadt Hamburg geschenkt, der Louvre und die Wallace Collection in London besitzen eine andere Version. Viele von Scheffers Zeitgenossen waren der Meinung, dass es das beste seiner Bilder war.

Das Geschehen auf Ary Scheffers Gemälde hat immer wieder das Interesse der Künstler gefunden. Dieses Bild, das die CD von Riccardo Zandonais Oper Francesca da Rimini ziert, ist von Gustave Doré. Die Geschichte von Francesca da Rimini ist einfach: eine schöne nackte Frau, Ehebruch und Mord. Wenn man so will: ein Kriminalfall. Dante hat seine Zeitgenossin in den fünften Gesang seiner Göttliche Komöde geschrieben. Da sind wir in der Hölle.

Die Kunsthalle Kiel besitzt auch eine Version des Themas. Allerdings nicht von Ary Scheffer, sondern von dem Maler Rudolf Nonnenkamp. Das Bild, das 1857 die Eröffnungausstellung zierte, hatte man vom Künstler gekauft. Lilli Martius findet das Bild nicht so großartig: Eine allzu große Anerkennung findet infolge der damaligen Überschätzung der Historienmalerei Rudolf Nonnenkamp ... Bei allem Lob der Komposition, der Erfassung des darzustellenden Gegenstandes mit „unzweifelhafter Besonnenheit und Mäßigung", wird aber doch die Frage aufgeworfen, ob die „sichere Klarheit", die man dem Bilde früher schon zur Last gelegt habe, nicht das 'Zeichen einer gewissen Mittelmäßigkeit' sei, womit die Schwächen eines anspruchsvollen Historienmalers sehr richtig empfunden worden sind.

Und da ich bei einer gewissen Mittelmäßigkeit bin, komme ich nun zum deutschen Fernsehen, wo ich in den letzten Wochen das Thema Eros und Thanatos, um es gehoben auszudrücken, mehrfach beobachten konnte. In dem Kriminalfilm Die dunkle Seite des Mondes hatte die Schauspielerin und Sängerin Anna Schäfer eine kleine Nebenrolle. Sie fiel mir sofort auf, weil ich sie schon in Dominik Grafs Kriminalfilm Zielfahnder: Flucht in die Karpaten gesehen hatte. Da war sie erst nackt, später war sie tot.

Das war in dem Tatort Die Liebe, ein seltsames Spiel nicht anders: erst nackt, dann tot. Zwei der Geliebten eines polyamor lebenden Architekten sind plötzlich tot. Anna Schäfer spielte eine Psychologin (auch polyamor): Meine Rolle ist sehr speziell und hat sehr wenig mit mir und meiner Einstellung zu Liebe und Beziehungen zu tun. Das finde ich toll an meinem Beruf - dass wir auch andere Seiten ausleben können. Das hat mir Spaß gemacht, hat Anna Schäfer in einem Interview gesagt.

In der Süddeutschen schrieb Friedemann Karig dazu: Die Polyamoren sind momentan so etwas wie die Lieblings-Freaks der Medien. Und nun hat sich also der große Tatort an den Trendsport "Polyamorie" herangetraut. Die ARD hat versucht, mit diesem Mode-Modell, das durch die Verarbeitung in Feuilleton und Kulturradio halb schlüpfrig, halb intellektuell satisfaktionsfähig daherkommt, noch ein paar Sonntagabend-Abenteurer zu locken. Erfolgreich: 8,74 Millionen Menschen haben eingeschaltet. Ein Marktanteil von 26,1 Prozent.

Für Fernsehen und Radio ist jede Form von Pornografie verboten. Im Internet ist Pornografie in Ausnahmefällen gesetzlich erlaubt. Von diesen Ausnahmefällen macht der öffentlich-rechtliche Rundfunk keinen Gebrauch, heißt es in einer Handreichung für die Redaktionen des ZDF. Da sind wir aber beruhigt. Für die ARD wird Ähnliches gelten. Dort sucht man gerade Nudisten für eine Serie namens Praxis mit Meerblick, der Ansturm scheint gewaltig zu sein. Also Pornographie: nein, nackt geht schon.

