Sonntag, 5. Juli 2020

Buchtipp für Herrn Tönnies


The manner in which they did this was something to be seen and never forgotten. They worked with furious intensity, literally upon the run-- at a pace with which there is nothing to be compared except a football game. It was all highly specialized labor, each man having his task to do; generally this would consist of only two or three specific cuts, and he would pass down the line of fifteen or twenty carcasses, making these cuts upon each. First there came the "butcher," to bleed them; this meant one swift stroke, so swift that you could not see it--only the flash of the knife; and before you could realize it, the man had darted on to the next line, and a stream of bright red was pouring out upon the  floor. This floor was half an inch deep with blood, in spite of the best efforts of men who kept shoveling it through holes; it must have made the floor slippery, but no one could have guessed this by watching the men at work.

Das geht jetzt immer so weiter. Ich erspare Ihnen den Rest. Wir sind in Chicago, das in einer Gedichtzeile von Carl Sandburg Hog Butcher for the World genannt wird. Der Absatz stammt aus dem Roman The Jungle (hier im Volltext) von Upton Sinclair, einem Roman, der über hundert Jahre alt ist. Fünf Verlage haben den Enthüllungsroman, für den der Autor sieben Wochen undercover in den Schlachthöfen gearbeitet hatte, abgelehnt. Das klang aus der Feder eines Angestellten des Macmillan Verlags so: I advise without hesitation and unreservedly against the publication of this book which is gloom and horror unrelieved. One feels that what is at the bottom of his fierceness is not nearly so much desire to help the poor as hatred of the rich.

Upton Sinclair wird den Muckrakers zugerechnet, heute würde man das Investigativer Journalismus nennen. Der Terminus muckrakers stammt wahrscheinlich von Theodor Roosevelt, der diese Schriftsteller und Journalisten lobte: There are, in the body politic, economic and social, many and grave evils, and there is urgent necessity for the sternest war upon them. There should be relentless exposure of and attack upon every evil man whether politician or business man, every evil practice, whether in politics, in business, or in social life. I hail as a benefactor every writer or speaker, every man who, on the platform, or in book, magazine, or newspaper, with merciless severity makes such attack, provided always that he in his turn remembers that the attack is of use only if it is absolutely truthful. Das sind Sätze, die dem jetzigen Präsidenten nicht über die Lippen kommen würden. Für ihn sind die Aufdeckungen von sozialen Mißständen fake news.

Der junge Jack London hat den Roman in einer Rezension als the 'Uncle Tom's Cabin' of wage slavery bezeichnet. Die Ausbeutung der Arbeiter gibt es schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Chicago, in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh gibt es sie heute noch. Die Covid-19 Epidemie bringt es an den Tag, dass sich in mehr als hundert Jahren in den Schlachthöfen wenig verändert hat. Aber das hat natürlich niemand gewusst. Wie auch? Jetzt, wo Herr Tönnies nicht mehr so viel Arbeit mit dem Fußballklub Schalke 04 hat, wird er bestimmt mal den Roman lesen wollen. Vielleicht liest ihm Sigmar Gabriel den auch vor, der kann ja mal für die zehntausend Euro, die er von Herrn Tönnis kriegt, irgendetwas tun.

Freitag, 3. Juli 2020

Heidenheim


Diesen schönen Cartoon von Til Mette gab es hier vor einigen Wochen in dem Post Geisterspiele zu sehen. Nun hatte ich nach dem 6:1 von Werder gegen Köln geglaubt, dass die Fischköppe Heidenheim ganz locker schlagen würden, aber nichts da. Diese Familie muss weiter bibbern. Ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich als Norddeutscher wenig Ahnung vom Deutschland südlich von Hannover habe, aber ich weiß sogar, wo Heidenheim liegt. Als ich noch bei der Bundeswehr war, bekam mein Bataillon jedes Jahr Besuch von einem Herrn aus Heidenheim, der hier aus Spaß eine Wehrübung machte. Er hatte einen dicken Mercedes mit der Autonummer HDH, und er war ein sehr jovialer Herr. Er hatte den Dienstgrad eines Oberstleutnants der Reserve, wir jungen Leutnants liebten ihn. Weil er so gar nichts Militärisches an sich hatte. Und weil er jeden Tag eine Kiste mit Zigarren im Offizierskasino plazierte. Die brauchte er nirgends zu kaufen, die holte er aus dem Kofferraum seines Autos: er besaß in Heidenheim, das einmal eine Stadt der Tabak- und Zigarrenproduktion gewesen war, eine Zigarrenfabrik. Die gibt es schon lange nicht mehr, aber in der nächsten Woche kann Heidenheim doch mal wieder berühmt werden. Wenn sie in der Voith Arena die Bremer vom Platz putzen. Wahrscheinlich telephonieren Frank Baumann und Marco Bode schon mit dem Ehrenbürger von Athen Otto Rehhagel, ob er sie aus dem Schlamassel herausholen kann.

Mittwoch, 1. Juli 2020

Drehbücher


Die Pressekonferenz in Berlin nach der Premiere des Filmes Die Rote, der hier am letzten Samstag erwähnt wurde, war noch nicht zuende, da gab es schon einen Eklat. Andersch und Käutner beschimpften sich, Ruth Leuwerik fing an zu weinen. Alfred Andersch warf dem Regisseur Helmut Käutner vor, sich bei der Verfilmung von ✺Die Rote nicht im geringsten an das Drehbuch gehalten zu haben, das er angefertigt hatte. Dem Schriftsteller wurde von Regisseur und Produzent entgegnet, man habe sein Drehbuch nicht benutzen können, weil es als Drehbuch völlig unbrauchbar gewesen sei, die Vorarbeit des Autors sei allerdings in das endgültige Drehbuch voll eingeflossen.

