Samstag, 20. April 2024

Forget Me Not


Heute vor zweihundertsechzig Jahren wurde Rudolph Ackermann in Stollberg in Sachsen geboren. Er wird wie sein Vater Sattler und Wagenbauer sein. Nicht in Stollberg. In Paris und London. Aber er bleibt nicht in dem Luxuskutschen Geschäft, obgleich er berühmte Kunden hat. Er macht noch etwas ganz anderes, was ihn noch berühmter macht. 1795 eröffnet er am Strand einen Laden, in dem man Bücher und Briefpapier, Farben und Drucke, Radierungen und Gemälde kaufen kann. Man kann hier auch Bücher leihen. Der Laden wird zu einem kulturellen Zentrum von London. Weil da auch noch eine Zeichenschule und eine Druckerei angeschlossen sind. 

Ackermann steigt ganz groß in das Lithographiegeschäft ein. Bekannte Künstler wie Thomas Rowlandson arbeiten für ihn. Seit 1809 erscheint Ackermanns Repository of arts, literature, commerce, manufactures, fashions, and politics, allgemein Ackermann's Repository oder schlicht Ackerman's genannt. Es ist der Vorläufer der Illustrierten und der Magazine. Ein Journal, in dem man alles finden konnte, natürlich auch die Mode der Regency Zeit. Die eleganten Damen und Herren des age of elegance - die Dandies natürlich eingeschlossen - konnten sich hier ihre Anregungen für die Inszenierung ihres Lebens holen. Nicht nur durch die Illustrationen der zeitgemäßen Mode, auch die englische Möbelkunst war hier reichhaltig repräsentiert. Wenn man sich mit der Welt des Regency beschäftigt, von Jane Austen bis Beau Brummell, wird man um das Studium von Ackerman's Repository nicht herumkommen. Und natürlich hat Rudolph Ackermann in diesem Blog längst einen Post.

1822 bringt Ackermann ein Jahrbuch auf den Markt, das Forget me not; A Christmas and New Year’s Present for 1823 (hier im Volltext) heißt. Voll mit Geschichten und Gedichten, Sir Walter Scott und Mary Shelley finden sich hier, verziert mit Kupferstichen von Mitgliedern der Royal Academy. Diese Forget me Not Jahrbücher erscheinen von 1822 bis 1846. Man findet erstaunliche Dinge darin. Im ersten Jahrbuch gibt es zum Beispiel eine Übersetzung von Kleists Die Verlobung in St Domingo. Und ich nehme mir aus dem ersten Band auch ein kleines Gedicht, mit dem der Monat April in dem Buch anfängt:

Now, April's varying month appears, 
With sunny smiles and show'ry tears, 
When pregnant nature gives their birth 
To the first fruits of teeming earth, 
And does the growing Spring prepare 
To deck with charms the early year 
Then beckons eager May to come, 
And shower around its fragrant bloom.

Freitag, 19. April 2024

Friederike


Haben die beiden so ausgesehen, Goethe und seine Friederike? Dies ist ein Holzstich von Eugen Klimsch aus dem Jahr 1890, die Kolorierung ist später erfolgt. Ich komme auf die beiden, weil Friederike Elisabeth Brion wahrscheinlich an einem 19. April geboren wurde. Sie war neunzehn, als sie Goethe traf. Nach der Liebesaffaire, die vielleicht anderthalb Jahre dauerte, hat er sie schnöde verlassen. Der Goethe Biograph Nicholas Boyle schreibt dazu: Man muß sagen, daß die ganze Episode Goethe wenig Ehre macht. Der lange Aufenthalt in Sesenheim im Mai und Juni sowie der Umstand, daß er und Friederike mit ziemlicher Sicherheit bei dieser wie vielleicht schon bei früheren Gelegenheiten längere Zeit allein gelassen wurden, lassen vermuten, dass man ihn, süddeutscher Gepflogenheit entsprechend, zu diesem Zeitpunkt als den Verlobten Friederikes betrachtete. (...) Unter diesen Umständen bedeutete der Bruch mit Friederike eine schwerwiegende Kompromittierung ihrer gesellschaftlichen Stellung – von ihren Gefühlen ganz zu schweigen. Nicholas Boyles Goethe Biographie ist auf drei Bände geplant, die ersten beiden Bände erschienen 1991 und 2000. Den dritten Band hat er immer noch nicht fertig. Ob ich den Band noch zu lesen bekomme?

Hier hat Goethe gerade die Familie des elsässischen Pfarrers Brion kennengelernt, und da kommt sie zur Tür herein. Blond und schlank, Goethe ist hin und weg: In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. […] Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehn und zu erkennen.

Theo Stemmler sagt in einem Interview dazu: Ich will mal so sagen: Goethe war ein Augenmensch. Deshalb darf ich das Visuelle erstmal in den Vordergrund stellen. Er besucht die Familie des Landpfarrers Brion, eines Freundes von Weyland, und spannend ist der Auftritt dann der Familie. Sukzessive treten wie auf einer Bühne auf: Der Vater, die Mutter, die ältere Schwester – später kommt auch der junge Sohn, der Christian, hinzu. So. Aber Spannung geriert er, nochmals – wie in einem Theaterstück, indem er ganz zum Schluss erst Friederike auftreten lässt, und das ist schon grandios, der Eindruck, den er vermittelt. Visuell. Sie ist ein überirdisch schönes Wesen. Ich sage es ein bisschen sarkastisch auch in meinem Buch: streng deutsch. Lange blonde Zöpfe, blaue Augen und so weiter. 

Theo Stemmler ist ein emeritierter Anglistikprofessor, der gerade das Buch Goethe und Friederike. Wahrheit und Dichtung veröffentlicht hat. Er war schon mal hier in diesem Blog, weil er auch ein Buch über Tennis geschrieben hat. Er hat witzige Dinge geschrieben, auch eine Geschichte des Fußballspiels. Jetzt nimmt er sich die Liebesaffaire des einundzwanzigjährigen Jurastudenten Goethe noch einmal vor: Von den zahllosen Interpretationen, Analysen und so weiter, wollte ich Goethe befreien, zurück zu den Originaltexten, die wir ja zur Verfügung haben. Wir haben seine Briefe. Wir haben seine Gedichte, wir haben ‚Dichtung und Wahrheit‘, wir haben Dokumente. Also mit anderen Worten: Ich wollte einfach Goethe mal sozusagen nackt präsentieren, fern von aller philologischen Ausdeutung

Gab es Sex? Nein, sagt der Psychoanalytiker Kurt Eisler in seiner 1.538 Seiten langen Studie Goethe: Eine psycholanalytische Studie zu dem Thema: Wenn Goethe in späteren Jahren absichtlich oder unabsichtlich den Mythos seiner ausgiebigen genitalen Erfahrungen kultivierte, muß er über etwas in seinem Sexualleben tief beschämt gewesen sein. Erst im Alter von neununddreißig Jahren hätte Goethe in Italien richtigen Sex gehabt. Wie immer die Liebesaffaire in der Wirklichkeit war, Friedrike hat ihn zum Dichten gebracht: Unter diesen Umgebungen trat unversehens die Lust, zu dichten, die ich lange nicht gefühlt hatte, wieder hervor. Ich legte für Friederiken manche Lieder bekannten Melodien unter. Sie hätten ein artiges Bändchen gegeben; wenige davon sind übriggeblieben, man wird sie leicht aus meinen übrigen herausfinden. Das sind die Gedichte, die man heute die Sesenheimer Lieder nennt. Und eins davon, Willkommen und Abschied, gibt es heute hier:

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück! geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Donnerstag, 18. April 2024

Daniel JeanRichard

Die Uhr, die ich zurzeit am Arm trage, ist ziemlich selten. Es gibt kein einziges Bild meiner Uhr im Internet. Nur eins von dem Uhrwerk, das in ihr tickt. Sie ist über sechzig Jahre alt und hat ein Edelstahlgehäuse. Mit einer Gehäusenummer auf dem Schraubboden. Wenn Uhren eine Gehäusenummer besitzen, dann sind sie etwas Besseres. Wenn dann auch noch Genève auf dem Zifferblatt steht, dann ist es bestimmt eine Qualitätsuhr. Das Genève steht nicht nur auf dem Zifferblatt, es steht auch auf dem Rotor des Automatikwerks. Das ist ein berühmtes Werk. Der Felsa Bidynator war das erste Automatikwerk, das in beide Richtung aufzog. Die Firma Felsa wurde sofort von Rolex verklagt, die sich schon Anfang der 1930er Jahre die von Aegler gebaute Rotorautomatik für ihre bubblebacks patentieren ließ. Aber Rolex musste sich von den Richtern belehren lassen, dass eine Automatik, die in zwei Richtungen aufzieht, etwas ganz anderes ist, als eine Automatik, die nur in einer Richtung wirkt.

Die Firma JeanRichard, die meine Armbanduhr gebaut hat, trägt einen berühmten Namen. Es gibt sie nicht mehr, aber es gibt seit 1988 wieder JeanRichard Uhren, weil die Firma Girard-Perregaux den Namen gekauft hat. Der Name JeanRichard ist deshalb von Bedeutung, weil Daniel JeanRichard vielleicht der Vater der ganzen schweizer Uhrenindustrie gewesen ist. Er lebte von 1672 bis 1741, man nannte ihn sein Leben lang Bressel, weil er aus dem Ort Les Bressels kam. Und er soll als junger Mann in einer Nacht die Taschenuhr eines durchreisenden Engländers repariert haben. Er hat sich alle Teile gut gemerkt, hatte sich eine Zeichnung gemacht und beschlossen, diese Uhr nachzubauen. Er wird anderthalb Jahre dafür brauchen. Ein Jahr für das Anfertigen der Werkzeuge, ein halbes Jahr fur die Uhr.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verlegte JeanRichard, der eigentlich Goldschmied war, sein Atelier nach Le Locle, wo heute ein Denkmal für ihn steht. Eine Sonderbriefmarke der schweizer Post hat es für ihn auch einmal gegeben. Sein Atelier bestand bis 1750, aber JeanRichard hatte für viele im Kanton Neuenburg den Anstoß gegeben, Uhrmacher zu werden. Er will nicht mit den Uhrmachern im calvinistischen Genf konkurrieren, die goldene Schmuckuhren bauen. Er will preiswerte Taschenuhren herstellen, und er hat auch schon neue Produktionsmethoden in Sicht. Deshalb ist er in einem Buch, das Swiss Pioneers of Industry and Technology heißt.

Kurz nach seinem Tod zählt man im Kanton Neuenburg schon achtzig Uhrmacher, vorher gab es da niemanden außer ihm. Hundert Jahre später sind fünfzehn Prozent der Einwohner von Neuenburg Uhrmacher. JeanRichards Firma ist von seinen fünf Söhnen unter dem Namen Daniel JeanRichard et Fils weitergeführt worden. Bei dieser JeanRichard Uhr aus dem Jahr 1950 hat die Legende über die Wirklichkeit gesiegt. Da ist nämlich unter dem Firmennamen ein kleiner Amboss zu sehen, weil JeanRichard ein Hufschmied gewesen sein soll. Diese Mär kommt im 19. Jahrhundert auf. Aber ein Hufschmied war er wohl nie. Es gibt über sein Leben mehr Legenden als Fakten, die besten Informationen findet man auf dieser Internetseite.

Auch wenn das Atelier von Daniel JeanRichard 1750 schließt, hat es immer wieder Firmen gegeben, die den Namen JeanRichard getragen haben. Wie die Firma, die meinen Flohmarktfund gebaut hat. Wahrscheinlich war das die 1915 gegründete Firma Eduard JeanRichard. Die Uhr ist erste Qualität, steht einer Omega in nichts nach. Wir können an dem Werk oben sehen, dass es sogar eine Art von Schwanenhals Feinregulierung für den Rücker besitzt, das ist schon etwas Besonderes. Der Gehäuseboden ist innen perliert, die Platine des Werks hat auch eine Perlage, so etwas war noch gute schweizer Qualität. 

Was der junge Daniel JeanRichard auf dem Denkmal in Le Locle in der Hand hält, sieht aus wie zwei Hälften eines Tennisballs. Aber so kugelig haben englische Spindeltaschenuhren um 1700 wirklich ausgesehen. Ich habe so etwas schon mehrfach in der Hand gehabt und immer wieder gestaunt, dass die Uhren noch liefen, wenn man sie aufzog. Bedenken Sie aber beim Aufziehen, dass man die linksherum aufziehen muss. Sind Engländer, die haben auch Linksverkehr.

Ich habe heute ein schönes Uhrengedicht, das schlicht The Watch heißt. Es ist von der Amerikanerin Danusha Laméris, einer Dichterin, die schon zahlreiche Preise gewonnen hat. Das Gedicht ist in dem Band Best American Poetry 2017 abgedruckt. Diese Anthologie wurde von Natasha Trethewey herausgegeben, die einmal den Pulitzer Preis gewonnen hatte und Poet Laureate der Vereinigten Staaten war. Es bedeutet für eine Dichterin wie Danusha Laméris schon etwas, in diese Sammlung aufgenommen zu werden. Der französische L'Observateur sagte ein klein wenig ironisch über Best American Poetry: For the small community of American poets, the Best American Poetry is the Michelin Guide, the Reader's Digest, and the Prix Goncourt

The Watch

At night, my husband takes it off
puts it on the dresser beside his wallet and keys
laying down, for a moment, the accoutrements of manhood.
Sometimes, when he’s not looking, I pick it up
savor the weight, the dark face, ticked with silver
the brown, ostrich leather band with its little goosebumps
raised as the flesh is raised in pleasure.
He had wanted a watch and was pleased when I gave it to him.
And since we’ve been together ten years
it seemed like the occasion for the gift of a watch
a recognition of the intricate achievements
of marriage, its many negotiations and nameless triumphs.
But tonight, when I saw it lying there among
his crumpled receipts and scattered pennies
I thought of my brother’s wife coming home
from the coroner carrying his rings, his watch
in a clear, ziplock bag, and how we sat at the table
and emptied them into our palms
their slight pressure all that remained of him.
How odd the way a watch keeps going
even after the heart has stopped. My grandfather
was a watchmaker and spent his life in Holland
leaning over a clean, well-lit table, a surgeon of time
attending to the inner workings: spring,
escapement, balance wheel. I can’t take it back,
the way the man I love is already disappearing
into this mechanism of metal and hide,
this accountant of hours
that holds, with such precise indifference,
all the minutes of his life.

