Montag, 29. November 2010

Tatort


Das Böse ist immer und überall! sang vor Jahren die Erste Allgemeine Verunsicherung. Wir wissen das natürlich längst, weil wir seit vierzig Jahren den Tatort haben. Früher war es ein nationales Ereignis, wenn sonntags ein Tatort-Kommissar ermittelte, heute guckt da schon keiner mehr hin. Höchstens bei Thiel und Boerne in Münster. Es gibt zuviel Tatorte, zuviel Kommissare. Und das Qualitätssiegel, das die ersten Sendungen trugen, ist längst abgelaufen. In der DDR hatten sie keinen Tatort, da hatten sie den Polizeiruf 110. Nach der Wende bekamen wir den auch. Wobei der aus Schwerin mit Uwe Steimle und Kurt Böwe der beste war. Böwe krönte damit auch seine schauspielerische Karriere, deren beste Filme man hierzulande kaum sehen konnte. Filme wie Konrad Wolfs Ich war Neunzehn oder Der nackte Mann auf dem Sportplatz. Gute Schauspieler im Tatort sind heute rar, und wenn man einem Serienstar heute eine Pistole und einen Dienstausweis in die Hand drückt, dann ist das ja eher das berufliche Abstellgleis. Statt Rente Tatort-Kommissar, oder Kommissar in irgendeiner der anderen Krimisendungen, die die ganze Woche über laufen. Sogar Iris Berben war schon Polizistin, Veronica Ferres auch. Nur Ingrid Steeger noch nicht. Vielleicht kommt das ja noch.

Bevor wir den Tatort hatten, hatten wir Stahlnetz im Fernsehen. 22 Folgen in zehn Jahren. Das war noch seriöses Handwerk, alle Drehbücher von Wolfgang Menge, Regie Jürgen Roland. Und alles in schwarz-weiß. Links ist Rudolf Platte als Oberkommissar Roggenburg in Das Haus an der Stör, wahrscheinlich dem berühmtesten Film aus der Reihe. Die Filme waren noch sehr langsam, hatten nichts von der heutigen Hektik in Schnitt und Einstellung. Zeigten aber ein Bild der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Und sie beruhten auf wahren Fällen, und wahre Fälle sind immer langweiliger und mühseliger als das, was uns heute im Tatort aufgetischt wird. Warum sind wir so begierig, das alles zu sehen?

In diesen Tagen hat ja beinahe jede Zeitung einen Bericht über vierzig Jahre Tatort. Mit Bildern von allen Tatort-Kommissaren, ich gucke die an, und ich kenne sie nicht. Ich kenne die Namen der Schauspieler, aber ich weiß, dass ich sie nie als Kommissare in Aktion im Ersten Deutschen Fernsehen gesehen habe. Weil da viele dabei sind, die ich für unerträglich halte. Hätte ich mir nicht mal aus beruflichen Gründen angeguckt, damals, als ich noch wissenschaftliches Zeug über den Krimi schrieb. Selbst schrottige Edgar Wallatze Filme sind häufig noch besser als das Elend vieler Tatort Folgen. Die wirklich erinnerungswerten Tatort Filme hießen Kressin stoppt den Nordexpress (Drehbuch: Wolfgang Menge) und all die, die den Namen Trimmel im Titel hatten oder den Hamburger Hauptkommissar Paul Trimmel das Verbrechen bekämpfen liessen.

Und Taxi nach Leipzig mit Paul Trimmel, alias Walter Richter, war auch der erste Tatort, heute vor vierzig Jahren. Der Roman stammte von einem gewissen Friedhelm Werremeier. Der hatte gerade angefangen, für die Reihe der rororo thriller zu schreiben. Da hatte Richard K. Flesch, den die ganze Branche Leichenflesch nannte, bei Rowohlt schon ein gutes Händchen gehabt. Wenn Sie ➱hier hineinschauen, werden Sie sehen, ich wiederhole mich gerade ein wenig. Aber ich will jetzt auf etwas ganz anderes hinaus, nicht auf Sjöwall/Wahlöö und auch nicht auf Richard K. Fleschs Whiskykonsum. Nein, ich meine ein ganz anderes Phänomen, das Der neue deutsche Kriminalroman hieß. So hieß auf jeden Fall 1985 ein Sammelband, in dem die Ergebnisse einer Tagung im Kloster Loccum zusamengetragen waren. Den ich aus unerklärlichen Gründen jetzt nicht im Regal finde. Das ist ärgerlich, weil ich nicht nachgucken kann, was ich damals geschrieben habe.

