Mittwoch, 13. März 2019

Geburtstagsfeier


Die Gäste sind weg, aufräumen tue ich morgen. Der Geschirrspüler ist ja gottseidank wieder heil. Küche unter Wasser, und das wenige Tage vor der Party. Der Miele Techniker hatte ihn am nächsten Tag repariert, aber es lag nicht am Geschirrspüler, es lag am Abfluss. Also her mit dem Klempner. Der kam in Gestalt eines Azubi, guckte sich alles an und sagte: Ich hol' mal meinen Pümpel. Er glaubte wohl allen Ernstes daran, das Problem mit seinem Pümpel lösen zu können. Nach einer Viertelstunde des Pümpelns sagte er: ich geh' mal runter zum Auto und hol' die Spirale. Hätte er gleich tun sollen. Jetzt habe ich zum erstenmal seit 15 Jahren einen wirklich einwandfreien Abfluss. Glücklicherweise kam Frau Lüke, die mir den Haushalt macht, am Nachmittag und brachte die Küche auf Vordermann.

Ich hasse Geburtstage, aber es hilft nichts. Ich lege erst einmal ein bisschen Nostalgie auf. Uschi Brüning, die Ella Fitzgerald der DDR. Hat auf jeden Fall Ulrich Plenzdorf seinen Romanhelden Edgar Wibeau in Die neuen Leiden des jungen W. sagen lassen: Ich glaube, sie ist nicht schlechter als Ella Fitzgerald. Sie hätte alles von mir haben können, wenn sie da vorn stand mit ihrer großen Brille und sich langsam in die Truppe einsang. Wie sie sich mit dem Chef verständigte ohne einen Blick, das konnte nur Seelenwanderung sein.

Zum Schreiben komme ich heute nicht, komme nicht mal dazu, die vielen E-Mails zu beantworten. Ist auch eine von Birte aus London dabei, Birte schien aus ungeklärten Gründen verlorengegangen zu sein. Wir haben am selben Tag Geburtstag, da waren die Mails eigentlich Pflicht. Dem Yogi muss ich noch schreiben, wo er doch endlich seine Green Card gekriegt. hat. Mit meiner schönen Buchhändlerin komme ich auch nicht weiter. Sie ist gerade dabei, sich mit dem Renault Händler zu verabreden. Ist sich aber nicht sicher, ob das mit ihnen was werden könnte. Ich könnte sie jetzt natürlich unter der Dusche Arabellas Arie Aber der Richtige, wenn's einen gibt für mich auf dieser Welt singen lassen, aber das wäre zu viel an Symbolik. In der Geschichte sind wie in Sommerurlaub Sprache und Emotionen abgespeckt, keine Symbolik, wenig Adjektive.

Wo bleibt bloß der Lieferservice von Schlemmerfreund? Die sollten Salate, Antipasti und gebratene Hähnchenflügel bringen. Wein habe ich schon, wegen des Rotweins konnte ich Hans Fander nicht mehr fragen, aber bei Tiemann war man sehr hilfreich. Und empfahl einen Wein aus dem Languedoc, der Heimat der französischen TroubadourePierre Richard hat da auch ein Weingut. Es klingelt, endlich der Lieferservice. Und dann kommt auch schon Gabi, das hatte sie angekündigt. Bringt die Geburtstagstorte mit, Schwarzwälder Kirsch, wie ich es mir gewünscht hatte.

Gabi dekoriert die Blumen neu, ein Strauß von Nina aus Bayern und ein wunderbarer Tulpenstrauß, den ich in die blaue Björn Wiinblad Vase stelle. Auf der Fleurop Karte stand kein Name, ich rufe den Blumenladen an. Man will mir den Namen des Absenders nicht sagen: Datenschutzgesetz. How daft can you get? Dabei hätten sie Geburtstagsgruß aus Düsseldorf auf die Karte schreiben sollen, wird mir die Heidi Tage später erzählen.

Ich stelle die Uschi Brüning erstmal ab, das ist nicht Gabis Welt. Gabi hat einen interessanten Geschmack, was Musik betrifft. Gut, die Barbara CD, die sie mir schenkte, kannte ich schon, aber Triosence war neu für mich. Madeleine Peyroux auch, die hat gerade Till Brönner in seiner Show auf KlassikRadio mit dem Hank Williams Klassiker I'm so lonesome I could cry gespielt. Die Gäste kommen in einer knappen Stunde, Gabi macht sich über die französischen Magazine her, die mir ein ehemaliger Studi immer aus Frankreich schickt. Insbesonders das Pointure Magazine interessiert die schuhverrückte Gabi, die in London im Laden von Manolo Blahnik beinahe ohnmächtig wurde.

Das Telephon klingelt. Wer ist das noch, es haben doch schon alle angerufen? Astrid ist noch in ihrem Museum, die ruft immer erst spät an. Ich schaue auf das Display des Telephons, nehme ab und sage: I love you. Es ist ein Anruf von der Frau, die ich von Zeit zu Zeit in diesen Blog geschrieben habe, und der ich im letzten Jahr hier gratuliert habe. Früher haben wir mal täglich telephoniert, nun ist sie schweigsam geworden. Reden ist Silber, Schweigen ist Blei, habe ich letztens in einem Brief von Marcel Proust gelesen. Jetzt reden wir miteinander, eine dreiviertel Stunde lang, wir haben viel aufzuholen. Diese ganze Zeit der Trennung, mais la vie sépare ceux qui s'aiment, tout doucement, sans faire de bruit et la mer efface sur le sable les pas des amants désunis, wie Jacques Prévert in Les Feuilles Mortes so schön schrieb.

Die Gäste sind da, der Rotwein gefällt. Wir kennen uns unser halbes Leben, aber wir haben uns immer noch etwas zu erzählen. Natürlich müssen wir böse Dinge über Jonathan Meese sagen, Gabi wohnt in Lübeck, die hat sich den Unsinn angeguckt. Und da wir beim Lästern waren, kam auch Horst Lichter mit Bares für Rares dran. Wir reden über die englische Krimiserie Der junge Inspektor Morse, die gerade bei zdf.neo zuende gegangen ist. Die Engländer haben erstklassige Krimis, aber drittklassige Politiker, was soll aus dem Land werden? Drei von uns haben Anglistik studiert, einer ist mit einer Engländerin verheiratet. Früher dachten wir mal, wir verstünden die Engländer. Gabi hat für den 29. März einen Flug nach London gebucht, ist da schon Brexit? Schluss damit, das bringt nichts, die englische Premierministerin wird nicht auf uns hören.

Also reden wir wieder über das Fernsehen. Alle haben den Film Klassentreffen gesehen, den die taz eine Sternstunde der Improvisation nannte. Unsere Klassentreffen sahen definitiv anders aus. Das Fernsehen ist nicht das Leben, wie gut, dass meine Jugend beinahe fernsehfrei war. Mein Vater zögerte lange, so ein Gerät zu kaufen. Bin ich ihm immer noch dankbar für. Der Abend geht zuende. Die Gäste essen alle noch ein Stück von der köstlichen Geburtstagstorte, dann gehen sie.

Aufräumen tue ich morgen.

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