Freitag, 31. Juli 2020

Robin Hood’s Bay


Niemand weiß, warum Robin Hood’s Bay so heißt, Robin Hood war bestimmt nicht hier. Es gibt eine alte Geschichte, dass Robin Hood hier das Schiff eines Piraten namens Damon the Monk gekapert und den und seine Mannen hier aufgehängt hat, aber da ist wohl nichts Wahres dran. Doch der Name ist alt, er taucht schon zur Zeit von Heinrich VIII auf. Der Fischerort (der im 19. Jahrhundert auch ein Schmugglerort war) an der Nordsee, den die Einheimischen Bay Town nennen, ist bei Touristen sehr beliebt. Vor allem, seit 1885 die Scarborough & Whitby Railway Eisenbahnstrecke eröffnet wurde. Und mit der hat dieses hübsche Bild von Robin Hood’s Bay etwas zu tun.

Denn das Aquarell von Frank Sherwin ist eigentlich Teil eines Eisenbahnplakats gewesen. Diese schönen Travel Posters der dreißiger Jahre waren in diesem Blog schon einmal ein Thema: Keep Calm and Carry On hieß der Post. Eine Reproduktion des Plakates kann man immer noch kaufen, ebay und Amazon bieten das an. Ein originales Plakat von Frank Sherwin kann schon an die tausend Pfund kostet.

Ich habe das Bild in einem schönen kleinen Buch mit dem Titel Fascinating Places gefunden, das wahrscheinlich noch nicht so ganz auf dem Markt ist. Ich habe vom Verlag ein Vorabexemplar bekommen, das sie wahrscheinlich sowieso weggeworfen hätten. Es ist völlig verdruckt, es beginnt mit der letzten Seite und hört mit der ersten Seite auf. Ich nehme mal an, dass sie das noch korrigieren werden, the end is in the beginning and yet you go on, wie Samuel Beckett gesagt hat.

Es gibt nicht nur Bilder von Hardwick Hall (more glass than wall), Sissinghurst und Saltaire, es gibt auch Gedichte. Das Gedicht neben dem Bild von Robin Hood’s Bay hat mir sehr gut gefallen:

From the distance
Just dots of red roofs against
Friendly cliffs in the background.
Huddledd together, a step from
The ink-blue sea.

The steep descent
Along the twisting lane,
Whitewashed cottages,
shops, pubs, b&bs.

Low tide. Bottle-green
Seaweed resting tired on
Yellowish rocks. Rockpools
Inspected by children with
Colourful fishing nets.
It will be a couple of hours
Before it is high tide again.

Es steht kein Verfasser dabei, ich dachte an Betjeman oder Larkin, aber die waren es nicht. Ich rätselte herum, bis ich im Vorwort (das in meinem Exemplar ganz hinten steht) las, dass der Autor die Gedichte alle selbst geschrieben hat. Da kann man nur sagen: Respekt. Wenn das Buch ganz fertig und auf dem Markt ist, dann mache ich hier dafür noch ein wenig Werbung.

Mittwoch, 29. Juli 2020

Royal Wedding


Der Herr hier hatte es am 29. Juli 1981 sehr eilig, um noch rechtzeitig in die St Paul's Cathedral zu kommen. Er war gerade aus seinem Rolls-Royce gestiegen, da fielen die Fans über ihn her. Er ist  eine Berühmtheit. Aber nicht so berühmt wie der Bräutigam, der ihn eingeladen hat. Dass er hier vorgibt, ganz schnell zu laufen, ist natürlich nur eine Showeinlage. Der Mann ist in dem Geschäft, in dem man komisch sein muss. Er heißt Spike Milligan. Er trägt zwar einen ↝Morning Coat, aber der ist nicht so ganz comme il faut: Denn diese Version des Morning Coat ganz in grau darf eigentlich, so eine alte englische Benimmregel, nur der Bräutigam (und der Brautvater) oder ein Viscount tragen.

Die Hochzeit, zu der der Mann im grauen Morning Coat eilt, ist das große Ereignis in England. In ihrem wunderbaren Buch The Secret Diary of Adrian Mole. Aged 13 3/4 läßt Sue Townsend den kleinen Adrian Mole am Tag vor der Hochzeit des Prinzen von Wales in sein geheimes Tagebuch schreiben: I hope the Prince remembers to remove the price ticket off the bottom of his shoes, my father didn't at his wedding. Everyone in the church read the ticket: '9 1/2 reject, 10 shillings". Stand auf den Schuhen von Charles bestimmt nicht drauf (reject erst recht nicht), egal ob er nun Schuhe von  ↝Tricker's (die von ihm einen Royal Warrant bekommen haben) trug oder John Lobb wie sein Vater.

Sie ahnen schon, dass hier nicht die Rede von irgendeiner Hochzeit ist, sondern dass es um die Hochzeit dieser beiden jungen Leute geht. Zur Verlobung hatte sie ihm eine Flasche Penhaligon Blenheim Bouquet (lesen Sie mehr in ↝Aftershave) geschenkt. Ich glaube, sowas bringt Unglück. Ist eh viel zu teuer. Angeblich benutzt Charles jetzt Creed (das schon die Königin Victoria benutzte), aber das weiß ich nicht so genau. Ich bin sowieso von den englischen Rasierwassern weg, die mich durch das Leben begleitet haben. Ich habe im Bad noch größere Mengen Aramis entdeckt. Nicht das neue Zeuch, das man bei Douglas kaufen kann, sondern das alte, so ungefähr aus der Zeit des Royal Wedding 1981. Ich stelle heute hier noch etwas ein, was hier schon vor neun Jahren stand. Ist aber, wie das alte Aramis, immer noch gut.

Heute vor dreißig Jahren saßen 750 Millionen Menschen weltweit vor dem Fernsehgerät. Mehr als eine halbe Million Leute waren in London unterwegs. Jeder wollte es sehen. Ich hatte sogar aus England einen Charles & Diana Teebecher. Weiß aber nicht, wo der abgeblieben ist. [... Hier folgt jetzt eine 15-minütige Schreibpause] Habe ihn gefunden, war nicht bei den Teebechern in der Küche, war umfunktioniert zum Behälter für alle Sorten Pfeifenstopfer. The Marriage of The Prince of Wales and Lady Diana Spencer Wednesday, 29th July, 1981 steht drauf. Plus Bilder der Brautleute. Unten drunter steht Made in England. Das wäre jetzt fies gewesen, wenn da Made in China drunter gestanden hätte.

Zur Hochzeit von Charles und Diana hatte der englische poet laureate John Betjeman pflichtgemäß ein Gedicht abgeliefert, das aber wohl nicht zu seinen größten Schöpfungen gehört:

Blackbirds in City churchyards hail the dawn,
Charles and Diana, on your wedding morn.
Come College youths, release your twelve-voiced power
Concealed within the graceful belfry tower.
Till loud as breakers plunging up the shore
The land is drowned in one melodious roar.

Seit die Engländer im 17. Jahrhundert die Position des ↝poet laureate erfunden haben, dichten die Hofdichter gegen eine geringe Bezahlung, die immer ein Fässchen Wein einschließt (a butt of sack), zu offiziellen Gelegenheiten. Oder sie dichten dann überhaupt nicht. William Wordsworth nahm die Position nur an, weil ihm der Premierminister Robert Peel versicherte, dass er keinerlei Gelegenheitsgedichte schreiben müsste, you shall have nothing required of you. Hat er dann auch nicht getan. Er ist der einzige poet laureate gewesen, der keinerlei Gedichte für offizielle Gelegenheiten verfasst hat. Die Königin Victoria mochte seinen Nachfolger Alfred Tennyson sowieso lieber, dessen Gedichte hatte sie immer auf dem Nachttisch liegen.