Wenn wir plötzlich in den sechziger Jahren einen neuen deutschen Kriminalroman hatten, dann heißt das allerdings nicht, dass wir einen alten gehabt hätten. Engländer, Amerikaner und Franzosen haben in diesem Genre eine Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Wir nicht. Es wäre verwegen, eine Entwicklungslinie von Schillers Der Verbrecher aus verlorener Ehre, E.T.A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi, Fontanes Unterm Birnbaum bis zu Jakob Wassermanns Der Fall Maurizius ziehen zu wollen. Aber jetzt ist der Krimi plötzlich da. Werremeier, Hansjörg Martin, Irene Rodrian, Fred Breinersdorfer, Michael Molsner, Paul Henricks und Horst Bosetzky (der unter dem Pseudonym -ky) schrieb. Und viele andere. Selbst im kommunistischen Bruderstaat, wo man sich zuerst bemühte, einen Damm gegen die westliche Schundliteratur zu errichten, fügte man sich drein und ließ Krimis zu: Nicht länger mehr blieb das Feld dem Gegner überlassen, mit dessen geistiger Rüstung wir uns vertraut machten.

Was den deutschen Krimi der sechziger Jahre auszeichnet, ist eine Hinwendung zu soziologischen Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft, am prominentesten in den Büchern von -ky. Der zuerst auch noch glaubte, mit seinen Krimis einen - wenn auch noch so bescheidenen - Beitrag zur Veränderung unserer Gesellschaft in Richtung auf einen humanistisch-demokratischen Sozialismus zu erbringen. Er musste aber Jahre später, als er sein Thesenpapier Dreizehn Flüche und eine Träne. Die Unmöglichkeit des Sozio-Krimis Über das Elend des bundesdeutschen Krimimachers bis zum kriminalliterarischen Selbstmord veröffentlichte, resignierend feststellen, dass das wohl nicht so ganz funktionierte. Die Formeln der Kriminalliteratur sind nicht zu überwinden, es gibt nur Variationen der erzählerischen Einkleidung.

Die aber damals, und das haben die Romane von Werremeier, -ky und Co. gezeigt, recht originell ausfallen konnten. Auf jeden Fall origineller als das, was heute im Tatort geboten wird. Taxi nach Leipzig ist da nur eins der Beispiele. Der Film präsentiert uns eine glaubwürdige Hauptfigur (und mit Walter Richter eine überzeugende Verkörperung), auch wenn Simenons Kommissar Maigret (und Jean Gabin) in dieser Figur ein wenig durchscheint. Dazu eine schöne Frau (Renate Schroeter), ein DDR Grenzpolizist (Hans Peter Hallwachs, durch Zadeks Theater in Bremen berühmt geworden) und eine deutsch-deutsche Problematik.

Der bullige Paul Trimmel war von Anfang an, daran hat Werremeier in Interviews keinen Zweifel gelassen, als Serienfigur konzipiert. Allerdings war der Film Taxi nach Leipzig gedreht, bevor es die Tatort Reihe gab. Es war aber ein geschickter Zug von Tatort-Erfinder Gunther Witte, den als ersten Film der Reihe zu nehmen, nachdem er dem WDR die Idee verkauft hatte:  Das Schreckliche war nur, die wollten es dann sofort! So eine Reihe muss man doch erst einmal entwickeln, das braucht schon so anderthalb Jahre. Aber nein, das sollte gleich losgehen. Und so haben wir alle erst mal Projekte aufgegriffen, die sowieso schon in der Schublade lagen...Es begann mit „Taxi nach Leipzig“, ein Krimi, der schon fertig entwickelt war. Der wurde sofort umgesetzt. Am peinlichsten war mir, was wir vom WDR als erstes einbrachten. Meine Kriterien waren ja grob: Es muss sich um einen Kommissar drehen, es muss regional und es muss realistisch sein. In unserer Schublade lagen aber Drehbücher mit Kressin. Das war ein Zollfahnder und kein Kommissar, das war ein deutscher Bond und keineswegs eine realistische Polizeifigur. Ich war da auf schlimmste Diskussionen vorbereitet, aber es hat keiner gemault.

Da sind wir aber dankbar, dass von den Intendanten der ARD keiner gemault hat, und wir so auch Sieghardt Rupp als Kressin bekommen haben. Hat das Genre zweifellos belebt.

