Dienstag, 19. Januar 2010

Kurze Geschichte der amerikanischen Literatur


James Fenimore Cooper, der Begründer des amerikanischen Romans, ist auf Umwegen zur Literatur gekommen. Eigentlich hätte der Sohn eines Großgrundbesitzers das Leben eines englischen Landedelmannes im Staate New York führen können. Nicht jeder wächst in einer Kleinstadt auf (Cooperstown), die nach dem eigenen Vater benannt ist. Mit sechs konnte er Latein (angeblich), mit dreizehn war er in Yale, flog da aber schnell wieder raus. F. Scott Fitzgerald hatte später in Princeton das gleiche Schicksal. Hemingway konnte nicht von der Uni fliegen, der hat nie eine besucht. Yale hatte damals den Status eines besseren Gymnasiums. Es ist nie ganz geklärt worden, weshalb der Verweis ausgesprochen worden, aber die schöne Geschichte, dass er einen Esel auf den Platz des Professors gesetzt habe, hält sich hartnäckig. Vater Cooper steckt den jungen Nichtsnutz erstmal in die Marine. Das machen englische Landadlige genau so. Präsident Thomas Jefferson unterschreibt James Coopers (das Fenimore kommt erst 1826 zum Namen dazu) Ernennungsurkunde zum Offizieranwärter.

Er weiß nicht, dass dieser junge Mann eines Tages die Gattung des amerikanischen Seeromans begründen wird. Lange vor Dana und Melville und den Engländern wie Joseph Conrad, C.S. Forester und Patrick O'Brian. Den Atlantik wird Cooper in seiner nautischen Karriere nicht sehen, er schippert auf den großen Seen herum, die Amerika von Kanada abgrenzen. Aber das sind ja auch schon kleine Meere. Er läßt sich nach New York versetzen, um endlich auf den Atlantik zu kommen. Lernt dort seine Frau kennen. Der gefällt seine Tätigkeit als Marineoffizier nicht so sehr, und so bleibt nur der Abschied von der Marine und das Leben eines Gentleman Farmers. Was ihn langweilt. Heimlich hängt er doch an der Navy, und er wird eines Tages eine lange Geschichte der US Navy schreiben. Und wenn er seinen ersten Lederstrumpfroman, The Pioneers, schreibt, hat er schon seinen ersten Seeroman im Kopf. Der heißt The Pilot: A Tale from the Sea und wird in deutscher Übersetzung schon 1824 in Leipzig erscheinen. Den Roman hat Cooper seinem Freund aus der Marinezeit, William Branford Shubrick, gewidmet. Der ist bei der Navy geblieben, wird noch Admiral und Coopers Tochter wird nach seinem Tod eine biographische Skizze über ihn veröffentlichen.

Es ist die Zeit, in der alle Welt und vor allem Amerika die neue Literaturform liest, die jetzt aus England herüber kommt: Romane. Wie die von Jane Austen. Die gefallen Cooper nicht so sehr. Das kann ich besser, sagt er seiner Frau. Und sie sagt: Mach doch. So oder so ähnlich soll es gewesen sein. Cooper schreibt seinen ersten Roman, der sogar in England Erfolg hat. Das ist erstaunlich, denn aus Amerika kommt damals keine Literatur nach Europa (mit Ausnahme der Reiseskizzen von Washington Irving). Die führende Literaturzeitschrift, der Edinburgh Review, hatte gehöhnt, dass die Amerikaner keine Literatur haben und auch keine brauchen. Dank der schnellen Schiffsverbindungen sei jeder englische Roman in wenigen Wochen auch auf dem amerikanischen Markt. In the four quarters of the globe, who reads an American book? fragte 1820 Sydney Smith, der Literaturkritiker geworden war, weil er kein Bischof wurde.

