Samstag, 31. August 2019

Richard Gere


Am Morgen schickte mir ein Freund eine Mail mit einem Photo von dem Mercedes Coupé, das er sich gerade gekauft hatte, einen alten 280 CE. Mit einer H Nummer, Vintage ist in. Am Abend schickte ich ihm eine Mail mit diesem Photo und schrieb: Richard Gere fährt in dem Film, der gerade bei 3sat läuft, Deinen Mercedes. Es ist jetzt viel Richard Gere im Fernsehen zu sehen. Was natürlich daran liegt, dass er heute siebzig geworden ist. Da sind Glückwünsche angebracht.

Der Film mit dem Mercedes hieß Primal Fear. Ich weiß nicht, ob das ein guter Film war, weil ich ihn nicht ganz gesehen habe, aber eins kann man sagen: Gere hat immer schöne Haare, the secret of my success is my hairspray, hat er mal gesagt. Und meistens sind auch schöne Frauen in seinen Filmen. Ich schaue mir eigentlich Richard Gere Filme nur wegen der Frauen an.

In Primal Fear waren das Maura Tierney, die wir noch aus Emergency Room kennen, und Frances Mc Dearmond, der Star aus Mississippi Burning. Am Tag davor gab es im Fernsehen Arbitrage mit Susan Sarandon zu sehen. Und natürlich dem Mann mit den schönen Haaren. Und der Französin Laetitia Casta, aber die ist in dem Film leider schon früh tot.

Die Handlung vieler seiner Filme geht auf Sicherheit, auf den Kassenerfolg. Wenn man Julia Roberts für Pretty Woman und Runaway Bride (lesen Sie hier mehr dazu) unter Vertrag hat, kann nichts passieren. Aber nicht immer sind weibliche Hollywoodstars eine Garantie für einen erfolgreichen Film. Nehmen wir Sharon Stone in Intersection, schön und kalt, aber irgendwie leblos. Die rothaarige Kanadierin Lolita Davidovic ist die Rettung für den Film, das steht schon in dem Post Michel Piccoli, denn Intersection ist nichts als ein Re-Make von Sautets Film Les choses de la vie.

Re-Makes sind immer eine Gefahr für einen Schauspieler, und dieser Film hier gehört nicht zu den Höhepunkten von Geres Karriere. Hellmuth Karasek schrieb damals über Breathless: Als überdrehter Autoknacker und Herzensbrecher, der mit quietschenden Reifen zu seinem Tod kurvt und seine letzten Tage mehr durchtänzelt als durchläuft, zieht Gere eine so überdrehte Nummer ab, daß man eigentlich statt der schauspielerischen Leistung nur die Eitelkeit sieht, mit der Gere vorführen will, daß er auch noch Robert de Niro sein kann. Der Film war ein schrottiges Re-Make von Godards Klassiker A Bout de Soufffle, und an Belmondo kommt Gere nicht heran.

Ich weiß nicht, ob Richard Gere wirklich ein guter Schauspieler ist, aber er sieht gut aus und hat immer eine schöne Frisur. Er ist Buddhist und setzt sich für die Menschenrechte ein. Seinen Auftritt bei der Berlinale 2016 benutzte er, um Donald Trump zu kritisieren. Und den Rechtspopulisten Matteo Salvini hat er gerade als Baby Trump bezeichnet. Das macht ihn uns sympatisch.

Donnerstag, 29. August 2019

Motorräder


Motorräder sind nicht mein Ding, das überlasse ich diesem Zwerg mit dem Schnauzbart, der immer Hallöchen sagt. Aber ich komme auf das Thema, weil ich im Kalenderblatt für den 29. August bei Wikipedia las, dass der englische Dichter Thom Gunn heute vor neunzig Jahren geboren wurde. Da fielen mir als erstes die Motorräder ein. Denn die hat er in seinem Gedicht On the Move, das in dem Gedichtband The Sense of Movement (1957) enthalten war, bedichtet. In dem Jahr hat er sich auch mit einer schwarzen Lederjacke photographieren lassen, und sein Gedicht Black Jackets habe ich auch für Sie.

Thom Gunn schwamm auf einer Woge der Zeit, The Wild One mit Marlon Brando (Jeans, T-Shirt und schwarze Lederjacke) war in den Kinos, und Bill Haley sang Rock around the Clock, da musste man als Dichter dabei sein. Denn es war wohl dieser Film, den er in Amerika gesehen hatte, der ihn zu dem Gedicht anregte:

The blue jay scuffling in the bushes follows
Some hidden purpose, and the gust of birds
That spurts across the field, the wheeling swallows,
Has nested in the trees and undergrowth.
Seeking their instinct, or their poise, or both,
One moves with an uncertain violence
Under the dust thrown by a baffled sense
Or the dull thunder of approximate words.

On motorcycles, up the road, they come:
Small, black, as flies hanging in heat, the Boys,
Until the distance throws them forth, their hum
Bulges to thunder held by calf and thigh.
In goggles, donned impersonality,
In gleaming jackets trophied with the dust,
They strap in doubt – by hiding it, robust –
And almost hear a meaning in their noise.

Exact conclusion of their hardiness
Has no shape yet, but from known whereabouts
They ride, direction where the tyres press.
They scare a flight of birds across the field:
Much that is natural, to the will must yield.
Men manufacture both machine and soul,
And use what they imperfectly control
To dare a future from the taken routes.

It is a part solution, after all.
One is not necessarily discord
On earth; or damned because, half animal,
One lacks direct instinct, because one wakes
Afloat on movement that divides and breaks.
One joins the movement in a valueless world,
Choosing it, till, both hurler and the hurled,
One moves as well, always toward, toward.

A minute holds them, who have come to go:
The self-defined, astride the created will
They burst away; the towns they travel through
Are home for neither bird nor holiness,
For birds and saints complete their purposes.
At worst, one is in motion; and at best,
Reaching no absolute, in which to rest,
One is always nearer by not keeping still.

