Samstag, 23. Januar 2010

Wiesengrund


Theodor Adorno ist ein bedeutender Philosoph. Auf jeden Fall hielt man ihn 1968 dafür. Heute ist man sich da nicht mehr so sicher. Th. Adorno hat eine philosophische Beinahe-Namensvetterin, die Thea Dorn heißt. Eigentlich heißt sie ja gar nicht so, aber sie hat sich diesen Namen ausgesucht, damit sie immer auf Th. Adorno hinweisen kann. Sie ist auch eine berühmte Philosophin. Auf jeden Fall staatlich zertifiziert mit einem Magistertitel aus Berlin. Sie soll eine Magisterarbeit über Selbsttäuschung geschrieben haben. Ich habe auch Philosophie studiert, aber ich habe niemals Adorno gelesen. Ich habe fünf laufende Regalmeter Philosophie im Wohnzimmer, davon entfallen auf Adorno fünf Zentimeter. Ich habe auch viel Adorno verschenkt. Thomas Hobbes würde ich nie verschenken, Kierkegaard und Schopenhauer auch nicht. Theodor Adorno heißt eigentlich gar nicht Adorno, er hat wie Thea Dorn seinen Namen geändert. Eigentlich heißt er Theodor Wiesengrund. Mit dem Adorno hat er nur seinen Namen adorned.

Adorno ist auch ein berühmter Musikwissenschaftler gewesen. Deshalb hat Thomas Mann seine Kenntnisse ausgebeutet, als er Doktor Faustus: Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde schrieb. Wir können ja froh sein, dass Thea Dorn sich nicht Adriana Leverkühn nennt. Thomas Mann beutet immer andere aus. Den Namen Buddenbrook und vieles andere hat er bei Theodor Fontane geklaut, und ohne Karl Kerényi hätte er Joseph und seine Brüder nicht schreiben können. Schriftsteller sind professionelle Diebe, immature poets borrow, mature poets steal, hat T.S. Eliot gesagt. Aber Thomas Mann hat Theodor Wiesengrund zum Dank in Doktor Faustus hineingeschrieben. Wenn dort eine Figur namens Wendell Kretzschmar Beethovens Klaviersonate 111 erläutert, singt er zu dem zweiten molto cantabile Satz Wie-sengrund und Grü-ner Wiesengrund. Glenn Gould hat auch immer beim Spielen gesungen, aber niemals grüner Wiesengrund. Michael Korstick, den man Dr. Beethoven genannt hat, singt überhaupt nicht, wenn er Beethoven spielt.

Der Musikwissenschaftler Adorno hat auch über Jazz geschrieben. Dass die ganze Disposition des Jazzorchesters...mit der Militärkapelle identisch ist. Und sich der Jazz zum faschistischen Gebrauch gut schicken lässt. Auf solchen Unsinn muss man erst einmal kommen. Der berühmte englische Historiker Eric Hobsbawm einmal hat über Adorno gesagt: Adorno wrote some of the most stupid pages ever written about jazz. Adorno hat in Frankfurt in den sechziger Jahren grosse Schwierigkeiten mit seinen Doktoranden. Die sind alle Jazzfans, Adorno ist das nicht. Von Charlie Parker hat er noch nie gehört. Der bekannte Musikwissenschaftler Joachim Ernst-Behrendt, dessen Jazzbuch 1953 bei Fischer erschien und in viele Sprachen übersetzt wurde, hat eine lange Fehde mit Adorno über die Rolle des Jazz ausgetragen. Das Jazzbuch ist immer noch ein Standardwerk, über Adornos Auffassung vom Jazz redet niemand mehr. Mehr, als Hobsbawm mit einem Satz gesagt hat, kann man dazu auch nicht sagen. Joachim-Ernst Behrendt hat in seiner Autobiographie den wahren Grund für Adornos Hass auf den Jazz enthüllt. Der junge Adorno hatte versucht, sich in seiner Jugend als Jazzpianist in Berlin etwas zum Studium dazu zu verdienen, aber niemand wollte diesen Jazzpianisten haben. Wenn aus ihm ein Jazzpianist geworden wäre, hätte er nicht diesen Unsinn schreiben müssen und uns wäre vielleicht der Philosoph Adorno erspart geblieben. Und Thea Dorn hätte sich einen anderen Namen suchen müssen. Aber vielleicht hätte Tommy Mann dann nicht Teddie Adorno ausbeuten können und Doktor Faustus und Die Entstehung des Doktor Faustus nicht geschrieben. So muss man Adorno doch für etwas dankbar sein.

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