Sonntag, 24. September 2017

Wahl


Der Dichter Roman Herberth, der Die nächste Wahl geschrieben hat, ist nur im Internet zu finden. Es ist wohl auch keine große Lyrik, aber es ist ganz nett. Es soll uns daran erinnern, dass wir heute zur Wahl gehen sollen. Alle wollen unsere Stimme, das ist doch mal ein schönes Gefühl:

An den Häusern Wahlplakate.
An den Littfass Säulen auch.
Das ist Werbung ohne Gnade.
Und ein allgemeiner Brauch.

Schwarze, Rote, Grüne, Gelbe
Alles Linke oder nicht?
Wie es ausschaut, fast dasselbe,
stets ein lachendes Gesicht.

Kurze Floskeln und Parolen.
Einprägsam und inhaltsleer.
Stets parteiisch, unverhohlen.
Und die Worte wiegen schwer.

Alle locken und versprechen.
Kleine Übel sind gefragt.
Doch das wird sich später rächen,
wenn der Klüngel wieder tagt.

Auf Plakaten Schmierereien.
Die Gesichter sind entstellt.
Und ich möchte prophezeien.
Dass kein Kreuz vom Himmel fällt.

Samstag, 23. September 2017

Pedersen + Pedersen


Pedersens gibt es in Dänemark wie Sand am Meer. Der berühmteste ist für manche der Erfinder des Pedersen Fahrrads. Aber über den will ich nicht schreiben, heute soll der Maler Carl-Henning Pedersen das Thema sein. Er wurde am 23. September 1913 geboren und ist berühmt dafür gewesen, dass er zur Gruppe CoBrA gehört hat. Die hat ihren Namen nach den Städten Copenhagen, Brüssel und Amsterdam, und der Name verursacht bei mir immer eine missliche Laune.

Weil ich mal ein Bild von einem Maler aus der Gruppe hätte kaufen können und es nicht getan habe. Ich ärgere mich noch heute. Es war ein quietscherotes Haus hinter einem grünen Deich, hätte mich dreihundert Mark gekostet. Das war im Sommer 1974, als man zur Kieler Woche Bilder der Gruppe Cobra und andere Maler aus Nordjyllands Kunstmuseum in Aalborg (hier der Katalog) sehen konnte. Manche der Bilder, wie eben dieses rote Haus, standen zum Verkauf. Reden wir nicht mehr darüber.

Carl-Henning Pedersen hat nicht nur wilde bunte Bilder gemalt, er hat auch in den achtziger Jahren den Dom von Ribe neu ausgemalt. Nicht mit diesem konventionellen neugotischen Kitsch, der alle Kirchen des 19. Jahrhunderts schmückt, sondern mit einer luftigen Fröhlichkeit, die einen ein wenig an die Welt von ➱Carl Larsson denken lässt. Da geht man fröhlich zum Gebet. I had painted it as a celebration of life. And then this clergyman said that I was a pagan ... And if he had known ... he'd have done what he could to prevent it, hat ➱Petersen gesagt.

Das Witzigste von Ribe war für mich immer der Heilige George mit diesem komischen kleinen Drachen im Eingang des Doms. Die älteste Domkirche von Dänemark, deren Steine man aus dem Rheinland herangeschifft hatte, hat einen hohen Turm, von dem aus man weit über die Nordsee gucken kann. Mir hat vor einem halben Jahrhundert ein Fremdenführer erzählt, dass man bei gutem Wetter bis England gucken kann. Aber das war natürlich gelogen.

Ich nehme an, dass ich das Katzenkopfportal von Ribe schon in dem Post Kirchen erwähnt habe. Was Katzen- oder Löwenköpfe betrifft, da kenne ich mich aus. Weil ich vor einer halben Ewigkeit die Vorlesung des Kopenhagener Professors Otto Norn (einem der Herausgeber des Standardwerks ➱Danmarks Kirker) gehört habe. Was Otto Norn damals nicht kennen konnte, war Pedersens Ausschmückung der Apsis des Doms mit Fresken, Glasfenstern und Mosaiken. Die lockt sogar Kinder in die Kirche, mehr kann man als Maler nicht erreichen. Wenn Sie hier klicken, können Sie das Ganze auch noch als Video sehen.

Ich habe auch einen Pedersen an der Wand, aber der ist nicht so berühmt wie Carl-Henning Pedersen. Mogens Jens Kragh Pedersen ist auch 1913 geboren und war auch Autodidakt, war aber nie bei der Gruppe Cobra (obgleich er mit diesem Bild aus den dreißiger Jahren hätte dahin finden können), und ist auch keine 93 Jahre alt geworden wie Carl-Henning Pedersen. Mein Pedersen ist eigentlich kein Pedersen, sondern ein Kragh Pedersen.

Er war der Sohn des Malers Hjalmar Alexander Kragh Pedersen, von dem ich hier mal eben eine geheimnisvolle Landschaft abbilde, die ein wenig an die ➱pittura metafisica erinnert. Mogens Pedersen hat bei seinem Vater und Kræsten Iversen gelernt. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien bekommen. Die erstaunlichste Zeit in seinem Leben war die Zeit von 1939 bis 1941, da überraschte ihn der Krieg, als er in Frankreich war. Er blieb. Nicht irgendwo - im Haus von Auguste Renoir in Cagnes-sur-Mer. Von dort schickte er ständig Artikel (mit vielen eigenen Ilustrationen) über das Haus und das Leben in Frankreich an die Zeitung Social-Demokraten. Mogens Pedersen ist Sozialist. Carl-Henning Pedersen, der sich einmal furchtbar mit Bert Brecht gestritten, als der im dänischen Exil lebte, ist Kommunist.

Ähnlich wie Carl-Henning Pedersen eine Kirche bemalt, hat auch Mogens Kragh Pedersen Wände bemalt. Sechs Jahre lang (1925-1931) hat er als Assistent von Kræsten Iversen den Rittersaal und den Thronsaal von Schloss Christiansborg ausgeschmückt. Da lernt man künstlerisch wenig, aber technisch sicherlich sehr viel. Carl-Henning Pedersen erhält in dieser Zeit Malunterricht bei der dänischen Malerin ➱Else Alfelt, die er später heiraten wird.