Die Bezahlung ist heute für die Gelegenheitsbeschäftigung der poetry on demand gar nicht schlecht, immerhin 5.750 Pfund Sterling im Jahr. In vornehmeren Zeiten als unseren hätte man diese Summe in guineas bekommen. Dafür bekommt man den Posten jetzt nicht mehr auf Lebenszeit. Seit Andrew Motion beschloss, der Krone nur zehn Jahre zu dienen (das wäre Lord Tennyson nicht in den Sinn gekommen), gibt es alle zehn Jahre einen neuen Hofdichter. John Betjeman war gerade frisch im Amt, da musste er auch schon ein Gedicht für die Hochzeit von Anne und Mark Phillips schreiben:

Hundreds of birds in the air
And millions of leaves on the pavement,
Then the bells pealing on
Over palace and people outside,
All for the words "I will"
To love's most holy enslavement -
What can we do but rejoice
With a triumphing bridegroom and bride?


Ist auch nicht so toll. the lines were composed last night on the Pullman from Manchester to London after four double Scotches slowly consumed, hat er in einem Brief gesagt. Und so klingt das auch. Er hat das Gedicht für seine Collected Poems noch überarbeitet (nachdem er die Hochzeit im Fernsehen gesehen hatte), aber das hat nicht viel genützt.

Ja, die englischen Hofdichter haben es nicht leicht. Als Andrew Motion sich überlegte, ob er ein Gedicht für die Hochzeit von Charles und Camilla schreiben sollte (vielleicht Ode to a Mistress?) offerierte ihm sein Dichterkollege Attila the Stockbroker ein kleines Gelegenheitsgedicht mit dem Titel In Sympathy with the Poet Laureate. Das war nur zwei Verse lang:

It really doesn’t matter who is sitting on the throne
They are all as dull as dishwater and should be left alone.

Andrew Motion hat dann aber mit Spring Wedding doch ein richtiges Gedicht geschrieben.

I took your news outdoors, and strolled a while
In silence on my square of garden-ground
Where I could dim the roar of arguments,
Ignore the scandal-flywheel whirring round,

And hear instead the green fuse in the flower
Ignite, the breeze stretch out a shadow-hand
To ruffle blossom on its sticking points,
The blackbirds sing, and singing take their stand.

I took your news outdoors, and found the Spring
Had honored all its promises to start
Disclosing how the principles of earth
Can make a common purpose with the heart.

The heart which slips and sidles like a stream
Weighed down by winter-wreckage near its source --
But given time, and come the clearing rain,
Breaks loose to revel in its proper course.


Es gibt von dem Gedicht leichte Varianten, aber ich glaube nicht, dass die Zeilen

I took the news outdoors 
that you had married Parker Bowles
I couldn’t imagine why until it struck me–
she’s built like one of your bloody horses.


jemals in dem Gedicht gewesen sind.

Als der englische Schriftsteller Francis Wheen im Guardian die Dichtung des poet laureate Ted Hughes kritisierte, sandte ihm Andrew Motion (der damals noch nicht im Traum daran dachte, eines Tages poet laureate zu sein) zur Verteidigung seines Dichterkollegens ein kleines Gedicht. Es hat den Titel Lines Composed by Her Majesty Queen Elizabeth In Sympathy With Her Poet Laureate. Das finde ich das hübscheste von all den Gedichten, die für das englische Königshaus geschrieben wurden:

My family are a trial to Ted Hughes:
No sooner do they marry than divorce
His burdens would be lighter if he chose
To write about a corgi or a horse.

Samstag, 25. Juli 2020

in memoriam Anthony R. Gibbs


Als mich der Steffen aus Stuttgart anrief, merkte ich an seiner Stimme, dass er mir etwas Trauriges mittteilen wollte: unser Freund Tony war tot. Hatte nichts mit Corona zu tun, das Herz hatte nicht mehr mitgemacht. Aber er hatte ein schönes Alter erreicht und war immer geistig rege geblieben. Ich habe dem Steffen gesagt, dass ich einen kleinen Nachruf für ihn in meinem Blog schreiben würde. Er ist hier schon häufig in den letzten zehn Jahren erwähnt worden. Ansonsten sucht man ihn vergeblich im Internet, nur auf der Seite Stuttgart Der Film wird der langjährige Rundfunk-Mitarbeiter und ehemalige Universitätsdozent Anthony Gibbs erwähnt, der die englische Übersetzung des Stuttgart Films erstellt hat. Über seine Tätigkeit für den Süddeutschen Rundfunk/Südwestfunk gibt das Internet nichts her, aber er hat jahrzehntelang nebenbei für den SWR gearbeitet; seine Sendungen über England (für die er auch mal Maggie Thatcher interviewte), die mit viel englischer  Musik garniert waren, haben alle Englischlehrer in dem Bundesland mitgeschnitten. Und natürlich im Unterricht verwendet. Ich habe noch eine Vielzahl von Cassetten mit diesen Sendungen. Die englische Gegenwartskultur nach Deutschland zu bringen, das war sein Thema. Und seine große Begabung.

Er war als Lektor für Sprache und Kultur Englands der perfekte Vermittler der englischen Kultur, nicht nur der englischen Sprache. Auch im Ruhestand hörte er damit nicht auf, er bot an der Uni Stuttgart noch lange Kurse an. Seine akademische Karriere in Deutschland begann vor mehr als einem halben Jahrhundert am Englischen Seminar der Universität Kiel. Seitdem kenne ich ihn, und seitdem waren wir befreundet. Tony war auf einer Public School, die vielleicht nicht so berühmt ist wie Eton, die aber bedeutende englischsprachige Schriftsteller der 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Sie heißt Dulwich College und ist 1619 in London von Thomas Alleyn gegründet worden. Nach ihm heißt die Schulzeitung noch heute The Alleynian. Alleyn ist eine der interessantesten Figuren der Shakespearezeit, kommt aber aus mir unbekannten Gründen nie an der Uni in einer Shakespearevorlesung vor.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir in Deutschland unseren eigenen Shakespeare haben. Den Gundolf Shakespeare und den deutschen Geist Shakespeare. Da brauchen wir uns für das London im Jahre 1600 nicht zu interessieren. Alleyn ist Sohn eines Kneipenwirts, wird Schauspieler und ist zur Zeit Shakespeares wahrscheinlich der berühmteste (und erfolgreichste) englische Schauspieler. Er wird irgendwann ein Theater besitzen (wahrscheinlich gehört ihm auch noch ein Bordell), wird das College und ein Krankenhaus stiften, in zweiter Ehe die Tochter von John Donne heiraten. Ehemalige Schüler von Dulwich, die Old Alleynians, wissen das.

Anglistikprofessoren wissen es nicht. Musste ich in meinem Studium immer wieder feststellen. Die beiden bedeutendsten Schriftsteller, die in Dulwich College waren, sind natürlich P.G. Wodehouse und Raymond Chandler. Die Public School wird auch mehr Schriftsteller produzieren als andere Privatschulen. Eton produziert Prinzen, Könige und Politiker, kaum Schriftsteller. Dulwich College hat auf der literarischen Habenseite: Hugh de Selincourt, A.E.W. Mason, Dennis Wheatley, C.S. Forester, Chandler und Wodehouse, Michael Ondaatje, Graham Swift. Den Krimiautor Simon Brett und den Dichter Jon Silkin. Und einen der berühmtesten Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts, G. Wilson Knight.