Taxi nach Leipzig gibt es als DVD (Kressin stoppt den Nordexpress auch, demnächst wird es noch einen Dreierpack Kressin geben), und es lohnt sich auch heute noch, diesen Film zu sehen. Es lohnt sich natürlich auch, alle Werremeier Romane zu lesen. Die Krimiautoren der sechziger Jahre haben die Türen geöffnet für eine beständige Produktion deutscher Krimis. Sind die wirklich gut? Ich weiß es nicht, aber wenn jemand wie Thea Dorn im Jahre 2000 den Deutschen Krimipreis gewinnt, dann kann das nix sein. Manchmal gibt es was Nettes wie Norbert Klugmann und Peter Matthews' Beule oder wie man einen Tresor knackt (1984), aber der Rest ist irgendwie Hausmannskost. Da lohnt es sich eher, die Autoren des Neuen deutschen Kriminalromans wieder zu lesen. Und wenn man wirklich gute deutschsprachige Krimis lesen will, dann sollte man doch zu dem Schweizer Friedrich Glauser und seinem Wachtmeister Studer greifen. Dagegen sehen viele neuere Autoren alt aus.

Deutschsprachige Krimiautoren sind inzwischen organisiert, schauen Sie auf die Seite von dem Syndikat, mehr als 600 deutschsprachige Autoren. Wir sind ein kriminelles Volk. Über alles was neu ist, informiert hervorragend der immer rührige Thomas Przybilka und seine Alligatorpapiere.

Kommentare:

  1. Doch,wir hatten alte. Fragen Sie bitte dpr, der kümmert sich seit Jahren um die Aufarbeitung der deutschen Krimitradition. Siehe hier: http://www.alte-krimis.de/

    AntwortenLöschen
  2. Vielen Dank für den Hinweis. Es ist mir im Prinzip klar, Hans-Otto Hügel hat in seiner Dissertation von 1978 die germanistische Seite des Krimis betrachtet, und Knut Hickethier hat in "die horen" 1986 über "Der Alte deutsche Kriminalroman" geschrieben. Aber dennoch: wir haben in der Tradition nicht die Breite und die Qualität, die die Engländer haben.

    AntwortenLöschen
  3. Nein, die Qualität haben wir nicht. Oder? So viel kenne ich nicht. dpr weiß es. Die Breite durchaus. Nur ist sie nicht mehr bekannt.

    Die Alligatorpapiere macht übrigens Alfred Miersch.

    AntwortenLöschen
  4. Meine Entschuldigungen gehen an Alfred Miersch, Thomas Przybilka (der das Bonner Krimi Archiv Sekundärliteratur betreut und ständig in den Alligatorpapieren schreibt) hat mir das inzwischen auch gesagt. Aber die Seite von den Alligatorpapieren war so alligator-wuselig voll, dass ich das Impressum nicht gefunden habe.

    AntwortenLöschen
  5. Ja, ich hab auch ein Weilchen gesucht, weil mir nur sein Vorname eingefallen ist. Ist wirklich etwas unübersichtlich.

    AntwortenLöschen
  6. So neu, wie er den Loccumern damals erschienen ist, war der Neue deutsche Kriminalroman nicht. Wozu paßt, daß Fauser in seinem Tagungbsbericht (in "Transatlantik", wenn ich mich recht entsinne) den Krimihistorikern nachträglich Hans von Hentigs Gangster-Buch ans Herz legte.

    Beste Grüße!

    AntwortenLöschen
  7. Vielen Dank für den Hinweis. Ich bin bei Hans von Hentig wegen seiner rassenhygienischen Schriften immer etwas skeptisch, aber er ist sicher ein bedeutender Kriminologe gewesen.

    AntwortenLöschen
  8. no irony in the internet: Wenn ich Fausers Hentig-Rat an die Krimi-Wissenschaftler ernst nehmen müßte, dann müßte ich an Fauser zweifeln, denn daß Hentigs Gangster-Konzeption eine problematische Grundierung hat, das konnte dem Leser in den 1980ern schon auffallen. Hentig schließt auf weiten Strecken an die Biologismen des frühen 20. Jahrhunderts und deren Vorstellungen vom 'Berufsverbrecher' an. Ich weiß nicht, ob Hentig ein bedeutender Kriminologe war, wirkungsvoll war er gewiß, aber nicht unbedingt zum Nutzen der Kriminologie -- sofern man diese als kritische Sozialwissenschaft verstehen will (die wiederum Gewinn aus Fausers Romanen ziehen könnte).

    Mit den besten Grüßen

    Joachim Linder

    PS -- falls Sie's übersehen haben sollten: der Fauser-Text über Loccum ist reprinted in "Der Strand der Städte - Blues für Blondinen" (Fauser-Ed., Alexander-Vlg.).

    AntwortenLöschen
  9. "Blues für Blondinen" steht bei immer noch im Regal, war auch nie vom Aussortieren bedroht.

    AntwortenLöschen