Mittwoch, 21. November 2018

The One on the Right Is on the Left


Richard Nixon hätte es gerne gehabt, wenn ihm Johnny Cash Okie from Muskogee vorgesungen hätte, aber the Man in Black tat ihm nicht den Gefallen. Er antwortete auf Nixons Vorschläge: I don’t know those songs. But I got a few of my own I can play for you. Nixon hielt Okie from Muskogee  für die Hymne der rednecks, in Wirklichkeit war der Song wohl eher ironisch gemeint. Amerikas populäre Musik ist nicht leicht einzuordnen. Wir haben Janis Joplins Me and Bobby McGee, aber wir haben auch Tom Paxton:

Lyndon Johnson told the nation
Have no fear of escalation
I am trying everyone to please
Though it isn't really war
We're sending fifty thousand more
To help save Vietnam from the Vietnamese

Doch die Zeiten von Tom Paxton und Phil Ochs, von Buffy Sainte-Marie und Joan Baez sind vorbei, die Politik scheint aus der populären Musik verschwunden. Country music has become apolitical titelte der Guardian. Einer der Gründe für die neue Zurückhaltung heißt Dixie Chicks. Als die Band vor Jahren Kritik an Regierung und Präsidenten äußerte, sendeten die Radios ihre Songs nicht mehr. Country Music, Politics & the Lingering Fear of 'Getting Dixie Chicked' hieß eine Schlagzeile. Hannes Wader widerfuhr das gleiche Schicksal, als seine DKP Zugehörigkeit bekannt wurde, konnte man im NDR seine Songs nicht mehr hören.

Now this should be a lesson if you plan to start a folk group
Don't go mixin' politics with the folk songs of our land
Just work on harmony and diction
Play your banjo well
And if you have political convictions keep them to yourself

Das sang Johnny Cash 1965 in The One on the Right Is on the Left, aber politisch rechts war er nie. Lassen Sie uns zu einem großen Moment von Johnny Cash zurückkehren, dem Grand Prize des Kennedy Centers 1996. Da sagte Walter Cronkite, Edgar Allan Poe zitierend: A sense of the beautiful is an immortal instinct deep within the spirit of man. Und fuhr fort: Each year at the Kennedy Center, we honor a few, those rare few, who have reached deeply within themselves and given new life to that immortal instinct. Johnny Cash war schon sehr krank, und als eine jüngere Generation (hier seine Tochter mit ihrem Vater) ihre und seine großen Songs sang, kämpfte er mit den Tränen. Klicken Sie hier, um den großen Moment der Country & Western Music mit Kris Kristofferson, Lyle Lovett, Emmylou Harris und Roseanne Cash zu hören. Roseanna singt den signature song von Cash I walk the line ganz wunderbar (obgleich Quincy Coleman das mit Harry Dean Stanton auch nicht schlecht macht).

Zum Schluss singen alle I'll Fly Away:

Some glad morning when this life is over,
I'll fly away.
To a home on God's celestial shore,
I'll fly away.


Aber da hat Johnny Cash noch einige Jahre zu leben, bis seine Tochter Black Cadillac singt.

Sonntag, 18. November 2018

Uniklinik (2)


Wenn ich aus dem Fenster der Uniklinik schaute, konnte ich auf den Schwanenweg blicken. Das ist eine hübsche kleine Straße, in der Klaus Groth einst gewohnt hat. Und ein Medizinprofessor, der einmal Medizingeschichte in Kiel geschrieben hat. Ich meine Alkmar von Kügelgen, der hier schon einen Post hat. Auf dem gegenüberliegenden Gebäude des Klinikgeländes war ein riesiges Plakat angebracht. Wir schaffen das, stand darauf. Damit war nicht Frau Merkel gemeint, es war ein Slogan, mit dem man sich Mut zu machen versucht, dass aus dem Chaos der Riesenbaustelle einmal eine funktionierende Uniklinik entsteht. Das Wir schaffen das stand auch auf den Kaffetassen, auf den kleinen Papiertüchtchen, in denen der Zucker war, stand auch: Wir schaffen das. Für so etwas hat man Geld. Zwar lauern im Hintergrund eine Milliarde Euro Schulden, aber für die 640.000 Euro, die der Verwaltungschef Jens Scholz bekommt, reicht es immer noch. Ein Beschwerdemanagement hat die Uniklinik auch, ich nehme an, die haben Tag und Nacht zu tun.

