Sonntag, 7. Mai 2017

Straßensperrung


Der Polizeiwagen stand quer in der Straße, da war kein Durchkommen. Erst dachte ich, dass das ein Unfall sei, aber dann sah ich hinten an der Straßenecke die Menschenmenge. Demo? Gibt es die noch? Ich fuhr erst einmal einen großen Bogen um das Ganze und stellte mein Auto vorm Haus ab. Ging dann aber doch neugierig einmal quer über den Platz zu der ➱Menschenmenge. Es war keine Demo, es waren die Toten Hosen auf ihrer ➱Magical Mystery Tour. Campino habe ich sofort erkannt. Der Ministerpräsident soll auch da gewesen sein, angeblich ganz zufällig. Wenn jemand ganz zufällig hier war, dann war ich das. Weil ich im Laden an der Ecke meine Zigarillos kaufen wollte. Da kam man aber nicht hinein, weil da nur Bier rausgeschleppt wurde. Die Besitzerin hat mir am nächsten Morgen erzählt, dass sich am Nachmittag zwar kein Stammkunde in den Laden getraut hätte, sie aber ihre ganzen Biervorräte verkauft hätte. Die witzigste Sache, die mir erzählt wurde, handelte von einer Rentnerin, die eigentlich zu Angela Merkel wollte. Die trat nämlich gleichzeitig in Kiel-Gaarden auf. Die Rentnerin hatte noch nie von den Toten Hosen gehört, aber das Ganze da draußen gefiel ihr. Und so sagte sie zu ihrer Freundin: Ach, pfeif auf die Angie, das wahre Leben ist hier.

Der Ministerpräsident Albig, den man sich ebenso wie die Toten Hosen ins ➱Wohnzimmer buchen kann, lässt in den letzten Tagen vor der Wahl nichts aus, kaum dass er dem Magazin ➱Bunte alles über sein neues Liebesglück erzählt hat. Auch dass er zehn Tage Heilfasten mit der neuen Frau gemacht hat, die er im nächsten Jahr heiraten will: Das war ein guter Einstieg in die heiße Phase des Landtagswahlkampfs. Kann man noch tiefer fallen? Auf die Frage eines Reporters Wird das Privatleben von Politikern erst dann interessant, wenn sie scheitern? antwortete Albig: Für die Medien ist das wohl so, ja. Es interessiert die Leute nur, wenn du fällst. Wie toll ich Nudeln machen kann, interessiert doch kein Schwein. In dem Punkt muss man ihm sicher zustimmen. Aber warum beklagen Politiker den Verlust des Privaten, wenn sie sich gleichzeitig in der Regenbogenpresse prostituieren? Wer erinnert sich nicht noch an das Photo von Scharping in Mallorca?

Niemand hat etwas dagegen, dass ein Politiker zu dem spontanen Auftritt der Toten Hosen geht, aber diese freche Lüge, dass er da rein zufällig vorbei gekommen sei, das ist schon unangenehm. Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd, hat Bismarck gesagt. Frau Merkel war letztens in Eckernförde, nicht bei der ➱Wilhelm Lehmann Gesellschaft. Nein, in einer Bonbonfabrik, da war ihr Kinderherz wieder erwacht. Dabei sein ist alles. Ja, hier ist Wahlkampf, nicht nur in Frankreich. Hier ist es ruhiger. Hier singt niemand die Marseillaise. Auch nicht das ➱Schleswig-Holstein Lied:

Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
deutscher Sitte hohe Wacht,
wahre treu, was schwer errungen,
bis ein schönrer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
wanke nicht, mein Vaterland
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
wanke nicht, mein Vaterland


SPD und CDU liegen gleichauf, Wahlplakate verschandeln das Stadtbild. Aber gegen Wahlplakate soll man nichts sagen, denn seit Loriot wissen wir: Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen. Torsten Albig kandidiert hier oben im Norden Kiels, wird da aber nie gesehen, außer auf dem Wahlplakat. Den Listenplatz hat er nur mit Mühe bekommen, etwas mehr als 50% der Genossen haben für ihn gestimmt. Aber jetzt wird alles anders, das weiß Albig: Es kam einem irgendwie so vor, dass wir irgendwie die falschen Klamotten anhätten und uns die Leute deshalb nicht mehr zum Tanzen auffordern wollten. Jetzt zieht die alte Tante SPD sich wieder ihr flottes Frühlingskleid an und tritt auch wieder etwas forscher auf die Tanzfläche. Das zeigt Wirkung.

Wirklich? Würden Sie mit einer hässlichen alten Oma tanzen, nur weil die einen flotten Fummel angezogen hat? Wer schreibt dem Mann die Texte? Mit der Bildung im Land liegt es ja ein wenig im Argen, man erinnert sich immer noch an Frau Wende und ihren Hund. Als ich den Post ➱Wende schrieb, wurde der über Nacht ein Bestseller. Sogar ein ehemaliger Chefredakteur der Süddeutschen konnte sich dafür begeistern. Albig stand damals felsenfest vor seiner Kultusministerin und verteidigte sie wie ein Ritter der Tafelrunde. Um sie dann doch ratztfatz fallenzulassen. Wie seine Ehefrau, mit der er sich kaum noch auf Augenhöhe austauschen konnte.

Ansonsten sind wir hier im echten Norden glücklich. Wir sind die Glücksregion Nummer 1 in Deutschland. Sagt die Statistik. Natürlich ist da Vorsicht geboten, denn der Leiter der Umfrage ist der Professor Bernd Raffelhüschen. Wenn Sie den einmal im Fernsehen gesehen haben, dann glauben Sie nie wieder einer Statistik. Wahrscheinlich hat der Raffelhüschen das mit der Glücksregion nur deshalb gesagt, weil er in Schleswig-Holstein geboren wurde.

