Donnerstag, 31. Dezember 2020

gute Vorsätze


Was für ein Jahr. Eins der wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Aber was haben wir vom Sommer gehabt? Wir haben immer noch Corona, doch den Donald Trump sind wir bald los. Und Querdenker steht nicht mehr für eine Wirtschaftszeitung oder ein Brettspiel. Priol und Nuhr haben ihren Jahresrückblick gehabt, dann ist das Jahr zu Ende. Google hat mir gerade eine Botschaft zu meinem Blog gesendet: Text too small to read. Was sie damit meinen, ist offenbar, dass man SILVAE auf dem Handy schlecht lesen kann. Dazu fällt mir nichts ein. Aber über 373.000 Leser hatten offenbar im Jahr 2020 keine Schwierigkeiten mit dem Text. Ich war wieder einmal auf der Vorschlagsliste für den Grimme Online Award, die nehmen mich aber nicht. Wahrscheinlich weil mein Blog too small to read ist.

Der Post heute heißt gute Vorsätze, weil ich ein wunderbares kleines Gedicht gefunden habe, das von guten Vorsätzen handelt. Es ist allerdings, das werden Sie beim Lesen merken, nicht ganz ernst gemeint. Der Autor von New Year’s resolutions steht am Anfang seiner Karriere. Der Nobelpreis, den er eines Tages bekommen wird, den gibt es 1887 noch gar nicht. Er arbeitet für eine Zeitung, die Civil and Military Gazette, die er als seine mistress and most true love bezeichnet. Dort erscheint auch am ersten Januar 1887 sein Gedicht:

I am resolved – throughout the year
To lay my vices on the shelf;
A godly, sober course to steer
And love my neighbours as myself -
Excepting always two or three
Whom I detest as they hate me.

I am resolved – that whist is low -
Especially with cards like mine -
It guts a healthy Bank-book – so
These earthly pleasures I resign,
Except – and here I see no sin -
When asked by others to “cut in.”

I am resolved – no more to dance
With ingenues – so help me Venus!
It gives the Chaperone her chance
For hinting Heaven knows what between us.
The Ballroom and the Altar stand
Too close in this suspicious land.
But will I (here ten names) abandon?
No, while I have a leg to stand on!

I am resolved - to sell my horses.
They cannot stay, they will not go;
They lead me into evil courses
Wherefore I mean to part with – No!
Cut out that resolution – I'll
Try Jilt tomorrow on the mile.

I am resolved – to flirt no more,
It leads to strife and tribulation;
Not that I used to flirt before,
But as a bar against temptation.
Here I except (cut out the names)
x perfectly Platonic flames.

I am resolved - to drop my smokes,
The Trichi has an evil taste.
I cannot buy the brands of Oakes;
But, lest I take a step in haste,
And so upset my health, I choose a
“More perfect way” in pipes and Poosa.

I am resolved - that vows like these,
Though lightly made, are hard to keep;
Wherefore I'll take them by degrees,
Lest my backslidings make me weep.
One vow a year will see me through;
And I'll begin with Number Two.

Es ist der junge Rudyard Kipling, der hier schreibt. Wenn Sie noch mehr von Kipling lesen wollen, dann gehen Sie zu: Rudyard Kipling, The White Man's Burden, Somewhere East of Suez und vor allem zu dem Post Mandalay.

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Pierre Cardin ✝


Der in Italien geborene französische Modeschöpfer Pierre Cardin ist gestern im Alter von achtundneunzig Jahren gestorben. Als er neunzig wurde, gab es hier einen Post für ihn, den stelle ich heute noch einmal ein. Weil mir zu ihm wirklich nicht mehr viel einfällt.

Aber ich bin doch immer noch der einzige Innovative auf der ganzen Welt! Alle kopieren mich. Ich demokratisiere, die anderen banalisieren. Alle machen jetzt das, was ich vor 40, 50 Jahren schon gemacht habe. Aber es gibt einen großen Unterschied: Die Marke »Pierre Cardin« gehört allein mir. Ich bin der einzige Modeschöpfer, der die Rechte an seiner Marke nicht verkauft hat. Er hätte allerdings dazu sagen sollen, dass er die Markenrechte als Lizenzen weltweit wahllos vergeben hat, und dass unter seinem Namen auch scheußlicher Schrott hergestellt wurde. Er hat als einer der ersten Pariser Couturiers Prêt-à-porter Mode produziert, in dem Punkt sind ihm beinahe alle gefolgt. Als er das 1959 machte, flog er gleich aus der Chambre syndicale de la haute couture, wurde aber wenig später wieder in Ehren aufgenommen. Damals hatte er auch schon seine Fühler zum japanischen Markt ausgestreckt.

Was Audrey Hepburn hier in Two for the Road trägt, ist nicht von Pierre Cardin. Das hier ist von Paco Rabanne (Modefans merken sich bitte diese ⬆Website!), aber es hätte auch von Cardin sein können. Damals galten Cardin, Paco Rabanne und André Courrèges als die Erfinder der futuristischen Mode. Mag für Audrey Hepburn in einem Film toll sein (sie brauchte dies klappernden Blechkleid ja auch nur für die Aufnahme zu tragen), im wirklichen Leben ist es wohl eher unpraktisch. Ich habe damals, wenn ich jetzt darüber nachdenke, auch keine Frau gekannt, die Pierre Cardin oder Paco Rabanne trug. Mary Quant vielleicht, viele schöne Frauen trugen damals auch das finnische Label Marimekko.

Ich will aber gerne zugeben, dass ich einmal einen Pierre Cardin Anzug besessen habe. Nicht so etwas wie dies hier, was Douglas Millings für die Beatles entworfen (und bei Cardin geklaut) hat. Es war ein leichter Tweed Anzug mit Weste in der schwer zu beschreibenden Farbe, die der Engländer lovat nennt. Hatte echte Hornknöpfe und einen langen Rückenschlitz, sah sehr englisch aus und hatte nichts vom schrägen Gestaltungswillen des Designers. Hatte auch noch nichts von der schundigen Qualität, die die Pierre Cardin Produkte später zu einer weltweiten Seuche machten. Dieser Anzug war bei Schildt in Regensburg hergestellt worden, was damals für Qualität bürgte. Die Firma Schildt Modellkleidung wurde (ebenso wie Muermann) wenig später von Bäumler gekauft. Die sind aber 2009 auch in die Insolvenz gerutscht, aus der Konkursmasse hat sich dann Brinkmann die Marke Kaiser Design gefischt.

Vor fünfzig Jahren war Pierre Cardin in Frankreich eine heiße Sache. Er war das französische Äquivalent auf das Swinging London. Cardin setzte auf eine jugendliche Zielgruppe, seine Anzugskollektion (die Cylinder Linie hieß) von 1960 wurde von 250 Pariser Studenten präsentiert. Und natürlich machten die Beatles diesen Typ des Jacketts ungeheuer populär. Mein kleiner Bruder musste zum Entsetzen der Eltern damals so etwas unbedingt haben. Selbstverständlich in Cord, wie der Anzug links im Bild. Ein Jahr nach diesem Ereignis präsentierte Pierre Cardin seine erste Prêt-à-porter Herrenkonfektion, die allerdings noch sehr teuer (und qualitativ hochwertig) war.

Was natürlich auch eine Konkurrenz für die Pariser Schneider bedeutete. Die in dieser Zeit eine schnell aussterbende Spezies waren. Gab es 1957 in Frankreich noch ungefähr zwanzigtausend Schneider, so war die Zahl zehn Jahre später auf zweitausend gesunken..

1957 verkündete Paul Vauclair als Präsident der Fédération Internationale des Maîtres-Tailleurs, dass die französischen Schneider dem Prêt-à-porter und der italienischen Konkurrenz mit einem Romantic Look à la 1830 Paroli bieten wolle. Der hat sich auch nicht ganz durchgesetzt. Schon im Vorjahr hatte sich in Paris die sogenannte Groupe des Cinq formiert. Das waren André Bardot (der Jean Marais und Jean Cocteau einkleidete), José Camps, Max Evzeline (bei dem Gilbert Bécaud seine Anzüge schneidern ließ), Socrate und Gaston Waltener. Sie wollten eine haute couture pour hommes schaffen, die sie publikumswirksam im Maxim's oder dem Hotel de Crillon vorstellten.

Im Gegensatz zu ihren konservativeren Kollegen wie Cifonelli oder Stark & Sons hatten es diese Schneider schon lange vor Cardin drauf, das Publikum zu verblüffen. In der New York Times konnte man 1949 lesen: "Man is in a state of vestimentary inferiority," Gaston Waltener proclaimed. "It is against this lack of breeding and style which, alas, characterize contemporary masculine fashion, that a demonstration like that of today seeks to react." In einem deutschen Regionalblatt hörte sich der Bericht über eine Modenschau von Gaston Waltener dann so an: Zeitalter der Gecken: Auf der von dem Pariser Modeschöpfer Gaston Waltener veranstalteten Vorführung konnte man unter weniger auffallenden Modellen tomatenrote Smokings mit scharlachroten Bindern und lavendelfarbigen Hosen sehen. Überhaupt war Scharlachrot der Grundton dieser Herrenmodenschau, auf der eines der männlichen Mannequins sogar einen mit dieser Farbe eingefaßten Homburg trug. Führende Modefachleute prophezeien eine farbige Herrenmode, die gewissermaßen ein Gegenstück zu der ständig einfarbiger werdenden Damenmode bildet. — Ein Besucher aber sagte: „Ich komme mir wie ein vollkommener Idiot vor!" Modenschauen zweimal im Jahr waren zu der Zeit ein unerhörter Vorgang für konservative Pariser Schneider. Die damals auch kaum Schaufenster hatten, weil die wirklich feinen Geschäfte und Studios in Paris im ersten Stock eines Hauses waren. Doch auch die Groupe des Cinq wird sich letztlich gegen Pierre Cardin (oben seine Space Age oder Cosmocorps Kollektion von 1964) nicht durchsetzen können. Auch nicht mit tomatenrote Smokings und lavendelfarbigen Hosen. 