Gerade haben die Klinikdirektoren und Chefs einen Brief an den Ministerpräsidenten geschrieben. Man will mehr Geld. 71 Mediziner haben unterschrieben. Erstaunlich, dass es so viele Direktoren gibt. Ich war vor Jahrzehnten mal eine Woche in der Uniklinik. Der Direktor der Inneren Medizin hieß Bernsmeier, er war ein berühmter Mann. Er war der einzige Direktor der 1. Universitätsklinik, mehr als einen brauchte man damals nicht. Arnold Bernsmeier hatte dafür Zeit, sich jeden Abend für fünf Minuten an mein Bett zu setzen. Als ich letztens in der Uniklinik war, hat niemand mit mir fünf Minuten geredet, die Ärzte hatten es nicht einmal nötig, ihren Namen zu nennen. Viele kannten die Patienten überhaupt nicht. Alle Diagnosen und Werte, die ich von den behandelnden Ärzten des letzten halben Jahrs mitgebracht hatte, waren von den Unimedizinern nicht gelesen worden. Warum auch? Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht, ja das hofft man. Es ist übrigens ein ganz alter Satz. Er steht im Hippokratischen Eid.

Samstag, 17. November 2018

schwarz + weiß.


Darf man als ehemalige First Lady so aussehen wie auf diesem Photo, das vor vier Tagen mit der Präsentation des Buches Becoming Michelle Obama zu sehen war? Warum nicht? Ist besser, als wenn man wie Melania als Model für die Unterwäschenfirma Victoria's Secret auftritt. Aber Farbige haben es immer noch schwer in der amerikanischen Gesellschaft, vor allem in Trumps Amerika.

Schwarze Amerikaner haben für den Rassisten Donald Trump einen low IQ, er attackiert sie bei jeder Gelegenheit, wir lassen seine Angriffe auf Barack Obama mal aus. Das Bild der kleinen Ruby Bridges hängt nicht mehr im Weißen Haus (mehr dazu in dem vielgelesenen Post Bilder: Geschichte). Statt der kleinen Ruby Bridges hängt da jetzt ein Bild, auf dem Donald Trump zu sehen ist. Aber kein schwarzer Präsident. Kann man noch geschmackloser werden?

Es ist ein langer Weg gewesen, der die schwarzen Amerikaner zu Bildung und Gleichberechtigung geführt hat. Dies hier war der erste schwarze Amerikaner, der auf einer Briefmarke abgebildet wurde. Aber das hat Booker Taliaferro Washington nicht mehr erlebt. Sein italienisch klingender middle name (der tol-i-vər ausgesprochen wird) kommt wohl von einer weißen Familie aus Virginia. Seine Eltern, die wie er noch Sklaven waren, werden sich etwas dabei gedacht haben. Sein Weg, den er für die Schwarzen sah, war nicht der Weg der Revolution:

Our greatest danger is, that in the great leap from slavery to freedom we may overlook the fact that the masses of us are to live by the productions of our hands... No race can prosper till it learns that there is as much dignity in tilling a field as in writing a poem. It is at the bottom of life we must begin, and not at the top... To those of the white race who look to the incoming of those of foreign birth and strange tongue and habits for the prosperity of the South, were I permitted I would repeat what I say to my own race, "Cast down your bucket where you are... Cast down your bucket among these people who have... tilled your fields, cleared your forests, builded your railroads and cities... As we have proved our loyalty to you in the past, in nursing your children, watching by the sick bed of your mothers and fathers, and often following them with tear-dimmed eyes to their graves, so in the future, in our humble way, we shall stand by you with a devotion that no foreigner can approach, ready to lay down our lives, if need be, in defense of yours, interlacing our industrial, commercial, civil, and religious life with yours in a way that shall make the interests of both races one. In all things that are purely social we can be as separate as the fingers, yet one as the hand in all things essential to mutual progress.