Das Gedicht hat große Verbreitung gefunden und ist häufig anthologisiert worden. Englischlehrer scheinen es zu lieben. Für die habe ich hier eine Version, bei der Zeile für Zeile des Gedichts interpretiert wird. Thom Gunn, der Literatur in Cambridge studiert hatte, zählte Thomas Hardy, John Donne, George Herbert und Basil Bunting zu seinen Lieblingsdichtern. Kritiker haben ihn in die Nähe zu Philip Larkin und Kingsley Amis gerückt, aber ich glaube, da gehört er nicht hin. Ich mag ihn nicht besonders, deshalb gibt es heute nicht mehr.

Aber für die Fans von Motorrädern habe ich die Filme The Wild One und Easy Rider, das ist doch auch etwas. Und für die Liebhaber von Lederjacken gibt es auch einen Post. Wenn Sie Motorräder auf einem philosophischen Niveau haben wollen, dann lesen Sie Zen and the Art of Motorcycle Maintenance.


Montag, 26. August 2019

Schwarze Ernte


Wir sind in diesem Film in Dänemark um das Jahr 1900. Weihnachten ist gerade gewesen, aber nicht alles war schön auf dem Gut Havslundegaard. Der Gutsbesitzer Niels Uldahl-Ege wollte seine Geliebte Jomfru Helmer, die seine vier Töchter nur die Hure nannten, zur Weihnachtsfeier mitbringen. Something is rotten in the state of Denmark. Der junge Mann, der Uldahls Töchter durch den Schnee begleitet, ist Isidor Seemann, der junge Amtsrichter ist auch der Rechtsberater der Familie.

Clara, die jüngste Tochter der Uldahls ist unsterblich in ihren Cousin Isidor verliebt. Sie schreibt ihre Liebe in ihr Tagebuch: Grausamer Isidor, weshalb saßest Du die ganze Zeit bei Mutter und plaudertest mit ihr? Merktest Du nicht, daß ich die ganze Zeit vom Fenster aus zu Dir hinüberblickte und immer bleicher wurde, nur vor Sehnsucht, wie eine kleine, kranke Blume, die nach der Sonne verlangt? Ich liebe Dich, Vetter Isidor, ich liebe Dich, daß ich schreien könnte! Weißt Du, was ich des Abends tue, wenn ich ins Bett komme? Ich nehme das Taschentuch, das Du neulich draußen im Entré verlorest und nicht wiederfinden konntest und lege es über mein Gesicht und träume von Dir bis ich einschlafe, es riecht so wundervoll nach Deinem Parfüm, und nun habe ich mir beim Kolonialwarenhändler Ingerslev selbst eine Flasche Violette Russe gekauft. 

Diese Notizen werden im Film immer wieder auftauchen. Am Ende des Films überreicht Frau Uldahl dem Rechtsanwalt das Tagebuch, da ist die junge Clara, die Lieblingstochter von Frau Uldahl tot. Sie hat Selbstmord begangen. Thomas Mann hat für seine Buddenbrooks den Untertitel Verfall einer Familie gewählt, und um den Verfall einer Familie geht es auch in diesem Film. Am Ende bleibt den Uldahls (wie man im nächsten Bild sieht) nur noch einziges Zimmer in ihrem Schloss

Die Möbel sind versteigert, das Haus und das Gut gehören der Bank. Die Uldahls sind finanziell am Ende, sie werden ausziehen müssen. Die Töchter allerdings sind versorgt, jede von ihnen hat von ihrem Onkel Joachim 30.000 Kronen geerbt. Die Familie Uldahl wird eine Wohnung im ersten Stock eines alten Kaufmannshauses beziehen, das am südlichen Stadttor liegt: Frau Line und die Mädchen hatten die Wohnung gemietet, weil ein großer alter Garten zu ihr gehörte. Dann war doch der Übergang nicht ganz so schwer. Und in der Gegend bleiben wollten sie; nun hatte Frau Line ja außerdem auch noch Fräulein Sophies Grabstätte zu versorgen bekommen ...

Schuld an dem Verfall der Familie ist er hier, der Gutsbesitzer und Parlamentsabgeordnete Nils Uldahl, der als Minister im Gespräch war. Hier prügelt er sich gerade mit seinem Verwalter. Der ist der zweite Verwalter auf Havslundegaard (für das im Film das Schloss Holsteinborg herhalten musste), der erste Verwalter Andersen hatte Selbstmord begangen. Weil er es nicht mehr ertragen konnte,  dass seine Verlobte die Geliebte des Gutsbesitzers war.

Denn von der Jomfru Helmer, die für ihn in Kopenhagen auf einem Tisch (ohne Höschen) Cancan tanzt, kann Niels Uldahl nicht lassen. Er schenkt ihr Schmuck und Geld, viel Geld. Wenn sie das Gut verlassen muss, dann wird sie ein kleines Vermögen auf der Bank haben. Ihrem ehemaligen Liebhaber bleibt das Schicksal, von der Familie geduldet zu werden: Niels verhielt sich den Handlungen seiner Familie gegenüber ganz passiv, dankbar dafür, daß man ihn nicht völlig verstieß. Still und bescheiden führte er sich auf. Und als er auf seinen demütigen Vorschlag aus opportunen Rücksichten wieder wie in alten Tagen das Schlafzimmer mit seiner Gattin zu teilen, eine verdutzte Absage erhielt, wählte er sich, um so wenig wie möglich zu genieren, ein paar abgelegene Zimmer oben auf dem Boden neben der Mädchenkammer. Und hier lebte er zurückgezogen und still und zeigte sich nur bei den Mahlzeiten.

Hier ist noch einmal der Badepavillon, den wir schon im ersten Absatz sahen. Diesmal von innen, es ist Sommer. Die Tochter des Jägermeisters, die auf Havslundegaard zu Gast ist, zieht sich nach dem Baden um. Und schon will Nils Uldahl sie begrapschen. Sie kann sich wehren und reist ab. Nicht alle können sich gegen den Lüstling wehren, der seine Schwester geschwängert und seine Tochter Friederike vergewaltigt hat. Es ist ein bösartiges Bild vom dänischen Landadel, das der Film zeichnet.