Nackte Frauen im Tatort regen heute niemanden mehr auf, erst als 2017 ein Kommissar im Bremer Tatort nackt zu sehen war, gab es viel Geschrei: Tatort - Zurück ins Licht: Kritik an nackter Haut, Sex und weniger Tabus. Aber unbekleidete Frauen sind aus den Krimis heute kaum noch wegzudenken (hier Aglaia Szyszkowitz in einer Szene aus Ein starkes Team), wahrscheinlich würde das Ganze sonst zu langweilig, die Handlungen der Krimis ähneln sich ansonsten ja alle. Als ich an der Heeresoffiziersschule war, gab es mal eine Diashow mit hunderten von Bildern von russischen Uniformen und Handfeuerwaffen.

Und weil es zu eintönig war, immer wieder eine Kalaschnikow anzuschauen, mischten die amerikanischen Offiziere, die die Show leiteten, ständig wieder nackte Pin Ups dazwischen. Da schlief niemand ein. Manchmal glaube ich, das Fernsehen arbeitet nach dem gleichen Prinzip. Über eine nackte Ingrid Steeger (hier in einer Edgar Wallace Verfilmung), die sich einen Schlitz ins Kleid macht, hat man sich in Deutschland einmal aufgeregt, die Zeiten sind vorbei. Heute serviert uns RTL eine Sendung, die Naked Attraction heißt, da reden wir mal lieber nicht drüber. Das ist meilenweit entfernt von dem dänischen Film Venus: Nackte Wahrheiten, den arte einmal gesendet hat.

Hier noch mal ein Bild aus einem Tatort, die junge Dame ist noch nicht ganz nackt, aber gleich ganz tot. Die Krimis scheinen der letzte Zufluchtsort für die Nacktheit im TV zu sein. Der Medienkritiker Tilmann T. Gangloff hat bei den Sendeanstalten einen neuen Konservatismus festgestellt. Alles Unsinn, sagt Christine Strobl von der Degeto: Es gibt keinen neuen Fernseh-Puritanismus, das ist Nonsens. Nacktheit findet ganz selbstverständlich statt, wenn sie erzählerisch Sinn macht. Nacktheit des Tabubruchs wegen oder aus voyeuristischen Gründen interessiert uns nicht.

Die Degeto, von der FAZ als heimliche Supermacht des Kitschfilms bezeichnet, hat einmal für Hitler den Vertrieb der Propagandafilme organisiert. Es ist sicher ein wenig gemein, an die Geschichte dieser Firma zu erinnern, aber man sollte das nicht vergessen. Heute sucht die Firma Nackedeis für die Serie Praxis mit Meerblick. Auch für den Ankauf der beliebten Eberhofer Krimis (hier Winterkartoffelknödel) war die Degeto zuständig.


Nach der Meinung des Bundesverbandes Regie ist die allgemeine inhaltliche und ästhetische Verflachung des Programms mit den Interessen der Degeto verbunden, die mittelbar ein Interesse an einer allgemeinen Trivialisierung und damit verbunden Depolitisierung des Programms zuarbeitet. Ich weiß nicht, ob der nackte Po von Lisa Maria Potthoff in Dampfnudelblues erzählerisch Sinn macht, aber auf die voyeuristischen Gründe, von denen Frau Strobl spricht, möchte ich zurückkommen.

Hier stirbt Catherine Flemming im Polizeiruf 110: Vor aller Augen nackt den Filmtod. Die junge Unternehmerin ist zuckerkrank, als sie beim Schwimmen war, hat man ihr ihre Kleidung und ihre Medikamente gestohlen. Jetzt stirbt sie auf dem Boden einer Gaststätte, und die Kamera macht uns zum Voyeur. Erzählerisch macht die Szene Sinn, aber voyeuristisch gesehen ist der Filmtod, der wie ein Sexualakt geschildert wird, an der Grenze.

Wenn die Altenpflegerin Katharina Marie Schubert sich in dem Tatort Anne und der Tod auszieht, dann macht sie das, damit ein von ihr betreuter Rentner eine kleine sexuelle Freude hat. Sie wird dabei photographiert und mit den Photos erpresst, so macht diese Szene für die Handlung durchaus Sinn. Der Stuttgarter Tatort ist außergewöhnlich, es ist eher ein Sozialdrama aus der Altenpflege als ein typischer Tatort. Claudia Tieschky schrieb in der Süddeutschen Zeitung: Es gibt vieles in diesem Tatort, das wehtut... ‚Anne und der Tod‘ aber entwickelt sich dann zu einem subtilen Psycho-Spiel mit den Sympathien des Publikums. Da wird es dann ein anständiger Krimi. 