Claude McKay, der auf Jamaica geboren wurde (und 1912 in die USA kam), hat die Booker T. Washingtons Schule, das Tuskegee Institute, besucht. Aus seinem Sonett The White House spricht ein ganz anderer Geist.

Your door is shut against my tightened face,
And I am sharp as steel with discontent; 
But I possess the courage and the grace 
To bear my anger proudly and unbent. 

The pavement slabs burn loose beneath my feet, 
And passion rends my vitals as I pass, 
A chafing savage, down the decent street; 
Where boldly shines your shuttered door of glass. 

Oh, I must search for wisdom every hour, 
Deep in my wrathful bosom sore and raw, 
And find in it the superhuman power 
To hold me to the letter of your law! 

Oh, I must keep my heart inviolate 
Against the potent poison of your hate.

Eine Anzahl von Kritikern hat die Meinung vertreten, dass man Claude McKays Sonett bei Trumps Inauguration hätte vorlesen sollen. Oder man hätte auch das Gedicht America nehmen können:

Although she feeds me bread of bitterness,
And sinks into my throat her tiger’s tooth,
Stealing my breath of life, I will confess
I love this cultured hell that tests my youth.


Her vigor flows like tides into my blood,
Giving me strength erect against her hate,
Her bigness sweeps my being like a flood.
Yet, as a rebel fronts a king in state,


I stand within her walls with not a shred
Of terror, malice, not a word of jeer.
Darkly I gaze into the days ahead,
And see her might and granite wonders there,


Beneath the touch of Time’s unerring hand,
Like priceless treasures sinking in the sand.


Der Traum von Martin Luther King ist immer noch ein Traum.

Mittwoch, 14. November 2018

Charles


Prince Charles wird heute siebzig, dazu wollen wir herzlich gratulieren. Der  Cartoon hier ist von Marc Boxer, der schöne Prince Charles Cartoons gezeichnet hat. Er hat auch die Umschlagbilder für die Paperbackausgabe von A Dance to the Music of Time gestaltet. Siebzig Jahre, und noch immer Thronfolger. Wird das noch mal was mit der Nachfolge von Lisbeth? Prince Charles war schon häufig in diesem Blog, meistens als Modeikone. Da ist er ein würdiger Nachfolger des Herzogs von Windsor. Charles, von dem wir wissen, dass er sehr schön Gedichte vorliest (hören Sie hier Dylan Thomas' Fern Hill) ist uns weniger als Dichter bekannt. Denn das ist er auch, nicht nur ein Maler. Und da zitieren wir heute doch mal ein Gedicht des Geburtstagkinds:

... Full moon...shine on the ocean...
you, in my heart...the shore is waiting...
getting older. You never come...indefinite is
the moonlit path ploughing the ocean
that swallowed the sailing-ship
we would have wandered so long on...
driven by desire, playing
flute and lyre...
blending singing and flesh
in the silvery wind...

Sonntag, 11. November 2018

Montaigne en allemand


Ich habe die Engländerin Sarah Bakewell schon in dem Post Biographien vorgestellt, da hatte ich gerade The English Dane gelesen, die Geschichte von Jørgen Jürgensen, der sich zum König von Island ernennt. Und den die Engländer in die Strafkolonie Australien schicken. Ein wunderbares Buch. Sarah Bakewell ist noch ein zweites Mal in diesem Blog zitiert worden und zwar in dem Post Michel de Montaigne. Weil sie dieses schöne Buch How to Live: A Life of Montaigne in One Question and Twenty Attempts at an Answer  geschrieben hat. Ich bin endlich dazu gekommen, es ganz zu lesen. Für irgendetwas muss die Uniklinik ja gut sein.