Line Uldahl, die Gattin des Großgrundbesitzers (gespielt von Marika Lagercrantz), hat es längst aufgegeben, auf ihren Mann einzuwirken. Sie ist die still leidende Griseldis der Geschichte. Uldahl hatte sie vor Jahrzehnten einem Schankwirt für zehntausend Kronen abgekauft, sie hatten sich  damals geliebt. Es heißt über sie in dem Roman Fædrene æde Druer (1908) von Gustav Wied, der dem Film zugrundeliegt: Mamsell Ingwersen berichtet, daß Niels Uldahl, als er nun vor gut zwanzig Jahren durch das Dorf Husum drüben westlich im Lande gefahren kam, wo er bei einem gleichgesinnten Großgrundbesitzer drei Tage lang zur Jagd usw. geweilt hatte, im Vorbeirollen ein großes, blondes Weib mit bloßen Armen und vollem Busen im Kruggarten herumgehen und Obst pflücken sah. Sie war köstlich anzusehen, üppig und rund wie die Äpfel, die sie sammelte. Ihr feines regelmäßiges Gesicht und goldblondes Haar leuchtete in der Sonne. Und es lag in ihren Bewegungen, wenn sie langsam die Arme erhob und die Früchte über ihrem Kopf brach, eine eigenartige, ruhige, fast faule Anmut.

Aber als sie ihn mit der Musiklehrerin der Mädchen im Pavillon erwischte, war es aus mit der Liebe. Sie ist eine Frau, die auch im Alter noch von allen bewundert wird: Denn das war das Merkwürdige bei Frau Uldahl, daß sie trotz ihrer blonden Ruhe und ihrer ganzen keuschen, ein wenig lässigen Erscheinung gerade auf die Sinne dieser Männer eine stark erotische Wirkung übte. Sie sahen in ihr wahrscheinlich den Typus jenes reinen, weißen Weibes, vor dem sie einst im ersten furchtsamen Erwachen ihrer Mannheit im Traume gekniet hatten. Und nun sahen sie plötzlich nach einem Leben in Brunst und Enttäuschung den Gegenstand der Träume leibhaftig vor ihren Augen wandeln. Daher wohl zugleich ihr Respekt und ihr Begehren.

Gustav Wied hat die Welt der dänischen Landaristokratie, die er beschreibt, gut gekannt. Der Roman Fædrene æde Druer (den sie hier auf Deutsch lesen können) hat sicherlich auch autobiographische Züge, denn Wied war der Sohn eines Großgrundbesitzers, der den ererbten Besitz peu à peu verlor. Thomas Manns Brieffreund hat Fædrene æde Druer 1910 in der Neuen Rundschau mit den Buddenbrooks verglichen, man könnte den Roman, den ein trostloser darwinistischer Determinismus kennzeichnet (so Gero von Wilpert), auch mit den Romanen von Thomas Hardy vergleichen.

Gustav Wied, der in vielen seiner Werke zur Groteske neigt, hat für uns einen überraschenden Schluss parat: der Saulus wandelt sich zum Paulus. Aus dem Wüstling wird ein frömmelnder Christ, der nichts mehr mit Weibern, Glücksspiel und Suff zu tun haben will: Niels Uldahl hatte das Herz der alten Frau Seemann gewonnen, indem er ihr seine ganze Leidensgeschichte mit seiner Frau und seinen Kindern erzählt hatte, die ihn durch ihre Unfreundlichkeit gegen ihn in ein sündiges Leben hinausgetrieben hatten. Und sodann berichtete er die schöne Geschichte, wie seine liebe verstorbene Mutter seine Umkehr bewirkt, indem sie sich ihm mit Erfahrungen und Gebeten gezeigt hatte. Über den neuen Niels Uldahl-Ege heißt es: Nur Frau Line und ihre Töchter verhielten sich dieser Bewegung gegenüber andauernd verständnislos und abweisend. Wir als Leser glauben ihm auch kein Wort. Es würde auch dem Romantitel widersprechen. Fædrene æde Druer ist ein Bibelzitat, es findet sich bei Jeremia (31, 29-30): In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen: Die Väter haben unreife Trauben gegessen, und die Zähne der Söhne sind stumpf geworden; sondern jeder wird wegen seiner Schuld sterben: Jeder Mensch, der unreife Trauben isst, dessen Zähne sollen stumpf werden.

In Dänemark gewannen Sofie Gråbøl, die die Clara spielt, und Pernille Højmark (Jomfru Helmer) die begehrten Bodil Preise für die beste Haupt- und Nebenrolle. Der Film Sort høst (deutscher Verleihtitel Schwarze Ernte) von 1993 war von Dänemark in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für den Oscar eingereicht, wurde aber erstaunlicherweise nicht berücksichtigt. Dabei ist das ein hervoragender Film, den Anders Refn (einst Regieassistent von Lars von Trier) da mit seinem Kamermann Jan Weincke gedreht hat. Für die Kostüme war Manon Rasmussen verantwortlich. Was Edith Head für Hollywood war, ist Manon Rasmussen für Dänemark. Ein exzellenter Kostümfilm, eine Literaturverfilmung, die sich genau an den Roman hält, das Ganze in 125 Minuten. Mehr kann man sich nicht wünschen. Meine DVD hat mich bei Amazon Marketplace 69 Cent gekostet. Wenn Sie sich beeilen, finden Sie noch eine zu einem ähnlichen Preis.

Freitag, 23. August 2019

Happy Birthday, Vera Miles


Die amerikanische Schauspielerin Vera Miles wird heute neunzig Jahre alt, sie ist wahrscheinlich die letzte Überlebende von den Frauen, mit denen John Ford zusammengearbeitet hat. Joanne Dru, die hübsche Blonde aus She Wore a Yellow Ribbon, ist schon lange tot, und Maureen O'Hara starb vor vier Jahren im Alter von fünfundneunzig Jahren. Dies Photo von Vera Miles stammt aus dem Film The Searchers (den Sie hier sehen können), da ist sie siebenundzwanzig Jahre alt. Sechs Jahre später ist sie in The Man Who Shot Liberty Valance zu sehen, beide Filme sind Klassiker des Westerns geworden.

