Mittwoch, 31. Mai 2017

Brüllstangen


Eine Brüllstange ist, das versichert uns das Orakel Google, ein Kleinstlautsprecher. Also so etwas, worauf die echten HiFi Fans mit Verachtung herunterblicken. Dies hier ist natürlich keine Brüllstange, sondern ein Lautsprecher der T+A Criterion Linie. Die Firma aus Westfalen baut keine Brüllstangen, sie baut sehr gute (und sehr teure) Lautsprecher. Das habe ich schon in dem Post ➱HiFi gesagt, der viele Leser gefunden hat. Unterhaltungselektronik heißt wahrscheinlich deshalb Unterhaltungselektronik, weil man sich so gut über sie unterhalten kann.

Eine Brüllstange ist aber noch etwas anderes. Nämlich ein Ausrufezeichen. Angeblich hat Gottfried Benn dieses Wort erfunden, weil er Ausrufezeichen verachtete. Sie aber durchaus gebrauchte, wie zum Beispiel in dem Gedicht D-Zug:

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun.
Malaiengelb.
D-Zug Berlin-Trelleborg und die Ostseebäder.

Fleisch, das nackt ging.
Bis in den Mund gebräunt vom Meer.

Reif gesenkt, zu griechischem Glück.
In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist!
Vorletzter Tag des neunten Monats schon!


Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.
Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten,
die Georginennähe macht uns wirr.

Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:

Eine Frau ist etwas für eine Nacht.
Und wenn es schön war, noch für die nächste!
Oh! Und dann wieder dies Bei-sich-selbst-Sein!
Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden!

Eine Frau ist etwas mit Geruch.
Unsägliches! Stirb hin! Resede.
Darin ist Süden, Hirt und Meer.
An jedem Abhang lehnt ein Glück.

Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:

Halte mich! Du, ich falle!
Ich bin im Nacken so müde.
Oh, dieser fiebernde süße
letzte Geruch aus den Gärten.


Ich las das Wort Brüllstange letztens in der E-Mail einer ehemaligen Studentin. Da war die Rede davon, dass ich mit zu denen gehört hätte, die sie zum Examen gehievt hätten. Hochintelligente Frau, hatte nur ein wenig Furcht vorm Examen. Da kannte ich viele, jeder musste anders behandelt werden. Nicht immer hatte man Erfolg. Ich habe mir immer für Studenten Zeit genommen (lesen Sie mehr in ➱Gaudeamus Igitur), für manche auch viel, viel Zeit. Und ich hatte Kollegen, die nahmen sich noch mehr Zeit als ich. Ich hatte aber auch Kollegen, die nahmen sich überhaupt keine Zeit.

Ich betreue Studenten per E-Mail, sagte mir ein Spagatprofessor, der für anderthalb Tage in der Woche auftauchte, in den Semesterferien nie. Ich hatte gerade einer Studentin eine Stunde lang zugehört, die eine Verlängerung für ihre Arbeit haben wollte. Die sie sofort bekam. Ihr Bruder hatte einen Gehirntumor, war schon in drei Krankenhäusern gewesen, jetzt hatte sich das Krankenhaus Links der Weser in Bremen bereiterklärt, eine OP zu wagen. Bei einer solchen Geschichte kann man nur zuhören und zu trösten versuchen, da ist man in der Rolle eines Pastors oder eines Psychiaters.

Und dann kommt dieser Typ und sagt: Ich betreue Studenten per E-Mail. Ich weiß bis heute nicht, wie ich mich damals habe beherrschen können, ich hätte ihm gerne eine gesemmelt. Ich rege mich über die Geschichte heute immer noch auf. Aber ich habe ihm damals ganz kalt gesagt, und das weiß ich noch Wort für Wort: Wie Sie ihr Dienstverhältnis ausgestalten, das müssen Sie mit der Kultusministerin ausmachen. Ich schäme mich dafür, dass Leute wie Sie an der Universität sind. Das ist ein Satz, hinter den eine Brüllstange gehört hätte. Der Professor, ein nerd und nitwit, betreut immer noch seine Studenten per E-Mail. Und braucht morgens fünf Minuten, um sein Büro aufzuschließen. Ungelogen. Immer wieder fünf Minuten. Ein einfaches Yale Schloss ist zu schwer für ihn. Yale wäre auch zu schwer für ihn.

