Mittwoch, 3. Juni 2015

Kreuzworträtsel


Kreuzworträtsel. Kriege ich nie hin. Mein Freund Georg immer, der löst sogar die in der Times. Manchmal schickt er mir welche vorbei. Ist vergebene Liebesmühe, ich habe nicht den Kopp dafür. Bei Colin Dexters Chief Inspector Morse ist das natürlich ganz anders, der löst der Kreuzworträtsel der Times in elf Minuten. Colin Dexter ist auch so ein Fanatiker: It’s a triumph in your own mind. You sit down with the crossword each morning over a boiled egg and you try to finish it before you finish the egg. And if you do so, then you get the feeling that the day has started off awfully well.

Muss man ein mathematisches Genie sein, um Kreuzworträtsel zu lösen? Ich gehörte mal dem exklusiven Klub der Matte Fünfer an, obwohl das vor Jahren auf einem Klassentreffen bestritten wurde. Weil ich die Fünf nur als Halbjahreszensur hatte, danach machte ich mal die Hausaufgaben. Und schrieb eine Eins nach der anderen. Unserem Matte Lehrer Walter D., der als junger Referendar schon meine Mutter am Lyceum unterrichtet hatte, hatte offensichtlich niemand erzählt, dass nach der Oberstufenreform im Lateinzweig der Schule nicht das volle Programm des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges unterrichtet werden sollte.

Das einzige, was ich aus dem Mathematik Unterricht wirklich mitgenommen habe, war die Frage meines Mitschülers Theo K., warum wir denn nun seit einem halben Jahr Kurvendiskussionen machten. Walter D. beantwortete das mit: Stellen Sie sich vor, Sie sind Konservendosenfabrikant, dann können Sie so berechnen, wieviel Weißblech Sie für ihre Dosen brauchen. Woraufhin Theo sagte: Wenn ich Konservendosenfabrikant wäre, dann hätte ich Leute wie Sie, die das für mich ausrechnen. Gab einen Eintrag im Klassenbuch, war aber ein starker Auftritt. Theo ist übrigens später Atomphysiker geworden. Trotz Walter D.

Als ich den Post ➱Endeavour geschrieben hatte, sprach mich ein Bekannter darauf an, der alle Romane von Colin Dexter gelesen hatte. Er schätzte die Romane, weil sie nicht nur gute Krimis waren, sondern ihm auch Bildung vermittelten. Und er erzählte mir eine kleine Geschichte. Er hatte einen Mathematiklehrer, der offenbar ein geklontes Exemplar von Walter D. war, seine Versetzung an einem humanistischen Gymnasium war gefährdet. Und dann las er in einem der Romane von Colin Dexter (ich nehme mal an, dass es The Remorseful Day war, wo sich die Sätze Perhaps it wasn't altogether their fault. We're never going to solve everything. It's taken these mathematicians over three hundred years to solve Fermat's Last Theorem finden) etwas über Pierre de Fermat. Und las mehr über ihn, und plötzlich interessierte ihn die Mathematik. Er schaffte die Versetzung, wurde immer besser, und wenig später gab er in der Oberstufe Nachhilfe in Mathematik.

Das hier ist unbestritten ein mathematisches Genie. Der Herr heißt Sir Jeremy Morse, als Zwölfjähriger hatte er schon seinen erkrankten Mathematiklehrer vertreten. Und als Student hatte er einen Fehler in dem Lehrbuch The Theory of Numbers gefunden. Das versichert uns sein Freund Earl Ferrers in seiner Autobiographie Whatever Next? Jeremy Morse wurde aber kein Mathematiklehrer, er wurde ein englischer Bankier, der nebenbei unter dem Pseudonym Esrom jahrelang das Kreuzworträtsel für den Observer konzipierte. Und sein Name - jetzt lasse ich die Katze aus dem Sack - wurde der Name des Inspektors, den Colin Dexter für seine Romane wählte: Inspector Morse is named after Sir Jeremy Morse, who I got to know in the 1950s when he started doing the Ximenes crossword in The Observer. And Dorothy Taylor wrote the The Observer’s Everyman crossword for years under the name Mrs B Lewis. So that’s the origin of Morse’s bagman. Schön, dass wir das endlich wissen, wie Morse und Lewis zu ihren Namen gekommen sind.

Im Jahre 2012 kam der Film Endeavour auf die englischen TV Bildschirme, es war der ➱Pilotfilm zur gleichnamigen ➱Serie, die ITV dann 2013 sendete. Endeavour ist das, was wir ein prequel nennen. So etwas ist ja in der Industrie Mode geworden, wenn Film oder Serie großen Erfolg haben. Wenn man so will, ist das ein alter Hut. Man kann James Fenimore Coopers The Deerslayer von 1841 als ein prequel zu dem zeitlich ersten Natty Bumppo Roman The Pioneers (1823) sehen. Aber man meint damit wohl eher Dinge wie Die Abenteuer des jungen Indiana Jones, und vielleicht bekommen wir eines Tages auch noch die Abenteuer des jungen James Bond.

Die Serie, auf die Endeavour anspielt, ist natürlich die Saga von Chief Inspector Morse, einem der größten Verkaufserfolge von ITV. Die Süddeutsche Zeitung sagte über Colin Dexters Romane: Seit Sherlock Holmes gibt es in der englischen Kriminalliteratur keine interessantere Figur als Chief Inspector Morse, für den The New York Times Book Review war Morse the most prickly, conceited, and genuinely brilliant detective since Hercule Poirot. Wie dem auch sei - Sherlock Holmes oder Hercule Poirot - viele Leser von Colin Dexter und Millionen von Zuschauern, die weltweit Morse gesehen haben (na ja, in Deutschland nicht) waren auch dieser Meinung. Das englische Publikum hatte John Thaw als Morse liebgewonnen, und auch Colin Dexter fand, dass er die perfekte Verkörperung der Figur war.