Sie wäre bei John Ford gut aufgehoben gewesen, aber der drehte leider keine Filme mehr. Sie musste zu Hitchcock, mit dem sie 1956 schon The Wrong Man gedreht hatte. Hitchcock wollte sie zu einer zweiten Grace Kelly machen, zu einer icy blonde. In einem Interview sagte er: I felt the same way directing Vera that I did with Grace. She has a style, an intelligence, and a quality of understatement. 

Er kam sich großartig vor in der Rolle eines Svengali, eines Pygmalion. Er überwachte das Leben von Vera Miles, zensierte die Photos, die an die Öffentlichkeit gelangten. Keine cheesecake Aufnahmen mehr, der Werbevertrag mit Lux Seife gefällt ihm auch nicht. Die Kostümdesignerin Rita Riggs hat über die Transformation gesagt: The sort of education one got from Mr. Hitchcock and Miss Head in publicity and the presentation of a new personality, one could not get anywhere else in the world. Although Vera was a lovely girl, she was far too intelligent to be an actress, and too independent to be anyone’s Trilby.

Hitchcock wollte sie in der Hauptrolle für den Fim Vertigo haben, aber daraus wurde nichts: She became pregnant just before the part that was going to turn her into a star. After that, I lost interest. I couldn't get the rhythm going with her again. Er war ein klein wenig netter zu ihr als zu Tippi Hedren (lesen Sie mehr in Vögel). Sie hat einmal gesagt: As far as I know, Vera Miles had a terrible time with Hitchcock, and she wanted to get out of the contract. He didn't let her. She did 'Psycho,' and I believe, if you look at 'Psycho,' there isn't one close up of Vera, not one. After that, she would never even speak about him to anyone.

Ein Jahr bevor sie Psycho II drehte, hat sie in einem Zeitungsinterview erstaunlicherweise einige Nettigkeiten über Hitchcock gesagt: There was a great deal of respect between Hitchcock and me. He expected people to be good and never rehearsed them at all. When you signed a contract with Hitchcock it stipulated the number of hours a day you would work. And as for playing casting couch in the role, I’d have told him to go to hell. Neither of us had time for that kind of thing. Sie wahrte immer die Formen der Höflichkeit.

Sie hat ihr Verhältnis zu Hitchcock später relativ leidenschaftslos gesehen: Over the span of years, he's had one type of woman in his films, Ingrid Bergman, Grace Kelly and so on. Before that, it was Madeleine Carroll. I'm not their type and never have been. I tried to please him, but I couldn't. They are all sexy women, but mine is an entirely different approach. In der Filmbiografie Hitchcock von Sacha Gervasi aus dem Jahr 2012 (die Sie hier sehen können) wird Vera Miles von Jessica Biel (oben links) gespielt. In dem Film gibt es eine Szene, in der Hitchcock durch ein Loch in der Wand Vera Miles beim Umkleiden beobachtet. Das hat er bei Grace Kelly auch gemacht. Er war einfach nur ein dirty old man. Das Photo hier ist nicht aus den Filmen von Vera Miles, es stammt aus der Aufführung von Terry Johnsons Theaterstück Hitchcock Blonde, aber es sagt uns viel über Hitchcock.

Da ich nun schon mal bei unbekleideten Frauen gelandet bin, muss ich diese junge Dame noch präsentieren. Sie werden sie nicht kennen, sie heißt Marli Renfro und ist auch in einem Hitchcock Film zu sehen. Taucht aber nicht auf der Liste der Darsteller auf: sie ist das body double für Janet Leigh in der Duschszene von Psycho. Dafür hat sie 500 Dollar gekriegt. Eigentlich ist das für den schönen Körper zu wenig. Wenn Sie sich Psycho mit Janet Leigh, Marli Renfro und Vera Miles anschauen wollen, dann können Sie das hier tun.

In dem Interview mit Truffaut hat Hitchcock gesagt: if sex is too blatant or obvious, there’s no suspense. You know why I favor sophisticated blondes in my films? We’re after the drawing-room type, the real ladies, who become whores once they’re in the bedroom. Von so etwas träumt der keline Dicke. Hitchcock und die Frauen, es ist ein unerschöpfliches Thema. Das gerade wieder Konjunktur hat, denn es gibt nicht nur das Theaterstück von Terry Johnson und den Film Hitchcock von Sacha Gervasi, es gibt noch einen Hitchcock Film, der The Girl heißt. Dank der russischen Internet Video Wundertüte können Sie den Film, der über die Dreharbeiten von Psycho geht, hier sehen. Vor fünf Jahren gab es hier am 23. August schon einen Geburtstagsgruß für Vera Miles, solche Tage entgehen mir nicht. Sie hat sich seit Jahren aus den Filmgeschäft zurückgezogen, ich hoffe, es geht ihr gut.


Noch mehr zum Thema der Inszenierung von Frauen im Hollywoodfilm in den Posts: Vera MilesVögelVeronica LakeNymphosDorothy MaloneGildaOperation MincemeatExotikJacques Tourneur.

Mittwoch, 21. August 2019

romancier manqué


Ich könnte einen Roman über sie schreiben, sagte ich zu Gabi. Wir redeten über die Frau aus meiner Vergangenheit, die mich an meinem Geburtstag angerufen hatte. Teile des Telephongesprächs habe ich in den Post Wiederholungen hineingeschrieben. Haben viele Leser gelesen, sehr viele. Die mögen diese kleinen autobiographischen Stücke, vor allem, wenn sie von Frauen handeln. Das kennen Sie ja auch schon, ich komme häufiger darauf zurück, mögen die Posts Vergil, Sommerkino oder Kunsterziehung heißen. Ein Leser schrieb mir letztens, dass er den Post Gudrun jede Woche einmal lesen würde, denn, so schrieb er, wir haben alle eine Gudrun in unserem Leben.