So modern wie dieses Bild hier ist mein Mogens Pedersen nicht, der ist eher handfest naturalistisch. Ein wenig modern aber schon. Mein Bild zeigt einen Flur in einem Bauernhaus, der auf eine Tür zum Garten zuläuft. Der Rahmen der Tür rahmt ein kleines Bild im Bild, das Draußen. Voller saftigem Grasgrün, im Hintergrund ein beginnender dunkler Wald. In der Bildmitte ein herrlicher impressionistischer Misthaufen. Anna Ancher hat solche Interieurs gemalt. Die ➱Holländer natürlich auch (wie in diesem Bild von ➱Jan Hendrik Weissenbruch), in Vermeers Liebesbrief ist auch ein Bild im Bild gerahmt. Sie könnten jetzt mal eben den Post ➱Peepshow anklicken. Es gibt auf dem Bild keine Menschen, keine Hühner, keine Gänse. Eine Studie in Licht und Schatten. Auf dem Boden des Flurs ist ein großer Lichtfleck, aber ich weiß nicht, woher das Licht kommt. Man muss nicht alles wissen.

Ich liebe diese Geschichte von Robert Walser, wie er mit seinem Gönner Carl Selig am Wochende durch die Schweiz wandert. Am Wochenende, da hat er Ausgang aus der Anstalt. Einmal weigert er sich ein klosterähnliches barockartiges Gebäude zu betreten: Das ist alles viel hübscher von außen. Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht. Brutal wird alles begehrt und in Besitz genommen.

Wenn ich ein Mobiltelephon hätte, könnte ich das Bild ja photographieren, aber ich habe keins. Mein Gemälde mit dem Durchgang zum Garten ist signiert, und ein dänischer Kunsthändler hat hinten auf einem angeklebten Zettel eine kurze Biographie aufgetippt. Die 1931 endet, ich nehme mal an, dass das Bild aus den frühen dreißiger Jahren stammt, bevor Mogens Kragh Pedersen zum diesem hellen Kubismus fand.

Carl-Henning Pedersen ist natürlich viel berühmter als mein Mogens Pedersen, er ist neben Asger Jorn wohl Dänemarks berühmtester Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder sind teuer, die von Mogens Pedersen nicht so sehr. Man kann die sogar bei ebay finden. Carl-Henning Pedersen hatte einen Danebrog Orden bekommen. Mogens Pedersens Lehrer Kræsten Iversen auch. Und die Königin wird mir den irgendwann auch noch verleihen, weil ich immer so nette Dinge über Dänemark schreibe. Die Sie gerne lesen, weil diese Posts, von den Leserzahlen her, alle Bestseller sind.

Lesen Sie auch: Mein Dänemark, Dänische Kunst, Des Königs Jaguar, Skagen, Skandinavische Mode, Niels Bohr, Nordlichter

Mittwoch, 20. September 2017

Theodor Storm


Theodor Storm hat in diesem Jahr ein Jubiläum. Ich bemerkte das in den Zeitungen, überall war von ihm die Rede. Nur nicht in diesem Blog. Ein Leser hat das beklagt. Fragte mich, ob mir das zu viel Spökenkiekerei bei Storm wäre. Dabei wäre ich vorbereitet gewesen, um am 14. September, dem 200. Geburtstag von Storm, etwas zu schreiben. Ich hatte letztens Bücher aufgeräumt und bei dieser schönen Tätigkeit zwei Bücher über Storm gefunden. Das erste war die Biographie von Karl Ernst Laage Theodor Storm: Leben und Werk. Grundsolide, substantiell, manchmal ein wenig langweilig. Obwohl nicht unwitzig. Das Ganze wirkt wie ein umgestürzter Zettelkasten der jahrzehntelangen Forschung. Und dennoch gibt es immer wieder Interessantes. Von der manchmal exzentrischen Kleidung Storms bis zu den hölzernen Eulen, die der junge Emil Nolde ihm für den Schreibtisch schnitzt. Der Autor, der auch das Storm Archiv und das Storm Museum aufgebaut hat, besitzt leider keinen Wikipedia Artikel, da sollten die Storm Fans vielleicht einmal tätig werden.

Karl Ernst Laage, der in diesem Jahr im Alter von siebenundneunzig Jahren starb, war sicherlich der führende Mann, was die Forschung zu Storm betrifft. Vielleicht hätte es die ohne ihn gar nicht gegeben. Er folgte seinem Vater Carl Laage als Sekretär der Storm Gesellschaft und wurde auch der Vorsitzende der Gesellschaft. Wenn Sie ein Buch über Storm lesen wollen, dann sollten Sie mit diesem Buch anfangen, dem der Autor ein Zitat von Thomas Mann voranstellt: Storm: ein vergeistigter Schifferkopf, etwas schräg gehalten, Wetterfältchen in den Winkeln der zugleich träumerischen und spähenden blauen Augen, die Bitternis hochbedürftiger und skrupulöser Anstrengung um den Mund ... Man erfährt natürlich auch viel über Storm, wenn man seinen Briefwechsel mit Theodor Fontane oder Ludwig Pietschs ➱Wie ich Schriftsteller geworden bin: Der wunderliche Roman meines Lebens liest. Den Pietsch, den mir ➱Friedrich Hübner geschenkt hat, kann ich unbedingt empfehlen. Und das gerade erschienene ➱Storm-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung sollte man wahrscheinlich auch empfehlen.

Die zweite Biographie kann man sicher auch empfehlen, weil man eigentlich alle Bücher von Heinrich Detering (der einmal Ordinarius in Kiel war) empfehlen kann. Das Buch heißt Kindheitsspuren: Theodor Storm und das Ende der Romantik, und es ist Karl Ernst Laage zum neunzigsten Geburtstag gewidmet. Und das ist ein schönes Geschenk, das der neue Vorsitzende der Storm Gesellschaft seinem Vorgänger da macht. Es gibt noch eine neuere Biographie (da hat sich seit der Biographie von Franz Stuckert, die 1955 bei Schünemann in Bremen erschien, viel getan) von Jochen Missfeldt, einem ehemaligen Bundeswehr Piloten, der jetzt Schriftsteller ist. Sie wurde etwas gemischt aufgenommen, kann man bestimmt lesen. Man sollte aber bedenken, dass der Autor nicht das philologische Rüstzeug mitbringen kann, das Laage und Detering zur Verfügung steht.

