Samstag, 18. Mai 2019

Delmenhorst


Die Könige von Dänemark waren mal Grafen von Delmenhorst. Aber ich glaube, sie haben diesen Titel aufgegeben. Die englischen Könige behaupten ja auch nicht mehr, Könige von Frankreich zu sein. George III hat das aufgegeben. Einen Fürsten von Recklinghausen gibt es aber heute immer noch. Delmenhorst ist ein furchtbares Kaff, ich weiß das, ich war da als Soldat stationiert. Meine Kaserne wird in dem vielgelesenen Post Uniformen erwähnt. Allerdings scheint man in Delmenhorst auch wohnen zu können. Denn letztens hörte ich auf NDR Blue jemanden singen:

Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist
und das ist immer Delmenhorst
Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut
und wo zu sein, wo du nie warst

Hinter Huchting ist ein Graben,
der ist weder breit noch tief
und dann kommt gleich Getränke Hoffmann
Sag‘ Bescheid, wenn du mich liebst

Huchting ist ein Stadtteil von Bremen, hart an der Landesgrenze. Die Geschichte ist die eines selbst gewählten Exils, die Verlängerung unseres Stücks Weißes Papier. Da heißt es am Ende: „Am liebsten wär’ ich auf einem anderen Stern, wo mich nichts an dich erinnert.“ Das kann eben auch Delmenhorst sein, hat Sven Regener gesagt. Er hat Delmenhorst geschrieben, im Jahr davor hatte er den Roman Neue Vahr Süd veröffentlicht (der hier schon erwähnt wird), der ein Kultbestseller wurde. Wenn Sie die Gruppe Element of Crime kennen, dann wissen Sie natürlich, dass das sich ihr Song Delmenhorst auf der CD Mittelpunkt der Welt (2005) findet. Delmenhorst ist einfach eine Stadt, die man nicht groß auf dem Zettel hat. Deshalb war es reizvoll, diese Stadt poesiefähig zu machen, hat Regener, der die Texte für die Band schreibt, gesagt. Er hat auch über Delmenhorst gesagt: Die haben Sarah Connor. Aber wir haben James Last.

Die Stadt an der Delme ist durch das traurige Liebeslied Delmenhorst poesiefähig geworden. 'Delmenhorst' von Element of Crime ist ein Liebeslied, das sich gegen Gefühlsduselei und lyrische Sprache sträubt. Das Ergebnis ist ein Meisterstück der Poesie als Selbstverteidigung, und: Der ... Song ist ein sehr eigenwilliges Liebes-, Liebeskummer- oder vielleicht auch Selbstliebeslied, kann man im FAZ Blog in ihrer Pop-Anthologie lesen. Ein hervorragender Post. Und das in der FAZ, man kann sich nur wundern. Zur Zeit von Reich-Ranicki hätte es so etwas nicht gegeben.

Es ist eigentlich eine erstaunlich Sache, dass häßliche kleine Provinzkaffs in die Popkultur wandern. Also zum Beispiel Twistringen, wo die Delme entspringt. Zu dem Ort gibt es auch ein Lied, wo es im Refrain heißt:

Perle, du in Niedersachsen,
Stätte schönster Fröhlichkeit,
Twistringen, ans Herz gewachsen
Bist du mir in aller Zeit.

Das würde die Gruppe Element of Crime natürlich nicht singen. Wenn man aus Twistringen kommt, das die Bewohner auf Platt Twustern nennen, will man da raus. Wie Reinhold Beckmann oder Brigitte Seebacher-Brandt. Oder May Spils, die da nach dem Abitur weg war. Wurde in München berühmt, weil sie Zur Sache Schätzchen mit Uschi Glas gedreht hat.

Mittwoch, 15. Mai 2019

Pflastersteine


Der nordfriesische Dichter, Maler und Revolutionär Harro Harring starb am 15. Mai 1870 im Exil in Saint Helier auf Jersey. Victor Hugo, selbst Exilant auf einer Kanalinsel, nannte den Friedhof der Flüchtlinge unser Westminster und St. Denis. Harro Harring hat in diesem Blog schon seit 2010 einen Post, dem ich heute noch einige Dinge hinzufügen möchte. Das eine sind seine mehrbändigen Reisebeschreibungen Rhonghar Jarr: Fahrten eines Friesen in Dänemark, Deutschland, Ungarn, Holland, Frankreich, Griechenland, Italien und der Schweiz; vier Bände nebst einem Vorläufer, die man im Internet lesen kann. Wenn ich auf einen Netzfund wie Rhonghar Jarr hinweise, möchte ich Harrings Tragikomische Abenteuer eines Philhellenen mit dem schönen Vorwort von Heinrich Conrad nicht auslassen. Das andere ist die Biographie von Peter Matthews Harro Harring: Rebell der Freiheit, die war 2010 als ich den Harro Harring Post schrieb, noch nicht erschienen. Wenn auch der romanhafte Stil etwas stört, ist es aber das Beste, was derzeit zu Harring auf dem Markt ist. Und es ist auch ein Buch, das allen Facetten des Nordfriesen Harring gerecht wird. Das Buch Harro Harring, der Friese von Thusnelda Kühl aus dem Jahre 1906 war schon bei seinem Erscheinen keine sichere Quelle.

Karl Marx hat Harring gehasst, er hat keine Gelegenheit ausgelassen, ihn zu verhöhnen. Sie können das Bösartigste in dem Post Harro Harring lesen. Wir vergessen Karl Marx einmal einen Augenblick und wenden uns anderen Quellen zu. Harring galt als gescheiterter Wirrkopf – bis der Historiker Walter Grab auf ihn aufmerksam wurde und ihn als eine der erstaunlichsten Figuren im Zeitalter zwischen dem Sturz Napoleons und dem Beginn der Arbeiterbewegung bezeichnete. Mit seinem Aufsatz „Harro Harring – ein revolutionärer Odysseus der Freiheit“ gab er 1982 den Impuls zur Gründung der Harring-Gesellschaft, können wir auf der Homepage der Harro Harring Gesellschaft lesen. Und glücklicherweise ist der Aufsatz des Historikers, der der Ehrenpräsident der Gesellschaft werden wird, im Internet, Sie können ihn hier lesen.

Der Direktor der Harro Harring Gesellschaft wurde Ulrich Schulte-Wülwer, ein Kunsthistoriker, der die Flensburger Kunstsammlungen gepflegt hat und dem wir den wunderbaren Katalog Malerei in Schleswig-Holstein verdanken. So etwas hat die Kunsthalle Kiel nicht zu bieten. Unter Jens Christian Jensen ist zwar mal der alte Katalog von Lilli Martius überarbeitet worden, aber das kann man nicht mit Malerei in Schleswig-Holstein vergleichen. Als Ulrich Schulte-Wülwer in den Ruhestand ging, sagte er: Sicherlich das leidige Thema Geld. Als städtisches Museum bekommen wir keinen Pfennig vom Land wie etwa Gottorf oder die Kunsthalle Kiel. Aber ich muss in Dankbarkeit sagen, dass die Stadt Flensburg immer ihr Möglichstes getan hat, den Betrieb am Laufen zu halten.

Geld ist nicht alles. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte im letzten Jahr im Bundestag: ... Und wieder einmal war die Debatte zum Kulturetat so kurz, dass kein Abgeordneter seine Gedanken wirklich sinnvoll ausführen konnte. Kulturpolitik ist zu wichtig, um sie als Anhängsel bei der Generaldebatte zur Politik der Bundeskanzlerin mit zu behandeln. 1,58 Milliarden Euro für Kultur und Medien auf Bundesebene sind super und trotzdem, das wurde in der Debatte deutlich: Geld ist nicht alles! Dieses Bild von Harring (eine Kopie nach Wouwerman) aus dem Jahre 1820 hängt in Flensburg. In den 1820er Jahre wurde es Harring klar, dass er doch nicht zum Maler geschaffen war, später malte er nur noch, wenn er Geld brauchte. Und das brauchte er immer wieder, aber immer wieder halfen ihm andere aus. Wie zum Beispiel Victor Hugo.

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an sie zu verändern, hat Marx gesagt. Verändern wollte Harring die Welt auch, aber es ist ihm nicht gelungen. Harring hat über sich gesagt, dass er ein sentimentaler, für das bürgerliche Leben total unbrauchbarer Mensch, ein Stiefbruder des Hamlet war. Zwischen einer himmelstürmenden Hingabe an die ganze Menschheit und einer grüblerischen Beschäftigung mit dem eigenen Ich stets hin- und hergeschleudert, gelang es ihm nie, auf dem Boden der Wirklichkeit recht Fuß zu fassen, schreibt Walter Grab. Diese Bleistiftzeichnung des jungen Harring ist von dem Bildhauer Hermann Wilhelm Bissen, der den berühmten Idstedt Löwen geschaffen hat.