Als ich Mörderische Dorfgemeinschaft aus der Reihe Polizeiruf 110 sah, fiel mir ein, dass ich Katharina Heyer (Bild), die da nur eine Nebenrolle hatte, schon kannte. Nämlich aus dem Psychothriller Die Frau hinter der Wand, der von der Kritik gelobt und für zahlreiche Preise nominiert wurde. Es ist ein Film, der weit weg von der Realität ist, zu der manche Krimis gefunden haben.

Wenn wir hier die Hauptdarstellerin hier kaum bekleidet in der Nähe eines Duschvorhangs sehen, dann müssen wir natürlich an Psycho denken. Und aus Hitchcocks Filmen Psycho und Rear Window ernährt sich dieser Film. Und ja, die kaum bekleidete Katharina Heyer wird am Ende in der Dusche erstochen. In Notwehr. Weil diese blonde Femme Fatale eine böse Mörderin ist. Über den Film schreibt Oliver Armknecht:

Natürlich ist das übertrieben, ins Groteske verzerrt, so wie der Rest von Die Frau hinter der Wand. Man hat eigentlich nie das Gefühl, es mit realen Personen zu tun zu haben, gerade Florian Panzers Darstellung würde als Karikatur durchgehen. Auch wenn wir hier nie ins Fantastische abgleiten, so wirklich fühlte man sich hier der Realität gegenüber nicht verpflichtet. Nachvollziehbar ist hier nur wenig, man merkt schon deutlich, dass es hier um die Seltsamkeit der Seltsamkeit willen ging. Die Geschichte selbst rückt da eher in den Hintergrund und nicht alles, was während der gut anderthalb Stunden passiert, erfährt zum Ende eine Aufklärung. 

Die Nachbarin der Femme Fatale in Die Frau hinter der Wand heißt Schaffrath, ich glaube, das erlaubt sich der Regisseur einen kleinen Scherz. Denn das ist der Familienname einer Blondine, die als Gina Wild im Pornogeschäft berühmt wurde. Sie ist auch in dem ersten Tatort aus Münster zu sehen, in dem der Kommissar Thiel seine Arbeit aufnimmt.

Ich komme von den nackten Frauen in deutschen Krimis noch einmal auf den Anfang zurück, zurück zur Kunst. Auch das hier sind Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, auch wenn man Rodins Plastik gemeinhin als Le Baiser kennt. Diese Plastik findet immer Beachtung, aber im Louvre gehen die meisten Besucher achtlos an dem Bild von Ary Scheffer vorbei, die Kunsthalle Kiel versteckt ihren Nonnenkamp im Magazin. Den ersten Film über die beiden ermordeten Liebenden kann ich ihnen hier auch anbieten, ist garantiert jugendfrei, da sie nicht nackt sind.

Mittwoch, 4. September 2019

Fehlkäufe


Joachim Kühn ist in diesem Jahr fünfundsiebzig geworden, er ist einer der wenigen deutschen Jazzer mit Weltgeltung. In Perugia ist er in diesem Jahr zum ersten Mal aufgetreten. Man hat ihn da gerne gesehen. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Keith Jarrett, der vor Jahren das Publikum dort wüst beschimpft hat: I don't speak Italian, you said, "but get someone who speaks English to tell you—turn those f***ing cameras off now... I reserve the right to walk off stage at any time if I see anyone taking pictures, and that goes for Jack and Gary too. If you see anyone with a camera, you have the right to take it off them... somebody tell those a**holes to put away their f***ing cameras... I see that red light there, and that means you, you, you... Er wurde erst einmal nicht mehr eingeladen, und Daniel Biro schrieb ihm einen offenen Brief. Das hier auf dem Photo ist natürlich Joachim Kühn, von Keith Jarrett gibt es heute kein Photo.

Ist er wirklich so gut, dass er sich dieses Benehmen erlauben kann? Der Auftritt in Perugia war ja nicht das einzige Mal, dass er aus der Rolle fiel. Ich habe hier einen schönen Post aus dem Blog der Zeit, der Wie ich Keith Jarretts Feind wurde heißt. Pianisten wie Glenn Gould und Arturo Benedetti Michelangeli galten als exzentrisch, aber haben sie jemals ihr Publikum angepöbelt? Wenn ich die beiden im Zusammenhang mit Jarrett nenne, dann tue ich das, weil Keith Jarrett sich auch an das klassische Programm herangemacht hat. Er hat Mozart gespielt, aber das sind CDs, die man wirklich nicht braucht. Das können alle anderen Pianisten besser, selbst Glenn Gould, der Mozart nicht besonders mochte.