So betont er dann eher das Sensationelle, was vielleicht Leser bringt, und bringt wieder einmal die abgedroschene Sache mit der angeblichen Pädophilie Storms aufs Tapet. Detering geht bei der Präsentation der Bertha von Buchan Geschichte sehr viel feinfühliger vor. Aber auch bei ihm hat sich die Kleine auf das Umschlagsbild verirrt. Detering hatte schon vorher in dem Buch Zwischen Mignon und Lulu: Das Phantasma der Kindsbraut in Biedermeier und Realismus über das Thema geschrieben. Pädophilie? erste Liebe? Verbalerotik? - durch Bertha von Buchan wird Storm zum ➱Dichter:

Aus eigenem Herzen geboren,
Nie besessen, dennoch verloren. 


Ihr Aug' ist blau, nachtbraun ihr lockicht Haar,
Ein Schelmenmund, wie jemals einer war,
Ein launisch' Kind; doch all' ihr Widerstreben
Bezwingt ihr Herz, das mir so ganz ergeben.


Wir sollten ihn als Dichter nicht unterschätzen, nicht nur, weil er Knecht Ruprecht geschrieben hat. Er gibt mit seiner leisen Wehmut viel, vor allem in seinen ➱Liebesgedichten:

Heute, nur heute
Bin ich so schön;
Morgen, ach morgen
Muß alles vergehn!
Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein.


Thomas Mann, der in ihm einen Geistesverwandten sah, bescheinigte ihm die absolute Weltwürde der Dichtung und schrieb: Korrekt gerade ist eigentlich nichts bei Storm — als so begehrenswert ihm selbst das Bild des gemütvoll Korrekten möge ... so versucht und bemüht er gewesen sein mag, sein Leben und Wesen nach diesem Wunschbilde zu stilisieren. Was von Storm kam, ist nicht Storm; er setzt sich durch Anspruch, Kraft, Feinheit, Präzision, Persönlichkeit, Kunstgetragenheit gegen alles schlaff Bürgerliche ab, das an ihn .anzuknüpfen' meinte, wie er sich eben dadurch, durch sein Künstlertum einfach, schon gegen den spätromantischen Dilettantismus absetzte, von dem seine eigene Zeit wimmelte. Das Fazit von Manns Aufsatz zu Theodor Storm war: Er ist ein Meister, er bleibt.

Mein Vater liebte Theodor Storm. Immer wenn wir nach Sylt oder ➱Dänemark fuhren, nahmen wir die Elbfähre und trödelten langsam die Westküste entlang. Mein Vater kam aus der Gegend, er hatte uns immer etwas zu zeigen. Reimer Bull (der ➱hier einen Post hat) kam auch daher. Er erzählte mir einmal eine Geschichte, die mit einem Ortsnamen begann, und er fügte hinzu: Sie werden nicht wissen, wo das ist. Woraufhin ich ihm ins Wort fiel und sagte: Und ob ich das weiß, mein Vater ist dort geboren.

Ich stieg ganz gewaltig in Reimer Bulls Achtung. Vielleicht waren es Sätze wie diese, die meinen Vater zu Storm brachten: In der Landschaft, wo ich geboren wurde, liegt, freilich nur für den, der die Wünschelrute zu handhaben weiß, die Poesie auf Heiden und Mooren, an der Meeresküste und an den feierlich schweigenden Weideflächen hinter den Deichen; die Menschen selber dort brauchen die Poesie nicht und graben nicht danach. Unsere Westküstenfahrt führte uns immer durch Husum, und jedes Mal - Sie ahnen schon, was kommt - fühlte sich mein Vater genötigt, das Gedicht von der grauen Stadt am Meer zu rezitieren. Ich kann es immer noch auswendig.

Ich habe am 14. September, dem 200. Geburtstag von Theodor Storm, nichts über Storm geschrieben. Nichts über die Husumerei und die Provinzsimpelei, die Fontane ihm vorwarf. Es hat einen simplen Grund: ich habe zu wenig von Storm gelesen. Dies Bild von ➱Friedel Anderson vom Husumer Hafen stammt aus einer Hommage an Theodor Storm und es lässt mich noch einmal zu der Husumerei zurückkehren. Es ist mit Fontanes Berliner Snobismus zu kurz gedacht, denn letztlich macht Fontane nichts anderes als Storm, er schreibt über seine Heimat.

You have to have somewhere to start from: then you begin to learn. It dont matter where it was, just so you remember it and aint ashamed of it. Because one place to start from is just as important as any other. You’re a country boy; all you know is that little patch up there in Mississippi where you started from, hat Sherwood Anderson zu William Faulkner gesagt. Und Faulkner schreibt that little patch up there in Mississippi auf die Landkarte der Weltliteratur. Er nennt es Yoknapatawpha, es ist sein Husum.

Natürlich habe ich den ➱Schimmelreiter gelesen, diese Geschichte des Hauke Haien, einer langen Friesengestalt mit klugen grauen Augen. Viele Leser haben das autobiographisch gelesen. Aber Storm war keine lange Friesengestalt, er war mittelgroß und ging leicht gebeugt. Natürlich habe ich auch den ➱Film gesehen, den habe ich in diesem Blog immer wieder mal erwähnt. Mein erstes Storm Erlebnis war aber nicht der reitende Deichgraf, sondern ein Buch, das den rätselhaften Titel ➱Aquis Submersus hatte. Es war eine alte Reclam Ausgabe aus den dreißiger Jahren, die ich bei meinem Opa fand und mir erst einmal mopste. Die Novelle beeindruckte mich damals sehr, und die Spökenkierei und das Geheimnisvolle von Storm war auch hier zu finden:

Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand.

Das bleibt im Gedächtnis, das werden wir nicht mehr los. Und dieses Bild, auf dem wir auch das aquis submersus finden, bleibt blass gegen das Stormsche Bild. Die deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts lieben es, eine Portion des Unheimlichen in ihre Erzählungen zu mischen. Ob das der Chinese in ➱Effie Briest ist oder dieser Reiter auf dem Deich, den Storm lange im Kopf hat und den er erst in einen Roman schreibt, wenn er schon am ➱Sterben ist. Aquis Submersus ist halb so lang wie der ➱Schimmelreiter, beides sind Novellen. Keine Romane. Storm hätte nicht ➱Krieg und Frieden oder ➱Vor dem Sturm schreiben können. Die Engländer schreiben im 19. Jahrhundert dreibändige Romane, die Deutschen perfektionieren die Novelle. Von ➱Michael Kohlhaas bis ➱Leutnant Gustl.

