Montag, 16. Mai 2022

Greta Bridge


Der englische Maler John Sell Cotman wurde heute vor zweihundertvierzig Jahren geboren. Er hatte hier mit John Sell Cotman schon einen schönen ausführlichen Post. Es ist mir leider nie gelungen, ein Aquarell von Cotman zu finden; die fangen auch, wenn sie auf den Markt kommen, bei zehntausend Pfund an. Aber ich habe mal ein Aquarell von einem unbekannten Maler aus dem zwanzigsten Jahrhundert gekauft, das im ganzen Stil und dem Duktus der Zeichnung nach Cotman aussieht. Der Händler sagte mir, es käme aus adligem Besitz; so etwas hebt immer den Preis, aber ich habe den Preis heruntergehandelt. Das ist jetzt mein Cotman. Dies hier natürlich nicht, das ist Greta Bridge, Cotmans Aquarell der Brücke über den Fluss Greta, im Hintergrund ist der neopalladianische Landsitz Rokeby Park. Hier hing einst die Venus vor dem Spiegel von Velázquez. Und Walter Scott war ein häufiger Gast. Er schrieb das epische Gedicht Rokeby (episch bedeutet hier: 298 Seiten plus 100 Seiten Fußnoten), und schrieb damit die Landschaft von Teesdale auf die Landkarte romantischer Touristen.

Ich habe heute noch ein anderes Gedicht als das Rokeby von Sir Walter Scott, es ist von der englischen Dichterin Lucy Newlyn, und es ist ein Gedicht über dieses Bild von Cotman:

Greta Bridge

It’s autumn now; there’s not a hint of green.
The rounded shapes are soothing shades of brown.
The river’s low, with an unruffled silver sheen.

He moves you inward from dark foreground stones
which stand in their grey shadows to the curve
formed by the bridge, through which in subtler tones

you see, framed as a perfect egg, low buildings lie
close to the water’s edge: reflections caught
in shaded calm, as through an inner eye.

The coaching-house is angled, four-square, strong,
fronting the trees, its Georgian forehead high.
The bridge is low in York stone, nearly level, long.

The balanced interlocking planes are clean:
each edge and angle focused by the eye
that watches from the centre: cool, serene.

You’d have to stand and stare for a long time
in meditative peace before you’d dare
to lift your brush, or paint the view in rhyme.

Lucy Newlyn ist nicht nur eine Dichterin, sie eine emeritierte Professorin, eine weltbekannte Expertin für die Dichtung der englischen Romantik. Sie hat den Cambridge Companion to Coleridge herausgegeben und dann noch das wunderbare Gedicht Dear Coleridge geschrieben. Weil sie eben auch noch Gedichte schreibt. Das Gedicht Greta Bridge ist nicht das einzige Gedicht zu Bildern von Cotman. Auf ihrer Seite Brushstrokes hat sie eine Vielzahl von Gedichten zu Bildern von englischen Malern der Romantik. Sie hätte ihre Seite auch ut pictura poesis nennen können. Dieses Bild der Greta Bridge hat Cotman 1810 gemalt, fünf Jahre nach dem ersten Bild. Es ist ein schönes ausgewogenes Landschaftsbild, vielleicht zu schön und zu ausgewogen. Die ursprüngliche Kraft des ersten Bildes, to paint the view in rhyme, fehlt hier. 

Sonntag, 15. Mai 2022

Hinterhof


Das sieht nun ein klein wenig so aus wie der Blick, den ich aus dem Fenster der Mietskaserne in St Pauli in meinem ersten Semester hatte. Das hier ist kein Photo, das ist ein gemaltes Bild. Man könnte es für ein Bild des amerikanischen Photorealimus halten, aber es ist schon über hundertzwanzig Jahre alt. Es ist von dem dänischen Maler, dem wir die stillsten und rätselhaftesten Innenräume seit den Holländern des 17. Jahrhunderts verdanken: Vilhelm Hammershøi. Man hat ihn den dänischen Vermeer genannt. Im Dezember 1898 war der Maler in das Haus Strandgade 30 gezogen, wo er die nächsten elf Jahre bleiben wird. Davor hatte er häufig die Wohnung gewechselt. Hier wird er die meisten seiner kleinformatigen Bilder malen. Interieurs. Das Haus stammt aus den 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert, in dem seine großen Vorbilder Vermeer und Pieter de Hooch lebten. Vielleicht ist er deshalb nach Christianshavn gezogen. Ein Jahr nach seinem Einzug in die Strandgade malt er diesen Innenhof, ein Exterieur, das wie ein Interieur aussieht. Es ist ebenso verstörend wie seine leeren Räume.

Aber ist es wirklich der Innenhof der Strandgade 30 und keine Phantasie des Malers? Der Innenhof der Strandgade 30 sieht heute so aus. Da ganz hinten in der Wohnung mit den drei Fenstern im ersten Stock hat er gewohnt. Hammershøi hat heute Geburtstag; da kann ein Bild von dem Mann nicht schaden, über den Georg Biermann 1909 schrieb: Der wundervolle Däne Wilhelm Hammershøi, dessen Bilder sicherlich mit zu dem Besten gehören, das die heutige Internationale zu vergeben hat, bedeuten nichts als die Lyrik der absoluten Ruhe und Weltabgeschiedenheit, wobei dieser moderne nordische Vermeer in den durchsichtig weichen Silberglanz, von dem seine Innenräume erfüllt, seine Gestalten umschlossen sind, ein malerisches Mittel von beinahe musikalischer Gewalt besitzt.

Die irische Dichterin Vona Groarke hat einen ganzen Zyklus von Gedichten auf den Maler geschrieben, der The Hammershøi Sequence heißt. Leider steht das Gedicht The courtyards of Vilhelm Hammershøi nirgendwo im Netz, das hätte mir jetzt gut gepasst. Die Zeilen, die ich fand, klangen vielversprechend: 

the lit window summons the dark 
as if from one frame of mind to another,
as if from one future to a future opposite
runs a tripwire of desire.


Ein Gedicht aus dieser Sequenz habe ich vor sechs Jahren in Hammershøis Bäume zitiert. Aber man kann nicht alles haben. Wir begnügen uns heute mal mit der Tristesse von Hammershøi und rätseln, ob hier wirklich jemand wohnt. Und warum das Fenster in zweiten Stock offen ist.

Das Bild ist nicht sehr groß, 35 x 25 Zentimeter, aber für die 875 Quadratzentimeter Bild hat ein Liebhaber bei Sotheby's 875.000 Pfund bezahlt.

Freitag, 13. Mai 2022

Georges Braque


Heute vor einhundertvierzig Jahren wurde der Maler Georges Braque geboren, ein Freund von Picasso, Erfinder des Kubismus. 1914 wurde er als Feldwebel eingezogen, ein Jahr später wurde er, gerade zum Leutnant befördert, in der Schlacht von Artois schwer verletzt. Es dauert zwei Jahre, bis er sich von seiner Kopfverletzung erholt. Er bekommt das gerade geschaffene Croix de Guerre (zuerst in Bronze, dann das mit Palmen) und wird Chevalier de la Légion d’Honneur. Er braucht lange Zeit, um sich wieder im Leben zurechtzufinden. Der Mann, den man auf dem Schlachtfeld erst hatte liegen lassen, weil man ihn für tot hielt, wird noch lange leben. Und er wird sehr reich werden. Dieser Post heute stand hier schon einmal vor sechs Jahren, mir fällt gerade nichts Bsseres ein. Es ist aber ein sehr schöner Post, den man auch zweimal lesen kann.