Und natürlich Tony. Nach Dulwich ist Tony in Cambridge gewesen, da hat er auch im Chor gesungen. Darin ist er dem Chief Inspector Morse ähnlich, auch wenn der in Oxford und nicht in Cambridge war. Als Tony mich das letzte Mal besuchte, hat er mal eben ganz schnell im Stehen auf meinem neuen Klavier Good Save the Queen mit zwei Fingern gespielt. Das war sehr ironisch. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hat er mich schwer beeindruckt, weil er ohne Noten schwierige Bach Präludien und Partiten spielen konnte. Musik bedeutete ihm viel.

Tony hat immer versucht, mich für Gustav Mahler zu begeistern, die Kathleen Ferrier Platte mit den Kindertotenliedern, die er mir vor Jahrzehnten geschenkt hat, habe ich immer noch. Auf Kathleen Ferrier lasse ich nichts kommen. Tony hat mich auch einmal zu einem Vorkonzert am Sonntag in der Hamburger Laeisz Halle geschleift, wo es stundenlang nur Mahler gab. Damals hatte er noch kein Auto, also brauchte er mich. Auf der Rückfahrt in der Nacht sind wir in Blitzeis und Eisregen geraten, mehr als hundert Kilometer lang. Das habe ich nicht vergessen, was es an dem Tag von Mahler zu hören gab, weiß ich nicht mehr.

Aber der Tony ist Engländer, der liebt Mahler. Und all dieses leicht Morbide vom fin de siècle, diesem Übergang von der Spätromantik zur Moderne. Ich habe eine Platte von ihm geschenkt bekommen, auf der Kirsten Flagstad Jean Sibelius singt. Es gibt Tage, da kann man Svarta Rosor oder Kom nu hit, Död wunderbar hören, aber ewig kann ich das nicht ertragen. Irgendwie zieht einen das runter. Wenn ich in so einer morbiden romantischen Stimmung bin, dann lege ich Mahlers Die zwei blauen Augen von meinem Schatz mit Fischer-Dieskau auf. Herzzerreissend.

Cambridge hat ihm viel bedeutet, wenn er formell sein wollte, schrieb er Cantab hinter seinen Titel. Das ließ er aber meistens, er war kein Snob. Aber zu dem Sommerfest in Hamburg an der Außenalster war er doch angereist, weil man ihn eingeladen hatte. Das war nicht das Sommerfest der Königin, nur ein Treffen von ehemaligen Cambridge Absolventen. Der Tony war pünktlich da (er hatte eine alte Rolex Oyster, die nie genau ging). Und war da auch gleich wieder verschwunden. Das waren alles Hamburger, die sich sehr englisch vorkamen, weil sie mal einen Sommerkurs in Cambridge gemacht hatten. Sie trugen alle blaue Blazer mit eindrucksvollen Wappen zu grauen Flanellhosen. Lauter nachgemachte Engländer, die sich rechtzeitig bei Ladage & Oelke das richtige Outfit gekauft hatten. Und Tony? Der war wahrscheinlich der einzige, der wirklich in Cambridge studiert hatte. Er trug rote Chelsea Boots, gelbe enge Hosen, ein dunkelgrünes Cordjackett, ein dunkelfliederfarbenes Hemd und einen lila Schlips. Sehr englisch. Er erholte sich Stunden später bei mir, lag auf meinem Sofa und trank guten schottischen Whisky.

Nach Cambridge kam die Army, damals gab es noch die Wehrpflicht England. Tonys Vater, der im Royal Flying Corps gewesen war, hätte ihn gerne in der RAF gesehen, aber das war nichts für Tony. Es gibt ein Photo, auf dem der junge Leutnant Anthony Gibbs seinen Säbel präsentierend an der Königin vorbeimarschiert. Kurz vor dem Ende seiner Dienstzeit bekam er eine neue Uniform: Tropenkleidung. Die Suezkrise hatte begonnen. Aber dann hatte irgendjemand in der Army ein Einsehen und schickte ihn nach Hause und nicht in die Wüste. Wenn man auf einer Public School war, in Cambridge studiert hatte und dann Offizier in der Army war, dann hat man eine Karriere im Foreign Office oder einem anderen Ministerium vor sich. Aber das war nichts für ihn. Für seinen Schulkameraden Chandler auch nicht. Der hatte zwar die Aufnahmeprüfung für den englischen Staatsdienst als einer der Besten bestanden und war ein halbes Jahr in der Admiralität, aber dann hat er sich das anders überlegt. Dafür sind ihm seine Leser dankbar.

Eigentlich hätte Tony, der nach der Army einige Zeit bei der BBC war, Schauspieler werden sollen, wenn irgendjemand englisches Theater vermitteln kann, dann ist es Tony. Die deutsche Universität in den sechziger Jahren ist nicht das richtige Pflaster für lebendiges Theater. Mir erzählte ein Ordinarius voller Abscheu, dass er einen Kollegen habe, der in den Semesterferien in London nicht nur in jedem Theater zu finden sei, sondern sich auch backstage herumtreibe. Und der mit seinen Studenten auf einer Bühne an seiner Uni stände. Richtig angeekelt trägt er das vor. Weshalb der Mann Literaturprofessor geworden war, weiß niemand. Tony erfindet einen neuen Übungstyp, der Playreading heißt. Da sitzt man nicht im Hörsaal, da liegen zwanzig Leute in seinem Wohnzimmer auf seinem Teppich und lesen mit verteilten Rollen alles, was England damals zu bieten hat: Stoppard, Pinter, Osborne, Shaffer - you name them.

In Tonys Kursen kamen Adrian Henri und Roger McGough vor (über die hatte er sogar einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift geschrieben), das war etwas ganz anderes als ein Seminar über John Milton. Das Swinging London der Sixties swingte bei uns, Tonys Lehrveranstaltungen waren die einzigen, die etwas mit dem 1968 da draußen zu tun hatten. Im Vorlesungsverzeichnis vom Sommersemester 1968 steht er mit der Vorlesung Anger and After: Modem English Drama und einem Kurs Modern British Beat Poctry, Folk and Protest Songs. Die Liverpool Poets (die bei einer Vortragsreise in Deutschland durch ein fehlerhaft gedrucktes Plakat als Little Poor Poets angekündigt werden), die auch Pop Lyrik schreiben, werde ich lieben. Wenn ich Roger McGough (der solch bezaubernden Quatsch wie Lily the Pink geschrieben hat) 1980 nach einer Gedichtslesung meinen abgeschabten Penguin Band The Mersey Sound hinlege, wird er erstaunt hochschauen, das Buch dann aber doch für den Fan der ersten Stunde signieren.