Manchmal sind Storms Novellen historische Erzählungen, Chroniken (Aquis SubmersusRenateEekenhofZur Chronik von Grieshuus und Ein Fest auf Haderslevhuus). Eine hat sogar das Wort Chronik im Titel (Zur Chronik von Grieshuus). In den Chroniken müssen wir mit dem Erzähler abwärts steigen in die Vergangenheit. Und irgendwann treffen wir auf den ersten Erzähler, dessen Name in dem noch erhaltenen Kirchenbuche verzeichnet steht, wie es in Eekholt heißt. Es bleibt häufig nicht bei dem einen Erzähler, Storm erzählt verschachtelt, manchmal erinnert das an ➱Emily Brontë. Wenn man das Ganze kürzer haben will, weil unsere Zeit keine Zeit mehr hat, dann muss man zu Twitter gehen. Dort schreibt der Schimmelreiter selbst unter ➱Schimmelreiter live @storms_hauke.

Fontane füllt in meinen Regalen einige Meter, Wilhelm Raabe hat auch einen guten Meter. Storm nur die zwei Bände der Tempel Klassiker. Und die habe ich auch nur zufällig in der zweiten Reihe gefunden, weil ich letztens das Regal der Autoren, deren Name mit S anfängt, geordnet habe. Hatte ➱Stifters ➱Nachsommer in der Hand (immer noch nicht zu Ende gelesen) und dann den ganzen ➱Arno Schmidt. Da herrscht jetzt schöne Ordnung, das würde Arno gefallen. Er hat ja auch mal gesagt: Ich bin seit einigen Jahren so weit, dass die deutsche Literatur für mich mit Stifter und Storm aufhört. Wo Arno Schmidts Regalwelt aufhört, fängt ➱Albert Vigoleis Thelen an. Und Storm in der zweiten Reihe, das hat Symbolwert. Ich glaube, ich stelle ihn mal nach vorn.

Montag, 18. September 2017

Ehrenworte


Man kann in Flensburg Punkte sammeln, aber man sollte das lieber lassen. Man könnte allerdings das Flensburger Modell auf die Politik übertragen, das las ich letztens bei Erich Maletzke. Erich Maletzke hat Englisch und Geschichte studiert, aber er ist kein Studienrat geworden. Er wurde Journalist und hat auch mindestens ein Dutzend Bücher geschrieben. Und man konnte ihn im Radio mit seinem Ironischen Wochenrückblick hören. Ironie ist etwas, was Maletzke meisterhaft beherrscht. In seinem Buch Zwischenrufe aus Schleswig-Holstein macht er im Kapitel Bürokratisches einen verblüffenden Vorschlag: ... jeder Verkehrsteilnehmer weiß ganz genau, was er sich leisten kann, ehe der Führerschein kassiert wird. Was liegt eigentlich näher, als dieses bewährte System auch in der Politik einzuführen. Für jede Lüge gäbe es einen Punkt, für jede von einem Amigo bezahlte Reise drei Punkte, und wenn das Konto auf sechs Punkte angewachsen ist, erfolgt automatisch ein Politik-Verbot für die Dauer eines Jahres...

Man sollte überlegen, ob man Maletzkes Vorschlag nicht noch verfeinert und für ganz schlimme Lügen gleich drei Punkte verteilt. Ich denke da an Sätze wie: Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben oder Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Oder der Satz von Frau Schavan: Ich bin davon überzeugt, dass die Plagiatsvorwürfe unberechtigt sind und dass sie ausgeräumt werden. Hier könnte noch mehr stehen, zum Beispiel diese ➱Silvana Koch-Mehrin, aber wir lassen es mal dabei.

Wir hatten uns daran gewöhnt, mit der gelegentlichen politischen Lüge zu leben, bis uns die Regierung von Donald Trump völlig neue Dimensionen eröffnet hat. Das postfaktische Zeitalter, in dem die Nasen länger und die Beine kürzer werden, hat die politischen Visionen von George Orwell längst überholt. Das Punktesystem von Maletzke ist nett, aber es wird nichts helfen. Die Lüge ist wie ein Schneeball: je länger man ihn wälzt, desto größer wird er, wusste schon Martin Luther.  Und Bismarck soll gesagt haben: Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.

Die Lüge gehört zu den Grundlagen der Politik. Versichert uns Hannah Arendt in ihrem Essay Wahrheit und Lüge in der Politik: Wahrhaftigkeit ist nie zu den politischen Tugenden gerechnet worden, weil sie in der Tat wenig zu dem eigentlich politischen Geschäft, der Veränderung der Welt und der Umstände, unter denen wir leben, beizutragen hat. Dies wird erst anders, wenn ein Gemeinwesen im Prinzip sich der Lüge als einer politischen Waffe bedient, wie es etwa im Falle der totalen Herrschaft der Fall ist; dann allerdings kann Wahrhaftigkeit als solche (...) zu einem politischen Faktor ersten Ranges werden. Wo prinzipiell und nicht nur gelegentlich gelogen wird, hat derjenige, der einfach sagt, was ist, bereits zu handeln angefangen, auch wenn er dies gar nicht beabsichtigte. In einer Welt, in der man mit Tatsachen nach Belieben umspringt, ist die einfachste Tatsachenfeststellung bereits eine Gefährdung der Machthaber.

Heute vor dreißig trat ein deutscher Ministerpräsident vor die Öffentlichkeit und sagte: Meine Damen und Herren, über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind. Es war seine Reaktion auf einen Artikel des Spiegel, der schlimme Dinge aufdeckte. Gegenüber Journalisten hatte Uwe Barschel wenige Tage zuvor noch gesagt: Das Einzige, was an dem Artikel stimmt, ist die Schreibweise meines Namens. Aber von dem Artikel des Spiegel stimmte noch mehr, viel mehr. Ich konnte das Ereignis vor fünf Jahren nicht auslassen und schrieb den Post ➱Ehrenwort. Wurde nicht gelesen. Politische Lügen interessieren niemanden mehr, mit oder ohne Ehrenwort.

