Mittwoch, 31. Mai 2017

Brüllstangen


Eine Brüllstange ist, das versichert uns das Orakel Google, ein Kleinstlautsprecher. Also so etwas, worauf die echten HiFi Fans mit Verachtung herunterblicken. Dies hier ist natürlich keine Brüllstange, sondern ein Lautsprecher der T+A Criterion Linie. Die Firma aus Westfalen baut keine Brüllstangen, sie baut sehr gute (und sehr teure) Lautsprecher. Das habe ich schon in dem Post ➱HiFi gesagt, der viele Leser gefunden hat. Unterhaltungselektronik heißt wahrscheinlich deshalb Unterhaltungselektronik, weil man sich so gut über sie unterhalten kann.

Eine Brüllstange ist aber noch etwas anderes. Nämlich ein Ausrufezeichen. Angeblich hat Gottfried Benn dieses Wort erfunden, weil er Ausrufezeichen verachtete. Sie aber durchaus gebrauchte, wie zum Beispiel in dem Gedicht D-Zug:

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun.
Malaiengelb.
D-Zug Berlin-Trelleborg und die Ostseebäder.

Fleisch, das nackt ging.
Bis in den Mund gebräunt vom Meer.

Reif gesenkt, zu griechischem Glück.
In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist!
Vorletzter Tag des neunten Monats schon!


Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.
Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten,
die Georginennähe macht uns wirr.

Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:

Eine Frau ist etwas für eine Nacht.
Und wenn es schön war, noch für die nächste!
Oh! Und dann wieder dies Bei-sich-selbst-Sein!
Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden!

Eine Frau ist etwas mit Geruch.
Unsägliches! Stirb hin! Resede.
Darin ist Süden, Hirt und Meer.
An jedem Abhang lehnt ein Glück.

Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:

Halte mich! Du, ich falle!
Ich bin im Nacken so müde.
Oh, dieser fiebernde süße
letzte Geruch aus den Gärten.


Ich las das Wort Brüllstange letztens in der E-Mail einer ehemaligen Studentin. Da war die Rede davon, dass ich mit zu denen gehört hätte, die sie zum Examen gehievt hätten. Hochintelligente Frau, hatte nur ein wenig Furcht vorm Examen. Da kannte ich viele, jeder musste anders behandelt werden. Nicht immer hatte man Erfolg. Ich habe mir immer für Studenten Zeit genommen (lesen Sie mehr in ➱Gaudeamus Igitur), für manche auch viel, viel Zeit. Und ich hatte Kollegen, die nahmen sich noch mehr Zeit als ich. Ich hatte aber auch Kollegen, die nahmen sich überhaupt keine Zeit.

Ich betreue Studenten per E-Mail, sagte mir ein Spagatprofessor, der für anderthalb Tage in der Woche auftauchte, in den Semesterferien nie. Ich hatte gerade einer Studentin eine Stunde lang zugehört, die eine Verlängerung für ihre Arbeit haben wollte. Die sie sofort bekam. Ihr Bruder hatte einen Gehirntumor, war schon in drei Krankenhäusern gewesen, jetzt hatte sich das Krankenhaus Links der Weser in Bremen bereiterklärt, eine OP zu wagen. Bei einer solchen Geschichte kann man nur zuhören und zu trösten versuchen, da ist man in der Rolle eines Pastors oder eines Psychiaters.

Und dann kommt dieser Typ und sagt: Ich betreue Studenten per E-Mail. Ich weiß bis heute nicht, wie ich mich damals habe beherrschen können, ich hätte ihm gerne eine gesemmelt. Ich rege mich über die Geschichte heute immer noch auf. Aber ich habe ihm damals ganz kalt gesagt, und das weiß ich noch Wort für Wort: Wie Sie ihr Dienstverhältnis ausgestalten, das müssen Sie mit der Kultusministerin ausmachen. Ich schäme mich dafür, dass Leute wie Sie an der Universität sind. Das ist ein Satz, hinter den eine Brüllstange gehört hätte. Der Professor, ein nerd und nitwit, betreut immer noch seine Studenten per E-Mail. Und braucht morgens fünf Minuten, um sein Büro aufzuschließen. Ungelogen. Immer wieder fünf Minuten. Ein einfaches Yale Schloss ist zu schwer für ihn. Yale wäre auch zu schwer für ihn.

Aber zurück zu meiner hübschen, ein klein wenig frechen und ironischen Studentin mit der Prüfungsangst (test anxiety), was so etwas wie Lampenfieber (stage fright oder performance anxiety) oder Kanzelfurcht ist. Sie hat das Staatsexamen bestanden, auch wenn es etwas gedauert hat. Und deshalb schrieb sie mir: Danke! Danke!! Danke!!! mit gleich 3 Brüllstangen. Der Rest der Mail war auch sehr nett: Als D mir letzten Sonntag bei einem unserer mindestens einmal jährlich stattfindenden CAU-Girls-Revivals mitteilte, dass Sie sie darum gebeten hatten, mir Ihre E-Mail-Adresse zu geben, erstarrte ich beinahe vor Ehrfurcht: der große Jay, der unser Studium immer wieder zu einem Erlebnis gemacht hatte (denn, mal ganz ehrlich: Für "The Sportswriter" oder "From Rockaway" etc. mit all ihrem grässlichen Ennui und ihrer Vorstadt-Tristesse hätten wir für niemanden außer Ihnen freiwillig das pralle Leben auf dem Affenfelsen für eine Kurslänge hinter uns gelassen...) und der nun mit seinem famosen Blog von sich reden machte, konnte sich noch an C. erinnern? Nun ja, da Sie ein maßgeblicher Teil des "diese-Frau-kriegen-wir-auch noch-irgendwie-durchs-Examen"-Kommandos waren (Danke! Danke!! Danke!!! Mit gleich 3 Brüllstangen und "besser spät als nie!") und da Sie sich noch an viele Ihrer Studenten erinnern, hätte ich es mir vielleicht denken können. Gewagt, Ihnen als erstes zu schreiben, habe ich nicht - daher sollte D Ihnen meine E-Mail-Adresse geben. Und, voilà, hier ist er nun - der Gruß aus einer anderen Welt/Zeit, als alles noch ein wenig leichter und unbeschwerter war ... und über den ich mich wahnsinnig gefreut habe.