Nicht alles, was der Designer Cardin entwarf, fand den Weg in die Läden und wurde auf den Straßen getragen. Aber was wäre ein Designer, wenn er nicht einmal wilde Dinge wagen würde? Die Mode kam für einen kurzen Augenblick nicht aus London oder aus Italien, sie kam aus Paris. Von einem New French Style war in Amerika die Rede. Für die Herrenmode, mit ein wenig Verspätung das, was der New Look von Christian Dior für die Damenmode gewesen war.

Das ist nun kein Zufall, denn Diors berühmter New Look entstammte dem Zeichenstift von Cardin, der (gerade mit seiner Bewerbung bei Balenciaga abgelehnt) bei Dior Chef des Studios geworden war. 1950 hatte er in der Rue Richepanse Nummer 10 schon seine eigene Firma (die aber hauptsächlich Kostüme für das Theater schneiderte), 1953 präsentierte er seine erste Damenkollektion. 1954 kam der bubble dress, der weltweit Furore machte. Konnte man das als Dame noch tragen, fragte man sich mit den Jahren, ob das denn alles sein müsste, was der rastlose Designer zu Papier brachte. Schauen Sie doch mal eben in dies Video von 1969 hinein. Ich bin nie mit der Mode gegangen. Ich habe sie gemacht, hat das Mitglied der Académie Française (der natürlich den Frack der Académie neu entwerfen musste) einmal so schön gesagt.

Das abgefahrene Design in der Damenmode wie in der Herrenmode (hier Pierre Cardins Vorschläge für den Herrn im Jahre 1976) setzte die Italiener ein wenig unter Zugzwang. Denn es ist ja nicht so, dass die Nation mit dem Glaubenssatz fare bella figura nur elegante dunkle Anzüge mit engen Hosen produzierte, wie wir sie an Marcello Mastroianni bewundern können. Wenn man sich die Anzeigen und Photos aus dieser Zeit von Modellen von Guido Bosi, Ugo Coccoli und Angelo Litrico (damals noch frei von C&A Assoziationen) anschaut, kann man genau so schräge Klamotten wie bei Pierre Cardin entdecken.

Und selbst Brioni, heute eine Art von C&A für Millionäre, hatte Sachen im Programm, die an die tomatenrote Smokings von Waltener erinnerten. Und die wohl selbst der Kanzler Schröder nicht angezogen hätte, wenn er sie umsonst bekommen hätte. Ebenso wie Pierre Cardin sind jetzt die Italiener als Firmenberater begehrt. Die Firma Konen sichert sich die Dienste von Ugo Coccoli und bringt eine Marke namens atelier torino auf den Markt: Eine Marke ist das grösste Kapital eines jeden Unternehmens. Der Ursprung unserer Marke liegt in den Händen von Signore Ugo Coccoli aus Turin, einem populären und kreativen Schneider, der unser Unternehmen jahrzehntelang in puncto Mode und Stoffqualität beraten hat. Seine Person und seine für uns wertvolle Arbeit haben uns inspiriert, die Marke atelier torino zu kreieren. Windsor in Bielefeld hat Pierre Cardin auf der payroll, und Angelo Litrico, der einmal Chruschtschow ungefragt einen Maßanzug nach Moskau geschickt hatte, landet bei C&A.

Wo ja auch schon der Pariser Designer Yves Saint-Laurent gelandet war (allerdings nur in Deutschland, in Italien was YSL hochklassig, wurde von Nervesa hergestellt). Und das ist nun die lächerliche Seite der Prêt-à-porter. Pierre Cardin hat zwar immer wieder betont (wie auch in dem Zitat ganz oben), dass er die Mode demokratisieren wollte. Allerdings wird man bei ihm wie bei seinen anderen Kollegen aus der Haute Couture (heißen sie nun Yves Saint-Laurent, Daniel Hechter oder Louis Féraud) das Gefühl nicht los, dass es lediglich darum geht, das schnelle Geld zu machen. Lizenzen werden wahllos und ohne Qualitätskontrolle weltweit vergeben, seinen guten Ruf ist Pierre Cardin auf ewig los. Da hilft es auch nicht, wenn gekaufte Lohnschreiber solche Sätze drechseln: Von wem kann man bessere Qualität bekommen – wenn nicht von einem Grand Couturier? Bei Pierre Cardin verschmelzen exklusives Design und beste Qualität zu einer gelungenen Symbiose bei einem bestmöglichen Preis-Leistungsverhältnis. Die Produkte werden strengen Kontrollen unterzogen, um den hohen Standards von Cardin gerecht zu werden. Und wer den Macher kennt, der weiß: Leicht ist Pierre Cardin nicht zufriedenzustellen. Wenn irgendetwas eine Werbelüge ist, dann dies.

Cardin war schon von Anfang an im Geschäft mit den Accessoires (hier seine Kollektion von Armbanduhren), alles was den Namen Pierre Cardin trug, konnte er vermarkten. Wahrscheinlich auch Klobrillen. Das bringt mich auf einen anderen Designer, der genau so rührig wie Cardin ist. Allerdings im Gegensatz zu dem ziemlich erfolglos. Der hat aber auch Klobrillen entworfen. Ich rede von Luigi Colani, über den der Spiegel 1995 schrieb: Jede Wahrheit hat Feinde. Mies van der Rohe und Le Corbusier schalt Colani "die größten aller kleinen Schweine", Cardin einen "Schmuddelfink", Nicolas Hayek "pyramidonal doof", Philippe Starck eine "Maulhure", und selbst die künstlerische Begrenztheit des Leonardo da Vinci vermag Luigi Colani sonnenklar zu erkennen. 99,9 Prozent der Designer, überhaupt, seien Deppen.

Wir wollen ihm im letzten Punkt nicht widersprechen. Das Erstaunliche ist, dass die Öffentlichkeit immer wieder auf die Designer hereinfällt. Pierre Cardin, der heute (7. Juli 2012) vor neunzig Jahren als Pietro-Constante Cardini geboren wurden, ist seit 1944 im Modegeschäft. Er hat als erster eine Formel gefunden, die bis heute immer wieder nachgeahmt worden ist. Zuerst fängt man ganz oben in der Haute Couture an und schafft sich einen Namen. Eine willfährige Presse sorgt dann dafür, dass aus dem Namen ein Mythos wird. Und wenn der Name zur Marke geworden ist, dann kommt die Prêt-à-porter Mode. Und dann die Accessoires, die Parfüms und die T-Shirts und Jeans, Bettwäsche und Handtücher. Danach vergibt man die Lizenzen weltweit. Und die Qualität wird immer schrottiger. Das ist die Zauberformel: von der Haute Couture zum Wühltisch! Bringt aber viel Geld ein. Mindestens dreihundert Millionen Euro im Fall von Pierre Cardin.

Sonntag, 27. Dezember 2020

Jens Juel


Wenn man im 18. Jahrhundert in Dänemark so wohnt, dann ist man entweder der dänische König oder der Graf Schimmelmann. Das ist der Mann, der seine Millionen mit dem Sklavenhandel gemacht hat. Er war schon häufig in diesem Blog, zuletzt in dem Post Flensburg. Aber der Gutsbesitzer von Hagenskov ist ein Bürgerlicher, ein Kaufmann und Reeder. Er hat sich 1770 von Georg Erdmann Rosenberg (dem Sohn Johann Gottfried Rosenbergs, der das wunderbare Schloss Gravenstein gebaut hat) dieses Schloss auf Fünen bauen lassen.

Mit dem Sklavenhandel hat Niels Ryberg (hier von Jens Juel gemalt) auch ein wenig zu tun, er besitzt mit Ryberg & Thygesen das größte Handelshaus in Dänemark. Und er ist Direktor der Königlich dänischen Westindischen Handelsgesellschaft. Ab 1755 durften Reeder und Kaufleute, die ihren Sitz nicht in Kopenhagen hatten (das betrifft zum Beispiel die Reeder aus Eckernförde), nach Dänisch-Guinea und Dänisch-Westindien segeln. Rybergs Schiffe transportieren schon einmal Schwarze, aber er handelt nicht mit ihnen. Er ist in gewisser Weise das Gegenteil von Schimmelmann, er macht sein Gut zu einem Mustergut der Aufklärung und reformiert die Landwirtschaft. Wir sind in der Zeit, in der Struensee (den Jens Juel auch gemalt hat) den dänischen Staat umkrempelt. Ryberg ist der erste dänische Gutsbesitzer, der seinen Bauern die Freiheit schenkt, lange bevor die Residenzpflicht und die Leibeigenschaft aufgehoben werden. Auf seinem Gut gab es eine Praxis für Geburtshilfe und ein kleines Hospital. Er bezahlt das Gehalt des Lehrers, lässt die Kirche renovieren und stiftet eine neue Orgel, eine gute Orgel, wie es in den Akten heißt. Er lässt in der Kirche auch eine Grabkapelle für seine Familie bauen und baut den Kirchenturm zu einem Observatorium aus. Den kann man heute noch auf dem Turm der Dreslette Kirke sehen.

Die ungeheure Summe von 170.000 Reichstalern hat Ryberg für den Kauf den Gutes auf den Tisch gelegt. Der dänische Außenminister Graf Bernstorff gratuliert ihm: Zum Kauf des Anwesens gratuliere ich und wünsche sehr, dass Ihr Wohlbefinden immer damit zufrieden ist. Ich kenne das Anwesen nicht, aber es muss wunderbar sein, wenn es ohne Holz so viel wert ist. Aber von einem Mann wie Ihrem Wohlergehen kann ich nur wohlüberlegte Entscheidungen erwarten. Ohne Holz, es gibt keinen Wald, aber Ryberg lässt im Park alle möglichen Bäume anpflanzen. Hier sitzt er unter einer Eiche, die noch nicht so alt ist. Er ist elegant nach französischer Mode gekleidet, wir beachten einmal seine Seidenstrümpfe und die Schuhe mit den silbernen Spangen.