Dass das Drehbuch von Andersch die einfachsten technischen Dinge nicht berücksichtigt hätte, ist ein wenig absurd. Andersch wusste, wie man so etwas macht, er hatte zehn Jahre für den Rundfunk gearbeitet und schon sechs Hörspiele geschrieben. Autoren, die Hörspiele schreiben, können auch Drehbücher schreiben. Andersch vertraute Käutner, obwohl dessen letzte Filme (Schwarzer Kies und Der Traum von Lieschen Müller) mit dem Preis der Jungen Filmkritik in der Kategorie Preis für die schlechteste Leistung eines bekannten Regisseurs ausgezeichnet worden waren. Andersch musste sich auf der Pressekonferenz vorhalten lassen, er habe den abgedrehten Film gutgeheißen. Das hatte er getan, wobei man anmerken muss, dass Andersch nur eine Version ohne Ton gezeigt worden war. In der Süddeutschen fand sich daraufhin ein Artikel mit dem schönen Titel Des Autors Kummer mit dem Kino: Alfred Andersch über die Verfilmung seines Romans 'Die Rote' durch Helmut Käutner. Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist: Können Schriftsteller Drehbücher schreiben?

Helmut Käutner hat zehn Jahre später eingestanden, dass niemand außer ihm für den Mißerfolg des Films verantwortlich war: Ruth Leuwerik war von vornherein verloren für diesen Stoff. Obwohl sie - ich habe den Film wiederholt gesehen zwischendurch - eine ideale Interpretin war. Wenn man sie überhaupt nicht gekannt hätte, hätte damit eine Karriere begonnen. Aber sie, die die untadelige Dame der deutschen Gesellschaft für viele Jahre gewesen ist, (…) war hier eine moderne, gebrochene Figur, eine Sekretärin, die mit zwei Männern lebte und einem dritten anheim fiel in Venedig – das war etwas, was die Leute von ihr nicht wissen wollten. Ich wollte das nicht einsehen und bockig, wie ich so oft in solchen Dingen gewesen bin, wollte ich mich nicht den anderen beugen (...) ich habe mich durchgesetzt und damit den Film leider aufs Spiel gesetzt.

Der Amerikaner Dalton Trumbo hatte mit seinem Roman Johnny Got His Gun ein Buch geschrieben, das den American Booksellers Award (den Vorläufer des National Book Award) erhielt und ihm einen Vertrag in Hollywood einbrachte. Trumbo wurde einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren Hollywoods. Vor fünf Jahren wurde sein Leben ✺verfilmt. Bevor Jean-Paul Sartre Philosoph wurde, hatte er einen Roman und Kurzgeschichten geschrieben. Können wir uns Jean-Paul Sartre als Drehbuchautor vorstellen? John Huston konnte das, er verpflichtete Sartre, dessen Theaterstück Huis clos er auf den Broadway gebracht hatte, als Drehbuchautor für seinen Film über Sigmund Freud. Sartre lieferte ein Drehbuch ab, dessen Verfilmung sieben Stunden gedauert hätte. Huston verlangte eine Kürzung. Sartre strich die Hälfte, schrieb aber viel Neues in die zweite Fassung, die dann genau so lang wurde wie die erste Version. Das beendete die Zusammenarbeit von Huston und Sartre. Freud: Das Drehbuch ist 1993 bei Rowohlt erschienen, es ist 640 Seiten lang.

Man sagt gemeinhin, dass Dramatiker besser geeigneter seien als Romanautoren, um ein Drehbuch zu schreiben. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Ben Hecht wäre das erste. Er war einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren Hollywoods (obwohl er das Schreiben von  Drehbüchern geringschätzte), zwei Oscars und vier Oscarnominierungen sprechen dafür. Mein zweites Beispiel wäre der englische Dramatiker Harold Pinter. Ob das nun Filme wie ✺The Servant, Accident (aus dem dieses Bild stammt), ✺The French Lieutenant's Woman oder ✺The Go-Between (zu dem es hier einen langen Post gibt) waren, die Drehbücher von Pinter standen immer für Qualität.

Eins seiner Drehbücher blieb unverfilmt, es war das Drehbuch zu Prousts A la recherche du temps perdu. Es wurde als The Proust Screenplay (das über 400 Seiten kürzer als Sartres Freud Drehbuch ist) veröffentlicht und fand den Beifall der Kritiker. So schrieb Michael Wood im Times Literary Supplement: We read 'The Proust Screenplay' with all kinds of things in our mind: Proust, Pinter's reading of Proust; the problem of abridgment, the problem of dramatization, the problem of visualization; the film which might have been made from this script; the script itself as a literary work, words on the page. In permitting and controlling the interplay of these things Pinter has created a small masterpiece of wit and understanding.

Manche Regisseure schreiben ihre Drehbücher selbst. Bertrand Tavernier hat das Drehbuch für den Film ✺Un dimanche à la campagne (nach dem Roman Monsieur Ladmiral Va Bientot Mourir) selbst geschrieben. Oder doch nicht ganz, da wird in der Titelei auch noch eine Colo Tavernier genannt. Das ist Taverniers Ehefrau (die vor wenigen Wochen gestorben ist), sie war eine professionelle Drehbuchautorin, die für viele seiner Filme die Drehbücher geschrieben hat. Das ist natürlich eine ideale Kombination.

Es gibt Fälle, aber die sind ganz selten, da braucht man überhaupt keinen Drehbuchautor. Da bekommt ein Studio ein Theaterstück von zwei Englischlehrern geschickt, das kein Theater aufführen will. Warner Bros zahlt den beiden Lehrern 20.000 Dollar (was im Jahre 1941 eine Menge Geld ist), angesichts dessen, was der Film einspielen wird, sind es allerdings peanuts. Das Theaterstück von Murray Burnett und Joan Alison hieß Everybody Comes to Rick’s, Warner Bros setzt die Brüder Epstein und Howard Koch an den Text, die polieren ein bisschen dran rum, ändern aber nichts. Das Ganze bekommt nur einen anderen Titel: ✺Casablanca.

Die Namen Burnett und Alison sieht man im Vorspann des Films nicht. Den Namen Alfred Andersch kann man auf der Leinwand sehen, unter Mitarbeit von Alfred Andersch steht da hinter dem Drehbuchautor Käutner. Ein großer Teil des Romans Die Rote besteht aus dem inneren Monolog der handelnden Personen. Das kann der Film wiedergeben, durch einen Erzähler im Off (kann man auch extradiegetische Narration nennen). Käutner macht das, er folgt seinen italienischen Kollegen, die er bewundert. Aber dann muss die Person im Bild auch zu dem Text im Off passen. Nehmen wir mal eben eine Romanstelle: Sie wußte, was diese Burschen dachten, una rossa, die Rothaarigen sind scharf, aber dies war nicht zu ändern, so waren die Männer nun einmal, und sie hatten nicht einmal unrecht, ich bin scharf, ich lasse mich leicht verführen, wenn der Mann in Ordnung ist und wenn er es richtig anstellt, und deshalb habe ich mich immer nur schwer verführen lassen, aber die Wahrheit ist, daß ich richtig scharf darauf bin, es ist so ein wunderbares Vergnügen. Und jetzt stellen wir uns Ruth Leuwerik dabei vor. Das geht einfach nicht zusammen.

