Samstag, 24. Juni 2023

Quarzuhren


Before they became mysterious and quartz, we longed to learn the workings of watches: eternal spring! schrieb Elizabeth Macklin in ihrem Gedicht The Watches. Sie hat ja so recht. Wie eine mechanische Uhr funktioniert, das wollte ich immer wissen. Inzwischen weiß ich das, ich habe schon welche auseinandergenommen. Wie eine Quarzuhr funktioniert, das weiß ich nicht. Es bleibt für mich mysterious. Vor allem, weil sich auf dem Gebiet der Quarzwerke ungeheuer viel getan hat, seit die ersten Armbanduhren mit einem Quarzwerk 1969 auf den Markt kamen. Auch wenn ich nichts davon verstehe, schreibe ich mal über die drei Quarzuhren, die ich besitze.

1981 kaufte meine Mutter bei Henry Kaufmann auf Helgoland diese Quarzuhr, es sollte ein Geschenk für meinen Vater sein. Meine Mutter meinte, er müsse mit der Zeit gehen, jetzt sei die Zeit der Quarzuhren gekommen. Mein Vater war nicht wirklich von dem Geschenk begeistert, machte aber höflichkeitshalber Anstalten, sie zu tragen. Es dauerte nicht lange, da bekam ich sie geschenkt. Ich nahm sie gerne, da meine Tissot Seastar Seven gerade zur Reparatur war. Ich fand die Uhr eigentlich elegant, sie war trotz des massiven Edelstahlbands sehr leicht und lag gut auf dem Handgelenk. Meine Seiko mit der Modellnummer 7223-6010 gefiel mir. Bis zu dem Augenblick, als mir mein Freund Gert sagte: Weißt Du, dass Du die gleiche Armbanduhr wie Uwe Barschel hast? Wusste ich nicht, aber im Gegensatz zu Gert brauchte ich den Barschel ja auch nicht jeden Tag zu sehen. Als der Stern die Photos von dem toten Uwe Barschel in der Badewanne veröffentlichte, konnte jedermann die Seiko Alarm Quartz sehen. Unter Uhrensammlern bekam die Seiko den Namen Barschel-Uhr, ich weiß nicht, ob das ihren Verkehrswert steigerte.

Ich legte die Seiko erst einmal in eine Schublade und trug weiterhin meine Tissot. Nach dem Fall der Mauer kaufte ich in Schwerin vor dem Schloss einem jungen Mann für zwanzig Mark diese Wostok Komandirski Taucheruhr ab, die heute immer noch bestens funktioniert. Und das brachte mich dazu, auf Flohmärkten nach alten Uhren suchen. Damals bekam man ja noch vieles für'n Appel und 'n Ei, wie man so schön sagt. Heute ist daran nicht mehr zu denken. Mein Buchhändler schenkte mir am Tag des Buches eine Quarzuhr aus rotem Plastik, die auf dem Zifferblatt nur die Zahlen 23 und 4 hatte. Der 23. April ist der Todestag von Cervantes und Shakespeare, deshalb hat man dieses Datum für den Welttag des Buches genommen. 

Als die ersten Quarzuhren auf den Markt kamen, waren sie schweineteuer und sehr groß. Sie waren so groß, weil man in der Schweiz noch keine kleinen Quarzwerke bauen konnte. Dies ist ein Beta 21 Quarzwerk in einer Omega, ein Werk, das eine sehr teure technische Fehlentwicklung war. Aber dann kam Weihnachten 1969 Seiko mit der Seiko Quartz Astron-35SQ und zeigte dem Rest der Welt, dass man auch kleine Quarzwerke bauen konnte. Und die Quarzuhren wurden preiswerter und preiswerter, man bekam sie schon als Werbegeschenke in die Hand gedrückt; so wie ich meine rote Plastikuhr bekam. Wenn man bei Wempe eine Uhr zur Reparatur abgab, bot einem die Firma eine Wempe Quarzuhr für die Zeit der Reparatur an, die man hinterher auch behalten konnte. Quarzuhren waren billige Massenware geworden. Monsieur Stern, der Besitzer von Patek Philippe, sagte in einem Interview, dass er zur Gartenarbeit eine billige Quarzuhr benutzen würde, keine Patek. Obleich Patek ja auch Quarzuhren im Programm hat.