Sein Sohn Johan Christian (hier mit seiner Ehefrau Engelke) ist dagegen ganz im englischen Stil gekleidet: gelbe Hosen und die kurzen Hessian boots. Wir kennen diesen Stil von Beau Brummell, in Deutschland wird er als Werthertracht bekannt werden. Was mir nicht ganz klar ist, ist die Zeigegeste des dänischen Dandys. Auf was zeigt die Hand des jungen Mannes? Will er uns sagen: dies alles gehört uns? Niels Ryberg, der aus ganz kleinen Verhältnissen nach ganz oben gekommen war, sein Leben ist eine from rags to riches story, wollte auf jeden Fall, dass der Hofmaler Jens Juel (der am 27. Dezember 1802 starb) seinen Besitz darstellte. Und das ganz groß.

Es ist mit 3,36 x 2,53 Metern das größte Bild, das Jens Juel gemalt hat. Vielleicht hat er die Leinwand von Ryberg bekommen, denn der besaß die größte Leinenfabrik Dänemarks. Es gibt von dem Bild eine frühere, sehr viel kleinere Variante. Wahrscheinlich hat der Gutsbesitzer Ryberg dem Maler Juel gesagt, dass er das so nicht haben wolle, es sollte schon etwas Repräsentatives sein.

Die Engländer nennen diesen Bildtyp conversation piece (zu diesen Bildern finden Sie mehr in dem Post Vilhelm Marstrand), auch wenn die dargestellten Personen keine Konversation pflegen, sondern uns eher stumm anschauen. Wie Mr und Mrs Andrews auf dem berühmten Bild von Gainsborough (zu dem gibt es hier einen langen Post). Beide Bilder haben eins gemeinsam: sie zeigen gesellschaftlich hochstehende Personen in der Landschaft. In einer Landschaft, die ihnen gehört, ob das nun der Park von Niels Ryberg ist oder ob das die Ländereien von Robert Andrews sind. Beide Bilder haben, und das nur am Rande, noch eins gemeinsam: sie sind einer größeren Öffentlichkeit erst seit 1960 bekannt, weil sie vorher im Privatbesitz waren.

Die Nähe von Jens Juel zu Gainsborough wird auch in diesem Portrait des englischen Kapitäns Joseph Greenway deutlich, das man durchaus für einen Gainsborough halten könnte. Greenway hatte viel Geld damit verdient, dass er dänische Frachtschiffe kommandierte, wahrscheinlich auch auf der Route nach Dänisch Westindien. Jetzt hatte er sich zur Ruhe gesetzt, war dänischer Staatsbürger geworden und ließ sich von Juel malen, der inzwischen Direktor der Kopenhagener Akademie war. Das Bild hängt heute in der National Gallery in London. Gainsborough wäre lieber Landschaftsmaler als Portraitmaler gewesen: I'm sick of portraits, and wish very much to take my viol-da-gam and walk off to some sweet village, where I can paint landskips (sic) and enjoy the fag end of life in quietness and ease. Für Jens Juel ist die Landschaftsmalerei eher ein Hobby. Dem er aber gerne nachgeht. Seit er Rousseau gelesen und die Alpen gesehen hat, kommt dieses Revenons à la nature auf seine Bilder.

Auch wenn seine Landschaftsbilder nur einen kleinen Prozentsatz seiner tausend Bilder ausmachen, sie haben großen Einfluß auf Juels Schüler und Zeitgenossen. Wenn wir bei diesem Bild mit dem Mondlicht am Kleinen Belt bei Snoghøj an Caspar David Friedrich denken, dann liegen wir wahrscheinlich gar nicht so falsch, denn Friedrich war einer seiner Schüler an der Kopenhagener Akademie.

Ein Bauernhaus auf Seeland, ein Gewittersturm zieht auf, es sind auf den Wänden des Hauses und in den Blättern des Baumes noch Reste von dem Sonnenlicht zu sehen - das um 1793 entstandene Gemälde ist ein erstaunliches Bild. C.W. Eckersberg, der dieses Bild genau kannte, hat 1810 auf Moen eine ähnliche Stimmung einzufangen versucht; sein Bild hängt heute in der Kunsthalle Kiel, ist aber lange nicht so eindrucksvoll wie das Bild von Juel, das einen großen Einfluß auf die dänische romantische Malerei des 19. Jahrhunderts haben wird. Sie können in den Posts über den amerikanischen Luminismus und in dem Post Richard Oelze noch Beispiele für ein ähnliches Licht finden.

Jens Juel ist der bedeutendste dänische Maler des 18. Jahrhunderts gewesen, er war der Lehrer von Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge, berühmte Museen haben seine Bilder. Dieses bezaubernde Pastellportrait der Petronella Cornelia Rømeling besitzt das Met Museum. Juel hat die dänische Königsfamilie und Klopstock gemalt, aber irgendwie ist er ein unterschätzter Maler geblieben. Es gibt keine schönen coffee table books mit seinem Werk, keine Kataloge, keine großen Jens Juel Ausstellungen, eigentlich ist das erstaunlich.


Lesen Sie auch: Dänische Kunst

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Weihnachten


In diesem Jahr ist alles anders. Aber es wird besser, beim nächsten Weihnachtsfest brauchen wir nicht mehr an Donald Trump zu denken. Und Corona, Geflügel- und Schweinepest sind vielleicht auch weg. Dies ist mein zehntes Jahr im Internet, zum zehnten Mal kommt hier Weihnachten im Blog vor. Zur Weihnachtszeit gab es immer Besinnliches, häufig Gedichte. Manche Posts aus der Weihnachtszeit wurden zu Bestsellern. Wie zum Beispiel der Post Esel aus dem Jahr 2016. Oder der Post Drei deutsche Weihnachtsgedichte aus dem Jahre 2012, der schon beinahe zehntausend Mal angeklickt wurde. Ich habe mit den besten Wünschen für das Weihnachtsfest für alle meine Leser auch heute wieder ein Gedicht. Es ist von der Schweizer Benediktinerin Silja Walter, die neben ihrem Ordensleben auch eine berühmte Schriftstellerin war. Es hat, wie viele ihrer Gedichte, keinen Titel. Aber den braucht es auch nicht:

Abwesenheit ist
dein Wesen
darin finde ich dich
Die Nägel
meiner Sehnsucht
bluten vom Kratzen
an den Eismeeren
der Welt
Verkohlt ist die Sucht
meiner Suche
in seiner Kälte
Aber da bist du
darin
seit das Kind schrie
bei den Schafen
und brennst
lichterloh
zu mir


Dienstag, 22. Dezember 2020

Futurismus


Die Geschichte des Futurismus beginnt mit einem Autounfall. Ein Gruppe von reichen Nichtsnutzen ist mit dem Auto verunglückt, sie liegen alle am frühen Morgen stockbesoffen im Straßengraben. Italienische Fischer heben den Wagen wieder auf die Straße. Passiert ist niemandem etwas. Aber für den Millionärssohn Filippo Tommaso Marinetti, der am Steuer gesessen hatte, war es eine Art Erweckung.

Den Isotta Fraschini, der beinahe hundert PS hatte, hatte sich Marinetti gerade gekauft. Sein Fahrlehrer hatte ihm geraten, sich einen
Chauffeur zu nehmen, aber davon wollte der junge Dichter nichts wissen. Hatte er doch gerade die Fahrerlaubnis erhalten. Und so fährt er am frühen Morgen die leere Via Domodossola vor Mailand entlang, und da sind plötzlich zwei Radfahrer: im gleichen Augenblick sah ich zwei Radfahrer auf mich zukommen, die mich ins Unrecht setzten und vor mir zauderten wie zwei Überlegungen, die beide überzeugend und trotzdem kontradiktorisch sind. Ihr dummes Dilemma spielte sich auf meinem Gelände ab... Wie dumm! Puh!... Ich bremste hart und vor lauter Ärger stürzte ich mich, mit den Rädern nach oben, in einen Graben...
      Oh, mütterlicher Graben, fast bis zum Rand mit schmutzigem Wasser gefüllt! Oh schöner Abflußgraben einer Fabrik! Ich schlürfte gierig deinen stärkenden Schlamm, der mich an die heilige, schwarze Brust meiner sudanesischen Amme erinnerte... Als ich wie ein schmutziger, stinkender Lappen unter meinem auf dem Kopf stehenden Auto hervorkroch, fühlte ich die Freude wie ein glühendes Eisen erquickend mein Herz durchdringen!
      Ein Haufen mit Angelruten bewaffneter Fischer und gichtbrüchiger Naturforscher lärmte schon um das Wunder herum. Mit geduldiger und peinlich genauer Sorgfalt stellten diese Leute große Gerüste auf und legten riesige Eisennetze aus, um mein Auto wie einen großen gestrandeten Haifisch zu fangen. Langsam tauchte der Wagen aus dem Graben auf und ließ wie Schuppen seine schwere Karosserie des gesunden Menschenverstandes und seine weichen Polster der Bequemlichkeit auf dem Grund zurück.
      Alle glaubten, mein schöner Haifisch wäre tot, aber eine Liebkosung von mir genügte, um ihn wieder zu beleben; schon ist er zu neuem Leben erwacht, schon bewegt er sich wieder auf seinen mächtigen Flossen!
      Da, das Antlitz vom guten Fabrikschlamm bedeckt – diesem Gemisch aus Metallschlacke, nutzlosem Schweiß und himmlischem Ruß – zerbeult und mit verbundenen Armen, aber unerschrocken, diktierten wir unseren ersten Willen allen lebendigen Menschen dieser Erde:

Und nach dieser Präambel kommt das Manifest des Futurismus, in dem es heißt: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. Als das Manifest im Februar 1909 veröffentlicht wird, gab es dieses Auto dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, noch nicht. Die Autos sahen eher so aus wie Henry Fords Tin Lizzie. Aber die Firma Isotta Fraschini hatte 1909 schon einen Rennwagen im Programm, das wird Marinetti gewusst haben.

Schon vier Jahre vor dem Manifest des Futurismus hatte Marinetti den Rennwagen bedichtet;

Feuriger Gott aus stählernem Geschlecht,
Automobil, das fernensüchtig
geängstet stampft, in scharfen Zähnen das Gebiß!
Japanisch-fürchterliches Untier, schmiedefeueräugig,
mit Flammen und mit Ölen aufgenährt,
nach Horizonten gierig und nach Sternenbeute,
des Herzens teuflisches Töff-Töff befrei ich dir
und deine riesigen Pneumatiks
zum Tanze auf der Erde Straßen.
Ich lasse den metallenen Zügel los und du
stürmst trunken in befreiende Unendlichkeit!...