Montag, 29. Juni 2020

Richard Oelze


Heute vor 120 Jahren wurde der Maler Richard Oelze geboren. Wenn man in dem Suchfeld auf dieser Seite den Namen Oelze eingibt, wird man auch zwei sehr verschiedene Herren stoßen. Der eine ist der Bremer Kaufmann F.W. Oelze, der ein Brieffreund von Gottfried Benn war und diesen auch finanziell unterstützt hat. Der andere ist der Maler Richard Oelze (hier auf dem Photo vor einem Selbstportrait sitzend), der seltsame Bilder gemalt hat. Ich war ein halbes Jahr im Internet, als ich zu seinem 110. Geburtstag den Post Richard Oelze schrieb. Der sensationelle Leserzahlen erreichte.

Oelze hat einmal in Worpswede gewohnt, und dort gibt es heute auch eine Straße, die seinen Namen trägt. Ein richtiger Worpsweder ist Oelze nicht gewesen und nie geworden, und man erinnert sich auch nicht gerne an den verschlossenen Mann, der nur in der Dunkelheit arbeitete. Aber er war der einzige Maler im Ort, von dem ein Bild im Museum of Modern Art hing. Das wussten die Worpsweder Bauern, die ihn mal in der Nacht verprügelt haben, wahrscheinlich nicht.

Samstag, 27. Juni 2020

Die Rote


Der nachträglich laminierte Pappband des Buches fällt schon ein wenig auseinander, das Buch ist sechzig Jahre alt und schon mehrfach gelesen. Vorne steht Leseexemplar drauf, und auf der Rückseite findet sich der Satz Die Herren Rezensenten und die Redaktionen werden gebeten, Besprechungen keinesfalls vor dem 10. September 1960 zu veröffentlichen. Dass auch Frauen Bücher rezensieren könnten, das konnte man sich beim Walter Verlag (bei dem auch Arno Schmidts Edgar Allan Poe Übersetzung erschien) nicht vorstellen. Die Herren Rezensenten hießen Robert Neumann (der in der Zeit die Rezension Mein Feind Alfred Andersch schrieb) und Marcel Reich-Ranicki, der seinem Hass auf den Autor auch noch nach einem halben Jahrhundert freien Lauf ließ: Das Urteil über die 'Rote', die ich vor genau fünfzig Jahren ausführlich (leider!) besprochen habe, lautet auch bei mir (damals und heute) 'grauenhaft und kitschig'. Dass der Roman 'ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur' sei, ist Mumpitz und Humbug. Vielleicht hätte man beim Verlag nicht nur an die Herren Rezensenten denken sollen, sondern den Roman Die Rote von Alfred Andersch auch mal einer Frau zum Lesen geben sollen.

Ich war wenige Monate im Internet, als ich Marcel Reich-Ranicki zum erstenmal beleidigte, ich wiederholte das mit Vergnügen in dem Post Martin Walser, und ich könnte es ad infinitum wiederholen: der Mann mit dem prolligen Auftreten war nie ein seriöser Literaturkritiker. Er war auch nie ein Literaturwissenschaftler, dazu fehlte ihm das Rüstzeug; was er lautstark und häufig voller Haß abgab, waren Geschmacksurteile. Ich zitiere noch einmal etwas, was ich einem Kommentator des Walser Posts antwortete: Meine Abneigung gegen Herrn Reich-Ranicki beruht darauf, dass er nicht seriös ist und niemals seriös war. Er versteht, für einen Literaturkritiker erstaunlich, nichts von Literaturwissenschaft. Wahrscheinlich ist er sogar noch stolz darauf. Er ist ein Relikt der 50er Jahre, als man in Deutschland jemanden wie Benno von Wiese für einen bedeutenden Professor hielt. Die griechische Philosophie hatte eine nützliche Unterscheidung zwischen den Begriffen 'doxa' und 'episteme'. 'Doxa' ist die subjektive Meinung, dafür braucht es nicht viel. Der Gegenbegriff ist eine von Wissen und Kenntnis begründete Meinung. RR ist über den Bereich der 'doxa' nie hinausgekommen.

Im Internet hat ein gewisser Boris vom Berg (?) eine Seite, auf der er Bücher rezensiert. Dort findet sich auch eine Besprechung von Die Rote, die mit dem Zitat von Reich-Ranicki und den Sätzen endet: Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen! Fazit: miserabel. Aber nicht jedermann lässt sich diesen Unsinn bieten, und so findet sich dort auch ein schöner Kommentar: Schäbige Rezension: 3/4 ist Inhaltsangabe, davon die Hälfte fast wörtliches Zitat, einmal visuell durch die Erzählung geflogen, nichts verstanden. Jede Diffamierung unbegründet, am Ende wird für die Wirkung schnell noch die Nähe der eigenen Meinung zum ewigen Literaturpapst als Qualitätsnachweis mitgenommen: Dämlich und ohne jede glaubwürdige Aussage. Abstoßend selbstverliebt und enttäuschend … bullshit. Für so etwas ist man denn schon wieder dankbar.

Es hat 1960 auch andere Stimmen als die von Reich-Ranicki zu dem Roman von Andersch (hier in Mailand, wo auch der Roman beginnt) gegeben. So konnte man in der Hannoverschen Rundschau lesen: Ein außerordentliches Buch, eine Dichtung von Rang, brillant erzählt und erfüllt von der Erfahrung, der Erlebniskraft und dem Wissen eines Mannes, der mehr als einmal Gelegenheit gehabt hat, dieser unserer Zeit ins Notizbuch zu schauen. […]. Eine Geschichte von nahezu klassischer Einfachheit der Motive. Schauplatz ist das winterliche Venedig und es gehört zu den literarischen Ereignissen dieser Saison, von Alfred Andersch in die seltsame Atmosphäre der hier sonnenlosen, trüben, fast greisenhaften Stadt geführt zu werden. […]. Übrigens spricht es doch sehr für die Reife des heutigen literarischen Publikums, daß so ein anspruchsvoller Roman zum Bestseller werden kann.