Mittwoch, 17. April 2024

der siebzehnte April

Ich hatte das eigentlich nicht vor, im Poetry Month April jeden Tag zu schreiben, aber irgendwie hat es sich ergeben. Es war auch schön, dass ich so hohe Leserzahlen habe, kein Tag ohne tausend Leser. Als ich damit begann, den ganzen Monat April mit Gedichten zu füllen, blieben die Leser weg. Das hat sich aber mit den Jahren geändert. Vor einigen Tagen überlegte ich, erstmal überhaupt nicht mehr zu schreiben, weil meine Seite bei Googles Bloggersystem defekt war. Auf dieser Seite, die für niemanden außer mir zugänglich ist, schreibe ich. Kann alle Statistiken einsehen, weiß, welche Posts gerade gelesen werden. Aber plötzlich funktionierte nichts mehr, ich kam nicht mehr in meine anderen Blogs. Und konnte keine neuen Posts mehr erstellen. Die Bedienungsanleitung bei Blogger sieht so aus:

Posts erstellen, bearbeiten, verwalten oder löschen

Sie können jederzeit Posts und Entwürfe verfassen, bearbeiten oder löschen.
Neue Posts verfassen
Melden Sie sich in Blogger an.
Klicken Sie auf "Neuer Post" .
Erstellen Sie den Post. Klicken Sie auf Vorschau, um zu prüfen, wie der Post nach der Veröffentlichung aussieht.
Speichern oder veröffentlichen Sie den Post: Speichern und nicht veröffentlichen: Klicken Sie auf Speichern.
Veröffentlichen: Klicken Sie auf Veröffentlichen
.

Ich konnte auf Neuer Post klicken, soviel ich wollte, es passierte nichts. Ich nahm alte, unveröffentlichte Posts, bei denen ich den Text löschte und schrieb den neuen Text hinein. Das war alles sehr lästig, aber nach vier Tagen ist es Google gelungen, alles wiederherzustellen. Als ich zu bloggen begann, gab es mal eine ganze Woche, in der Googles Bloggersystem weltweit vom Netz war, und kein Blogger etwas ins Netz stellen konnte. Mein Gedicht heute ist von Ringelnatz. Es heißt Der Leu und ist speziell für den 17. April geschrieben:

Auf einem Wandkalenderblatt 
ein Leu sich abgebildet hat. 
Er blickt dich an, bewegt und still, 
den ganzen 17. April. 
Wodurch er zu erinnern liebt, 
daß es ihn immerhin noch gibt.

Dienstag, 16. April 2024

Frauen nachschauen


Der englische Schriftsteller Kingsley Amis, der heute Geburtstag hat, war schon häufig in diesem Blog. Er hat schon den langen Post Kingsley Amis, der ihn und sein Werk vorstellt. Da steht mehr drin als in einem Wikipedia Artikel. Und es gab, immer am 16. April, auch noch die Posts Women are really much nicer than men und Higgledy-piggledy. Ich habe heute ein kleines witziges Gedicht von ihm, das sich in dem kleinen Gedichtband (es sind 57 Seiten) A Look Round the Estate: Poems 1957-67 findet. Es ist ein Gedicht, das in die Kategorie light verse gehört. Damit kennt Amis sich aus, er war der Herausgeber des The New Oxford Book of Light Verse. Das Gedicht ist nicht so bekannt, es heißt Sight Unseen. Aber der Autor mochte es offenbar; als er zum ersten Mal in Amerika war, hat er es bei einem Vortrag vorgelesen. Das Gedicht handelt von den Schwierigkeiten, die Männer haben, wenn sie Frauen nachschauen:

As I was waiting for the bus
A girl came up the street,
Detectable as double-plus
At seven hundred feet.

Her head was high, her step was free
Her face a lyric blur;
Her waist was narrow, I could see,
But not the rest of her.

At fifty feet I watched her stop,
Bite at a glove, then veer
Aside into some pointless shop,
Never to reappear.

This happens every bloody day:
They about-turn, they duck
Into their car and drive away, 
They hide behind a truck.

Look, if they knew me, well and good,
There might be cause to run;
Or even saw me---understood;
No. Not a peep. Not one.

Love at first sight---by this we mean
A stellar entrant thrown
Clear on the psyche's radar-screen,
Recognized before known.

All right: things work the opposite
Way with the poles reversed;
It's galling, though, when girls omit
To switch the set on first.

Wenn man lange genug den Frauen nachschaut, kommt vielleich irgendwann das Girl from Ipanema vorbei. Aber bis dahin könnten Sie natürlich die Music to watch Girls By hören. Das Bild im ersten Absatz ist natürlich in Italien entstanden. Es ist in idesem Blog in dem Post Cinecittà und die Mode zu sehen. Ich kenne auch den Namen des Photographen, er heißt Federico Patellani. Er hat bei den Dreharbeiten vieler italienischer Fime photographiert. Sie können hier einige hundert Photos davon sehen, aber es gibt auch ein Federico Patellani Archiv.. Meine erste Begegnung mit dem Photograophen war dies Buch hier, ein Geburtstagsgeschenk von meiner Freundin Gabi. Ich war hin und weg von diesen Photos, die so viel über das Italien einer bestimmetn Zeit sagt. Patellani ist nicht nur in Cinecittà und die Mode, er ist auch noch den Posts Vittorio Gassman und Steve Cochran.

Montag, 15. April 2024

Impressionisten


Heute vor einhundertfünfzig Jahren stellten in Paris dreißig Maler ihre Bilder aus. Nicht im Salon, sondern im Atelier des Photographen Nadar. Den hatten sie überreden können, weil er dringend Geld brauchte. Eins der Bilder ist Claude Monets Impression, soleil levant. Ein Journalist nimmt sich das Wort impression für die Schlagzeile L'exposition des Impressionnistes. Seitdem heißen die Maler Impressionisten. Wenn wir das Wort heute verwenden, hat es nicht mehr die pejorative Bedeutung, die es 1874 hatte. Diese Bedeutung nimmt Bruce Berger in seinem Gedicht Impressionists auf, wo es heißt: These paintings Paris laughed down A hundred years ago Have finally attained their salon...

Den Impressionismus finden wir auch in der Literatur, Charles Baudelaire, der auch wunderbar über Malerei schreibt (lesen Sie doch einmal den Post Eugène Boudin) zählt man dazu. Und natürlich Arthur Rimbaud (hier auf dem Bild der zweite von links). Rimbaud hat der Romanist Hugo Friedrich 1956 in seinem Buch Die Struktur der modernen Lyrik (das als eine epochale Studie gilt) groß herausgestellt. Ich habe mit Hugo Friedrich so meine Schwierigkeiten, ich werde zwei Dinge nicht los. Das eine ist natürlich seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Und das andere ist eine Geschichte, die mir ein Kollege erzählte, der mal bei Friedrich wissenschaftliche Hilfskraft (Universitätsjargon: Hiwi) war. Der musste für seinen Professor immer Brötchen und Kaffee in einem bestimmten Supermarkt kaufen, weil es da Rabattmarken gab. Denn Professor Hugo Friedrich sammelte Rabattmarken. Rimbaud und Rabattmarken, wie geht das zusammen? 