Vielleicht würde ich das alles nicht schreiben, wenn ich nicht Proust Suche nach der verlorenen Zeit und Emmanuel Berls Sylvia gelesen hätte. Worüber soll man sonst schreiben, wenn nicht über schöne Frauen? I think myself into love, and dream myself out of it. Oder andersherum? Das Zitat von William Hazlitt habe ich letztens als Motto einer langen Kurzgeschichte gefunden, die mir eine Freundin zum Lesen gegeben hat. Es ist ein Satz, der auch als Warnung dienen kann: Hazlitt hat die ganze Enttäuschung über seine Liebe zu Sarah Walker in einen autobiographischen Roman geschrieben, der den Titel Liber Amoris hatte.

Der Roman ruinierte das bisschen Karriere, das er hatte. Kritiker nannten es Silly Billy’s Tomfoolery, indecent trash oder schrieben the dirty abominations of the raffs of literature are far below notice. Nur ein oder zwei positive Kritiken gab es. Zum Beispiel diese: The 'Liber Amoris' is unique in the English language; and as, possibly, the first book in its fervour, its vehemency, and its careless exposure of passion and weakness—of sentiments and sensations which the common race of mankind seek most studiously to mystify or conceal—that exhibits a portion of the most distinguishing characteristics of Rousseau, it ought to be generally praised. Kierkegaard hat seine Trennung von Regine Olsen philosophisch verarbeitet, vielleicht auch mit fervour, vehemency, careless exposure of passion und weakness.

Dass ich am Schreiben bin, habe ich der Frau, über die ich, wie gesagt, einen Roman schreiben könnte, schon gesagt. Ich schreibe jetzt unsere Geschichte auf, sagte ich ihr am Telephon. Da musst Du Dich aber beeilen, sagte sie. Sie weiß nicht, wieviel an Autobiographischem ich schon geschrieben habe, sie liest meinen Blog nicht. Sie ist im Alter resignativ geworden, das tut mir weh. Ich kann lieb sein wie eine Katze, hat sie mir in das kleine Buch mit Katzencartoons von Siné geschrieben, das sie mir mal schenkte. Damals war ich noch nicht allergisch gegen Katzen, denen ich meinen ersten Asthmanfall verdanke. Die Sache mit unserer Geschichte ist doppeldeutig. Woran ich schreibe, ist zwar eine Geschichte von ihr und mir, aber es ist auch die Geschichte unserer Generation. Ich wäre derjenige, der den Roman der im Krieg Geborenen schreiben könne, hat mir Jimmy immer wieder gesagt. Und ich habe ihm immer wieder gesagt, dass ich kein Romanautor bin.

Ich habe schon Schwierigkeiten mit einer Kurzgeschichte, die erotischen Abenteuer der schönen Buchhändlerin (die ich mir ungefähr so vorstelle wie diese Frau auf dem Photo von Heike Steinweg) haben viel Zeit in Anspruch genommen. Mit dem, das ich erlebt habe, an dem ich teilgenommen habe, ist das eine ganz andere Sache. Es fällt mir leicht darüber zu schreiben, auch wenn es manchmal weh tut. Manchmal denke ich auch, dass ich das alles loswerde, wenn ich es aufschreibe. Schreiben als Therapie. Aber ich trinke nicht beim Schreiben, wie das Fitzgerald, Hemingway und Faulkner taten. Soll ich damit anfangen? Whisky wäre noch genug in der Speisekammer.

Ein Freund sagte mir vor Monaten, dass es eine gewisse Analogie zwischen mir und Proust gäbe. Ich habe darüber nachgedacht, und wenn ich mich auch keinen Augenblick lang mit Proust vergleichen will, es ist schon etwas dran. Früher habe ich gelesen, jetzt schreibe ich. Nicht im Bett wie Proust, und mein Asthma ist auch unter Kontrolle. Doch vieles in diesem Blog ist das niedergeschriebene Ergebnis einer Suche nach der verlorenen Zeit. Es ist natürlich keine verlorene Zeit, es ist eine gelebte Zeit. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, sagt Jean Paul. Ich habe das erstaunlicherweise noch nie zitiert, obgleich ich auf dem Schreibtisch einen Zettel habe, auf dem der Satz steht. Ich verdanke ihn einem Leser, der mir schrieb, dass es ein schönes Motto für meinen Blog sei. Aber man muss den Satz weiterdenken.

Was ich glücklicherweise nicht zu tun brauche, denn Urs Widmer hat das schon getan: Wie alle Schriftsteller bin ich ein Erinnerungselefant. Alle Schriftsteller sind das, durchaus unfreiwillig. 'Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können', sagt Jean Paul in einem berühmten, eigentlich stets zustimmend zitierten Satz. Vermutlich hat er ihn nicht so plakativ positiv gemeint. Denn zum einen ist die Erinnerung nur in den seltensten Fällen ein Paradies, viel häufiger eine Hölle und in der Regel das eine und das andere, zum andern können wir sehr wohl aus diesem Höllenparadies vertrieben werden. Schreiben ist Erinnern, und Erinnern ist eine Arbeit, die ganz nie geleistet werden kann.

Das mit dem Erinnerungselefanten hat mir besonders gut gefallen, das trifft auch auf mich zu. Diese Frau hier hat in meinem Leben keine Rolle gespielt, da bin ich ganz sicher. Ich bin nur auf die gekommen, weil ich letztens bei der Bildersuche von Google meinen Namen eingegeben habe. Also nicht nur dieses Jay, unter dem mich viele kennen, sondern der volle Name. Und was finde ich? Diese Frau, die ich überhaupt nicht kenne. Irgendwie ist das witzig. Aber ich brauche die nicht in meiner Welt, das ist mir zu cool, hat zu viel Styling. Nicht, dass nicht irgendjemand mit ihr glücklich werden kann, vielleicht ist sie ja auch nett. Das weiß ich nicht.