Alfred Andersch hat in diesem Blog schon den Post Alfred Andersch, er taucht auch noch häufiger auf, zuletzt in dem Post Dümmer=Sex, weil er es war, der den Roman Seelandschaft mit Pocahontas seines Freundes Arno Schmidt veröffentlicht hat. Der Roman Die Rote wird in zwei Posts erwähnt, die beide mit dem Film zu tun haben: Steve Cochran und Ruth Leuwerik. In dem Post Steve Cochran geht es um Michelangelo Antonionis Film ✺Il Grido.

Fabio Crepaz, eine der Hauptfiguren von Die Rote, fühlt sich nach einem Kinobesuch von der Figur des Aldo (gespielt von Steve Cochran) existentiell berührt, er denkt sich - während er uns den Film nacherzählt - in Aldo hinein: Fabio rauchte eine Zigarette und dachte über den Mann nach, den er gestern nachmittag in dem Kino in der Calle Larga gesehen hatte, er hatte den Sonntag nachmittag benutzt, um sich Antonionis neuen Film anzusehen, Fabio liebte gute Filme leidenschaftlich, das Schauspiel faszinierte ihn stets von neuem, aber gestern hatte er mehr gesehen als einen Film, er hatte einen Mann beobachtet, den er nicht aus seinen Gedanken brachte, weil er ihn an etwas erinnert hatte, was ihm, Fabio, fehlte. Dieser Mann hatte sich vor seinen Augen in einem Gelände bewegt, das in Fabios Leben eine weiße Fläche geblieben war. Antonioni hatte ihn gezeigt wie ein Gelehrter, der ein seltsames Insekt vorführt; er wies ihn auf einer Fläche aus weißer Leinwand vor, weiter nichts; er überließ es Fabio, seine Schlüsse selbst zu ziehen.

Dass Literatur in den Film wandert, das kennen wir (Sie könnten jetzt mal eben den Post The Go-Between lesen), aber dass ein Film in die Literatur wandert und dort eine wichtige Rolle hat, das ist selten. Reich-Ranicki hat Antonionis Film Il Grido nicht gekannt, er kann ja alles besprechen, auch das, was er nicht kennt. Wahrscheinlich wäre Il Grido für ihn auch Mumpitz und Humbug. Für Andersch ist es das nicht, das kleine Kapitel Das Meer, in dem Fabio Crepaz den Film nacherzählt, hat eine strukturelle Bedeutung für den Roman.

Und dieses Bild von Giorgione (Der Sturm) auch: Für ihn war es die Darstellung der ewigen Trennung zwischen Mann und Frau. Auf dem einen Ufer saß die Frau, nackt und innig in ihren kleinen Fruchtbarkeits-Ritus verzaubert, hell beleuchtet, eine klare biologische Formel, während auf dem anderen Ufer der Mann stand, dunkel, schön, lässig, genießerisch, verliebt, er hatte schon ein Kind gezeugt, und das Glied spannte sich schon wieder im Lederbeutel der Tracht des Jahres 1500; jung und getrieben, geistig und rätselhaft, hatte er sich noch einmal umgewendet, aber das Wasser – 'er könnte leicht hinübergehen' – lag unüberschreitbar dunkel und tief zwischen ihm und der Mutter mit ihrem Kind indes der Wolkenhimmel aller Jahrhunderte von einem großen Blitz durchzuckt wurde.

Literarische Texte zitieren andere literarische Texte, das wissen wir, spätestens seit der Holländer Herman Meyer sein Buch Das Zitat in der Erzählkunst geschrieben hat, Literatur kommt von Literatur. Andersch geht mit seinem Zitieren noch ein wenig weiter, Intertextualität ist ein Stilmittel dieses Romans. Andersch erzählt viele Geschichten, die er kunstvoll verknüpft und stilistisch mit innerem Monolog und wechselnden Erzählperspektiven immer wieder variiert. Antonionis Film und Giorgiones Gemäldes haben mit Fabio Crepaz zu tun. Der war Kommunist (wie Andersch in jungen Jahren), war im Spanischen Bürgerkrieg, dann bei den italienischen Partisanen mit Zweiten Weltkrieg. Jetzt will er mit der Partei nichts mehr zu tun haben, jetzt ist er nur noch Geiger in der Oper von Venedig in diesem großen und vielschichtigen Roman über Italien. Ein Werk so denkwürdig wie selten - das Geschenk eines europäischen Schriftstellers an Italien, urteilte La Fiera Letteraria. Von Mumpitz und Humbug war in der Zeitschrift aus Rom nicht die Rede.

Wir sind für vier Tage im Winter in Venedig, wohin es die aus ihrer Ehe geflohene rothaarige Franziska verschlagen hat. Und wo sie in einen Kriminalroman gerät, in dem ein ehemaliger Beamter der Gestapo und ein ehemaliger britischer Geheimagent eine Rolle spielen. Ich bin in einen Kriminalroman geraten, das gibt es doch gar nicht, Kolportage gibt es doch gar nicht, es gibt keine 'gangs', keinen Untergrund, keine Verfolgungen, das sind doch Erfindungen von Chandler, von Spillane, denkt Franziska. Das ähnelt dem Satz einer Romanfigur in Graham Greenes The Ministry of Fear: The thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux.

Der Roman ist sicher auch ein Kolportageroman, aber das ist für Andersch ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte von Fabio und Franziska zu erzählen. Der Kritiker Kurt Lothar Tank hatte das scharfsinnig erkannt, als er damals schrieb: Das klingt nach Klischee und Kriminalroman, und das ist auch Klischee und Kriminalroman. Aber zugleich ist es, ähnlich wie bei Graham Greene, die einzig mögliche Doppelkulisse, in der es glücken kann, 'der Wahrheit' habhaft zu werden. Dass die Szenen zuweilen reißerisch sind, sagt auch Heinz Piontek, aber erfügt hinzu: So raffiniert wie hier hat Andersch wohl niemals wieder eine Geschichte eingefädelt, die Effekte sind genau kalkuliert. Wahrscheinlich ist es diese Ebene des Romans, die ihm einen großen Erfolg bei den Lesern bescherte.

