Dienstag, 26. Juni 2018

poetic licence


Poetic Licence gibt es jetzt auch bei Zalando, wie ich mit einem Blick ins Internet zu meinem Erstaunen feststellte. Es ist eine Damenschuhmarke, die sich selbst bewirbt mit: The mood for PL is “ladylike with a touch of punk anarchy”, including overt references to retrò styling culled from the 1940s and ‘50s with a nod to the ‘80s of Cindy Lauper in “Girls Just Want to Have Fun”. Früher bedeutete dieses poetic licence etwas anderes, nämlich das Recht der Dichter und Schriftsteller, die Wirklichkeit ein klein wenig zu verändern. Damit sie in ihren Text passt, the act by a writer or poet of changing facts or rules to make a story or poem more interesting or effective.

Um ein Beispiel zu zitieren: in der Romantik finden wir in der Literatur viele Beschreibungen des Mondes. Häufig scheint der Vollmond. Der aber just in der Wirklichkeit an dem beschriebenen Tag nicht schien. Arno Schmidt, dessen Werk auch sehr schöne Mondbeschreibungen enthält (Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte) hat das bei seinen Kollegen mal nachgerechnet und kam zu erstaunlichen Ergebnissen.

Theodor Fontane ist kein Sensationsjournalist, aber er ist für sensationelle Stoffe aus der Klatschpresse nicht undankbar. Ob daraus nun Graf Petöfy oder Effi Briest wird. In beiden Fällen verarbeitet Fontane eine Geschichte, die er in der Unterhaltungspresse findet und macht daraus einen Gesellschaftsroman. Sein Kollege Friedrich Spielhagen tut das in seinem Roman Zum Zeitvertreib auch. Spielhagen ist näher an der Realität der Geschichte von Elisabeth von Plotho und Armand Léon Baron von Ardenne, aber er wird kaum noch gelesen, obwohl sein Roman nicht uninteressant ist.

Schriftsteller erfinden gerne etwas hinzu, das haben sie seit Jahrhunderten getan. Der Journalist Tony Schwartz, der Trumps Autobiographie The Art of the Deal geschrieben hat, bereut heute bitterlich, dass er Trump so positiv gezeichnet hat, wo doch die Lüge seine zweite Natur sei. Die Amerikaner haben ein Wort für diese Art von Schreibe, es heißt Putting lipstick on a pig. Das ist nicht ganz das gleiche wie der deutsche Journalistenspruch Locken auf die Glatze ziehen. Der übrigens schon sehr alt ist. Schon Karl Kraus hat gesagt: Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen; aber diese Locken gefallen dem Publikum besser als eine Löwenmähne der Gedanken.

Wir lassen dieses schmutzige Geschäft jetzt einmal  genau so beiseite wie die Schuhreklame und zitieren Alex Premingers Standardwerk Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics: POETIC LICENSE. A freedom allowed the poet to depart in subject matter, grammar, or diction from what would be proper in ordinary prose discourse. In a broad sense, the poet is exercising p.l. when he invents fictions (“tells lies,” as Plato has it) as when Virgil makes Dido the contemporary of Aeneas. More frequently the term is confined to the poet's freedoms with language: departing from normal word order; using one part of speech for another ....

Dieser Blog ist beinahe frei von Erfindungen. Es hat immer wieder Leser gegeben, die den Wahrheitsgehalt meiner kleinen Geschichten angezweifelt haben. Zu Unrecht. Der dänische König hat mir wirklich die Hand geschüttelt, ich habe den Chef der Firma Cutty Sark zum Bundespräsidenten gefahren. Und das Gewitter am Ende von Zweite Heimat, das war auch da: Nichts ist mehr so, wie es in meiner Jugend war. Auf der Rückfahrt nehme ich die neue Autobahn. In den Dammer Bergen werde ich von einem Gewitter begleitet, das den Tag zur Nacht macht. Es ist eine dramatische Inszenierung für einen Abschied. Man kann nie in das Land der Kindheit zurück. Auch wenn die Blitze nicht rot sind, wie in Eichendorffs Gedicht Aus der Heimat hinter den Blitzen rot. Nur nachts in den Träumen, da bin ich immer wieder dort.

