Mittwoch, 30. November 2022

Friedo Lampe


In der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen wird heute die Ausstellung Friedo Lampe 1899–1945: Zum Leben und Werk eines bedeutenden bremischen Schriftstellers eröffnet. Dr Johann-Günther König, der die Ausstellung kuratiert hat, wird den Eröffnungsvortrag halten. Wahrscheinlich wird er so etwas Ähnliches sagen wie: Dem Werk Lampes wäre es zu wünschen daß es den Status als ewiger Geheimtip hinter sich ließe, um die Beachtung zu finden, die ihm gebührt. Als wichtiges Element auf dem Weg zum polyperspektivischen Roman und fernab aller germanistischer Erörterung, als hinreißendes Lektüreerlebnis. Es sind Sätze, die immer wieder gesagt werden, sozusagen routinemäßig. Hier stammen sie von Tilman Spreckelsen und stehen hinten auf dem Cover der Neuauflage von Septembergewitter. Der Bremer Schriftsteller und Publizist Johann-Günther König ist schon zweimal in diesem Blog erwähnt worden. Zum einen in dem Post Geistiges Bremen, und zum anderen in dem Post Pik Adam. Dort steht auch, dass mir Johann-Günther König die Friedo Lampe Biographie geschenkt hat, die er gerade veröffentlicht hatte (die ersten Kapitel des Buches können Sie hier lesen). Die könnte ich jetzt lobend besprechen, aber ich lasse das, weil ich im Internet eine sehr ausführliche Besprechung gefunden habe. 

Dies ist nicht die erste Friedo Lampe Ausstellung in Bremen, es gab 1995 zum fünfzigsten Todestag des Schriftstellers schon einmal eine Ausstellung mit einem ähnlichen Titel. Der 97-seitige Katalog von Elisabeth Ernter, Johannes Graf und Jürgen Dierking ist antiquarisch noch zu finden. Es werden immer wieder Versuche gemacht, den Bremer Schriftsteller mit dem schmalen Werk bekannter zu machen. Der Satz vom ewigen Geheimtip ist immer wieder wiederholt worden. Gänzlich unbekannt ist er ja nicht, es gab vor zwanzig Jahren sogar schon eine Dissertation von Annette Hoffmann über Lampe, die man hier im Volltext lesen kann. Und in diesem Blog ist er seit elf Jahren auch kein Unbekannter:

Im Jahre 1933 erschien sein Roman 'Am Rande der Nacht', ich las ihn damals mit großer Anteilnahme, denn es waren auch dann schon deutsche Prosadichtungen von solcher Qualität sehr selten (...). Und was damals (...) so schön und stark ansprach, ist nicht verblaßt und hat standgehalten, es bewährt sich auf schönste und fesselt und entzückt wie einst, man ist dankbar für die Mehrzahl der hinzugekommenen kleineren Dichtungen, und einige davon, vor allem 'Septembergewitter', ergänzen und verstärken den Eindruck (...). Ich werde diesen Band, für den der Verleger gepriesen sei, allen meinen Freunden empfehlen. Das schreibt kein Geringerer als Hermann Hesse über den Bremer Schriftsteller Friedo Lampe. Und Jahre später schrieb Wolfgang Koeppen, der auch zugab, von Friedo Lampe viel gelernt zu haben: er war auf seine stille Art avantgardistisch, und er hätte zugleich auch volkstümlich sein können, denn seine Prosa war, obwohl für die Zukunft geschrieben, in der Form nicht verwirrend und experimentell, sondern strömte sicher aus einer deutschen Überlieferung, die bis zu den ältesten Märchen zurückreicht. Und der Autor von Tauben im Gras urteilte über das Werk:  Friedo Lampe schrieb dichterische Prosa, Sätze voller Schwermut, zart und kräftig zugleich in Geschichten, die vom ersten Wort an die Spannung des Unheimlichen hatten, auch wenn sich Unheimliches in ihnen gar nicht ereignete. Sie waren bürgerliche Welt, diese Geschichten, aber auf magische Weise durchschaute bürgerliche Welt (...). Es ist kein umfangreiches, aber ein wichtiges, vollendetes, nobles, noch unausgeschöpftes Oeuvre, voll von Lesefreuden, ein Lehrbuch für junge Schriftsteller, und ich glaube, es zählt zum Bleibenden der deutschen Literatur. 

Wer glaubt das heute noch? Denn den so Gelobten kennt heute ja kaum noch einer. Was schade ist. Dabei ist sein schmales Werk durchaus noch lieferbar. Wenn auch der Rowohlt Band Das Gesamtwerk von 1955 nur noch antiquarisch zu finden ist, hat sich doch der rührige Wallstein Verlag in Göttingen (bei dem auch Königs Biographie erschienen ist) daran gemacht, das Wichtigste wieder auf den Buchmarkt zu bringen. Als Taschenbuchausgabe erschienen beim dtv Verlag von 2003 bis 2005 Septembergewitter, Am Rande der Nacht und Von Tür zu Tür. Die Texte sind identisch mit der Ausgabe von Wallstein, sind aber heute nicht mehr im Programm von dtv.

Rowohlt hatte 1955 den Das Gesamtwerk betitelten Band in einer Reihe Erzählungen großer Autoren unserer Zeit in Sonderausgaben mit einem Nachwort von Johannes Pfeiffer auf den Markt gebracht. Diese Ausgabe ist noch Jahrzehnte lieferbar gewesen, auch wenn sie bei Rowohlt geflucht haben, weil sie für die Einzelbestellung eines Buchhändlers in den Keller klettern mussten. Das weiß ich, weil mir mein Buchhändler das erzählt hat, denn ich habe von Zeit zu Zeit diesen Band gekauft, um ihn zu verschenken. Das muss man als Bremer einfach tun, wir haben ja nicht so viele Schriftsteller. Über Konrad Weichberger habe ich ja schon einmal geschrieben, und Rudolf Lorenzen und Karl Lerbs haben auch schon einen Post. Über Marga Berck und Sommer in Lesmona schreibe ich irgendwann gerne noch einmal. Rudolf Alexander Schröder lasse ich lieber aus, ich mag ihn nicht. Und das Gleiche gilt für Manfred Hausmann. Da musste man als Kind immer still sein, wenn man an seinem Haus vorbeiging, weil da der große Dichter dichtete. Über seine Rolle bei den Nazis bewahrte man dann auch lieber Stille. 

Mit den Nazis hat Friedo Lampe nun gar nichts zu tun. Sie haben seine schriftstellerische Karriere beendet. Ich habe eben immer Pech mit meinen Büchern, hat er einmal gesagt. Rowohlts Ausgabe des Gesamtwerks erschien genau zehn Jahre nach seinem Tode (1986 haben Jürgen Dierking und Johann-Günther König die Edition von Pfeiffer noch einmal kritisch überarbeitet). Der Band erschien in einer Reihe, in der sich Lampe in der Nachbarschaft von Baldwin, Camus, Hemingway und Thomas Wolfe befand. Und das eigentlich zu Recht. Denn mit dem Südstaatenautor Thomas Wolfe zum Beispiel hat er vieles gemein. Dessen Werk hatte der junge Dr Lampe kennengelernt, als er Lektor bei Rowohlt war. Marcel Proust, mit dem er manches gemein hat, hat er aber erst 1943 für sich entdeckt: Ich habe in diesen Tagen einen Schriftsteller für mich entdeckt, seit langem mal wieder einen Schriftsteller, der für mich eine neue Welt bedeutet: Marcel Proust war früher für mich nur ein berühmter Name, und ich glaubte, ich könnte nichts mit ihm anfangen. Großartig, ein ganz zartes, höchst kunstvolles episches Gewebe, äußerste Delikatesse der Darstellung, äußerste Wahrhaftigkeit und Echtheit. Wunderbare Beobachtung und Psychologie.