Aber die beiden anderen Geschichten, die von Fabio Crepaz und der Romanheldin Franziska (die Antonionis Film auch im Kino gesehen hat), sind viel interessanter. Wann haben wir im deutschen Roman der Nachkriegszeit schon einmal eine solche Frauenfigur? Intelligent und gebildet, sicher und unsicher zugleich. Und Sex ausstrahlend, sodass die Männer ihr und ihren wehenden roten Haaren bewundernd und obszön nachstarren. Leser werden heute Ruth Leuwerik vor Augen haben, die in Käutners Verfilmung die Franziska spielt. Sie hat mit der Romanfigur wenig gemein, sehr, sehr wenig.

Andersch, der an dem Film ✺Die Rote mitzuarbeiten versucht hatte, schreibt an seinen Freund, den italienischen Komponisten Luigi Nono, nachdem der Film von den Kritikern verrissen worden war: Eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Alles Kitsch, Kitsch, Kitsch! Käutner und die Dame Leuwerick haben alles kaputt gemacht. Ich hätte mich nie auf eine Zusammenarbeit mit diesen Leuten einlassen dürfen… Ein Jahr verloren! Das einzig Positive war die Kameraarbeit des Italieners Otello Martelli, dem es in den Außenaufnahmen gelingt, den genius loci Venedigs, der auch den Roman beherrscht, einzufangen. Er war nicht irgendjemand, er hatte Meisterwerke ✺Bitterer Reis und La Strada photographiert. Aber gegen die Leuwerik und einen vollgekoksten Käutner kommt auch der beste Kameramann nicht an.

Man mag sich nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn Michelangelo Antonioni den vom Neorealismus und Existentialismus geprägten Roman von Andersch verfilmt hätte. Allerdings ist sein Film ✺L'avventura (aus dem dieses Bild stammt) in Cannes ausgebuht und ausgepfiffen worden. Manche Regisseure sind ihrer Zeit voraus. Manche Romanautoren auch. Mit den Mitteln des Stilisten und bewußten Erzählers gestaltete Alfred Andersch hier einen der bedeutenden, von intensiver Wirklichkeit vibrierenden Roman der zeitgenössischen europäischen Literatur, steht hinten auf dem Cover von meinem Leseexemplar, der Verlag deutet den Herren Rezensenten schon an, was sie schreiben sollen.

Die einunddreißigjährige Franziska Lukas verläßt in Mailand, wo sie sich mit ihrem Mann auf Geschäftsreise befindet, plötzlich ihren Mann und setzt sich in den Zug nach Venedig: »Bahnsteig sieben«, sagte er höflich. Eine Ausländerin. Irgendwohin. Sie sind verrückt oder Huren oder beides. Eine Ausländerin, die irgendwohin fahren will und Geld genug hat, um ein Rapido-Billet nach Venedig zu bezahlen. Ein Viertel meines Monatsgehalts. Eine verrückte Hure. Wie ihre Haare flattern. Eine Rothaarige. Keine Italienerin läßt ihre Haare so flattern. Er sah ihr nach, bewundernd und obszön. Sie will nicht zurück nach Dortmund zu ihrem Geliebten, der der Chef ihres Mannes ist, sie gibt diese verlogene Dreiecksbeziehung auf. Sie gibt auch die materielle Sicherheit im Deutschland des Wirtschaftswunders auf. Sie ist sich nicht sicher, ob sie schwanger ist. Ihr Mann rät ihr am Telephon zur Abtreibung, aber sie kann sich nicht entscheiden. Sie ist eine starke Frau, aber sie ist auch unsicher. Sie hat so gut wie kein Geld bei sich, sie will bei einem Juwelier einen Brillantring verkaufen, der einmal sehr teuer war.

Der Erzähler läßt uns an den Gedanken des Juweliers teilhaben: Das ist eine, die sich auskennt. Eine Erfahrene, man sieht es ihr an. Aber nicht so erfahren, um sich wirklich wehren zu können, auch das sieht man ihr an. Eine Rote, wenn ihr Haar nicht gefärbt ist, eine sehr schöne Rote aus Deutschland, die Roten sollen gut sein im Bett, sie ist eine Feine, eine squisita, und sie kann sich nicht wehren. Ihr Haar ist nicht gefärbt und ihre Brillanten waren lupenrein. 'Sie sind in Schwierigkeiten', Signora, sagte er freundlich, 'ich will Ihnen entgegenkommen. Achtzehntausend, weil ich Ihnen glaube, dass der Ring von Carstens ist.' […] Sie sagte nichts, sie nickte nur, fast unmerklich, und er verstand sofort, ich habe das Geschäft gemacht. Was der Juwelier denkt, was Franziska denkt, was der Beamte am Schalter denkt, ist im Roman durchgehend in Kursivschrift gesetzt, das erleichtert das Lesen.

Da sind eine Menge Klischees und Platitüden in den Sätzen, aber der Autor streut das so mit leichter Hand dahin, er hat noch viel mit seiner Romanfigur mit den roten flatternden Haaren vor. Von der Handlung des Kolportageromans ganz abgesehen. Auf einer interessanten Internetseite bringt ein Interpret Franziskas Suche nach Freiheit mit der Zeile Freedom's just another word for nothing left to lose von Janis Joplin in Verbindung. Und damit sind wir wieder beim Existentialismus. Sartre, den Andersch nach dem Krieg häufig las, hat gesagt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Mit dieser Freiheit muss Franziska jetzt leben. Sie wird in Italien bleiben und ihr Kind bekommen, selbst wenn sie weiß, dass ihre neue Heimat auch nur eine neue Fiktion ist: ich habe mich immer nur für diese Häuser interessiert, ich wollte hinter das Geheimnis solcher Häuser kommen, ganz Italien besteht aus solchen Häusern, in denen die Leute abends im Dunkeln sitzen und Geheimnisse bewahren, arme, bittere, leuchtende Geheimnisse, wahrscheinlich ist das Ganze eine literarische Idee, ausgelöst von neorealistischen Filmen, ein bißchen Faszination von der Poesie südlichen Proletariats, das italienische Proletariat ist literarisch en vogue, aber vermutlich bedankt es sich dafür, vermutlich wünscht es, auf die Poesie zu verzichten, wahrscheinlich findet es nicht einmal Geschmack an jenen Filmen, die zwar sein Leben zu verändern wünschen, aber zugleich dem optischen Zauber dieses Lebens verfallen sind.