Unsere great detectives brauchen immer einen sidekick, Sherlock Holmes hatte Dr Watson, Hercule Poirot seinen Captain Hastings (und auch Edgar Allan Poes Dupin hatte einen Helfer). Unser junger great detective Endeavour Morse beginnt seine Karriere erst einmal als bag man von Inspector Fred Thursday (Roger Allam), einem Schauspieler, ohne den die Serie wohl nichts geworden wäre. Am Ende des Pilotfilms - in dem natürlich Kreuzworträtsel eine große Rolle spielen - fragt der Inspector Fred Thursday den jungen Morse, wo er sich in zwanzig Jahren sieht.

Endeavour Morse (Shaun Evans) blickt in den Rückspiegel, und wir sehen im Spiegel die Augen von John Thaw. Und die Originalmusik von Morse erklingt - der Komponist der Filmmusik ist Barrington Somers Pheloung, der schon die Musik für Morse und Lewis schrieb. Der rote Jaguar, den er eines Tages fahren wird, kommt in dieser Folge auch schon vor, man hat sich viel Mühe gegeben, Verbindungen zu der Serie Morse zu konstruieren.

Auch Abigail Thaw, die Tochter von John Thaw, hat in der Endeavour Serie eine Rolle als Dorothea Frazil, Chefredakteurin der Oxford Mail. Sie war damit sehr zufrieden: When they first approached me I just thought it would be a desk clerk with one line – my character was a cameo role in the pilot – but now she’s gone beyond that and it’s a lovely little part. I’m thrilled – it feels like a nice treat in my life and career to do something like this. I’m very proud to be in it. Als der junge Morse sie zum ersten Mal trifft, haben wir folgenden Dialog: “What did you say your name was?” “Morse. Why?” “Have we met?” “I don’t think so.” “Another life, then.”

Das ist natürlich ein kleiner in-joke, und davon lebt die Serie. Fans von Inspector Morse werden ihr Vergnügen haben, weil vieles aus der Serie hier schon erwähnt wird. Der Vorgesetzte von Morse, Chief Superintendent Strange, ist (wie der Pathologe Max) auch schon dabei, hier ist er noch ein einfacher Constable (im Bild rechts). Für zwanzig der dreiunddreißig Folgen von Morse, die ITV von 1987 bis 2000 sendete, gab es Romanvorlagen.

Den Inspector Lewis brauchte man nicht ganz neu zu erfinden, der stand schon in den Romanen und war in allen Folgen von Morse zu sehen. Aber den jungen Endeavour Morse, den musste man ganz neu erfinden. Aber damit kennt Russell Lewis, der als Siebenjähriger den kleinen Winston in Young Winston spielte, sich bestens aus. Er hatte schon große Teile von Inspector Lewis konzipiert und geschrieben (und die Folge The Way Through the Woods von Morse geschrieben). Russell Lewis hat den Autor Colin Dexter natürlich getroffen und mit ihm das Konzept besprochen, Dexter war mit dem ➱Ergebnis nicht unzufrieden (er hat wie in Morse und Lewis einige kleine Cameo Auftritte). Angeblich hat er sogar verfügt, dass es neben John Thaw nur Shaun Evans als Morse geben darf. Auf jeden Fall hat das Shaun Evans gesagt: I know that the creator, Colin Dexter, has it in his will that no one else can play the part. Which is as it should be. It’s not something that can go on and on. I really don’t think it will.

Endeavour endet bisher mit der Folge Neverland (der vierten Folge der zweiten Serie), aber so wie es endet, darf es nicht enden (wenn ich weiterschreiben wollte, müsste ich jetzt einen spoiler alarm einbauen). Zum Ende dieser Folge zitiert der junge Morse gegenüber Fred Thursday die letzte Strophe des Gedichts May von A.E. Housman:

Ensanguining the skies
How heavily it dies
Into the west away;
Past touch and sight and sound
Not further to be found,
How hopeless under ground
Falls the remorseful day.


Wir wissen, dass The remorseful day der Titel der letzten Folge von Morse ist, die Folge, in der Chief Inspector Endeavour Morse stirbt. Aber der junge Endeavour stirbt natürlich nicht - die Helden der Popular Culture leben ja sowieso ewig. Und Russell Lewis hat es die Morse Gemeinde mit einigen Zeilen schon wissen lassen, dass es weitergeht: Endeavour '67 ... Pepper - Piper - Purple Haze... As 'Oxford's finest' encounter friends and foes both old and new, our next quartet of mysteries will take the audience on a psychedelic Summer of Love fairground ride, filled with twists and turns shrieks and scares. For something wicked this way comes...

Das, was es bisher gibt, ist auf jeden Fall eine Kaufempfehlung. Selbst wenn Sie keine Kreuzworträtsel mögen. In Amerika lief Endeavour bei PBS, das ist für Amerika ja schon Bildungsfernsehen. Nicht alle waren begeistert, so schrieb Mike Hall in der New York TimesBeyond the easy pleasure of the Morse allusions, the tone and texture of the new work are substantially different: It’s blander, stiffer and more conventional, like many other well-made British period pieces. In hindsight, the original series may be overrated, but it had an acid tang that you remembered. At this point, “Endeavour” is more like ginger beer. Und das würde Morse natürlich nie trinken. Aber probieren Sie es selbst. Das einzige, was man wirklich bemängeln kann, ist, dass der Serie der Humor, der Morse und Lewis auszeichnet, völlig fehlt.

Lesen Sie auch: ➱Endeavour, ➱Inspector Lewis.

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