Die Literaturwissenschaft hat eine Vielzahl von Namen ins Spiel gebracht, zu denen sein Werk eine Nähe haben soll, wie zum Beispiel Herman Bang oder Eduard von Keyserling. Mit diesen beiden Namen wurde er schon durch die Verlagswerbung bei seinem ersten Roman verbunden. Und Kurt Kusenberg hat gesagt: Man hat Hermann Bang als Lampes literarischen Lehrmeister bezeichnet. Lampe fühlte sich vor allem dem Balten Eduard von Kyserling verpflichtet. Auch ein anderer, näherer, gleichsam hanseatischer Einfluß ist nicht zu übersehen, der des frühen Thomas Mann. Aber das alles überzeugt mich nicht so sehr, denn ich finde vieles bei ihm ziemlich einzigartig. Er schreibt geradezu filmisch, das tut keiner der angeblichen Vorgänger. In einem Brief vom 14. Februar schrieb er über seinen Roman Am Rande der Nacht, der im Oktober 1933 bei Ernst Rowohlt in Berlin erscheint: Es soll ein kleines Buch werden. Eine ziemlich wunderliche Sache. Wenige Stunden, so abends zwischen 8 und 12 in einer Hafengegend, ich denke dabei an das Bremer Viertel, in dem ich meine Jugend verbracht habe. Lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen nach dem Hofmannsthalschen Motto: 'Viele Geschicke fühle ich neben dem meinen, Durcheinander spielt sie das Dasein': Alles leicht fließend, nur ganz locker verbunden, malerisch, lyrisch, stark atmosphärisch. Das beschreibt seinen Roman ziemlich genau. Das hier zitierte Hofmannsthalsche Motto hat er auch seinem Roman vorangestellt. 

Im Januar 1934 wurde Lampes Roman auf die Liste der Verbotenen Druckschriften gesetzt. Als sich Lampe bei einem Bekannten in der Reichsschrifttumskammer darüber beschwerte, bekam er den guten Rat, doch ein deftiges SA-Buch zu schreiben. In einem verbliebenem Exemplar des Buches notierte er die Zeilen: Mein Kind, bei der Geburt so gesund und rot, / Aber nach vier Wochen, da war es tot. / Es liebte die Lüfte mild, frei und weich, / Es konnte nicht atmen im Dritten Reich. / Aber wir haben Geduld und wollen mal sehn, / Vielleicht wird es noch einmal auferstehn. Der Beschlagnahmte. Zehn Jahre später schrieb der Autor, der über sich gesagt hatte Ja, das möchte ich wirklich: volkstümlich und schlicht und doch neu in der Form sein, in einem Brief: Man sieht die alte Welt aufbrennen. Die Menschen haben selber das Feuer heraufbeschworen, um sich zu verbrennen und zu vernichten. Sie haben Recht und Freiheit nicht mehr zu schätzen gewußt, nun müssen sie es durch diese bitteren Erfahrungen wieder lernen.

Nach dem Krieg ist Am Rande der Nacht 1949 bei Rowohlt unter dem Titel Ratten und Schwäne erschienen, dem Band waren noch kleinere Skizzen und Gedichte beigegeben. Diese Rowohlt Ausgabe ist heute noch antiquarisch zu finden, ebenso wie Das Gesamtwerk. Im Projekt Gutenberg kann man Ratten und Schwäne (Rowohlt 1949) und Von Tür zu Tür (Claassen und Goverts 1946) lesen. Die Ausgaben des Wallstein Verlages unterscheiden sich von den Rowohlt Texten dadurch, dass man die Änderungen und Kürzungen, die Lampe während des Krieges und sein Freund Johannes Pfeiffer 1955 vorgenommen hatte, wieder rückgängig gemacht hat. Ich hoffe, ich habe Sie jetzt ein wenig neugierig gemacht auf diesen deutschen Schriftsteller, dem man das Etikett Magischer Realismus verpasst hat. Und eine kleine Textprobe (aus Am Rande der Nacht) habe ich auch:

Einen Augenblick war es ganz still, und dann hob eine dünne Kinderstimme zu singen an, erst schwankend und ungewiß, ein flackerndes Flämmchen, dann immer klarer ansteigend, hell und durchdringend, silbern-reine Tonkreise ziehend, in den Garten in den vollen Nachthimmel hinein. Und die Leute da unten schwiegen und lauschten, mit nach oben gekehrten Gesichtern, befremdet, tonbeglänzt und erheitert, sahen in die Baumkrone in den Nachthimmel, sahen klingend die grausilberne, ein wenig verbeulte Mondscheibe durch Wolken rollen, sahen angeleuchtete, aufgeleuchtete Wolken in schweren, warmen Wind dahinsegeln, fühlten die laue Strömung der Nachtluft, die Kühlung des Gesanges, die Stille des Augenblicks.

Ich lasse hier für einen Augenblick erst einmal das letzte Wort dem Schriftsteller Kurt Kusenberg, den ich sehr mag, weil er die Rowohlts Monographien herausgegeben hat und Jacques Prévert übersetzt hat. Er schrieb in seinem Epitaph für Friedo Lampe im Merkur (1950): Hier soll, mit Worten, ein kleiner Gedenkstein errichtet werden für einen Erzähler, der ein dauerhafteres Monument verdient. Dieses freilich müßte ihm seine Vaterstadt Bremen setzen, doch darf man zweifeln, daß sie dergleichen im Sinne habe. Die hansischen Städte sind spröde, sie feiern ihre verlorenen Söhne nicht oder nur widerstrebend, und ein Künstler ist immer ein verlorener Sohn. Ihn, Friedo Lampe, halb zu vergessen, aber wäre eine Unachtsamkeit, die nicht statthaft ist, und eine Geschichte der neueren deutschen Literatur, die ihn mit drei Zeilen abtut, ermangelt der richtigen Wertsetzung. Und mit seiner Meinung über die Sprödigkeit der Hansestadt Bremen gegenüber ihrem verlorenen Sohn hat Kusenberg schon Recht gehabt. Die haben zwar in Oberneuland eine kleine Sackgasse, die vom Rilkeweg abgeht, die Friedo Lampe Weg heißt, aber das ist auch schon alles. 

Zwischen der Friedo Lampe Ausstellung von 1995 und der Ausstellung vom heutigen Tag hat sich in Bremen viel getan, sehr viel. Für zwei der Herausgeber des Katalogs von 1995 war dies nicht das Ende ihrer Beschäftigung mit Friedo Lampe. Johannes Graf, der gerade seine Magisterarbeit über Lampe geschrieben hatte, gab 2003 bei Wallstein Am Rande der Nacht neu heraus. Vor zwei Jahren erschien sein kleines Buch Friedo Lampe (1899-1945): Die letzten Lebensjahre in Grünheide, Berlin und Kleinmachnow. Der zweite Herausgeber des Katalogs, Jürgen Dierking, hat sich um die Bremer Literatur höchst verdient gemacht. Er war der Mitherausgeber und Redakteur der 1987 gegründeten Bremer Literaturzeitschrift Stint und hat Kasteins Roman Melchior herausgegeben (den mir mein Freund Peter, der mich immer mit Bremensien auf dem Laufenden hielt, geschenkt hatte). 