Georges Braque, 74, Kunstmaler und Massenproduzent moderner Bilder, kaufte sich als zweiter französischer Maler nach seinem Kollegen Bernard Buffet, 28, (Spiegel 28/1956) ein Rolls-Royce-Auto, schrieb der Spiegel 1956. Das mit dem Massenproduzenten mag der Künstler wohl nicht so gerne gehört haben. Als Braque sich den Rolls kaufte, hatte der Maler einen Chauffeur. In den zwanziger Jahren fuhr er noch selbst. Zum Beispiel diesen Alfa Romeo. Den er auch noch bemalt hatte, sozusagen ein echter Braque.

Das dürfen Maler mit ihren Autos ja tun. Wird viel zu wenig gemacht. Der Satz von Henry Ford, any color so long as it is black, gilt für das Europa des Art Déco nicht. Denn bevor John Lennon in einem psychedelischen Rolls spazierenfuhr, gab es schon das hier. Dieses Auto hier wurde nach einem Design von Sonia Delaunay neu gespritzt (es war nicht das einzige Fahrzeug, das sie bemalte). Auch die beiden Damen, die das Auto dekorieren, tragen Kleidung, die von Delaunay entworfen wurde. Hergestellt wurden die Pelzmäntel von Jacques Heim, mit dem Delaunay lange zusammenarbeitete. Jacques Heim hatte übrigens 1946 auch einen Bikini erfunden, den er Atom nannte, aber da setzte sich doch das Modell von Louis Réard mit dem Namen Bikini durch (das hier schon einen Post hat).

Frauen scheinen in den zwanziger Jahren keine Angst vor dem Automobil zu haben. Tamara de Lempicka malt sich 1929 voller Stolz am Lenkrad ihres grünen Bugattis. Es ist die Zeit der flapper, jener jungen Frauen, die jetzt Sport treiben (wie in Jordan Baker in Fitzgeralds Great Gatsby), Hosen tragen, öffentlich Zigaretten rauchen und Automobile besitzen. In der Geschichte der Emanzipation spielt das Automobil eine wichtige Rolle. Und ein Auto wie der Jordan Playboy war nicht für eine männliche Kundschaft konzipiert (lesen Sie hier mehr über eine der berühmtesten Anzeigen der Werbegeschichte).

Die roaring twenties sind nicht nur die Zeit der flapper, sie sind auch die große Zeit des Art Déco - das Photo von Sonia Delaunays Auto und ihren Pelzmänteln wurde von einem Pavillon der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (kurz: Art Déco) gemacht. Die zwanziger Jahre sind auch die große Zeit des Plakats. Hier hat André Edouard Marty eine junge Dame der Pariser Gesellschaft in ihrem Citroen abgebildet. Wir können hier sehen, dass das Automobil ein Accessoire der Haute Couture geworden ist.

Marty hatte an der Ecole des Beaux Arts studiert und arbeitete für die führenden Modejournale wie die Gazette du Bon Ton, das Journal des Dames et les Modes oder Vogue. Er war sogar so berühmt, dass ihn London Transport für Plakate verpflichtete. Das hätte ich in dem Post Keep calm and carry on vielleicht noch erwähnen sollen. Um das wieder gutzumachen, habe ich hier ein schönes Plakat, das er für die London Underground entworfen hat.

Der Elendsmaler Bernard Buffet hatte nicht nur einen Rolls, er malte ihn auch gerne. Obgleich es viele Künstler gibt, die einen Rolls besitzen, malt kaum jemand das Objekt der künstlerischen Begierde. Marcel Duchamp tat das nicht, und auch Joseph Beuys hat seinen Bentley nicht gemalt. Der Massenproduzent Georg Baselitz weiß weshalb: Wenn einer zu viele Ringe an den Fingern trägt oder einen Rolls-Royce fährt, wird der geschmäht. Das ist ein Phänomen, das in einer Neidgesellschaft wuchert. Ganz übel, und Deutschland hat dazu alle Fundamente gelegt.

Das ist natürlich schlimm, Maler wie Baselitz haben es in Deutschland ganz schwer. Ein Rolls Royce ist etwas für Könige. Und für Kleinbürger wie Baselitz, der sich - ebenso wie Bernard Buffet - ein Schloss kaufte. Etwas weniger beklagt sich da Markus Lüpertz. Massenproduzent moderner Bilder, Millionär und Rolls Royce Liebhaber Markus Lüpertz hatte soviel Humor, das Cover für den Krimi von Joseph Wambaugh Der Rolls-Royce-Tote zu zeichnen.

Georges Braque war in seiner Jugend ein wilder Fahrer gewesen. Sein Freund Picasso war um ihn besorgt und hatte ihm immer zu einem Chauffeur geraten. Den bunt bemalten Alfa hatte Braque nicht lange behalten, er verkaufte ihn für tausend Francs an den Dichter Blaise Cendras (lesen Sie mehr in dem Post Blaise Cendrars). Kaufte sich aber sofort einen neuen Alfa. Als Braque sich einen großen Hispano Suiza kaufte, leistete er sich dann auch einen Chauffeur. Mit Livree.

Ein Hispano Suiza war damals viel exklusiver als ein Rolls (lesen Sie hier mehr dazu), der Name war noch nicht ruiniert durch den HS 30 Panzer. Wahrscheinlich war diese Exklusivität auch ein Grund dafür, dass Picasso sich 1953 auch einen kaufte. Und sich natürlich einen Chauffeur zulegte. Er mochte das Auto, weil es so groß war, dass er seine ganze Malausrüstung darin verstauen konnte. Braque andererseits hatte ein kunstvolles System ersonnen, um Leinwände und Malmaterial auf dem Dach seines Rolls zu befestigen. Ein Jahr bevor sich Picasso seinen Hispano Suiza kaufte, hatte er diese Plastik eines Pavians geschaffen, dessen Kopf aus einem Auto besteht, aber Picassos Plastik und sein Auto haben bestimmt nichts miteinander zu tun. Man weiß nicht, was in Picassos Kopf vorgeht.

Ein Rolls Royce bietet sich für einen Künstler schon deshalb an, weil er selbst ein Kunstwerk ist, da hätte man den Plan von Alina Szapocznikow, einen riesigen Rolls-Royce aus portugiesischem rosa Marmor herzustellen, gar nicht gebraucht. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen Landschaftsgartens steht. Deshalb stellen Sie Ihren Rolls am besten in den Park. Aber niemals unter Lindenbäume. Sagt ein Handbuch für Rolls Royce Chauffeure.

Man kann einen Rolls in jeder beliebigem Form bekommen. Das hier gilt allgemein als der hässlichste Rolls, der je gebaut wurde. Nubar Gulbenkian (der bestimmt ein halbes Dutzend Rolls Royce besaß) hatte ihn sich 1947 von der Karosseriefabrik Hooper bauen lassen. Not everyone will care for the very advanced appearance - but there is no doubt it is striking, schrieb die Zeitschrift Autocar. Man kaufte bei der Firma Rolls Royce eigentlich nur Fahrwerk und Motor, alles andere machten Firmen wie Hooper, Mulliner oder Park Ward.

Die Erfahrung musste auch der junge Michael Caine machen, als er ein spezielles Modell haben wollte. Ein älterer Herr sagt ihm bei der Autoshow: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse's mouth, as the saying goes. Lesen Sie mehr dazu in dem Post Luxuskutschen. Heute fährt Michael Caine, der noch keinen Führerschein hatte, als er sich seinen ersten Rolls kaufte, einen grauen Lexus: I used to drive a Rolls and all that but they were just too ostentatious for this world now. I had to get rid of them. Die goldene Rolex ist auch vom Arm verschwunden. So etwas hat doch Stil. Der Link bei Rolex führt übrigens zu einem Post, der mehr als zehntausend Mal angeklickt wurde.