Es wird häufig gesagt, dass Jazzmusiker ihr Instrument technisch besser beherrschen als normale Berufsmusiker in einem Orchester. Der amerikanische Schriftsteller Ralph Ellison, der viel über Jazz geschrieben hat, hat dazu gesagt: These jazzmen, many of them now world-famous, lived for and with music intensely. Their driving motivation was neither money nor fame, but the will to achieve the most eloquent expression of idea-emotions through the technical mastery of their instruments (which, incidentally, some of them wore as a priest wears the cross) and the give and take, the subtle rhythmical shaping and blending of idea, tone... Allein, diese technical mastery of their instruments bezieht sich auf ihre eigene Musik, ihre Improvisationen, nicht darauf, dass sie die Noten einer fremden Komposistion spielen. Der Satz Schuster, bleib bei deinen Leisten hat schon etwas für sich.

Es gibt Ausnahmen, Mozarts Werke für Klarinette von Benny Goodman wären ein Beispiel, auch wenn das Klarinettenkonzert bei ihm ein klein wenig jazzig klingt. Keith Jarrett ist nicht Benny Goodman (der übrigens sehr viel klassische Musik aufgenommen hat), er ist Keith Jarrett. Und in den Augen seiner Fans ist er ein Genie. Ende der achtziger Jahre hat sich Jarrett auf Bach gestürzt, 1987 erschien bei ECM das Wohltempierte Klavier (I), 1989 kamen die Goldberg Variationen und 1990 das zweite Buch vom Wohltempierten Klavier. Und gerade hat die Firma ECM (die ich schon in dem Post Candy Dulfer erwähnt habe) etwas beinahe Vergessenes aus dem Archiv geholt, nämlich einen Live Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahre 1987, bei dem ihr Hauspianist das Wohltemperierte Klavier spielt.

Er spielt es ohne die Verzierungen, und die Darbietung ist technisch nicht besonders gut aufgenommen. Die Decca hat so etwas schon in den 50er Jahren besser gekonnt. Man muss den Lautstärkeregler des Verstärkers schon ein wenig nach oben schieben, um den Meister zu hören. Ich nehme an, dass vor 32 Jahren einige Hörer bei dem Konzert eingeschlafen sind, ich fürchtete beim Anhören, dass Keith Jarrett einschläft. Ich habe mir die beiden CDs jetzt dreimal angehört und frage mich, warum ich sie gekauft habe. Diese Frau hier ist schuld, das weiß ich. Das ist Charlotte Oelschlegel, die bei NDR Kultur neo immer wieder den Spagat zwischen Klassik und Moderne versucht. Die hat letztens kurz vor Mitternacht ein Stück aus der Live Aufnahme im Programm gehabt, und in der Dunkelheit der Nacht und kurz vorm Einschlafen klang das toll. Ich beschloss, Keith Jarrett noch einmal eine Chance zu geben.

Er hat sie gehabt. Und verspielt. Nach dreimaligem Hören habe ich Rosalyn Tureck aufgelegt. Ich hatte die Lautstärke noch nicht wieder eingeregelt und war richtig erschrocken, wie dynamisch und wunderbar Bach klingen kann, das hatte nichts mehr von der wohltemperierten Jarrettschen Fahrstuhlmusik an sich. Und wenn man Johann Sebastian Bach, der ja eigentlich immer Jazz geschrieben hat, einmal richtig groovy haben will, dann kann man immer noch Jacques Loussier auflegen. Eine Internetquelle wie Jazz Echo findet Jarrett toll, aber als ich das las, hatte ich das Gefühl, dass der Artikel von der ECM Werbeabteilung geschrieben war. Und Martin Hoffmeister vom MDR verstieg sich zu dem Satz: Jarretts Bach ist ausschliesslich der eminenten Faktur, der Pureness der Werke verpflichtet. Das klingt ein bisschen so wie Jil SandersMan muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils. Der Satz wäre bestimmt auch für Jarrett gut.