Die Verherrlichung der mechanical bride geht noch weiter (das ganze Gedicht finden Sie hier), es ist sicher kein Zufall, dass Marinetti im Ersten Weltkrieg in ein Radfahrer- und Automobilisten-Bataillon eintrat. Der Krieg ist für Marinetti (hier in der Mitte neben den jungen starken Futuristen) ebenso schön wie der Feurige Gott aus stählernem Geschlecht. In dem Manifest des Futurimus, das eine Art intellektueller Amoklauf ist, schreibt er: Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

Obgleich er den Ersten Weltkrieg kennengelernt hat (in dem er sich hier für den Photographen in Szene setzt), haben die Schrecken des Krieges auf unseren Futuristen keine Auswirkungen. In seinem Manifest zum Äthiopien Krieg kämpft er für eine Ästhetisierung des Krieges: Seit siebenundzwanzig Jahren erheben wir Futuristen uns dagegen, daß der Krieg als antiästhetisch bezeichnet wird … Demgemäß stellen wir fest: Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet. Der Krieg ist schön, weil er die erträumte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert. Der Krieg ist schön, weil er eine blühende Wiese um die feurigen Orchideen der Mitrailleusen bereichert. Der Krieg ist schön, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums und Verwesungsgerüche zu einer Symphonie vereinigt. Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der großen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft. Dichter und Künstler des Futurismus … erinnert Euch dieser Grundsätze einer Ästhetik des Krieges, damit Euer Ringen um eine neue Poesie und eine neue Plastik … von ihnen erleuchtet werde!

Glaubt er wirklich den Unsinn, den er da schreibt? Mussolini hat ihn einmal einen extravaganten Clown, der Politik spielt und den niemand, ich am wenigsten, ernst nimmt genannt. Und ein Clown war er sicher. Lesen Sie doch einmal sein Gedicht Zang tumb tumb, ein Höhepunkt der futuristischen Lyrik. Es gibt Dinge, bei denen er Recht hat. Zum Bespiel, wenn er 1913 in Die drahtlose Einbildungskraft schreibt (1913): Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen [...] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. Ich habe das schon in dem Post Sonia Delaunay zitiert. Dies Bild hier zeigt einen der Höhepunkte der Futurismus, das Buch La cucina futurista, das Marinetti mit seinem Weggefährten Fillia herausgebracht hat. Der Futurist wird nicht mehr mit Messer und Gabel essen, und er wird vor allem keine Pasta mehr essen. Glücklicherweise wird sich die La cucina futurista in Italien nicht durchsetzen. Und Venedig, dessen Paläste Marinetti abreißen und den Schutt im Canale Grande versenken will, kommt auch noch einmal davon.

Wenig von seinem großen Weltentwurf wird sich durchsetzen, und Marinetti hält sich selbst nicht an seine Lehren. Predigte er noch 1909 die Verachtung des Weibes, so ist davon nicht mehr die Rede, als er die futuristische Malerin Benedetta Cappa heiratet. Und dieses Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken, … Leitet den Lauf der Kanäle um, um die Museen zu überschwemmen! wird er nicht durchsetzen, wenn er italienischer Kultusminister wird. Aber seine Kriegsbegeisterung, die hat nie aufgehört. Der Mann, der im Ersten Weltkrieg Leutnant war, wird im Zweiten Weltkrieg mit sechsundsechzig Jahren noch als Oberstleutnant vor Stalingrad auftauchen.

Sonntag, 20. Dezember 2020

Adventskranz


Der erste Adventskranz war nichr aus geflochtenen Tannenzweigen, er war ein hölzernes Wagenrad, auf dem neunzehn rote und vier weiße Kerzen aufgesteckt waren. Es waren 1839 vom ersten Advent bis Weihnachten dreiundzwanzig Tage. Der Wagenrad-Kranz hing im Betsaal des Hamburger Waisenhauses, das den Namen Rauhes Haus hat. An jedem Werktag zündete der Theologe Johann Hinrich Wichern, der das Rauhe Haus gegründet hatte, eine rote Kerze an, dazu wurde gebetet und gesungen. An den Adventssonntagen wurden die großen weißen Kerzen angezündet. Die Kinder, die Wichern immer mit der Frage gequält hatten, wann denn endlich Weihnachten sei, konnten es jetzt jeden Tag verfolgen. Sie lernten dabei auch das Zählen. Irgendwann in den nächsten Jahren hat man zum Schmuck ein paar Tannenzweige auf das Wagenrad gesteckt. Und ein paar Jahrzehnte später war das, was hier im Waisenhaus begonnen hatte, in jedem deutschen Wohnzimmer.

Ich wünsche all meinen Lesern einen schönen vierten Advent.

Freitag, 18. Dezember 2020

Verlierer


Der amerikanische Dichter Philip Freneau hatte hier vor zehn Jahren schon einen Post, ich möchte daraus zwei Dinge zitieren, die gerade wieder aktuell sind. Das erste ist dieser Absatz:

Der Princeton Absolvent, Journalist, Dichter und Kapitän Philip Morin Freneau ist am 18. Dezember 1832 im Alter von achtzig Jahren in einem Schneesturm erfroren. That rascal Freneau hatte Washington ihn wutentbrannt genannt, als der ehemalige poet of the revolution ihn attackiert hatte und ihm in seiner National Gazette vorgeworfen hatte, er gebärde sich wie der König von England. Das Abo von der National Gazette hat Washington sofort gekündigt, aber Freneau hat ihn weiter beliefert. Seine National Gazette ist die Plattform für Jeffersons politische Ansichten, und Jefferson wird Freneau in Schutz nehmen: he saved our Constitution which was galloping fast into monarchy. Kaum hat man den Unabhängigkeitskrieg gewonnen, kaum besitzt man eine Verfassung, da bekämpft man sich in Amerika gegenseitig. Jetzt sagt nicht nur Freneaus englischer König Oh, blast this Congress! jetzt sagen es schon Amerikaner in diesem Kampf der Federalists gegen die Republicans. Irgendwie hatte Hobbes mit dem homo homini lupus doch recht.

Ich möchte das was Thomas Jefferson über die Pressefreiheit und Freneaus National Gazette am 23. Mai 1793 gesagt hat, nachdem er sich gerade mit George Washington unterhalten hat, einmal vollständig zitieren: His paper has saved our constitution, which was galloping fast into monarchy, & has been checked by no one means so powerfully as by that paper. It is well and universally known, that it has been that paper which has checked the career of the monocrats, & the President, not sensible of the designs of the party, has not with his usual good sense and sang froid, looked on the efforts and effects of this free press and seen that, though some bad things have passed through it to the public, yet the good have preponderated immensely. Dass ein Präsident sein Amt missbraucht und sich im Krieg mit der Presse befindet, das haben wir gerade vier Jahre lang erlebt. Dass der augenblickliche Präsident jemals good sense and sang froid gezeigt hätte, das will niemand behaupten.

Und da ist noch etwas, was ich aus dem Post aus dem Jahre 2010 noch einmal zitieren möchte, und das ist Freneaus Gedicht aus dem Jahre 1779, in dem der englische König George III ein Selbstgespräch führt und den Verlust seiner Kolonien beklagt. Wir kennen den König George (auf diesem Bild links im Hintergrund), er war manchmal ein wenig wahnsinnig; wir alle haben den Film The Madness of King George gesehen. Der wahnsinnige König wird gerade in der Washington Post zitiert, weil ein Offizieller aus dem Weißen Haus etwas ausgeplaudert hat. Dass nämlich Trump in der Wahlnacht wie Mad King George durch das Weiße Haus geirrt sei und I won, I won, I won gemurmelt hätte. Der Independent zitierte die schöne Geschichte unter dem Titel Trump was ‘muttering, I won, I won, like ‘Mad King George’ after election defeat. Und den Journalisten war in ihrem Artikel eine wunderbare Formulierung für den Realitätsverlust von Trump gelungen: Trump scrambled for an escape hatch from reality. Den Notausgang für die Flucht aus der Realität sucht Donald Trump noch immer, aber mehr als I won this election, by a lot! ist dabei nicht herausgekommen.

Der englische König rennt nicht wie ein Wahnsinniger durch seinen Palast, als Amerika verloren ist. Er hat als Verlierer Stil, Trump nicht. Er schreibt einen kleinen Essay: America is lost! Must we fall beneath the blow? Or have we resources that may repair the mischiefs? What are those resources? Should they be sought in distant Regions held by precarious Tenure, or shall we seek them at home in the exertions of a new policy? The situation of the Kingdom is novel, the policy that is to govern it must be novel likewise, or neither adapted to the real evils of the present moment, or the dreaded ones of the future. Und wenn der erste amerikanische Minister am englischen Hof John Adams ihm seine Aufwartung macht, wird er sagen: I was the last to consent to the separation; but the separation having been made and having become inevitable, I have always said, as I say now, that I would be the first to meet the friendship of the United States as an independent power.

George ist ein gebildeter Mann, er kann Latein, Französisch und Deutsch. Seine Vorgänger aus Hannover konnten kaum Englisch. Er hat eine große Bibliothek und liebt die Musik, Mozart und Händel sind Gäste in seinem Palast. Er fördert die Kust und die Royal Academy, mehr als die Hälfte seines Privatvermögens gehen an wohltätige Zwecke. Die Landwirtschaft liegt ihm am Herzen, man nennt ihn Farmer George. Er fördert Astronomie und Uhrmacherei. Er ist kein Monster. Zu dem machen ihn die Amerikaner in ihrer Unabhängigkeitserklärung, die eine lange Liste seiner angeblichen Missetaten enthält. An deren Ende der Satz steht: A Prince, whose character is thus marked by every act which may define a Tyrant, is unfit to be the ruler of a free people. Vielleicht wird jemand mal eines Tages eine Liste der Untaten von Donald Trump aufstellen, an deren Ende sicher auch stehen wird, dass er unfit to be the ruler of a free people sei.