Natürlich ist es immer feiner, einen Bentley zu haben als einen Rolls Royce. Das hatte Braque auch eingesehen, sein Rolls machte einem grauen Bentley Platz. Der Spiegel wusste damals zu vermelden: Georges Braque, 79, französischer Kubist, läßt seinem 80 000-Mark-Auto, einem britischen Bentley, bei den täglichen Spazierfahrten in Paris zwei Motorroller-Fahrer vorauseilen, damit er rechtzeitig vor Verkehrsstockungen gewarnt wird, die dem Maler zuwider sind. Wenn man Massenproduzent moderner Bilder ist, kann man sich auch so etwas leisten.

Es gibt genügend Gemälde, auf denen Automobile sind. Und es gibt auch inzwischen eine große Zahl von Büchern wie Das Automobil in der Kunst 1886 - 1986 von Reimar Zeller (Prestel Verlag), Automobil: Das magische Objekt in der Kunst (derselbe Autor, diesmal beim Insel Verlag), Art and the automobile von D.B. Tubbs oder Gerald D. Silks Automobile and Culture (und ich hätte hier für Liebhaber amerikanischer Automobile noch einen Link zu einer sehr interessanten Nummer des Michigan Quarterly Review). 

Dieser schöne Cézanne mit einem alten Citroen ist in all den oben erwähnten Büchern nicht zu finden. Man kann das Bild lediglich in der Folge Who Killed Harry Field? der englischen Krimiserie Morse sehen. Sie können sie hier in mehreren Teilen sehen, ich finde, dass es der beste Morse ist. Der Maler, der dieses Bild gefälscht hat, sagt in dem Film zu Morse: Two golden rules of forgery, Mr. Morse, spontaneity and never do Raphael. Braques werden häufig gefälscht (ein Raffael seltener), auch unser Wolfgang Beltracchi hat falsche Braques gemalt. Wenn Sie einen Georges Braque haben wollen, dann wenden Sie sich doch mal an diese Adresse.

Das ist kein Fälscher, i bewahre, das ist ein Künstler: When I paint in the style of one of the greats… Monet, Picasso, Van Gogh… I am not simply creating a copy or pale imitation of the original. Just as an actor immerses himself into a character, I climb into the minds and lives of each artist. I adopt their techniques and search for the inspiration behind each great artist’s view of the world. Then, and only then, do I start to paint a ‘Legitimate Fake’. Raffael hat der Mann nicht im Programm, Braque schon. Wenn Sie ihn bitten, malt der Produzent von legitimate fakes Ihnen bestimmt auch einen kleinen Rolls Royce zwischen die Häuser.


Ich weiß nicht, wie es kommt, aber die Firma Rolls Royce kommt immer wieder in diesem Blog vor. Sie könnten auch noch lesen: automobiliaLuxuskutschenTraumwagenAprilLindenbäumePalladioDes Königs JaguarLisbethKönig FarukGregor von RezzoriF. Scott Fitzgeralds AutomobileMercédèsFranco CostaPolitische SymbolikKieler WocheCutty SarkJens Christian JensenKieler ChicHerrenausstatterPatti d'ArbanvilleSwinging LondonFahrstuhl zum Schafott, Borgward, Basel, Segelboote, Invasion, Jogginghosen, Neo Rauch, Nachtigallen.

Mittwoch, 11. Mai 2022

WISICA


Als Otto Schily noch jeden Tag in den Nachrichten war, hat er sich einmal in einem Interview beklagt, dass das Londoner Kaufhaus Harrods seine geliebten Hemden aus Sea Island Baumwolle nicht mehr führe. Er wäre dankbar für jeden Tip, wo man die kriegen könnte. Eine Aussage, die umgehend im Spiegel und in der Zeit kolportiert wurde. Ich habe mich damals darüber gewundert, dass er seine Hemden bei Harrods kaufte, einem Haus, das nun nicht für seine Oberhemden berühmt war. Aber Hemden aus Sea Island Baumwolle mussten es für Schily unbedingt sein, angeblich das Nonplusultra unter den Oberhemden. Wahrscheinlich hätte er seine Hemden bei Turnbull & Asser finden können, die heute noch Sea Island Hemden anbieten. Sea Island Hemden werden heute von vielen Firmen angeboten. Bei Brioni kostet so etwas beinahe siebenhundert Euro, das Doppelte von einem normalen Brioni Hemd.

Es ist eine besondere Sorte Baumwolle, die diesen Namen trägt. Sie unterscheidet sich von der ägyptischen Giza Baumwolle und der amerikanischen Supima Baumwolle. Sie kommt aus der Karibik, aus der Gegend, die Harry Belafonte besungen hat. Aber wenn der them old cotton fields back home besingt, dann sind das die Baumwollfelder von Louisiana, nicht die von Jamaika, wo er in seiner Jugend einige Jahre gelebt hat. Doch von dort kommt die weltweit gesuchte Baumwolle, aus Jamaika und Barbados. Sie hat längere Fasern als andere Baumwolle, sie wird mit der Hand geerntet, und es gibt nur ganz wenig davon. Die Baumwollplantagen haben sich inzwischen zu einem Verband zusammengeschlossen, der die Qualität überwacht. Das Ganze heißt WISICA und steht für West Indian Sea Island Association. Die italienische Firma Brioni steht auf der Kundenliste der WISICA, und so wissen wir, woher die Baumwolle kommt.

Das ist bei der Bezeichnung Sea Island nicht so einfach, denn der Name steht auch für eine ganz andere Gegend als der Karibik. Und das sind die Sea Islands, eine Inselgruppe vor der Ostküste der USA, die sich von South Carolina bis Florida ersteckt. Manche der Inseln sind in die Literatur gewandert. Also diese Szene hier spielt auf Sullivan's Island. Es ist eine Szene aus Edgar Allan Poes The Gold-Bug. Poe kannte die Insel, weil er in seiner Zeit als Soldat auf dieser Insel vor Charleston stationiert war. Die Insel wurde im Jahr 2000 noch einmal berühmt, weil man hier das U-Boot CSS Hunley der Südstaatenarmee aus dem Bürgerkrieg gefunden hat.

Das hier sind kleine Villen für Touristen an der King Cotton Road in Edisto. Vor dem Bürgerkrieg sind hier englische und schottische Einwanderer mit dem Anbau von Baumwolle reich geworden. Edisto Island 1663 to 1860: Wild Eden to Cotton Aristocracy heißt das Buch von Charles Spencer, das die Geschichte der Insel behandelt. Doch das lasse ich für einen Augenblick beiseite, weil ich mal eben den Roman Ediso von Padgett Powell erwähnen muss. Über den sagte Walker Percy: Edisto is a truly remarkable first novel, both as a narrative and in its extraordinary use of language. It reminds one of The Catcher in the Rye, but it’s better—sharper, funnier, more poignant. Und der Nobelpreisträger Saul Bellow urteilte: When asked for a list of the best American writers of the younger generation I invariably put the name Padgett Powell at the top. Der Roman Edisto (den es auch in der Übersetzung von Harry Rowohlt gibt) hat hier schon einen langen Post.