So schön die Mail ist, mich befiel ein leichter Missmut über die Mitglieder des jährlich stattfindenden Uni-Girls-Revival, ich finde Jill Eisenstadts ➱From Rockaway immer noch einen großartigen Roman. Und über die Qualität von Richard Fords The Sportswriter lasse ich nicht mit mir diskutieren. Wenn Sie den ➱Richard Ford Post lesen, dann wissen Sie das. Hier könnte ich jetzt eine Brüllstange setzen. Es ist ein Wort, das ich lange nicht mehr gehört hatte. Ein gewisser Alexander Bieling schrieb 1880 in seinem Buch Das Princip der deutschen Interpunktion: nebst einer übersichtlichen Darstellung ihrer Geschichte: Ich bemerke dieses zuerst in desselben Fischart (Flöh Hatz' von 1573), worin es etwa sechsmal zur Verwendung kommt. Wir sparen uns einmal die Lektüre des ➱Werkes und glauben ihm.

Da waren sie also in der E-Mail, die Brüllstangen. Eins, zwei, drei. Nach Meinung anderer soll Gottried Benn gar nicht von Brüllstangen, sondern von Lärmstangen geredet haben. Das ist nun allerdings ein Wort, das es in einer anderen Bedeutung schon lange gibt. Eine Lärmstange ist ein Fanal, das durch ein starkes, in weitem Umkreise sichtbares Feuer entfernten Truppentheilen schnell und sicher gewisse Zeichen geben soll. Hermann Pauls Deutsches Wörterbuch kennt allerdings beide Wörter nicht. Der Duden auch nicht.

Braucht man das signum exclamationis überhaupt? In dem schönen Blog von ➱Lyriost las ich: Vorschlag: Man sollte das erbärmliche Ausrufzeichen, besonders dort, wo es gehäuft auftritt, ächten und das wichtigste Satzzeichen, das Fragezeichen, subventionieren. Lyriosts Blog ist ein Blog, der vom Deutschen Literaturarchiv jeden Tag archiviert wird, das will etwas heißen. Es ehrt mich, dass ich ihn zu meinen Lesern zählen darf - ein Kompliment, das ich natürlich vielen meiner Leser machen könnte. Der Blogger Lyriost ist seit 2010 mein Leser. Und er hat mir einmal mit einem ➱Haiku ein wunderbares Kompliment gemacht:

Manchmal

Wenig Kommentar
so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht

Wenn Schreibprofis über das Schreiben reden, lassen Sie dem Ausrufezeichen, das unter der Bezeichnung Rufzeichen seit dem 17. Jahrhundert vermehrt in der deutschen Sprache auftaucht, häufig besondere Bedeutung zukommen. Also zum Beispiel Elmore Leonard, der in Keep your exclamation points under control gesagt hat: You are allowed no more than two or three per 100,000 words of prose. If you have the knack of playing with exclaimers the way Tom Wolfe does, you can throw them in by the handful. Das findet sich in einem Artikel, der ➱Easy on the Adverbs, Exclamation Points and Especially Hooptedoodle heißt. Was Hooptedoodle ist, das googeln Sie mal bitte selbst. Elmore Leonard hat übrigens hier einen schönen kleinen ➱Post .

Ähnlich wie Elmore Leonard urteilt der Dichter Philip Cowell
auf einer Seite der ➱BBCThere is really only one rule when it comes to the exclamation mark: don’t use it. This is an exaggeration of course! In fact, rare usage is the point: the Chicago Manual of Style says the exclamation mark ‘should be used sparingly to be effective.’ The 45th President of the United States does not use the exclamation mark sparingly. In the Oval Office, exclamation points (the US term) are being issued more frequently than executive orders. According to the Trump Twitter Archive, in 2016 alone the @realDonaldTrump posted 2,251 tweets using exclamation marks. The ‘alternative facts’ are there for all to see: of 100 tweets I not-very-randomly picked, he used exclamation marks in all but 32 of them. That’s a 68% likelihood of signing off a tweet with a shriek!

Hier könnte jetzt Schluss sein mit dem Geschrei der Brüllstangen. Aber ich habe noch etwas zum Schluss. Das kennen Sie schon. Ist ein alter rhetorischer Trick. Ist aber immer wieder gut. So wie das nackte Mädel am Ende des Posts ➱Züchtigung. Und mit meinem kleinen Gag zum Schluß meine ich nicht diese ➱Graphik, die uns zeigt, dass Elmore Leonard die wenigsten Ausrufezeichen verwendet hat. Und James Joyce die meisten. Nein, mein Schluß ist heute eine Geschichte von Anton Tschechow, die Das Ausrufezeichen heißt. Die können sie ➱hier lesen, russisch und deutsch.

Dem kleinen Beamten Jefim Fomitsch Perekladin wird da plötzlich bewußt, dass er in all den Jahren in zehntausend Schriftstücken kein einziges Ausrufezeichen verwendet hat. Er wird eine schlaflose Nacht haben, von Albträumen mit Ausrufezeichen geplagt. Zu seinem Vorgesetzten gerufen, trägt er sich am nächsten Morgen im Vorzimmer ein: Kollegiensekretär Jefim Perekladin. Und setzt drei Ausrufezeichen hinter seinen Namen. !!! Und der Spuk mit den albtraumhaften Ausrufezeichen ist verschwunden.

Sonntag, 28. Mai 2017

Schuhhandwerk


Es regnete in Hamburg, da merkte ich, dass ich meinen Regenschirm in Bremen in einem Laden hatte stehen lassen. Da ich aber diesen schönen Parkplatz in der Innenstadt gefunden hatte (an diesem Satz können Sie sehen, dass die Geschichte schon etwas her ist, heute findet man keine Parkplätze in der Innenstadt mehr), wagte ich mich aus dem Auto. Prange war der nächste Laden, es war Sommerschlussverkauf, also nichts wie rein. Kam dann mit diesem Schuh nach einer halben Stunde wieder heraus. Den hat die ➱Gabi auf einen wunderbaren Blumenstoff gemalt, extra für mich, das Bild findet sich schon in dem Post ➱Friedel Anderson. Ich habe bei dem Kauf ein wenig gezögert, weil die Verkäuferin mir damals auch einen Schuh von Julius Harai anbot.

Der belieferte damals auch Prange, ansonsten machte er Schuhe für Max Schmeling und Walter Scheel. Für Richard von Weizsäcker später auch. Maßarbeit. Walter Scheel zahlte in den siebziger Jahren 600 Mark für seine Schuhe, die Modelle, die Harai an Prange lieferte, waren natürlich etwas preisgünstiger. Ich habe den Harai Schuh damals nicht gekauft, weil ich schon einen rotbraunen scotch grain Schuh von ➱Dinkelacker besaß und der orangefarbene Italiener irgendwie fetziger war. Dies waren die siebziger Jahre. Der Schuh hat nach vierzig Jahren immer noch Stil. Meinen Schirm habe ich auch wiederbekommen. Als ich zu Hause angekommen war, habe ich den Laden in Bremen angerufen und denen gesagt, dass mein Mütterlein den Schirm irgendwann abholt.