Nein, ich schreibe über andere Frauen. Frauen, die ich kenne. Oder zu kennen glaube. Wobei die Erinnerung auch in die Hölle führen kann. Die Frau, über die ich einen Roman schreiben könnte, mag inzwischen so aussehen wie Marika Lagercrantz, mit Spuren des Lebens im Gesicht. Die beiden sehen sich ein wenig ähnlich. Die Welt des Kinos bedeutete unserer Generation nach dem Krieg viel. Nicht die deutschen Heimatfilme und Kriegsfilme, aber all das, was aus Frankreich und Italien kam. Wir stilisierten uns nach Schauspielern, sie war immer Catherine Deneuve. Ich glaube, sie hat all ihre Filme gesehen.

Als ich den Post Wiederholungen geschrieben hatte, schrieb mir ein Freund, dass ich mich sehr weit vorgewagt hätte mit der Offenlegung von Gefühlen. Aber tue ich das nicht immer, wenn ich über Frauen schreibe? Wir waren ja so verklemmt damals, wir konnten uns unsere wahren Gefühle nicht so einfach mitteilen, sagte mir meine Jugendfreundin Ute letztens am Telephon. Jetzt im Alter können wir alles sagen. Und dann fügte sie hinzu: Du warst immer in meine kleine Schwester verliebt. Ich war baff. Wie kam sie darauf? Nein, ich war nicht in ihre kleine Schwester verliebt, aber ich fand sie sehr sexy. Eine kleine Brigitte Bardot mit roten Haaren und Stupsnase, die die ganze Schule bewunderte.

Wir redeten damals viel, aber wir fanden vielleicht nicht die richtigen Worte. Es ist nicht leicht, das Zauberwort zu finden, sodass die Welt zu singen anhebt. Ich redete damals viel, aber ich wusste nicht, was ich wollte. Da war ich wie Jean-Louis Trintignant in dem Film Ma Nuit chez Maude, zu dem Françoise Fabian sagt: J 'aime bien les gens qui savent ce qu'ils veulent.

Liebe war etwas Neues, auf das wir nicht vorbereitet waren. Wenn wir uns auch nicht alles im Gespräch sagen konnten, hatten wir doch eine Form der Kommunikation der Gefühle. Wir schrieben uns Briefe. Ich könnte mich ja immer noch in den Hintern beißen, weil ich vor Jahren Deine ganzen Briefe weggeschmissen habe, hat mir die Heidi vor Wochen gesagt. Die Heidi hat mir mal diese Karte von Jean-Pierre Desclozeaux geschickt und mit grüner Tinte draufgeschrieben Mein Freund Jay. Der kleine Mann in Gelb bin ich, ich wage mich immer zu weit vor.

Mein Satz Ich könnte einen Roman über sie schreiben, provozierte Gabis Antwort: Warum tust Du es dann nicht? Ich weiß, warum ich das nicht tue, ich hasse das Tippen. Ein paar hundert Seiten schreiben, das wäre nicht Schwierigkeit, aber das Tippen. Brrrr. Ich sitze nicht in der Würde des Alters in der Herbstsonne auf einer Parkbank, wie der Maler Peder Severin Krøyer den Maler und Dichter Holger Drachmann gemalt hat. Ich sitze barfuß am Computer, mit einer zerschlissenen Chino und einem alten Sweatshirt. Immerhin trage ich ein italienisches Luxushemd darunter. Ich will ja durchaus noch schreiben, aber ich will mich nicht durch einen Roman an den Computer fesseln lassen. Vielleicht fürchte ich mich aber auch vor dem Schreiben, denn sicherlich gilt Emmanuel Berls Satz: Le domaine du souvenir est trop vaste pour que je ne m'y perde pas, fût-ce dans ses moindres parcelles, et celui de l'oubli l'est encore davantage.

Ich glaube, ich belasse es erst einmal bei diesen kleinen autobiographischen Posts. To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment, hat Raymond Chandler gesagt. In meinem Blog heißt die Frau, über die ich, wie gesagt, einen Roman schreiben könnte, Ingrid. Das heißt aber nicht, dass sie wirklich so heißt. Ich habe das schon in dem Post poetic licence gesagt, dass viele der in diesem Blog erwähnten Frauen andere Namen bekommen haben. Ingrid ist häufig erwähnt worden. Auf dem Photo hier, das sich auch in dem Post Mit siebzehn findet, stehen wir nebeneinander. Das ist sicher kein Zufall, ich suchte ihre Nähe.

Sie taucht in vielen Posts auf, zum Beispiel in dem Post Heinrich Vogeler, da steht sie mit hochgezogenen Schultern am Fenster. Das war sicher eine Pose, im Posieren war sie gut. Sind alle Frauen. In dem Post Strände liegt sie mit ihrem neuen Bikini neben mir am Strand, das war keine Pose. Frauen werden sofort eins mit dem Strand, wenn die Sonne scheint. In manchen Posts ist sie die Hauptfigur, Liaisons dangereuses ist eigentlich nur für sie geschrieben. Der Post würde direkt in den Roman wandern, wenn ich ihn denn schriebe. Ein Roman, der eine careless exposure of passion and weakness ist.