Auf den Sea Islands hat man um 1780 westindische Baumwolle aus Barbados angepflanzt, was erst nach mehreren Anläufen gelang. Es gibt da nämlich kalte Winter, und das verträgt die Pflanze (Gossypium barbadense) nun gar nicht. Sie ist auf den westindischen Inseln besser aufgehoben als auf den amerikanischen Sea Islands. Und man kann ziemlich sicher sein, dass die Hemden von Herrn von Freyberg (der sich dies hier als Trademark hat schützen lassen) kein Etikett der WISICA haben. Der Freiherr Gernot von Freyberg hatte einen Hemdenladen in Frankfurt, der vor elf Jahren Starbucks weichen musste. Er soll die besten Hemden in Deutschland verkauft haben, made from the world's finest cotton fabrics. Und er war in den Schlagzeilen, weil er seinen Mercedes mit Schmähreden auf Daimler-Benz beschriftet hatte. Ich weiß nicht, wie gut seine Sea Island Hemden waren und woher die Baumwolle kam. Die Hemden ließ er sich in Italien machen, gute Qualtät, aber es geht noch besser. Das kann ich sagen, weil ich ein von Freyberg finest two ply Hemd besitze.

Der Anbau der Baumwolle ist das eine, sie zu einem feinen Garn verarbeiten das andere. Und da haben zwei Firmen das Sagen. Die eine ist die Albini Group (zu der auch Thomas Mason gehört), die einen Vertrag mit der WISICA haben, angeblich haben sie ein Exklusivrecht auf die Baumwolle von Barbados. Zum anderen ist da die Schweizer Firma Spoerry 1866, ihr Chef Peter Spoerry war schon in dem Post Schweizer Oberhemden abgebildet. 1995 war die Firma im Guinness Book of Records, weil sie das feinste Baumwollgarn der Welt herstellte, 2003 kaufte man eine Plantage auf Jamaika.

Den besten Werbetext für West Indian Sea Island Baumwolle hat die Engländerin Emma Willis hinbekommen: There are many imitations of the infamous Sea Island Cotton out there but this is the authentic, inimitable real thing and you will be able to tell when you feel its silken touch but with weight. Grown in the ideal climate and conditions of the West Indies, like wine cotton depends on the soil and weather, and here they cultivate their prized cotton with hundreds years of passed down experience and care. The special thing about real Sea Island cotton is the weight, two fold 140’s so not the finest, but the silkiest of touches due to the quality of the raw cotton. therefore the whites and even better the undyed natural ivory Sea Island Cotton have body to them and are not in any way transparent, but how soft to wear. It deserves its reputation and I would choose white, ice blue and ivory for a dream shirt wardrobe. Ihre Stoffe kommen von der Schweizer Firma Alumo, die auch die Firma Bruli beliefert.

Dies Etikett auf einem alten Turnbull & Asser Hemd besagt wenig, Sea Island Cotton Quality kann vieles heißen. Neuerdings ist Turnbull & Asser Kunde der WISICA. Der preiswerte italienische Internethändler Apposta allerdings auch, bei ihm kostet ein Hemd 229 €. Die Hemden der italienischen Spitzenfirmen wie Finamore, Fray oder Pegaso kosten leicht das Doppelte, und die sind nicht aus dem angeblich so gesuchten Gossypium barbadense aus der Karibik. Aber täuschen wir uns nicht, es gibt noch an vielen Stellen der Welt langstapelige Baumwolle. Die peruanische Pima Baumwolle, die Seide Südamerikas, hat ihren Namen nach den Pima Indianern beommen. In Texas und Kalifornien ist sie seit 1911 zuhause. Im Jahre 1954 wurde die Bezeichnung Supima (für Superior Pima) geschaffen. Seit 1970 gibt es in Indien Suvin Bauwolle, die aus einer Kreuzung der indischen Sujata (eine Variante der ägyptischen Karnak Baumwolle) und Baumwolle von der Karibikinsel St Vincent bestand. Aus Suraja und Vincent wurde Suvin. Und dann haben wir da noch die ägyptische Baumwolle, die schon immer für ihre Spitzenqualitäten berühmt war.

Ich kann keine Werbung für irgendeine Firma machen, ich besitze kein einziges Hemd, dessen Stoff aus der Karibik kommt. Ich glaube auch nicht unbedingt an das, was in dem Werbetext von Frau Willis steht. Wenn mir nach Karibik ist, lege ich Belafontes Jamaica Farewell auf.

Sonntag, 8. Mai 2022

Ubbelohde

Ich hielt die Karte in der Hand und sagte mir: Worpswede. Aber den Maler kannte ich nicht. Der war auch nicht aus Worpswede, der kam aus Marburg. Die Karte kam auch aus Marburg, weil die Claudia da studierte. Kunstgeschichte bei Professor Wolfgang Kemp. Der sei letztens mit solchen Entenjagd Schuhen zu einem blauen Anzug im Hörsaal erschienen, hatte sie mir erzählt. Ich nehme an, dass dieser Aufzug für Marburg eine Sensation war. In New York hätte man damit  kein Aufsehen mehr erregt, die Kombination von Entenjagdschuhen und eleganten Anzügen war damals bei Yuppies gerade modern. Wer Claudias Professor war, das wusste ich, denn ich hatte gerade sein Buch über John Ruskin gelesen, das beste deutschsprachige Werk zu Ruskin.

Ich beschloss, da ich nichts über Otto Ubbelohde wusste, diese Wissenslücke zu füllen. Das erste Buch, das mir in die Hand fiel, war im Worpswede Verlag erschienen, so kamen der Marburger Maler und Worpswede doch zusammen. Es ist von dem Kunsthistoriker Bernd Küster, dessen Buch Worpswede 1889 - 1989: Hundert Jahre Künstlerkolonie bei mir im Regal steht. Meine Assoziation Worpswede beim Anblick der Karte (die sich leider nicht im Internet findet) war doch nicht so falsch gewesen. Bernd Küster hat häufig über Worpswede geschrieben, und er war 1987 Preisträger des neu ausgelobten Otto Ubbelohde Preises. Sein Buch über Ubbelohde aus dem Jahre 1984 war die erste Monographie über den Maler. Da heute der hundertste Todestag des Malers ist, stelle ich noch einmal einen Post ein, der hier schon einmal stand. Der ist nach vier Jahren immer noch gut.

Dieses bezaubernde junge Mädchen kennen Sie schon, es findet sich in dem Post, der Worpswede heißt. Der Maler Otto Ubbelohde, der es gemalt hat, war mit einer Bremerin verheiratet. Deshalb zog es ihn wohl nach Worpswede, allerdings zog es ihn auch häufig in die bayrische Künstlerkolonie Dachau. Otto Ubbelohde kam aus Marburg. Dass es ihn nach Bremen verschlug, hat einen einfachen Grund, es sind verwandtschaftiche Beziehungen.

Denn die Johanna Ernestine (Hanna) aus der Künstlerfamilie Unger, die er heiraten wird, ist seine Cousine. Das verschweigt uns der Wikipedia Artikel. Der Maler hat seine Frau immer wieder gemalt, hier ganz in weiß, ein Bild, das uns an die Skagener Maler denken läßt. Diese Bilder der heure bleue, auf denen weißgekleidete Damen den Strand entlang schweben. Wahrscheinlich sind weiße Kleider weder am Strand noch im Moor sehr praktisch, aber sie sind nun einmal ein Kleidungsstück, mit dem die Bourgeoisie zeigt, dass sie Dienstboten hat, die die Kleidung waschen können. Das gilt auch für die Sportarten Tennis und Cricket, die Ende des 19. Jahrhunderts auch für Damen chic wurden. Die Frau in Weiß ist auch auf dem Cover des Katalogbuches Otto Ubbelohde: Kunst und Lebensreform um 1900 (Darmstadt 2001).