Die negativen Kritiken, wie zum Beispiel die von Herrn Reich-Ranicki, hatten beim Autor Spuren hinterlassen. Er hat den Roman, den er am 29.12.1957 in Venedig begann und am 20.12.1959 in Berzona beendete, umgeschrieben. Das letzte Kapitel Das Geheimnis alter Häuser wurde ganz gestrichen, der 1972 neu erschienene Roman hat jetzt ein offenes Ende. Ich selbst halte das für einen Fehler, mir genügt mein Leseexemplar, das mich vor Jahrzehnten eine Mark gekostet hat. Es ist nach sechzig Jahren immer noch ein großartiger Roman.


Lesen Sie auch: Alfred AnderschSteve Cochran und Ruth Leuwerik. Sie können übrigens heute im Radio bei DLF Kultur Der Tod des James Dean von Alfred Andersch hören.

Donnerstag, 25. Juni 2020

existentialism


Es ist etwas ganz Seltsames passiert ist: zum erstenmal in zehn Jahren habe ich mehr amerikanische als deutsche Leser. Deshalb gibt es hier zur Feier des Tages heute mal einen Post auf Englisch. Der ist allerdings nicht neu, der stand hier schon am 6. Oktober 2019. Mein Freund Yogi war über das Lob des St Olaf College in Northfield (Minnesota), wo er mal Professor gewesen war, so erfreut, dass er den Emeritus Norman Watt gebeten hat, den Post ins Englische zu übertragen. Und er hat das dann auf einer seiner Seiten veröffentlicht. Ich klaue mir das einmal zurück und stelle es am National Leon Day hier hin. Das St Olaf College (das in Fitzgeralds Great Gatsby erwähnt wird) ist ein kleines College, aber es hat einen hervorragenden Chor und die wahrscheinlich beste Kierkegaard Bibliothek der Welt. Und mit Kierkegaard sind wir natürlich beim Existentialismus.

Back in those days almost everyone was an Exi; to qualify, you needed a black turtleneck pullover and a grey tweed jacket. Grey tweed jackets (if at all possible with a Harris Tweed label) were all the rage in the ’50s. In Germany, these were preferably worn with a white shirt; it would never have occurred to the English to do this. In any case, your average German dressed this way didn’t look as elegant as in this picture of Gabriele Ferzetti in Antonioni’s film L’Avventura.

For us Exis, the tweed jacket couldn’t be new; it had to have the look of an Irish Wolfhound whose hair had just been combed through. It was the look of Left Bank jazz cellars (such as the one photographed here by Hubertus Hierl) or the former jazz club and bar in Hamburg known as the River-Kasematten. Along with the dark-colored turtleneck and tweed jacket you also had to have a book by Camus or Sartre under your arm, of course. That was eye-catching, since Rowohlt, the publishing house, had chosen red dust covers for both these authors’ books. In addition, you had to be nuts about Juliette Gréco (Sartre even wrote a chanson for her), as I definitely was. I’ve already written about this elsewhere in this blog. And: non, je ne regrette rien

Gréco started a fashion for long, straight, existentialist hair—the ‘drowning victim’ look, as one journalist wrote—and for looking chic in thick sweaters and men’s jackets with the sleeves rolled up. She said she first grew her hair long to keep warm in the war years; Beauvoir said the same thing about her own habit of wearing a turban. Existentialists wore cast-off shirts and raincoats; some of them sported what sounds like a proto-punk style. One youth went around with ‘a completely shredded and tattered shirt on his back,’ according to a journalist’s report. They eventually adopted the most iconic existentialist garment of all: the black woolen turtleneck.

The above text is from Sarah Bakewell’s excellent book At the Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. I’ve already written about this author, in my post Montaigne en allemand; her brilliant introduction to existentialism has also been translated into German. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, as Andrew Hussey wrote in the Guardian.

And he adds to that: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. This is something that Bakewell has mastered completely: how to explain difficult things simply. And it’s also worth noting that Juliette Gréco’s hair that kept her warm in the war years reached all the way down her back. This, at any rate, is what she says in her autobiography. Another book that has just appeared in German is Agnès Poirier’s Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. It’s a bit superficial and not on Bakewell’s level, but it is still a good portrayal of the customs and morals of the period.

The long hair of Juliette Gréco and Rita Renoir (the tragédienne du strip-tease), the black turtlenecks, the slightly slovenly appearance: those were external things. It was easy to imitate this style, since there were plenty of weekly news snapshots and photos of the Paris scene. We pictured a society outside of society that existed in bars and nightclubs, in a Paris that had originated in our notion of the darkness of American Film Noir and French poetic realism (as in ✺Le jour se lève and ✺Le Quai des brumes). This actually wasn’t so far off the mark, since in the meantime there was a book with the title Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction.

What we didn’t know was that the great existentialists, even when they frequented bars and nightclubs, didn’t look the way we did in our Exi outfits; they wore clothing that was quite ordinary and middle-class. And it wasn’t long until we put our outfits away and became Mods, as the English called their youth culture. When I heard Juliette Gréco in Berlin in 1962, I was wearing my good blue English suit from the best haberdasher in my home town.

The photographs that Henri Cartier-Bresson took of Camus and Sartre quickly attained an iconic character. At that time philosophers in France were stage-managed like movie stars. Or like the two new kings of the fashion scene,  Christian Dior and Jacques Fath. And French films, too, were often nothing more than existential philosophy on celluloid. In A bout de souffle, Jean-Paul Belmondo says: Suffering is completely idiotic. My choice is nothingness. That’s not much better, of course, but suffering is a compromise. I want all or nothing. From this moment on, I know this definitively. This attitude is very close to existentialism.

Camus was one of the heroes of my youth; I wanted to be as cool as he was in Cartier-Bresson’s photo. Camus always had good photographers. Another reason I liked him was that he was always well-dressed and had style; one of his school friends remembered that even as a teenager he wore gray flannel suits to class.