Aber zurück zu meiner hübschen, ein klein wenig frechen und ironischen Studentin mit der Prüfungsangst (test anxiety), was so etwas wie Lampenfieber (stage fright oder performance anxiety) oder Kanzelfurcht ist. Sie hat das Staatsexamen bestanden, auch wenn es etwas gedauert hat. Und deshalb schrieb sie mir: Danke! Danke!! Danke!!! mit gleich 3 Brüllstangen. Der Rest der Mail war auch sehr nett: Als D mir letzten Sonntag bei einem unserer mindestens einmal jährlich stattfindenden CAU-Girls-Revivals mitteilte, dass Sie sie darum gebeten hatten, mir Ihre E-Mail-Adresse zu geben, erstarrte ich beinahe vor Ehrfurcht: der große Jay, der unser Studium immer wieder zu einem Erlebnis gemacht hatte (denn, mal ganz ehrlich: Für "The Sportswriter" oder "From Rockaway" etc. mit all ihrem grässlichen Ennui und ihrer Vorstadt-Tristesse hätten wir für niemanden außer Ihnen freiwillig das pralle Leben auf dem Affenfelsen für eine Kurslänge hinter uns gelassen...) und der nun mit seinem famosen Blog von sich reden machte, konnte sich noch an C. erinnern? Nun ja, da Sie ein maßgeblicher Teil des "diese-Frau-kriegen-wir-auch noch-irgendwie-durchs-Examen"-Kommandos waren (Danke! Danke!! Danke!!! Mit gleich 3 Brüllstangen und "besser spät als nie!") und da Sie sich noch an viele Ihrer Studenten erinnern, hätte ich es mir vielleicht denken können. Gewagt, Ihnen als erstes zu schreiben, habe ich nicht - daher sollte D Ihnen meine E-Mail-Adresse geben. Und, voilà, hier ist er nun - der Gruß aus einer anderen Welt/Zeit, als alles noch ein wenig leichter und unbeschwerter war ... und über den ich mich wahnsinnig gefreut habe.

So schön die Mail ist, mich befiel ein leichter Missmut über die Mitglieder des jährlich stattfindenden Uni-Girls-Revival, ich finde Jill Eisenstadts ➱From Rockaway immer noch einen großartigen Roman. Und über die Qualität von Richard Fords The Sportswriter lasse ich nicht mit mir diskutieren. Wenn Sie den ➱Richard Ford Post lesen, dann wissen Sie das. Hier könnte ich jetzt eine Brüllstange setzen. Es ist ein Wort, das ich lange nicht mehr gehört hatte. Ein gewisser Alexander Bieling schrieb 1880 in seinem Buch Das Princip der deutschen Interpunktion: nebst einer übersichtlichen Darstellung ihrer Geschichte: Ich bemerke dieses zuerst in desselben Fischart (Flöh Hatz' von 1573), worin es etwa sechsmal zur Verwendung kommt. Wir sparen uns einmal die Lektüre des ➱Werkes und glauben ihm.

Da waren sie also in der E-Mail, die Brüllstangen. Eins, zwei, drei. Nach Meinung anderer soll Gottried Benn gar nicht von Brüllstangen, sondern von Lärmstangen geredet haben. Das ist nun allerdings ein Wort, das es in einer anderen Bedeutung schon lange gibt. Eine Lärmstange ist ein Fanal, das durch ein starkes, in weitem Umkreise sichtbares Feuer entfernten Truppentheilen schnell und sicher gewisse Zeichen geben soll. Hermann Pauls Deutsches Wörterbuch kennt allerdings beide Wörter nicht. Der Duden auch nicht.