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte Tony ewig bei uns bleiben können. Aber die Verhältnisse an deutschen Universitäten sind nicht so, englische Lektoren haben einen Angestelltenvertrag und fliegen nach zwei Jahren raus (englische Lehrer an deutschen Gymnasien auch). Das Bosman Urteil wird das alles eines Tages ändern. Aber Tony hat Glück im Unglück. Er weigert sich, der dusseligen Tochter des Großordinarius eine Sprachzeugnis ohne eine Sprachprüfung auszustellen, was den Großordinarius erzürnt. Da ist nichts mehr mit Vertragsverlängerung. Doch, wie der Zufall es will, hat der Intimfeind des Großordinarius gerade einen Ruf nach Stuttgart bekommen, und er nimmt den Tony mit. Und da haben sie eine Lebenszeitstelle für ihn, so etwas hat wohl nur John Bourke in München gehabt, der bei seiner Verabschiedung noch eine 700-seitige Festschschrift bekommt. Der Großordinarius hat übrigens auch den Vertrag des amerikanischen Lektors nicht verlängert. Der geht nach Amerika zurück und wird dort richtig berühmt, Educator to the World hat ihn die New York Times genannt. Wir lassen den Ordinarius mal ohne Namen, er kommt hier schon in den Posts Münchhausen auf dem Mond und Pfeifenkauf vor.

Der Tony ist in Stuttgart glücklich gewesen, aber er ist immer wieder in den Norden zurückgekommen, um Freunde, Konzerte oder Theateraufführungen zu besuchen. In Hamburg wäre er einmal beinahe wegen lauten Lachens aus dem Zuschauerraum des Hamburger Schauspielhauses gewiesen worden. Weil in dem Theaterstück The Birthday Party von Harold Pinter auf der Bühne gesagt wurde: Wer hat an das Stadttor von Melbourne gepinkelt? Diese Übersetzung von Who watered the wicket in Melbourne? hat schon ihren Weg in die kritische Literatur gefunden: The first German translator, reputedly, came to the line 'Who watered the wicket in Melbourne?' and looked up the words in his dictionary – 'wicket' means 'gate', 'watered' means 'urinated'. So he came up with a translation which translates back into English as 'Who urinated over the gates of Melbourne?

Wenn er kam, gingen wir meistens essen, obgleich man Tony auch in die Küche hätte lassen können, er zauberte aus einfachsten Zutaten schmackhafte Gerichte. Manche Engländer können schon mehr als fish and chips. Das letzte Mal, dass wir essen waren, musste er wieder einmal eine schauspielerische Einlage geben, obgleich ich ein warnendes Tony! zischelte. Die Kellnerin in dem Lokal war ein ausgesprochen schönes Mädchen. Und da war etwas in Tony, was man nur als impish bezeichnen kann, er brachte mit seinem Humor, der häufig ein englischer black humour war, gerne Leute aus der Fassung; testete, wie sie reagierten. Und da ist nun diese wirklich schöne junge Frau, und der Tony spielt den dirty old man, der kaum Deutsch kann. Ich wende mich zu der etwas entgeisterten Schönheit und sage: Sie müssen das verstehen, mein Freund ist Engländer. Und der Tony legt seine Rolle ab, ist wieder der alte und sagt völlig ernsthaftt: Ja, wir Engländer sind manchmal etwas seltsam. Sie hat gelächelt.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Carl Blechen


Vor dreißig Jahren hat man in Berlin etwas Erstaunliches hinbekommen. Zwar waren die beiden Deutschlands offiziell noch voneinander getrennt, aber man hat eine gemeinsame Blechen Ausstellung veranstaltet, zum 150. Todestag des Malers. Alte und Neue Nationalgalerie haben ihre Bestände in einer Doppelausstellung gezeigt und ein gemeinsames Katalogbuch produziert: Carl Blechen: Zwischen Romantik und Realismus. Blechen ist einer der erstaunlichsten deutschen Maler im 19. Jahrhundert, er passt eigentlich gar nicht in die Zeit. Sein Nachruhm ist auch außer bei Sammlern und Kunsthistorikern nicht so groß gewesen wie der von Caspar David Friedrich. Aber Max Liebermann, der ein gutes Auge und einen scharfen Verstand hatte, hat gesagt: Er war ein begnadeter Maler von Gottes Gnaden. Einer der wenigen Auserwählten, der nicht nur zu den Besten seiner Zeit gehörte …, sondern auch auf die Besten seiner Zeit, wie auf Menzel, einen entscheidenden Einfluß ausgeübt hatte.

Also, dies hier ist kein Blechen, aber der Berliner Kunstsammler Julius Freund (der Vater der Photographin Gisèle Freund), der Blechen sammelte, hatte ihn als echten Blechen gekauft. Blechen hat zwar auch die Kreidefelsen und die Stubbenkammer auf Rügen gemalt (lesen Sie ૦hier mehr dazu), aber die Bilder sehen etwas anders aus als das Bild von Caspar David Friedrich. Erst 1920 hat der Kunsthistoriker Kurt Karl Eberlein das Bild als Caspar David Friedrich identifiziert. Das ist seine beste kunsthistorische Tat gewesen, alles andere von Eberlein ist nationalsozialistischer Unsinn. Gisèle Freund hat gesagt, dass sie unter diesem Bild geboren wurde, was vielleicht nicht so ganz stimmt, aber das Bild hing bei den Freunds über dem Sofa im Wohnzimmer. Julius Freund hat das Bild, weil es nun kein Blechen mehr war, 1930 an Oskar Reinhart verkauft, und in der Sammlung Reinhart hängt es immer noch.

Es ist ja nicht so, dass Blechen keine schönen Landschaften malen könnte, wie dieses Bild von 1830 zeigt. Das ist der Park der Villa d'Este, Blechen ist da in Italien gewesen, und seine Landschaften werden jetzt lichtdurchflutet. Haben schon einen impressionistischen touch, lange vor der Erfindung des Impressionismus. Das Bild hat auch etwas Theatralisches, es wirkt wie eine Bühnendekoration, man merkt hier, dass Blechen einmal Bühnenmaler am Theater gewesen ist. Den Posten hat er auf die Fürsprache von ૦Schinkel bekommen, der ja auch ein sehr guter Bühnenmaler gewesen ist. Schinkel wird auch 1831 dafür sorgen, dass Blechen die Stelle eines Professors für Landschaftsmalerei an der Berliner Akademie der Künste bekommt, einer sehr genialen Art der Naturauffassung wegen.

Das hier ist auch kein Blechen, aber es könnte einer sein. Dies ist Adolph Menzels vor-impressionistisches Balkonzimmer aus dem Jahre 1845. Den Einfluss, den Blechen auf den Jüngeren gehabt hat, kann man hier spüren. Doch das Bild unten im nächsten Absatz, das ist einwandfrei ein Blechen, obgleich es wie Emil Nolde aussieht. Zu der impressionistischen Phase seines Werkes ist Menzel (der ૦hier einen ausführlichen Post hat) leider nie mehr zurückgekehrt.

Blechen kann auch schöne Wolken malen, die manchmal wie die Wolken von ૦John Constable aussehen, er hat auch die ersten Zeichen der Industriellen Revolution gemalt und mit dem Walzwerk bei Neustadt-Eberswalde ein neues Bildthema für die deutsche Malerei geschaffen. Menzel wird ihm darin folgen. Leider ist das Bild von der Bucht von Rapallo (unten) in keinem guten Zustand, und die Qualität dieser Abbildung (vor allem der Farben) ist auch nicht  besonders gut. Aber man man doch ahnen, dass Blechen hier ૦Turner oder Constable näher ist als dem deutschen Biedermeier.

Bilder von Turner hat Blechen in Rom gesehen, wo Turner 1828 drei Bilder ausgestellt hatte. ૦Joseph Anton Koch, bei dem Blechen in Rom wohnt, findet das alles nur schrecklich. Über Turners Vision der Medea äußert er sich drastisch mit dem lateinischen cacatum non est pictum. Doch was kann man von einem Langweiler, dessen bestes Bild der Schmadribachfall ist, anders erwarten? Aber Blechen, der erkennt Turners Genie sofort. Adolph Menzel wird elf Jahre später ein ähnliches Erlebnis vor den Bildern von Constable haben.