When he got married at age twenty-one, his rich mother-in-law paid for his elegant suits. Even though he acted the part of the bohemian, Camus didn’t look as shabby in his photos as Heidegger, who always looked like a little gnome on his walks through the woods of philosophy. In his well-documented, 920-page long biography, Olivier Todd described Camus as an elegant dandy and ladies’ man— the philosopher of the absurd in the role of Don Juan. I had no idea about that at the time. When I read Camus back then, I understood more about Camus than I did about women.

Although it was easy to imitate the Left-Bank French scene in its external appearance, and although it was easy to wear a black turtleneck with a raggedy tweed jacket, all these outer trappings were not the true driving force behind us little Exis at the time. To have been in Paris helped a great deal on our path to existentialism. To read the poems of  Jacques Prévert (photographed by Robert Doisneau above) in the original was one thing (I knew all his chansons which Juliette sang by heart). To read Camus was the other. He created sentences that you could ponder. How miserable the philosophy classes in school were in comparison to his works! I read Camus, although there was a lot that I didn’t understand. Or that I understood incorrectly. But when you’re eighteen, there’s a lot that you do understand, even if you don’t understand it. You can’t really live if life has no meaning.

All that I’ve written here up to now has already appeared in one form or another in my blog, but when I conjure up the Paris of the post-war period once again and listen to a few CDs from the collection Jazz in Paris by Gitanes, it’s because of the book pictured above. Yogi sent it to me from America after the author had given it to him. With a dedication, and now it’s mine. I started in on it immediately, because it’s a pleasure to read. The book was published by Harper Collins last year and has received justifiably good critical comments.

Other books by the author, Gordon Marino, are Kierkegaard in the Present Age and The Quotable Kierkegaard, and he is co-author of The Cambridge Companion to Kierkegaard. He is a Kierkegaard expert, and you wouldn’t be able to tell by looking at him that he is also good at something else that is quite different. At one time he was a boxer and he is still a boxing trainer today. Philosophers aren’t necessarily associated with that sport, although we of course should mention that Thomas Hobbes still played tennis in his old age. When Sartre was still teaching in secondary school, he taught his pupils boxing, which he had learned himself as a university student. Whether Heidegger really said I was left halfback with FC Messkirch, I don’t really know. But we do know that in his youth Albert Camus was goalkeeper with Racing Universitaire d’Alger. Speaking of that time, he said ultimately, all that I know most confidently about morality and human responsibility I owe to football.

Gordon Marino is also director of the Kierkegaard Library at St Olaf College and the fact that this small college possesses what is possibly the best Kierkegaard library in the world is owing to the professor pictured above. His name is Howard Hong, and although he himself does not have a Wikipedia article, the library that he established certainly does. This Internet lexicon apparently does not know what it is doing. For a description of his life, then, here is his obituary from the Minneapolis Star Tribune.

Having established the library that today bears his and Kierkegaard’s name would in itself be reason enough for there to be a Wikipedia article about him. But there is much more in addition to this. Together with his wife Edna, Hong translated all of Kierkegaard’s works into English; the seven volumes of his journals and papers were published by Indiana University Press, and the twenty-six volumes of Kierkegaard’s major works by Princeton University Press. For the first volume, Edna and Howard Hong received the National Book Award. Many honors were to follow for Howard Hong, including the Order of the Dannebrog and an honorary doctorate in theology from the University of Copenhagen.

I discovered Kierkegaard on my own, as you can see from my reading list for the year 1962. Kierkegaard and Camus never appeared in my university philosophy courses. In the German universities of the late ’60s, only second-class thinkers such as Marx and Hegel were represented. If I had not heard lectures by Gabriel Marcel, there would have been absolutely no highlights in the course of my university studies.

When I suggested Sören Kierkegaard ten years later as an examination topic for the doctorate, the lecturer in philosophy (whom I will not name here) rejected the topic outright. He was no philosopher, she said. At that point I knew that there was no point in my even bringing up the name Arthur Schopenhauer. She suggested Hegel to me, and all I could think was: yuck! If you read the post on Hegel in my blog, you will see why. And I still hadn’t even mentioned Jürgen Kuczynski’s wonderful quote about Hegel’s historically convoluted explanations. We finally agreed on the topic of the social contract in Hobbes, Locke, Rousseau, and Kant. It’s a nice topic, agreed, but it’s simply not Kierkegaard. One doesn’t even need to study philosophy to read Kierkegaard, because he’s among the philosophers like Schopenhauer (whose works he hadn’t really examined until shortly before his death) whom one can read without outside help. Every reader will understand him differently, but he is a pleasure to read. Because he is actually a poet.

And since I’m on the topic of philosophers that one can read without having studied philosophy, let me come back to Gordon Marino’s book again. Any one who can read can read The Existentialist’s Survival Guide, with its excellent subtitle How to Live Authentically in an Inauthentic Age. One could add Sapere aude! The book isn’t a self-help manual, no more than Claude Lelouch’s film Hommes, femmes: Mode d’emploi is an instruction booklet for living with a woman. Marino’s Existentialist’s Survival Guide is an introduction to the history of existentialism, which for English critics is frequently nothing more than a fashion, a spiritual expression of the pain of existence. Andrew Hussey formulated this in The Guardian with a nice touch of irony: French philosophy, for all its fag-waving sexiness, is also mostly pretentious and daft. No philosophy has exemplified this more than existentialism, the movement that dominated cultural life in Paris after the Second World War.

The Internet is full of short films that offer brief introductions to philosophical topics. I liked the BBC film on Sartre narrated by Stephen Fry very much. One viewer wrote about an Introduction to Kierkegaard on YouTube, I so wish I had read some of Kierkegaard’s works when I was a teenager, because if I had, a lot of my life would have been a whole lot clearer to me. This is something that readers of Marino’s book could also say.

The author, who is always present as an imperfect human being, takes readers by the hand, as it were, and becomes their guide through a wilderness of thoughts. Edward F. Mooney wrote in the Los Angeles Review of Books: By steering through issues that bear on us personally, and revealing their disruption and augmentation of his life, Marino avoids purely abstract, academic exposition. Classes in existentialism and existential psychology are popular because, apart from vocational promises, they offer a personal relevance all too absent in lectures devoted solely to impersonal facts and techniques. While Marino’s grasp of the literature is impeccable, his verve and wit as a writer stand out, and his self-revelations are not self-promotions.