Dierking hatte zusammen mit Johann-Günther König die Friedo Lampe Gesellschaft gegründet, die 1999 das Buch Ein Autor wird wiederentdeckt: Friedo Lampe 1899-1945 herausbrachte. In dem sich das schöne Zitat von Martin Beheim-Schwarzbach findet: Friedo Lampes Werk ist nicht mehr tot oder halbtot, sondern springlebendig, so lebendig, wie nur etwas sein kann, was aus reinem Geiste, reiner Anschauung, urwüchsiger Gestaltungskraft auf das sauberste gemacht ist. Man dreht es mit einem echten Glücksgefühl in den Händen, durchblättert und beschmökert es, liebkost seine Titel, läßt den Geruch seiner Sinnenfreudigkeit, das Aroma seines warmen, klaren Stils in sich einströmen, jenes Aroma, das einen ... mit derselben Frische anweht, die ihm anhaftete, als Lampe seinen Freunden vorlas. Dierking war dabei, eine Biographie über den Schriftsteller zu schreiben, die Friedo Lampe (1899–1945): Ein kurzes deutsches Schriftstellerleben heißen sollte. Dazu ist er leider nicht mehr gekommen, sein Freund Johann-Günther König hat ihm einen schönen Nachruf geschrieben.

Den Michael Augustin, der seit 1979 Redakteur bei Radio Bremen ist, den kenne ich. Wir haben zusammen studiert. 1999 hat er die CD Am Rande der Nacht, Texte und Materialien herausgegeben, die man hier auf YouTube hören kann. Auch bei YouTube kann man das Hörspiel Am Rande der Nacht hören, das Christiane Ohaus produziert hat. Eine der wichtigsten neuesten Publikationen zu Friedo Lampe habe ich noch hinzuzufügen. Die oben erwähnte Dissertation von Annette Hoffmann und die Biographie von König sind nicht das letzte, was genannt werden muss. Da ist noch eine ungeheure philologische Sammelarbeit zu nennen, die über 1.000-seitige zweibändige Ausgabe der Briefe und Zeugnisse von dem ehemaligen Bibliotheksleiter der Museumsgesellschaft Zürich Thomas Ehrsam

Auf diesem Familienbild ist Moritz Christian Friedrich Lampe, den seine Familie Friedo nennt, achtzehn Jahre alt. Man ist gerade aus dem Hafenviertel zum feinen Osterdeich umgezogen, schräg gegenüber vom heutigen Weserstadion. Den  richtigen Krieg wird er nicht sehen, die Knochentuberkulose seiner Kindheit hatte ihre Spuren hinterlassen. Er leistet von 1917 bis 1918 einen Militärersatzdienst in der Ersatzreserve des Infanterie Regiments Nr. 75. Die Front bleibt ihm erspart, dafür hat er die Langeweile der Küchenverwaltung. Er war noch keine 18 Jahre alt, da hatte er bereits die Werke von mehr als vierzig hochrangigen Schriftstellern aus dem In- und Ausland einschließlich der Klassiker der griechischen, römischen, französischen und englischen Literatur gelesen, heißt es in Königs Biographie über den jungen Lampe. Das könnte ich auch von mir sagen, und das trifft damals wahrscheinlich auf viele Kinder des gebildeten Bürgertums zu. 

Lampe studierte von 1920 bis 1928 Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie und schreibt 1928 eine Dissertation über Leopold Friedrich Günther von Goeckingks Lieder zweier Liebenden. Die 148-seitige Arbeit wird 1930 gedruckt. Drei Jahre später erscheint sein erster Roman, der nun gar nichts mit dem 18. Jahrhundert zu tun hat, der ganz neu und modern ist. Es ist eine kleine Welt, die er uns beschreibt: Überwirklich aber ist, bei großer Wirklichkeit, die Atmosphäre sämtlicher Erzählungen: ihre morbide Bürgerlichkeit, ihre wohlige Melancholie, ihre Transparenz. Die Menschen leben ihr Leben wie einen Traum. Immer ist Bremen der Schauplatz, und immer liegt im Hafen ein Schiff oder ein Boot, das sich losmacht und davonfährt, in die Ferne, in die Sehnsucht, in den Tod, schreibt Kurt Kusenberg 1950 im Merkur. Über die Technik des Erzählens hat Kusenberg gesagt: Jenes Ineinandergleiten von Räumen und Zeiten, welches man bisweilen Surrealismus zu nennen beliebt, hat Lampe als Kunstmittel angewandt.

Friedo Lampe hat einen guten Wikipedia Artikel bekommen, das ist bei diesem Internet Lexikon nicht die Regel. Dort kann man über seinen Stil lesen: Lampe ordnete sich dem magischen Realismus zu (den er selbst bei Goethe aufzuspüren meinte). Lyrisch dichte, rhythmisierte und atmosphärisch angereicherte Prosa und regional eingefärbte umgangssprachliche Dialoge wechseln sich ab. Er verwendete in seinen Werken häufig eine an den Film angelehnte Darstellungstechnik: Schnitte, Schwenks, Überblendungen. Die Beziehung zu Goethe findet sich 1944 in dem Nachwort zur Novelle, die Lampe herausgegeben hatte: Hier ist etwas in hoher Vollendung erreicht, was wir heute als 'magischen Realismus' bezeichnen würden. Die Welt in einen Geheimniszustand gehoben. 

Den magischen Realismus finden wir in den dreißiger Jahren ja eher in der Malerei, bei Oelze und Radziwill zum Beispiel (ich zitiere diese beiden Maler gerne, weil ihre Posts über 12.000 Leser haben). Das schöne Bild in dem Absatz oben ist von dem Amerikaner John Rogers Cox, dies Gewitterbild aus dem Jahre 1930 ist von Franz Radziwill, der ebenso wie Lampe im Hafenviertel Walle aufwuchs. Doch neben der Kunst gibt es den magischen Realismus auch in der Literatur. Ich zitiere einmal ein Stückchen aus dem Septembergewitter, und da haben wir es: Da sind sie: Lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen nach dem Hofmannsthalschen Motto: 'Viele Geschicke fühle ich neben dem meinen, Durcheinander spielt sie das Dasein', das macht den magischen Text: 

Und das Gewitter rauschte über die Stadt dahin, über Stadt und Wiesen und Fluß. Die schweren hängenden Wolkenbäuche platzten, und der Regen strömte in die Gärten und auf die Dächer, und die Blitze umzuckten den Ägidienkirchturm, und die Blumen auf den Gräbern lagen zerquetscht an der Erde, und der Großvater stand am Fenster und schaute mit Sorgen auf sie hin. Und der Wind schüttelte die Segel auf dem Fluß und füllte sie prall und riß den Dampfern den Qualm vom Schornstein und fuhr in die Straßen, daß der Staub wirbelte, und schlug die offenen Fensterscheiben zu und das Glas klirrte. Schwül war es gewesen und dumpf und still in der Stadt, und traurig war das Leben geflossen, aber nun rauschte und knatterte das Gewitter, und es war ein Lachen und Schreien und Jubeln ausgebrochen in den Lüften und ein Pauken und Beckenschlagen, und Trude Olfers stand auf dem Balkon mit fliegendem Haar und sang und fühlte die große Vermischung, und der Schwan in dem Graben unter ihr auf dem wogenden dunklen Wasser hob sich weit aus der Flut und schlug mit den Flügeln und reckte den Hals und schrie.