Blechen ist in seiner Zeit durchaus als Künstler respektiert worden, die Geschichte von dem armen verkannten Genie, die immer wieder erzählt wird, ist wohl nicht ganz wahr, schon Alfred Lichtwark hat darauf hingewiesen. Natürlich gibt es Kritik beim Publikum, das diese neue Malerei nicht versteht (so die Spenerschen Zeitung 1832: Es ist nicht ganz leicht, sich der eigentümlichen Auffassung des Herrn Professor Blechen zu akkomodieren), natürlich wird das bühnenbildmäßig Theatralische kritisiert. Auch die Vielzahl der literarischen Anspielungen überfordert manchmal das Publikum. Blechen ist mit Büchern aufgewachsen, der Vater unterhält eine Leihbibliothek, indem er aus seiner großen Bibliothek Bücher ausleiht. Blechen hat es nicht leicht, vor allem nachdem er seine Stelle als Theatermaler gekündigt hat, nachdem er sich mit der Operndiva Henriette Sontag gezofft hatte.

Aber es gibt durchaus Berliner Sammler, die Bilder von Blechen kaufen. Und Fontane mochte Blechen, sein Versuch einer Blechen Monographie ist allerdings leider ein Fragment geblieben. Fontane interessiert sich natürlich für Blechen, weil er der Vater unserer märkischen Landschaft ist. Ganz besonders scheint ihn das Bild Das Semnonenlager (das nach dem Krieg leider verschollen geblieben ist) zu interessieren, von dem er auch eine Skizze angefertigt hatte: Also nicht absolut original, nicht vom Monde gefallen. Nichtsdestoweniger ist es und bleibt es etwas sehr Bedeutendes. Es gehört doch immer noch sehr viel Originalität und sehr viel Mut dazu, angesichts eines Poussin auf den Gedanken zu kommen: ich will die zwei Meilen vor den Toren Berlins gelegenen Müggelberge zum Rang einer historischen Landschaft erheben. Und nachdem dieser künstlerisch große Gedanke gefaßt war, war es immer noch ein ganz Besonderes, ihn so auszuführen, wobei dahingestellt bleiben mag, was das Schwerere war: die Triviallandschaft in eine aparte Landschaft zu erheben, oder aber, nachdem dieser Prozeß geschehen war, die heroisch gewandelte Landschaft mit solcher Staffage zu erheben.

Aufträge vom preußischen Hof gibt es kaum, außer den beiden Bildern, die das Innere des Palmenhauses zeigen. Und da versucht der König noch den Preis zu drücken, aber Schinkel steht Blechen wieder einmal bei, Blechen erhält 200 Friedrichsdor. Das ist damals viel Geld, aber die Bilder sind es auch wert. Nur Fontane mäkelte: Die Palmenhausbilder sind sehr schön und wohl kaum übertroffen. Aber doch eigentlich langweilig. Sein Wohnzimmer würde er nicht damit schmücken, da würde er den Fuchs vor seinem Bau oder das Eisenwalzwerk hängen.

Die Schwierigkeiten Blechens liegen darin, dass er Landschaftsmaler ist (dem man bei diesem Waldweg in Spandau wieder anmerkt, dass er Theatermaler war). Und für Landschaftsmaler gibt es in Preußen kein so rechtes Publikum. Wenn man die feine Berliner Gesellschaft malt, und Militärparaden mit ganz vielen Pferden malt wie ૦Franz Krüger (der deshalb auch Pferde-Krüger heißt), dann kann man in der Berliner Gesellschaft reüssieren. Als Landschaftsmaler nicht. Wenn man die Berliner Architektur malt wie Eduard Gaertner, dann werden die Bilder auch von König Friedrich Wilhelm III. gekauft.

Bedenken wir, dass auch John Constable in seinen Anfängen kaum vom englischen Publikum gekauft wurde und begonnen hatte, Wirtshausschilder zu malen. Bedenken wir auch, dass die Epoche jetzt eigentlich Biedermeier heißt. Und das Biedermeier ist nicht modern, mit Ausnahme seiner Möbelkunst. Denn mit Künstlern wie ૦Moritz von Schwind, Ludwig Richter oder Carl Spitzweg, die ja alle der Inbegriff des Deutschtums sind, hat Blechen nichts gemein. Berührungspunkte gäbe es allenfalls zu dem Berliner Architekturmaler Eduard Gaertner.

Das Bild hier zeigt Gaertners Blick auf die Klosterstraße in Berlin. Um Gaertner hat man sich ja lange auch nicht gekümmert, aber seit der Berliner ૦Eduard Gaertner Ausstellung von 2001 gibt es zumindest über ihn ein 464-seitiges Katalogbuch. Die Kunstgeschichte hat sich für die Gesamtheit der Berliner Malerei im 19. Jahrhundert erst sehr spät interessiert. Erst 1990 erschien das voluminöse Buch von Irmgard Wirth Berliner Malerei im 19. Jahrhundert, da kann man Wolf Siedler nur dankbar sein, dass er das verlegt hat.

Es ist ein wenig traurig, dass es nicht genügend gute Bücher über Carl Blechen gibt. Bei Amazon kann man Reproduktionen seiner Werke kaufen, das Amalfi Skizzenbuch, aber dann hört es auch schon auf. So bleibt der Katalog der Berliner Ausstellung von 1990, den man noch antiquarisch finden kann, noch das Beste zu Carl Blechen. Seit 2009 gibt es einen neuen Katalog seiner Skizzen, weil die Alte Nationalgalerie im Januar eine Ausstellung der Amalfi Skizzen veranstaltet hat. Und die sind ja, so Theodor Fontane, das Schönste: Am größten und genialsten ist er wohl in seinen Skizzen... Darunter befinden sich die entzückendsten Sachen ... Eine merkwürdige Gabe des mit ein paar Strichen Festhaltens, des Erkennens und Treffens des charakteristischen Punktes in der Landschaft tritt einem aus all diesen Skizzen entgegen.

Carl Blechen, der am 29. Juli 1798 in Cottbus geboren wurde, ist heute vor 180 Jahren in Berlin gestorben, im Sterberegister ist ein hitziges Fieber angeben. Ein kurzes Leben, dessen Ende von einer Geisteskrankheit überschattet war. Anzeichen von Schwermut, Depressionen und Angstzustände haben sich schon früher bemerkbar gemacht. Er hat das wohl geerbt, sein Vater hatte 1821 Selbstmord begangen. Irgendwie war das für Blechen ein Zeichen, seine bürgerliche Karriere aufzugeben. Er hatte Bankkaufmann gelernt, weil seine Eltern das Geld für das Studium nicht aufbringen konnten. Nach der Lehre war er ein Jahr als Freiwilliger in dem Garde Pionier Bataillon gewesen, danach die Anstellung in der Bank, das hätte eine bürgerliche preußische Karriere werden können. Aber dann wirft Blechen all das weg, studiert zuerst nebenbei, beginnt zu reisen. Besucht ૦Johan Christian Claussen Dahl (und wahrscheinlich auch ૦Caspar David Friedrich) in Dresden. Und findet in Schinkel einen Freund, der ihn das Leben lang fördert.