Mit diesem englischen Plaid ist Hanna Ubbelohde natürlich viel praktischer gekleidet, sie geht damit beinahe in der Natur auf. So etwas sieht man heute selten, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um 1900 findet man das Plaid häufig beim englischen Landadel und der künstlerischen Bohème. Erstaunlicherweise habe ich in den Ausstellungen Ein Hauch von Eleganz: 200 Jahre Mode in Bremen (Focke Museum Bremen 1984) und Kleid und Bild: Mode und Malerei. Klassizismus bis Art Deco (Hannover 1983) kein einziges Plaid gesehen. Die Kataloge zu beiden Ausstellungen kann man heute noch finden, es sind sehr interessante und schöne Kataloge. Wenn Sie den Post Damenmode anklicken, werden Sie sehen, dass es in diesem Blog nicht nur Herrenmode gibt, wie häufig behauptet wird.

Aber ich komme mal eben zur Herrenmode. Dieses Bild kommt jetzt ein wenig wie ein Schock. Wenn Sie jetzt Aääh, mach das weg!!! stöhnen, haben Sie vollkommen recht. Aber es hat auch etwas mit Mode zu tun. Und damit meine ich nicht die kleinen Jungen in Lederhosen mit Hosenträger (so etwas habe ich auch noch getragen, als ich klein war), sondern das, was der Herr rechts im Bild trägt. Es handelt sich natürlich um Martin Heidegger, der in diesem Blog selten vorkommt. Er hat einen Post, der Heidegger heißt, mehr gibt es zu dem Mann nicht. Wenn er hier auftaucht, dann hat das einen simplen Grund: Otto Ubbelohde hat ihm einen Lodenananzug mit Kniebundhosen entworfen. Die Marburger Studenten nannten den seinen existentiellen Anzug. Dies hier auf dem Photo ist er nicht, ein klein wenig exzentrisch ist er aber auf jeden Fall.

Ubbelohde (hier mit seiner Gattin) hat es nicht mehr erlebt, dass Heidegger den von ihm entworfenen Anzug mit den engen Breeches und dem langen Rock trug, er starb schon 1922 mit 55 Jahren. Dass er einen Anzug entwarf, war kein Zufall, er hatte sich lange mit Gedanken zu einer Reform der deutschen Herrenkleidung beschäftigt. Sein Ideal war, dass sich die Herrenmode wieder der Volkstracht annäherte. Er ist nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht. Seit der englischen ästhetischen Bewegung, die Shaw dazu bringt Anzüge von Jaeger zu tragen, hat es immer wieder solche Tendenzen gegeben. Auf dem Monte Verità trägt man keine Straßenanzüge.

Wir vergessen Heidegger schnell wieder und widmen uns einmal diesem wunderbar gemalten Damenhut, den Hanna hier trägt. Erstaunlicherweise ist die Malerei nicht das, womit der Künstler sein Brot verdient - er verdient sein Geld als Illustrator. Er hat Grimms Kinder- und Hausmärchen und tausenderlei Bücher illustriert, Ex Libris und Vorsatzblätter und den Hessen-Kunst Kalender entworfen. Seine letzte große Illustrationsarbeit betraf in seinem Todesjahr das Werk Eichendorffs, Eichendorffs Gedichte mit den Zeichnungen von Ubbelohde gibt es heute noch als Insel Taschenbuch.

Die Worpsweder der Gründergeneration mochten Otto Ubbelohde nicht so sehr, 1889 war er nicht groß aufgefallen, da hatte er sein Studium an der Münchener Akademie noch nicht beendet, aber bei den beiden Sommeraufenthalten 1894 und 1895 kommt es zum Bruch mit den Worpswedern. Obgleich er eigentlich ein Mann der Moderne ist, Mitbegründer der Münchener Sezession ist und sich  an vielen Künstlervereinigungen (wie den Vereinigten Werkstätten für Kunst und Kunsthandwerk) beteiligt, ist er in der Willingshäuser Malerkolonie, wo er seit 1902 ist, besser aufgehoben als in Worpswede.

Ubbelohde ist ein letzter Romantiker, er träumt von der unverfälschten Natur, er trägt Bauerntracht wie Hänsel und Gretel, wenn er sie für Grimms Märchen zeichnet. Es gibt heute noch einen Otto Ubbelohde Preis, dessen Kriterien Denkmalpflege, Heimatkunst, Heimatgeschichte, Pflege des 'heimischen Brauchtums' und Beschäftigung mit dem Werk Otto Ubbelohdes sind. Im Ersten Weltkrieg wird er sich mit patriotischer Propaganda hervortun und eine Vielzahl von Büchlein des Schaffstein Verlags illustrieren. Also solche Büchlein, die Ein Heldentod und Denn wir fahren gegen Engeland! Luft- und Seekriegsgeschichten heißen. Hätte ich das mit dem England Buch vorher gewusst, dann hätte ich das natürlich in den Post gen Engeland hineingeschrieben.

Ubbelohde war ein hervorragender Portraitist (dafür hatte er an der Münchener Akademie eine Auszeichnung erhalten) und ein hervorragender Landschaftsmaler. Was hätte aus ihm werden können, wenn er sich nicht auf die Illustration von Sagen und Märchen und das verquaste deutsche Brauchtum kapriziert hätte? Auf das Sterntaler Bild, das seit den Kindertagen in meinem Kopf ist, könnte ich gerne verzichten.

Freitag, 6. Mai 2022

Bellevue

Jeden Tag ging ich an dem Hotel Norddeutscher Hof vorbei, wenn ich zu Schnatmeyer ging, um dort Brötchen und Zwieback zu kaufen, aber in dem Hotel bin ich nie gewesen. Klassentreffen waren im Havenhaus, Bälle in der Strandlust, warum sollte man in dieses Lokal gehen? Gut, es hatte eine Kegelbahn, die hatten andere Hotels nicht. Mein Vater war hier manchmal, weil die Freimaurer in dem Hotel ein Zuhause gefunden hatten. Der Schachklub tagte da immer, der hatte hier 1849 sogar seine Gründungsversammlung gehabt. Die Vorsitzenden des Vereins waren der Direktor der Kunstgießerei Gustav Uthoff und der Arzt Dr Heinrich Rohlfs, der Bruder des Afrikaforschers. Noch ein zweiter Verein wird hier gegründet, seit dem Jahr 1900 gibt es den Vegesacker Ruderverein (VRV).

Damals hieß der Norddeutsche Hof noch Bellevue. So hatte 1846 der Bäckermeister Arend Wieting sein Hotel genannt. Und eine schöne Aussicht hatte man von da oben auf der Geestkante, über die Weser bis weit ins Oldenburger Land: Der Garten des Hotels, etwa 20 m über dem Strome gelegen, gewährt eine reizende, unserem Flachlande eigenthümliche Aussicht, die sich auf der Plattform des Daches zu einer großen und prächtigen Rundschau erweitert: hier sieht man das Schloß und die Thürme zu Oldenburg sowie den Dom zu Verden, schreibt Lüder Halenbeck 1874 in seiner Geschichte Vegesacks. Ich glaube, das war ein wenig übertrieben. Auf diesem Bild aus dem Jahre 1909 kann man sehen, dass das Bellevue sogar einen eigenen Anleger hatte, den man sich mit dem Ruderverein teilte. Und einen kleinen Badestrand gab es hier auch. Nirgendwo anders im Ort gab es einen solchen Weserzugang, die heutige Strandstraße und der Stadtgarten wurde erst in den zwanziger Jahren durch den Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein geschaffen.