Am 28. März 1945 schrieb Friedo Lampe an Johannes Pfeiffer: Wir müssen in einer andern Richtung zu denken lernen, aber das ist sehr schmerzlich und schwer, besonders für Sinnenmenschen wie mich. Ganz am Ende winkt da eine Freiheit und Heiterkeit, ein Losgelöstsein von allem Irdischen und eine Einsicht in die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen, die frühere Zeiten nur in seltenen ähnlichen Momenten erlebt haben. Mit solchen Gedanken quäle ich mich nun rum, um einen Sinn für mich in allem Geschehen zu finden. Wenig später war er tot, erschossen von einem russischen Soldaten, der ihn für einen SS Mann hielt.

Samstag, 26. November 2022

Hans Magnus Enzensberger ✝


Als ich jung war, fand ich Enzensberger toll und kaufte all seine ersten Gedichtbände. Damals habe ich unter Enzensbergers Einfluss mit meiner neuen Schreibmaschine auch alles klein geschrieben. Wilhelm Lehmann in Eckernförde dagegen konnte sich für Enzensbergers ersten Gedichtsband nicht so begeistern wie ich. Verdrießlichen Zorn und Übelkeit erregte Verteidigung der Wölfe bei ihm. Lehmann ist manchmal schwierig, manche seiner Kollegen an der Schule hielten ihn für arrogant und abgehoben. Mag sein. Aber für den Dichter gelten immer auch Baudelaires Sätze: der dichter ist wie jener fürst der wolke - er haust im sturm - er lacht dem bogenstrang. doch hindern drunten zwischen frechem volke die riesenhaften flügel ihn am gang (dies ist Georges Übersetzung vom Albatros, deshalb ist alles klein). 

Verteidigung der Wölfe war das zweite Buch von Enzensberger, das erste war seine Dissertation Das dichterische Verfahren in Clemens Brentanos lyrischem Werk. Die hatte er zweimal schreiben müssen, weil seinem Doktorvater das einzige Exemplar abhanden gekommen war. Als ich diese Geschichte las, musste ich lächeln. Ich benutzte damals schon Blaupapier, wenn ich mit der Maschine schrieb. Habe ich jahrzehntelang getan, ich könnte heute immer noch eine Edition meiner Liebesbriefe aus den sechziger Jahren herausbringen. Also falls die Ingrid die Briefe nicht mehr finden sollte. Nach der Promotion erhielt Enzensberger eine Assistentenstelle in der Redaktion von Alfred Andersch beim Süddeutschen Rundfunk. Und Andersch, der gerade den Ärger mit der Publikation von Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas hinter sich hatte, der gerade Sansibar oder der letzte Grund veröffentlicht hatte und gerade Die Rote schreibt, sagt über seinen Assistenten: 

Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen, der junge Mann, der seine Worte nicht auf die Waagschale legt, es sei denn auf die der poetischen Qualität. Es gibt glückliche Länder, in denen er in Rudeln auftritt, in England vor allem gibt eine ganze Equipe denkbar schlecht aufgelegter junger Herren denkbar gut abgefaßte ‘declarations’ ab. Bei uns gibt es nur einen. Immerhin: dieser eine hat geschrieben, was es in Deutschland seit Brecht nicht mehr gegeben hat: das große politische Gedicht. Eine Begabung wie diejenige Enzensbergers wird immer gefährdet sein. Was wird mit ihm geschehen, wenn der Zorn einmal nachläßt, wenn nicht mehr Empörung die leichte Hand regiert? Gleichviel – mit diesen 17 Gedichten hat er einer Generation Sprache verliehen, die, sprachlos vor Zorn, unter uns lebt. Das klingt etwas anders, als was Wilhelm Lehmann über Verteidigung der Wölfe zu sagen wusste. Ein Jahr später ist Enzensberger in Berlin schon mittendrin im politischen Geschehen. Der junge Mann ganz links auf dem Photo ist übrigens Rainer Langhans. Uschi Obermaier ist nicht auf dem Photo.

Meine Erstausgabe von Verteidigung der Wölfe, gekauft bei Conrad Claus Otto in Vegesack, habe ich 1961 mit Papier neu eingebunden und beschriftet. Der Umschlag war vom vielen Lesen ein bisschen hin. Weshalb ich für den Einband das damalige Radioprogramm des Dritten Programms von NDR und WDR genommen habe, weiß ich nicht mehr. Ich wollte wohl so originell sein wie Enzensberger. Aber wenn ich mir jetzt das qualitätsvolle Programm von damals angucke, dann bekomme ich verdrießlichen Zorn und Übelkeit angesichts des heutigen Radioprogramms. Wenn man noch bedenkt, dass der Intendant des NDR heute mehr verdient als Axel Eggebrecht im ganzen Leben, dann wird er Ärger noch größer. Bei ebay will ein Händler für die Erstausgabe von Verteidigung der Wölfe, bei der auch der Umschlag fehlt, 101,88 € haben. Ich verkaufe mein Exemplar aber nicht.

Die von Enzensberger edierte Schiller Ausgabe musste ich in die Buchhandlung zurückbringen, der Insel Verlag tauschte sie um. Enzensberger hatte die Glocke einfach weggelassen. Gab einen Aufschrei in der Presse. Früher wurden im Deutschunterricht Gedichte der sogenannten Höhenkammliteratur auswendig gelernt. Ganze Generationen wurden mit Schillers Glocke gequält. Ich zitiere einmal Thomas Mann: Aber es ist noch nicht lange her, daß Leute aus den einfachsten Volksschichten das Ganze auswendig konnten, und der Däne Herman Bang sagt in einer seiner 'Excentrischen Novellen' von einem rezitierenden Hofschauspieler: 'Er war der Einzige im ganzen Saal, der in der 'Glocke' nicht ganz sicher war. Der Rezitator Horst Bogislaw von Schmelding, der in meiner Schule die Glocke aufsagte, beherrschte den Text, aber er hatte eine meterweite feuchte Aussprache. Und dank Enzensberger war die Glocke jetzt für einen Augenblick verschwunden, nicht mehr festgemauert in der deutschen Literatur. 

Enzensberger hatte seine eigene Meinung, und ab 1965 hatte er mit dem Kursbuch auch sein eigenes Publikationsorgan. Seine Meinung zählte jetzt etwas in Deutschland, er wurde wie Heinrich Böll und Günter Grass zu einem politischen Schriftsteller. Der aber immer noch etwas über die Literatur zu sagen hatte. Die dänische Lyrik erschien ihm 1963 in seinem Aufsatz Gulliver in Kopenhagen in der Zeitschrift Akzente als wenig bemerkenswert. Mit einer Ausnahme, und das war Klaus Rifbjerg. Joseph Hellers Catch-22 fand er 1964 gut, er war damals einer der wenigen. Das aufrichtigste, also subversivste Buch über den Zweiten Weltkrieg, das ich kenne, ist ein Unterhaltungsroman, begann seine Besprechung im Spiegel.