Ich hätte es erfinden können, aber alles, was aus meinen Bremensien (die Kapitel sind im diesem Post farbig markiert) in diesen Blog gewandert ist, das sollte schon stimmen. Und es stimmt auch alles, bis auf eine kleine Geschichte, wo ich von der poetic licence Gebrauch gemacht habe: die Geschichte mit Hundertwasser und der endlosen Linie im Post Horst Janssen ist Uwes Geschichte, nicht meine. Ich habe mich nur dazu geschrieben; ich war zwar auch einmal in der Kunsthochschule (zu der es hier einen schönen Post gibt), aber da stand kein Hundertwasser auf der Leiter. Der übrigens sofort gefeuert wurde, kaum dass er seine unendliche Linie gemalt hatte.

Wenn auch alles wahr ist, und ich so gut wie nie von der poetic licence Gebrauch mache, einen Punkt gäbe es da schon in all den Fragmenten, die aus den Bremensien in SILVAE gewandert sind. Und dass sind die Namen der Personen. Manche Personen, wie Gudrun und Gunilla haben ihre wirklichen Namen behalten, andere Frauen haben andere Namen bekommen. Ihre Stupsnasen und Sommersprossen aber behalten, forever young. Wenn ich eine Cornelia Reifegerste in den Text schreiben würde, die in einer Straße namens Weizenfurt wohnt, dann würden Sie mir das nicht abnehmen, aber es hat sie gegeben. Die Frau und die Straße.

In meiner ersten Version der Bremensien hatten die Frauen noch keine Namen, Namen wollte ich mir für den Schluss vorbehalten. Die Figuren waren ja auch noch nicht fertig, sie veränderten sich mit dem Schreiben. Es war auch nicht klar, ob sie nur einen kurzen Auftritt haben wie der Sänger, der Di rigori armato il seno singt, oder bis zum Ende im Text bleiben würden. Ich schrieb ja nicht über das hic et nunc, ich schrieb über die Fifties und Sixties. The past is a foreign country: they do things differently there. Ich hatte mein ganzes Leben lang geschrieben, als dies wissenschaftliche Zeug (von Liebesbriefen einmal abgesehen), und das war eine einsame Tätigkeit gewesen. Jetzt beschloss ich, andere, meine Testleser, wie ich sie nannte, von Anfang an zu beteiligen. Und auch ein wenig auszubeuten, aber nur ein klein wenig. Hätte ich all das gesammelt, was sie mir schrieben (und häufig waren ihre Erinnerungen viel schöner als meine), hätte ich ein zweites Buch fertig. Aber dann vernichtete mein MiniMac alle Mails, die auf Entourage liefen, und so kam ich gar nicht in Versuchung, andere zu beklauen.

Mein Text hatte bei vielen einen meeutischen Effekt, wie Peter aus Hamburg das nannte, viele meiner Leser begannen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und zu schreiben, les souvenirs et les regrets aussi. Meine Testleser durften kommentieren und korrigieren, aber sie durften den Text nicht weitergeben. Woran sich nicht alle hielten. Ich bekam eines Abends einen Anruf von jemandem, den ich überhaupt nicht kannte. Er sagte mir, dass er den Text von XY bekommen hätte und ihn von Anfang bis Ende gelesen hätte. Und warum ich auf Seite 57 nicht sagte, dass die dort erwähnte blonde Frau Ute X sei. Die blonde Frau auf Seite 57 besaß keinen Namen, sie tauchte auf und war schon wieder verschwunden, wie kam der Mann auf Ute X? Er sei immer in die verliebt gewesen, er hätte sie sofort an den drei Sätzen im Text erkannt. Und dann erzählte er mir noch etwas, was mich verblüffte. Er hätte seinen Vater gehasst, weil der ein Nazi gewesen sei - selbst in den fünfziger Jahren noch. Sofort nach dem Abitur hätte er seinen Heimatort verlassen, sei nur einmal zur Beerdigung seines Vaters nach Vegesack zurückgekehrt. Aber jetzt, wo er meinen Text gelesen hätte, würde er jede Nacht von seinem Heimatort träumen.

Er hatte übrigens recht, was seine angebetete Blondine betraf. Sie bekam auch sogleich einen größeren Text und ist auch schon in den Blog gewandert. Mein Freund Volker, der kein Literaturwissenschaftler ist, hat gesagt, dass in meinem Text viel Sediment ist. Ja, das ist richtig, auch wenn Sediment kein etablierter literaturwissenschaftlicher Terminus ist. Ich habe versucht, ohne den Text wirklich literarisch zu machen (was nicht zu der einmal gewählten Stimme gepasst hätte), ihn so dicht zu machen, dass er wie die Wirklichkeit wirkt. To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment, hat Raymond Chandler einmal gesagt. Blogger glauben daran.

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