Samstag, 2. Juni 2018

Gehen - Schreiben


Walking is the natural recreation for a man who desires not absolutely to suppress his intellect but to turn it out to play for a season. All great men of letters have, therefore, been enthusiastic walkers (exceptions, of course, excepted). Shakespeare, besides being a sportsman, a lawyer, a divine, and so forth, conscientiously observed his own maxim, 'Jog on, jog on, the footpath way'; though a full proof of this could only be given in an octavo volume. Anyhow, he divined the connection between walking and a 'merry heart'; that is, of course, a cheerful acceptance of our position in the universe founded upon the deepest moral and philosophical principles. His friend, Ben Jonson, walked from London to Scotland. Another gentleman of the period (I forget his name) danced from London to Norwich. Tom Coryate hung up in his parish church the shoes in which he walked from Venice and then started to walk (with occasional lifts) to India, schreibt Leslie Stephen (der Vater von →Virginia Woolf und →Vanessa Bell) in →In Praise of Walking.

Philosophen wandern oft, wenn sie nicht wie →Thomas Hobbes neben dem täglichen Spaziergang noch Tennis spielen. Den Peripatetikern wird nachgesagt, dass sie wanderten. Aber das stimmt nicht ganz, sie diskutieren die Philosophie des Aristoteles nur in einer Wandelhalle (Peripatos). Wir wissen, dass →Heidegger auf Holzwegen wandelte, aber der soll uns nicht interessieren. Viel interessanter sind die Helden von Ingomar von Kieseritzkys Roman →Die ungeheuerliche Ohrfeige oder Szenen aus der Geschichte der Vernunft, die mit einem Schwein namens Sophia auf der Suche nach einer Philosophie zur Verbesserung der Menschheit von einem Philosophen zum anderen durch das antike Griechenland wandern.

Viele Autoren müssen gehen, um zu schreiben. Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken, schreibt →Jean-Jacques Rousseau. Oder zitieren wir noch Kierkegard: Ich bin zu meinen besten Gedanken gegangen, und ich kenne keinen Gedanken, der so bedrückend wäre, dass man ihn nicht gehend hinter sich lassen könnte. Manche Autoren brauchen die Großstadt, um zu flanieren. Der große Flaneur Franz Hessel hat gesagt: Man muß sich selbst vergessen, um glücklich spazieren zu gehen. Aber das Spazierengehen ist kein Selbstzweck, wenn die Schriftsteller nach Hause kommen, beginnen sie zu schreiben. Manche schreiben im Stehen. Wie →Ernest Hemingway der gesagt hat: Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen. Das wäre nichts für Thomas Mann gewesen. Hätte er kurze Sätze geschrieben, wenn er ein Stehpult benutzt hätte? Einige Schriftsteller schreiben im Liegen. Wie Truman Capote, der sagte: Ich kann nicht denken, wenn ich mich nicht hinlege. Das berühmteste Beispiel ist natürlich Marcel Proust, der seine →Recherche im Bett schreibt.

Früher bin ich stundenlang durch die Stadt spaziert, bevor ich zu Hause mit einem Becher Tee neben mir zu →schreiben begann. Heute sitze ich vor dem Computer und schreibe. Dass ich das kann habe ich ein Jahr vor meiner Pensionierung festgestellt, es war für mich eine erstaunliche Erkenntnis. Ich halte mich da an →Flaubert, der gesagt hat: On ne peut penser et écrire qu’assis. Ich denke immer darüber nach, ob ich besser schreiben würde, wenn ich mehr gehen würde. Aber wie Walter Benjamin sagte: So kann ich davon träumen, wie ich einmal das Gehen lernte. Doch das hilft mir nichts. Nun kann ich gehen; gehen lernen nicht mehr. Im Augenblick kann ich schlecht gehen, ich sage nur: Lumboischialgie. Da muss ich wieder gehen lernen. Aber merkt man das meinem Schreiben an?

Manche Autoren diktieren. Goethe zum Beispiel, der sich das Diktieren seit den Weimarer Jahren angewöhnt hat: Was ich Gutes finde in Überlegungen, Gedanken, ja sogar Ausdruck, kommt mir meist im Gehen. Sitzend bin ich zu nichts aufgelegt. Da ist es wieder, das Gehen und das Schreiben. Goethe, der sein halbes Leben an chronischen Rückenschmerzen laborierte, hat geschrieben: Der Mensch ist so alt wie sein Rücken und seine Gelenke. Jeder Orthopäde würde das bestätigen. Goethes Dauerproblem wurde lange Zeit fehlgedeutet: seine steife Körperhaltung als Ausdruck eines Hangs zum Majestätischen. Das war aber keine Pose, das war schmerzhaft aufgezwungen, schreibt Dieter Kühn in Schillers Schreibtisch in Buchenwald.

Lassen wir mal eben Goethe durchs Zimmer gehen und diktieren. Und nun geben wir eine kleine Verletzung hinzu, ein verstauchtes Sprunggelenk, einen Muskelfaserriß, einen eingeklemmten Ischiasnerv. Er wird jetzt anders gehen. Merkt man das am Stil? Ja, hätte Eduard Sievers gesagt, neben Karl Lachmann wohl unser bedeutendster Philologe im 19. Jahrhundert (wir lassen mal eben Max Mueller beiseite). Er hat in einem Fall durch Pendelschwingungen bei der Analyse eines Manuskripts festgestellt, dass der Autor eine Beinverletzung hatte. Sievers' Methode der →Schallanalyse ist immer umstritten gewesen, der Autor hat seine geheimen Formeln mit ins Grab genommen. Am kürzesten hat Stefan Rieger das Ganze zusammengefasst: Sprache, egal ob aktuell gebraucht oder welchen entlegenen Überlieferungszusammenhängen auch immer geschuldet, trägt Spuren des Körpers ihres Sprechers.

Im Jahre 1875 vertrat Eduard Sievers die Meinung, dass das altenglische Genesisgedicht (Genesis B) von einer altsächsischen Vorlage abstamme. Hatte er mit Pendeln und Schallanalyse herausgefunden. Es war sozusagen ein philologischer Coup, denn knapp zwanzig Jahre später fand Karl Zangemeister in einer vatikanischen Handschrift (Pal. lat. 1447) genau dieses altsächsische Manuskript. Sievers Forschungen zur Phonetik und Melodie der altenglischen Verse haben übrigens keinen Geringeren als Ezra Pound beeinflusst als er seine Übersetzung des →Seafarer schrieb.

Gehen und schreiben. Wir lassen das letzte Wort einmal Friedrich Nietzsche: Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklich werden. Unsre ersten Wertfragen, in bezug auf Buch, Mensch und Musik, lauten: »kann er gehen? mehr noch, kann er tanzen?«... Wir lesen selten, wir lesen darum nicht schlechter – oh wie rasch erraten wir's, wie einer auf seine Gedanken gekommen ist, ob sitzend, vor dem Tintenfaß, mit zusammengedrücktem Bauche, den Kopf über das Papier gebeugt: oh wie rasch sind wir auch mit seinem Buche fertig! Das geklemmte Eingeweide verrät sich, darauf darf man wetten, ebenso wie sich Stubenluft, Stubendecke, Stubenenge verrät. – Das waren meine Gefühle, als ich eben ein rechtschaffenes, gelehrtes Buch zuschlug, dankbar, sehr dankbar, aber auch erleichtert.

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