Als Adorno schrieb nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben, stürzte das die deutsche Dichtung in ein Dilemma. Aber dennoch lebte die deutsche Lyrik weiter. Die Dichtung müsse eben diesem Verdikt standhalten, hat Enzensberger Adorno entgegnet: Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einen Satz ausgesprochen, der zu den härtesten Urteilen gehört, die über unsere Zeit gefällt werden können: Nach Auschwitz sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben. Wenn wir weiterleben wollen, muss dieser Satz widerlegt werden. Wenige vermögen es. Zu ihnen gehört Nelly Sachs. Ihrer Sprache wohnt etwas Rettendes inne. Indem sie spricht, gibt sie uns selber zurück, Satz um Satz, was wir zu verlieren drohten: Sprache. Ihr Werk enthält kein einziges Wort des Hasses. Den Henkern und allem, was uns zu ihren Mitwissern und Helfershelfern macht, wird nicht verziehen und nicht gedroht. Ihnen gilt kein Fluch und keine Rache. Es gibt keine Sprache für sie. Die Gedichte sprechen von dem, was Menschengesicht hat: von den Opfern. Das macht ihre rätselhafte Reinheit aus. Das macht sie unangreifbar. Wer aber hätte das Recht und die Kraft zu einem solchen Schweigen, der nicht selbst ein Opfer wäre? Solange die Mörder noch unter uns sind, müssen wir andern sie ausrufen; solange leben wir "in finsteren Zeiten", "wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst". So schrieb Bertold Brecht, der selber ein Opfer war. Die Erlösung der Sprache aus ihrer Verzauberung steht bei denen, die In den Wohnungen des Todes waren. Sie wissen es und können uns sagen, dass jene Wohnungen immer noch da sind, in uns. Der Satz von Adorno (den er später zurückgenommen hat) ist übrigens erst durch Enzensberger bekannt geworden, vorher hatte ihn niemand beachtet.

Die fünfziger Jahre waren eine Zeit der restaurativen Tendenzen, die sich in Emil Staigers blindwütiger Attacke auf die Moderne (die auch als Zürcher Literaturstreit berühmt wurde) noch einmal zeigten. Aber das waren les neiges d'antan, um einmal François Villon zu zitieren. Jetzt hatte Enzensberger mit seinem Museum der modernen Poesie die Tür zur Moderne für alle Leser weit aufgemacht, das ist seine große Leistung gewesen. 

Früher bekamen junge Menschen zur Konfirmation oder Kommunion den gefürchteten Band der Herren Ernst Theodor Echtermeyer und Benno von Wiese geschenkt, der heute vom Großen Conrady abgelöst worden ist. Diese Sammlungen verkaufen sich heute immer noch gut, und auch Hans Magnus Enzensbergers revolutionäre Anthologie museum der modernen poesie von 1960 ist als Erstausgabe immer noch erhältlich. Die Nachdrucke sowieso. Enzensberger hat mit seinem Titel das Museale der Dichtung betont. Wenn es Dichtung geschafft hat, kommt sie zwischen zwei Buchdeckel ins Museum und kriegt einen Aufkleber unbegrenzt haltbar. Das museum der modernen poesie war für mich vor sechzig Jahren eine Bibel, das habe ich schon in den ausführlichen Posts über die Dichter Michael Hamburger (der übrigens Gedichte von Enzensberger übersetzt hat) und Gerhard Neumann gesagt. Und dafür bin ich ihm ewig dankbar gewesen.

Donnerstag, 24. November 2022

der Rufer

Heute vor 55 Jahren wurde die Plastik Der Rufer des Bildhauers Gerhard Marcks vor dem neuen Fernsehgebäude von Radio Bremen eingeweiht. Die Plastik hatte nichts mit Wynton Rufer zu tun, der für Werder Bremen spielte. Der Sender hatte sich eine Statue von Marcks gewünscht, der Bremen schon durch seine Stadtmusikanten verschönert hatte, und der Hansestadt einen großen Teil seines Werkes geschenkt hatte. Marcks machte sich Gedanken, welche Statue für ein Fernsehgebäude passend war, möglichst zeitlos sollte die Statue die Aufgabe von Rundfunk und Fernsehen symbolisieren. Nach längerem Nachdenken sagte Marcks: Ich mache euch einen Rufer. Und er fügte hinzu: Wenn ich jetzt da jemanden mit dem Fernseher hinstelle, denn sieht das in zehn Jahren ziemlich doof aus, weil dann sind die Fernseher ja schon viel besser. Dagegen dieses Rufen, die Nachricht in die Welt setzen, das ist immer das gleiche geblieben, ob jetzt bei den Griechen oder heute. Und das hat er versucht durch dieses Rufen zu symbolisieren

Ein Jahr nach der Einweihung hatte der Bildhauer Ärger mit der Stadt Bremen. Der Direktor der Kunsthalle Dr Günter Busch hatte gerade eine Gerhard Marcks Stiftung initiiert; er konnte nicht wissen, dass man den Leitenden Regierungsdirektor Dr Eberhard Lutze zum Vorstandsvorsitzenden wählen würde.Der Bildhauer, von den Nazis mit dem Stempel Entartete Kunst versehen, protestierte heftig, mit Lutze als Chef werde es die Stiftung, die seinen Namen trägt, nicht geben. Wie kann einer, der den Nazis als Kunsthistoriker willig gedient hat, solch ein Amt bekommen? Wie kann er es annehmen? 

Der Spiegel schrieb damals: Eberhard Lutze, 61, Chef der Bremer Behörde für Kunst und Wissenschaft, soll das Werk eines einst 'entarteten' Künstlers verwalten: Er wurde zum Vorsitzenden der 'Gerhard-Marcks-Stiftung' gewählt. Der Graphiker und Bildhauer Marcks der einen großen Teil seiner Werke der Stadt Bremen schenkte, war 1937 mit einem Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt worden und hatte Bilder und Skulpturen nur noch in der NS-Schau 'Entartete Kunst' zeigen dürfen. Lutze hatte zwar -- so der Beamte heute -- '1934 einen Riesenartikel, eine ganze Seite, über Barlach geschrieben und dafür prompt eine Rüge im 'Völkischen Beobachter' bekommen', jedoch wenige Jahre später als Parteigenosse in Kunst-Schriften die 'Verpolung' und 'Verjudung' kleiner polnischer Orte beklagt und eine 'zukünftige deutsche Kunst ... aus der gemeinschaftsbildenden Weltanschauung des Nationalsozialismus' hervorgehen sehen. Lutze über seine Eignung als Marcks-Kurator: 'Darüber sich jetzt zu unterhalten, das geht zu weit.' 

Der Feuilletonredakteur der Bremer Nachrichten Erich Emigholz legte in einem Artikel noch mehr aus der braunen Vergangenheit des Spitzenbeamten frei. Lutze war nicht mehr zu halten. Er wird allerdings als böser Geist hinter dem unglücklich agierenden Kultussenator Moritz Thape noch bis zu seiner Pensionierung in der Kulturbehörde bleiben. Die Marcks Stiftung wird gegründet und hat seit 1971 ein schönes Museum, das schon in dem Post Lampen erwähnt wird. Und diesen Eberhard Lutze habe ich schon in dem Post Geistiges Bremen erwähnt. Dieser Mann, der in seiner Entnazifizierungsakte als an sich schwacher Charakter, der sich der Macht anschließt, um Geltung zu bekommen beschrieben wurde, bestimmt zwanzig Jahre lang die offizielle Bremer Kultur. Und publizierte solche Weisheiten: Der Bremer hat nicht viel übrig für Experimente, verhält sich kritisch zu fremdartigen Einflüssen und modischen Erscheinungen, hat dafür aber eines, was mancher avantgardischen Kühnheit andernorts abgeht: Charakter und Treue.