Julius Harais Sohn Martin (Bild) betreibt das Geschäft in Neumünster heute immer noch, aber für 600 Mark bekommt man da natürlich keine Schuhe mehr. Julius Harai war ein gebürtiger Budapester, er kam 1947 nach Neumünster. Ich weiß nicht, weshalb es ihn nach Neumünster zog, es kann natürlich sein, dass ihn die Textilstadt Neumünster lockte. Denn das war Neumünster damals noch (lesen Sie ➱hier mehr), heute ist da nur noch Nortex und das Designeroutlet. Welches die Firma ➱Zegna inzwischen verlassen haben soll, hat mir letztens jemand erzählt.

Neumünster, wo es heute noch ein Textilmuseum gibt, war allerdings auch eine Lederstadt, das kann man im Textilmuseum erfahren. Und wenn man im Ort sehen will, dass hier einmal viel Geld mit der Tuchfabrikation verdient wurde, dann sollte man sich den Park von Detlev Anton Renck anschauen. Dieses kleine Haus (Esplanade 20) könnte man sich natürlich auch ansehen, denn hierhin ist Harai in den sechziger Jahren gezogen. Unten ist die Bürgergalerie drin, die Treppe führt nach oben in das Himmelreich der Schuhe.

Ich bin auf Julius Harai gekommen, weil ich letztens eine Homestory über  Hans-Joachim Vauk in einer dieser fetten Beilagen, die in den Zeitungen liegen, gelesen habe. Ich fand die nur nicht wieder. Zuerst verdächtigte ich diese Beilage der Frankfurter Allgemeinen, in der alle Uhren waren, die man nicht braucht. Alles im fünfstelligen Bereich, mit Brillis, groß und scheußlich. Und ➱Lagerfeld war auch da drin. Diese fetten Beilagen enthalten eine echte Melanie Trump Ästhetik, das ist einfach grauenhaft. Hat man Wolfgang Fritz Haug Kritik der Warenästhetik (➱hier zu lesen) schon vergessen? Haug zerlegt mit akademisch marxistischem Hass die Welt der Werbefuzzis, Designerprodukte und Luxustussis. Haug ist darin ein Nachfolger von Thorstein Veblens ➱The Theory of the Leisure Class, die neue Wissenschaft der Soziologie fängt um 1900 gleich im großen Stil an. Was dem Marxisten Wolfgang Fritz Haug fehlt, ist der Humor, denVeblen, Simmel und ➱Clausen hatten.

Aber es war nicht dieses Protzmagazin für Uhren, es war eine Beilage der Süddeutschen, die Fine Das Magazin für Genuss und Lebensstil hieß, worin der Artikel über Hans-Joachim Vauk stand. Vauk hat sein Geschäft auch in Neumünster, und wenn Benjamin Klemann jetzt noch immer auf Gut Basthorst säße, dann könnte man sagen, dass die drei besten deutschen Schuhmacher ihren Sitz in Schleswig-Holstein haben.

Auf diesem Photo ist Vauk, der einmal bei Bally angefangen hatte und dann bei Ed Meier die Maßschuhe machte, links neben seinem Lehrling Jan-Hagen Gloe zu sehen. Bally in der Schweiz und Ed Meier in München waren renommierte Arbeitgeber, aber es zog Vauk, der in Kiel das Handwerk gelernt hatte, wieder zurück in den Norden. In den Süden Deutschlands kommt er heute aber immer wieder, 80.000 Kilometer fährt er im Jahr zu seinen Kunden und Geschäftspartnern. Ladage & Oelke in Hamburg gehören nicht dazu, die vertrauen auf den Wiener Schuhmacher Lucian Maftei.

Der junge Jan-Hagen Gloe ist jetzt nicht mehr Lehrling, er ist Vauks Geselle. Mit seinem Gesellenstück überzeugte er nicht nur die Jury in Schleswig-Holstein, sondern er wurde auch Sieger beim Wettbewerb der Deutschen Handwerksjugend. Für ihn passt sicher der Satz De Jung schall man Schoster war´n, de Schoster hät immer wat to freten, den Benjamin Klemann von seinem Opa hörte. Das Handwerk scheint einen goldenen Boden zu haben, und Schuster finden heute auch noch Lehrlinge und Gesellen. Bei dem Orthopädieschuhmacher Horst Dworak, den ich schon im Post ➱Hafenstraße erwähnte, arbeiten schon die Enkel mit.

Vor über einem halben Jahrhundert ging ich, wenn Schuhe zu reparieren waren, immer zu Asendorf, der seinen Laden an der Ecke von der Hafenstraße zur Bismarckstraße hatte. Ich hatte irgendwann mit dem Cowboyspielen aufgehört, der Schuhmacher Ludwig Asendorf nicht. Der nähte in jedem freien Moment Westerngürtel, das fand ich etwas bizarr. Sein Sohn hat den ➱Laden übernommen, der heute größer als je zuvor ist. Woraus man sehen kann, dass sich heute noch viele traditionelle Schuster halten können. Trotz der Konkurrenz von Mister Minit.

Bei Benjamin Klemann sind schon die Söhne (hier Lennert Klemann) mit dabei. Die Uhrmacher haben im Gegensatz zu den Schuhmachern keinen Nachwuchs. Batterien wechseln kann jeder, so wie Mister Minit Schuhe reparieren kann. Das ist eine traurige Geschichte mit den Uhrmachern und dem Nachwuchs. Als die Mauer fiel, rasten alle Vertreter von Geschäften wie Wempe in die Rest-DDR und griffen sich alle Uhrmachermeister aus Glashütte. So lernte ich hier einen wunderbaren Mann kennen, der mit einem DDR Skispringer verwandt war und breites Sächsisch sprach. Aber die Quelle Glashütte ist jetzt auch versiegt. Wir werden dahin kommen, dass nur noch die Uhrenfabriken, die in der scheußlichen Beilage der FAZ sind, Uhrmacher haben werden.

Der junge Benjamin Klemann stand eines Tages, wie ich, vor Prange in Hamburg. Aber nicht wie ich als Kunde, er suchte um Arbeit nach, weil er den Spruch von Opa nicht vergessen hatte. Man gab ihm die Adresse von Julius Harai, ein cholerischer Chef, der seine Lehrlinge kujonierte. Sie können ➱hier eine Homestory von einem gewissen Steven Gätjen lesen, das ist ein leicht leicht schmieriger Journalismus. Viel interessanter ist das, was Klemann auf seiner eigenen ➱Seite schreibt. Prange, Harai, John Lobb in London, Gut Basthorst (wo Vicky Leandros wohnte), dann Hamburg, es ist ein langer Weg.