Das Wahl-Lokal von meinem Wahl-Kreis, zu dem ich mit meiner Wahl-Benachrichtigung gehe, ist in der Turnhalle einer Schule, in der auch die Deutsch-Französische Gesellschaft beheimatet ist. Aber ich nehme mal an, dass Emmanuel Macron nicht auf meinem Wahl-Schein steht. Für Liberté, Égalité, Fraternité ist in der Turnhalle kein Platz. Wenn Sie sich über die seltsamen Schreibweisen von Wahl-Lokal und Wahl-Kreis wundern, das steht so auf der Wahl-Benachrichtigung für die Land-Tags-Wahl. Das ist leichtes Deutsch, muss alles ganz kurz sein, dafür hat der Landeswahlleiter eine Agentur bezahlt. Weil deutsche sprak schwere sprak. Mit Geld für ➱Agenturen, wie die der Lebensgefährtin von Herrn Albig, werfen die hier nur so um sich. Mit dem Ergebnis war der Landes-Wahl-Leiter nicht so glücklich, da hat man das noch im Hause überarbeitet. Über diesen Brei der vielen Köche waren dann tausende von Leserbriefschreiber nicht so glücklich. Die Frage stellt sich allerdings: warum ist ein Beamter in der B-Besoldung wie der Landeswahlleiter Tilo von Riegen nicht in der Lage, auf einer Seite DIN A4 mit klarem, gutem Deutsch alles zu den Modalitäten der Wahl zu formulieren?

Den Ausdruck eines Gedankens schwächen, oder gar den Sinn einer Periode verdunkeln, oder verkümmern, um einige Worte weniger hinzusetzen, ist beklagenswerter Unverstand. Gerade Dies aber ist das Treiben jener falschen Kürze, die heut zu Tage im Schwange ist und darin besteht, dass man das Zweckdienliche, ja, das grammatisch, oder logisch Notwendige weglässt. In Deutschland sind die schlechten Skribenten jetziger Zeit von ihr, wie von einer Manie, ergriffen und üben sie mit unglaublichem Unverstand.

Ich musste mal eben Schopenhauer zitieren, man kann ihn immer gebrauchen. Vor allem, wenn es um   Sätze wie Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens geht. Der Satz betrifft einen ehemaligen Innenminister des Landes. Der hat nämlich seinen Wahl-Schein bei Facebook eingestellt, noch mit dem schönen Text versehen: Nur eine starke SPD führt zu einem Ministerpräsidenten Torsten Albig. Dem Besten für unser Land. Mach´s noch einmal, Torsten. Auch Nichtjuristen ist klar, dass dieser Wahl-Schein jetzt ungültig ist.

Lassen Sie uns zu den Toten Hosen zurückkommen. Die waren am Freitag der letzten Woche nicht wegen Torsten Albig in Kiel, sondern wegen ➱Hans Künnemann. Der hat einen Fischladen in der Gneisenaustraße, zwei Häuser weiter ist das Geschäft Bild und Rahmen von ➱Anja Petrich. In den Fischladen gehe ich nie hinein, weil ich keinen Fisch mag. Habe ich schon mehrfach gesagt, lesen Sie doch einmal den Post ➱Heringe oder ➱Hafenstraße. Doch der Laden ist berühmt, Silvester stehen vor dem Laden, der seit beinahe hundert Jahren an dieser Stelle ist, fast so viele Leute wie bei dem Konzert der Toten Hosen auf der Straße.

Hans Künnemann hatte ein gutes Argument dafür, weshalb die Band bei ihm spielen sollte. Er war in den achtziger Jahren auf einem Konzert der Punkband in der Kieler Traumabrik gewesen. Die Tour  der Band war damals von Beate Uhse gesponsert worden, es wurden kostenlose Kondome verteilt. Ist das jetzt ungewollte Komik? Verhüterli und tote Hosen? Aber die Produkte von Beate Uhse waren nicht die Qualität, die aus Zeven kommt (wo einen ja auch die Himmelstorte direkt in den Himmel bringt), kurz gesagt, Hans Künnemann wurde Vater eines Stammhalters: Ich habe den Toten Hosen geschrieben, da hätten sie was wiedergutzumachen.

Und das haben sie denn ja wohl auch. Da kam Madelaine mal eben nicht aus ➱Lüdenscheid, sondern aus Kiel. Und in den Song ➱Alles aus Liebe haben sie das Wort Fisch in den Text geschmuggelt. Am Abend sind sie nach Süderbrarup mit der ➱Dampfeisenbahn gefahren. Sie sind jetzt viel unterwegs, ihr neues Album ➱Laune der Natur ist vor zwei Tagen auf den Markt gekommen.

Ich geh' jetzt wählen, das darf ich. Als ich achtzehn war, durfte ich noch nicht wählen. Ich durfte einen Führerschein machen und zur Bundeswehr gehen, aber wählen durfte ich nicht. Erst 1972 wurde das Wahlalter von 21 auf 18 gesenkt. Heute darf man ab sechzehn wählen, ist das gut? Wer wird überhaupt zu Wahl geben? Heute abend werden die Politprofis wieder alles besser wissen. Im Landeshaus erwartet man 1.000 Journalisten, auch Putins Lieblingssender Russia Today ist akkreditiert. Und Torsten Albig macht tolle Nudeln für alle.


Es gab in diesem Blog schon einmal einen Post, der ➱Tote Hasen hieß. Der hat Trini Trimpop so gut gefallen, dass er ihn auf seiner Facebook Seite empfohlen hat, das brachte viele Leser. Sie könnten auch noch lesen: Wahlplakate, WahlmüdigkeitFette Henne

Keine Kommentare:

Kommentar posten