Man hat das schlimme Wirken von Lutze nicht ganz vergessen. In der kreiszeitung konnte man 2009 in einer Besprechung der Ausstellung "entartet" - beschlagnahmt:Bremer Künstler im Nationalsozialismus (in der auch diese schöne Bild von Hillmanns Hotel bei Nacht von Arnold Schmidt-Niechciol zu sehen war) lesen: Dass eine solche Ausstellung erst jetzt realisiert werden konnte, ist teils in der Natur der Sache begründet: Was so lange aus dem Blick geraten ist, drängt sich nicht eben als Ausstellungsthema auf. Dass eine „Wiedergutmachung“ an den verfemten Künstlerinnen und Künstlern nicht zeitnah zum Untergang der NS-Diktatur auf den Weg gebracht worden ist, liegt an einer erschreckenden Kontinuität in der Kultusbürokratie nach 1945. In Bremen zeigt sie besonders krasse Züge. Der durch tragende Rollen in der NS-Zeit hoch belastete Eberhard Lutze war bis 1973 Leiter der Bremer Kulturbehörde. Dass Lutze kein Interesse an der Präsentation „entarteter“ Bremer Künstler hatte, liegt auf der Hand. Wie er mit Künstlern umging, die seinem ästhetischen Ideal nicht entsprachen, veranschaulicht der Rauswurf des ehemaligen Bremer Intendanten Kurt Hübner.

Der Rufer hat seit 15 Jahren einen neuen Platz, er steht jetzt an der Weser, weil Radio Bremen umgezogen ist. Dies ist nicht der Bremer Rufer, diese Plastik steht seit 1989 in Berlin. Sie ruft in den Osten, kurz nach der Aufstellung fiel die Mauer. Die Plastik trägt einen Satz von Francesco PetrarcaIch gehe durch die Welt und rufe ‘Friede, Friede, Friede’. Es gibt noch mehr Abgüsse von dem originalen Rufer in der Welt. Die Bremer Figur hat sich ein klein wenig verändert, sie ist jetzt auf einem Kugellager montiert. Normalerweise blickt der Rufer über die Weser, aber für die Sendung 3 nach 9 wird er um 180° gedreht und guckt dann durch die Glasfront ins Studio. Vielleicht sollte er lieber auf die Weser gucken, 3 nach 9 ist auch nicht mehr das, was es mal war.


Dienstag, 22. November 2022

Calypso


Heute vor 65 Jahren schaffte es ein farbiger Sänger zum erstenmal auf den Platz 1 der englischen Hitparade. Das Lied, das er sang, blieb sieben Wochen auf dem ersten Platz und wurde eine Million mal als Platte verkauft. Das hatte es zuvor in England noch nicht gegeben. Der Sänger hieß Harry Belafonte, der hier schon einen schönen Post hat. Das Lied kam von dem Afroamerikaner Jester Hairston, aber den Text hat vielleicht doch Harry Belafonte geschrieben. Es war ein Weihnachtslied, das Mary’s Boy Child hieß. Auf der B-Seite der Platte war Eden Was Just Like ThisMahalia Jackson hatte das Lied zuerst gesungen, aber diese Version war 1956 nicht unter die Top Ten gekommen. Belafonte nahm seine Coverversion im Juli 1956 auf, die Aufnahme blieb aber bis Weihnachten im Archiv. War noch keine Sensation, Platz 12 der Charts der USA. 

Aber dann kam der Song nach England. Und wurde zum Sensationserfolg. Weil Belafonte ein wenig Calypso unter das religiöse Lied legte. Das war die Zauberformel. 1956 war Belafontes Platte Calypso herausgekommen, die erste Langspielplatte, die sich mehr als eine Million mal verkaufte. Die Frage bleibt: warum hat Mary’s Boy Child diesen Erfolg in England und nicht in den USA? Die Antwort dafür ist vielleicht der Name eines Schiffes: Empire Windrush, das die ersten westindischen Einwanderer nach England bringt. 

Sie können dazu mehr in dem Post Notting Hill lesen. Die Jamaikaner, die jetzt nach England kommen, haben einen englischen Pass. Nicht jeder möchte sie in England haben, aber England braucht sie für den Wiederaufbau. Die Engländer haben zwar den Krieg gewonnen, aber es geht ihnen schlecht. Wenn Harold Macmillan in dem Jahr, in dem Harry Belafonte auf Platz 1 der Charts war, sagt: You've never had it so good, dann verdankt England diesen Erfolg auch seinen Einwanderern.

Von Mary’s Boy Child gibt es unzählige Coverversionen. Das Internet sagt uns, dass das Lied durch eine Gruppe namens Boney M. berühmt wurde. Das ist nicht ganz richtig. Am besten hören Sie sich das gar nicht erst an. Und die Version vom Tanzorchester Klaus Hallen sollten Sie besser auch nicht hören. Jester Hairston, der Komponist des Liedes, ist neunundneunzig Jahre alt geworden. Vielleicht schafft Harry Belafonte das ja auch, fünfundneunzig ist er schon.

Sonntag, 20. November 2022

Gestern

Wenn ich gestern hätte schreiben wollen, dann hätte ich über die Jazzsängerin Della Reese geschrieben, die gestern vor fünf Jahren starb. Sie wurde schon einmal in diesem Blog erwähnt, nämlich in dem Post über Ann-Margret, weil sie mal 1957 mit der auf einer Platte war. 1959 war sie mit Don't you know berühmt geworden. Auf der Platte Della by Starlight durfte sie dann 1960 ganz allein singen. Ich habe die Platten immer noch, später habe ich mir noch einige CDs gekauft. Aber die alten Platten zu spielen, das ist natürlich reine Nostalgie.

Wenn ich gestern hätte schreiben wollen, dann hätte ich über Calvin Klein schreiben können, der am Samstag achtzig wurde. Aber der hatte gestern vor zehn Jahren hier schon den Post Calvin Klein, und genug ist genug. Ich habe mich jahrelang über ihn geärgert, weil der ganze Aufzug zum Englischen Seminar nach seinem Parfüm Obsession stank, weil offenbar alle Studentinnen riechen wollten wie Kate Moss. Sie können in dem Post Aftershave lesen, dass es auch einmal Obsession for Men gab. Hab' ich nie gekauft. Ich habe sowieso nix von Calvin Klein gekauft. Keine Jeans, keine U-Hosen, keine Oberhemden.

Hemden hatte er auch im Programm, dies hier ist keins davon. Es ist auch ein amerikanisches Hemd, aber eins der wenigen amerikanischen Hemden, das wirklich in Amerika gefertigt wurde. Und kein Made in China Etikett hat wie die Donald Trump Signature Collection. Dies ist ein handgenähtes Hemd von der Firma Robert Talbott, mit geteilter Schulterpasse und angepasstem Musterverlauf. Habe ich gestern, wo ich nix geschrieben und den ganzen Tag gefaulenzt habe, bei ebay erstanden. Und heute tue ich auch nix, da schaue ich aus dem Fenster und gucke mir den schönen weißen Schnee draußen an.