Es ist  ein Buch, das man vorzüglich als Einführung in Leben und Werk von Montaigne benutzen kann, und es wird auch dem etwas geben, der schon alles über Montaigne weiß. Glücklicherweise gibt es das Buch beim C.H. Beck Verlag auch in deutscher Sprache, sogar recht preiswert. Noch preiswerter sind die beiden kleinen Bände aus der Reihe von Rowohlts Monographien von Francis Jeanson und Uwe Schultz. Die Lektüre von Montaignes Essais in Deutschland beginnt mit einem Mißverständinis, der Übersetzung von Johann Joachim Christoph Bode. So verdienstvoll Bode als Übersetzer von Laurence Sterne, Fielding und Smollett ist, dies ist - da sind sich alle Kritiker einig - die schlechteste Übersetzung der Essais  

Die Bodesche Übersetzung ist im 20. Jahrhundert noch einmal aufgelegt worden, sie erschien 1908-1911 in acht Bänden unter dem Titel Gesammelte Schriften Michel de Montaignes. Historisch-kritische Ausgabe mit Einleitungen und Anmerkungen unter Zugrundelegung der Übertragung von J. J. Bode, herausgegeben von Otto Flake und Wilhelm Weigand. Das Tagebuch der Badereise wurde für diese Ausgabe von Otto Flake übersetzt,

Der Diogenes Verlag hat vor Jahren noch eine zweite deutrsche Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert ausgegraben, nämlich die, die der 24-jährige Johann Daniel Tietz 1753/-54 publiziert hatte. Aber ich weiß nicht, ob man dafür (und für die Biographie von Wilhelm Weigand aus dem Jahre 1915) wirklich Geld ausgeben sollte, liegt doch inzwischen von Hans Stilett, der seine Doktorarbeit über Montaignes Bäderreise schrieb, die erste moderne Gesamtübersetzung (in der Reihe Die Andere Bibliothek) vor. Stilett hat auch das Tagebuch von Montaignes Badereise übersetzt, über das Goethe sagte: So habe ich gerade mit großem Interesse die Reise­be­schreibun­gen Montaignes gelesen: Sie bereiten mir an manchen Stellen noch mehr Vergnügen als selbst seine Essais. Bevor Stiletts Übersetzung erschien, war die von Herbert Lüthy (in dem Manesse Band) das Beste, das man kaufen konnte, das Buch ist immer noch lieferbar. Die Kombination von Stiletts Übersetzung und Bakewells Biographie ist sicher das Beste, womit man anfangen kann, will man sich ernsthaft mit Montaigne beschäftigen.

Erwähnen muss man allerdings das Buch von Hugo Friedrich, das er kurz nach dm Zweiten Weltkrieg schrieb. Es ist immer wieder aufgelegt worden, aber die deutsche Ausgabe ist kaum noch auf dem Markt zu finden, die französische oder die englische Ausgabe findet sich da eher. In seinem Vorwort gibt Friedrich Auskunft über seine Absicht: Im Übrigen wünsche ich mir, dass diese von einem Romanisten geschriebene Darstellung unseren Autor auch den Philosophen noch einmal ans Herz legt und sie einlädt, es philosophisch zu deuten, warum er von sich gesagt hat: 'Ich bin kein Philosoph'. 

Ich habe mit Hugo Friedrich so meine Schwierigkeiten, denn wie ich in dem Post Gerhard Neumann (Dichter) schrieb: Und bei Hugo Friedrich werde ich zwei Dinge nicht los, das eine ist natürlich seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Und das andere ist eine Geschichte, die mir jemand erzählt hat, der mal bei Friedrich wissenschaftliche Hilfskraft (Universitätsjargon: Hiwi) war. Der musste für seinen Professor immer Brötchen und Kaffee in einem bestimmten Supermarkt kaufen, weil es da Rabattmarken gab, denn Professor Hugo Friedrich sammelte Rabattmarken. Rimbaud und Rabattmarken, wie geht das zusammen? Wilhelm Lehmann hatte für Hugo Friedrich auch einige böse Worte übrig. Doch von diesem Gemäkel abgesehen, bleibt Friedrichs Buch der einzige große Versuch, Montaigne näherzukommen.

