Donnerstag, 30. März 2023

Himalaya


Nein, ich war noch nicht im Himalaya. Ich habe nur einen hübschen Titel gesucht, weil ich über die Certina DS schreiben wollte, die ich am Arm trage. Es ist eine knuffige Uhr. Das DS steht nicht für Déesse wie bei Citroën (lesen Sie mehr in dem Post Göttin), das DS steht für Doppelte Sicherheit oder double security. Man wollte bei dieser Sportuhr das Uhrwerk vom Gehäuse entkoppeln, um es vor Schlägen zu schützen. Normalerweise wird bei Uhren das Uhrwerk auf das Zifferblatt geschraubt und das Ganze in das Gehäuse eingesetzt. Jeder Stoß auf das Gehäuse überträgt sich auf das Werk, dass wollte der Ingenieur Philipp Kurth verhindern. Er wählte dafür einen dicken Weichkunststoffring, der das Werk sozusagen schwimmend im Gehäuse hielt.

Zuerst waren diese Ringe schwarz, wie auf diesem Bild, später waren sie quietschegelb. Meine Certina DS hat noch nicht das, was das Erfolgsmodell Certina DS immer wieder auf dem Gehäuseboden zeigte: das Symbol einer Schildkröte. Das Gehäuse der Certina DS wurde von der Firma Huguenin Freres hergestellt, meins hat noch keine Patentnummer, sondern den eingravierten Zusatz Swiss Patent Pending. Im Archiv von Ranfft Uhren kann man genau solch ein Exemplar sehen.

Auf einer Seite für Certina Sammler kann man lesen: Trotz der klassischen Formgebung mit den Bombay-Bandanstößen war die Uhr also sehr robust. Sie hielt Stöße bis zu sechs Metern aus und war bis zu 200 Metern wasserdicht. Die ersten Exemplare, die 1959 auf den Markt kamen, hatten Dauphine-Zeiger, einen glatten Gehäuseboden, noch ohne das Schildkrötenlogo .... Ganz frühe Exemplare hatten noch einen Hinweis auf die Patentanmeldung anstelle der Patentnummer auf der Innenseite des Bodens eingeprägt. Dieses Patent (346825) bezog sich auf die elastische Halterung des Werks und wurde am 8. Mai 1958 vom Gehäusehersteller Huguenin Frères aus Le Locle angemeldet. Das mit den Bombay Bandanstößen ist völliger Quatsch, aber es hat sich eingebürgert. Eigentlich sollte bmbé da stehen, denn die Bandanstöße waren (wie bei vielen Sportuhren) bombiert.

Im Jahre 1888 hatten die Brüder Adolf und Alfred Kurth in Grenchen das Unternehmen Kurth Frères gegründet, damals hatten sie drei Angestellte, die in einem Anbau neben ihrem Elternhaus arbeiteten. 1972 hatte die Firma neunhundert Mitarbeiter und stellte 600.000 Uhren im Jahr her. Damals ging es der Firma noch gut, da hatten sie einen Großautrag der schwedischen Firma Volvo, die zum fünfzjährigen Bestehen jedem iher Mitarbeiter weltweit eine Certina Blue Ribbon mit dunkelblauem Zifferblatt schenkte. Die Certina DS war der große Erfolg der Firma Certina gewesen, von 1959 bis 1968 wurden 300.000 Uhren verkauft. Jetzt war die Blue Ribbon das Topmodell. Und Certina brachte, und das ist ein wenig freaky, die Certina Biostar auf den Markt, die dem Träger angeblich seine Biorhythmen anzeigte.