Freitag, 18. November 2022

Marcel Proust

Der Post Der Tod von Marcel Proust, den ich heute vor zwei Jahren hier eingestellt habe, ist seit einer Woche in der Statistik der Top Ten der meistgelesenen Posts. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wenn man bei Google Marcel Proust und Tod eingibt, mein Post auf der Nummer Eins der Ergebnisliste steht. Der Post könnte auch heute hier stehen, denn heute vor hundert Jahren ist Marcel Proust gestorben. Ahnte er, welche Wirkung sein Werk haben würde? Wieviel Bücher über ihn und sein Werk geschrieben werden würden? Vor sechzig Jahren hatte ich gerade den zweiten und dritten Band der Recherche gelesen, das weiß ich, weil es in meiner Leseliste steht. Seitdem hat Proust mein Leben begleitet. Ich habe alle möglichen Bücher gekauft, die mir Freunde empfahlen, aber ich hatte nie das Verlangen, in die Marcel Proust Gesellschaft einzutreten. Ich habe manche vonn deren Publikationen, aber das ist mir alles zu abgehoben und theoretisch.

Bei der Gelegenheit fällt mir natürlich Roland Barthes ein, von dem Bernard Comment gerade alles herausgegeben hat, was der je über Proust gesagt hat. Der Suhrkamp Verlag kündigt das Buch mit dem Satz an: Spricht Barthes von Proust, spricht er meistens von sich selbst. Gut, dass wir das wissen. Es gibt hier schon einen Post über Roland Barthes, und die 720-seitige Autobiographie von Tiphaine Samoyault habe ich auch gelesen. Und irgendwo rezensiert. Aber ehrlich gesagt, brauche ich Barthes nicht, um Proust zu lesen. Interessant an dem Buch ist, dass Bernard Comment, der schon 1991 ein Buch über Barthes geschrieben hat, einmal Drehbücher für Alain Tanner geschrieben hat. Nicht für meinen Lieblingsfilm Une flamme dans mon coeur, da hat die Hauptdarstellerin das Skript selbst geschrieben.

Die vielleicht wichtigste Neuerscheinung gibt es nicht am 18. Novemer 2022, dem hundertsten Todestag von Proust. Die gibt es erst am 1. Januar 2023, dann veröffentlicht der Suhrkamp Verlag auf Deutsch die im Jahre 2018 im Nachlass des Verlegers Bernard de Fallois gefundenen Fünfundsiebzig Blätter, gewissermaßen die Urform der Recherche. Weshalb man das nicht zum hundertsten Todestag hat veröffentlichen können, weiß ich nicht. Die soixante-quinze feuillets et autres manuscrits inédits gibt es bei Gallimard seit 2021 als Taschenbuch. Rechtzeitig hat der nimmermüde Luzius Keller ein Marcel Proust Alphabet fertig, das in manchem wie ein recycling seiner Proust Enzyklopädie aussieht. Leider ist seine vegriffene Proust Enzyklopädie antiquarisch niemals im Preis gesunken. 

Erfreulicherweise hat Reclam die durchgesehene Neuauflage von Bernd-Jürgen Fischers Handbuch zu Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' als preisgünstiges Taschenbuch herausgebracht. Das passt zu der überarbeiteten und erweiterten Neuauflage von Ulrike Sprengers Das Proust-ABC. Mit den beiden Büchern ist sicher vielen Proust Lesern geholfen, die sich zum erstenmal in die riesige Kathedrale des Textes der Recherche begeben. Für Preise, die zwischen zehn und achtzig Euro liegen, kann man das hervorragende Marcel Proust Lexikon von Philippe Michel-Thiriet noch antiquarisch bekommen. Das hätte Suhrkamp ja mal als Neuauflage herausbringen können, aber ich habe das Gefühl, die verschlafen alles. Vor zwanzig Jahren, zum achtzigsten Todestag von Proust, erschien die Bibliographie Marcel Proust in Deutschland von George Pistorius. Das war nach der Erstpublikation 1981 eine erheblich ergänzte, überarbeitete und neu gestaltete Auflage. Ist teuer, ist aber eine Fundgrube für viele Dinge. Ich brauchte mir das Buch nicht zu kaufen, weil mein Freund Friedhard es mir vor Jahren geschenkt hat. 

Ein Thema, das in der Proust Sekundärliteratur nicht so häufig vorkommt, hat Andreas Isenschmid (der vor fünf Jahren das Buch Marcel Proust: Leben in Bildern herausbrachte) mit seinem Buch Der Elefant im Raum: Proust und das Jüdische aufgegriffen. Wir sollten immer bedenken, dass Marcel Proust einmal zu Emmanuel Berl gesagt hat: Alle Welt hat vergessen, dass ich Jude bin, nur ich selbst nicht. Für  Hermann Grab war das schon 1933 das Thema für einen Vortrag. Und in Frankreich ist bei Gallimard geade zu dem Thema das Buch Proust du côté juif von Antoine Compagnon erschienen. Zu seinem Buch kann ich hier einen 67-minütigen Vortrag von Professor Compagnon anbieten. Wer Compagnon ist, das weiß ich, weil ich seinen 35-seitigen Essay über die Recherche in dem von Pierre Nora herausgegebenn Buch Erinnerungsorte Frankreichs kenne; das ist ein Buch, das jeder Frankreichliebhaber lesen sollte. Die Tour de France ist auch drin.

Ich war achtzehn, als mein Freund Peter sagte: Wir müssen jetzt Proust lesen. Peter war für mich ein Wegführer, was Literatur und Kunst betraf. Ich begann, Proust zu lesen. Damals sagte mein Freund Charlie, ich müsse unbedingt Jack Kerouac lesen. Ich tat ihm den Gefallen, blieb aber immer bei meiner Proust Lektüre, bei der ich immer mehr Bücher ansammelte. Mein Freund Peter brachte mir einmal aus Paris den Katalog einer Proust Ausstellung mit, heute füllt das alles schon ein ganzes Regal. Aus dem ich immer wieder ein Buch herausnehme. Man kann Proust immer lesen. 

Proust war von Anfang an in diesem Blog. Das begann 2010 mit dem Zitat: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst hätte nicht erschauen können. Am 22. Februar 2010 gab es hier den Post Bilder, das war der erste einer Vielzahl von Posts, die ich einmal hier aufliste: The Way by Swann'sUne fillette d’un blond rouxTemps retrouvé, Combray, Marcel Proust, Eine Liebe von Swann, Notre Dame d'Amiens, Orchideen, Spargel, Bilder, lettre de lecteur, temps perdu, Hammershøis Bäume, Tennis, Abendgesellschaft, Schreiben, Proust, Der Tod von Marcel Proust, Damenmode, Kunst, schön geschrieben, selbstverliebt und larmoyant, Abstraktion, perlegi, Tänzer, Croix de GuerreAnita AbusRaymond Chandler (reloaded)Le Tréport,Träumerei. Wenn man das alles zusammenfassen würde, dann wäre es schon ein kleines Buch.


Mittwoch, 16. November 2022

made in Italy: Finamore


Im Jahre 1925 eröffnete Carolina Finamore in Neapel ein kleines Atelier und nähte Hemden. Simone Finamore hat in einem Interview von dem piccolo atelier seiner Urgroßmutter gesprochen. Bei einem schwedischen Händler kann man lesen, dass sie die Hemden mit der Hand nähte, weil Nähmaschinen nicht vefügbar waren. Keine Nähmaschinen in Neapel im Jahre 1925? Da war die eiserne Mamsell doch schon lange erfunden. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis aus der Nähstube eine Fabrik geworden ist. Die erste Fabrik wird in den sechziger Jahren in San Giorgio a Cremano eröffnet, heute ist der Firmensitz in Carinaro. Alles ein bisschen weg von Neapel, aber auf die Etiketten schreibt man Finamore Napoli. Wenn Sie einen Blick auf die Fabrik werfen wollen, dann klicken Sie dieses Video an. Sie werden überrascht sei, wie chaotisch es in dem Turnhallen-großen Schuppen aussieht. Wie ein Finamore Hemd für eine Werbevideo genäht wird, können Sie hier sehen.