Hier noch einmal der winzige eingezäunte Privatstrand, den sich seit der Jahrhundertwende das Bellevue und der Ruderverein teilten. Das Hotel ist links hinter Bäumen verborgen, was in der Bildmitte so hoch aufragt, ist die Villa Bischoff. Der Schriftsteller Per Leo, der hier aufgewachsen ist, hat die Villa in seinen Roman Flut und Boden hineingeschrieben. Er hat auch die Bäckerei Schnatmeyer nicht vergesssen, die neben der Villa Bischoff steht: jeden Abend beim Einschlafen weiß Martin, dass sich direkt neben dem Haus eine Bäckerei befindet. Durch das Flurfenster dringt der Schein ihrer Laterne in sein Schlafzimmer, und wenn es im Sommer offen steht, auch der Duft von frischem Schiffszwieback. Jeden Morgen gibt es zur warmen Milch einen davon, mit einer dicken Schicht Butter an ein Schwarzbrot geheftet.

Wir können in dem Familienroman aus der Weserstraße auch lesen: wo auf Höhe des Hotels Bellevue die Breite Straße auf die Weserstraße traf, baute der Schausteller Heinrich Dralle jedes Jahr am ersten Wochenende im September ein Karussell auf. Nach dem Krieg fängt der Vegesacker Markt erst einmal wieder ganz klein an, bevor er dann den ganzen Sedanplatz und den Aumunder Marktplatz belegt. Und alle Straßen dazwischen. Aber zuerst ist der Markt in der Weserstraße gewesen, keiner weiß mehr genau, wann das war. Doch dass ein kleines Karussell vor Giessels Kolonialwarenladen stand und Keunekes Wurstbude vor Schnatmeyer war, daran erinnert sich jeder.

Das Hotel hat seine große Zeit im 19. Jahrhundert, aber nur in Per Leos Roman taucht es in der Literatur auf. Doris Groth, deren Familie in der Weserstraße eine Villa hat, erwähnt es in ihren Briefen und Tagebüchern nicht, Bruns Garten in Leuchtenburg dagegen ständig. Und auch die feine Bremer Gesellschaft in Marga Bercks Liebesroman Sommer in Lesmona meidet das Bellevue. Sie findet sich einmal im Jahr zu einem Volksball im Havenhaus in Vegesack ein: Also ist es eine alte Sitte, daß die Bremer Familien von den Landgütern dieser Gegend sich einmal im Sommer oder alle paar Jahre irgendwann zu einem Volksball im alten Vegesacker Havenhaus treffen. Die Alten sitzen in irgend einer Ecke, und die Jugend tanzt. Ich war noch nie dabeigewesen

Das Erlebnis im Havenhaus bedeutet der Heldin viel, und so schreibt sie später: Wir tanzten schöner denn je und immer nur wir beide, und wir dachten an den Volksball in Vegesack und an den Abend im Hotel Hillmann nach dem Rennen und an Nizza. Es war ein solcher Rausch und dabei der Abschiedsgedanke in der Kehle. Das Nizza, an das die Erzählerin denkt, ist nicht das Nizza in Frankreich, sondern eine künstliche Grotte im Park des Hauses Lesmona.

Das Bellevue hat nicht nur mit dem Havenhaus, die einen Ballsaal und einen Sommergarten angebaut haben, Konkurrenz bekommen. Denn inzwischen gibt es die Strandlust, die dem Hotel den Rang ablaufen wird, das erste Haus am Platze zu sein. Das war 1857 noch anders gewesen, da hieß es in dem Reiseführer Bremen: Ein Führer durch die Stadt und ihre Umgebungen für Fremde und Einheimische in dem Kapitel zu Vegesack: Die Heimat der verlassenen hübschen Frauen der Bremer Capitains. Aeusserte Nettigkeit der Häuser, niedliche Gärten und hübsche Aussicht von den hohen Ufern der Weser werden bei jedem Fremden eine angenehme Erinnerung an Vegesack hinterlassen. Die besuchtesten Vergnügungsörter sind: Das Hafenhaus, Belle-Vue (Wieting an der Weserstrasse) ... In einem kleinen Buch aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts Bremen und seine Ausflugsziele wirbt die Strandlust mit Schönste und größte Vergügungsstätte der Bremer Umgegend, direkt am Weserstrom gelegen. Vom Norddeutschen Hof gibt es keine Anzeige. Dabei hatte der Pächter gerade unterhalb des Restaurants einen Sommergarten mit Tanzfläche auf einer Terrasse anlegen lassen. Der wird im Sommer gut besucht. Das hätte sich doch bewerben lassen. Aber die Strandlust hat auch einen großen Sommergarten, sogar mit einem Musikpavillon. Die Strandlust wirbt außerdem mit ihrem neuangelegten Parkplatz, so etwas kann der Norddeutsche Hof nicht bieten. Parkplätze gibt es in der Weserstraße nicht. Auch heute nicht.

Neben dem Norddeutschen Hof hat die Bäckerei Schnatmeyer einen Stollenbunker, der in den Hang eingegraben war. Er diente den Anwohnern in den letzten Kriegstagen 1945 als Schutz, als die Engländer den Ort von Lemwerder aus beschossen. Zwischen Schnatmeyer und dem Hotel Bellevue war eine kleine Flakstellung eingerichtet worden, bemannt von Fünfzehnjährigen. Wenn der Engländer kommt, dann verschwindet ihr aber im Bunker, hatte der alte Schnatmeyer ihnen gesagt. Hier wird wenige Tage vor Kriegsende der Studienrat Dr Alwin Belger, der der Lieblingslehrer meiner Mutter (aber keineswegs der Lieblingslehrer von Ruth Rupp) war, durch einen englischen Tiefflieger zu Tode kommen. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben Schnatmeyer schauen, wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre vom Polstermeister Ühne Flügel gegenüber gelegt und zum Hartmannstift fahren wollen, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass hier schon einmal Kanonen standen. Aufgestellt 1808 von französischen douaniers in grünen Uniformen im Wietingschen Garten, die die Kontrolle über die Weser haben wollen. Die Kontinentalsperre hat den Schmuggel aufblühen lassen, der Ort lebt davon.

Ende April 1945 türmen die Soldaten unter dem Kommando eines Oberleutnants, der Vegesack bis zur letzten Patrone verteidigen wollte. Übrig bleiben die russischen Kriegsgefangenen, die sie zur Einrichtung der Flakstation mitgebracht hatten. Das Hotel ist voll, Flüchtlinge aus Ostpreussen, alte Männer, die in letzter Minute zum Volkssturm eingezogen worden waren und jetzt nicht wissen wohin. Die Küche arbeitet noch. Die Engländer erobern den Ort, auf der Strandlust weht die englische Flagge, aber nur für einige Tage. Die Amerikaner haben den englischen Verbündeten klar gemacht, dass sie unbedingt Bremen brauchen. Wegen Bremerhaven, das wird jetzt zum Port of Embarkation für die Amerikaner. Die US Army richtet im Hotel ihr Vegesacker Hauptquartier ein, der Pächter und seine Familie dürfen als Hausangestellte bleiben. Der spätere Direktor des Gymnasiums Dr Johannes Schütze arbeitet jetzt als Übersetzer des Stadtkommandanten. Als die Amerikaner 1947 abziehen, überlassen sie das Haus amerikanischen Zivilangestellten. Als die ausziehen, gehört das Haus einem Jugendklub unter amerikanischer Leitung. Erst 1953 kann der Pächter wieder in sein Hotel.