Da ich oben zwei Doktoranden erwähnte habe, möchte ich noch einmal auf das Thema Doktorarbeit zurückkommen. Herr Barschel besaß zwei Doktortitel, was ihm auch den Spottnamen Dr Uwe Uwe einbrachte. Dem Gerücht nach soll es sich um dieselbe Arbeit (Die Stellung des Ministerpräsidenten von Schleswig- Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Gewaltenteilung) gehandelt haben, die mit leicht verändertem Titel einmal den Politologen und zum anderen den Juristen vorgelegt wurde. Das stimmt nicht ganz, aber wir lassen das mal so stehen (ich kenne übrigens Barschels Ghostwriter, dem der Dr Uwe Uwe zum Dank eine schöne Karriere sicherte). Die Arbeit ist nicht gerade auf hohem Niveau. So heißt es in dem Suhrkamp Band Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche von Hans U. Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer:  Neben seiner politologischen Dissertation hat Barschel noch eine juristische Doktorarbeit über die Rechtspolitik der CDU geschrieben, wobei ihm der doppelte Doktor den Spitznamen »Baby Docdoc» einbrachte. Beide Dissertationen sind von geradezu bestürzender Dürftigkeit - nichts als Kompilationen von CDU-Papieren und verfassungsgeschichtlichen Gemeinplätzen.

Bei dem Untersuchungsausschuss zur Barschel Affäre tat sich der junge Abgeordnete Dr Trutz Graf Kerssenbrock hervor, was seiner Partei der CDU überhaupt nicht gefiel. Und wie rächt man sich an dem Nestbeschmutzer? Barschel mochte tot in der Badewanne liegen, aber die Methoden, mit denen er regiert hatte, die waren ja noch vorhanden. Da zweifelt man doch als erstes mal den Doktortitel des Grafen an, und die Juristische Fakultät der Christian Albrechts Universität tut das, was sie in der Ära Barschel gewohnt war: sie kriecht und kuscht. Und drängt Kerssenbrock zur Rückgabe des Titels. Völlig zu Unrecht, wie sich herausstellte, er hat seinen Titel längst zurück.

The aim of the liar is simply to charm, to delight, to give pleasure. He is the very basis of civilized society, hat Oscar Wilde gesagt. Er kann Barschel nicht gemeint haben. Als der bei seiner Pressekonferenz durchgeschwitzt und vollgekokst seine Erklärung abgab und danach den Kopf in den Händen verbarg, war da nichts von Charme und Vergnügen.

Freitag, 15. September 2017

Kühe


Vor neun Jahren gab es in der Hamburger Kunsthalle eine große Ausstellung für Jakob Philipp Hackert. Mein Freund Götz klagte darüber, als er aus Hamburg zurückkam, wie da versucht wurde, einen zweitklassigen Maler zu einem bedeutenden Künstler zu stilisieren. Der Ausstellungstitel Europas Landschaftsmaler der Goethezeit war schon ein wenig zu hoch gegriffen. Mein Freund Götz besitzt einen  Atkinson Grimshaw und einen Gainsborough, der nicht ganz echt ist. Und er ist in den letzten Jahrzehnten bestimmt in allen wichtigen Ausstellungen gewesen. Sein Urteil wird sicher stimmen. Ich habe mir Hamburg geschenkt, ich mag Hackert nicht. Der Maler wurde heute vor 280 Jahren geboren, deshalb soll er einen kleinen Post bekommen. Aber wirklich nur einen kleinen.

Goethe mochte ihn: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt [...]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.
Diese Darstellung der Wasserfälle von Tivoli ist von Hackert, nicht von Goethe.

Goethe hat auch den Nachruf für seinen Zeichenlehrer geschrieben, Teile davon habe ich in dem Post ➱Johann Adam Ackermann zitiert (es ist ein Post, den die Leser lieben). Der Mainzer Maler Ackermann war genau wie Hackert in Paris, aber er hatte mit ➱Jacques-Louis David einen berühmten Lehrer. Wirklich berühmte Lehrer hat Hackert nie gehabt. Dafür konnte er ganz gut Kühe malen. Nicht so gut wie ➱Thomas Herbst, aber immerhin. Hackert kaum aus einer Künstlerfamilie, Vater und Onkel waren Maler, vier seiner Brüder auch. In Berlin war Hackert Schüler bei Blaise Nicolas Le Sueur, der ein Akademiedirektor, aber kein bedeutender Maler war.

Goethe ist mit seinen Aussagen über die Bildende Kunst immer mit Vorsicht zu genießen. Über Caspar David Friedrich hat er gesagt: Die Bilder von Maler Friedrich können ebensogut auf den Kopf gesehen werden. Wir lassen das mal so stehen. Es ist Goethe (oder dem Hofrath Heinrich Meyer, die Autorenschaft ist nie wirklich geklärt) wohl klar, dass er sich bei seinem Nachruf auf Hackert auf gefährlichem Terrain bewegt, wenn er schreibt:

Hackerts Verdienst als Landschaftsmaler und das Eigentümliche seiner Werke klar auseinanderzusetzen, ist keine leichte Aufgabe, teils weil er die Prospektmalerei hauptsächlich emporgebracht und noch bis jetzt von niemand darin übertroffen worden, teils weil zwar wohl das Publikum, aber nicht immer die Kunstrichter seinen Talenten und seiner großen, höchst achtbaren Kunstfertigkeit Ehre und Recht haben widerfahren lassen. Damit aber der vorgesetzte Zweck möge erreicht werden, so wird sich der Leser einige Rückblicke auf den Zustand oder vielmehr auf den Gang der Landschaftsmalerei seit dem 17. Jahrhundert gefallen lassen.

Und dann erwähnt er den Namen Claude Lorrain, an dieser Stelle könnte er eigentlich aufhören. Denn was gibt es bei Hackert, was es bei Lorrain (der ➱hier natürlich einen Post hat) nicht gibt? ➱Poussin könnte man auch noch erwähnen. Gut, die Kühe, wir lassen sie mal beiseite. Dies ist eine gefällige konventionelle Malerei, aber man mag nicht an die englische Landschaftsmalerei des ➱18. Jahrhunderts denken, an Namen wie ➱Richard Wilson oder ➱Thomas Gainsborough.

Sollten Ihnen etwas von J. Ph. Hackerts Umrissen oder ausgeführten Zeichnungen in die Hände kommen, so legen Sie mir solche bey Seite; um leidlichen Preis werde ich sie immer gern behalten, da sie mich an die Zeiten erinnern, wo ich mit diesem trefflichen Manne glückliche Tage verlebte und ihn nicht ohne Belehrung nach der Natur arbeiten sah, hat Goethe an einen Leipziger Kunsthändler geschrieben. Er schätzte Hackert immer noch.