Schuhmacher haben viel zu erzählen, Eiche Eichhorst, der Schuster in der Ladenzeile der Uni, kannte allen Klatsch. Wusste welcher Professor mit welcher Studentin ins Bett ging, da lohnte sich schon der Besuch beim Schuhmacher. Mein Schuhmacher Horst Dworak bei Höfer in der Holtenauer Straße kann auch viel erzählen. Bevor er Orthopädieschuhmacher wurde, ist er zur See gefahren. Auf einem ➱Heringslogger. Es gab ja nach dem Krieg keine Arbeit, da war man für diesen ➱Job schon dankbar, hat er mir erzählt. Die Meisterprüfung für Fischwirtschaft legt er vor der Meisterprüfung als Orthopädieschuhmacher ab. Letztens bekam er eine halbe Seite in den Kieler Nachrichten, das war nett. Die Firma Höfer hat leider keine Internetseite, es gibt auch kein Bild im Internet, deshalb habe ich dies nostalgische Gemälde genommen, um die Holtenauer Straße zu zeigen (es ist schon in dem Post über Kiel in der ➱Kunst zu sehen).

Das hier ist ein Schuh von einer Firma, die vielleicht nicht so bekannt ist (lassen Sie sich von den Schuhspannern von Ludwig Reiter täuschen). Die Firma heißt Krisam und Wittling und sitzt im Saarland. Die Firma Krisam ist sehr alt, im Geschäft mit den Maßschuhen ist man noch nicht so lange. Man arbeitet mit der belgischen Firma Ambiorix (Hoflieferant des belgischen Königshauses) zusammen. Wenn ein Kunde nicht den teuren Maßschuh haben will, sondern etwas Preiswerteres vorzieht, machen Krisam und Wittling nur den Leisten und schicken ihn nach Belgien. Ambiorix macht dann ein Paar Schuh daraus. Die Firma Ambiorix, die seit mehr als hundert Jahren besteht, bietet dem Kunden sowieso sehr viel: der Kunde kann zwischen sechs verschiedenen Leistenformen und Weiten wählen, und dann gibt es noch frei wählbare Kombinationen von Leder und Sohlen.

Das ist dann schon beinahe ein Maßschuh. So wirbt ein Händler mit Maßkonfektion für den Herrn und beschreibt die Vorzüge von Ambiorix: Wer sich schon immer ein Paar eingestochene, genähte Herrenschuhe leisten wollte, die dazu noch besser passen als ein Konfektionsschuh, findet bei uns eine preiswerte Alternative zum Maßschuh: Die Maßkonfektion der Firma Ambiorix aus Belgien. Wir haben Probierschuhe auf Lager in zwei verschiedenen Weiten und Sie testen in Ruhe, welche Größe und Weite Ihnen am besten passt. Ihr Wunschmodell wird dann speziell für Sie angefertigt. Leder, Modell und Sohlengestaltung wählen Sie und wenn Sie Platz für lose Einlagen brauchen, kann auch darauf Rücksicht genommen werden.

Auch englische Firmen wie Alfred Sargent, Tricker's, Crockett & Jones oder Edward Green offerieren dem Kunden verschiedene Leisten. Und dann noch unterschiedliche Weiten, da wird man leicht ein passendes Modell finden. Die Röntgengeräte für die Füße, die man noch in den fünfziger Jahren in deutschen Schuhgeschäften fand, sind heute verboten. Das von Charles Brannock erfundene Messgerät kann man immer noch verwenden. Und wenn in einem englischen Schuhgeschäft Herren mit grünen Schürzen ein furchterregendes Gerät aus den Tagen der Königin Victoria hereintragen: keine Angst, auch damit kann man den Fuß millimetergenau vermessen.

Dann könnte man sich natürlich noch einen guten gebrauchten Schuh von einer Luxusmarke kaufen. Ich hätte dafür zwei interessante Adressen. Da ist zum Beispiel Bernd Herkenrath (hier im Bild), der früher einmal Manager war und jetzt im Schuhgeschäft ist. Wenn Sie diese ➱Seite anklicken oder dieses ➱Video sehen, wissen Sie alles über ihn. Und dann gibt es natürlich ➱Dr Sevan Minasian, den habe ich aber schon mehrfach erwähnt, deshalb gibt es für ihn heute nur einen Link zu seiner wirklich schönen und informativen Seite.

Viele, die sich einen Maßschuh haben machen lassen, sind damit nicht glücklich. Wir lassen einmal beiseite, dass auch Maßschuhe handwerklicher Pfusch sein könnten. Die kleine Geschichte über John Lobb, die sich ➱hier findet, hat viele Leser amüsiert. Aber davon abgesehen, ist es natürlich das Prinzip der Maßschuhmacher, den Schuh knalleeng zu machen, was viele stört. Weil sie ihre eingelaufenen und ausgelatschten Schuhe gewöhnt sind. Viele denken, man dürfe den Schuh rundum nicht spüren, sagt Klemann, aber der Schuh soll wie ein Korsett am Fuß sitzen. Dies ist ein klassischer Schuh, wie ihn ein Maßschuhmacher machen würde. Ich liebe diese Form, viele finden sie unmöglich.

Bei den Maßschuhmachern, von denen es erstaunlich viele quer durch die Republik gibt, sind die Schuhe nicht billig. Alles, was mit der Hand gemacht wird, ist teuer. Schauen Sie einmal auf Ihre letzte Zahnarztrechnung. Bei den Schuhmachern hat sich seit dem letzten Jahrhundert wenig geändert. Charles Goodyear hat die Nähmaschine für rahmengenähte Schuhe erfunden, aber die Maßschuhmacher nähen weiterhin mit der Hand. Die Kollegen der hier vorgestellten drei Norddeutschen, die in Wien sitzen, klopfen auch kleine Nägel in die Sohlen. Das ist eine andere Geschichte, zu der es ➱hier einen Post gibt.