Für Philip Freneau ist der König Georg natürlich ein Monster. Sein Gedicht George The Third's Soliloquy, das ich schon vor zehn Jahren zitierte, ist Propaganda, politische Lyrik:

Oh! blast this Congress, blast each upstart State,
On whose commands ten thousand warriors wait;
From various climes that dire assembly came,
True to their trust, yet hostile to my fame.
'Tis these, ah! these have ruin'd half my sway,
Disgrac'd my arms, and lead my realm astray.

France aids them now; I play a desperate game,
And sunburnt Spain they say will do the same,
My armies vanquish'd, and my heroes fled,
My people murmuring, and my commerce dead.
My shatter'd navy, pelted, bruis'd, and clubb'd,
By Dutchmen bullied, and by Frenchmen drubb'd.

My name abborr'd, my nation in disgrace,
What should I do in such a mournful case ?
My hopes and joys are vanish'd, with my coin,
My ruined army, and my lost Burgoyne !
What shall I do, confess my labors vain,
Or whet my tusks, and to the charge again ?

But where's my force, my choicest troops are fled,
Some thousands crippled, and a myriad dead;
If I were owned the stoutest of mankind,
And hell with all her rage inspired my mind;
Could I at once with France and Spain contend,
And fight the rebels on the world's green end ?

Yet rogues and savage tribes I must employ,
And what I cannot conquer, will destroy.
Is there a robber close in Newgate hemm'd?
Is there a cut-throat fetter'd and condemn'd ?
Haste, loyal slaves, to George's standard come,
Attend his lectures when you hear the drum.

Your chains I break, for better days prepare,
Come out, my friends, from prison and from care;
Far to the west I plan your desperate way,
There, 'tis no sin, to ravage, burn, and slay;
There, without fear, your bloody trade pursue,
And show mankind what British rage can do.

Ye daring hosts that crowd Columbia's shore,
Tremble, ye traitors ! and exult no more;
Flames I will hurl with an unceasing hand,
Till fires eternal blaze throughout your land;
And every dome and every town expires,
And traitors perish in the unfeeling fires.

But hold - though this be all my soul's desire,
Will my own towns be proof to rebel fire ?
If in revenge my raging foes should come
And burn my London - it would strike me dumb
To see my children and my queen in tears,
And these tall piles come tumbling round my ears.

Curs'd be the day when first I saw the sun,
Curs'd be the hour when I this war begun;
The fiends of darkness then inspir'd my mind,
And powers unfriendly to the human kind;
My future years I consecrate to woe,
For this great loss-my soul in tears shall flow.

To wasting grief and sullen rage a prey,
To Scotland's utmost verge I take my way;
With nature's storms eternal concert keep,
And while her billows rage as fiercely weep;
Oh ! let the earth my rugged fate bemoan,
And give at least one sympathizing groan.

Satire wirkt immer. Der englische Schriftsteller Ian Martin hat vor vier Wochen im Guardian den wunderbaren kleinen satirischen Artikel The madness of King Trump, America's sulky George III sequel veröffentlicht. Den kann ich nur zur Lektüre empfehlen.

Mittwoch, 16. Dezember 2020

das Quagga


Also, ich wusste nicht, was ein Quagga ist. Aber der englische Maler Samuel Daniell, der heute vor zweihundertneun Jahren starb, der hat ein Quagga gemalt. Bevor er nach Sri Lanka zog, hat er sich durch Südafrikas Tierwelt gemalt; im Jahre 1804, als er dies hübsche Quagga malte, gab es diese Zebraart noch. Achtzig Jahre später nicht mehr, da war das letzte Quagga gerade im Zoo von Amsterdam gestorben. Bei dem guten alten Brehm finden sich die Quaggas unter der Rubrik Tigerpferde.

Samuel Daniell kommt aus einer Familie von Malern, sein Bruder und sein Onkel sind sogar in der Royal Academy. Sie sind beide schon in den Posts lonely as a cloud und William Daniells Orient erwähnt worden. Bei der Expedition ins Betschuanaland und später bei seinen Reisen als Kolonialbeamter durch Sri Lanka fertigt Daniell erst einmal nur Zeichungen an, die später zu Radierungen oder zu Aqurellen werden. Das übernehmen seine Verwandten in London, die aus den Bildern Bücher machen. Und dank der Familie Daniells wissen die Engländer, wie es in Südafrika, in Indien, China und Sri Lanka aussieht. Wenn Sie einen Eindruck davon bekommen wollen, dann klicken Sie hier

Das Quagga hat es sogar in die Literatur geschafft, denn die amerikanische Dichterin Sarah Lindsay hat das Tier in ihre Elegy for the Quagga hineingeschrieben. Das Jahr 1883 ist nicht nur das Jahr des Todes des letzten Quagga, es ist auch das Jahr einer Katastrophe: der Krakatau bricht aus. Dazu können Sie einiges in dem Post Das Jahr ohne Sommer lesen, und Arno Schmidts Prosastück Krakatau habe ich natürlich auch für Sie. Geschickt verknüpft Sarah Lindsay in ihrem Gedicht, das im Oktober 2008 in der Zeitschrift Poetry erschien, die weltbewegende Katastrophe mit der kleineren Katastrophe:

Krakatau split with a blinding noise
and raised from gutted, steaming rock
a pulverized black sky, over water walls
that swiftly fell on Java and Sumatra.
Fifteen days before, in its cage in Amsterdam,
the last known member of Equus quagga,
the southernmost subspecies of zebra, died.
Most of the wild ones, not wild enough,
grazing near the Cape of Good Hope,
had been shot and skinned and roasted by white hunters.

When a spider walked on cooling Krakatau’s skin,
no quagga walked anywhere. While seeds
pitched by long winds onto newborn fields
burst open and rooted, perhaps some thistle
flourished on the quagga’s discarded innards.
The fractured island greened and hummed again;
handsome zebras tossed their heads
in zoos, on hired safari plains.
Who needs to hear a quagga’s voice?
Or see the warm hide twitch away a fly,

see the neck turn, curving its cream and chestnut stripes
that run down to plain dark haunches and plain white legs?
A kind of horse. Less picturesque than a dodo. Still,
we mourn what we mourn.
Even if, when it sank to its irreplaceable knees,
when its unique throat closed behind a sigh,
no dust rose to redden a whole year’s sunsets,
no one unwittingly busy
two thousand miles away jumped at the sound,
no ashes rained on ships in the merciless sea.


Montag, 14. Dezember 2020

John le Carré ✝

David Cornwell, den wir besser unter seinem Schriftstellernamen John le Carré kennen, ist vorgestern im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben. Vor neun Jahren habe ich ihm mit dem Post John le Carré zum achtzigsten Geburtstag gratutliert, ich stelle diesen Post mit minimalen Änderungen heute noch einmal ein. Wenn Sie den Post Sir Sean Connery gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich vor vielen Jahren eine Doktorarbeit über den englischen Spionageroman geschrieben habe. In der le Carré natürlich auch auftauchte. Ich habe noch mehrfach über ihn geschrieben, einer der Aufsätze hatte den schönen Untertitel nolstagia for a lost paradise. John le Carré, der mit Ian Fleming wenig gemein hat, weil er erzählerisch eher in der Tradition von Joseph Conrad und Graham Greene und nicht der bang-bang, kiss-kiss stories (wie Fleming seine Romane nannte) steht, war eine Ausnahmeerscheinung im Genre des Spionageromans. Wenn Sie eine kurze Geschichte des englischen Spionageromans lesen wollen, klicken Sie hier den ausführlichen Post Secret Agents an. John le Carré war ein leidenschaftlicher Europäer. Er war vielleicht auch ein typischer Engländer, aber sein England hatte wenig mit dem England von Boris Johnson, den er verachtete, zu tun: Wenn ich mich heute in Grossbritannien umschaue, sehe ich, dass sich die Gesichter der Menschen verändert haben. In Cornwall, wo ich die meiste Zeit lebe, sehe ich das, was wir früher das ‹Dritte-Welt-Gefühl› genannt haben. Die Menschen sind deprimiert und getrieben, halten aber irgendwie durch. Der Humor ist verschwunden. Grossbritannien ist ein sehr unglückliches Land. Das muss sich ändern. Aber woraus können wir Hoffnung schöpfen?


Es ist hoffentlich noch nicht zu spät für die Geburtstagswünsche, John le Carré ist gestern achtzig geworden. Er ist derjenige Autor von realistischen englischen Spionageromanen, den man in Deutschland immer liebte. Immer wieder hat es Interviews mit ihm gegeben, sein Kollege Len Deighton (inzwischen 82) wurde in den deutschen quality papers nie so gefeiert. Wahrscheinlich mögen wir le Carré, weil er so aussieht, wie wir uns den typischen englischen upper middle class Gentleman vorstellen. Und weil er (wie sein Romanheld George Smiley) Deutsch kann. Er war ja auch lange in Deutschland, in Bonn und Hamburg. Offiziell im diplomatischen Dienst, etwas weniger offiziell war er beim MI6. Den hat er irgendwann verlassen (oder vielleicht doch nicht?), um seine Romane über den englischen Geheimdienst zu schreiben. Für den Geheimdienst hatte er schon während seiner Zeit in der Armee und während seines Studiums gearbeitet, er war der perfect spy, doppelte Existenzen und Betrug gehörten von klein auf zu seinem Leben. Seit dem autobiographischen Roman The Perfect Spy wissen wir einiges über die kriminelle Vergangenheit seines Vaters.

Die ersten beiden Romane von le Carré, Call for the Dead und A Murder of Quality, erschienen gleichzeitig mit Len Deightons Debütroman The Ipcress File. Deighton und le Carré veränderten in den sechziger Jahren den englischen Spionageroman vollständig, die abgegriffene Ian Fleming Romanformel hatte ausgedient. Sie hat natürlich nie ausgedient, es wird immer Leute geben, die die James Bond Romane ganz toll finden. Es wird wahrscheinlich auch immer Leser für die G-Man Jerry Cotton Hefte geben.