Aber das lassen wir jetzt mal weg. Ich habe ein Gedicht von Rimbaud, das Marine heißt. Und ich habe hier eine Seite mit einer englischen Übersetzung, auf der man das Gedicht in englischer und französischer Sprache vorgelesen bekommt. Aber ich habe noch viel mehr, ich habe drei deutsche Übersetzungen von Rimbauds Gedicht. Die habe ich von dem Blog Lyrikzeitung & Poetry News, und für diesen Blog des Greifswalder Literaturwissenschaftlers Dr Michael Gratz muss ich mal ein bisschen Werbung machen, es ist wirklich ein ganz erstaunlicher Blog. Neben der Seite von planet lyrik ist das eine der besten Seiten zur modernen Lyrik im Netz. Und die Seite hat eben auch Rimbauds Gedicht Marine mit den Übersetzungen:

Les chars d´argent et du cuivre –
Les proues d´acier et d´argent –
Battent l´écume, –
Soulèvent les souches des ronces.
Les courants de la lande,
Et les ornières immenses du reflux,
Filent circulairement vers l´est,
Vers le piliers de la forêt,
Vers le fûts de la jetée,
Dont l´angle est heurté par des tourbillons de lumière.

Hafen

Die silbernen, kupfernen Wagen,
Schiffsschnäbel aus Silber und Stahl
Peitschen den Schaum,
Pflügen der Brombeere Ranken.

Die Ströme der Steppe,
Die unendlichen Spuren der Flut
Kreisen nach Osten hin ab,
Zu den Säulen des Walds
Zu den Bohlen der Dämme,
Im Winkel getroffen vom Wirbeln des Lichts.

Diese Übersetzung ist von Gerhard Haug, einem Übersetzer, der seit den 1920er Jahren Verlaine und Rimbaud übersetzt hat, 

Seestück

Wagen aus Silber und Kupfer –
Aus Stahl und Silber der Bug –
Durchpflügen den Schaum, –
Entwurzeln die Brombeerstrünke.

Die Ströme der Heide
Und die unendlichen Spuren der Ebbe,
Ziehen in Wirbeln gen Osten,
Zu den Pfeilern des Waldes –
Zum Holzwerk der Mole,
Gegen deren Balken andrängen Strudel von Licht.


Diese Übersetzung aus dem Jahre 1989 ist von dem Schriftsteller Uwe Grüning.

Seestück

Die Wagen von Silber und von Kupfer –
Die Buge von Stahl und von Silber –
Schlagen den Schaum, –
Heben hoch die Strünke der Dornen.
Die Ströme der Heide
Und die Spuren, unermeßlichen, der Ebbe,
Ziehen kreisend gen Osten,
Zu den Pfeilern des Walds,
Zu den Stämmen des Damms,
Dessen Kante gepeitscht wird von Wirbeln von Licht.


Und diese Übersetzung aus dem Jahr 2000 hat Michael Gratz selbst beigesteuert. Es gibt auf seiner Seite eine hervorragende Suchfunktion, mit der man unglaublich viel über Arthur Rimbaud finden kann. 

Sonntag, 14. April 2024

Mayence


Am 14. April 1793 hat die Belagerung von Mainz durch die Armee der Ersten Koalition begonnen. Die Koalitionstruppen waren in der Überzahl, am 23. Juli mussten sich die Franzosen ergeben. Sie durften mit ihren Waffen und Ehrenzeichen die Festung verlassen, mussten sich aber verpflichten, in den nächsten zwölf Monaten nicht gegen die Koalitionsarmee zu kämpfen. Der General Jean-Baptiste Kléber führt sie nach Paris zurück, wo sie auf den Straßen als die Feiglinge von Mainz (les lâches de Mayence) verhöhnt werden. Kléber hat Napoleon nicht so richtig gemocht. Da geht er hin, der kleine Schurke. Er reicht mir nicht mal bis zu den Stiefelstulpen, soll er gesagt haben, als sich Napoleon nach der Niederlage von St. Jean d'Acre (dem heutigen Akkon) davonmachte.

Als die Belagerer kommen, ist der Weltumsegler Georg Forster (im Bild oben von Tischbein gemalt), der im Jahr zuvor mit dem Mainzer Jakobinerklub die Mainzer Republik gegründet hatte, nicht mehr in Mainz. Er ist jetzt als Abgeordneter des Nationalkonvents in Paris und soll die Angliederung der Mainzer Republik an Frankreich im Nationalkonvent beantragen. Der Antrag wird angenommen, ist aber durch die Eroberung von Mainz im nächsten Jahr nicht mehr das Papier wert, auf dem er steht. Forster kann nicht mehr nach Mainz zurück, er war als Vaterlandsverräter der Reichsacht verfallen. Völlig mittellos verstirbt er mit vierzig Jahren in der Dachkammer des Maison des Patriotes Hollandais in der Rue des Moulins in Paris. Er braucht die Schreckensherrschaft nicht mehr zu erleben. In seinem letzten Brief an seine Frau schreibt er: Die Revolution ist ein Orkan, wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift. Aber der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit ist hier für Sterbliche zu hoch. Was geschieht, muß geschehen. Ist der Sturm vorbei, so mögen sich die Überlebenden erholen und der Stille freuen, die darauf folgt.

Mein Gedicht heute ist die Grabschrift auf Georg Forster von Friederike Brun, die in Sophienholm einen Salon unterhielt und die man die Madame de Staël des Nordens genannt hat.

Weltumseegler! du suchtest auf pfadlosem Ozean Zonen,
Wo die Unschuld der Ruh’ böte vertraulich die Hand!
Edler Forscher, was fandest du dort? Die Kinder der Erde
All’ an Schwachheit sich gleich, alle dem Tode geweiht.
Sohn der Freiheit! du öffnetest ihr die männliche Seele,
Ihr, die vom Himmel herab sandte der Vater zum Heil.
Ach! es wandte die Göttinn sich schnell von der blutigen Erde;
Forster! du schwebtest mit ihr hin, wo dein Glaube sich lohnt.

Die Mainzer Republik, das erste demokratische Staatswesen auf deutschem Boden, hatte ein kurzes Leben. Sie wird in diesem Blog schon in den Posts Georg ForsterMainz und Johann Adam Ackermann erwähnt. Der letzte Post hat den Mainzer Landschaftsmaler Ackermann zum Thema, der in Paris bei Jacques-Louis David studiert hat. Vielen tausend Lesern hat dieser Post gefallen. Das gefällt mir auch. 

Samstag, 13. April 2024

Casino Royale


Heute vor einundsiebzig Jahren erschien der erste James Bond Roman Casino Royale beim Londoner Verlag Jonathan Cape. Die erste deutsche Ausgabe erschien, gekürzt und etwas zensiert, 1960 bei Ullstein. Es gab zwar in England positive Kritiken, aber ein Riesenerfolg war James Bond noch nicht. Heute gehört der fiktive englische Geheimagent zu unserem Alltag. Es gibt, glaube ich, jede Woche einen James Bond Film im Fernsehen. Dazu passt natürlich ein kleines Gedicht von Frank Schulz (der durch seinen Roman Kolks blonde Bräute berühmt wurde), es heißt Geschürt, nicht gerüttelt:

Sein Name ist Bond,
James Bond.
Das Girl, es ist blond,
schön blond.
Jawohl, Bond ist Schond.
Na ond?