Man hat den Dichter Harring, der einst ein vielgelesener Autor war, nicht ganz vergessen. Als der Flensburger Professor Peter Nicolaisen die Anthologie Stimmenvielfalt: Gedichte aus Schleswig-Holstein: Vom Barock bis in die Gegenwart herausgab, enthielt der Band auch Gedichte von Harro Harring. Eins davon möchte ich heute zum Schluß zitieren:

Der Bundestag

In Frankfurt, da sitzt der deutsche Bund
Und macht Verbote auf Verbote kund!

Das wird dem deutschen Bund recht schwer –
Denn er findet gar wenig zu verbieten mehr.

Drum stöbert er emsig in jedem Mist,
Wenn nur irgend was drin zu verbieten ist.

Und nächstens wird er mächtig schrei’n:
Es darf in den Straßen kein Pflaster sein!

Denn so lang’ das Volk auf’m Pflaster geht;
Eine Waff’ ihm noch zu Gebote steht.

Ein gefährlich’ Ding; - so’n Pflasterstein!
Drum muß das Pflaster verboten sein!

Der Bundestag fürchtet sich sehr vor’m Tod,
Drum arbeitet er – an dem Pflaster-Verbot.

Dienstag, 14. Mai 2019

Doris Day ✝


Doris Day ist gestern im Alter von 97 Jahren gestorben. Mit ihrem Que Sera, Sera bin ich aufgewachsen, es geht einem ein Leben lang nicht aus dem Kopf. Doris Day hatte in diesem Blog zu ihrem neunzigsten Geburtstag schon einen Post, ich stelle den heute noch einmal hier ein.

Am heutigen Tag kann hier nur ein Text stehen. Natürlich Que Sera, Sera, Erkennungsmelodie der Doris Day Show: Doris Day wird heute neunzig. Der Song Que Sera, Sera, der wie ein Volkslied daherkommt, hat allerdings keine Wurzeln im Spanischen. Oder im Italienischen. Er wurde wurde 1956 von Ray Evans und Jay Livingston für den Hitchcock Film Der Mann, der zuviel wußte geschrieben. Ein spy thriller, der für Hitchcock ein Re-Make eines eigenen Films aus den dreißiger Jahren war. Damals allerdings noch ohne Que Sera, Sera. Die Sache mit dem Song ist ja das Beste in diesem Film, wenn Doris Day das singt, dann hat der etwas langweilige Film endlich seinen Höhepunkt.

When I was just a little girl
I asked my mother
What will I be
Will I be pretty
Will I be rich
Here's what she said to me

Que sera, sera
Whatever will be, will be
The future's not ours to see
Que sera, sera
What will be, will be

When I grew up and fell in love
I asked my sweetheart
What lies ahead
Will we have rainbows
Day after day
Here's what my sweetheart said

Que sera, sera
Whatever will be, will be
The future's not ours to see
Que sera, sera
What will be, will be

Now I have Children of my own
They ask their mother
What will I be
Will I be handsome
Will I be rich
I tell them tenderly

Que sera, sera
Whatever will be, will be
The future's not ours to see
Que sera, sera
What will be, will be
Que Sera, Sera

Aber die Herren Ray Evans und Jay Livingston haben die Phrase Que sera, sera nicht erfunden. Sie ist in der englischen Sprache schon lange vor 1956 heimisch. Sehr lange. Sie findet sich schon 1582 bei einem Sir William Teshe:

Some sorte of men contynually forecast,
and doe dyvine of thinges which maye insue,
neuer respecting what is gone and past,
but what’s to come, that deeme they wilbe true,
Though falce in fine; for why? by proofe we see,
che sara, sara, What shalbe, shalbe.


Und in dieser Zeit gelangt der Spruch auch in das Wappen der Russells, die die Herzöge von Bedford sind. Wenn Sie den Post Lord John Russell gelesen haben, dann kennen Sie diese Familie ja schon. Der Sprachwissenschaftler Lee Hartmann von der Southern Illinois University hat die Herkunft von Que sera, sera untersucht, Sie können hier seinen wirklich interessanten Artikel lesen. Und natürlich gratulieren wir Doris Day (die ja eigentlich eine halbe Deutsche ist und Doris Mary Ann Kappelhoff heißt) ganz herzlich. Vielleicht mit diesem netten kleinen Video. Die Songs, die man da hört wurden 1967 für The Love Album aufgenommen, aber erst 27 Jahre später veröffentlicht. Que Sera, Sera.

Sonntag, 12. Mai 2019

Bundesmarine


Mit gefällt (fast) alles, was Sie schreiben. Nur mit der Marine sind wir über Kreuz, aber was kann ich schon von einem “unedlen Grau des Feldes“ erwarten, schrieb mir ein Freund. Er spielte darauf an, dass ich in meinem Blog gelegentlich (wie zuum Beispiel in den Posts Unsere Marine und Minen) leicht gehässige Bemerkungen über die Bundesmarine gemacht habe. Ich muss das relativieren und erklären, ich fange mal mit diesem Schiff hier an. Sieht aus wie die Gorch Fock (die hier schon einen Post hat), segelt aber unter amerikanischer Flagge. Die USCGC Eagle kam an diesem Wochenende in Kiel an und lag auf dem Stammplatz der Gorch Fock.

Das Segelschulschiff der Bundesmarine war 1958 vom Stapel gelaufen. Die 14-jährige Ulli Kinau taufte das Schiff auf den Namen ihres Onkels Johann, der unter dem Künstlernamen Gorch Fock berühmt geworden war. Und das Ganze auf Platt: Boben dat Leben steiht de Dod, aber boben den Dod steiht wedder dat Leben. Ick döp di op den Naam 'Gorch Fock'!" Die Feier wurde allerdings davon überschattet, dass ein Jahr zuvor der Großsegler Pamir untergegangen war (lesen Sie dazu mehr in dem Post Wetter). Diese Gorch Fock ist genau genommen die Gorch Fock II, ihr Schwesterschiff liegt im Hafen von Stralsund.

Die Gorch Fock, die zwanzig Jahre jünger ist als die USCGC Eagle, segelt zur Zeit nicht. Sie liegt in Elsfleht und verbirgt sich unter den Tarpaulinmassen hinter Ursula von der Leyen. Sie ist für die Bundesmarine das Äquivalent zum Flughafen BER. Reden wir lieber nicht über den Skandal mit der Werft in Elsfleth, der den Steuerzahler Millionen kostet. Fragen wir uns lieber, warum die USCGC Eagle, die bei Blohm und Voss als Horst Wessel gebaut wurde, schwimmt und die Gorch Fock nicht. Auch die Eagle ist in den letzten Jahren in der Werft gewesen, allerdings in einer Werft, die der US Coast Guard gehörte. Da hat man Kontrolle über das, was man macht. Die vierjährige Überholung soll 28 Millionen Dollar gekostet haben, die Kosten für die Gorch Fock werden inzwischen auf 135 Millionen geschätzt.

Die Bundesmarine beschäftigt zur Zeit einen Admiral, vier Vizeadmiräle, neun Konteradmiräle und 18 Flotillenadmiräle. Hätte man nicht ein paar von denen nach Elsfleht schicken können, um die Reparaturarbeiten an der Gorch Fock zu überwachen? In dem Post Admiräle habe ich geschrieben: Echte Sorgen mache ich mir nicht, es gibt eh zu viele von der Spezies Admiral. Das hat Cyril Northcote Parkinson, dem wir die schöne Biographie The Life and Times of Horatio Hornblower und ein halbes Dutzend Seeromane verdanken, schon in seinem Buch Parkinson's Law bewiesen. Das von ihm gefundene Gesetz über die Vermehrung der Beamtenstellen kennen wir alle aus dem alltäglichen Leben. Parkinson nahm in seinem Buch dafür Statistiken der Royal Navy als Beispiel. Im Jahre 1914 hatte England 62 Schlachtschiffe, Panzerkreuzer und Kreuzer, die von 2.000 Beamten in der Admiralität verwaltet wurden. 1928 waren es nur noch zwanzig Schiffe, aber es gab mittlerweile 3.569 Beamte. Auch heute hat sich das Missverhältnis nicht geändert: vor drei Jahren kamen auf 19 einsatzfähige Kampfschiffe vierzig Admiräle und 260 Kapitäne. Man fragt sich bei solchen Zahlen immer wieder: was machen die alle?