J’ay faict ce que j’ay voulu: tout le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy, den Satz von Montaigne scrieb Thomas Mann 1904 an das Ende seines Tagebuchs. Ich zitiere das immer gern, weil ich hoffe, dass man mich auch in meinen Texten erkennt.

für Heike und Friedhard, die mir die schöne Neuübersetzung der 'Essais' von Hans Stliett geschenkt haben.

Freitag, 9. November 2018

9. November


Ein Tag der ewigen Schande für Deutschland. Der Begriff der Reichskristallnacht ist wahrscheinlich zuerst eher ein ironischer Ausdruck des Zorns gegen den barbarischen Terror gewesen, bevor die Nazis diesen Euphemismus zynisch für sich vereinnahmten. Mit dem Zerwerfen der Schaufensterscheiben kam die sogenannte Arisierung der Geschäfte, Enteignung, Vertreibung, Ermordung der Geschäftsinhaber.

Ich möchte heute eine kleine, leider wahre Geschichte erzählen, die mich seit Jahrzehnten verfolgt. In Bremen lebt man ja gerne mit der Vorstellung, dass wir Bremer alle immer vornehm und hanseatisch gewesen seien. Und wer hanseatisch ist, ist natürlich immun gegen den Nationalsozialismus. Es ist leider keineswegs so gewesen. Die Zahlen und Statistiken in dem hervorragenden Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich sprechen da eine ganz andere Sprache. Nein, die Bremer können nicht sagen, sie seien nicht dabei gewesen. Und die Flaggen auf der Obernstraße im Jahre 1938 auf diesem Photo sind auch nicht wegzuleugnen.

In meinem Heimatort Vegesack erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 30.8 Prozent der Stimmen. In keinem Bremer Wahlbezirk hat sie mehr Prozente erreicht. Im feinen Schwachhausen sind es immerhin 21.7 Prozent, das zweithöchste Ergebnis. Nur die Arbeiterstadtteile haben die Nazis nicht gewählt. Doch es sind diese Stadtteile, die von den Alliierten bombardiert werden. Sie werden die die schlimmsten Verluste haben, darin liegt eine Tragik. Meine Geschichte heute kommt wieder einmal, wie die Geschichte über meinen Freund Peter Gutkind oder die über die Bremer Revolution 1968, aus meinen unfertigen Bremensien. Und sie beginnt mit meinem Schulweg. Springen Sie mit mir für einen Augenblick zurück in die Kindheit. Aber wir werden in dieser Zeit der Unschuld nicht verweilen können.

Wenn ich die Weserstraße mit meinem Ranzen entlanggehe, treffe ich manchmal Mitschüler wie Roder oder Gabi, und wir gehen gemeinsam zur Schule. Zwischen der Kimmstraße und der Breiten Straße kennen wir jede Gehwegplatte, weil wir hier Hüpfspiele wie Himmel und Hölle spielen oder die Platten einmal im Jahr hochnehmen, um nach Maikäfern zu suchen. In der Breiten Straße begegnen uns einmal in der Woche Kälber und quiekende Schweine, die zur Schlachterei Pohl in der Bahnhofstraße getrieben werden. Danach gehen wir bei Többens über den Zebrastreifen. Es ist der einzige Zebrastreifen über die Bundestraße 75, den wir im Ort haben. Deshalb soll ich diesen Weg nehmen, sonst könnte ich auch die Kimmstraße entlang gehen und dann bei Viole durch den Gang flitzen. Aber bei Viole, wo immer ein Fass mit Heringen vor der Ladentür steht, ist leider kein Zebrastreifen, und so muss ich bei Többens vorbei.