Was da im Hintergrund in dieser romantischen Amalfi Landschaft so raucht, ist das, was die romantische Literatur etwas euphemistisch einen Eisenhammer nennt, vulgo eine Fabrik. Man mag das Bild romantisch konventionell nennen. Man kann sicher auch den Einfluß des Bühnenmalers Blechen auf den Landschaftsmaler Blechen sehen. Dennoch ist es malerisch in einer ganz anderen Liga als Kochs Schmadribachfall, weil Blechen ein Maler des Lichts ist. Joseph Anton Koch bestenfalls einer der genauen Linie.

Was der in Rom lebende Österreicher Joseph Anton Koch niemals gemalt hätte - und auch niemals hinbekommen hätte, das ist ein solches Bild: Blechen hat es aus dem Fenster seines Hauses in Berlin in der Kochstraße 9 gemalt. Theodor Fontane hat gesagt, dass er das Bild gern in seinem privatesten Raum gehabt hätte. Ich habe das Bild von dieser privaten Seite, ich finde es ein bisschen ärmlich vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, dass die nicht mal eine farbgetreue Abbildung ins Netz stellen können.

Als ich klein war, habe ich meinem Opa aus seiner Bibliothek zwei Bildbände (vorübergehend) entwendet. Der eine war großformatig und enthielt hauptsächlich deutsche Historienmalerei. Der verschaffte mir eine souveräne Kenntnis einer Malerei, für die sich Kunsthistoriker normalerweise schämen. Ich meine jetzt solche Bilder wie Franz von ૦Defreggers Andreas Hofer (obgleich ich im Internet sehe, dass es da immer noch Interesse für das Bild gibt, wahrscheinlich wohnen die alle in Bayern) oder ૦Richard Knötels Heldentod des Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld. Das andere Buch von Opa war etwas kleiner im Format, eine Geschichte der deutschen Malerei. Es enthielt von Blechen (leider waren alle Bilder nur in Schwarzweiß und diese badenden italienischen Schönheiten waren nicht in dem Buch) das Bild der Villa d'Este. Mich faszinierte der fremdartige Name, aber noch mehr die Malerei. Und ich wußte damals ganz genau: so muss Malerei sein, so wie Carl Blechen! Nicht wie Richard Knötel. Ich war damals sechs. Ich habe meine Meinung bis heute nicht geändert.

Das stand hier heute vor zehn Jahren schon einmal, aber vielleicht kannten Sie damals diesen Blog noch nicht, deshalb stelle ich es heute am 180. Todestag von Blechen noch einmal ein. Ich habe es leicht überarbeitet und einige Bilder hinzugefügt. Die kleinen Punkte bei einem Link bedeuten, dass es zu dieses Malern auch noch einen Post in diesem Blog gibt.

Ich habe allerdings heute auch etwas Neues. Die Berliner Schriftstellerin Irina Liebmann, die ich am 3. Oktober 2019 hier hervorgehoben habe, hat gerade den Uwe Johnson Preis für ihren Roman Die Große Hamburger Straße bekommen. Dazu möchte ich ihr ganz herzlich gratulieren. Sie hat den Preis verdient. Aber nicht nur das, sie hat auch im letzten Jahr ein Hörspiel über Carl Blechen geschrieben. Sie können Willkommen und Abschied - Carl Blechen hier hören.


Lesen Sie auch: Carl Blechen, Blechen, Bettina von Arnim

Mittwoch, 22. Juli 2020

Girlie Show


Edward Hopper hat heute Geburtstag, der kam im Poetry Month April hier schon häufiger vor, aber es kann eigentlich gar nicht genug von Hopper geben. Ich habe hier ein schönes Bild aus dem Jahre 1941 von ihm, das Girlie Show heißt. Die Stripperin ist, wie beinahe alle Frauen auf Hoppers Bildern, seine Ehefrau Jo. Ich habe zu dem Bild ein kleines Gedicht, das A Nude by Edward Hopper heißt. Es ist von Lisel Mueller, einer Autorin, die in Deutschland nicht sehr bekannt geworden ist. Obgleich es mit Brief vom Ende der Welt: Ausgewählte Gedichte seit dem Jahre 2006 eine zweisprachige Gedichtsammlung gibt.

Die 1924 in Hamburg geborene Deutschamerikanerin ist in diesem Jahr in dem gesegneten Alter von sechsundneunzig Jahren gestorben. Sie war 1939 mit ihrer Familie nach Amerika emigriert und ist dort in den sechziger Jahren als Dichterin berühmt geworden. Nach dem Tod ihrer Mutter, hatte sie begonnen, Gedichte zu schreiben. Das hat sie in dem Gedicht When I am Asked gesagt. 1992 hat sie in dem Gedicht Curriculum Vitae ihr Leben beschrieben:

1) I was born in a Free City, near the North Sea.

2) In the year of my birth, money was shredded into
confetti. A loaf of bread cost a million marks. Of
course I do not remember this.

3) Parents and grandparents hovered around me. The
world I lived in had a soft voice and no claws.

4) A cornucopia filled with treats took me into a building
with bells. A wide-bosomed teacher took me in.

5) At home the bookshelves connected heaven and earth.

6) On Sundays the city child waded through pinecones
and primrose marshes, a short train ride away.

7) My country was struck by history more deadly than
earthquakes or hurricanes.

8) My father was busy eluding the monsters. My mother
told me the walls had ears. I learned the burden of secrets.

9) I moved into the too bright days, the too dark nights
of adolescence.

10) Two parents, two daughters, we followed the sun
and the moon across the ocean. My grandparents stayed
behind in darkness.

11) In the new language everyone spoke too fast. Eventually
I caught up with them.

12) When I met you, the new language became the language
of love.

13) The death of the mother hurt the daughter into poetry.
The daughter became a mother of daughters.

14) Ordinary life: the plenty and thick of it. Knots tying
threads to everywhere. The past pushed away, the future left
unimagined for the sake of the glorious, difficult, passionate
present.

15) Years and years of this.

16) The children no longer children. An old man's pain, an
old man's loneliness.

17) And then my father too disappeared.

18) I tried to go home again. I stood at the door to my
childhood, but it was closed to the public.

19) One day, on a crowded elevator, everyone's face was younger
than mine.

20) So far, so good. The brilliant days and nights are
breathless in their hurry. We follow, you and I.


Sie ist die einzige in Deutschland geborene Schriftstellerin, die den Pulitzer Preis für Dichtung bekommen hat. Die Mitteilung erhielt sie 1997 per Telegramm, der Text wurde ihr von einem Angestellten der Western Union am Telephon vorgelesen, der dem You were awarded the Pulitzer poetry prize today. Congratulations noch von sich aus hinzufügte: It’s nice to deliver good news for a change. Einen National Book Award hat sie auch bekommen, und im letzten Jahr auch das Bundesverdienstkreuz. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie das Schreiben aufgegeben The language no longer flows, hat sie gesagt. Aber in dem Gedicht A Nude by Edward Hopper fliesst die Sprache noch.

A Nude by Edward Hopper

The light
drains me of what I might be,
a man’s dream
of heat and softness;
or a painter’s
—breasts cozy pigeons,
arms gently curved
by a temperate noon.

I am
blue veins, a scar,
a patch of lavender cells,
used thighs and shoulders;
my calves
are as scant as my cheeks,
my hips won’t plump
small, shimmering pillows:

but this body
is home, my childhood
is buried here, my sleep
rises and sets inside,
desire
crested and wore itself then
between these bones—
I live here.