Nicht alles, was als rahmengenäht bezeichnet wird, ist wirklich rahmengenäht. Vielleicht sollte man da dem Kapitel über Schuhe in Bernhard Roetzels Der Gentleman nicht unbedingt trauen. Urban Buch, der sehr, sehr viel über Schuhe weiß, zerlegt ➱hier sehr genüßlich Roetzels Bemerkungen über Qualitätsschuhe. ➱Christian Geffers hat mir mal erzählt, dass er sich auf einer Messe am Stand von Edward Green ganz scheinheilig erkundigt hat, ob man bei EG ein gemband verwände. Und die junge Dame am Stand hat ihm versichert, dass es bei EG selbstverständlich immer ein gemband gebe. So brechen Illusionen zusammen. Meine Edward Green Schuhe sind über dreißig Jahre alt, die werden noch kein gemband haben. Bei dem ganzen Streit um Definitionen von rahmengenäht oder Goodyear welted ist vielleicht das, was sich ➱Blakebest nennt, die Sache der Zukunft. Vom Preis auf jeden Fall.

Wo fängt die wirkliche handwerkliche Qualität an? Diesen Schuh von ➱Cliff Roberts habe ich in jedem Zustand seiner Herstellung gesehen, vom Zuschneiden des Leders bis zum Nähen des Rahmens. Auf dem Photo auf jeden Fall. Hier gibt es natürlich kein gemband. Ich kann mit dem Schuh wunderbar gehen. Aber ich kann auch mit Schuhen von Tricker's, Alfred Sargent, Crockett & Jones, Laszlo Vass, Ludwig Reiter und Mack James wunderbar gehen. Ich habe eine Handvoll Maßschuhe, aber die waren für andere als mich gemacht. Und doch passen sie mir alle wunderbar. Benjamin Klemann sagt offen: Die meisten meiner Kunden haben schwierige Füße, aber sie müssen repräsentieren. Ich habe keine schwierigen Füße, ich muss auch nicht repräsentieren. Ich habe immer gute Schuhe getragen. Und die haben all die Knochen, die ich mir beim Fußball gebrochen habe, immer unterstützt.

Und wenn ich mir einen Maßschuh machen lassen würde, dann von einer Frau. Denn das müssen wir mal erwähnen, immer wenn in den  Luxusbeilagen Harai, Vauk und Klemann abgefeiert werden, dass es auch berühmte Schuhmacherinnen gibt. Damit meine ich jetzt nicht ➱Olga Berluti, die einen Schuh für Andy Warhol gemacht hat. Sondern Frauen wie Saskia Wittmer hier, die vielleicht die berühmteste ➱Schuhmacherin von Florenz ist. Oder Gabriele Gmeiner in Venedig, Kirstin Hennemann und Gabriele Braun in Berlin, wo es inzwischen mehr Schuhmacherinnen als Schuhmacher gibt. Das ist doch mal was.


Freitag, 26. Mai 2017

John Wayne


Heute vor 110 Jahren wurde Marion Robert Morrison in Winterset (Iowa) geboren. Wir kennen ihn besser unter seinem Künstlernamen John Wayne. Oder als The Duke. Er konnte reiten, sprach fließend Spanisch, trug ein Toupet und war Kunde bei ➱Brioni. Dem jungen Michael Caine gab er den Ratschlag: Talk low, talk slow and don't say too f------ much. Er empfahl im auch, keine ➱Wildlederschuhe zu tragen. Als Michael Caine ihn fragte Why, sagte John Wayne: Because one day a guy in the next stall recognised me and turned towards me and said 'John Wayne you're my favourite actor! And p----d all over my suede shoes. So don't wear them when you're famous, kid. Die Geschichte steht schon in dem Post ➱Michael Caine. Und alle anderen John Wayne Geschichten stehen auch schon in diesem Blog, ich liste die wichtigsten Posts einmal unten auf. Natürlich sind ➱Stagecoach und mein Lieblingsfilm ➱She Wore a Yellow Ribbon dabei, aber er wird auch in Posts wie ➱Alain Resnais und ➱Two-Lane Blacktop erwähnt.

Wenn ich ein Buch zu John Wayne empfehlen sollte, dann wäre das Garry Wills' John Wayne's America: The Politics of Celebrity wo er den Schauspieler so beschreibt: John Wayne is the most obvious recent embodiment of that American Adam—untrammeled, unspoiled, free to roam, breathing a larger air than the cramped men behind desks, the pygmy clerks and technicians. He is the avatar hero in that genre that best combines all these mythic ideas about American exceptionalism—contact with nature, distrust of government, dignity achieved by performance, skepticism toward the claims of experts. Gary Wills, der einen Pulitzer Prize für ➱Lincoln at Gettysburg bekommen hat, ist immer der Lektüre wert, ganz besonders in seinem John Wayne Buch.

Es gab einen John Wayne auf der Leinwand, der das tat, was John Ford ihm sagte. Aber es gab auch immer einen ganz anderen John Wayne, davon kann man einen Eindruck bekommen, wenn man ➱John Wayne: A Love Song von Joan Didion liest. Der andere John Wayne liebte Charles Dickens, schummelte beim Schachspiel und hatte viel Humor. Als er den Oscar für seine Rolle in ➱True Grit bekam, flüsterte er Barbra Streisand ins Ohr: Beginner's luck. Der Anfänger war 63, dies war sein erster Oscar.

True Grit war ein ➱Spätwestern. Bei der Geburt dieser neuen Gattung war Wayne dabei gewesen, Rio Bravo und The Man Who Shot Liberty Valance gehören mit zu den ersten Western des Genres. Leslie Fiedler, der ansonsten für John Wayne nichts übrig hatte, hat über den Film gesagt: Aber der Film von John Wayne, dieser schöne komische Film, wo er mit dem jungen Mädchen spielt, 'True Grit', das ist wirklich ein wunderbarer Film, denn erstens sehen wir hier nicht einen jungen Gunfighter oder jungen Cowboy, sondern einen alten Mann in dieser Periode seines Lebens, wo er nicht sicher ist, ob er mit einem Pferd über einen Zaun springen kann, und zweitens wird diese Rolle ausgerechnet von John Wayne gespielt, und der Film wird zu einer Parabel des Lebens von John Wayne, dieser elenden reaktionären Kanaille, die das Image des Westens auf die Leinwand projiziert hat und der nun zum ersten mal seine Rolle mit Humor spielt, als Selbstparodie, als Travestie seiner eigenen Figur. Das ist sehr zart, sehr schön, sehr komisch. Dieser Film hat mich tief gerührt.