Braucht man das signum exclamationis überhaupt? In dem schönen Blog von ➱Lyriost las ich: Vorschlag: Man sollte das erbärmliche Ausrufzeichen, besonders dort, wo es gehäuft auftritt, ächten und das wichtigste Satzzeichen, das Fragezeichen, subventionieren. Lyriosts Blog ist ein Blog, der vom Deutschen Literaturarchiv jeden Tag archiviert wird, das will etwas heißen. Es ehrt mich, dass ich ihn zu meinen Lesern zählen darf - ein Kompliment, das ich natürlich vielen meiner Leser machen könnte. Der Blogger Lyriost ist seit 2010 mein Leser. Und er hat mir einmal mit einem ➱Haiku ein wunderbares Kompliment gemacht:

Manchmal

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so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht

Wenn Schreibprofis über das Schreiben reden, lassen Sie dem Ausrufezeichen, das unter der Bezeichnung Rufzeichen seit dem 17. Jahrhundert vermehrt in der deutschen Sprache auftaucht, häufig besondere Bedeutung zukommen. Also zum Beispiel Elmore Leonard, der in Keep your exclamation points under control gesagt hat: You are allowed no more than two or three per 100,000 words of prose. If you have the knack of playing with exclaimers the way Tom Wolfe does, you can throw them in by the handful. Das findet sich in einem Artikel, der ➱Easy on the Adverbs, Exclamation Points and Especially Hooptedoodle heißt. Was Hooptedoodle ist, das googeln Sie mal bitte selbst. Elmore Leonard hat übrigens hier einen schönen kleinen ➱Post .

Ähnlich wie Elmore Leonard urteilt der Dichter Philip Cowell
auf einer Seite der ➱BBCThere is really only one rule when it comes to the exclamation mark: don’t use it. This is an exaggeration of course! In fact, rare usage is the point: the Chicago Manual of Style says the exclamation mark ‘should be used sparingly to be effective.’ The 45th President of the United States does not use the exclamation mark sparingly. In the Oval Office, exclamation points (the US term) are being issued more frequently than executive orders. According to the Trump Twitter Archive, in 2016 alone the @realDonaldTrump posted 2,251 tweets using exclamation marks. The ‘alternative facts’ are there for all to see: of 100 tweets I not-very-randomly picked, he used exclamation marks in all but 32 of them. That’s a 68% likelihood of signing off a tweet with a shriek!

Hier könnte jetzt Schluss sein mit dem Geschrei der Brüllstangen. Aber ich habe noch etwas zum Schluss. Das kennen Sie schon. Ist ein alter rhetorischer Trick. Ist aber immer wieder gut. So wie das nackte Mädel am Ende des Posts ➱Züchtigung. Und mit meinem kleinen Gag zum Schluß meine ich nicht diese ➱Graphik, die uns zeigt, dass Elmore Leonard die wenigsten Ausrufezeichen verwendet hat. Und James Joyce die meisten. Nein, mein Schluß ist heute eine Geschichte von Anton Tschechow, die Das Ausrufezeichen heißt. Die können sie ➱hier lesen, russisch und deutsch.

Dem kleinen Beamten Jefim Fomitsch Perekladin wird da plötzlich bewußt, dass er in all den Jahren in zehntausend Schriftstücken kein einziges Ausrufezeichen verwendet hat. Er wird eine schlaflose Nacht haben, von Albträumen mit Ausrufezeichen geplagt. Zu seinem Vorgesetzten gerufen, trägt er sich am nächsten Morgen im Vorzimmer ein: Kollegiensekretär Jefim Perekladin. Und setzt drei Ausrufezeichen hinter seinen Namen. !!! Und der Spuk mit den albtraumhaften Ausrufezeichen ist verschwunden.

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