Lassen wir mal den augenblicklichen Zustand der Bundesmarine weg, ich muss weiter zurückgehen, um meine leichte Aversion gegen die Marine zu erklären. Niemand aus meiner Klasse ist zur Marine gegangen, selbst Dirk H. nicht, dessen Vater in dritter Generation eine kleine Werft besaß. Manche verweigerten den Wehrdienst, andere wie Gert Börnsen zogen nach Berlin, um der Einberufung zu entgehen. Der Rest ging zum Heer oder zur Luftwaffe, aber nicht zur Marine. Sie besaß kein Ansehen. In dem kleinen Kaff, aus dem ich komme, arbeiteten Werften wie Lürssen und Abeking und Rasmussen damals für die Bundesmarine. Bauten Schnellboote, den Tender Neckar, Korvetten und solche Dinge. Aber die Werftarbeiter ließen die jungen Marineoffiziere nicht ans Ruder, wenn es um schwierige Manöver ging. Nicht solange das Schiff noch nicht abgenommen war. Kapitän Ernst Biet hat mir mal erzählt, dass er bei der Übergabe eines Schiffes an die Bundesmarine sofort auf dem begleitenden Schlepper war, wenn der Kaleu das Schiff übernommen hatte. Und es kurz danach mit Aplomb in Bremerhaven gegen die Columbuskaje setzte.

Ich wäre dazu prädestiniert gewesen, die Marine zu lieben. Unserem Haus gegenüber stand eine Villa, auf deren Steintafel über dem Eingang stand: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. Ohne Duckwitz, der Rudolf Brommy zum esrten deutschen Admiral machte, hätte es die deutsche Marine vielleicht nicht gegeben. Es wäre ein Grund für die Bundesmarine gewesen, bei Jubiläen mal eben eine Abordnung von Marinesoldaten vor die Villa zu stellen. Bei der Royal Navy hätte man so etwas gemacht. Wir aber haben keine Traditionspflege, das ist zu bedauern.

Meine Eltern waren mit vielen Kapitänen befreundet. Die eigene Schiffe hatten oder wie Ernst Biet Ozeanriesen des Norddeutschen Lloyds befehligten. Master next to God. Beinahe alle Kapitäne, die meine Eltern kannten, waren im Zweiten Weltkrieg Marineoffiziere gewesen. Hermann Bögel hatte ein Ritterkreuz bekommen, hat das aber nie erzählt. Hein Janssen (den ich mal in der Nacht von Holland nach Bremen fuhr) war auf dem U-Boot U 55 gewesen und in englische Kriegsgefangenschaft geraten. In den fünfziger Jahren bekam er sogar einmal Besuch von Admiral Dönitz, Traditionspflege der anderen Art. Dönitz wusste, wo Vegesack war, schließlich waren hier auf dem Bremer Vulkan seine U-Boote gebaut worden.

Ernst Biet, der schon im Ersten Weltkrieg auf U-Booten gefahren war, kommandierte im Zweiten Weltkrieg als Kapitän zur See der Reseve den Minenleger Ulm (hier mit Tarnanstrich), der von der HMS Onslaught versenkt wurde. Biet war der letzte, der von Bord ging, aber der erste, den die Engländer auffischten. Er hatte ja noch versucht, der HMS Onslaught zu entgehen und sogar die amerikanische Flagge hissen lassen, um die Engländer zu täuschen. Über das Schiff und die Besatzung war er nicht glücklich, der Minenleger Ulm war nämlich eigentlich ein Bananenfrachter, der in kürzester Zeit zu einem Behelfskriegsschiff umgebaut worden war.

Bis auf den Kap Hornier Hugo Gottsmann, der ein Schulschiff kommandierte und mir das Segeln beibrachte, der ein wenig verschlossen war, haben mir diese Männer, deren ganzes Leben die See war, vieles erzählt. Sie erzählten diese Geschichten nicht jeden Tag, sie prahlten nicht mit ihrem Krieg. Wenn ich daran zurückdenke, klang manches wie eine Lebensbeichte. Ein Versuch, einem Jüngeren diese Vergangenheit zu erklären. Ich weiß es nicht. Ich ging bei ihnen ein und aus und durfte auch mal auf ihren Schiffen mitfahren, was eine tolle Sache war, wenn man jung ist. Aber es hat mich nie zur Marine gezogen, darüber habe ich wohl schon etwas gesagt, als ich über Schnellboote schrieb. Ich glaube da steht auch drin, dass bei dem einzigen Mal, als ich auf einem Minenräumer mitgefahren bin, ein junger Leutnant zur See das Ding in Bremerhaven mit einem Krach gegen die Hafenmauer gesetzt hat. Nach dem, was mir Käpt'n Biet zuvor über die mangelnden nautischen Fähigkeiten der jungen Bundesmarineoffiziere erzählt hatte, fand ich das ganz passend.

Ernst Biet, der Charatan Pfeifen rauchte, weil er Dunhill zu prollig fand, hatte für die Bundesmarine kein gutes Wort übrig. Die Kapitäne Hein Janssen, Hermann Bögel und Jan Kampen auch nicht. Mit ihren Meinungen bin ich aufgewachsen, und wenn ich mich umschaute, gab es nichts, was der Bundesmarine einen Glanz verlieh. Und deshalb mache ich manchmal spöttische Bemerkungen. Was einem heute natürlich, wenn man an die Einsatzfähigkeiten von U-Booten, Fregatten und der Gorch Fock denkt, ganz leicht fällt.

Freitag, 10. Mai 2019

der goldene Nagel


Vor 150 Jahren treffen sich zwei Lokomotiven im Box Elder County in Utah. Die eine war die No. 119 der Union Pacific, die andere die Lok No. 60 der Central Pacific. Damit war die transkontinentale Eisenbahnlinie quer durch Amerika vollendet. Man schlug einen goldenen Nagel ein. Dass es so lange gedauert hatte, bis man dieses Schienennetz vollendet hatte, hat etwas mit dem Bürgerkrieg zu tun. In dem man aber auch gesehen hatte, wie wichtig Eisenbahnlinien waren. Ohne den genialen Eisenbahningenieur Hermann Haupt hätte der Norden den Krieg vielleicht nicht gewonnen.

Die Eisenbahn verändert die Welt. Der Klassiker zu diesem Thema bleibt die Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert von Wolfgang Schivelbusch, auch wenn er nicht so furchtbar viel zu den amerikanischen Eisenbahnen sagt. Aber die Bücher des Kulturhistorikers Schivelbusch sind (mit Ausnahme seines Buch über den amerikanischen Bürgerkriegs) immer ein Leseerlebnis. Ein Nebenprodukt der Eisenbahnen sind die Eisenbahneruhren, Chronometer von erstaunlicher Präzision. Lesen sie dzu mehr in dem Post Illinois Bunn Special.

Im Golden Spike National Historical Park wird man heute feiern, Parkplätze gibt es schon keine mehr. Wahrscheinlich wird man nicht über die Vertreibung der Indianer reden, nicht über Buffalo Bill, der aus dem Eisenbahnwaggon tausende von Büffeln schießt. Nicht über die Vernichtung der Natur. Das Bild American Progress von John Gast ist drei Jahre nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn gemalt worden, alles, was Amerika damals bewegt, ist auf dem Bild zu sehen.

So ganz großartig war die Zeremonie am 10. Mai 1869 nicht gewesen, wenn man diesem Bericht glauben darf: And now, the crowd - mostly Irish and Chinese laborers who had borne the brunt of the work - pushed close. "Gentlemen," said Leland Stanford, president of the Central Pacific, "with your assistance we will proceed to lay the last tie, the last rail, and drive the last spike." With great pomp, Stanford picked up a silver-headed sledge-hammer, lifted it over his head, aimed at a gold spike, and swung with all his might…only to miss! The Irish and Chinese workers howled. Stanford was getting a taste of just how hard it was to build a railroad. Now Thomas Durant, the vice president of the Union Pacific, took up the sledgehammer, and swung a mighty blow. He missed as well. As a worker was hastily summoned to pound in the final spike, a telegrapher sent the signal to the nation: "It's done!"

Zur Feier des Tages gibt es hier heute ein Gedicht von Bret Harte, dem Autor der berühmten Kurzgeschichte The luck of Roaring Camp. Das Gedicht heißt What the Engines Said und hat den Untertitel Opening of the Pacific Railroad:

What was it the Engines said,
Pilots touching,—head to head
Facing on the single track,
Half a world behind each back?
This is what the Engines said,
Unreported and unread.

With a prefatory screech,
In a florid Western speech,
Said the engine from the West,
"I am from Sierra's crest;
And, if altitude 's a test,
Why, I reckon, it 's confessed,
That I 've done my level best."