Neben Többens ist früher ein Schuhgeschäft gewesen. Da hat ein Verwandter meiner Großeltern bei der sogenannten Reichskristallnacht ein Paar Schuhe geklaut. Um dann morgens festzustellen, dass er zwei linke Schuhe erwischt hatte. Die Familie lacht immer noch über diese Geschichte, obgleich der Verwandte ansonsten ungern erwähnt wird. Der hatte nämlich in Osnabrück eine kriminelle Pleite hingelegt und war im Gefängnis gewesen, danach war er bei den Bremer Verwandten abgetaucht. Im Osnabrücker Land wollte er sich erstmal nicht mehr sehen lassen.

Wenn wir beim Zebrastreifen sind, macht Herr Többens seinen Laden gerade auf. Das ist ein Herrenmodegeschäft der armseligen Sorte. Ich grüße den Herrn Többens nie. Meine Eltern auch nicht. Wir kaufen da auch nicht, ich war nie in meinem Leben in dem Laden. Walter Caspar Többens ist ein Nazi gewesen und ein Kriegsverbrecher. Das mit dem Kriegsverbrecher habe ich lange nicht gewusst. Dass beinahe alle Vegesacker Geschäftsleute Nazis waren und viele in der SS waren, kommt eines Tages dank unserer Schulzeitung Das Echo heraus, die zum Entsetzen der Schulleitung einen gut recherchierten Artikel aus dem Neuen Deutschland über die Nazis in Vegesack nachdruckt. Dass die Ausgabe des Echo überhaupt erschien, war damals in der Adenauerrepublik immerhin ein kleiner Sieg der Pressefreiheit. Dass Többens ein Kriegsverbrecher war, erfahre ich erst durch einen photokopierten Artikel, den mir mein Freund Gert Börnsen Jahrzehnte nach Többens’ Tod gegeben hat. Ich hatte den Artikel C. geliehen, die auch aus dem Ort kommt, habe ihn aber nie wiederbekommen. Manche Leute sind ein Bermuda Dreieck für Leihgaben. Aber ich bekomme eines Tages heraus, wer den Artikel geschrieben hat, auch wenn ich die Photokopie von Gert niemals wiedersehe.

Der Verfasser heißt Günther Schwarberg, er schreibt für den Stern. Er ist in Vegesack geboren. Sein Vater war Lehrer an Opas Volksschule. Opa und Schwarberg Senior haben sich nicht ausstehen können, denn Schwarbergs Vater war ein Sozialdemokrat. Das ist für meinen kaisertreuen Opa ja das Schlimmste auf der Welt. Über die Többens dieser Welt macht Opa sich weniger Gedanken. Walter Caspar Többens ist 1954 gestorben, mit seiner Geliebten im Auto verunglückt. Zu dem Zeitpunkt ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen das CDU-Miglied, den gläubigen Katholiken und erfolgreichen Geschäftsmann. Aber 1949, da war er von einer Bremer Spruchkammer als Kriegsverbrecher verurteilt worden, zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. In Polen gab es ein Todesurteil gegen ihn, aber er ist der Auslieferung durch die Amerikaner zweimal durch Flucht entkommen. Und auch das Bremer Urteil wird nicht vollstreckt, nach 1950 wird in Bremen niemand mehr verfolgt. Das Vermögen bleibt nicht eingezogen. Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft und wohnt dann im feinen Schwachhausen. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist Bremer Wirklichkeit. Auf die wir nicht stolz sein können.

Günther Schwarberg, der auch die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm öffentlich gemacht hat, hat Walter Caspar Többens’ Geschichte in seinem Buch Das Getto: Spaziergang in die Hölle aufgeschrieben. Eine Musterkarriere im Dritten Reich: Arisierung der Firma von Adolf Herz in Vegesack, die fortan Többens heißt, dann Großunternehmer und Wehrmachtslieferant für Uniformen in Warschau. Millionengewinne. In Warschau kann man viel Geld machen, auch Oskar Schindler war ja ursprünglich nicht dahin gegangen, um gute Werke zu tun.