Das Haus ist nicht mehr dasselbe, es verkümmert über die Jahre. Die Freimaurer kommen nicht mehr, weil die 1968 ihr Logenhaus zurückbekommen haben. Nur der Schachklub bleibt dem Hause treu. Draußen am Haus wird eine Reklame für Haake-Beck montiert, das blaue Emailleschild des ADAC bleibt an der Wand, obgleich der ADAC das Hotel schon lange nicht mehr empfiehlt. Der Pächter hat nicht das Geld für eine Renovierung, und den Eigentümer interessiert es nicht. Der Eigentümer ist übrigens die Stadt Vegesack. 1976 wird das ehemalige Bellevue abgerissen. Die Norddeutsche Volkszeitung schreibt dazu: Mit Riesenschritten kommt der Abbruch des ehemaligen Hotels Norddeutscher Hof in der Weserstraße in Vegesack voran. Der einst stolze gastronomische Betrieb, in dem fast 130 Jahre unzählige gesellige und informative Veranstaltungen stattgefunden haben, gleicht nur noch einem Trümmerhaufen. In wenigen Tagen werden die Nordbremer von dieser Stelle einen guten Durchblick zur Weser haben. So kann man das auch formulieren. Das gute Durchblick kann man mit belle vue übersetzen. Dieses Doppelhaus ist einer der Neubauten auf dem Grundstück, der andere Bau (in dem der ADAC sitzt) ist so hässlich, dass es kein Bild davon im Internet gibt.

Die Weserstraße ist zu einer Spielwiese für Immobilienspekulanten geworden, die repräsentiven riesigen Villen der Kaiserzeit locken sie an. Die Villa Bischoff wurde an Olaf Mosel verkauft, der mit seinem M-Projekt seine Finger überall drin zu haben scheint. Sie ist äußerlich unverändert. Die Villa Danziger (seit 1928 das Theresienhaus) neben dem Norddeutschen Hof wurde abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der den Namen Bellevue trägt. Die Danzigers und die Schröders sind miteinander verwandt, sie haben im Ort noch eine Villa (Bild), die viel schöner ist als die beiden gelbbraunen Kästen in der Weserstraße. Die Villa Schröder wird zur Zeit umgebaut, ob der Anbau, wo die netten beiden Damen Hannelore Arfmann und Ingeborg Meyer (deren Vater Direktor des Bremer Vulkans war) wohnten, abgerissen wird, ist noch nicht entschieden. Auch noch nicht entschieden ist, ob es zu einem Abriß des Verwaltungsgebäudes des Vulkans unten in der Weserstraße kommt. Die Villa Fritze ist wie die Villa Bischoff äußerlich unverändert, innen aber entkernt und zu Luxuswohnungen umgestaltet. Alle Ornamente und Verzierungen sind geblieben, das Haus stand unter Denkmalschutz. Ist besser als abreißen. Die Preise sind kaum bezahlbar. Von den Leuten, die vor einem halben Jahrhundert hier lebten, wie unser Nachbar der Malermeister Wenzel, könnte hier niemand mehr wohnen.

Montag, 2. Mai 2022

das Haus


So hat es vor dem Krieg ausgesehen, ein Bremer Kapitänshaus, das sich der Capitain Ficke Haesloop um 1840 in der Weserstraße hat bauen lassen. Ich lasse das Capitain mal in der alten Schreibweise, wie es sich in einem Einwohnerregister der Stadt aus dem Jahre 1856 findet. Haesloop hat das Haus seinem Sohn Johannes vermacht, der auch Kapitän war. Danach wohnte hier August Wencke, Prokurist einer Seifenfabrik in Lesum. Die Firma hat er später gekauft, es gibt sie heute noch. Wencke zog nach Lesum, wo er sich neben seiner Fabrik ein großes Haus gebaut hatte. 

Der nächste Besitzer des Hauses Weserstraße 31 war der Lehrer und Heimatforscher Diedrich Steilen, der das Buch Geschichte der bremischen Hafenstadt Vegesack geschrieben und das Vegesacker Heimatmuseum gegründet hat. Als Steilen Anfang der zwanziger Jahre nach Bremen ziehen wollte, kaufte ihm mein Opa das Haus ab. Das Kapitänshaus aus dem Jahre 1840 hätte mein Opa von seinem Lehrergehalt nicht bezahlen können, doch er hatte am Anfang des Jahrhunderts reich geheiratet. Hundert Jahre nach der Hochzeit wird mein Onkel Karl fragen: Wie hatte diese Prinzessin aus der reichen Kornhändlerdynastie zu uns herabsteigen können? Er hat meine stille Oma Johanna immer bewundert. Das Haus, über das ich hier schreibe, ist das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. 

Die Häuser auf dieser Seite der Straße sehen sich alle ähnlich, sie sind auch beinahe alle aus derselben Zeit. Nur das Haus der Bäckerei Schnatmeyer ist aus dem 18. Jahrhundert. Die Häuser sehen auch diesem Haus in Oldenburg ähnlich, in dem Horst Janssen aufgewachsen ist. Sie sind alle von Kapitänen oder Steuerleuten gebaut worden, 1856 waren es 37 Kapitäne und 9 Steuerleute im Ort. Von Vegesack ist zu erwähnen, das ist ein Ort mit Kapitänen, die von ihrer Arbeit ruhn, und ansonsten gar nichts tun, heißt es in einem Spottvers, der um 1900 entstanden ist. Im 19. Jahrhundert lebten mehr als die Hälfte aller Bremer Kapitäne in Vegesack. Wenn man damals ein Bremer Schiff mit der Speckflagge kommandierte, musste man Bremer Bürger sein, mindestens drei Jahre. Sonst wurde man auch nicht zur Schaffermahlzeit eingeladen. In Vegesack kostete der Bürgerbrief die Hälfte von den Bremer Gebühren, und die Sache mit den drei Jahren wurde auch nicht so eng gesehen. Häufig genügte die Absichtserklärung, Bremer Bürger werden zu wollen. Außerdem konnte man in Vegesack auch leichter ein Haus finden, am liebsten oben in der Weserstraße.

Wir waren beim Kriegsende nicht in dem Haus, wir waren bei Tante Margret, der Schwester von Oma. Mein Opa ist zum Kriegsende von Bad Essen nach Vegesack marschiert. Er wollte sehen, ob sein Haus in der Weserstraße noch steht. In Ritterhude hat er auf dem Deich einen Nachbarn getroffen, der ihm versichern konnte, das Haus stehe noch, aber da seien jetzt die Amerikaner drin. Und die Weserstraße sei sowieso von den Besatzern abgesperrt. Da hat Opa kehrtgemacht und ist wieder nach Bohmte marschiert. Er war vierundsechzig Jahre alt, war aber offensichtlich noch gut zu Fuß. Den Ersten Weltkrieg hatte der kaisertreue Hauptmann überlebt, den Zweiten jetzt auch. Die amerikanischen Besatzungstruppen hatten die ganze Weserstraße abgeriegelt und alle Häuser requiriert. Den Hof von Redeker hatten sie eingezäunt und zum Gefangenenlager gemacht. Die Strandlust hieß jetzt GI Joe's Beer Hall, das war die Beer Hall Nummer 2, die Nummer eins war das Bremer Rathaus. Meine Mutter hat es den Amerikanern nie verziehen, dass sie das Klavier aus dem Fenster geschmissen und das Meißner Porzellan zerdeppert haben.

Die Kapitänshäuser zwischen der Breiten Straße und der Kimmstraße mit den Hausnummern 22 bis 32 bilden ein Ensemble. Mein Freund Peter, der für das Landesdenkmalamt schon die morschen Walkiefer am Utkiek durch eine Bronzenachbildung hatte ersetzen lassen, hat dafür gesorgt, dass alle Häuser unter Denkmalschutz stehen. Zwei der Häuser fallen aus dem Bild heraus: sie sind völlig baugleich. Man nimmt an, dass der Entwurf der Häuser von dem Bremer Stararchitekten Heinrich Müller stammt (der auch die Villa Fritze in der Weserstraße gebaut hat), aber ganz sicher ist man sich da nicht. Der ehemalige Landesdenkmalpfler Rudolf Stein, der das zweibändige Werk Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens verfasst hat, ist da sehr vorsichtig.