Mein Gedicht des Tages ist heute Bond Girl von der Engländerin Fiona Pitt-Kethley, die in den achtziger Jahren mit ihren frechen Gedichten die englische Literatur aufmischte. Sie war für ein Jahrzehnt Kult, jede Zeitung, jedes Magazin wollte sie haben. Sie schrieb für die Times, den Telegraph, den Independent, den Guardian, den London Review of Books und den Oldie. Dann heiratete sie einen englischen Schachgroßmeister und zog mit ihm nach Spanien. Aber sie schreibt immer noch. Ist aber nicht mehr so witzig wie in The Perfect Man, aus dem dies Gedicht kommt. 2018 hat sie sich im London Review of Books auf die Stelle des Poet Laureate beworben, aber ich glaube, das war eher ein klein wenig satirisch.

Back in my extra days, someone once swore
she'd seen me in the latest James Bond film.
I tried to tell her that they only hired
the real glamorous leggy types for that.
(My usual casting was 'a passer-by'.)

I've passed the lot in Pinewood Studios.
It's factory-like, grey aluminium, vast
and always closed. Presumably that's where
they smash up all the speedboats, cars and bikes
we jealous viewers never could afford.

I quite enjoyed the books. Ian Fleming wrote well.
I could identify a touch with Bond,
liking to have adventure in my life.
The girls were something else. All that they earned
for being perfect samples of their kind -
Black, Asian, White - blonde, redhead or brunette,
groomed, beauty-parlourised, pleasing in bed,
mixing Martinis that were shaken not stirred
using pearl varnish on their nails not red -
was death. A night (or 2) with 007,
then they were gilded till they could not breathe,
chucked to the sharks, shot, tortured, carried off
or found, floating face downward in a pool.



Die Google-Blogger Seite, auf der ich schreibe, ist ein klein wenig defekt. Vielleicht ist dies der letzte Post bis Google das repariert. Deshalb stelle ich die mal um Mitternacht ein, ein weiß nicht, was heute noch geht.


Freitag, 12. April 2024

Panoramafenster


Heute vor zweihundertvierzig Jahren hat Mozart sein 17. Klavierkonzert vollendet. Wenn Sie das anklicken, können Sie es hören. Mozart gehört zu diesem Blog, ich habe in der Statistik zu zählen versucht, wie häufig dieser Komponist im ganzen Blog geannt wird. Ich habe bei hundert aufghört, aber da kamen noch mehr Posts. Mozart war immer in diesem Blog. Zum ersten Mal am vierten Januar 2010, da war ich einen Tag im Netz.

Zum Thema Mozart und Gedichte kann ich Ihnen diese Seite empfehlen. Das ist die Seite von Georg Nikolaus von Nissen. Und da gibt es ganz, ganz viele Mozart Gedichte. Wenn Sie zwei gelesen haben, wird es Ihnen reichen. Dann lieber so ein kleines Gedicht wie das von John Updike, in dem ein Mozart Klavierkonzert vorkommt. Das findet sich in dem Post Klavierkonzert No 24. Und wenn Sie eine Interpretation zu dem Updike Gedicht brauchen, dann lesen Sie den Post Nationalstolz

Mein Gedicht heute ist von dem amerikanischen Dichter Robert Pack, der im letzten Jahr im Alter von vierundneunzig Jahren verstorben ist. Er ist in Deutschland kaum bekannt, obgleich er deutsche Vorfahren hat. In Amerika galt er aber als Nachfolger von Robert Frost. Sein Gedicht Looking at a Mountain Range While Listening to a Mozart Piano Concerto wurde 1980 veröffentlich. Ein Jahr zuvor hat er das Gedicht bei einer Dichterlesung vorgetragen. Er sagt bei diesem Vortrag auch einiges über das Gedicht, das hat er er bei Lesungen wohl immer getan. Man muss sich etwas Zeit nehmen, um das Gedicht zu verstehen, man muss es zweimal lesen. Das ist wie bei Mozarts Musik, die man auch beim zweiten und dritten Hören besser versteht:

Looking eastward through my picture window
over the snow, the sun just down, I see
the mountain-range hazing to one shade of blue;
now with the trees obscured, it is a sweep
of shape darkening so flat, one might not
recognize a mountain-range at all— its
silhouette is just a wandering line,
drawn by a hand that might be falling asleep
or else so free that every arc it makes
of rise or fall expresses the contentment
that it feels at heart, although it leads
nowhere but on, and might as well drift off
into another range of further blue.

Brightly the piano asserts its melody;
the orchestra gathers its colors to reply,
true to the law that everything responds,
nothing is left unanswered, that variation
extends the self-as if one’s life were made
essential in a piano’s theme, departing
then returning one to what one is.
And now again it is the piano’s turn,
and now the separate instruments, again
as one, move onward to their chosen end
beyond which nothing else will be desired.

And so my ears pulse back into themselves;
my eyes return to seeing what they see:
the mountain’s silhouette-a floating line
leading my sight where visible blue ends.
It is an end in thought-my life goes on,
here I am deciding what to play next
as you appear and freshly I recall
when I first saw you, twenty years ago,
playing your flute. I thought of waterfalls
in moonlight, orioles in cherry trees—
they blossom and still flourish as I choose.
Your smile extends the silence of your pause,
and then, as if unsure where to go next,
you walk adagio past me out the door,
just as I hear the piano enter in.

The mountain’s silhouette is now less sharp.
Something seems missing as the record ends,
spinning with a hiss that empty space
must make between the stars. I move the needle
to the start, and light the lamp above my chair.
There are no mountains any more, only
my reflection in the picture window
like a surgeon’s X-ray, ghostly and remote.

I hear the introduction once again;
the piano sings so freshly that I feel
the reason why the orchestra replies. And
you return, carrying the flute
your fingers have not graced for twenty years—
as if a poem had conjured up the past
to ease the fear of darkness and of chance.
The one star in the sky is not enough
to light the mountain-range where darkness holds
the shape my window-frame provides. Once more,
for the strings’ sake, the piano states its theme;
the violins are moved, they love their part.

Although I cannot see the dark beyond
my mountain’s dark, I’ll not leave love to chance;
I watch you in the window coming near
as if to the conclusion Mozart had in mind.