Said the Engine from the East,
"They who work best talk the least.
S'pose you whistle down your brakes;
What you 've done is no great shakes,—
Pretty fair,—but let our meeting
Be a different kind of greeting.
Let these folks with champagne stuffing, 
Not their Engines, do the puffing.

"Listen! Where Atlantic beats
Shores of snow and summer heats;
Where the Indian autumn skies
Paint the woods with wampum dies,— 
I have chased the flying sun,
Seeing all he looked upon,
Blessing all that he has blest,
Nursing in my iron breast
All his vivifying heat, 
All his clouds about my crest;
And before my flying feet
Every shadow must retreat."

Said the Western Engine, "Phew!"
And a long, low whistle blew. 
"Come, now, really that 's the oddest
Talk for one so very modest.
You brag of your East. You do?
Why, I bring the East to you!
All the Orient, all Cathay, 
Find through me the shortest way;
And the sun you follow here
Rises in my hemisphere.
Really,—if one must be rude,—
Length, my friend, ain't longitude."
Said the Union: "Don't reflect, or
I 'll run over some Director."
Said the Central: "I 'm Pacific;
But, when riled, I 'm quite terrific.
Yet to-day we shall not quarrel, 
Just to show these folks this moral,
How two Engines—in their vision—
Once have met without collision."

That is what the Engines said,
Unreported and unread;
Spoken slightly through the nose,
With a whistle at the close.

Mittwoch, 8. Mai 2019

Wiederholungen


Aber nicht alle drei Tage, sagte sie. Dann einmal im Monat, sagte ich. Hmmm, sagte sie. Das Hmmm war eher ein Ja als ein Nein. Wir redeten nicht über Sex. Wir redeten über das nächtliche Telephonieren. Früher haben wir mal jede Nacht telephoniert, ich höre ihre Stimme gerne, sie hat so etwas Vertrautes. Den Klang von Heimat und Jugend. Was ist die Jugend? Ein Traum. Was ist die Liebe? Der Inhalt eines Traumes. Hat Sören Kierkegaard gesagt, er hat viel zur Liebe gesagt, aber er ist mit seiner Liebe zu Regine Olsen nicht glücklich geworden. Mancher Philosoph ist durch Frauengeschichten aus seiner Bahn geworfen worden. Seltener ist es, das einer durch eine Frau überhaupt erst auf die Bahn gerät. Und dies nicht durch eine bedeutende Dame von Welt, sondern durch ein einfaches Bauernmädchen von ganzen fünfzehn Jahren. Eben dies widerfährt Sören Kierkegaard. Denn ohne Regine Olsen wäre er nicht geworden, was er geworden ist, und hätte er nicht geschrieben, was er geschrieben hat.

Wir telephonierten damals nachts, weil es bei der Post einen Nachttarif gab. Also in diesem damals, als es noch gelbe Telephonzellen gab, einen Postminister und Zinsen aufs Sparbuch. Wenn wir am selben Ort waren, brauchten wir nicht zu telephonieren. Dann konnten wir das andere tun, mindestens alle drei Tage. Irgendwann über die Jahre hörten wir auf, jede Nacht zu telephonieren; wir entglitten uns, tout doucement, sans faire de bruit. Es gab keine Nachttarife mehr und auch keinen Postminister. Man brauchte keine langen Telephonkabel mehr, es gab schnurlose Telephone. Doch bei allem technischen Fortschritt fehlte mir etwas. Ihre Stimme.

Es war noch nicht so schlimm wie in Dorothy Parkers Erzählung A Telephone Call, wo es heißt: Please, God, let him telephone me now. Dear God, let him call me now. I won't ask anything else of You, truly I won't. It isn't very much to ask. It would be so little to You, God, such a little, little thing. Only let him telephone now. Please, God. Please, please, please. Nein, so schlimm war es nicht, aber ich habe dieses Harmoniebedürfnis, das zurück möchte in den Traum der Jugend. Da bin ich wie Jay Gatsby in Fitzgeralds Roman, der Can't repeat the past? Why of course you can! sagt. Sie besitzen und Sie verlieren, das heißt, einen Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Sehnsucht erkaufen. Das ist nicht Kierkegaard, das schreibt in Les Liaisons Dangereuses der Vicomte von Valmont an die Marquise von Merteuil. Der Verbalerotiker Kierkegaard wird das Buch gekannt haben, denn sein Buch Tagebuch des Verführers erscheint wie eine Variation zu Choderlos de Laclos.

Kierkegard hat uns zum Thema der Wiederholung auch etwas zu sagen: Wiederholung ist der entscheidende Ausdruck für das, was bei den Griechen ‚Erinnerung‘ war. So wie diese damals lehrten, dass alles Erkennen ein Erinnern ist, so will die neue Philosophie lehren, dass das ganze Leben eine Wiederholung ist. Das schreibt er in Die Wiederholung, einer kleinen Erzählung, die er als einen Versuch in der experimentierenden Psychologie bezeichnet. Sie ist nichts als die philosophische Aufarbeitung seiner Liebe zu Regine Olsen, die ihn verlassen und sich neu verlobt hat.

Die Liebe der Wiederholung ist in Wahrheit die einzig glückliche, sagt Kierkegaards Erzähler Constantin Constantinus. Sie kennt ebensowenig wie die Erinnerung die Unruhe der Hoffnung, nicht die beängstigende Abenteuerlichkeit der Entdeckung, aber auch nicht die Wehmut der Erinnerung, sie hat des Augenblicks selige Sicherheit. Die Hoffnung ist ein neues Kleid, steif und stramm und glänzend, man hat es jedoch niemals angehabt, und weiß darum nicht, wie es einen kleiden wird oder wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleid, welches, so schön es ist, nicht mehr paßt, da man aus ihm herausgewachsen ist. Die Wiederholung ist ein unverschleißbares Kleid welches fest und zart sich anschmiegt, weder drückt noch schlottert.... Die Wiederholung ist ein geliebtes Eheweib, dessen man niemals leid wird.

Die Ansichten von Kierkegaards romantischem Helden Constantin werden konterkariert durch den kommentierenden ironischen Sören Kierkegaard. Zwischen Kierkegaards Bruch mit Regine und der Niederschrift von Die Wiederholung liegen zwei Jahre. Zwischen unserem nächtlichen Telephonieren und den Telephongesprächen jetzt liegen fünfzig Jahre. Je t'aimais tant, tu étais si jolie, comment veux-tu que je t'oublie? Wir wissen, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können. Doch was immer das Hmmm damals bedeutete, wir telephonieren wieder. Nicht alle drei Tage. Aber immer nachts. Reden ist Silber, Schweigen ist Blei, niemand weiß das besser als der Autor von À la recherche du temps perdu. Das letzte Mal haben wir eine dreiviertel Stunde geredet, das Mal davor war es eine Stunde. War alles, alles wieder gut! Alles! Alles, Lieb und Leid. Und Welt und Traum! Es wäre an der Zeit, dass sie mal wieder anruft. Damit ich diese Stimme mit der leisen Ironie wieder hören kann. Sprich, damit ich dich sehe.

Sonntag, 5. Mai 2019

Frauen und Zigarren


Es ist unglaublich, wie viele Zitate es über Zigarren gibt. Die ja angeblich auf den nackten Schenkeln von kubanischen Jungfrauen gerollt werden. Fangen wir mal mit Sigmund Freud an, diese kleine Geschichte hier kennen wir alle: Die monotone Anwendung desselben Interpretations-Schemas erinnert mich an eine Geschichte, die mir ein Kollege von Sigmund Freud erzählte: auf einer Abendgesellschaft zündete sich Freud arglos eine Zigarre an. Alle Anwesenden starrten fasziniert auf diese nach Freuds Lehre mit einer eindeutig sexuellen Symbolik geladene Handlung. Freud bemerkte die allgemeine Aufmerksamkeit, die sein Tun erregte, und sagte milde lächelnd: 'Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre'. Wie es mit den schönen Geschichten so ist, die Anekdote ist leider nicht eindeutig belegt, und die Sache mit den nackten Schenkeln ist auch nur ein Mythos.

Frauen und Zigarren sind immer wieder zusammen erwähnt worden. Gebt mir die Wahl zwischen einer Frau und einer Zigarre und ich werde immer die Zigarre wählen, hat Marx gesagt. Nicht Karl, sondern Groucho. Und der Regisseur Samuel Fuller bemerkte: A woman is just a script, but a cigar is a motion picture. Ähnlich dichtet Rudyard Kipling in The BetrothedAnd a woman is only a woman, but a good cigar is a Smoke. Und wir sollten den Komiker George Burns nicht vergessen, der gesagt hat: Happiness? A good cigar, a good meal, a good cigar and a good woman - or a bad woman; it depends on how much happiness you can handle.