Die Deutschen haben sich nach dem Überfall auf Polen hier sozusagen wohnlich eingerichtet. Das kleine, sorgfältig gedruckte Büchlein Soldatenführer durch Warschau, das ich unter Vatis Unterlagen gefunden habe, vermittelt einem den Eindruck einer deutschen Mustersiedlung. Die Soldatengaststätte am Adolf Hitler Platz ist täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet, Uniformen (wahrscheinlich bei Többens genäht) kann man im Deutschen Uniformhaus im Hotel Bristol (Bild) kaufen. Das Heft ist voller Anzeigen deutscher Firmen, von Thonet-Möbeln (Slotnastraße 9) bis Telefunken Radios. In dem Soldatenführer liegt auch eine Quittung des Geschäftes von Julius Meinl, wonach Vati (der damals als junger Leutnant durch einen Irrtum einen halben Tag vor der offiziellen Einnahme Warschaus als erster deutscher Soldat mit dem Jeep durch die menschenleere Stadt gefahren ist) für sechzig Gramm Butter und ein Pfund Keks eine Mark dreiundzwanzig bezahlt hat. Die Firma Julius Meinl hat nach 1939 über tausend Filialen in Europa, jetzt auch in Warschau. Der Soldatenführer durch Warschau (gekauft bei der Deutschen Buchhandlung, der Heim- und Pflegestätte deutschen Schrifttums) weist, ähnlich wie ein Baedeker, auch auf die architektonischen und landschaftlichen Schönheiten hin.

Die interessieren Walter Többens weniger. Er wäre ja aus dem Getto davongelaufen, wenn er nicht so gut verdient hätte, sagt er im Prozess. Und gut verdienen tut er. Für 1,4 Millionen Reichsmark kann er plötzlich das Bambergerhaus in Bremen kaufen. In den zwanziger Jahren im expressionistischen Backsteinstil erbaut, war es das erste Hochhaus in Bremen, hatte die ersten Rolltreppen. Und im Erdgeschoss kann man von einem Photomaton in acht Minuten acht Portraitphotos bekommen. Von den Bremern wurde das Kaufhaus liebevoll Bambüddel genannt. Es besaß sogar eine Armenküche. Julius Bamberger tat nicht nur gute Werke, er kämpfte auch zusammen mit dem Bremer Pastor Emil Felden gegen den grassierenden Antisemitismus. 1933 wird Bamberger vorübergehend verhaftet, flieht 1937 in die Schweiz. Baut sich in Paris eine neue Existenz auf. Als die Deutschen kommen, landet er im KZ. Kann wieder fliehen, diesmal in die USA. Er bekommt nach dem Kriege gerade mal 50.000 Mark für das, was man ihm weggenommen hat.

Walter Többens, der ehemalige mittellose Angestellte bei der Firma Leffers in Vegesack, der den Nazis und seiner kriminellen Energie sein Geld verdankt, ist zu dem Zeitpunkt schon wieder im Besitz seines ganzen Vermögens. Er hat kurz vor Kriegsende dank geschmierter Helfer in Berlin auch alles aus seinen Többens-Werken von Warschau und Poniatowa nach Delmenhorst verlagern können. Zu diesem Zeitpunkt kriegen kein Soldat und kein Flüchtling mehr einen Platz in einem Zug nach Westen, Többens kriegt ganze Eisenbahnzüge von seinem Kumpel Dr. Heinrich Lauts im Berliner Reichwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt. Das 1944 zerstörte Bambergerhaus ist 1955 wieder aufgebaut worden. Auch der Schriftzug Bamberger steht heute wieder am Haus, in dem jetzt die Volkshochschule residiert. Im Treppenhaus gibt es eine Dauerausstellung über das Leben und Wirken Julius Bambergers.