Die Quarzuhren brachten die Schweizer Uhrenindustrie in die größte Krise ihrer Geschichte. Man hätte rechtzeitig nach Amerika schauen sollen, wo es schon elektrische Uhren gab. Als Hamilton seine erste elektrische Uhr auf den Markt brachte (ja, die Ventura, die Elvis auch hatte), rannten die Direktoren bei der Pressekonferenz alle fünf Minuten hinter den Vorhang der Bühne. Nicht wegen Blasenschwäche, sie tauschten schlichtweg die Uhren aus. Weil sie das Problem mit den Batterien noch nicht gelöst hatten. Wenn Sie eine Ventura sehen wollen, klicken Sie doch einmal den Post noch Stromlinie an. Die Ventura (oder die Pacer) mit dem Kaliber 500 war sehr reparaturanfällig, insbesondere die beiden dünnen Kontaktdrähte waren meistens die Ursache der Fehler. Viele Besitzer einer Ventura ließen das Werk später durch ein Quarzwerk ersetzten, die heute angebotene Replik hat das natürlich auch drin.

Das Hamilton Kaliber 500 (das durch das zuverlässigere Kaliber 505 abgelöst wurde), war 1957 die erste elektrische Armbanduhr der Welt. Es war allerdings deutscher Erfindergeist, der hier aus Amerika verkauft wurde, denn das Werk beruhte auf einem Patent von Helmut Epperlein, der die Vereinigte Uhrenfabriken Ersingen besaß. Er war der erste deutsche Unternehmer, dem die Bundespost eine Telephon Reklame genehmigt hatte. Rief man das Pforzheimer Werk an, hörte man eine Stimme mit schwäbischem Akzent: Der Name ist Epperlein - die Armbanduhr ist elektrisch. Einen Augenblick bitte, Sie werden sofort verbunden.

Bulova hatte schon 1960 die Accutron auf den Markt, der Name war aus den Wörtern Accuracy und Electronic gebildet. Es war eine Stimmgabeluhr, die der Schweizer Ingenieur Max Hetzel für Bulova entwickelt hatte. Dies hier ist das Modell Spaceview, es gab die Uhr aber auch mit normalem Zifferblatt. Wenn man sie ans Ohr hielt, konnte man die Frequenz von 360 Hz hören. Wenn man sie auf einem hölzernen Nachttisch legte, wurde das Geräusch noch lauter, die Frequenz der Uhr machte Bobtails nervös. Ich weiß wovon ich rede, ich hatte mal eine Bulova Accutron. Dem Bobtail mit dem Namen Fussel gefiel das überhaupt nicht. Meine Accutron läuft nicht mehr. Bulova hilft einem nicht mehr, die Firma gehört heute Citizen, und es gibt nur noch ganz wenige Adressen, die einem dieses Teil reparieren. Ob Omega seine Megasonic, die auch von Max Hetzel entwickelt worden war, heute noch repariert, weiß ich nicht.

Bei Omega musste offenbar alles Mega sein, und so hieß ihre Quarzuhr auch Megaquartz. Ich habe meine von meinem Uhrmacher geschenkt bekommen, das habe ich schon in dem Post meine Uhrmacher gesagt. Ich weiß nichts über die Langlebigkeit der billigen Quarz Werbeuhren oder der Signature Collection von Donald J. Trump, aber ich weiß, dass meine Omega Megaquartz jetzt seit fünfzig Jahren läuft. Und die Seiko aus dem Jahre 1981, die jahrzehntelang abgemeldet war, funktioniert auch wieder bestens. Weil der Barnie überall neue Batterien hineingetan hat, er würde mir gerne die Megaquartz abkaufen, aber die bleibt, wo sie ist. Auf meinem Schreibtisch, ich sehe sie immer, wenn ich schreibe.