Die andere Seite der Weserstraße, die mit den Gärten zur Weser hinunter, haben die Kapitäne den Bremer Millionären überlassen. Das ist die Seite der Straße, über die Friedrich Engels schrieb: Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern. Wirklich schön sind die riesigen Protzbauten des Historismus nicht: weder die Villa Bischoff, noch die Villa Schröder (die später dem Werftbesitzer Friedrich Lürssen gehörte) oder die Villa Fritze. Es gab noch mehr dieser gelbbraunen Kästen, die Villa von Hermann Danziger, die später das St Theresienhaus war, ist inzwischen abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Den Finkenhof, der dem Schwiegervater von Klaus Groth gehörte, gibt es schon lange nicht mehr. Dieses Haus aus dem Jahre 1856 auch nicht. Es stand bei uns gegenüber, es war das Sommerhaus von Arnold Duckwitz, Bürgermeister von Bremen, Reichshandelsminister und Gründer der ersten deutschen Reichsflotte

Das stand auch auf der steinernen Tafel über der Eingangstür: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz / 1802 bis 1881 / Bürgermeister von Bremen / 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. / Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. Es gab im ganzen Internet kein Bild von dem Haus (bei Rudolf Stein ist es natürlich ausführlich beschrieben und angebildet), bis mir Pastor Ingbert Lindemann aushelfen konnte. Ich schrieb den Post fehlende Bilder, und jetzt findet Google das sofort, wenn man Arnold Duckwitz Haus eingibt. Nachdem Carla Hockemeyer gestorben war, hat der Banause Bernd Hockemeyer diesen historischen Wohnsitz abreißen lassen. Angeblich wusste er von nix, er war sicherheitshalber gerade in der Schweiz. Zahlte hunderttausend Mark Strafe und kriegte zwei Jahre keine Baugenehmigung, dann setzte er zwei bauklotzförmige Apartmenthäuser auf das Grundstück. Aus mir unerklärlichen Gründen ist der Hockemeyer, den ich seit Kindertagen kannte, Bremer Ehrenbürger geworden.

Es gibt ein Buch über die Straße: Kapitäne, Villen, Gärten: Die Weserstraße in Vegesack. Ein Führer von Else Arens. Man sollte es lieber nicht erwähnen, obgleich es schon beim Bremer Landesamt für Denkmalpflege erwähnt wird. Es ist ein fehlerhaft hingeschludertes Werk von einer Frau, die nicht aus dem Ort kommt und niemanden aus der Straße wirklich kannte. Dass Diedrich Steilen in unserem Haus gewohnt hat, weiß sie nicht. Dass im Haus nebenan in den dreißiger Jahren der SA-Sturmführer Westphal wohnte, den die Nazis 1933 anstelle des entlassenen Dr Werner Wittgenstein zum Bürgermeister gemacht hatten, das steht auch nicht in ihrem Buch. Unser Nachbar Alfred Pohl wohnt nach ihren Angaben seit 1958 hier, in Wirklichkeit hatte er das Haus 1938 gekauft. Der Professor Heino Hohnholz heißt bei ihr sowohl Heino als auch Heinrich; ich erwähne den, weil ich ihn, ohne seinen Namen zu nennen, in den Post Leo Spitzer hineingeschrieben habe. Ich verdanke ihm die Bücher von Benedetto Croce und Karl Vossler. Und Vosslers Übersetzung von Dantes Göttlicher Komödie

Man kann sich bei Else Arens von Seite zu Seite, von Haus zu Haus, vorarbeiten und Fehler über Fehler entdecken, falsche Namen, falsche Jahreszahlen noch und noch. Der Besitzer des Hauses Nr 78 heißt Neyer, nicht Meyer, ich war mit Gabi Neyer in der Volksschule, ich weiß das. Ich kenne alle Häuser und ihre Besitzer, weil ich jeden Morgen an ihnen entlang zur Schule gehe. Else Arens kennt die Weserstraße nur aus irgendwelchen Verzeichnissen. Das einzige, das in ihrem Buch stimmt, sind die Beschreibungen der Häuser. Die hat die Autorin wörtlich aus Rudolf Steins Standardwerk Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens abgeschrieben. Mich wundert, dass Nils Aschenbeck das Buch verlegt hat. Dem verdanken wir das hervorragende Buch zu dem Vegesacker Architekten Ernst Becker-Sassenhof, dieses Machwerk hier ist damit nicht zu vergleichen.

Wie man auf diesem Photo aus dem Jahre 1962 sehen kann, hat hat sich das Haus baulich ein wenig verändert. Die Kugeln am Dach sind nicht mehr da, die sind von der englischen Artillerie, die im Mai 1945 Vegesack von Lemwerder aus beschoss, getroffen worden. Aber die Haustür aus einem seltenen Tropenholz, die ist noch original. Die Kapitäne waren stolz auf ihre Haustüren, deren Holz sie aus der Südsee mitgebracht hatten. Nebenan, wo damals der Oberingenieur vom Vulkan Bruno Trube wohnte, hat einmal Dr Albrecht Roth sein Haus gehabt. Der hatte am Weserufer einen Park angelegt. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle

Das Land ist nichts wert, ein ödes Sandgebiet, auf dem nur Heide wächst. Und ein paar Bäumchen. Bei Hochwasser und Sturmflut frisst die Weser das Land weg. Wahrscheinlich glaubt George III, dieser junge Dr Roth wolle einen Landschaftsgarten anlegen, wie er jetzt in England Mode ist. Roth wird noch Land dazu kaufen, bis ihm das ganze Unterland der heutigen Weserstraße gehört, von der Strandlust bis zur Langeschen Werft (dem Vorläufer des Bremer Vulkans). Der Park, den der Botaniker und Landmedicus Albrecht Roth anlegen wird. enthält die seltensten Bäume. Es sind einhundert exotische Bäume und Stauden auf zwei Hektar Grund. Roth und seine Erben werden den Park peu à peu an die Bremer verkaufen, die oben in der Weserstraße ihre Villen bauen. Zuerst an den Weinhändler Albert Dietrich Finke, dessen Tochter Doris den Dichter Klaus Groth heiraten wird. Der wird viel Zeit hier verbringen, auf seine Frau und das liebliche Vegesack hat er das Gedicht Idyll geschrieben. Den Löwenanteil wird der Bremer Kaufmann und Senator Carl Wilhelm August Fritze erwerben, Arnold Duckwitz kauft das Nachbargrundstück.

Ich bin auf die Idee gekommen, dies hier zu schreiben, weil mich der Historiker Thomas Begerow (von dem Sie hier einen interessanten Aufsatz über Vegesacker Kapitäne lesen können) gefragt hat, ob ich ein Photo von dem Haus vor 1945 besäße. Ich habe ein halbes Dutzend Photoalben, in denen die Familie bis 1890 zurück repräsentiert ist, durchgesehen. Kein Bild des Hauses. Thomas Begerow sagte, er würde Ingbert Lindemann fragen. Pastor Lindemann hat ein sehr großes Archiv von alten Photos, davon habe ich schon mehrmals profitiert. Ingbert Lindemann, mit dem ich vor Jahrzehnten in der Evangelischen Jugend zusammen war, schickte Begerow und mir das Photo da oben. Und da dachte ich mir: schreib' doch mal über das Haus. Und mein Dank geht natürlich an Ingbert Lindemann und Thomas Begerow.