Karl Marx hat Kierkegaard nie gelesen. Kierkegaard seinerseits hat Marx nie gelesen. Das haben sie gemeinsam. Sie haben noch etwas gemein, sie rauchen beide gerne Zigarren. Das ,Kapital' wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht, soll Karl Marx gesagt haben. Karl Marx raucht billige Zigarren, Kierkegaard raucht diese wirklich guten, teuren Zigarren, die gerade in Mode gekommen sind und Las tres Coronas und La Paloma heißen. Rätselhaft muß man nicht allein andern sein, sondern auch sich selbst. Ich studiere mich selbst; bin ich dessen müde, so rauche ich zum Zeitvertreib eine Zigarre und denke: Gott der Herr weiß, was er eigentlich mit mir gemeint hat, oder was er aus mir machen will. Kierkegaard schreibt häufig über die Liebe, das tut Karl Marx selten. Wahrscheinlich weil er billige Zigarren raucht.

Dem Zigarrenraucher Mark Twain verdanken wir eine Vielzahl von schönen Zitaten zum Thema Zigarren. Wie zum Beispiel: Zuerst schuf der liebe Gott den Mann, dann schuf er die Frau. Danach tat ihm der Mann leid, und er gab ihm den Tabak. Zigarren können den Namen von Frauen tragen wie die Maria Mancini, die Thomas Mann in den Zauberberg hineinschreibt. Da heißt es über den jungen Hans Castorp, dass er die bürgerliche Arbeit nicht liebe, weil sie dem ungetrübten Genuß von Maria Mancini etwas im Wege war. Thomas Mann bezog seine Zigarren von der Bremer Firma Hagedorn und Söhne, die Marke Maria Mancini ist übrigens wiederbelebt worden.

Man muss sie vorsichtig behandeln. Die Zigarren und die Frauen. Mark Twain soll einmal gesagt haben, dass es sich mit den Zigarren wie mit der Liebe verhalte, wer sie nicht pflege, dem geht sie aus. Ähnliches finden wir bei Churchill: Smoking Cigars is like falling in love. First, you are attracted by its shape; you stay for its flavor, and you must always remember never, never to let the flame go out! Und damit komme ich zu meinem letzten Zitat: Love: It is like a cigar. If it goes out, you can light it again but it never tastes quite the same.

Der letzte Satz stammt von einem englischen General, einem Mann, der sicherlich nicht der typische englische General ist. Er liest Bücher und kann hunderte von englischen Gedichten auswendig. Er wird während des Zweiten Weltkriegs eine Anthologie englischer Lyrik herausgeben: 'I have gathered a posie of other men's flowers and nothing but the thread that binds them is my own.' So wrote Montaigne; and I have borrowed his title, my memory being the binding thread. This is a purely personal anthology. I have read much poetry; and since I had once a very retentive memory for verse much has remained in my head. I have had less opportunity to read poetry during these late years of war. When I do so, I find that I read the old favourites rather than fresh poets or poems; so that with failing memory it is unlikely that I shall acquire much more by heart. It amused me lately to set down in a notebook--mainly with a view to discussion with my son, who shares my liking for poetry-- the poems I could repeat entire or in great part. I have now collected and arranged the poems I set down. I did it with no idea of publication, but my son and others have suggested that the collection might appeal to a wider circle.

Sie wissen natürlich schon, weil Sie den Post Fremde Federn gelesen haben, dass von dem Feldmarschall Archibald Percival Wavell (der am 5. Mai 1883 geboren wurde) die Rede ist. Einem Mann, der sich (obwohl glücklich verheiratet) gerne mit jüngeren Frauen umgab, die Gesellschaft von Künstlern schätzte und ein halbes Dutzend Sprachen sprach. Wavell fügte in seine Anthologie ein sehr persönliches Gedicht ein, das er als a little wayside dandelion of my own bezeichnete. Und da das ein sehr schönes Sonett ist, möchte ich Ihnen das nicht vorenthalten:

Dear Lady of the cherries, cool, serene,
Untroubled by the follies, strife and fears,
Clad in soft reds and blues and mantle green
Your memory has been with me all these years.

Long years of battle, bitterness and waste,
Dry years of sun and dust and eastern skies,
Hard years of ceaseless struggle, endless haste,
Fighting ‘gainst greed for power hate and lies.

Your red-gold hair, your slowly smiling face
For pride in your dear son, your king of kings,
Fruits of the kindly earth, and truth and grace,
Colour and light, and all warm lovely things –

For all that lovelieness, that warmth, that light,
Blessed Madonna, I go back to fight.


Winston Churchil wird Other men's flowers nicht gelesen haben, er konnte den zurückhaltenden Gentleman Wavell nicht ausstehen. Erstaunlicherweise wird Churchill den Nobelpreis für Literatur bekommen, doch wenn man das genauer untersucht, hat er immer Ghostwriter gehabt. Für sein großes Geschichtswerk war das unter anderem Alan Hodge, der zusammen mit Robert Graves den Klassiker The Long Week-End geschrieben hat. Die Gedichtsammlung von Lord Wavell ist heute immer noch lieferbar.

Wenn Ihnen nach noch mehr Nikotin ist, kann ich die Posts Zigarren, Blauer Dunst und Tabac Trennt empfehlen.

Freitag, 3. Mai 2019

mal nix schreiben


Ach, das wäre schön, wenn man mal nix schreiben müsste. Wenn hier im Augenblick nichts erscheint, dann heißt das nicht, dass ich nix schreibe. Ich bastle an etwas, was vorerst geheim ist. Das Photo vom Po von Brigitte Bardot gehört auch dazu. Wenn das Ganze fertig ist, werden Sie es erfahren. Der April war nicht gut, kein Regen, keine Leser. Das sah im Poetry Month des Jahres 2018 ganz, ganz anders aus. Immerhin bekamen Lutz Rathenow und Ralf Thenior zahlreiche Leser, ansonsten Flaute. Und heute gibt es nix Neues. Lesen Sie doch etws Altes. Zum Beispiel den Post Lothar Malskat, der Maler und Kunstfälscher hat heute Geburtstag. In diesem Blog bleibt der Mann mit den Schleswiger Truthähnen, den Günter Grass in einen Roman hineingeschrieben hat, unvergessen.

Dienstag, 30. April 2019

Sylvia Plath


Es war schon dunkle Nacht. Ich lag unter der leichten hellblauen Decke, die Gabi mir geschenkt hat und hörte der Musik aus dem DAB+ Radio zu. Ich wäre eingeschlafen, wenn ich nicht diese Frauenstimme gehört hätte, die in der Dunkelheit im Stil von Leonard Cohen sang:

I've been tearing around in my fucking nightgown
24/7 Sylvia Plath
Writing in blood on the walls
'Cause the ink in my pen don't work in my notepad
Don't ask if I'm happy, you know that I'm not
But at best, I can say I'm not sad
'Cause hope is a dangerous thing for a woman like me to have
Hope is a dangerous thing for a woman like me to have

Ich dachte mir, wenn das echt ist, dann ist es gut. Aber ist dieses Hope is a dangerous thing for a woman like me to have wirklich tiefempfunden oder ist es ein Recycling des Sylvia Plath Mythos? Eine ähnliche Frage stellte sich vor Jahren auch schon der Rezensent der Zeit, als er schrieb: Mithilfe des Sozialen Netzwerks gelingt es der Künstlerin, ihr eigenes Image zu definieren, ehe die klassischen Medien ihr zuvorkommen: Eine raffinierte Mischung aus Hochkultur und Trash breitet sich so vor dem Betrachter aus; eine Welt der Bilder und Andeutungen, glamourös und todtraurig zugleich. Die Frage, ob das echt ist oder die Umsetzung eines genialen Marketing-Konzepts, bleibt vorerst unbeantwortet.

Elizabeth Woolridge Grant, die unter dem Künstlernamen Lana del Rey auftritt, ist trotz ihrer Erfolge nicht unumstritten: Here we have a woman whose ’50s nostalgia celebrates not just the glamour and craft she perceives in film noir but also the idealized sexual archetypes that still prevail in Hollywood, a woman who slips behind the mask of some weird retro persona to sing songs about being powerless before men. Her voice, all childish and pouty and sensual, admits and flaunts more vulnerability than is considered politic among stars of her caliber, and her slow, lush music packs none of the electrobeat-fueled punch that you hear blaring from the radio nowadays. It’s not that she believes in these idealized sexual archetypes, of course, not when she also sings songs about fucking her way up to the top because she wants money power glory. But when you listen to a Lana Del Rey album for the first time and hear her sighing and moaning about what a bad girl she is, you might be forgiven for thinking otherwise.

