Mittwoch, 30. September 2020

Translation Day


Der Heilige Hieronymus hat das Alte Testament vom Hebräischen ins Lateinische übersetzt, deshalb gilt als Urvater und Schutzheiliger der Übersetzer. Sein Todestag am 30. September wird seit drei Jahren als Internationaler Tag des Übersetzens begangen, das hat die UNO beschlossen. Das Übersetzen der Bibel hat lange gedauert, und natürlich haben sich Fehler eingeschlichen. Den berühmtesten Übersetzungsfehler sehen Sie hier: Moses hat Hörner. Er hat keine Hörner. Wenn Hieronymus übersetzt: Die Söhne Israels sahen, dass das Antlitz des Mose gehörnt war, dann hat er ein einziges Wort falsch verstanden. Das Krn (im Hebräischen gibt es keine Vokale) kann keren (glänzend, leuchtend, mit Strahlen versehen) oder karan (Horn) bedeuten. Heute heißt die Stelle im Buch Exodus: Wenn die Israeliten das Gesicht des Mose sahen und merkten, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, legte er den Schleier über sein Gesicht, bis er wieder hineinging, um mit dem Herrn zu reden. Das macht mehr Sinn als die Sache mit den Hörnern.

In diesem Blog hat es immer wieder Posts zu Übersetzungen und Übersetzern gegeben. Zuletzt in dem Post Anna Karenina (Übersetzungen), der glücklicherweise häufig gelesen wurde. Ich habe da gesagt, dass ich mir gerade die Übersetzung von Hermann Asemissen (Rütten und Loening, 2 Leinenbände) gekauft hatte. Es ist eine ganz vorzügliche Übersetzung. Ich habe nichts gegen die Übersetzung von Rosemarie Tietze, aber das Dünndruckpapier in dem Hanser Band, das hasse ich. Und die Schrift ist sehr klein, die Asemissen Übersetzung kann ich ohne Brille lesen, das macht viel aus.

Die Feiern des International Translation Day fallen leider wegen Covid-19 aus, wie so vieles, das wegen der Epidemie ausfällt. Aber in diesem coronafreien Blog gibt es heute einen kleinen Post. Ich hoffe, dass eine ehemalige Studentin von mir, die in einem Übersetzungskurs den Filmtitel The Wild One (mit Marlon Brando) mit Die wilde Eins übersetzte, das hier heute liest. 

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Montag, 28. September 2020

mein Melville

Als Herman Melville am 28. September 1891 starb, waren von seinem Roman Moby-Dick, der vierzig Jahre zuvor erschienen war, wohl höchstens dreitausend Exemplare verkauft worden. Dreitausend Leser habe ich mit meinem Blog in drei Tagen. Der Link im ersten Satz dieses Posts führt zu einer Seite, die powermobydick heißt, eine annotierte Internetausgabe. Was hätte ich 1976 bei der Moby-Dick Ausstellung nicht dafür gegeben, wenn ich so etwas gehabt hätte. Aber immer, wenn der Museumsdirektor Dr Joachim Kruse Textfragen hatte, musste ich den Roman wieder einmal lesen. Ich bin mittlerweile ziemlich firm in dem Roman, der 206.052 Wörter enthält. Über das lange Gedicht Clarel kann ich nicht unbedingt sagen, dass ich darin firm bin. Als ich anfing, diesen Blog zu schreiben, spielte ich mit dem Geanken, nur über Melville zu schreiben. Schon die Adresse meines Blogs wies darauf hin, denn Loomings ist das erste Kapitel von Moby-Dick. Und auch einer der ersten Posts, der Tiefen hieß, hatte mit Melville zu tun:

Der kleine Pip ist der einzige, für den das erkaltete Herz von Kapitän Ahab noch letzte menschliche Gefühle zeigt. Die Mannschaft der Pequod hält Pip für wahnsinnig. Es wäre besser, wenn sie Ahab für wahnsinnig halten würden. Der kleine Pip ist wahnsinnig, seit er über Bord gefallen ist und man ihn allein im Pazifik treiben ließ. Der kleine Pip hat in der Tiefe des Ozeans die Füße Gottes gesehen, wie sie den Webstuhl der Welt treten. Und er hat davon erzählt, deshalb hält man ihn für verrückt: 'So man's sanity is heaven's sense; and wandering from all mortal reason, man comes at last to that celestial thought, which, to reason, is absurd and frantic; and weal or woe, feels then uncompromised, indifferent as his God.' Melville hat seltsame Dinge aus der Bibel herausgelesen. Das hat seine wenigen zeitgenössischen Leser wahrscheinlich mehr verstört als seine komplizierte Syntax.

Es war ein kurzer Post, aber doch voller Gehalt. So hätte es weitergehen können. Doch dann merkte ich, dass auch lange Posts mir und den Lesern Vergnügen bereiteten. Zwei Wochen nach dem Post Tiefen schrieb ich Uwe Nettelbecks Melville, da war Melville wieder. Er kam immer wieder, zuletzt 2019 in dem Post Kein Melville am 1. August. Einen Post Herman Melville, Donald Trump und ich und einen Post Emoji Dick gab es auch schon. Je mehr ich von ihm lese, und je mehr ich über ihn lese, desto weniger weiß ich von ihm. Flauberts Eltern hielten das ungewollte Kind für doof. Der Idiot der Familie hat Sartre seine fünfbändige Flaubert Biographie genannt. Melvilles Eltern hielten den kleinen Herman auch für doof, backward in speech and somewhat slow in comprehension, schrieb sein Vater über ihn, als Herman gerade zur Schule gekommen war. 

Er bekommt nicht viel mit an schulischer Bildung, erst die New York High School, dann die Albany Academy. Die muss er nach einem Jahr verlassen, sein Vater ist pleite und kann die Schulgebühren nicht mehr aufbringen. Aber der kleine Melville wird Bildung und Wörter ansammeln, um zwanzig Jahre später Moby-Dick zu schreiben, in dem der Satz steht: A whale ship was my Yale College and my Harvard. Wenn man die Wörter in Melvilles Schriften auszählt, kommt man auf ein Vokabular von 96.000 Wörtern, das ist mehr als die Ilias (81.000 Wörter) und der ganze Shakespeare (20.000 Wörter).

In der Zeitung The Press vom 29. September 1891 konnte man lesen: Of late years Mr. Melville - probably because he had ceased his literary activity - has fallen into a literary decline, as a result of which his books are little known. Probably, if the truth were known, even his own generation has long thought him dead, so quiet have been the later years of his life. Die New York Times hatte zu Melvilles Tod noch weniger zu sagen: Herman Melville died yesterday at his residence, 104 East Twenty-sixth Street, this city, of heart failure, aged seventy-two. He was the author of Typee, Omoo, Mobie Dick, and other sea-faring tales, written in earlier years. He leaves a wife and two daughters, Mrs. M. B. Thomas and Miss Melville. Aber dann schämte man sich in der Redaktion doch ein wenig und würdigte am 2. Oktober den absolutely forgotten man mit einem längeren Nachruf.

I don't know but a book in a man's brain is better off than a book bound in calf--at any rate it is safer from criticism, schreibt Melville am 13.12.1850 an seinen Freund Evert Duyckinck, da hat er das ganze Jahr an Moby-Dick geschrieben. Er wird noch ein halbes Jahr schreiben müssen. Und seine Schwester Augusta muss das alles noch abschreiben. 206.052 Wörter. Mit dem Gedanken a book in a man's brain is better off than a book bound in calf--at any rate it is safer from criticism wird Melville recht behalten, die Kritiker werden das Buch nicht lieben. Wenn es nur eine spannende Abenteuergeschichte wäre, schön und gut. Aber Melville will mehr, viel mehr. Und schreibt Absätze wie diesen:

Is it that by its indefiniteness it shadows forth the heartless voids and immensities of the universe, and thus stabs us from behind with the thought of annihilation, when beholding the white depths of the milky way? Or is it, that as in essence whiteness is not so much a color as the visible absence of color; and at the same time the concrete of all colors; is it for these reasons that there is such a dumb blankness, full of meaning, in a wide landscape of snows- a colorless, all-color of atheism from which we shrink? And when we consider that other theory of the natural philosophers, that all other earthly hues- every stately or lovely emblazoning- the sweet tinges of sunset skies and woods; yea, and the gilded velvets of butterflies, and the butterfly cheeks of young girls; all these are but subtile deceits, not actually inherent in substances, but only laid on from without; so that all deified Nature absolutely paints like the harlot, whose allurements cover nothing but the charnel-house within; and when we proceed further, and consider that the mystical cosmetic which produces every one of her hues, the great principle of light, for ever remains white or colorless in itself, and if operating without medium upon matter, would touch all objects, even tulips and roses, with its own blank tinge- pondering all this, the palsied universe lies before us a leper; and like wilful travellers in Lapland, who refuse to wear colored and coloring glasses upon their eyes, so the wretched infidel gazes himself blind at the monumental white shroud that wraps all the prospect around him. And of all these things the Albino whale was the symbol. Wonder ye then at the fiery hunt?

Das steht in dem Kapitel The Whiteness of the Whale, vielleicht ist es eine Schlüsselstelle des Romans, aber beinahe jedes andere Kapitel könnten auch eine Schlüsselstelle in diesem abenteuerlichen Gemisch von Handlung, Digressionen und Exkursen sein. Man muss als Leser innehalten und nachdenken. Melville wollte nach einem halben Jahr mit dem Roman fertig sein, den er im Kopf hatte. Aber ist der Roman wirklich fertig, wenn er nach anderthalb Jahren den letzten Federstrich tut? God keep me from ever completing anything. This whole book is but a draught—nay, but the draught of a draught. Oh Time, Strength, Cash, and Patience! schreibt er am Ende des 32. Kapitels. I have written a wicked book, and feel spotless as the lamb, schreibt er im November an Nathaniel Hawthorne in der Art eines literarischen Liebesbriefs, er glaubt, dass Hawthorne ihn verstanden habe. Er unterzeichnet den Brief mit Herman, das tut er sonst nur bei Familienbriefen. Und er widmet ihm den Roman: In token of my admiration for his genius, this book is inscribed to Nathaniel Hawthorne.

Der Roman ist eine Herausforderung für den Leser. Melville wusste das. Er schrieb im August 1850 an die Dichterin Sarah Morewood: Don’t you buy it – don’t you read it, when it does come out, because it is by no means the sort of book for you. It is not a piece of fine feminine Spitalfields silk – but is of the horrible texture of a fabric that should be woven of ships’ cables and hausers. A Polar wind blows through it, & birds of prey hover over it. Warn all gentle fastidious people from so much as peeping into the book – on risk of a lumbago and sciatics.

Am besten kümmern Sie sich jetzt nicht um Ischias und Hexenschuss, fangen Sie an zu lesen. Oder hören Sie sich den ganzen Roman von berühmten Schauspielern gelesen hier an.

Freitag, 25. September 2020

Juliette Gréco ✝


Ich hatte in Hamburg einen Verwandten, der ein großer Liebhaber von la douce France war. Er war im Krieg als Offizier in Frankreich gewesen, es war die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Er bastelte sich in den fünfziger Jahren als höherer Beamter seine Urlaubstage und Überstunden immer so zusammen, dass er jedes Jahr vier Wochen Frankreich im Stück hatte. Ich habe ihn schon in dem Post Picasso erwähnt. Er besaß eine große Sammlung von Platten mit französischen Chansons, aber das war beinahe nur George Brassens. Er wollte mir einmal ein paar Brassens Platten schenken, aber ich lehnte dankend ab.