Und manches steht schon in diesem Blog, das so aussieht, als sei es für diesen ungeschriebenen Roman geschrieben: Warum hast Du mich damals in den Dünen nicht aufgefangen, als ich sagte, fang mich auf? Du hättest mich haben können. Es ist Jahre später, sie liegt neben mir im Bett und raucht eine Zigarette. Das weißt Du genauso gut wie ich, sage ich, wir kennen uns so gut, dass wir die Gedanken des anderen lesen können. Vielleicht doch nicht so gut, wir leben auch alle damals an einander vorbei. Vielleicht wäre wirklich etwas aus uns geworden? Wir sind damals achtzehn, neunzehn, aber auch wenn unsere Generation mit achtzehn viel erwachsener ist als spätere Generationen, in der Liebe bleibt man ein Kind. Wir beziehen unsere Idee von der Liebe aus der Literatur, diese wunderbare Sublimierung unserer Gedanken, Träume und Hoffnungen. Eine zärtliche Gebärde, eine halbe Wendung des Kopfes, die Andeutung eines Gefühls, ein verhaltenes Wort. Oft nur ein Duft oder die flüchtige Erinnerung eines solchen genügen, und das schafft ja Marcel Proust beinahe auf jeder Seite, um das Wunder der Liebe aufleuchten zu lassen. Und wir sammeln atemlos diese Augenblicke des Glückes, so wie Opa seine Schmetterlinge und Hirschkäfer aufspießt.

Sonntag, 18. August 2019

Barett


Was Prince Charles hier auf dem Kopf hat, das kann er gerne tragen. Er besucht gerade ein Regiment der Fallschirmjäger, dessen Ehrenoberst er ist. Und die englischen Fallschirmjäger tragen nun mal dieses weinrote Barett. Sie haben es noch nicht so lange. Also nicht so lange, wie die 11. Husaren ihre roten Hosen haben. Die Mützen tauchen erst 1942 bei der British 1st Airborne Division auf, deren Kommandeur der General Frederick "Boy" Browning ist. Seine Gattin soll sich die weinrote Farbe der Mützen, die der Farbe der Automobile des königlichen Fuhrparks ähnelt, gewünscht haben.

General Browning (hier mit dem polnischen General Stanisław Sosabowski) hat nicht immer das rote Barett getragen, zu einer Ausgehuniform gehört nun mal eine Schirmmütze. So elegant Browning daherkommt, so unfähig ist er. Wenn einer das Fiasko des Unternehmens Market Garden, das für die Allierten in Arnheim endet, zu verantworten hat, dann ist er es. Seine Generalskollegen, vor allem die amerikanischen (James M. Gavin, der der erste Stadtkommandant von Berlin wird, äußert sich vernichtend über ihn), arbeiten ungern mit ihm zusammen und halten ihn für völlig unfähig.

Browning wird nach dem Desaster von Arnheim den General Sosabowski als Sündenbock ausmachen, was erstens wahrheitswidrig ist und zweiten völlig ungentlemanlike ist. Wenn man ihn in England offiziell nicht kritisiert, bekommt Browning doch nie wieder ein Truppenkommando, obwohl er die elegantesten Uniformen von allen englischen Generälen hat. Die er sich zum Teil selbst entwirft. Wenn Generäle sich erst ihre eigenen Uniformen entwerfen, ist das zwar gut für die Schneider der Savile Row, aber zweifelhaft für das Militär. George Patton hat das auch getan.

Die beiden Bilder hier hat die Witwe von General Browning nicht gern gesehen, sie zeigen Dirk Bogarde, der in dem Film A Bridge too Far den General Browning spielt. Bevor der Film in die Londoner Kinos kommt, versucht sie mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Film gezeigt wird. Die Witwe heißt Daphne du Maurier und ist eine weltbekannte Autorin von spannenden Geschichten. Hitchcock hat Jamaica Inn und Rebecca verfilmt, und auch The Birds basiert auf einer Erzählung von du Maurier. Ebenso Nicolas Roegs Film Don't Look Now.

Lady Daphne hat sehr gute Beziehungen zum englischen Königshaus, aber es hilft alles nichts, der Film kommt in die Kinos. Wogegen sie sich wendet, ist die Darstellung ihres Gatten durch Dirk Bogarde, der den General sehr elegant, ein wenig effeminiert und militärisch vollständig hilflos angelegt hat. Lady Daphne ist jetzt um den guten Ruf ihres verstorbenen Gatten bedacht. Das ist eigentlich erstaunlich, denn nach dem Krieg hat Browning nur noch gesoffen (weshalb er auch seine Ehrenposten im Buckingham Palast verloren hatte) und sie mit anderen Frauen betrogen. Aber die weinroten Mützen, die sich Daphne du Maurier ausgedacht hat, die sind immer geblieben.

Die militärischen Baskenmützen landen irgendwann auch bei der Bundeswehr. Zu meiner Dienstzeit glücklicherweise nicht, da trugen Offiziere wie auf diesem Bild eine Schirmmütze oder ein Schiffchen. Aber ab 1971 findet man das Barett bei den Panzertruppen und den Fallschirmjägern. Die Panzertruppe bekommt schwarze Baretts, so etwas hatten sie bei der Wehrmacht auch schon. Die Fallschirmjäger bekommen das Barett in der Farbe, die auch das Regiment von Prince Charles trägt. So weit, so gut, aber am Ende des Jahrzehnts musste die ganze Bundeswehr Barette tragen. Das sind eine Menge Mützen, die da angeschafft werden, denn die Bundeswehr hat noch eine Stärke von 480.000 Soldaten.

Ich finde es ja eine alberne Kopfbedeckung. Zum Kampfanzug im Manöver in Munster oder Sennelager meinetwegen, aber wenn der Generalinspekteur der Bundeswehr zum Ausgehanzug diese seltsame Wollmütze trägt, dann sieht das schon komisch aus. Der General steht hier neben der ehemaligen und der neuen Verteidigungsministerin. Er ist der einzige General, der da vorne steht, die Generalität glänzt beim großen Großen Zapfenstreich für Ursula von der Leyen durch Abwesenheit. Das war wohl eine politische Botschaft an die ungeliebte Ministerin. Die Marine schickte zwei Kapitäne zur See, keinen Admiral. Dabei haben wir doch genug von denen. Die Marineoffiziere fielen auf, weil sie die schönen goldbetreßten Schirmmützen trugen: die Bundesmarine hat den ganzen Barettunsinn nicht mitgemacht.