Häufig sind ihre concept videos schlichtweg peinlich. So ihr Jackie Kennedy Swan Song Video oder das JF Kennedy Video National Anthem. Die Süddeutsche schrieb dazu: 'National Anthem' beantwortet dann endlich die Frage, die sich ja bestimmt jeder schon mal gestellt hat: Wie rappt eigentlich eine Femme fatale auf Valium, und muss man das gehört haben? Die Antwort ist einfach: Von Lana Del Rey nicht, Princess Superstar hätte den Song vermutlich gerettet – vorher aber noch Verse wie 'Money ist the reason we exist/everybody knows it it’s a fact kiss, kiss' gestrichen. Der Rap ist eine ungnädige Kunst. Als Anfänger kann man eigentlich nur verlieren.

Manche Dichter werden erst berühmt, wenn sie Selbstmord begehen. Der arme Chattterton und Sylvia Plath wären Beispiele dafür, aber ein Garant für postmortalen Ruhm ist der Suizid nicht. Ich mag Sylvia Plath nicht besonders, aber da Lana del Rey sie nun schon mal besingt (der Song Hope is a dangerous thing for a woman like me to have sollte ursprünglich Sylvia Plath heißen), soll es heute ein Gedicht von ihr geben, das allerdings nicht mit Blut an die Wand geschrieben ist:

Crossing the Water

Black lake, black boat, two black, cut-paper people.
Where do the black trees go that drink here?
Their shadows must cover Canada.

A little light is filtering from the water flowers.
Their leaves do not wish us to hurry:
They are round and flat and full of dark advice.

Cold worlds shake from the oar.
The spirit of blackness is in us, it is in the fishes.
A snag is lifting a valedictory, pale hand;

Stars open among the lilies.
Are you not blinded by such expressionless sirens?
This is the silence of astounded souls.

Sonntag, 28. April 2019

Brian Brett


Der kanadische Dichter Brian Brett hat eine seltene Krankheit, die Ärzte hatten ihm gesagt, er würde keine vierzig Jahre alt werden. Aber er wird heute 69 Jahre alt, das soll uns einen kleinen Post wert sein. Kanadische Dichter sind in SILVAE keine Seltenheit, klicken Sie doch einmal den Post Québec an. Und für Marilyn Bowering gab es hier einen Geburtstagsgruß. Im Gegensatz zu Martin McGovern ist Brett in Deutschland kein Unbekannter, er hat einen Wikipedia Artikel, und er wird im September in Berlin beim Literaturfestival zu finden sein. Er lebt heute auf einer Farm, eins mit der Natur: Farming is a profession of hope.

Er hat als Journalist gearbeitet, hat Romane geschrieben, aber Dichter zu sein ist sein Hauptberuf:

Is it worth it, these words,
this gathering of energy
like a mountain storm
riding a glaciated peak?

There's so much work for a trance
sweet in the body
and hard on the brain.

A variety of sex
that's become a meal
garnished with mixed emotions.

Brian Brett hat beinahe alle kanadischen Literaturpreise erhalten. Sein Werk wurde immer wieder gelobt, sein Kollege Patrick Lane schrieb über ihn: Brett’s poetry transforms us with its richness and its passion. He is metamorphic, whether he writes of the intimacy of his lovers and friends or of the spiritual world of the land around him. He has changed us for twenty years and those changes, sometimes troubling, sometimes sweet, have always left us asking for more. Brian Bretts Gedichte kann man im Internet finden, ein Gedicht ist beinahe immer dabei. Deshalb nehme ich es auch, es heißt No Riders in the Storm:

All alone on the dreaming
highway, a single man
stares at a midnight of wheat.

These western roads lead
across a shimmering prairie
made of sundogs and heavy storms.

First, the rain; then comes the nightmare.
Hitch-hiker in a thunderhead,
you have only the night, only the rain.

Stark lightning
clacked staccato its big hammer,
and silver nails pounded the horizon.

These western roads
go nowhere, go into the storm.
Then they leave you alone,
the last bird in a blue dark world.

Freitag, 26. April 2019

Mews


Die Engländer, die nur ein einziges Kunstwort namens Brexit für ihre Abspaltung von Europa haben, haben viele Namen für Straßen. Ich zitiere mal aus einem Internet Lexikon: Wherever there is room for one object to pass another there is a way. A road (originally a rideway) is a prepared way for traveling with horses or vehicles, always the latter unless the contrary is expressly stated; a way suitable to be traversed only by foot-passengers or by animals is called a path, bridle-path, or track; as, the roads in that country are mere bridle-paths. A road may be private; a highway or highroad is public, highway being a specific name for a road legally set apart for the use of the public forever; a highway may be over water as well as over land. A route is a line of travel, and may be over many roads. A street is in some center of habitation, as a city, town, or village; when it passes between rows of dwellings the country road becomes the village street. An avenue is a long, broad, and imposing or principal street. 

Track is a word of wide signification; we speak of a goat-track on a mountain-side, a railroad-track, a race-track, the track of a comet; on a traveled road the line worn by regular passing of hoofs and wheels in either direction is called the track. A passage is between any two objects or lines of enclosure, a pass commonly between mountains. A driveway is within enclosed grounds, as of a private residence. A channel is a waterway. A thoroughfare is a way through; a road or street temporarily or permanently closed at any point ceases for such time to be a thoroughfare. Nicht dabei ist das Wort mews. Das sind im 18. Jahrhundert kleine Stichstraßen auf der Rückseite von stattlichen Häusern gewesen, wo man Pferdeställe und Scheunen hatte. Die sind heute alle zu Luxuswohnungen ausgebaut, und statt Pferden findet man da höchstens noch einen Rolls-Royce.

Sie haben das schon geahnt, dass Ihr Lieblingsblogger inzwischen so berühmt ist, dass man in London in der feinsten Gegend eine Straße nach ihm benannt hat. Den Beweis dafür können Sie hier sehen, das hat die Daniela Ostern in London netterweise für mich photographiert. Jetzt brauche ich nur noch ein Gedicht, in dem das Wort mews vorkommt.

Das habe ich natürlich. Das Gedicht heißt If the Light could Kill Us, es findet sich in dem Gedichtband Bad Fame von dem amerikanischen Dichter Martin McGovern. Das war im Jahre 2015 sein erster Gedichtband, wurde von den Kritikern und seinen Dichterkollegen gepriesen. Sein Kollege David Lazar schrieb im Vorwort: There is an unforsaken paradise in these pages, and a lot of ungodly anxiety. . . . Like Dubliners, Bad Fame darkens, deepens, darkens through its sections, understanding with Joyce the tidal pull of place that will never let us survive if we resist the current . . . the “blue snow,” not of Dublin, but of memory, of Colorado . . . this extraordinarily unique McGovern flair for the Keatonish (Buster) aside mixed with lyrical intellection, these poetic rooms with their many blue lights, direct or indirect, for us to turn on as night comes on. Martin McGovern hat keinen Wikipedia Artikel und ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Deshalb ist es mir ein Vergnügen, heute das Gedicht If the Light could Kill Us hier zu präsentieren:

Today has the shimmer of a teen movie.
Our plum tree abundantly pummels 
brick by brick the neighbors' pseudo 
neoclassical garden. That tree is 
oblivious to order. So are the alyssum 
and verbena bushes, ablaze with bees. 
You are still sleeping, flame-pink welts 
our love leaves on your almost 
too delicate skin, brazen in this light. 
Samuel Johnson is dead. And Mrs. Thrale. 
And the kind cherub of a straitjacket 
she kept closeted should reason fail him thoroughly, 
where's that deck-coat now? 
Toothed to dust? A collector's trunk?
Looped around two punks in a London mews 
tugging in the dark? On the ship of reason 
what's a mutiny? I heard, last night, 
our neighbors squabbling over love, 
heard the man leave their house and gun 
his jeep around the block for hours— 
a contagion of chaos. Night's own 
stand against us. This morning, violence 
lingers like the last touch of a season, 
a trail of colored wrappers teenagers leave, 
low-riding to road parties at the city's edge.
Only as I rise to pull the window's shade, 
do you wake, dusted and dazed, as from a fever.

