Samstag, 25. August 2018

Hallöchen


Wenn ein Zwerg mit einem Riesenschnauzer Hallöchen sagt und dann ein dann bin ich der Horst folgen läßt, dann sind wir in der beliebtesten Sendung des ZDF. Wird immer gesendet, nachmittags, abends. Sonnabends auch. Ein Freund von mir hatte diese Sendung noch nie gesehen. Ich schickte ihm eine Folge (YouTube schwappt über mit solchen Folgen) und bekam folgende Mail: Das "Bares für Lichter" Stückchen hat mich doch mal wieder erschreckt. Triumph des Prolligen, Schwatzhaften, der Inkompetenz. Einfach grauenhaft, obendrein dann noch der schnauzbärtige Dummbeutel mit dieser pseudokumpeligen Zwangsduzerei. Dafür zahlen wir Gebühren. An dieser Stelle könnten wir aufhören, aber ich mache noch ein wenig weiter.

Bares für Rares hat qualitativ nichts zu tun mit einer seriösen Sendung wie Kunst + Krempel oder mit der Mutter all solcher Sendungen, der Antiques Roadshow der BBC. Wirklich Rares ist hier selten, vieles ist besserer Hausmüll. Nichts, wo man ausrufen möchte A thing of beauty is a joy forever. Häufig werden die Verkäufer von den Händlern über den Tisch gezogen und verkaufen ihre Stücke weit unter dem Schätzpreis. Schauen wir uns doch einmal so etwas an (⇨YouTube). Da kommt eine Frau mit einer goldenen Omega Constellation, einem Erbstück, das sie verkaufen möchte, um sich endlich eine Waschmaschine zu kaufen. An dieser Stelle lesen Sie vielleicht einmal den Post Constellation de Luxe, dann wissen Sie alles über dieses gesuchte Omega Modell. Sammler sind ganz scharf auf die frühen Connies mit dem pie pan Zifferblatt. Diese Modelle in einem schweren 18-karätigen wasserdichten Goldgehäuse können bei Auktionen Preise von 3.000 bis 4.000 Euro erzielen.

Zusammen mit Horst Lichter lernen die Verkäufer jetzt einen Experten kennen. In unserem Beispiel ist das Sven Deutschmanek (links). Im Gegensatz zu wirklichen Experten wie Dr Heide Rezepa-Zabel und Albert Meier ist Deutschmanek nicht für richtige Kunstgegenstände zuständig. Er darf Steiff Tiere, Schuco Blechspielautos und Mopeds bewerten, da ist er in seinem Element. Heute darf er eine Omega Constellation begutachten, er hat alles, was er sagt, schön auswendig gelernt. Sie zweifeln an diesem Satz? Hier ist nichts wirklich spontan, die Experten haben alles zuvor in der Hand gehabt. Und die Verkäufer, die es bis zu den Experten schaffen, haben Anreise und Übernachtung von ZDF bezahlt bekommen.

Unser Experte zeigt uns nicht das Uhrwerk der Constellation. Das ist ja nun das, was man eigentlich sehen will. Sammler sammeln Uhren wegen des tickenden Teufelsherzen innendrin. Nicht, weil die Uhr wie die goldene Omega noch ein Originalband aus den 50er Jahren besitzt. Das scheint Horst Lichters Händler brennend zu interessieren, einen Sammler, der die Uhr tragen will, interessiert das kaum. Ich hätte da noch ein Beispiel. Letztens kam eine goldene Taschenuhr, die Huber Urania signiert war, zum Verkauf. Unter diesem Markennamen bot Andreas Huber Präzisionsuhren an, die in den 30er Jahren häufig Werke von Helvetia und der IWC hatten (bei rechteckigen Uhren auch ein Raumnutzwerk). Diese Uhr hatte ein IWC Werk, das die Expertin Wendela Horz als typisches IWC Werk kennzeichnete.

Und das war es eben nicht. Es war die Qualität extra mit Schwanenhalsfeinregulierung und dreifach verschraubtem Kron- und Sperrad. Der Vierkant vom Sperrad deutet darauf hin, dass das Federhaus eine Malteserkreuzstellung (Bild) enthält. Die Uhren der Qualität extra wurden übrigens im Observatorium Neuchatel einer Chronometerprüfung unterzogen. Von dem typischen IWC Werk kann man hier nicht reden.

Das Hesalitglas der Omega ist verkratzt, das kann man polieren. Ist in zwei Minuten fertig, kostet keine 40 bis 50 Euro, von denen der Horst redet. Kratzer vom Saphirglas kann man nicht entfernen, sagt der Sven. Wie allerdings bekommt man Kratzer auf ein Saphirglas? Ist sehr schwer. Aber auch hier kann man mit Diamantpaste polieren. Wir entlassen nun unsere Verkäuferin zu den Händlern. Vorher darf sie, wie alle in dieser Sendung, noch aufsagen, wie glücklich sie ist, die Händlerkarte zu haben. Wenn die Dame, die gerne ihre goldene Constellation gegen eine Waschmaschine tauschen möchte, in den Händlerraum kommt, wird es wirklich komisch. Fabian Kahl (Bild) bezeichnet das Exponat als Einsteigermarke für Uhrensammler. Einsteigermarke? Junghans ist eine Einsteigermarke, aber nicht Omega. Das hier ist das Beste, das Omega in den 50er und 60er Jahren gebaut hat. Hiermit haben sie, vor allem, als sie die 550er Kaliber hatten, Rolex als größten Chronometerfabrikanten der Schweiz weggefegt.

Noch nicht genug der Tollerei. Nun diskutiert man allen Ernstes, ob es eine Automatik oder eine Handaufzugsuhr ist. Man einigt sich auf Handaufzug, obgleich das Wort Automatic groß auf dem Zifferblatt steht, und es die Constellation damals nur als Automatik gab. Am Ende geht die Constellation für 200 Euro unter dem schon niedrigen Schätzwert weg, die Frau, deren Waschmaschine seit drei Jahren kaputt ist, kann sich jetzt eine neue kaufen. Und dann kommt der nächste, zu dem der Horst Hallöchen sagt. Und so geht das immer weiter. Wäre das hier ein Privatsender, man würde kein böses Wort sagen. Aber dies ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, der zur Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten soll. Ist das hier Unterhaltung? Oder doch Kultur?

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