Len Deighton repräsentierte den Geist der Zeit, das Swinging London swingte auch in seine Romane hinein. Ähnlich wie Antonionis Blow-Up, wie Schlesingers Darling oder Lesters The Knack gehörten Len Deightons Romane in diese Kultur. George Melly hätte sie ruhig in Revolt into Style erwähnen können. Deightons namenloser Held, der in den Filmen Harry Palmer hieß (aber natürlich eigentlich Michael Caine hieß), war cool wie eine Hundeschnauze. Er war einer der ersten literarischen Geheimagenten, der nicht aus der Oberklasse kam. Das passte natürlich wunderbar zu Michael Caine, der mit dem Londoner Cockney Akzent aufgewachsen war; wenn man ein Ohr für Akzente hat, kann man den sprachlichen Klassenunterschied auf der Originaltonspur von The Ipcress File sehr schön hören.

Das Swinging London war nicht die Sache von John le Carré, er strebte in seinen Romanen nach Höherem als ein Chronist des Zeitgeschmacks der sixties zu sein. Er hat in vielen Interviews Joseph Conrad und Graham Greene als seine literarischen Vorbilder bezeichnet, man merkt das auf beinahe jeder Seite seiner Romane. Er hat allerdings auch P.G. Wodehouse als sein Vorbild bezeichnet, das merkt man nun nicht unbedingt. le Carrés Romane sind - im Gegensatz zu den Romanen Deightons - weitgehend humorfrei. Er wäre nie auf die Idee gekommen (oder vielleicht doch), eine völlige Fälschung seines Lebenslaufes in das Who is Who zu schmuggeln wie Len Deighton das getan hat: Eldest son of a Governor-General of the Windward Islands. After an uneventful education at Eton and Worcester College, Oxford, where he read Philosophy, Politics and Economics and was President of the Union, he signed on as a deckhand on a Japanese whaler. Nichts davon ist wahr, ich finde es immer noch sehr komisch.

John le Carré hielt sich nicht in den Niederungen der Trivialliteratur auf, um sich nach oben zu schreiben wie Raymond Chandler. Er begann gleich ganz oben, und nach der Verfilmung von The Spy Who Came in from the Cold wusste die ganze Welt, dass England einen Superstar des Spionageromans hatte. Die Literaturkritiker sind ja auch immer nett zu ihm gewesen und haben ihm beinahe von Anfang an versichert, dass er kein Autor von billigen Thrillern wäre, sondern dass seine Romane zumindest auf der Ebene von Graham Greenes entertainments anzusiedeln wären. Es bestand für ihn also eigentlich gar kein Grund, seine Whippets so abzurichten, dass sie bei der Erwähnung des Wortes critic zu knurren anfingen.

Len Deighton überließ seinem Kollegen erst einmal das Feld des Spionageromans, da ihn andere Dinge interessierten: so schrieb er zwei Kochbücher, einen London-Führer und dann den Roman Bomber, in den Jahre der historischen Recherche hineingegangen waren. Seine Jahre bei der RAF haben ihn nie so recht losgelassen, damit meine ich jetzt nicht einen Roman wie Goodbye, Mickey Mouse sondern sein Buch über den Luftkrieg, Fighter: The True Story of the Battle of Britain, das ihm die Anerkennung der englischen Historikerzunft eintrug. Ich erwähne das mal eben im Kontrast zu John le Carré, um zu zeigen, dass die Bandbreite von Len Deighton viel größer ist als die von John le Carré.

Es kam für die Gemeinde der John le Carré Fans wie ein Schock, dass le Carré seinen vom Publikum geliebten Helden George Smiley aufgab, der in den ersten Romanen - und besonders in der Trilogie, die später unter dem Namen The Quest for Karla veröffentlicht wurde - so etwas wie eine moralische Instanz geworden war. Ähnlich wie der Kapitän Charles Marlow für manche Romane Joseph Conrads. Damals schrieb Bernd Eilert in Der Rabe unter der Rubrik Der Rabe rät abSeit le Carré seinen altmodischen Spion Smiley pensioniert hat, fehlt seinen Geschichten das, was sie anderen Spionage-Romanen voraushatten: eine gewisse Würde... Das haben viele Leser ähnlich gesehen, denn George Smiley, über den der Autor sagte The moment I had Smiley as a figure, with that past, that memory, that uncomfortable private life and that excellence in his profession, I knew I had something I could live with and work with, war ihnen ans Herz gewachsen. Mir auch, ich habe zwar weiterhin die meisten Romane von le Carré gekauft (und manchmal auch gelesen, häufig jedoch nicht), aber es war nicht mehr das, was ich mochte.

George Smiley begann sein literarisches Leben in Call for the Dead. Er kommt leider nicht so furchtbar oft in Filmen vor. Er wurde in The Deadly Affair von James Mason gespielt, der passte genau in die Rolle. In der TV-Fassung von Tinker, Tailor, Soldier, Spy wird er von Sir Alec Guinness gespielt - aber so sieht der George Smiley meiner Romanwelt nicht aus, sorry. Deshalb gibt es hier als Bild einmal den Helden mehrerer Len Deighton Verfilmungen zu sehen. Glücklicherweise gibt es mittlerweile eine hervorragende Verfilmung von Tinker, Tailor, Soldier, Spy.

Le Carré hatte sich in seinem ersten Roman bemüßigt gefühlt, zur Erklärung der Romanfigur noch A Brief History of George Smiley hinzuzufügen (Sie können sie hier nachlesen). Eigentlich eine ungewöhnliche Sache für einen Romanautor. Sie zeigt aber, dass le Carré von Anfang an diesen George Smiley als Serienhelden im Kopf hatte, so wie Conan Doyle seinen Sherlock Holmes im Kopf hatte - auch wenn le Carré seinem Helden den Sturz in die Reichenbach Fälle erspart. In den nächsten Romanen fristet George Smiley ein wenig eine Randexistenz. Man fürchtete damals als Leser doch schon den Tod in den Reichenbachfällen als le Carré The Naive and Sentimental Lover schrieb. Ein Roman, der ihm von den Kritikern um die Ohren gehauen wurde. Vielleicht stammt die Geschichte mit den Hunden aus dieser Zeit. Aber dann, wie Phönix aus der Asche, war George Smiley wieder da. Und dann gleich als Trilogie (Tinker Tailor Soldier SpyThe Honourable Schoolboy und Smiley's People). Und auch noch passend zu all den Skandalen des englischen Geheimdienstes von Burgess und Maclean bis Kim Philby war er der einzige, der England retten konnte. Dafür sind die Helden des englischen Spionageromans ja da, ob sie Richard Hannay, James Bond oder George Smiley heißen. Immer müssen sie England retten. Meistens noch in der letzten Minute. Was wären die Engländer bloß ohne ihre spy novel Autoren?

John le Carré wurde vor Jahren in einem Interview der BBC gefragt, welche Romane er für seine besten hielte. Seine Antwort war: The Spy Who Came in from the ColdTinker, Tailor, Soldier, SpyThe Tailor of Panama, The Constant Gardener. Da Geburtstagskinder immer Recht haben, lassen wir das mal so stehen.

Sonntag, 13. Dezember 2020

Advent


Aus irgendeinem Grund ist der Post Drei deutsche Weihnachtsgedichte, der seit Weihnachten 2012 im Netz steht, in der Statistik meiner Posts auf Platz eins. Und das nicht erst seit der Adventszeit, der steht in der Statistik schon seit Monaten ganz oben. Also auch schon im Sommer. Aber jetzt haben wir Winter, auch wenn es draußen nicht so aussieht. Draußen ist mieses Wetter und Corona. Und der nächste Lockdown steht vor der Tür, nicht das Christkind. Und der Weihnachtsmann kommt nicht mehr mit dem Schlitten, der kommt jetzt mit einem Audi. Sagt uns die Fernsehwerbung, die in diesem Jahr vor Weihnachten ansonsten etwas zurückhaltend daherkommt. Aber das alles lassen wir im Advent lieber nicht in unser Herz kommen. 

Es ist schon schlimm genug, dass unser Leben bestimmt wird von Wörtern, die wir vor einem Jahr noch nicht kannten. Wenn man da zur Weihnachtszeit Corona gesagt hätte, dann war das ein Gedichtzyklus von sieben Gedichten des englischen Dichters John Donne, die die Geschichte Jesu Christi erzählen. Oder ein Liebesgedicht, das Paul Celan an Ingeborg Bachmann schrieb. Jetzt ist Corona etwas anderes. Lockdown? Was war das? Hatte irgendetwas mit amerikanischen Gefägnissen zu tun. Jetzt bestimmen diese beiden Wörter unser Leben. Nicht mehr der Advent. 

Es war einmal anders. Also zum Beispiel vor mehr als hundert Jahren. Da schreibt ein junger Dichter ein Gedicht, das Advent heißt:

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Er ist gerade unsterblich in eine ältere Frau verliebt, die hat ihm gesagt, dass er seinen Vornamen von René in Rainer ändern soll. Hat der Rilke getan. Wie lange Corona und Lockdown bleiben, das wissen wir nicht, aber die Adventszeit, die stade Zeit, kommt jedes Jahr wieder. Nutzen wir den Lockdown einfach zur Ruhe und Einkehr. Und träumen von Winterwäldern, die der einen Nacht der Herrlichkeit entgegensehen.