Und das tun in Europa damals viele: Hackert ist als Landschaftsmaler beachtenswerth, da er in der Zeit thätig ist, in welcher die Kunst sich aus dem Manierismus zu erheben anfing; er hat das Verdienst, sich der Natur zugewendet zu haben. Wenn ihn die Zeitgenossen den größten Landschaftsmaler nannten, so ist das Urtheil der Nachwelt nüchterner geworden, heißt es in 1872 in der Deutschen Biographie.

Hackert hat zu Lebzeiten gut verdient, er hat für die russische Zarin und viele europäische Herrscher gearbeitet. Der König von Neapel machte ihn zum Hofmaler. Die Hunde der Lady Hamilton hat er auch gemalt, für ihren Gatten war er ebenso tätig. Und da ich die Geliebte von ➱Lord Nelson erwähne, sollte ich auch sagen, dass viele englische Touristen auf ihrer ➱Grand Tour bei ihm ein Bild kaufen. Sie mögen ihn, diesen Mann, der auch noch im katholischen Neapel ein protestantischer Preuße bleibt. Und der stilvoll residiert. In einer Wohnung in einem Palazzo, die er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt.

Das schreibt wieder Goethe: Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berühmten Landschaftsmaler, der eines besondern Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Man hat ihm einen Flügel des Palasts Francavilla eingeräumt, den er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt. Es ist ein sehr bestimmter, kluger Mann, der, bei unausgesetztem Fleiß, das Leben zu genießen versteht. Dann gingen wir ans Meer und sahen allerlei Fische und wunderliche Gestalten aus den Wellen ziehen. Der Tag war herrlich, die Tramontane leidlich. Das Bild hier ist von Tischbein gemalt, Hackert hat Goethe nicht gemalt.

Er konnte keine Menschen malen. Nur Kühe. Und so malt sich unser Hackert durch die Campagna und stellt beinahe fabrikmäßig italienische Landschaften her. Aber eine Landschaft hat er nie gemalt. Nämlich die Uckermark, die Landschaft aus der er kommt. Stimmt nicht ganz. Er hat die ➱Stubbenkammer (im Bild links) gemalt, wandfüllend für seinen Mäzen Adolf Friedrich von Olthoff im ➱Gut Boldevitz auf Rügen. Die Rettung der von der Zerstörung bedrohten Bilder hat beinahe eine halbe Million Euro gekostet, dafür kann man jetzt in dem restaurierten Festsaal stilvoll heiraten.

Dies sollte ein kleiner Post werden. War wieder nix.

Mittwoch, 13. September 2017

Heuschreckenhügel


From the Halls of Montezuma
To the shores of Tripoli;
We fight our country's battles
In the air, on land, and sea;
First to fight for right and freedom
And to keep our honor clean;
We are proud to claim the title
Of United States Marines.

Ich weiß nicht, ob das Lied der ➱US Marines das Lieblingslied von Donald Trump ist, aber auf die ersten beiden Zeilen müssen wir mal eben eingehen. Halls of Montezuma? Tripoli? Also, Tripolis hat hier schon einen Post, der ➱Stephen Decatur heißt. Das ist der Marineheld, der Our Country! In her intercourse with foreign nations may she always be in the right; but right or wrong, our country! gesagt hat. Was immer verkürzt wird zu: Right or wrong, my country! Das wäre auch ein Satz für Donald Trump. Bleiben wir noch einen Augenblick bei ihm.

Denn heute vor 170 Jahren gewannen die Amerikaner in Mexiko die Schlacht von Chapultepec, und damit sind wir bei den Halls of Montezuma. Kann das nicht ein Vorbild sein? Warum einen Zaun bauen? Warum nicht einen Krieg führen? Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg war nicht das einzige Mal, dass die Mexikaner amerikanische Truppen im Land hatten. Die kamen bei der sogenannten Mexikanischen Expedition, die man auch die Pancho Villa Expedition nennt, wieder. General Pershing hatte hinterher mehr Sterne auf der Schulter als jeder andere amerikanische General. General Winfield Scott nach dem mexikanischen Abenteuer im 19. Jahrhundert übrigens auch, er bekam den gleichen Dienstgrad wie George Washington. Das Bild zeigt uns die US Marines beim Sturm auf Chapultepec. Was nichts anderes als Heuschreckenhügel heißt.

Winfield Scott ist einundsechzig Jahre alt, er war schon General, da hatte Wellington noch nicht Napoleon (dessen Bücher Scott übersetzen wird) besiegt. Nun schickt ihn die Regierung von Präsident James K. Polk nach Mexiko. Präsident Polk (ein Sklavenhalter) glaubt an die Manifest Destiny, die wir hier als ➱Allegorie sehen. Gott hat es gewollt, dass Amerika immer größer wird. Kein Präsident hat Amerika größer gemacht als James K. Polk. Nach Quadratmetern berechnet. Kulturell ist da nicht so viel los. ➱James Quincy Adams hat über Polk gesagt: [Polk] has no wit, no literature, no point of argument, no gracefulness of delivery, no elegance of language, no philosophy, no pathos, no felicitous impromptus; nothing that constitutes an orator but confidence, fluency, and labor. Ich lasse jetzt mal den Vergleich mit Trump aus, der wird in Amerika schon häufig genug bemüht.

Als ➱Winfield Scott fünfundsiebzig ist, bricht der ➱Bürgerkrieg aus. Er ist immer noch Oberkommandierender der US Army. Er glaubt nicht an einen schnellen Sieg des Nordens, er präsentiert seinen Anaconda Plan, man lacht ihn aus. Nach ersten Jahren voller verlustreicher Schlachten, die häufig taktisch und strategisch außer vielen Toten nichts bringen, wird man einsehen, dass der Anaconda Plan doch die bessere Strategie für den Bürgerkrieg war.

Ein junger Leutnant, der in West Point eine Malklasse belegt hatte (hier eins seiner Bilder), möchte am liebsten nicht in den Mexikanischen Krieg ziehen. Er wird den Krieg in seinen Memoiren als of the most unjust ever waged by a stronger against a weaker nation bezeichnen und (in leichter Variation) sagen: I do not think there was ever a more wicked war than that waged by the United States on Mexico. Er heißt ➱Ulysses S. Grant, und er wird eines Tages genau so viel Sterne auf der Schulter haben wie Winfield Scott und George Washington.