Donnerstag, 11. April 2024

welke Blätter


Jacques Prévert, hier mit seiner Tochter Michelle, ist am 11. April 1977 gestorben, ich nehme diesen Tag zum Anlass, Prévert mal wieder in den Blog zu bringen. Da war er schon vierzig Mal, und es gibt natürlich auch schon einen Post Jacques Prévert. Sein bekanntestes Chanson Les feuilles mortes drucke ich heute nicht ab. Weil dieses Chanson mit souvenirs et regrets schon einen eigenen Post hat. Als Gedicht des Tages präsentiere ich eine deutsche Übersetzung, die Die welken Blätter heißt:

Erinnerst du dich so wie ich jener Tage
Die wir noch so jung und so glücklich zu zweit
So ganz ohne Sorgen verlebten, ich sage
Viel schöner als heute war damals die Zeit

Unser Lied von dem welkenden Laub unter Bäumen
Das zur Erde sinkend rasch verfällt und vergeht
Welkende Blätter mit all unsren Träumen
Von den Winterwinden verwirbеlt, verweht

In die kaltе Nacht des Vergessens
Reißt sie der Nordwind mit sich fort
Du siehst, ich weiß von diesem Lied
Das du mir sagst heute noch jedes Wort

Und dieses Lied gleicht unsrem Leben
Ich liebte dich, du liebtest mich
Wir fühlten uns reich, wir liebten uns eben
Wie ich dich liebte, liebtest du mich

Doch das Leben trennt immer wieder
Liebende die sich nicht mehr verstehn
Und das Meer löscht im Sand die Spuren
Der Liebenden die auseinandergehn

Ich weiß nicht, von wem diese Übersetzung ist, aber Hannes Wader hat das so gesungen. In zwei Sprachen. Wahrscheinlich hat er es auch selbst übersetzt. Hannes Wader hat das Lied mehrfach gesungen, aber diese unplugged-Version halte ich für die beste. Man hat das Gefühl, dass er inzwischen in dem Lied zu Hause ist, dass es jetzt sein eigenes Lied ist. Ich habe auch noch Cora Vaucair für Sie, die, wenn ich mich nicht irre, das Chanson als erste gesungen hat. Also bevor Yves Montand und Juliette Gtéco das taten.

Sie könnten jetzt noch die Posts Juliette Gréco und exis lesen. Von dem Post gibt es eine englische Version für die amerikanischen Leser. Der Yogi (Dr Joachim Reppmann, MA) hatte mich darum gebeten, weil das St Olaf College in Northfield wahrscheinlich die beste Kierkegaard Bibliothek der Welt besitzt. Und mit dem Philosphen Gordon Marino wahrscheinlich einen der wichtigsten Denker zum Thema Existentialismus. Er hat mir dieses Buch geschenkt, das ist ein wirklich gutes Buch. Und da ich bei wirklich guten Büchern bin, möchte mich bei meinem Freund Friedhard dafür bedanken, dass er mir zum Geburtstag das Buch Paris 1944 - 1962 : Dichter und Denker auf der Straße geschenkt hat.


Mittwoch, 10. April 2024

Princeton


Heute vor neunundneunzig Jahren wurde F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby veröffentlicht. Es war nicht der Erfolg, den Fitzgerald erhofft hatte. Da ging es Fitzgerald wie Herman Melville, dessen Meisterwerk Moby-Dick auch kaum Leser fand. Fitzgerald war ein schlechter Schüler gewesen, und die Universität Princeton hatte große Bedenken ihn zuzulassen. Er wäre lieber nach Yale gegangen, aber er wusste, dass er da keine Chancen gehabt hätte. Er war auch ein schlechter Student, aber er genoss das studentische Leben und schrieb ständig kleine Dinge für das Nassau Literary Magazine. Größere akademische Leistungen sind von ihm nicht bekannt. Ein Examen hätte er nicht geschafft. Die Universität hatte schon eine Verwarnung ausgesprochen, er stand kurz vor der Relegation. Fitzgerald meldet sich zur Armee. Träumt von einem Heldentod im Krieg, da er gerade bei einer Frau nicht landen konnte. Er landet nur in einem Ausbildungslager in Fort Leavenworth, sein Vorgesetzter ist ein Captain namens Dwight D. Eisenhower. Den hasst der junge Leutnant Fitzgerald. Er langweilt sich in Levenworth, schreibt in drei Monaten einen Roman, der The Romantic Egotist heißt und schickt ihn an Scribner's. Die schicken ihm den Roman gleich wieder zurück. Aber der Cheflektor Maxwell Perkins hat Fitzgeralds Talent erkannt. Fitzgerald hat gerade eine neue Frau namens Zelda kennengelernt und schreibt den Roman um; er erscheint unter dem Titel This Side of Paradise. Der Roman erregt Aufsehen, eine Woche nach der Veröffentlichung heiratet Fitzgerald seine Zelda. 

Ein schlechter Schüler, ein schlechter Student, ein großer Autor. Es ist erstaunlich, wie viele schlechte Schüler berühmte Schrifsteller werden. Melvilles Eltern hielten ihr Kind für ein wenig minderbemittelt. Flaubert konnte mit sieben Jahren noch nicht lesen, Sartre wusste, weshalb er seine Flaubert Biographie Der Idiot der Familie nannte. Fitzgerald hat nicht nur in der Schule Schwierigkeiten mit dem Schreiben, die Rechtschreibschwäche wird er sein Leben lang behalten. Seinen Freund Hemingway schreibt er Earnest Hemminway. Sein Studienfreund Edmund Wilson wird über das Manuskript von This Side of Paradise mit den tausend Tippfehlern sagen: one of the most illiterate books of any merit ever published. Wenn Fitzgerald Max Perkins und die Lektoren von Scribners nicht gehabt hätte, wäre keiner seiner Romane veröffentlicht worden. In der Geschichte der Literatur des 20. Jahrhunderts sind Lektoren manchmal genauso wichtig wie die Autoren. Was wäre aus Thomas Wolfe geworden, wenn er nicht Maxwell Perkins gehabt hätte? Look Homeward, Angel wäre nie erschienen. Faulkner hat Albert R. Erskine (der auch noch Cormac McCarthy betreute) gebraucht. Und so weiter. Und wenn Alfred Andersch nicht gewesen wäre, wäre Arno Schmidts Seelandschaft mit Pocahontas nicht gedruckt worden. 

Aber was bedeutet heute schon Rechtschreibung, ein Computerprogramm kann doch alles korrigieren. Sagt sich auch die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien und ordnet an, dass Rechtschreibfehler in Aufsätzen nicht mehr in die Deutschnote eingehen. Es ist schade, dass Fitzgerald das nicht mehr erleben kann, hier hätte er Abitur machen können. Hundert Jahre nachdem er die Universität verließ, hat ihn Princeton doch noch als Absolventen anerkannt. Fitzgerald hat wenig Gedichte geschrieben, aber ein Abschiedsgedicht auf seine Uni hat er doch geschrieben:

Princeton The Last Day

The last light wanes and drifts across the land, 
The low, long land, the sunny land of spires. 
The ghosts of evening tune again their lyres 
And wander singing, in a plaintive band 
Down the long corridors of trees. Pale fires 
Echo the night from tower top to tower. 
Oh sleep that dreams and dream that never tires, 
Press from the petals of the lotus-flower 
Something of this to keep, the essence of an hour! 

No more to wait the twilight of the moon 
In this sequestrated vale of star and spire; 
For one, eternal morning of desire 
Passes to time and earthy afternoon. 
Here, Heracletus, did you build of fire 
And changing stuffs your prophecy far hurled 
Down the dead years; this midnight I aspire 
To see, mirrored among the embers, curled 
In flame, the splendor and the sadness of the world.