Wenn wir dem glauben, was sie in dem Gedicht Muse sagt, dann blickt sie beim Schreiben auf Hoppers Bild Nighthawks: What I look at when I type is a poster: Edward Hopper's Nighthawks. It is there to keep me honest. Gail Levins hat in ihrem Buch The Poetry of Solitude: A Tribute to Edward Hopper Muellers A Nude by Edward Hopper abgedruckt, aber auch noch ein zweites Gedicht von Lisel Mueller aufgenommen, das American Literature heißt und neben dem Bild Sun in an Empty Room steht:

Poets and storytellers
move into the vacancies
Edward Hopper left them.
They settle down in blank spaces,
where the light has been scoured and bleached
skull-white, and nothing grows
except absence. Where something is missing,
the man a woman waits for,

or furniture in a room
stripped like a hospital bed
after the patient has died.
Such bereft interiors
are just what they’ve been looking for,
the writers, who come with their baggage
of dowsing rods and dog-eared books,
their uneasy family photographs,
their lumpy beds, their predilection
for starting fires in empty rooms.



Noch mehr Edward Hopper in den Posts: Edward Hopper, Einsamkeit, ythlaf, Jo Hopper (und Eddie), The cure for loneliness is solitude, Hopper is saying, I am Vermeer, Hoppers Welt der Einsamkeit

Montag, 20. Juli 2020

20. Juli



Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Adolf Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Bendlerblock. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke, dessen Patenkind mein Freund Jimmy war, wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht -
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hatte) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer 'eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats' repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den 'Führer' unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. 'Unglücklich das Land, das Helden nötig hat' (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht: dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist immer noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat: In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man ja zumindest wissen, weshalb die Schule so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht (Schwarberg ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat).

Und die Bremer Geschichtsschreibung hat auch lange gebraucht, um sich zu äußern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales.

Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte, das, was Guido Knopp machte, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.


Das stand hier am 20. Juli 2010, ich war ein halbes Jahr lang Blogger. Google hatte gerade angefangen, mich zu zählen. Ich dachte, ich müsste das schreiben. Vor fünf Jahren erinnerte der Post Moabiter Sonette an den 20. Juli. Derjenige aus meiner Familie, der bei den Verschwörern des Kreisauer Kreises war, ist glücklicherweise ungeschoren davongekommen. Er war damals nur ein kleiner Oberleutnant. Er hat nie über das geredet, was er getan hatte, was er erreichen wollte. Als ich achtzehn wurde, bekam ich von ihm einen Bananenkarton voller Bücher. Alles, was der deutsche Buchmarkt zum Thema Widerstand damals hergab. Die Titel der Bücher sind inzwischen zahlreicher geworden. Und das Vergessen größer.

Freitag, 17. Juli 2020

Nordic Noir


Ich wusste nicht, was da über den Bildschirm flimmerte. Lohnte sich das Hingucken? Ich schaltete den Teletext ein, da ich nicht wusste, unter welchem Berg von Zeitungen sich die Programmzeitschrift verbarg. Offenbar hatte in diesem Film, den die Degeto in Norwegen gekauft hatte, ein Kommissar namens Wisting seinen zweiten Fall zu lösen. Der Teletext blieb nicht auf der Ebene der sachlichen Beschreibung: Mit einer grandiosen Kameraarbeit, der präzise inszenierten Ermittlergeschichte und einem dramatischen Showdown bietet der zweite Teil der Doppelfolge 'Jagdhunde' alles, was die Erfolgsmarke 'Nordic Noir' auszeichnet. Meisterhaft beherrschen die Serienmacher die hohe Kunst des Thrillergenres, beim Zuschauen ein Gänsehautgefühl zu erzeugen. So etwas nimmt dem Zuschauer das Denken ab, er weiß jetzt, dass das alles grandios, präzise und dramatisch ist. Dass die Serienmacher eine hohe Kunst meisterhaft beherrschen. Und dann gibt es da noch ein Gütesiegel drauf, das Nordic Noir heißt.

Ich fand das Ganze mit seinen holzschnittartigen Figuren stinkelangweilig. Ich bin da offensichtlich nicht ganz alleine: Eine gewisse kalt-düster-befremdliche nordische Atmosphäre mag 'Kommissar Wisting' dabei durchaus auszustrahlen vermögen – doch die allzu konstruierten Plots und die in Setzkastenlogik entworfenen Charaktere verhindern leider konsequent eine zweite Ebene, die etwas Ernsthaftes zu den verhandelten Themen – Vereinsamung und Überforderung – hätte beitragen können. Dass ich gewisse Vorbehalte gegenüber dem, was neuerdings als Nordic Noir verkauft wird, habe, das können sie schon dem Post Henning Mankell entnehmen.

Ich kenne Mankells Übersetzer Wolfgang Butt, der mit seiner Arbeit nicht immer glücklich gewesen ist. Als ich mich vor Jahren mit ihm über Mankell unterhielt, sagte er, dass er gerade Per Olov Enquists Der Besuch des Leibarztes übersetzte. Das sei eine schöne Aufgabe. Dadurch, dass er an Mankell gut verdiene, könne er eine Vielzahl von schwedischen Autoren, die sonst keine Chance auf eine Übersetzung gehabt hätten, sozusagen zum Discountpreis übersetzen. So gesehen fördert Henning Mankell auf Umwegen auch die schwedische Literatur. Der Besuch des Leibarztes (hier ein Photo aus dem Film von 2012) ist übrigens ein sehr schönes Buch. Besser als ein Mankell. Im eigenen Kleinverlag brachte Wolfgang Butt zwischen 1987 und 1994 Literatur aus Skandinavien heraus. Meistens Krimis, die er mir freundlicherweise immer vorbeischickte. Das war meine zweite Begegnung mit dem skandinavischen Krimi.

Die erste Begegnung hieß Sjöwall/Wahlöö, und ohne Per Wahlöö Sjöwall und Maj Sjöwall (die hier die Posts Sjöwall Wahlöö und Maj Sjöwall haben) gäbe es keinen Schwedenkrimi und kein Nordic Noir, keine Kommissarin Sarah Lund (40 Folgen), keine Kommissarin Maria Wern (18 Folgen, wo Marika Lagercrantz in einer Folge auch mitspielen darf), keinen Kommissar William Wisting (10 Folgen). Und keinen Kurt Wallander. Aber alles ist immer sehr dunkel. Sehr lang. Und sehr realistisch.

Die Romanautorin Dorothy Sayers hat einen Realismus in ihren Romanen nie gewollt: For, however realistic the background, the novelist's only native county is Cloud-Cuckooland, where they do but jest, poison in jest: no offence to the world. In ihrem Buch The Long Week-End haben Robert Graves und Alan Hodge (der Ghostwriter von Winston Churchill) den wunderbaren Satz Detective novels, however, were no more intended to be judged by realistic standards than one would judge Watteau's shepherds and shepherdesses in terms of contemporary sheep-farming mit leichter Hand dahingeworfen.

Das kleine englische Dorf (Mayhem Parva, wie es Colin Watson genannt hat), in dem wir uns immer so zuhause fühlten und wo Miss Marple, Lord Peter Wimsey oder Tom Barnaby ermitteln, ist romanmäßig unwiederbringlich dahin. Früher war das Verbrechen im englischen Landhaus, jetzt ist es auf der ganzen Welt. Und ganz besonders in Schweden. Das bedeutet aber nicht, dass man die schönen englischen Detektivromane aus dem golden age of detective fiction nicht mehr lesen darf. Ich habe noch keinen neueren Roman aus Skandinavien gelesen, der ansatzweise an das intellektuelle Vergnügen der Lektüre eines Romans von Michael Innes heranreichte.