Mittwoch, 24. April 2019

das gelbe Briefträgerrad


Rühmkorf steht bei mir neben Rilke, bei dem Buchstaben R drängelt es sich. Der Raabe, den ich erst im Alter entdeckte, nimmt viel Platz ein. Und dann kommt schon der Buchstabe S mit Schiller, Schmidt, Schnitzler und Stifter. Ich habe die deutsche Literatur alphabetisch geordnet, da gibt es dann schon einmal so seltsame Nachbarschaftsverhältnisse wie Rilke und Rühmkorf. Peter Rühmkorf hat mal gesagt: Ich schätze Rilke hoch, aber ich kann ihn nicht leiden! Das gefällt mir, ich mag Rühmforf lieber als Rilke, ich kann ihn immer lesen, ob es seine Tagebücher oder seine Gedichtbände sind. Und natürlich steht Über das Volksvermögen bei mir im Regal. Da ich den Dichter aus Oevelgönne schon in dem Post Alltagsleben erwähnt habe, ist es nur fair, ihn mit einem Gedicht zu Wort kommen zu lassen. Einem Liebesgedicht, das sich 1999 in dem Gedichtband Wenn - aber dann: vorletzte Gedichte findet. Da ist Rühmkorf siebzig, und er möchte auf die alten Tage / nochmals etwas machen / was nicht sofort auf Anhieb gefällt. Das ist ihm sicherlich gelungen:

Ich liebe Dich, Liebe, ich liebe,
und stündest Du jetzt in der Tür, 
ich schwöre Dir, ich verschriebe 
dem Satan die Seele dafür.

So richtig real zum Dranglauben,
mit aufgelassenem Haar,
tief hangende Goldregentrauben
wie ein Glanz vom vergangenen Jahr.

Ja, so weh geht die Jugend zu Herzen, 
so leicht zeigt der Geist sich beirrt – 
Nur schade, daß das Verschmerzen 
fast täglich beschwerlicher wird.

Eilposten hasten geschwindest
über See – über Land –
Wohl meinend, sie rührten zumindest 
einen eisernen Briefkastenrand.

Tief innen versiegelte Lieder 
(Ach, zieh sie dir ein und sei gut!) 
Fort-fort, und schon ist mir wieder 
zum Buchstabenkotzen zumut.

Denn der Rhythmus ist immer derselbe, 
und die Reime hat jedermann satt. 
Doch da sitz ich nun mal an der Elbe 
und warte wie wild auf das gelbe 
Briefträgerrad ...

Sonntag, 21. April 2019

Osterhasen


Neun Jahre im Netz, und die Ostergedichte gehen mir aus. Der beste Post zum Osterfest stand hier im Jahr 2014: ein schönes Gedicht, schöne Bilder. So etwas habe ich heute nicht, aber dafür habe ich mit dem Gedicht Der April von Erich Kästner das beste Osterhasengedicht:

Der Regen klimpert mit einem Finger
die grüne Ostermelodie.
Das Jahr wird älter und täglich jünger.
O Widerspruch voll Harmonie!

Der Mond in seiner goldnen Jacke
versteckt sich hinter dem Wolken-Store.
Der Ärmste hat links eine dicke Backe
und kommt sich ein bisschen lächerlich vor.
Auch diesmal ist es dem März geglückt:
er hat ihn in den April geschickt.

Und schon hoppeln die Hasen,
mit Pinseln und Tuben
und schnuppernden Nasen,
aus Höhlen und Gruben
durch Gärten und Straßen
und über den Rasen
in Ställe und Stuben.

Dort legen sie Eier, als ob's gar nichts wäre,
aus Nougat, Krokant und Marzipan.
Der Tapferste legt eine Bonbonniere,
er blickt dabei entschlossen ins Leere
Bonbonnieren sind leichter gesagt als getan.

Dann geht es ans Malen. Das dauert Stunden.
Dann werden noch seidene Schleifen gebunden.
Und Verstecke gesucht. Und Verstecke gefunden:
Hinterm Ofen, unterm Sofa,
in der Wanduhr, auf dem Gang,
hinterm Schuppen, unterm Birnbaum,
in der Standuhr, auf dem Schrank.

Da kräht der Hahn den Morgen an!
Schwupp, sind die Hasen verschwunden.
Ein Giebelfenster erglänzt im Gemäuer.
Am Gartentor lehnt und gähnt ein Mann.
Über die Hänge läuft grünes Feuer
die Büsche entlang und die Pappeln hinan.
Der Frühling, denkt er, kommt also auch heuer.
Er spürt nicht Wunder noch Abenteuer,
weil er sich nicht mehr wundern kann.

Liegt dort nicht ein kleiner Pinsel im Grase?
Auch das kommt dem Manne nicht seltsam vor.
Er merkt gar nicht, dass ihn der Osterhase
auf dem Heimweg verlor.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Osterfest.

Freitag, 19. April 2019

Karfreitag


John Donnes Gedicht Goodfriday, 1613. Riding Westward gehört bei mir zum Karfreitag dazu. Ebenso wie Brahms aufzulegen und das Deutsche Requiem zu hören. Donnes Gedicht tauchte zum ersten Mal hier im Jahre 2011 auf (und dieser Post stand hier auch schon einmal), wurde aber 2012 wieder erwähnt, als ich Andrew Hudgins präsentierte. Und der amerikanische Dichter aus den Südstaaten war auch der Dichter für den ersten Karfreitag meines Bloggerlebens. Es lohnt sich immer, Andrew Hudgins zu lesen. Es lohnt sich auch immer, John Donne zu lesen.

Er hat die Religion gewechselt, der König hat ihm dazu geraten. Aber nach all seinen Jugendsünden ist es ihm ziemlich gleichgültig, ob er jetzt anglikanisch oder katholisch ist: You know I never fettered or imprisoned the word Religion, immuring it in a Rome, or a Wittemberg, or a Geneva; they are all virtuall beams of one Sun. Er stieg in der Kirche auf und wurde Dean of St Paul's. Und er hielt großartige Predigten. Lesen Sie seine Predigten, sagte Professor Rudolf Haassie sind das Beste von Donne. Ich glaubte Rudolf Haas, denn er lud alle Erstsemester zum Spaziergang ein, Treffpunkt sonnabends um neun an der Sternschanze. Man konnte beim Spaziergang rund um Planten und Blomen mit ihm reden, über die Anglistik, über die Welt, kein anderer Professor machte das. Und weil ich Haas glaubte, war ich wahrscheinlich der einzige aus dem gut gefüllten Audimax, der abends in die Bibliothek des Englischen Seminars im Philosophenturm kam und Donnes Predigten las. Die Bibliothek war besser als mein Zimmer in St Pauli. Das war nicht schön, aber ich traf dort jeden Morgen, wenn ich Milch und Brötchen kaufte, diese hübsche junge Frau. Deren Geschichte schon in dem Post Vergil steht. Das war dieser Sommer, mein erstes Semester: John Donne zum Abwinken, Vergil auch, alle Vorkonzerte in der Laeisz Halle. Und diese hübsche Nutte in St Pauli, John Donne hätte sicherlich ein Gedicht für sie gehabt: If ever any beauty I did see, Which I desired, and got, ’twas but a dream of thee. Und für die schöne Frau mit dem roten Burberry, die ich jede Woche in der Vorlesung von Haas sah, auch.

Wenn ich heute das Gedicht Goodfriday, 1613. Riding Westward hier einstelle, dann hat das einen Grund. Denn ich kann eine deutsche Übersetzung liefern, die nicht im Internet steht. Ab jetzt schon. Sie ist 1996 in der Zeitschrift Freibeuter erschienen. Der Übersetzer der dort abgedruckten Gedichte von Donne ist Thomas Martin, von dem im selben Jahr auch die letzte Predigt von Donne übersetzt wurde. Es haben viele Übersetzer das ein oder andere Gedicht von John Donne übersetzt. Die ersten Übersetzungen nach dem Krieg waren von Werner Vortriede (John Donne: Metaphysische Dichtungen 1961) und der Islamistin Annemarie Schimmel (Nacktes denkendes Herz 1969).

Damals gab es John Griersons Ausgabe der Gedichte schon ein halbes Jahrhundert, aber es brauchte noch ein Jahrzehnt, bis man Donne neu entdeckte. 1923 schrieb T.S. Eliot: Our appreciation of Donne must be an appreciation of what we lack, as well as of what we have in common with him. What is true of his mind is true, in different terms, of his language and versification. A style, a rhythm, to be significant, must embody a significant mind, must be produced by the necessity of a new form for a new content.... The dogmatic slumbers of the last hundred years are broken, and the chaos must be faced: we cannot return to sleep and call it order, and we cannot have any order but our own, but from Donne and his contemporaries we can draw instruction and encouragement.