Der Name Certina, vom lateinischen certus (sicher) abgeleitet, kam erst zum 50jährigen Jubiläum 1938 auf die Zifferblätter der Uhren. Davor hatten die den Namen Grana auf dem Zifferblatt, häufig mit dem Zusatz Kurth Frères. Dieses Grana leitete sich von einer latinisierten Form des Ortsnamens Grenchen ab, einen Fussballclub FC Grana hatte die Fabrik auch. Die Brüder Kurth hatten auch schon 1906 eine eigene Krankenversicherung für ihre Mitarbeiter, das gab es nicht überall in der Schweizer Uhrenwelt. Und man sollte noch erwähnten, dass die Firma Kurth Frères eine Manufaktur war, sie bauten ihre eigenen Uhrwerke (ab 1951 auch eigene Automatikwerke). Das hat eine Firma wie Rolex das ganze 20. Jahrhundert nicht geschafft, sie wurden erst eine Manufaktur, als sie ihren Werklieferanten Aegler aufkauften. 

Hier ist der Gehäuseboden mit der Schildkröte, den meine Certina aus dem Jahre 1959 nicht hatte. Die Schildkröte sollte ein Symbol für die Widerstandfähigkeit der Uhr sein. Und widerstandsfähig waren diese wasserdichten Uhren wirklich. Man hat sie zu Werbezwecken aus einem Helikopter abgeworfen und in einen Eishockey Puck, den der Natonalspieler Rolle Stoltz mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h ins Tor befördert. Die ganze schwedische Eishockey Nationalmannschaft erhielt dann auch eine Certina DS. Es war auch werbewirksam, dass Certina die Mitglieder des Schweizer Teams unter Leitung von Max Eiselin mit den DS Uhren ausgestattet hatten; die Bergsteiger haben nämlich 1960 den Dhaulagiri (8167m) bezwungen. Meine Uhr war bei der Expedition dabei, allerdings nicht auf dem Gipfel, sondern in einer Kiste für Ersatzteile. Das hat mir der nette ältere Herr erzählt, der mir die Uhr verkauft hat. Er hatte sogar ein Photo von sich und den anderen Bersteigern. Ich glaube ihm das mal, und deshalb heißt der Post heute Himalaya

Wenn man sich 1960 eine Certina DS mit Edelstahlband gekauft hatte, dann ist das Band heute mehr wert als die Uhr. Es stammt von der Firma Gay Frères, die die besten Bänder in der Schweiz machten (lesen Sie mehr in Armbänder). Händler verlangen heute für dieses Band achthundert Euro. Die Edelstahlarmbänder von Gay Frères waren auch an den Sportuhren Zenith Defy, IWC Yacht Club, Tissot PR 516 GL und EternaMatic KonTiki. Die mit Ausnahme der KonTiki alle ein abgefedertes Werk hatten, das gab es nicht nur bei Certina. In Deutschland hatten Zentra mit dem Modell Zentra Schwebering und Junghans mit der Trilastic auch Systeme zur Abfederung des Werkes, aber diese Uhren gab es nie mit einem Gay Frères Armaband.

Eine Uhr fehlt mir in meiner Certina Sammlung, und das ist die Certina Labora aus den vierziger Jahren, die die Firma mit Pour l'Homme Actif und Die Uhr des Werktätigen bewarb. Die Werbebilder zeigten Menschen im Arbeitsalltag, für eins der Plakate bediente man sich bei Ferdinand Hodlers Bild Holzfäller. In gewisser Weise war die Labora ein Vorläufer der Certina DS. Die kostete 1960 etwa 220 Mark, eine Junghans konnte man für die Hälfte bekommen. Aber die hielt nicht solange wie eine Certina. In der großen Uhrenkrise der Schweiz ging die Certina unter wie viele andere Firmen, sie ist heute Teil der Swatch Group. Sie sind auch nicht mehr in Grenchen in der Bahnhofstraße zu Hause, sie sitzen jetzt in Le Locle. Seit dem Jahr 2013 gibt es wieder Modelle mit einer Schildkröte auf dem Gehäuseboden. Aber das ist nicht mehr dasselbe. Heute sehen alle Uhren gleich aus. Und überall ist ein ETA Werk aus Grenchen drin. In den Rolex Tudors auch. 

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