John Wayne, diese elende reaktionäre Kanaille, war immer wieder in diesem Blog, Sie könnten (wenn Sie wollen) auch noch diese Posts lesen: The Duke, Technicolor, Stagecoach, Schnellboote, Joan Didion, Maureen O'Hara, Spätwestern, Natalie Wood, Vera Miles, The Big Trail, Victoria, My Darling Clementine Angie Dickinson, Somewhere West of Laramie, Alamo, Don Siegel, Laurence Harvey, James Stewart, Westernheld, William S. Hart, Clark Gable, Michael Caine, Clint Eastwood, Wilder Westen, Larry McMurtry, Two-Lane Blacktop, Stephen Decatur, Sam Elliott, Cormac McCarthy, Cowpens, Brioni, Jugendkultur, Alain Resnais, Donald Trump

Mittwoch, 24. Mai 2017

Sir Roger Moore ✝


Die neunzig hat er knapp verfehlt. Er ist in Crans-Montana in der Schweiz gestorben, er hatte dort einen Wohnsitz, in Monaco auch. Keinen in England. I come back to England often enough not to miss it, hat er gesagt. Es hat etwas mit der Steuer zu tun. Darf ich Sie daran erinnern, dass der 31. Mai der Termin für die Einkommensteuererklärungen ist? Als die Königin ihn zum Ritter schlagen wollte, ist er natürlich nach England gekommen. Er hat den Titel übrigens nicht für seine schauspielerischen Leistungen bekommen, sondern wegen seiner Verdienste für die UNESCO. Moore empfand das nicht als Schmähung, er war auf seine Tätigkeit für die UNESCO sehr stolz. Und das konnte er sein.

Seine Tätigkeit als Geheimagent wurde in der Zeremonie auch nicht erwähnt, die Queen hatte längst eine neue 007 an ihrer Seite, einen Mann, der sich auch mit den ➱Corgies versteht. Bevor er James Bond war, war Roger Moore Simon Templar und einer der beiden Persuaders. In The Man with the Golden Gun findet sich die Dialogstelle: James Bond: I mean sir, who would pay a million dollars to have me killed? M: Jealous husbands! Outraged chefs! Humiliated tailors! The list is endless! Nein, er hat seine Schneider nicht beleidigt, er war beim selben ➱Schneider wie ➱Michael Caine.

Unglücklicherweise fiel seine Tätigkeit als Geheimagent in die siebziger Jahre, das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks und der scheußlichen Digitaluhren. Und in der Decade That Style Forgot kann auch der beste Schneider nichts machen, wenn der Zeitgeschmack etwas anderes will.

Ich mochte die James Bond Filme mit Sean Connery, die Filme mit Roger Moore waren nicht mein Ding. Obgleich viele der Bond Girls O.K. waren, wie zum Beispiel Britt Ekland. Der Post für Britt war mein erster ➱Post als Blogger, der mehr als 10.000 Leser hatte. Hier auf dem Photo hält Moore nicht nur Britt Ekland sondern auch die schöne Maude Adams im Arm. Blonde ➱Schwedinnen ziehen im Film ja immer. Die Schwedinnen in englischen Filmen haben bestimmt etwas mit der Wirtschaftsverbindung zwischen England und Schweden zu tun, denn damals kauften die Engländer wie verrückt Volvos oder Saabs.

Also diese Automarke, die ➱Kurt Vonnegut einmal verkaufte: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called 'Saab Cape Cod.' It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“.

Roger Moore wurde auch durch ein schwedisches Auto berühmt, keinen Saab, sondern diesen Volvo P1800. Was der Aston Martin für Bond war, war der Volvo P1800 für Simon Templar, den man auch The Saint nannte. Allerdings sollte man auch sagen, dass The Saint auch einen englischen Wagen fuhr, einen Jensen Interceptor, ein Auto, das auch den Beinamen ➱Schneewittchensarg hatte. Die Damen auf der Kühlerhaube fallen etwas mickrig aus.

Nicht bei der englischen Firma TVR, die 1971 bei der Earls Court Motor Show nur nackte Mädel am Verkaufsstand, oder auf ihren Sportwagen sitzend, präsentierte (das war lange bevor sie halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen). Mein Bruder hatte mal einen TVR, der kam allerdings ohne ➱nackte Beigaben. Ich bringe diese Beispiele, die sich am Rande des guten Geschmacks bewegen, um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren verändert.

Den Satz No sex please, we're British hört man seit der ➱Christine Keeler Affäre nicht mehr so häufig, London ist gerade zu ➱Swinging London geworden. Roger Moore hat den ganzen Rummel um James Bond glücklicherweise mit viel Selbstironie genommen. Wie er die Rolle bekam, hat er folgendermaßen beschrieben: When I was a young actor at RADA, Noël Coward was in the audience one night. He said to me after the play, "Young man, with your devastating good looks and your disastrous lack of talent, you should take any job ever offered you. In the event that you're offered two jobs simultaneously, take the one that offers the most money." Here I am. Später sagte er: I like Bond. But it's silly to take it seriously. It's just a great big comic strip.

Über sein Ende als James Bond hatte er zwei Sätze parat: Sadly, I had to retire from the Bond films. The girls were getting younger, or I was just getting too old und I left the role when I realized that my female co-stars had mothers who were younger than I was. Was danach kam, mochte er meistens nicht: I didn't like the last Bond film, it was like a long, disjointed commercial. Wo er recht hat, hat er recht.


Noch mehr James Bond in dem langen Post ➱Spectre, wo sich auch Links zu allen James Bond Posts finden.

Montag, 22. Mai 2017

Exzentriker


In diesen Tagen, wo wir uns daran gewöhnt haben, dass alle Menschen so sind wie die Frau aus der Uckermark und der Mann aus Würselen, muss mal eben an einen Mann erinnert werden, der wirklich ein klein wenig exzentrisch war. Er hieß Fabian Avenarius Lloyd und nannte sich Arthur Cravan. Er war ein Neffe von ➱Oscar Wilde, über den er eine Vielzahl von Gerüchten verbreitete, die aber alle nicht wahr waren. Der Dichter Arthur Cravan, der heute vor 130 Jahren geboren wurde, hat sich in einem Gedicht so beschrieben:

I would like to be in Vienna and in Calcutta, catching every train and every ship,
fornicating with every woman and devouring every dish.
Socialite, chemist, whore, drunk, musician, worker, painter, acrobat, actor;
Old, young, swindler, hoodlum, angel and reveler;
millionaire, bourgeois, cactus, giraffe or crow;
Coward, hero, negro, monkey, Don Juan, pimp, lord,
peasant, hunter, industrialist, Fauna and flora:
I am all things, all men and all animals!

Jetzt kennen wir ihn, man könnte ihn nicht besser beschreiben. Die Verse sind die englische Übersetzung seines Gedichtes Hie!, das Sie ➱hier ganz lesen können. Arthur Cravan ist nicht nur Dichter, Dandy und Säufer, er tritt auch als Sänger und Conferencier auf. Und als Boxer. Er ist überall in Europa, nur nicht in England. In England herrscht die Wehrpflicht, in die Armee und in den Weltkrieg will er nicht. Er reist mit falschen Pässen. Die Dadaisten und Surrealisten werden den König der verkrachten Existenzen als einen der ihren verehren.