Die neueste Publikation, Schweig endlich still und lass mich lieben! Ein John-Donne-Lesebuch, stammt von Michael Mertes. Der war mal der Chefredenschreiber von Helmut Kohl, ich weiß nicht, ob der wirklich der richtige Mann für John Donne ist. Da sollte man lieber Erleuchte, Dame, unsere Finsternis: Songs Sonette Elegien von Wolfgang Held kaufen (man kann hier das sehr lesenswerte Vorwort von Held lesen). Eine akzeptable Sammlung stellt auch Werner von Koppenfels Buch John Donne: Alchimie der Liebe dar. Und die Übersetzungen von Maik Hamburger und Christa Schuenke sind auch zu empfehlen. Viele Übersetzer haben sich Häppchen aus Donnes Werk herausgepickt, eine Übersetzung aller Gedichte des bedeutendsten Dichters Englands seiner Zeit gibt es nicht. Aber dafür gibt es heute Karfreitag 1613. Westwärts reitend zum ersten Mal im Internet:

Karfreitag 1613. Westwärts reitend

Laß Menschen Seele eine Sphäre sein
Den Geist, der sich bewegt, laß Andacht sein 
Was noch an Sphären ist, gezeugt und zeugend
Durch fremde Kraft und der sich beugend 
Durch äußern Antrieb, denn der treibt die Norm
Daß sie im Jahr kaum ausfülln ihre Form.
Ist es Arbeit oder Lust, die Seele regt 
Nur aus dem Urtrieb sich und wird bewegt 
Das heißt, wenn westwärts ich getragen bin 
Beugt sich die Seele Richtung Osten hin 
Da sah ich Sonne die im Aufgang sinkt 
Und untergehend endlos Taglicht bringt.
Am Kreuz der Schmerzensmann stieg auf und fiel 
Denn Sünde hat verdunkelt Start und Ziel. 
Beinah denk ich froh zu sein: nichts sehe ich 
Das Große Spiel, es ist zu schwer für mich. 
Wer Gott, dem Leben, ins Gesicht sieht, stirbt 
Was für ein Tod, zu sehen wie Gott selber stirbt. 
Natur, sein bestes Spielzeug, hegt im Dreck 
Sein Steg sank ein, die Sonne scheint zum Gegenzweck.
Kann ich die Sphären stimmen, Pole tragen 
Mit Händen, die am Kreuz zerschlagen? 
Kann ich die Höhe greifen, vom Zenit 
Zu Antipoden, und begreifen was geschieht 
Dort unter uns, kann ich sein Blut ansehn 
Aus dem die Seeln, nur seine nicht, entstehn. 
Und Erde holn zurück aus Staub, das Tuch
Das Gottes Fleisch war, jetzt zerlumpt, ein Fluch?
Wenn das zu sehen mir die Kraft schon fehlt
Wie seine Mutter ansehn, die sich quält 
Die Teil von Gott war und die Hälfte gab
Zum Opfer, lösend uns vom letzten Grab
Westwärts reitend fehlt dem Auge was ich sah
Nur in Gedanken ist der Vorgang nah.
Kann ich vergessen, daß du mich bedenkst
Heiland, der du vor mir am Querholz hängst 
Ich zeig den Rücken dir: vor dein Gericht 
Muß ich, bis dein Erbarmen Milde spricht. 
Sieh an mein Übel, daß du strafst mich bald 
Brenn meinen Schorf aus, meine Mißgestalt 
Rück mir dein Bild zurecht, zeig Gnade mir 
Daß du mich kennst, und ich kehr mein Gesicht zu dir.

Den englischen Text finden Sie hier. Und dann habe ich das Gedicht noch vorgelesen, mit Musik und Bildern. Und noch ein Video, vorgetragen von jemandem, der mit zwei Collies durch die Landschaft wandert und dabei John Donne rezitiert. Ich weiß nicht, was John Donne dazu gesagt hätte.

Donnerstag, 18. April 2019

Transformationen


Ein alter Medizinprofessor fährt in dem Film Wilde Erdbeeren  (Smultronstället) durch Schweden. Er nimmt drei Anhalter mit, wenn man so will, ist  der Film ein road movie. Das hier auf dem Rücksitz ist die Anhalterin Sara, sie erinnert den Professor an seine Jugendliebe, die auch Sara hieß. Beide Rollen werden im Film von Bibi Anderson gespielt, die ist gerade im Alter von 83 Jahren gestorben, da muss sie mal eben erwähnt werden. Es gibt in diesem Blog schon seit Jahren einen Post, der Bibi Andersson heißt, der seit Tagen immer wieder angeklickt wird. Doch es soll heute nicht um schwedische Schauspielerinnen gehen, es ist Poetry Month, und da fragen wir uns: gibt es in Wilde Erdbeeren ein Gedicht?

Es gibt eins. Und zwar ziemlich genau in der Filmmitte, als der Professor Isak Borg mit den Studenten, die er als Anhalter mitgenommen hat, zusammensitzt:

Var är den vän som överallt jag söker?
När dagen gryr, min längtan blott sig öker;
När dagen flyr, jag än ej honom finner,
Fast hjärtat brinner.

Jag ser hans spår, varhelst en kraft sig röjer,
En blomma doftar och ett ax sig böjer.
Uti den suck jag drar, den luft jag andas,
Hans kärlek blandas.

Ack, när så mycket skönt i varje åder
Av skapelsen och livet sig förråder,
Hur skön då måste själva källan vara,
Den evigt klara!

Geschrieben wurde der Text von dem Dichter und Theologen Johan Olof Wallin, er wird auch als Kirchenhymne nach einer Melodie von Johan Crüger gesungen. Der Pastorensohn Ingmar Bergman wird sich etwas dabei gedacht haben, als er diesen Text in der Mitte des Films plazierte. Der Medizinstudent Viktor sagt, als die Gruppe den Text gemeinsam zusammen bekommen hat: Als Liebesgedicht ist es nicht schlecht. So kann man es lesen. Man kann es aber auch, obgleich Gott nicht erwähnt wird, als ein christliches Gedicht verstehen. Der Text taucht übrigens in einem ganz anderen Film wieder auf, in Ma saison préférée von André Téchiné wird er Catherine Deneuve in den Mund gelegt (und da hat der Text nichts mit Gott zu tun):

Mais où est donc l'ami que toujours et partout je cherche ? 
Dès le jour naissant mon désir ne fait que croître
Et quand la nuit s'efface, c'est en vain que je l'appelle...
Je vois ses traces pourtant, je sens qu'il est présent 

Partout où la sève monte de la terre,
où embaume une fleur et où s'incline le blé doré
Je le sens dans l'air léger dont le souffle me caresse et que je respire avec délice.
Et j'entends sa voix qui se mêle au chant d'été.


Für den Übersetzer bietet Wallins Text keine große Schwierigkeiten. Ich übersetze mal eben die erste Strophe:

Wo ist der Freund überall, den ich überall suche? 
Wenn der Tag wächst, nimmt mein Verlangen nur zu; 
Wenn der Tag vergeht, finde ich ihn nicht
obgleich mein Herz verbrennt.

Aber in dem von Irene von Schering ins Deutsche übersetzten Drehbuch des Filmes finden wir an dieser Stelle etwas ganz anderes:

Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nie vergißt:
Weiß ich nichts von Leide,
Fühle nichts, als Andacht, Lieb und Freude.


Dieses Gedicht hat mit dem Original nun überhaupt nichts zu tun, es ist die erste Strophe eines geistlichen Liedes von Novalis. Hier wird alles verändert, alles in eine ganz andere Richtung gelenkt. Es ist eine übersetzerische Todsünde.

Wilde Erdbeeren ist der wohl persönlichste Film von Ingmar Bergman. Bibi Andersson, die schon Nebenrollen in zehn Filmen gehabt hatte, war über ihre Rolle als blonde Studentin Sara nicht glücklich. Ihre Beziehung zu Bergman, mit dem die 22-jährige Schwedin damals zusammenlebte, war auch dabei in die Brüche zu gehen. Mit fünfzehn hatte sie zum erstenmal vor Bergmans Kamera gestanden, in einem Werbefilm für eine Seifenfirma. Es wird noch einige Jahre brauchen, bis sie nicht mehr nur die hübsche Blonde ist, sondern als Charakterschauspielerin akzeptiert wird.

Wenn man alles über Wilde Erdbeeren wissen will, dann ist das Büchlein von Philip und Kersti French in der Reihe der BFI Classic das beste, das man kaufen kann. Noch mehr Bergman in diesem Blog in den Posts: Ingmar Bergman und Schweigen. Noch mehr Schweden und Schwedinnen in: Schwedinnen, Désirée, SkandalElvira Madigan, Liebestod, Nationalstolz, Monica Zetterlund, Mireille Darc, Vera Miles, Ann-Margret, Mein Dänemark, Talsperren, Nikolaus, Jugendkultur, Anders Zorn, Charles Frederick Worth, Michael Ancher, Zeitlos, John Peter Russell, Lieutenant Lindhövel, Findorff, Seeschlacht, Kieler Frieden, Giuseppe Verdi, Briefwechsel, Sjöwall Wahlöö, Maj Sjöwall, Henning Mankell