Cooper wird diese Einbahnstrasse der Literaturvermittlung aufheben und enthusiastische Leser in Europa finden. Goethe hat ihn begeistert gelesen, und Schubert verlangte auf dem Sterbebett nach dem neuesten Lederstrumpfroman. Als er die schreibt, ist Cooper längst nicht mehr in den großen Wäldern oder auf den großen Seen des Staates New York. Je weiter sich sein Held Natty Bumppo, der Lederstrumpf, in den Westen bewegt, desto weiter bewegt sich Cooper von Amerika weg. Aber die großen Seen und die großen Wälder bleiben in der Erinnerung und wandern in die Romane. Ein eigener Kosmos für einen eigenen nationalen Mythos, das friedliche Zusammenleben von weiß und rot. So wie Mensch und Tier auf dem Bild von Edward Hicks The Peaceable Kingdom. In der Figur des Lederstrumpf, des American Adam, liegt die Überwindung der Rassenschranken. Aber auch der Kern für John Wayne oder den waffenverrückten Charlton Heston. Und in The Pioneers schreibt er eine Warnung vor der Umweltzerstörung hinein, der erste Ökoroman der amerikanischen Literatur.

Die Romane im Stil von Jane Austen sind nichts für Cooper, das hat er früh erkannt. Er hält sich lieber an den Schotten Sir Walter Scott. Der hat mit Waverley den historischen Roman erfunden, eine Zauberformel der Literatur, die bis heute funktioniert. Man hat Cooper den amerikanischen Scott genannt, was er immer gehasst hat. Als er Scott zum ersten Mal 1826 in Paris in einem Salon trifft, unterhalten sich die beiden Giganten des Romans auf Französisch. Englisch wäre ja naheliegender gewesen, aber beide Herren wollen zeigen, dass sie Gentlemen sind und sich in der feinen Welt auskennen. Sie wollen auch keine Berufsschriftsteller sein, igitt. Sie sind Gentlemen, die nebenbei schreiben. Und sie schreiben viel. Cooper mehr als 30 Romane (Scott noch mehr) und mehr als ein Dutzend anderer Bücher. Cooper bleibt nichts anderes, das große Familienvermögen ist heruntergewirtschaftet. Bei Scott ist die Lage nach der Pleite seiner Verleger ähnlich. Und die Schulden, die er für den Bau seines Schlosses gemacht hat, fressen ihn auf. So bleibt ihm nichts anderes, er muss er weiterschreiben. Allerdings nie unter seinem Namen, auf seinen Büchern steht nur, dass sie vom Autor von Waverley seien. Ich habe heute neben dem großen Unbekannten gesessen, schreibt Fürst Pückler nach einem Diner in der großen Gesellschaft in London. Der große Unbekannte war natürlich Sir Walter.

Das Leben in der feinen Welt Europas findet Cooper auch schöner als das Leben unter seinen Landsleuten, die er für prollige Barbaren hält. Was er auch sagen wird. Damit macht man sich bei den Amerikanern nicht so beliebt, auch wenn man die amerikanische Literatur begründet hat. Und die ist jetzt da, die amerikanische Literatur, jetzt schreiben sie alle gleichzeitig: William Cullen Bryant, Ralph Waldo Emerson, Edgar Allan Poe, Herman Melville, Nathaniel Hawthorne, Henry David Thoreau, Walt Whitman. Drei Jahrzehnte nach Smiths provokanter Frage konnte Herman Melville in Hawthorne and His Mosses die Antwort geben. Der Tag sei nicht fern, dass man fragen würde who reads a book by an Englishman that is modern? Zu der Zeit tauchen in Bernhard Tauchnitz' Collection of British Authors schon viele Amerikaner auf. An Sydney Smith, der die junge Literaturnation so beleidigt hatte, erinnert sich heute in Amerika niemand mehr. Mit einer Einschränkung: viele amerikanische Hausfrauen können ein Gedicht von ihm auswendig, in dem es um die richtige Zubereitung einer Salatsoße geht. Woran man sehen kann, dass Literaturkritik doch für irgendetwas gut ist.

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