Die erste Schweizer Quarzuhr kam erstaunlicherweise von der Nobelfirma Patek Philippe (die auch die Hauptuhr meiner Uni gebaut hatten), aber die konnte man nicht am Handgelenk tragen. Die Chronotome. war ein Schiffschronometer. Dann kamen 1969 Seiko, 1970 Girard-Perregaux und Omega und 1971 Junghans, so sieht die Reihenfolge der Entwicklung aus. Als Junghans seine erste Quarzuhr vorstellte, geschah das mit den Worten: Noch nie in der vielhundertjährigen Geschichte der Zeitmesstechnik gab es eine Armbanduhr mit der Vollkommenheit der Junghans Astro-Quartz. Die Uhr kostete damals 800 Mark, das war 200 Mark billiger als die erste Schweizer Quarzuhr der Firma Girard-Perregaux (die baugleich mit dem Jaeger-LeCoultre Modell war) mit der Standardfrequenz von 32.768 Hz. Die Batterie für das Junghans Quarzwerk kam aus den USA, so etwas konnte man in Deutschland noch nicht. Das Beta-21 in der Omega oben hatte eine Batterie von der Schweizer Firma Renata, die ist heute ein Riese für kleine Batterien, 800.000 sollen sie angeblich am Tag produzieren. Da kann man mal sehen, wieviel Quarzuhren es gibt.

Das hier ist meine dritte Quarzuhr, die habe ich gerade bei ebay ersteigert. (Die schrottige Black Watch von Sir Clive Sinclair, die ich nur einige Wochen besaß, möchte ich nicht mitzählen. Sie hat mit Black Watch hier schon einen Post, in dem auch einiges über Quarzuhren steht). So etwas wie diese Uhr hier wollte ich immer schon mal haben; eine Uhr, die so ähnlich aussieht wie die Seamaster von James Bond. Seit 1995 tragen die James Bond Darsteller ja Omega, vorher war das mal eine Rolex; und in den siebziger Jahren trug Roger Moore auch Quarzuhren. In Live and Let Die trägt Moore eine Hamilton Pulsar P2. Wenn Sean Connery in Dr No im Jahre 1962 eine Rolex trägt, dann war das die Uhr des Produzenten Cubby Broccoli. Eigentlich trug der Held eine ganz andere Uhr, weil er ja ein Londoner Gentleman war (auf jeden Fall in Ian Flemings Romanen). Und die tragen keine übergroßen Taucheruhren, schon gar nicht zum Smoking.

Wenn James Bond diese Dame im Spielcasino kennenlernt und sich mit den Worten My name is Bond, James Bond vorstellt, hat er eine goldene Gruen mit dem Kaliber 510 am Arm. Bei manchen Sammlern heißt das Modell heute Sylvia Trench watch. Und Sylvia Trench hat in diesem Blog natürlich schon einen Post. Sean Connery hat die goldene Gruen übrigens in mehreren Filmen getragen, wir können sie auch in Goldfinger sehen, wenn er mit Oddjob kämpft und die Welt rettet. Kann man alles mit einer Gruen machen, dafür braucht man keine Rolex. Gruen Quarztuhren gibt es heute in Mengen, aber das nichts mehr mit der einst so stolzen Firma Gruen zu tun. An deren Hauptsitz in Biel steht heute der Name Rolex.

Meine dritte Quarzuhr da oben am Arm ist eine Certina DS Action. Man kann hier auf dem Gehäuseboden die Schildkröte sehen, die schon die Certina DS Modelle der sechziger Jahre zierte. In der Uhr ist ein Precidrive Quarzwerk, das die ETA seit 2013 herstellt. Es soll zehnmal genauer sein als ein normales Quarzwerk. Das hat sich in der Entwicklung seit 1969 viel getan, zwischen einem billigen Ronda Werk und einem hochklassigen ETA Werk liegen Welten. Die vier Zentimeter große Uhr wiegt 140 Gramm, das trägt sich leicht. Meine IWC GST und meine Doxa Sub 300 sind wesentlich schwerer. Irgendwie ist es die ideale Uhr, aber sie wird meine letzte Quarzuhr bleiben. Auch wenn die Stundenmarkierungen in der Nacht leuchten. Ich werde das mit der Ganggenauigkeit von sieben Sekunden im Jahr nicht nachmessen, die Tauchtiefe von 300 Metern werde ich auch nicht überprüfen. Mir genügt die Uhr, so wie sie ist.

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