Der Hamburger Herrenausstatter Braun versichert seinen Kunden, Finamore sei ein Luxus-Geheimtipp. Ein Geheimtip? Wirklich? Wenn Sie Finamore Napoli bei Google eingeben, liefert Google eine halbe Million Ergebnisse. Finamore Hemden gibt es ja nicht nur bei Braun in Hamburg oder Michael Jondral in Hannover, um mal die teuren Herrenausstatter zu nennen. Es gibt sie auch bei Breuninger und Lodenfrey. Und es gibt sie auch bei Amazon. Und bei ebay liegen mehr als 900 Finamore Hemden herum; von dort kommt mein Hemd auch, das habe ich schon in dem Post als Blogger bei WordPress gesagt.

Ein Geheimtip sieht anders aus. Aber die Leute, die diese Hemden verkaufen, müssen das mit dem Geheimtip offenbar immer wiederholen. So Michael Jondral, der den Laden von Heinrich Zapke übernommen hat: Mittlerweile ist das Sartoriale Herrenhemd des neapolitanischen Traditionsherstellers zu einem weltweiten Geheimtipp unter den wahrhaften Connaisseuren geworden und gehört ohne Zweifel in eine gut ausgestattete Herrengarderobe. Das einzige Problem, was Sie mit diesem Hemd haben werden, ist die Tatsache, dass Sie nie wieder ein anderes Herrenhemd besitzen werden möchten. Und Jondral setzt da noch etwas drauf: Die vollständig von Hand vernähten & gearbeiteten Hemden sind ein Synonym für sartoriales Handwerk, sowie sartorialen Details gleichermaßen. Kaum ein anderer Hersteller vermag es dem Finamore Napoli Hemd das Wasser zu reichen. Hier seien höchstens das Kiton Hemd, das Cesare Attolini Hemd bzw. das Luigi Borrelli oder Truzzi Hemd der Vollständigkeit halber erwähnt. 

Ich kann diese Lobhudelei so nicht bestätigen. Das Hemd ist gut, aber nicht besser als ein Hemd von Fray, Pegaso, Lillian Fock oder einer anderen italienischen Topmarke. Bleiben wir mal bei den Fakten. Das Hemd hat handgenähte Knopflöcher (die ziemlich rustikal ausfallen) und eine Musteranpassung an der Passe, die mit der Hand in den Rücken genäht ist. Das kann man sehen. Die Seitennähte sind unten mit einem kleinen Dreieck verstärkt, in das ein F gestickt ist. Solch ein Dreieck findet man heute schon beinahe überall. Sogar bei Emanuel Berg und Windsor. Was ich interessant finde, sind die Knöpfe auf der Manschette, die nicht in der Mitte sitzen. Wofür das gut ist, weiß ich nicht. Vielleicht passt die Rolex so besser unter die Manschette. Der Ärmel ist sehr schön in die Manschette eingefädelt, das muss man sagen. Aber all das sind Dinge, die man auch bei den Hemden der italienischen Oberklasse findet, ob sie nun aus Neapel, Mailand oder Rom kommen.

Oder aus Lübeck wie dieses schöne Hemd. Auf dem Etikett steht H. Heissing Tailored, verziert mit einer großen Nähnadel. Ein Symbol dafür, dass es sich hier um Schneiderarbeit handelt. Und das merkt man dem Hemd an. Heinrich Heissing hat vor zwanzig Jahren sein Atelier in der Lübecker Mengstraße eröffnet, heute hat er auch noch eine Kunstgalerie. Solch ein Hemd ist wirklich ein Geheimtip. Ich besitze drei davon, die alle Qualitätsmerkmale haben, die die neapolitanischen Hemden haben. Es ist lediglich die Werbung, die uns erzählt, dass nur eine jahrhundertealte neapolitanische Tradition gute Hemden mit der berühmten neapolitanischen Schulter (der Spalla Camicia) machen kann. Und die erste italienische Hemdenfabrik von 1890 (Truzzi) hatte ihren Sitz gar nicht in Neapel.

Finamore bezieht seine Stoffe von Alumo und Carlo Riva, und Sea Island Baumwolle haben sie auch im Programm. Sie machen auch die Hemden für die Firma Belvest (die hier schon einen Post hat), und wahrscheinlich beliefern sie ohne Label auch Herrenausstatter mit private label Hemden. Werner Scherer oder Rudolf Böll würden sich ja eher die Zunge abbeissen, als zu verraten, wer ihre Hemden näht. Es scheint zwei Qualitätsstufen zu geben: bei dem schwarzen Label (das mein Hemd hat) ist alles cucita a mano. Die Hemden mit dem weißen Label haben keine handgenähten Knopflöcher, da wird nur der Ärmel von Hand eingesetzt. Das Wappen auf dem Label sieht ein wenig wie eine mickrige Version der Fontana dell'Immacolatella, es adelt aber bestimmt das Produkt. Es gibt zwei Basis Passformen, die Milano und Napoli heißen, und es gibt noch ein Exklusivmodell, das komplett von Hand genäht ist. Kostet ein paar hundert Euro mehr.

In gewisser Weise ist Finamore heute das, was Lorenzini in den achtziger Jahren war. Allerdings machten die nur Hemden und hatten keine Pyjamahosen, Boxershorts, und Badehosen im Programm. Dies Bild zeigt, wie Finamore seine Pyjamas auf Facebook bewirbt. So etwas würde ein Gentlemen ja nicht tragen, für die feine Welt gibt es da nur Derek Rose in London. Aus dem piccolo atelier der Signora Carolina ist in vierter Generation ist ein Konfektionsunternehmen geworden, das (ebenso wie Borrelli) auch Hosen und Sakkos im Angebot hat. Weil man das Ziel hat offering collections closer to a total look concept. So etwas mit dem total look ist mir immer unheimlich. Und Finamore begibt sich damit in Konkurrenz zu italienischen Firmen (wie zum Beispiel Caruso), die in der Herstellung dieser Dinge längere Erfahrung haben. Achtzig Prozent der Produktion von Finamore gehen ins Ausland, Italiener kaufen offenbar andere Hemden. Und wahrscheinlich auch keine Finamore Pyjmas.

Dies ist mein erstes Finamore Hemd. Es wird auch das einzige bleiben, da kann Michael Jondral in Internet sagen Das beste Herrenhemd und Kein Vergleich zum Kiton oder Borrelli Hemd so viel er will. Es gibt bessere Hemden. Ich habe welche im Schrank. Dass die Rolex unter die Manschette passt, habe ich übrigens ausprobiert. Mein Uhrmacher hat mir vor Jahren eine Rolex Fälschung geschenkt, ist wahrscheinlich ein russisches Automatikwerk drin, ich habe die früher immer bei der Gartenarbeit getragen. Dafür würde ich das Finamore Hemd dann aber doch nicht tragen. Und diese kleine Reihe Made in Italy wird irgendwann fortgesetzt.