Die Ehe mit der Dichterin Mina Loy, deren Gedichte von Eliot und ➱Pound geschätzt wurden, war kurz. Mina Loy wartete am Strand von Salina Cruz darauf, dass er von der Probefahrt mit der kleinen Yacht, die er gerade gekauft hatte, zurückkam. Er kam nie wieder. Viele glaubten, dass sein Tod nur vorgetäuscht war. Arthur Cravan n’est pas mort noyé hat Philippe Dagen sein Buch über Cravan genannt, noyé heißt ertrunken.

Das bringt mich, man verzeihe mir diese Digression, auf den französischen Film ➱Noyade Interdite. Ein Film mit vielen schönen Frauen und ➱Guy Marchand und ➱Philippe Noiret. Warum gibt es den nicht mal auf DVD? Wenn Sie den Filmtitel anklicken, können Sie den Krimi ganz anschauen. Konnte Arthur Cravan wirklich segeln? Konnte er schwimmen? Oder suchte er den Tod im Golf von Mexico? Ein Tod wie ➱Percy Bysshe Shelley, das ist so ein Abgang, wie er zu dem Mann passt, der über sich sagte: I may be the king of the ruined existence but at least I’m the king of something!

Mina Loy hat ihn noch lange gesucht, weil sie nicht glaubte, dass er etrunken sei. Mexiko ist ja ein guter Ort zum Verschwinden, Ambrose Bierce ist da verschwunden. Und was wären die Romane von ➱Cormac McCarthy und Filme wie ➱Out of the Past ohne Mexiko? Mina Loy wird in Paris einen schüchternen deutschen Maler kennenlernen, über den sie ihren einzigen Roman schreibt. Der hat den Titel ➱Insel, und der Held des Romans ist niemand anderer als der deutsche Maler ➱Richard Oelze. Der Roman aus den dreißiger Jahren wurde erst 1991 veröffentlicht. Ich weiß nicht, ob man das lesen muss. Aber Arthur Cravan lohnt sich zu lesen. Seit einigen Jahren gibt es bei der Edition Nautilus eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe von König der verkrachten Existenzen (auf der Seite gibt es auch eine ➱Leseprobe).

Samstag, 20. Mai 2017

Soziologie


Das hier ist ein Buch, dem man 1960 nicht entgehen konnte: Faust in Bildern, ein Bildband der Hamburger Theaterphotographin Rosemarie Clausen über Gustav Gründgens und Will Quadflieg. Bekam man zum Geburtstag, zur Konfirmation, es war ein Buch, das man immer verschenken konnte. Es steht immer noch bei mir im Regal. Gustaf Gründgens kommt mit dem Namen auf das Buch, Quadflieg nicht. Da ist es völlig gleichgültig, dass der den titelgebenden Faust spielt. Gründgens ist berühmter als er. Und er hat den Teufel schon über dreihundert Mal gespielt. Dagegen kommt Quadflieg nicht an, auch wenn er Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie studiert hat. Gustaf Gründgens wird schon in den Posts Spielregeln Herrenausstatter und  Lederjacken erwähnt, Quadflieg in dem Post ➱Lesum, weil er dort gewohnt hat. Der Ort ist bei uns bei uns gleich um die Ecke, mit dem Buch Sommer in Lesmona wachsen Bremer auf. Rosemarie Clausen war eine berühmte Theaterphotographin, aber ihr Sohn wurde noch berühmter als sie.

Der Kieler Soziologe Lars Clausen, der heute vor sieben Jahren starb, war ein großer Mann. Der Satz ist doppeldeutig, das soll er auch sein. Er war von großer, massiver Statur, und er war ein bedeutender Gelehrter. Und ein Mensch, der bei aller Gelehrsamkeit herzerfrischend normal war. Und viel Humor hatte. Wenn man ihn in einer Buchhandlung traf, war man sofort im Gespräch mit ihm, das ging nicht anders. Auch wenn die Verkäuferin an der Kasse etwas verzweifelt auf ihr Geld wartete. Ein gutes Gespräch geht vor.

Lars Clausen war dreißig Jahre an der Kieler Universität, was erstaunlich war. Denn als er kam, war die Uni fest in der Hand der CDU, und mit der Partei hatte Clausen nicht so viel im Sinn. Er ließ sich nicht vertreiben wie Karl-Otto Apel, der ➱hier einen wirklich häufig gelesenen Post hat. An dieser Stelle muss ich einmal sagen, dass es mich immer wieder freut, dass meine kleinen Ausflüge in die Philosophie (also Posts wie ➱Philosophenwitze, ➱Gabriel Marcel, ➱Heidegger, ➱Roland Barthes, ➱Albert Camus, ➱Hegel, ➱Montaigne, ➱Kant, ➱Erwin Chargaff und ➱Karl Marx) von den Lesern dermaßen goutiert werden. Ich will heute eigentlich nicht über das Werk des Soziologen Lars Clausen schreiben. Kann dazu aber einiges empfehlen: ➱Meine Einführung in die Soziologie: 15 Vorlesungen in freier Rede, als Taschenbuch bei Stroemfeld erschienen, da geht nix drüber. Wenn Sie kostenfrei den Stil von Clausen kennenlernen möchten, dann klicken Sie diesen ➱Aufsatz an. Und dann hätte ich noch etwas sehr Interessantes: Spektrum der Literatur aus der Reihe Die große Bertelsmann Lexikothek. Bekommt man antiquarisch sehr preiswert.

Man mag über Bertelsmann ein wenig die Nase rümpfen, gilt als nicht so fein. Aber ich lasse da nichts drauf kommen, wenn meine Mutter in den fünfziger Jahren nicht Mitglied des Bertelsmann Leseclubs gewesen wäre, hätte ich einen Schriftsteller wie ➱Otto Flake nicht kennengelernt. Der Band Spektrum der Literatur ist von Clausen und seiner Frau Bettina herausgegeben, die war (nach einer kurzen Karriere als Schauspielerin) Germanistikprofessorin. Hätte Lars Clausen die nicht an seiner Seite gehabt, hätte er sich vielleicht nicht an diesen Band herangetraut. Oder doch: er traute sich an vieles heran, und da lassen wir es einmal unerwähnt, dass er für ➱Arno Schmidt den Goethepreis entgegengenommen und für Reemtsma das Lösegeld überbracht hatte.