Es sind junge Offiziere, die sich in diesem wicked war auszeichnen, manche kommen direkt von der Militätakademie West Point. Beinahe alle von ihnen werden Generäle im Bürgerkrieg sein: ➱Robert E. Lee, Grant, ➱Stonewall Jackson, McClellan, Beauregard, Longstreet, Albert Sidney Johnston, Joseph E. Johnston, Winfield Scott Hancock, George Gordon Meade, Edmund Kirby Smith, George H. Thomas, Braxton Bragg, ➱Joseph Hooker. ➱Pickett nicht zu vergessen, der nach ➱Gettysburg nie wieder ein Wort mit Lee wechseln wird. Winfield Scott (Bild) schätzt ➱Lee ganz besonders, wenn er 1861 zurücktritt, wird er ihm den Oberbefehl der US Army anbieten.

Robert E. Lee lehnt mit einem ➱Brief höflich ab: During the whole of that time, more than a quarter of a century, I have experienced nothing but kindness from my superiors & the most Cordial friendships from any Comrades. To no one Genl have I been as much indebted as to yourself for kindness & Consideration & it has always been my ardent desire to merit your approbation. I shall carry with me, to the grave the most grateful recollections of your kind Consideration, & your name & fame will always be dear to me. Er übernimmt den Oberbefehl der Armee der Südstaaten. Eine Generalsuniform wird er nie tragen, die eines Colonels der Armee von Virginia ist ihm genug. Die Schlacht von Chapultepec ist eine Katastrophe für die mexikanische Armee, die Verteidiger des Schlosses von Chapultepec sind am Ende alle tot. Kein Wunder, da die Amerikaner zehnfach überlegen sind. Die größten amerikanischen Verluste werden, dank der mexikanischen Scharfschützen, die Marines haben. Seitdem tragen sie rote Biesen (blood stripes) an ihren Hosen.

Im Schloss von Chapultepec, in dem eines Tages ➱Maximilian residieren wird, ist eine Militärakademie untergebracht. Die jungen Kadetten und ihre Ausbilder nehmen den Kampf gegen die amerikanische Übermacht auf. Wofür? Für einen korrupten Generalissimus und Präsidenten namens ➱Santa Anna? Von den Kadetten sind sechs als die Heldenkinder von Chapultepec (Niños Héroes) berühmt geworden. Man verehrt sie heute noch. Dieses Wandgemälde von Gabriel Flores zeigt den jungen Juan Escutia, der sich in eine Fahne gehüllt in den Tod stürzt.

Wer ist schuld an Amerikas Großmachtdenken? Immer wieder wird der Bischof George Berkeley zitiert, weil er in einem Gedicht die Zeile Westward the course of empire takes its way geschrieben hat. Was von den Anhängern der Manifest Destiny begierig aufgegriffen wurde. Berkeley hat das allerdings nicht so gemeint, für ihn war Amerika ein neues Paradies, die alte Welt hatte abgewirtschaftet. Sein Experiment, in Amerika die neue Welt zu gründen, war nach zwei Jahren zuende. Aber diese wunderbare ➱palladianische Tür in seinem  Landsitz Whitehall, die hat er da gelassen. Ein wenig Kultur kann nie schaden.

1947, wenige Monate vor dem hundertsten Jahrestag der Schlacht von Chapultepec, hat der amerikanische Präsident Harry S. Truman Mexiko besucht. Er brachte einige mexikanische Fahnen mit, die Winfield Scotts Armee erbeutet hatte. Und er hat, was damals als Sensation empfunden wurde, am Denkmal der jungen ➱Helden einen Kranz niedergelegt. Er wollte damit würdigen, dass Mexiko den USA im Zweiten Weltkrieg beistand. Von solchen symbolischen Handlungen sind wir heute weit entfernt. Sehr weit.

Montag, 11. September 2017

Last night of the proms


Das schönste musikalische Erlebnis an meiner Schule war keine Chordarbietung des berühmten Chors von ➱Ernst Meißner, sondern der Mann, der nur mit einem Stapel Noten auf die Bühne kommt und fünfzig Pfennig kostet. Fünfzig Pfennig kostete auch der grauenhafte, spuckende, adelige Rezitator ➱Horst Bogislaw von Schmelding, der Schillers Glocke und ähnliche ungeliebte Gedichte aufsagte. Oder der Mann, der seine Schlangen in der Turnhalle zeigte. Aber dieser kleine Mann mit den wirren Haaren lässt von einigen Schülern den Flügel über die Bühnenkante der Aula nach vorne kippen, setzt sich an das Instrument, wo ihn jetzt jeder im Saal dank des gekippten Flügels gut sehen kann, und spielt und singt die ganze Dreigroschenoper.

Zusätzlich gewürzt durch Songs aus The Beggar’s Opera von ➱Gay und Pepusch. Er verwandelt sich mit jedem Part, er ist Captain Macheath und Tiger Brown. Er ist Polly Peachum und die Seeräuber Jenny: Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen und ich mache das Bett für jeden. Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell. Und Sie sehen nur die Lumpen und dies lumpige Hotel, und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden... 

Ich weiß seinen Namen nicht mehr, in meinem alten Tagebuch steht nur 20. Januar 1960 Dreigroschenoper. Ist ein bisschen doof von mir gewesen, den Namen des Mannes nicht dazuzuschreiben. Er war mit seinen Auftritten damals schon ziemlich berühmt geworden. Ich bin ihm für diesen Abend ewig dankbar, ich habe das nie vergessen.

Es ist ein ähnliches Erlebnis wie Helmut Qualtinger wenige Jahre später. Für dessen Lesung von Die letzten Tage der Menschheit im Beethovensaal in Hannover hatte ich eine Karte gekauft, kostete etwas mehr als die 50 Pfennig für die Dreigroschenoper 1960. Es sind dreizehn Leute im Saal, ein Saal, in den tausend Leute gehen. Wenn ich Qualtinger wäre, würde ich jetzt wieder gehen. Qualtinger tritt auf, blickt einmal durch den leeren Saal und bittet uns dann im schönsten Wienerisch, dass wir uns doch um ihn herum in die erste Reihe zu setzen, san’s kommod. Setzt sich auf die Bühnenkante, zum Greifen nahe und rezitiert das ganze Stück von Karl Kraus, ganz privat und ohne den Text zu konsultieren.