Sjöwall und Wahlöö haben den dirty realism nach Skandinavien gebracht. Aber wo sie noch eine Botschaft hatten, haben ihre Nachfolger nur noch den dirty realism, mit der Betonung auf dirty. Unrasierte Kriminalkommissare, zerrissen in Kierkegaardschen Selbstzweifeln mit der Aquavitflasche in der Hand, in der Tristesse des Alltags eines postsozialistischen Wohlfahrtsstaates, gehen mir inzwischen auf den Keks. Vor allem, weil bei den meisten skandinavischen Kriminalromanen doch immer wieder Sjöwall und Wahlöö durchscheinen. Dann kann man auch gleich Sjöwall Wahlöö lesen. Und wenn man noch mehr Alltagstristesse braucht, bleibt einem ja immer noch Emile Zola.

Dem Rezensenten des österreichischen Kurier war das mit der Kommissarin Lund alles zu viel des Guten, er schrieb: Grau ist die Farbe der Sarah Lund. Grau beginnt die erste Folge der neuen dritten Staffel der Kultserie, die ab heute im ZDF läuft: Aus den Schatten löst sich ein halb nackter, auf einem Schiff gefangen gehaltener Mann. Grau wie grausam. Der Mann flieht in Panik und stürzt sich ins Wasser. Schnitt und Auftritt Sarah Lund. Eine zierliche Frau im schwarz-weißen Strickpulli schlurft aus dem WC und zieht sich ungeniert den Reißverschluss zu. Dass ihr neuer Assistent daneben steht und zuschaut? Egal. So würde sich Saga Norén (gespielt von Sofia Helin) in Bron/Broen (Die Brücke: Transit in den Tod) natürlich nie gehen lassen. Die Reihe hat 38 Folgen, die natürlich ganz großartig sind: Die ebenso grandios erzählte wie gespielte Reihe gilt als Perle der skandinavischen Thriller-Schatzkammer und erlebt nun die dritte Auflage mit fünf Doppelfolgen.

Rebecka Martinsson (gespielt von Ida Engvoll) würde sich auch nicht gehen lassen. Die Serie wurde liebevoll von der FAZ begrüßt: Ein neuer Schweden-Krimi im Ersten führt die Tradition des 'Nordic Noir' fort: 'Rebecka Martinsson' handelt von einem Verbrechen, bei dem sich im einsamen Norden des Landes ein ganzer Ort verdächtig macht. Beinahe all diese Nordic Noir Serien ähneln einander, ich habe manchmal das Gefühl, die Fernsehanstalten tauschen die Drehbücher untereinander aus. Gerettet wird das Ganze mal gerade eben noch durch den ältesten Trick der Filmindustrie: schöne Frauen. Die allerdings selten nackt sind (lesen Sie dazu doch einmal den Post Nackt), dafür ist es da oben einfach zu kalt, und die Zeit des Schwedenfilms ist eh vorbei.

Wenn die hübschen Frauen nicht wären (hier Marie Bach Hansen in Das Team), wäre das Ganze unheimlich langweilig, weil letztenendes doch immer dieselbe Geschichte erzählt wird. Ob in vier oder in zwanzig Folgen. Selbst die dünnste Story, die mal eben bei den Rentnercops oder Notruf Hafenkante für das Vorabendprogramm reichen würde, wird gedehnt (das man das in Deutschland inzwischen auch kann, können Sie in dem Post Nordholm lesen) und überdehnt. Sergei Bondartschuks Krieg und Frieden dauert 395 Minuten auf der Leinwand, da wären wir bei Forbrydelsen mit Sarah Lund, das jetzt auf arte The Killing heißt, mal gerade mit der sechsten Folge der ersten Staffel fertig.

Damit wir die weiblichen Heldinnen voneinander unterscheiden können, bekommen sie Beigaben, so wie Sherlock Holmes seine Pfeife hat und einen Deerstalker trägt. Marie Bach Hansen braucht keine Beigaben, sie ist 1,80 m groß und blond, da reicht schon ein enges Unterhemd. So etwas würde Sarah Lund nicht reichen, die trägt immer einen weiten Norweger Pullover. Der modisch ein Renner wurde. Als die Gattin von Prince Charles die Dreharbeiten besuchte, bekam sie von Sofie Grabol auch so einen geschenkt. Die Kommissarin Saga Norén trägt Lederhosen und fährt einen Porsche 911S mit einer seltsamen Farbe. Das können wir uns merken.

Es ist die Stunde der Frauen, Kommissarinnen überall, in Norwegen, Schweden und Dänemark. Und bei uns im Fernsehen. An manchen Produktionen haben sich ARD und ZDF finanziell beteiligt. Für manche Schauspielerinnen kann eine Serie ein Karrierestart sein, das hier ist Moa Gammel als Elin Nordenskiöld in der Serie Maria Wern, Kripo Gotland. Aber auch etablierte Schauspielerinnen scheuen sich nicht, in einem Krimi mitzuwirken. So spielte zum Beispiel Marika Lagercrantz in Reißende Wasser (Järngänget) eine Kriminalkommissarin. Mit schicker Sonnenbrille. Aber hatte sie das nötig?

Das Böse kommt aus dem Norden: Die Welt des nordischen Krimiromans hat der Journalist Tobias Gohlis 2003 seine Untersuchung des skandinavischen Krimis betitelt. Es gibt noch andere Bücher, auch schon akademische. Zum Beispiel gibt es zu der Serie Bron/Broen das Buch Beyond The Bridge: Contemporary Danish Television Drama von dem deutschen Professor Tobias Hochscherf und der dänischen Professorin Heidi Philipsen. Keinesweg akademisch ist dieses Buch hier: Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben. Ist aber sehr witzig. Intelligenter als Vieles, das als Nordic Noir (oder Finnish Weird) verkauft wird.

Inzwischen sind mehr als hundert Krimiautoren aus Schweden, Dänemark und Norwegen auf dem deutschen Markt präsent (vierzig davon kommen aus Schweden). Aber zahlenmäßige Menge bedeutet nicht gleichzeitig auch Qualität. Das Dutzend skandinavischer Krimis, die ich im Laufe der Jahre geschenkt bekommen habe, hat mich nicht vom Stuhl gerissen. Vielleicht waren es die falschen Romane, obgleich mir die Schenkenden immer versicherten, dass dies das Beste aus Skandinavien sei. Ich bin da nicht so sicher. Das Krimigenre Nordic Noir führt direkt in den Abgrund der skandinavischen Psyche, schrieb die NZZ. Was sagt Hamlet zu Polonius? Words, words, words.

Gestern Abend gab es auf arte die Folgen 9-12 der ersten Staffel mit der Kommissarin Sarah Lund. Heute Nacht gibt es im Ersten Programm Henning Mankells Wallander. Das hört nie auf mit dem Nordic Noir. Der Porsche 911S von Saga Norén mit der fiesen Farbe ist bei einer Auktion für einen guten Zweck für 125.000 Pfund versteigert worden. Einen Sarah Lund Pullover bekommt man schon für 360 Euro.

Lesen Sie auch: Sjöwall Wahlöö, Maj SjöwallHenning Mankell