Mit Arno Schmidt verband ihn eine lange Brieffreundschaft, er hat auch einmal eine schöne ➱Rede auf Arno Schmidt gehalten. Zehn Jahre, nachdem er für Arno Schmidt den Preis entgegen genommen hatte, hat er sich an diesen Moment erinnert: Es war schön, ein Mal mit langem Atem loben dürfen. Ins Gesicht konnte man es ihm nicht sagen. Also auch damals vor 10 Jahren nicht. Wie denn auch.Er im Schaukasten, auf dem Eckplatz 1. Reihe, Paulskirche, am 28. August, gut ausgeleuchtet? Er ließ danken und sagen, als hätte er keinen Preis bekommen. »Ich möchte mich nicht wiederholen«. Wem immer hätte es geholfen, den Mann zu sehen. Hatte doch ein jeder seinen Grob-Schmidt dabei; und verlieh wer weiß Wem den Goethe-Preis. So »schmückt´ er sich die schöne Gartenzinne,/ von wannen er der Sterne Wort vernahm,/ das dem gleich ew´gen, gleich lebend´gen Sinne / geheimnisvoll und klar entgegen kam. / Dort, sich und uns zu köstlichem Gewinne, / verwechselt´ er die Zeiten wundersam, / begegnet´ so, im Würdigsten beschäftigt, / der Dämmerung, der Nacht, die uns entkräftigt.«

Jan Philipp Reemtsma hat Clausen die ➱Tönnies Medaille verliehen. Ich bin kein Fachmann für Soziologie. Ich verbinde mit dem Fach das schöne und sorgfältig gehätschelte Vorurteil, dass ein Examen in Soziologie einem den Taxenschein in Berlin garantiert, ich weiß, dass das fies ist. Aber man kann sich mit Taxifahrern, die Soziologie studiert haben, immer hervorragend unterhalten. Natürlich habe ich Bücher von Soziologen gelesen, vornehmlich von solchen Soziologen, die auch über Mode geschrieben haben. Wie zum Beispiel René König und ➱Georg Simmel. Gut, Simmel hätte ich auch gelesen, wenn er nix über Mode geschrieben hätte. Ich habe Thorstein Veblen gelesen, ➱Max Weber und ➱Richard Sennett. Habermas und Dahrendorf habe ich nie gelesen, ich habe da auch kein schlechtes Gewissen. Auf dem Photo überreichte der Präsident der Ferdinand Tönnies Gesellschaft Lars Clausen den ersten Band der Tönnies Gesamtausgabe an die Ministerpräsidentin ➱Heide Simonis.

Mein kleiner Lars Clausen Post ist sofort zu Ende, ich wollte heute mal einen kurzen Post schreiben. Wieder nicht so recht gelungen. Ich muss nur noch eben die Geschichte von der Tagung erzählen, auf der ich gewesen bin. Hatte das Thema ➱Utopie, war etwas chaotisch organisiert, massenhaft Workshops. Ich fand mich am Freitag plötzlich neben ➱Harald Eschenburg, dem Antiquar und Schriftsteller, in einem Literaturworkshop über Stefan Heyms Roman Schwarzenberg. Das Schönste an der Tagung war der Abschluss zum Thema Science Fiction, mit einer Vielzahl von Science Fiction Autoren. Manche von denen konnten offensichtlich gut von dem von mir missachteten Genre leben, da standen mehrere neue BMWs vor der Pumpe. Die Pumpe ist ein Kommunikationzentrum so wie die Räucherei in Gaarden. Da hat die SPD letztens ihren Untergang gefeiert. Ich habe ja in dem Post ➱Straßensperrung meine Witze über Albig und seine Nudeln gemacht, aber ob Sie es glauben oder nicht: der Albig hat Nudeln mitgebracht. Die Genossen waren nicht amused.

Während der Rest der Tagung im Audimax der Uni stattfand, traf man sich am Sonntagvormittag also in der Pumpe in der ➱Haßstraße. Vielleicht hatte man sich gedacht, dass sich die SciFi Autoren da wohler fühlen würden als in der Uni. Oder vielleicht fand das auch hier statt, um den SciFi Autoren zu zeigen, dass sie nicht in die heiligen Hallen der Uni gehörten, ich weiß es nicht. Es ging an dem Vormittag um die Frage, wie Technik und Technologie die Wissenschaft und den Wissenschaftler verändern. Ein Autor schwärmte dem Auditorium etwas von seinem word processor vor. Dass es solche Dinger gab, hatte ich im Observer gelesen, Len Deighton hatte einen von IBM, der 25.000 Pfund gekostet hatte.

Irgendwann reichte Lars Clausen die ganze wissenschaftliche Zukunftsmusik, er erhob sich zu voller Körperfülle (wie er die ganze Zeit auf dem kleinen Plastikstuhl hatte sitzen können, ist mir schleierhaft) und sagte etwas Prinzipielles. Wissenschaftler brauchen etwas zum Schreiben, sagte er. Und zauberte sofort einen Bleistiftstummel aus der Hosentasche und hielt den hoch. Und er fuhr fort, dass der Wissenschaftler Sitzfleisch brauche, um tagelang in Bibliotheken zu sitzen. Ich sollte vielleicht anmerken, dass das ➱copy & paste Verfahren damals noch unbekannt war. Studenten haben heute kein Sitzfleisch mehr, die Bibliotheken sind leer. Als ich studierte, war es manchmal schwer, einen Platz im Lesesaal zu bekommen, so ändern sich die Zeiten.

Aller guten Dinge sind drei, Lars Clausen (hier förmlich im Anzug, in der Pumpe trug er einen riesigen grauen Pullover) hatte natürlich noch etwas zu Schluss. Das Wichtigste kommt immer zum Schluss. Und das war: Intelligenz zwischen den Ohren. Dabei zeigte Clausen mit beiden Zeigefingern (den Bleistift hatte er inzwischen verschwinden lassen) auf seine Ohren. Bildungsratschläge im Dreierpack sind die besten. Seit Sir William Curtis 1795 die Three Rs (reading, writing, arithmetic) in die Diskussion gebracht hat.

Gute Bildung hat für uns auch weiterhin Priorität, hat dieser Herr gesagt. Die SPD setzt auf so schöne Gedanken wie Nur wenn wir digitale Bildung in unseren Schulen integrieren, ermöglichen wir unseren Kindern eine selbstbestimmte und aktive Teilhabe an der Gesellschaft. Ja. Es wäre auch schön, wenn sie lesen, schreiben und rechnen könnten. Und Intelligenz und Bildung zwischen die Ohren kriegten.