Aber ist das jetzt wirklich ein Gedicht? Es steht in Prosaform im Kapitel vier von This Side of Paradise: The last light fades and drifts across the land the low, long land, the sunny land of spires; the ghosts of evening tune again their lyres and wander singing in a plaintive band down the long corridors of trees; pale fires echo the night from tower top to tower: Oh, sleep that dreams, and dream that never tires, press from the petals of the lotus flower something of this to keep, the essence of an hour.
No more to wait the twilight of the moon in this sequestered vale of star and spire, for one eternal morning of desire passes to time and earthy afternoon. Here, Heraclitus, did you find in fire and shifting things the prophecy you hurled down the dead years; this midnight my desire will see, shadowed among the embers, furled in flame, the splendor and the sadness of the world. 
Sein Potential als Dichter schreibt Fitzgerald in seine Romane. Auch The Great Gatsby ist voll von lyrischen Passagen. Gehen Sie doch einmal auf die Seite Found Poems in Gatsby.

Dienstag, 9. April 2024

böse Blumen


Charles Baudelaire hat heute Geburtstag. Der Mann, der Edgar Allan Poe übersetzte, über den Dandy und die Kunst schrieb, war immer in diesem Blog. In zweiundvierzig Posts taucht sein Name auf. Er ist immer wieder ins Deutsche übersetzt worden. Auf der Seite vom Deutschlandfunk kann man lesen, dass es hundert verschiedene Übersetzer gibt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Auf der Seite wird die neueste Baudelaire Übersetzung von Simon Wehrle besprochen. Ist nur dumm, dass sie seinen Namen nicht richtig schreiben können, er heißt Simon Werle

Von all den Übersetzungen von Les Fleurs du Mal, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte gelesen habe, nehme ich mir heute für Baudelaires Gedicht Le Chat die Übersetzung von Terese Robinson. Sie war 1873 als Tochter des Strohhutfabrikanten und Landtagsabgeordneten Wilhelm Langenbach geboren worden. Sie heiratete den Hamburger Textilkaufmann Max Robinson und floh mit ihm 1939 nach Schweden. Sie ist 1945 in Malmö gestorben. In den zwanziger Jahren hatte sie Shakespeares Sonette, Epen und kleinere Dichtungen (1927) und Baudelaires Die Blumen des Bösen (hier im Volltext) übersetzt. Und unter dem Pseudonym Karin Delmar zwei Romane geschrieben. Einer davon, Gespräche im Zwielicht, ist vor wenigen Jahren wieder neu aufgelegt worden. 

Ihre Übersetzungen sind immer wieder nachgedruckt worden. Weil sie gut und lesbar sind. Bei Amazon schreibt ein Rezensent: Die sprachgewaltigen Gedichte hat Terese Robinson einmalig ins Deutsche übertragen — ein Lesegenuss. Sie sind besser als die Übersetzung von Carlo Schmid, die bei Insel erschienen war. Hat mich mal zwei Euro gekostet, aber wirklich glücklich war ich mit den Übersetzungen nicht. Der Meinung ist auch Monika Fahrenbach-Wachendorff, die Les Fleurs du Mal für Reclam übersetzt hat. Um genau zu sein: das 2020 erschienene Buch ist die Überarbeitung einer Übersetzung aus dem Jahre 1980. Sie können zu dem Thema Übersetzungen von Les Fleurs du Mal hier einen langen Aufsatz von ihr lesen. Monika Fahrenbach-Wachendorff sagt in ihrem Nachwort der Reclam Ausgabe über ihre eigene Übersetzung.

Bei meiner Lektüre der 'Fleurs du Mal' in den siebziger Jahren habe ich mich auch mit einigen Übersetzungen beschäftigt, so mit der Nachdichtung von Stefan George, der Übertragung von Karl Schmid und der Prosaübersetzung von Friedhelm Kemp. Dieser anregenden Auseinandersetzung verdanke ich manches und letztendlich sogar den Wunsch, eine eigene Übersetzung zu wagen.

Jede Übersetzung spiegelt nur eine mögliche Lesart des Originals und ist sprachlich und in ihrem Textverständnis von ihrer Entstehungszeit geprägt. Insofern kann keine das zeitübergreifend gültige Original vollständig erfassen, sondern immer nur der Erhellung eines oder mehrerer Aspekte dienen und diese im Medium einer anderen Sprache lebendig werden lassen, wobei sie jedoch deren eigenen semantischen, syntaktischen und metrischen Bedingungen unterliegt.

Als Lesehilfe ist zweifellos eine nüchterne, klare Prosaübersetzung am besten geeignet. Aber Lesern, die wenige oder gar keine Französischkenntnisse besitzen, vermittelt die bloße Wiedergabe des Inhalts relativ wenig von dem, was ein Gedicht ausmacht, nämlich seine sprachliche Gestalt. Deshalb darf gerade sie in einer Übersetzung nicht vernachlässigt werden. Die Erfahrungen und Empfindungen, die in einem Gedicht zum Ausdruck kommen, werden ja nicht rein gedanklich entwickelt, sondern in einer sinnlich-anschaulichen Sprache, oft auch in Bildern, dargestellt und entfalten so eine eigene Emotionalität. Diese wird auch – und das erst konstituiert ein lyrisches Gedicht – durch eine große Dichte an bedeutungstragenden Wörtern und klanglich-rhythmischen Elementen hervorgebracht. Das »Was« des Dargestellten lebt erst durch das »Wie« der Darstellung, die durch ihre Dynamik (ihr Tempo, ihre Steigerungen und Verzögerungen, durch Parallelführung und Wiederholung von Worten und Lauten) und in ihrer rhythmischen Bewegtheit, die sich in Spannung zum Metrum entwickelt, eine Intensität und einen Sog erzeugen kann, der den Leser mit hineinnimmt in eine neu zu erfahrende Wirklichkeit.


Beim Projekt- Gutenberg gibt es Die Blumen des Bösen in der Übersetzung von Terese Robinson. Und auch noch: Les fleurs du mal im französichen Original. Dann die Die Blumen des Bösen / Les fleurs du mal zweisprachig, deutsch wieder von Terese Robinson. Und zwei berühmt gewordene Übersetzungen: Die Blumen des Bösen in der Übertragungen von Walter Benjamin und Die Blumen des Bösen in der Nachdichtung von Stefan George. Und jetzt gibt es die Katze, die genaugenommen ein Kater ist. Wenn da la chatte gestanden hätte, dann hätte das Gedicht eine ganz andere, sexuelle Konnotation:

Le Chat

Viens, mon beau chat, sur mon coeur amoureux;
Retiens les griffes de ta patte,
Et laisse-moi plonger dans tes beaux yeux,
Mêlés de métal et d'agate.

Lorsque mes doigts caressent à loisir
Ta tête et ton dos élastique,
Et que ma main s'enivre du plaisir
De palper ton corps électrique,

Je vois ma femme en esprit. Son regard,
Comme le tien, aimable bête
Profond et froid, coupe et fend comme un dard,

Et, des pieds jusques à la tête,
Un air subtil, un dangereux parfum
Nagent autour de son corps brun.

Bei Terese Robinson klingt das so:

Komm, schöne Katze, und schmiege dich still
An mein Herz, halt zurück deine Kralle.
In dein Auge ich träumend versinken will,
Drin Achat sich verschmolz dem Metalle.

Wenn meine Hand liebkosend und leicht
Deinen Kopf und den schmiegsamen Rücken,
Das knisternde Fell dir tastend umstreicht
Sanft, doch berauscht vor Entzücken,

Dann seh' ich sie. Und ihres Blickes Strahl
Er scheint dem deinen, schönes Tier, zu gleichen,
Ist tief und kalt, scharf wie geschliffner Stahl,

Und feine Düfte fühl' ich zitternd streichen,
Gefährlich süssen Hauch, der gluterfüllt
Den braunen Leib von Kopf zu Fuss umhüllt.