Zehntausende von jüdischen Arbeitern, die für Többens in Warschau und Umgebung Uniformen nähen, wandern ins KZ. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Többens, der mit einer Peitsche in der Hand durch seine Fabriken geht (sie aber natürlich nie benutzt hat, wie er im Prozeß sagt), ist Großunternehmer. Ein Oskar Schindler mit umgekehrten Vorzeichen. In dem Bremer Spruchkammerverfahren hatte der Verteidiger von Többens ihn in einem fünfstündigen Plädoyer als einen Wohltäter darzustellen versucht. Und sich zu der Behauptung verstiegen: Lebten die Juden aus dem Warschauer Getto noch, so stünde Többens nicht vor einem Gericht, sondern im Goldenen Buch von Palästina. 1988 legen die Nachkommen von Walter Többens eine kriminelle Millionenpleite hin.

Vor Jahrzehnten ist ein Bundestagspräsident nach dem 9. November zurückgetreten, weil er ein schlechter Redner war. Denn wäre der Philipp Jenninger am fünfzigsten Jahrestag des 9. Novemer 1938 rhetorisch versierter gewesen, und wären die Zuhörer bereit gewesen, ein rhetorisches Mittel wie das der erlebten Rede als ein rhetorische Mittel zu erkennen und nicht als eine Meinung des Redners, nichts wäre geschehen. Vielleicht wäre Jenninger besser beraten gewesen, wenn er einen kurzen Text von Erich Kästner vorgelesen hätte:

In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und den Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert). Dreimal ließ ich das Taxi anhalten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. [. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland - das nannte man Spontaneität. Ignatz Bubis hat übrigens ein Jahr nach Jenninger Teile aus Jennigers Rede vorgetragen. Es gab keine nationale Entrüstung.

Das Buch von Günther Schwarberg Das Getto: Spaziergang in die Hölle ist noch antiquarisch zu bekommen. Das Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich ist nach einem Vierteljahrhundert leider vergriffen (lässt sich aber auch noch finden). Man sollte sich bei Carl Schünemann und beim Senator für Kultur wirklich mal überlegen, ob man das nicht wieder auflegt. Der Kriegsverbrecher Walter Többens, den die historische Forschung jahrzehntelang unbeachtet gelassen hat, besitzt inzwischen einen Wikipedia Artikel und hier bei Bremen History eine informative Seite (zur Zeit leider offline).

Dieser Text stand hier schon mehrfach. Ich stelle ihn an diesem 9. November noch einmal hier hin, genügend Brandstifter haben wir in Deutschland ja wieder. Und jetzt sitzen sie auch schon im Bundestag und wollen sich ihr Land und ihr Volk zurückholen.


Donnerstag, 8. November 2018

Uniklinik


Da wirst Du was zu schreiben haben, sagten die Freunde, die mich jeden Abend anriefen. Ich hatte mein IPhone mit in die Uniklinik genommen (jedes andere Handy hätte es auch getan). Mein Hausarzt hatte mich in die Uniklinik geschickt, in der Hoffung, dass die herausfänden, weshalb ich nicht richtig gehen kann. Ich habe über diese Eintrübung der Gesundheit ja schon in den Posts Poems are the MRIs of the soul,  Gehen - Schreiben und Orthopäden geschrieben. Und ich werde mit großer Süffisanz über Europas größte Klinikbaustelle schreiben.

Aber erstmal: ich bin wieder da. Meine gute Laune war nie weg. Gehen kann ich immer noch nicht. Es gab nette Ding im Klinikum. Zum Beispiel die hübsche blonde polnische Putzfrau, die vier Sprachen spricht. Die verdient allerdings nicht so viel wie der oberste Verwaltungschef. Der ist der Bruder von Olaf Scholz und verdient 640.000 Euro im Jahr. Ich werde auch nette Dinge über das Essen (erstklassig, wenn man die 1. Klasse gebucht hat) sagen. Und über die kompetenten Schwestern. Über die Ärzte gibt es nix Gutes zu sagen.