Samstag, 12. Dezember 2020

der Torstenssonkrieg


Heute vor 377 Jahren brach der sogenannte Torstenssonkrieg zwischen Schweden und Dänemark aus. Ohne Kriegserklärung überfällt der schwedische General Lennart Torstensson das dänische Holstein. Einer der Leidtragenden dieses Überfalls ist der Pastor Johann Rist in Wedel. Der nicht nur Pastor, sondern auch ein berühmter Dichter ist, princeps poetarum totius Germaniae nennt man ihn. Der Kaiser wird ihn 1645 adeln. Der dänische König Christian IV hätte ihn wohl gerne an seinem Hofe gesehen, aber das ist nichts für Rist, wie seine Gedichte über das Hofleben zeigen. Nach dem Tode des Barockherrschers, der die Kunst liebte, wird sein Sohn Frederik König. Für den muss Rist 1643 das Hochzeitsgedicht schreiben. Frederik besucht den Poeten auch einmal für mehrere Tage in Wedel. Aber danach besuchen Torstenssons Truppen den Dichter. Und das nicht nur einmal, im Zweiten Nordischen Krieg sind sie wieder da und verwüsten alles:

Als ich aber zu meinem großen Herzeleide musste erfahren, dass meine beiden, von vielen Jahren her ziemlich wohlangerichteten Gärten nun zum anderemal aller ihrer Planken, Zäune, Türen und anderer Beschützung gänzlich beraubet, die Blumen und Kräuterbeete zu Pferde-Stallungen gemacht, mit Zelten bedeckt, mit Munition, Rüst-, Proviant- und anderen Wagen besetzt, umgegraben, zerwühlt, die allerschönsten Blumen und Gewächse hinaus geworfen. Alle Pfähle, Latten und Holzwerk ausgezogen und abgebrochen, die lustigsten Spaziergänge, Laubhütten und grüne Zeltlein (wie ich die selben mit meinen schlichten Mitteln noch haben können) heruntergerissen und der Erden gleichgemacht. Die fruchtbarsten Bäume abgehauen und, dass ich es nur kurz begreife, meinen Garten endlich zu einem Schindacker für gefallene Pferde, auch vieles anderen geschlachteten Viehes gemachet worden. 

Es ist nicht nur der Verlust seines geliebten Gartens (genaugenommen besitzt er drei Gärten), den der Dichter beklagt: Auch dass mein neues anmutigstes Buch, nach den Monaten des Jahres in 12 Hauptstücke abgeleitet unter dem Titel 'Unschädliche Gartenlust', da es schon ins Reine geschrieben war und zum offenen Drucke übergeben werden sollte, auf kleine Stücklein, leider! zerrissen. Er wäre natürlich kein Pastor und kein Barockdichter, wenn er sich nicht daran dächte, dass auch diese Gartenlust eine große Eitelkeit und ein recht nichtiges, flüchtiges und vergängliches Wesen sei.

Bevor die schwedischen Truppen 1657 ein zweites Mal über Wedel herfallen, gab noch die große Naturkatastrophe von 1648, die Rist in einem Buch beschreibt: Daß ist Kurtze, iedoch eigentliche Beschreibung Des erschreklichen Ungewitters, Erdbebens und überaus grossen Sturmwindes, welcher Jn der Fastnacht dieses 1648 Jahres, am Tage Valentins, war der 14 des Hornungs, vom Mohntag auff den Dienstag, ungefähr gegen Mitternacht plötzlich entstanden. Ob es wirklich neben Orkan und Hochwasser auch ein Erdbeben gab, weiß man nicht so genau, aber Rist schreibt es in seinem Buch Holstein vergiß eß nicht alles auf. Und er macht sich daran, das verlorengegangene Tractat / die unschädliche GartenLust genannt neu zu schreiben.

Der Torsenssonkrieg geht mit dem Friedensschluss von Brömsebro zuende, Holstein ist erst einmal von den Schweden befreit, Rist schreibt ein Gedicht in Alexandrinern:

O wollte Gott/ dass Teutschland möchte kosten
Wie wir/ den süßen Fried! Ach möchten doch verrosten 
Pistolen/ Schwerter/ Spieß’ und Stücke groß und klein? 
Ach möcht’ uns kein Gewehr hinfort mehr schädlich sein? 
O wollte Gott/ man sollt’ aus den Musquetten machen 
Nur Pflüge/ Gabeln/ Beil und tausend andre Sachen
Wodurch der Ackerbau wird treulich fortgesetzt
Der nicht nur Reichtum bringt/ besonders auch ergötzt!
O wollte wollte Gott/ es möchten doch die Tauben
Ihr’ Eier brüten aus in lauter Pikkelhauben!
O wollte wollte Gott/ dass’ doch der Ackersmann
Die starken Kürass nehm' als Körb und Wannen an!

Schwerter zu Pflugscharen, das Gedicht nimmt das alte Bibelzitat wieder auf. Das dänische Holstein mag für einen Augenblick Frieden haben, der Rest von Deutschland muss noch auf den Frieden von Münster und Osnabrück warten. Der Graf Lennart Torstensson wird sechs Jahre nach dem Ende des Krieges sterben, der seinen Namen trägt. Aber die abscheulichen Greuel des blutigen Krieges gehen weiter. Auch wenn es Rist zu ihrer Beschreibung an Zeit, Tint, Feder und Papier ermangelt und wodurch das Vaterland zur Wüsten ganz und gar geworden ist, er schreibt weiter: Auch wenn er klagt, dass ich auch nicht ein paar Schuhe über die Füße behalten, sondern fast alles, was ich in der Welt gehabt, verloren und halb nackend davon fliehend, mein Leben mit genauer Not müssen erretten. Was Johann Rist schreibt, ist Teil unserer deutschen Literatur, der schwedische Feldherr Torstensson taucht in der Literatur nur in dem Kinderbuch Das kleine Gespenst auf.

Lesen Sie auch: Johann Rist, Seeschlacht

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Notre Dame d'Amiens


Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist...

Das hat Gottfried Benn in seinem Gedicht Was schlimm ist einmal gedichtet. Fremdsprachen sind für viele ein Problem. Die Engländer sind die einzigen, die keine Fremdsprache beherrschen müssen, die sprechen einfach etwas lauter. Schließlich hat ihnen ja auch mal die halbe Welt gehört. Als Proust zu schreiben beginnt, auf jeden Fall.

Englisch muss man können. Proust konnte es nicht, aber er hat zwei Werke, La Bible d'Amiens und Sésame et les Lys, des von ihm verehrten John Ruskin übersetzt. Obgleich er, wie gesagt, eigentlich kein Englisch konnte. Aber er bewundert den englischen Stil. Er trägt Schlipse und Querbinder von der englischen Firma Liberty's (er hat sie in allen Farben) und kauft seine Schuhe in dem Luxusgeschäft Old England am Boulevard des Capucines. Schwarze geknöpfte Lackstiefel, Halbstiefel natürlich. Nichts anderes (Sie können ihn mit solchen Schuhen in dem Post Morning Coat sehen). Seine Anzüge und seine Morning Coats kommen von der Firma Carnaval de Venise in der Rue Halevy, die haben einen englischen Schneider, der kommt zu Proust ins Haus. Und dann sieht er so aus wie all die Herren des Pariser Jockey Clubs auf dem Bild von Charles Tissot. Der Herr ganz rechts ist übrigens das Vorbild für die Romanfigur Charles Swann, der ein Freund des Prince of Wales ist.

Ob die Herren alle Englisch konnten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich reichte es, wenn sie den Clubnamen aussprechen konnten. Doch auch wenn Prousts Englischkenntnisse dürftig sind, er ist wirklich anglophil, das sagt uns Professor Daniel Karlin in dem hochinteressanten Buch Proust's English (Oxford University Press 2005). Und Proust liebt die englische Literatur, das hat er selbst gesagt: C’est curieux que dans tous les genres les plus différents, de George Eliot à Hardy, de Stevenson à Emerson, il n’y a pas de littérature qui ait sur moi un pouvoir comparable à la littérature anglaise et américaine. L’Allemagne, l’Italie, bien souvent la France me laissent indifférent. Mais deux pages du 'Moulin sur la Floss' me font pleurer.

Es kommen viele englische Wörter in der Recherche vor, schon gleich am Anfang verwirren sie den Erzähler: Comme il est gentil! il est déjà galant, il a un petit œil pour les femmes: il tient de son oncle. Ce sera un parfait gentleman, ajouta-t-elle en serrant les dents pour donner à la phrase un accent légèrement britannique. Est-ce qu’il ne pourrait pas venir une fois prendre a cup of tea, comme disent nos voisins les Anglais; il n’aurait qu’à m’envoyer un « bleu » le matin.
   Je ne savais pas ce que c’était qu’un « bleu ». Je ne comprenais pas la moitié des mots que disait la dame, mais la crainte que n’y fut cachée quelque question à laquelle il eût été impoli de ne pas répondre, m’empêchait de cesser de les écouter avec attention, et j’en éprouvais une grande fatigue.

Ruskins Bible of Amiens, die Proust übersetzen will, strotzt vor Anspielungen auf die Bibel, weil er die Skulpturen an der Westfassade der Kathedrale wie eine Bibel liest. Und da hat Proust wieder ein Problem als Übersetzer: es ist nicht nur das fehlende Englisch, er ist auch nicht wirklich bibelfest. Er bittet seine Freundin, die Comtesse Anna de Noailles, ihm eine Bibelübersetzung zu empfehlen. Der Sohn einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters liest jetzt ein Buch, das er nicht kennt. Er liest das Buch gründlich, der Italiener Alberto Beretta Anguissola behauptet in seinem Buch Proust e la bibbia, dass Proust die Bibel besser kannte als die besten Studenten des Päpstlichen Bibelinstituts in Rom.

Im Vorwort seiner Übersetzung von Ruskin gesteht Proust, dass er für die Arbeit (für die er seinen Roman Jean Santeuil aufgab) ständig die Bibel benutzt habe: Jedes Mal, wenn Ruskin in die Konstruktion seiner Sätze als Zitat oder häufiger noch als Anspielung eine Erinnerung an die Bibel einfügt, so wie die Venezianer in ihre Gebäude die sakralen Statuen und wertvollen Steine, die sie aus dem Osten geholt hatten, einfügten, habe ich versucht, die Stelle genau zu belegen, damit der Leser, wenn er die Veränderungen erkennt, die Ruskin den Versen antut, um sie sich anzueignen, die immer gleiche, geheimnisvolle Chemie der originellen und spezifischen Arbeitsweise von dessen Geist wahrnimmt. 

Proust hatte Gehilfen bei seinen Übersetzungen, seine Mutter konnte sehr gut Englisch und in Venedig, wo er 1900 mit der Übersetzung begann, traf er Marie Nordlinger (Bild) die Cousine seines Freundes Reynaldo Hahn. Er hat sie in sein Vorwort hineingeschrieben: I would therefore have nothing to add here were I not anxious to express again my gratitude to my friend Miss Marie Nordlinger who has... consented to go over this translation, often making it less imperfect. Die Künstlerin Marie Nordlinger war bis zu Prousts Tod mit ihm im Kontakt und hat später seine Briefe herausgegeben.