It is nice when philosophers say such things about their colleagues, rather than writing, for example sentences like: Hegel, a trite, insipid, disgustingly repulsive, ignorant charlatan who scribbled away with incomparable gall, absurdity, and nonsense, which is trumpeted by his venal adherents as immortal wisdom and accepted as such by ignoramuses . . . has resulted in the intellectual ruin of an entire scholarly generation. I would have liked to say this to my philosophy lecturer back then, but I did want to pass my oral exams, after all. The above-quoted passage, incidentally, is by Arthur Schopenhauer.

Dienstag, 23. Juni 2020

heute hier, morgen dort


Zu seinem siebzigsten Geburtstag habe ich ihm hier gratuliert. Das war ein kurzer Post, weil ich genau zwei Jahre zuvor mit Volkssänger einen langen Hannes Wader Post geschrieben hatte. Damals war ich ein halbes Jahr im Internet, hatte meine Statistikseite noch nicht gefunden und wusste nicht, wie viele Leute mich lasen. Oder ob mich überhaupt jemand las. Heute gucke ich jeden Morgen auf die Statistikseite. Der Post hat damals 803 Leser gehabt, kein Vergleich mit dem Post Somewhere West of Laramie vom 5. Juni 2010, der über 12.000 mal angeklickt wurde. Der kleine Wader Post im Jahre 2012 hatte nur 426 Leser gehabt, während ein Post wie Notting Hill in der Woche auf über 3.000 Leser kam. Ist zugegeben auch ein interessanter Post. Meine Leser scheinen Hannes Wader nicht so sehr zu mögen, aber einen Geburtstagsgruß gibt es heute trotzdem für ihn.

Vor drei Jahren hat er sein Abschiedskonzert gegeben, da war er fünfzig Jahre lang on the road. Neununddreißig Alben gibt es. 2013 hat den ✺Echo Preis für sein Lebenswerk bekommen, und er hat die Gitarre ergriffen und das Lied gesungen, mit dem er alle Konzerte eröffnet hat: Heute hier, morgen dort. Er singt das, weil er es im Schlaf singen kann, um reinzukommen in das Konzert. Weil er Angst hat vor dem öffentlichen Auftritt. Das hat er 2012 im Interview bei 3nach9 gestanden.

Im letzten Jahr hat er seine Autobiographie veröffentlicht. Einige Sätze daraus habe ich in dem Post Tagebücher zitiert. Mehr kann ich daraus jetzt auch nicht zitieren, weil ich das Buch der Ingrid geschenkt habe. Die liebt Hannes Wader, nicht nur, weil er schöne Lieder singt. Er war für sie ein richtiger Mann. Sie war immer neidisch auf mich, weil ich mal mit ihm in einer Konzertpause zehn Minuten geschnackt habe. Da war übrigens nichts vom Lampenfieber bei ihm zu merken.

Die Karte von dem Konzert liegt immer noch in meiner Schreibtischschublade. Hannes Wader hat mein Leben seit den 68er Tagen begleitet. Als ich das erste Mal bei einem Hannes Wader Konzert war, waren da nur Leute aus meiner Generation, ich weiß nicht, wie das heute ist. Aber Leute wie mich gibt es hunderttausendfach, Kriegsgeneration, irgendwie 68er, grauer Bart. Lauter Hannes Wader Klone. Ich weiß nicht, ob inzwischen auch Teenies zu seinen Konzerten kommen, damit sich Zahnspangengeneration und Kukidentfraktion treffen können, habe ich vor zehn Jahren geschrieben.

Auf seiner Homepage schreibt Wader: je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass ich zeit meines Lebens fast nichts anderes getan habe, als zu versuchen meine Jugendträume zu realisieren, dafür einiges auf mich zu nehmen und anderen zuzumuten. Bin ich meist erfolgreich in der Umsetzung banaler Vorhaben, scheitere ich an ehrgeizigeren Traumzielen (wie z.B. die Welt zu retten). Mehr als nur einen Bruchteil seiner Träume zu verwirklichen ist ohnehin unmöglich. Niemand kann das. Es kommt nur darauf an, seine Träume auch im Scheitern nicht zu entwerten, geringzuschätzen und sich ihrer nicht als Hirngespinste zu schämen. Der Browser Safari sagt bei der Adresse nicht sicher. Das hat nichts mit der kommunistischen Vergangenheit des Sängers zu tun, Safari kann bei vielen Seiten, vor allem im Kunstbereich, die Sicherheit nicht garantieren. Die Seite des englischen Photographen Roger Mayne ist auch nicht sicher. Und da ich dabei bin: Catalina läuft nicht mehr auf diesen Mac, dafür läuft der Mac wieder.

Wenn man diese Seite anklickt, bekommt man einen Überblick über alle Alben, alle Lieder. Und man ertappt sich dabei, Ich bin unterwegs nach Süden oder Jepestinja Stepanowas Garten mitzusingen. Es ist eine gefährliche Sache, eine Hannes Wader CD einzulegen, da beginnt zu den ersten Gitarrenklängen ein Nostalgietrip, und der zieht einen zurück in die siebziger und achtziger Jahre. Ich stelle die CDs jetzt mal wieder alle ins Regal zurück, das Geburtstagskind wird mir das verzeihen. Er wird mir auch verzeihen, wenn ich nicht alles von ihm gut finde. So frankophil er ist, er hätte lieber die Finger von Les feuilles mortes gelassen, das Chanson ist bei Cora VaucaireYves Montand und anderen besser aufgehoben.

Wenn Sie nichts von Hannes Wader kennen, aber einen Überblick über sein Werk haben wollen, empfehle ich die CD Trotz alledem; die 37 Titel auf dieser Doppel CD hat Wader selbst ausgesucht. Meine Lieblings CDs sind die, auf denen er Lieder singt. Wie zum Beispiel die Carl Michael Bellman Lieder, die Liebeslieder oder die Schubert Lieder, Des Baches Wiegenlied finde ich sehr schön. In der 3nach9 Talkshow hat er Ende Dass wir so lang leben dürfen gesungen, und das stelle ich hier auch zum Schluss noch einmal hin.