Das schöne Bild Epigraphe pour un livre condamné da ganz oben ist von dem belgicshen Symbolisten Jan Frans De Boever aus dem Jahre 1924. Damals hat Terese Robinson angefangen zu übersetzen.

Montag, 8. April 2024

Port-au-Prince


Ich habe über das Wochenende noch mehr von dem amerikanischen Dichter Eugene Ethelbert Miller gelesen, der hier gestern im Blog war. Ein Gedicht fiel mir besonders auf, es heißt Port-Au-Prince. Mit diesem Namen sind wir in der einst von den Franzosen beherrschten Karibik; da waren wir mit dem schönen Post Vaterlandsverräter?, in dem es viel Musik gibt, schon einmal. 

Den Namen Port-Au-Prince kenne ich, seit ich vor Jahrzehnten mit meinem Photoapparat auf der anderen Seite der Weser unterwegs war. Und in Lemwerder neben der Fähre, im Bootshafen von Abeking & Rasmussen, eine Luxusyacht aus Mahagoni sah, deren polierten Heckspiegel in großen Lettern der goldene Schriftzug Port-au-Prince zierte. Ich wusste damals nichts von Papa Doc Duvallier (dem diese Yacht vielleicht gehörte) oder Baby Doc Duvallier, wusste nichts von all den Diktatoren in jener Gegend der Welt. Auch von Porfirio Rubirosa, dem Schwiegersohn des Diktators der Dominikanischen Republik hatte ich noch nie gehört. Heute kann ich Andreas Zielcke wunderbares Buch Der letzte Playboy: Das Leben des Porfirio Rubirosa unbedingt empfehlen. Ich muss auch gestehen, dass ich damals, als ich das Boot bestaunte (das Farbphoto habe ich immer noch), auch Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo noch nicht gelesen hatte. Und mit dieser Novelle sind wir eigentlich mitten in unserer Geschichte. 

Das steht so in dem Post Haiti, und das war das erste, das mir einfiel, als ich das Gedicht Port-Au-Prince von Ethelbert Miller las: 

Port-Au-Prince

inside the car
françois and i
could see the light
coming from the
cigarette michele
duvalier was smoking
her husband
declared president
for life looked like
a fat chauffeur
sitting beind the
wheel

françois
and i smiled

the small
procession of cars
slipping past us
in the dark

we did not know
that a few miles
away people were
already celebrating
nor could we see
joy on the faces
of the men who ran
holding knives and
sticks to the place
where papa doc
was buried
tonight even
ghosts will die

as françois and i
walk barefoot
at the center
of port-au-prince


Heute wird man bei Abeking & Rasmussen keine Schiffsnamen und Heimathäfen mehr photographieren können. Was sie bauen, bleibt streng geheim. Da steht dann im Baunummernbuch (das hier vollständig zugänglich ist) nur n.n. Die Yachten werden für Millionäre und Milliadäre gebaut, für Scheichs und vielleicht auch für Diktatoren. Aber wahrscheinlich wird kein Boot mehr nach Port-au-Prince geliefert. Obgleich es da noch bei aller Armut und aller Kriminalität noch genügend Millionäre gibt.

Sonntag, 7. April 2024

Billie Holiday


Billie Holiday hat heute Geburtstag. Sie wird immer wieder in diesem Blog erwähnt, wirklich immer wieder. Zum Beispiel in dem Post über den Historiker Eric Hobsbawm, der einen Essay über Billie Holiday geschrieben hat. Und der nebenbei als Jazzkritiker arbeitete. Unter dem Pseudonym Francis Newton. Der Trompeter, der Billie bei  Strange Fruit begleitete, hieß auch so. War auch Kommunist wie Hobsbawm. Billie Holiday hat natürlich schon einen Post, der Lady Day heißt. Darin gibt es ein Billie Holiday Gedicht von Frank O'Hara, das Rolf Dieter Brinkmann ins Deutsche übersetzt hat. Nicht jeder von uns hat die Chance wie Frank O’Hara, Lady Day im Five Spot zu hören while she whispered a song along the keyboard/to Mel Waldron and everyone and I stopped breathing. 

Inzwischen gibt es leider kaum noch Platten, außer diesen neuen Retro Platten, die bei ebay unter der modischen Bezeichnug Vinyl laufen. Aber die CDs sind praktisch. Die kann man zu kleinen Türmen stapeln. Mein Stapel von Jazz Singers, in dem auch die Billie Holiday CDs drin sind, erreicht schon die Höhe einer Sängerin. Das steht schon in dem Post über die Hamburger Sängerin Ingeburg Thomsen. Da steht auch noch: überall in den Clubs tauchen immer wieder Blondinen im kleinen Schwarzen auf, vielversprechende Talente. Irgendwie scheint das die einzige Spezies auf der Welt zu sein, über deren Fortbestand man sich keine Sorgen machen muss. 

Ich habe heute hier noch ein schönes kleines Billie Holiday Gedicht von dem schwarzamerikanischen Dichter Eugene Ethelbert Miller, das ich gerade gefunden habe. Es heißt Billie Holiday und ist 1993 in seinem Gedichtband First Light: New and Selected Poems erschienen. Man kann bei Google Books einiges von den Gedichten lesen, nicht alles, aber doch eine Menge:

sometimes the deaf
hear better than the blind

some men
when they first
heard her sing

were only attracted
to the flower in her hair

Wenn Sie jetzt alles über die ikonische Gardenie in Billies Haar lesen wollen, Vogue ist bestimmt die richtge Adresse dafür.
 

Samstag, 6. April 2024

rainy day

Es hatte gestern den ganzen Tag geregnet. Als ich mir am Nachmittag meinen Tee machen wollte, war es so duster, dass ich in der Küche das Licht anmachen musste. Es war ein trister Tag. Er wurde nur dadurch aufgehellt, weil arte in der Nacht Rickie Lee Jones sendete. Ich hätte jetzt ins Bett gehen können, weil es halb zwölf war, aber ich blieb vor dem Fernseher. Weil sie den September Song so sang, wie ich ihn noch nie gehört habe. Den September Song kenne ich, der hat in diesem Blog schon den Post September Song. Und es gibt in diesem Blog auch schon seit zehn Jahren einen Post Rickie Lee Jones. Die Frau ist jetzt seit fünfundvierzig Jahren auf der Bühne, sie ist immer noch gut. Ein Lied über den Regen, Here's That Rainy Day von Jimmy Van Heusen und Johnny Burke, hatte sie auch im Programm. Und das nehme ich heute mal als Gedicht des Tages:

Maybe I should have saved
Those leftover dreams
Funny, but here′s that rainy day

Here's that rainy day
They told me about
And I laughed at the thought
That it may turn out this way
Where is that worn out wish

That I threw aside
After my lover was so near
Funny how love becomes
A cold rainy day
And funny, that rainy day is here

Funny how love becomes
A cold rainy day
And funny, that rainy day is here
That rainy day, that rainy day is here

Wenn Sie die Version von Rickie Lee Jones hören wollen, dann klicken Sie hier.