Für den Fall, dass ihm sein Exemplar von Ruskins Bible of Amiens verlorengehen sollte, schreibt er den Namen des venezianischen Hotels in das Buch: Marcel Proust / Hotel de l’Europe / 61 steht in dem Buch, das die französische Nationalbibliothek seit 1969 besitzt. Und Ruskin mit seinem Werk The Stones of Venice ist auch sein Wegführer durch Venedig: Mais il va falloir, les 'Pierres de Venise' à la main, aborder à toutes les églises et à ces demeures, à demi dressées, délicieuses et roses, hors des eaux où elles plongent, étudier chaque chapiteau, demander une échelle pour distinguer un relief dont Ruskin nous signale l'importance et que, sans lui, nous n'aurions jamais aperçu. Die Stadt ist für ihn eine Art de musée intact et complet de l'architecture domestique pendant le Moyen âge et la Renaissance — le sublime Moyen âge et la fatale Renaissance, — que d'enseignements inépuisables et merveilleux Venise va nous donner, maintenant que Ruskin va faire parler ses pierres. Ohne Ruskin kann man die Kunst von Venedig und Amiens nicht verstehen, versichtert uns Proust, Ruskins gläubigster Bewunderer, ja, man könnte schon Jünger sagen. Einen directeur de conscience nennt er den Engländer.

Man kann die Westfassade der Kathedrale und das Tympanon mit ihren Kunstwerken lesen wie die Bibel, wie Ruskin es macht. Alle Skulpturen haben einen religiösen Bezug, das ist heute für Kunsthistoriker eine Plattitüde. Als ich die Kathedrale Notre Dame d'Amiens zum erstenmal sah, interessierte mich das alles nicht. Ich kletterte auf den Turm und konnte neben den gotischen Wasserspeiern über die mäandernde Somme und die halbe Picardie gucken. Das ist im Sommer ein wunderbarer Anblick. 

Ich war sechzehn, das Studium der Kunstgeschichte, in dem ich die Vorlesung von Professor Wolfgang J. Müller über französische Kathedralen hörte, lag noch in weiter Ferne. Aber ich photographierte mich mit meiner Werra durch die Kathedrale, ich war da häufig drin: es war so schön kühl, draußen waren es mehr als dreißig Grad. Ein Priester, der Deutsch konnte, erzählte mir, dass hier der Heilige Martin getauft wurde, dass er hier seinen Mantel zerschnitten hat. Und er erzählte mir eine seltsame Geschichte: In jeder Nacht vor der Feier des Kriegsendes wurde die amerikanische Flagge aus dem Mittelschiff der Kathedrale von Amiens gestohlen und vor der Kirche verbrannt. Die Franzosen mochten die Amerikaner damals nicht. An jeder kahlen Mauerwand, an der keine Dubonnet-Reklame klebte, stand: Ami go home! Habe ich photographiert.

Die Amerikaner haben, so sagten die Franzosen, bei der Invasion sinnlos jedes kleine Dorf, in dem sie deutschen Widerstand vermuteten, platt gewalzt. Amiens ist zu mehr als der Häfte zerstört worden; die Kathedrale hat die Bombardierung überstanden, sie war im Inneren durch Sandsäcke geschützt. Die Zerstörungen verzeihen die Franzosen den Amerikanern nie. Auf jeden Fall 1959 noch nicht. Ich bin mit einer Gruppe der Evangelischen Jugend in Frankreich in einem kleinen Kaff nördlich von Amiens, Versöhnung über Gräbern heißt das Programm. Sonntags fahren wir mit unserem Bus zum Gottesdienst zu der einzigen evangelischen Kirche in Amiens. Die ist in einer umgebauten Autowerkstatt und riecht auch noch so. Irgendwie wäre mir jetzt der Weihrauchgeruch der Kathedrale lieber. In dieser Großartigkeit von farbigem Glas und Steinmassen kann man das Gefühl haben, dass man Gott nahe ist, in der Autowerkstatt nicht unbedingt.

Bevor Ruskin Amiens für sich entdeckte, war es die Kirche von St Wulfran in Abbeville, die ihn faszinierte. Ihr Südtor (hier von ihm gezeichnet) war für ihn one of the most exquisite pieces of flamboyant Gothic the world. Reisende konnten offenbar dem Ort Abbeville nichts abgewinnen, Ruskin schreibt: About the moment in the forenoon when the modern fashionable traveller, intent on Paris, Nice, and Monaco, and started by the morning mail from Charing Cross, has a little recovered himself from the qualms of his crossing, and the irritation of fighting for seats at Boulogne, and begins to look at his watch to see how near he is to the buffet of Amiens, he is apt to be baulked and worried by the train’s useless stop at one inconsiderable station, lettered 'Abbeville'. 

As the carriage gets in motion again, he may see, if he cares to lift his eyes for an instant from his newspaper, two square towers, with a curiously attached bit of traceried arch, dominant over the poplars and osiers of the marshy level he is traversing. Such glimpse is probably all he will ever wish to get of them; and I scarcely know how far I can make even the most sympathetic reader understand their power over my own life. Ich muss gestehen, dass ich ähnlich Ruskins modern fashionable traveller dem Ort nichts abgewinnen konnte, er hatte nicht diese power over my own life. Das einzige, das ich im Gedächtnis habe, war die krächzende Stimme im Lautsprecher des Bahnhofs, die Ici Abbeville, Ici Abbeville plärrte.

Als Ruskin im Jahre 1900 starb, hat Proust zwei Nachrufe geschrieben. Der im Figaro abgedruckte hieß Pèlerinages Ruskiniens en France, Wallfahrten zu den Orten, an denen man seiner gedenken könne. In seinem Vorwort zu seiner Übersetzung von The Bible of Amiens nimmt Proust diese Formulierung wieder auf: Je voudrais donner au lecteur le désir et le moyen d’aller passer une journée à Amiens en une sorte de pèlerinage ruskinien. Ce n’était pas la peine de commencer par lui demander d’aller à Florence ou à Venise quand Ruskin a écrit sur Amiens tout un livre. Et, d’autre part, il me semble que c’est ainsi que doit être célébré le 'culte des Héros', je veux dire en esprit et en vérité. Nous visitons le lieu où un grand homme est né et le lieu où il est mort ; mais les lieux qu’il admirait entre tous, dont c’est la beauté même que nous aimons dans ses livres, ne les habitait-il pas davantage?

Proust hofft, dass seine Übersetzung die Franzosen dazu bringen wird, Pèlerinages Ruskiniens zu unternehmen: Je n’en espère pas moins que vous irez à Amiens après m’avoir. Seine eigene Wallfahrt zur Kathedrale ist kurz, sehr kurz. Er fährt mit seinem Freund Léon Yeatman, mit dessen Frau Madeleine er schon zuvor die Kathedrale von Rouen besucht hatte, am 7. September 1901 nach Abbeville. Die beiden Herren besichtigen St Wulfran, Yeatman nimmt dann am Bahnhof den Zug nach Paris, Proust den nach Amiens. Er isst in Amiens in der Bahnhofsgaststätte zu Abend und schaut sich am nächsten Tag Frankreichs größte Kathedrale an. Diese Zeichnung will er aus dem Gedächtnis gemacht haben, aber das glaube ich nicht so ganz, er muss beim Zeichnen vor der Kirche gestanden haben. Die Details kriegt man aus der Erinnerung nicht so hin. Oder Proust vielleicht doch. Weil bei ihm alles Erinnerung ist.

Vielleicht doch nicht? Proust kann für seine Skizze auch ein Photo verwendet haben. Bilder enthält Ruskins Werk kaum, aber dafür enthält L'art religieux du xiiie siecle en France von Emile Mâle beinahe hundert Bilder, die Vierge dorée von Amiens bekommt sogar ein ganzseitiges Photo. Proust merkt schnell, dass hier ein wirklicher Kunsthistoriker schreibt, kein emphatischer Schwärmer wie Ruskin. Und so wird Mâles Buch, das immer noch ein Standardwerk ist (es ist unter dem Titel Die Gotik: Kirchliche Kunst des 13. Jahrhunderts in Frankreich bei Belser erschienen), für ihn zu einer Bibel bei der Übersetzung von Ruskins Bible of Amiens. Er wird Emile Mâle, mit dem er seit dem Jahr 1900 korrespondierte, die Erstausgabe seiner Übersetzung mit einer schönen Widmung schicken und lange mit dem Professor für Kunstgeschichte der Sorbonne in Kontakt bleiben. Das Exemplar des Buches, das er sich von seinem Freund, dem Comte Robert de Billy, geliehen hat, gibt er dem nach vier Jahren völlig zerfleddert zurück. Weshalb sich der Millionär Marcel Proust das Buch nicht selbst gekauft hat, weiß ich nicht.

Ich habe zuhause ein kleines Bild (25 x 44 cm), das ohne Vorlage aus der Erinnerung gemalt wurde. Es ist in Blautönen gehalten, weil es aus meiner blauen Periode stammt, das habe ich schon in dem Post Kunsterziehung erwähnt. Es ist eine Studie in Blau, zwei Türme, drei Portale und ein großer roter Fleck, da wo die große Rosette ist. Das Bild verzichtet auf die Details, auf alles, was Ruskin wichtig ist, aber man erkennt, dass es Notre Dame d'Amiens ist, meine Kathedrale.

Heute vor 101 Jahren hat Marcel Proust den Prix Goncourt für À l’ombre des jeunes filles en fleurs, den zweiten Teil seines großen Romans erhalten. Wegen seiner Beschäftigung mit Ruskin hatte er seinen Roman Jean Santeuil aufgegeben, aber durch die Arbeit an La Bible d'Amiens und Sésame et les Lys ist er zum dem Schriftsteller geworden, der sich mit A la recherche du temps perdu seine eigene literarische Kathedrale baut.