Es war sozusagen ein Zapfenstreich light, den das deutsche Fernsehen als Sondersendung übertrug. Das Fehlen hoher Offiziere, dafür aber durch die Bank schlechtsitzende Uniformen und ein grauenhaft dudelndes Musikkorps. Nach seinem eigenen Selbstverständnis ist das Musikkorps ganz großartig: Das Musikkorps der Bundeswehr ist eine Musikeinheit mit herausgehobenem Auftrag. Der Klangkörper führt repräsentative Konzertveranstaltungen im In- und Ausland auf höchstem musikalischen Niveau durch. Gleichzeitig gestaltet das Musikkorps der Bundeswehr gemeinsam mit dem Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung den Protokollarischen Ehrendienst im Westen Deutschlands und vertretungsweise in der Bundeshauptstadt. Das lassen wir lieber unkommentiert.

Die Engländer, denen wir die Barette verdanken, haben viel bessere Militärmusik. Das fängt schon mit der Homepage der Corps of Army Music an. Ich habe heute für Sie etwas Witziges zum Schluss; einen militärischen Flashmob. Videos mit musikalischen Flashmobs gibt es ja en masse bei YouTube (das hier ist mein Lieblingsvideo), aber ein militärischer Flashmob, das ist neu. Klicken Sie mal hier.


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Freitag, 16. August 2019

Peterloo Massaker


Den Ort Peterloo, an dem heute vor zweihundert Jahren das sogenannte Peterloo Massacre stattfand, den gibt es nicht. Der Name ist aus dem St Peter’s Field in Manchester und der Schlacht von Waterloo gebildet. Die Karikatur hier ist von George Cruikshank. Die Sprechblase enthält den Text: Down with 'em! Chop em down my brave boys: give them no quarter they want to take our Beef & Pudding from us! ---- & remember the more you kill the less poor rates you'll have to pay so go at it Lads show your courage & your Loyalty! Die englische Seite der Wikipedia ist sehr gut, aber noch besser ist der Artikel von Professor James Chandler über das Ereignis.

Percy Bysshe Shelley hört in Italien von den Vorfällen und schreibt The Masque of Anarchy. Lord Byron schreibt in einem Brief: To me it appears that you are on the eve of a revolution which won't be made with rose water however. Und sein Brieffreund Thomas Moore schreibt that England is a desolated country & hastening fast to its ruin. Der Satz gilt sicher noch für das heutige England.

Heute gibt es an der ehemaligen Free Trade Hall eine Tafel mit der Aufschrift: St. Peter's Fields: The Peterloo Massacre. On 16 August 1819 a peaceful rally of 60,000 pro-democracy reformers, men, women and children, was attacked by armed cavalry resulting in 15 deaths and over 600 injuries.

Kavallerie gegen friedliche Demonstranten, man kann nicht glauben, dass das wieder vorkommt. Aber es wird wieder vorkommen. 1932 reitet General Patton in Washington eine Kavallerieattacke gegen die Veteranen des Ersten Weltkriegs, die eine Aufbesserung ihrer Rente verlangen. Lesen Sie mehr dazu in diesem Post. Mike Leigh, der wichtigste Vertreter des englischen sozialkritischen Films, hat im letzten Jahr einen Film über das Peterloo Massacre gedreht. Er hat einmal über seine Filme gesagt: Ich treffe in meinen Filmen keine moralischen Urteile, ich ziehe keine Schlüsse. Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten. Ich weigere mich, Antworten zu geben, denn ich kenne die Antworten nicht. Sie können sich hier von ihm beunruhigen lassen, denn ich habe für Sie den ganzen Film parat.

Mittwoch, 14. August 2019

Multitalent


Der in Chicago geborene englische Schriftsteller Frederic Raphael wird heute achtundachtzig Jahre alt. Er hat über zwanzig Romane geschrieben und mehr als ein Dutzend Drehbücher. Und dann noch Biographien und Autobiographien. Von denen ist mir seine Biographie von Lord Byron das Liebste. Raphael war auf einer vornehmen Privatschule und hat in Cambridge Klassische Philologie studiert. Über seine Zeit an der Universität hat er Kurzgeschichten geschrieben, die die BBC 1984 als Oxbridge Blues verfilmte. Die Short Stories reichten ihm nicht aus, er schrieb auch noch einen dreiteiligen Universitätsroman, von dem die BBC dem ersten Teil unter dem Titel The Glittering Prizes als sechsteilige Serie anbot.

Dass er auf der Uni noch etwas anderes gelernt hatte, als über Studenten, Dozenten und Colleges zu schreiben, zeigte er später, als er Klassiker aus dem Griechischen und dem Lateinischen übersetzte. Eine Liebe zu Griechenland ist ihm geblieben, wie man seinem Buch Some Talk of Alexander entnehmen kann. Was immer er schreibt, er ist ein Meister des leicht nebenbei dahingeworfenen Bonmots. Mein Lieblingszitat von ihm ist: As Oscar Wilde should have said, when bad ideas have nowhere else to go, they emigrate to America and become university courses.

Er blieb nicht bei der Klassischen Philologie, erst einmal wurde er Drehbuchautor. Für den Film Darling hat er einen Oscar bekommen. Und falls Sie diesen Film nicht kennen sollten, ich habe den natürlich hier für Sie. Sein erster Film Nothing but the Best war eine schwarze Komödie, vielleicht nicht so bedeutend, wie die drei Filme, die dann kamen. Und die die Höhepunkte des englischen Kinos der sechziger Jahre waren: Darling (1965), Far from the Madding Crowd (1967) und die hübsche Komödie Two for the Road (1967) mit Audrey Hepburn.

Ich habe den Namen Frederic Raphael im Suchfenster meines Blogs eingegeben, und zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass es am 14. August 2015 schon einen Post namens Frederic Raphael gab. Das wusste ich wirklich nicht mehr, es sind hier jetzt beinahe 2.500 Posts, da verliert man schon einmal die Übersicht. Also gibt es heute nur mal die Geburtstagsgrüße und den Hinweis, dass man die Film im obigen Absatz durch Anklicken auf den Bildschirm holen kann.


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