Der Pianist mit den wirren Haaren in unserer Aula konnte etwas, was nicht jeder kann: er konnte Kurt Weill singen. Und das ist nichts für jeden, ich kann das nur wiederholen. Das wurde uns am Sonnabendabend demonstriert, als Nina Stemme in der Royal Albert Hall in der Last Night of the Proms auftrat. Das musikalische Ereignis, das ➱Sir Henry Wood ehrt, überträgt N3 nun schon seit 35 Jahren, ich habe es selten verpasst. Ist Kult. Muss sein.

Der Dirigent am Sonnabend war der Finne Sakari Oramo. Er trug einen Frack mit einer weißen Weste. Das war allerdings keine Frackweste, sondern eine hochgeschlossene Weste. Dazu hatte er eine schwarze Schleife umgebunden, exzentrisch. Allerdings nur im zweiten Teil des Konzerts, im ersten trug er einen weißen Plastron. Er trug auch stolz seinen OBE Orden, der ihm ehrenhalber verliehen wurde. Den dürfte er als Ausländer gar nicht tragen, aber wen interessiert es? Die Last Night of the Proms ist längst zum Karneval geworden.

Nachdem Jerusalem, God Save the Queen und Auld Lang Syne gesungen waren, sendete der NDR noch die Hannover Proms. Dort dirigierte der Engländer Andrew Manze (Bild). Er trug ein Frackhemd, aber keine weiße Weste, dafür aber schwarze Hosenträger. Die Herren Dirigenten wären gut beraten, wenn sie mal den Post ➱Fräcke in diesem Blog lesen würden. In Hannover begann man mit der ➱1812 Ouvertüre, allerdings ohne Kanonen.

Lassen Sie mich zu Nina Stemme zurückkehren. Die war schon im ersten Teil mit ihrem Paradestück, dem Liebestod aus ➱Tristan und Isolde, aufgetreten: As always at the Last Night a star singer was on hand, to bring some glitz to the occasion. Wagnerian soprano Nina Stemme hasn’t been having a good summer – she cancelled a string of dates at the Salzburg Festival – and her entry at the beginning of the Liebestod from Wagner’s Tristan and Isolde was tentative and oddly husky. But eventually her voice recovered its bloom, and the ending was as radiant as it should be. Klingt nicht gerade großartig. War's auch nicht.

Im zweiten Teil verließ Frau Stemme die ➱Wagnerschen Gefilde, in denen sie Hause ist, und wandte sich den zwanziger Jahren zu. Sie begann mit der ➱Loreley: Back in the days of knights and armour, There once lived a lovely charmer; Swimming in the Rhine, Her figure was divine! She had a yen for all the sailors, Fishermen and gobs and whalers; She had a most immoral eye, They called her Lorelei. She created quite a stir, And I want to be like her! Die Sopranistin bewies wieder einmal, dass Opernsängerinnen so etwas nicht singen können. Ihre Lorelei ersoff jämmerlich in der Albert Hall. Ella Fitzgerald kann das singen, Nina Stemme nicht. Vergleichen Sie einmal ➱Ella mit Nina Stemme (bei 2.10 in dieser Radiofassung). Und dann musste die Schwedin ja noch unbedingt Kurt Weill singen (Surabaya Johnny aus Happy End und The Saga of Jenny aus Lady in the dark). Hätte sie lassen sollen. Lotte Lenya hatte auch nie vor, den Liebestod zu singen.

Tja, und dann kam Surabaya Johnny aus ➱Happy End. Einer Operette mit Songs von Brecht und Weill, die bei ihrer Uraufführung floppte, aber viele ihrer Songs bekamen ein Eigenleben. Zum Beispiel der Bilbao Song, wir lassen mal eben ➱Ute Lemper singen. Der ➱Song from Mandalay war ein etwas krampfhafter Versuch, an Kiplings Mandalay anzuknüpfen (dazu gibt es ➱hier einen schönen Post, der auch eine plattdeutsche Übersetzung von Kiplings Mandalay enthält, einmalig im Internet). Aber Surabaya Johnny hat sich ewig gehalten:

Ich war jung, Gott, erst sechzehn Jahre
Du kamest von Birma herauf
Und sagtest, ich solle mit dir gehen
Du kämest für alles auf
Ich fragte nach deiner Stellung
Du sagtest, so wahr ich hier steh
Du hättest zu tun mit der Eisenbahn
Und nichts zu tun mit der See
Du sagtest viel, Johnny
Kein Wort war wahr, Johnny
Du hast mich betrogen, Johnny, in der ersten Stund
Ich hasse dich so, Johnny
Wie du da stehst und grinst, Johnny
Surabaya-Johnny, warum bist du so roh?
Surabaya-Johnny, mein Gott, ich liebe dich so.
Surabaya-Johnny, warum bin ich nicht froh?
Du hast kein Herz, Johnny, und ich liebe dich so.

Ich habe seit Jahrzehnten die CD Lost In The Stars: Songs Of Kurt Weill, da singt Dagmar Krause den ➱Surabaya Johnny. Ist nicht ganz ➱Lotte Lenya - an die kommt niemand heran - ist aber auch gut. Vielleicht hätte sich ➱Nina Stemme mal die Platte mit Lotte Lenya anhören sollen. Es gibt zu dem Thema von Mandalay und Surabaya Johnny ein interessantes Buch: Burma, Kipling and Western Music: The Riff from Mandalay von Andrew Selth. Ist sauteuer, wie alle Bücher von Routledge, aber man kann Teile davon bei Google Books lesen.

Ganz zum Schluss trat Nina Stemme noch einmal auf. Als wagnerianische Walküre verkleidet sang sie Rule Britannia. Ähnliche Gags gibt es ja in jedem Jahr, da kann man nichts falsch machen. Die Engländer singen das Lied von ➱Dr Arne gerne, vor allem seit es nach der Brexit Ankündigung mit Britannien bergab geht. Da ist nichts mehr mit Britannia rule the waves. Andererseits: Finnische Dirigenten (plus ➱Finlandia), eine finnische Komponistin (➱Lotta Wennäkoski), schwedische Soprane, deutsche Komponisten - wollen die Engländer den Brexit wirklich?