Mittwoch, 17. November 2010

Charles Mackerras


Er wäre heute 85 geworden, aber er ist leider schon vor einigen Monaten gestorben. Er hat lange im Stillen gewirkt, falls man das von Dirigenten sagen kann, bevor er weltberühmt wurde. Manche Dirigenten werden ja im Scheinwerferlicht geboren wie Karajan. Andere arbeiten sich im Verborgenen nach oben, bis sie im Alter jeder liebt, wie Günter Wand. Wenn man Dirigent eines Rundfunkorchesters ist (wie Schmidt-Isserstedt und Wand beim NDR) wird man immer etwas scheel angeguckt. Wenn man ein eigenes Flugzeug hat, eine Segelyacht, Sportwagen und ein Model als Frau, dann ist man ein richtiger Dirigent. Oder wenn man einen roten Frack hat.

Das alles hat Sir Charles Mackerras nie gehabt. He really was egoless, hat der schottische Dirigent Douglas Boyd (der wie Mackerras als Oboist begonnen hatte) nach seinem Tod über ihn gesagt. Aber wenn er auch kein ausgeprägtes Ego wie Karajan hatte, die Autorität hatte er immer. Er hat auch beharrlich etwas begonnen, was heute überall gemacht wird und wofür andere berühmt geworden sind. Wie zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt. Einspielungen mit Originalinstrumenten, die Suche nach dem Originalklang. Er hat gerne mit dem Orchestra of the Age of Enlightment zusammen gearbeitet. Allerdings ist er auf der Suche nach dem Originalklang nie so dogmatisch verbissen gewesen wie Harnoncourt. 1959 hatte er Händels Feuerwerksmusik in der ursprünglich vorgesehenen Besetzung von 24 Oboen eingespielt. Wenn man Oboe gelernt hat, muss man so etwas einfach mal machen. 1965 kam Le nozze di Figaro in Sadler's Wells in einer viel beachteten Inszenierung auf die Bühne, philologisch genau nach der Originalpartitur und mit den Appoggiaturen aus der Konvention des 18. Jahrhunderts.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er zum Studium nach Prag gegangen und hatte Janácek neu entdeckt. Die lieben ihn da heute noch. Mit dem Prager Kammerorchester hat er alle 41 Mozart-Symphonien eingespielt. Und als 1991 das Prager Ständetheater frisch  renoviert eröffnet wurde, da durfte die Don Giovanni Aufführung am Ort der Uraufführung (damals mit Mozart als Dirigent) natürlich niemand anderer dirigieren als der frischgebackene Prager Ehrenbürger Mackerras. Mit dem Orchester, Chor und Ballet des Nationaltheaters Prag am 200. Todestag Mozarts. Vaclav Havel war auch da. Es gibt davon eine DVD, die zum Billigpreis bei Amazon verhökert wird. Und wenn man auch keinen der Sänger kennt, die Aufführung ist einfach nur schön, weil sie einen für zweieinhalb Stunden ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Das hat ihm an diesem historischen Ort mit einer schön altmodischen Inszenierung auch besser gefallen, als wenn er Opern dirigieren musste, bei denen das so genannte Regietheater eine schrill modernistische Inszenierung auf die Bühne brachte. Er war das irgendwann leid und hat sich ein Mitspracherecht bei Operninszenierungen ausbedungen. Die Mäuse (oder waren es Ratten?), die es in diesem Jahr in Bayreuth auf der Bühne gab, hätten ihm bestimmt nicht gefallen.

Die englische Königin hat Charles Mackerras 1979 geadelt und ihn 2003 zum Companion of Honour ernannt. Er war der erste Nicht-Engländer, der die Last Night of the Proms dirigieren durfte. Sein Heimatland Australien hat ihn natürlich auch nicht vergessen, er dirigierte die Eröffnung der neugebauten Oper von Sidney. Als Alfred Brendel zu letzten Mal auftrat, dirigierte Mackerras die Wiener Philharmoniker bei Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271. Es soll nach Meinung der Kritiker eine Sternstunde gewesen sein. Musikalisch sicher, sartorial auf keinen Fall.

Mackerras hatte es sich im Alter angewöhnt, anstelle einer weißen Weste zum ➱Frack einen weißen Cummerbund zu tragen (Brendel übrigens auch). Und das gehört sich nun wirklich nicht. Wenn man schon einen Frack trägt - und nicht diese seltsamen schwarzen Mao Jäckchen, das neuerdings viele Dirigenten tragen - dann muss man dazu auch eine weiße Weste tragen. Punktum.

Oder man trägt wie Mozart einen roten Frack. Brendel hat wenig später über Mackerras gesagt: Schon in jungen Jahren hatte ich den Eindruck, der sogenannte Altersstil sei ein Kompromiss mit der Arthritis: Ein Musiker, der sich nach siebzig seinen natürlichen Schwung bewahrt hat, ist also selten. Unter den Dirigenten nenne ich als erstaunliche Beispiele Claudio Abbado und Charles Mackerras. Das haben viele, die mit ihm zusammengearbeitet haben, ähnlich gesagt. Obgleich er sichtbar älter wurde, behielt er doch bis zu seinem Ende auf musikalischem Gebiet seinen Schwung und ein jugendliches Feuer. Oder, wie es der englische Musikkritiker Barry Millington in seinem Nachruf im Guardian formulierte: Mackerras might have been made for the role of spry octogenarian: he certainly inhabited it with all the zestful vitality that characterised his entire career.

Und zum Andenken an den ehemaligen Oboisten des Sydney Symphony Orchestra habe ich noch ein kleines Gedicht von Laurence McKinney, das Oboe heißt:

Hard to pronounce and play, the OBOE--
(With cultured folk it rhymes with
"doughboy"
Though many an intellectual hobo
Insists that we should call it oboe)
However, be that as it may,
Whene'er the oboe sounds its A
All of the others start their tuning
And there is fiddling and bassooning.
Its plaintive note presaging gloom
Brings anguish to the concert room,
Even the player holds his breath
And scares the audience to death
For fear he may get off the key,
Which happens not infrequently.
This makes the saying understood:
"It's an ill wood wind no one blows good."


Es ist aus dem Gedichtband People of Note, der wirklich sehr witzig ist, wie man an dieser Buchseite sehen kann.

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