Ich mag Brassens überhaupt nicht, ich war auf einem ganz anderen Trip. Ich sammelte alles von Juliette Gréco, Cora Vaucaire (die als erste Les feuilles mortes sang) und Barbara. Und ich besaß einen Band von Préverts Paroles, den ich peu à peu auswendig lernte. Bevor ich mir die Paroles kaufte, hatte ich den von Kurt Kusenberg besorgten Band Gedichte und Chansons benutzt, da gab es die Chansons zweisprachig. Das war praktisch, denn mein Französisch war noch nicht so gut, ich war in der Lateinklasse des Gymasiums gewesen. Aber dann gab es eine Reform der Oberstufe, ich konnte zwischen Russisch, Spanisch und Französisch wählen. Ich nahm Französisch und bekam glücklicherweise einen hervorragenden Lehrer.

1962 in Berlin kratzte ich mein ganzes Taschengeld zusammen, um mir eine Karte für das Konzert von der Muse des Existentialismus zu kaufen. Sie hatte Deutschland bisher gemieden; was man verstehen kann, wenn Mutter und Schwester ins das KZ Ravensbrück verschleppt wurden. Unglücklicherweise saß ich (Komödie Kurfürstendamm Reihe 12 Parkett links, Sitz Nr. 141) hinter Deutschlands schönstem Mann, dem Filmschauspieler Paul Hubschmid. Der war ein Sitzriese, und ich versuchte das ganze Konzert lang, an seinem linken oder rechten Ohr vorbei einen Blick auf das sich katzenartig bewegende Geschöpf im schwarzen Kleid zu werfen, das von einer kleinen Combo begleitet da vorne sang. Wenn ich an diesen Abend zurückdenke, dann ist es schon ein wenig komisch, dass ich nicht an Juliette, sondern an die ondulierten Haare von Paul Hubschmid denke.

Juliette Gréco sang an dem Abend viel von Jacques Prévert. Mein Französisch wurde damals von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse, diese Exi Phase hatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts tragen und nur noch französische Filme gucken war de rigeur. Und nebenbei begann ich, Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, das steht schon in den Post Jacques Prévert und souvenirs et regrets. Aber es ist ja alles wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch immer im Schreibtisch, ich bewahre sie wie eine Reliquie auf. Nur die Frauen, denen man damals Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte und Juliettes Chansons bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen, was ich selbstverständlich tat. Das habe ich hier schon einmal gesagt. Und non, je ne regrette rien. Juliette soll mal eine Affäre mit Camus gehabt haben, aber das ist nicht so sicher. Sicher ist aber, dass Sartre, der auch ein Chanson für sie schrieb, sie entdeckt hat und im Hotel La Louisiane untergebracht hat, wo die ganzen amerikanischen Jazzmusiker hockten. Sartre hat auch gesagt, sie habe in ihrer Stimme des millions de poèmes qui ne sont pas écrits et dont on écrira quelques-uns.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die 'Frisur einer Ertrunkenen', wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem 'völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum', schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemand vorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit. 

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclubs lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an Le jour se lève und ✺Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction

Die Liebe zum französischen Chanson ist mir geblieben. Zwei Jahre nach dem Juliette Gréco Konzert in Berlin war ich wieder einmal in Frankreich. An einem sonnigen Oktobertag hörte ich in einem kleinen Kaff im französischen Zentralmassiv auf der Straße Françoise Hardys Tous les garçons et les filles. Ging ins Ohr, hatte ich noch nie gehört. Ich ging in den Laden, um die Platte zu kaufen. Drei herumlungernde Jugendliche in Lederjacken, die wie schlechte kleine Kopien von Johnny Halliday aussahen, guckten mich mit offenem Mund an. Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass eine deutsche Uniform hier nicht unbedingt zum Alltag gehört. Die Platte von Françoise Hardy habe ich immer noch. Es ist nicht Cora Vaucaire oder Juliette Gréco, aber irgendwie ist es auch schön. Und auch schon Geschichte. Filme von der Qualität der Nouvelle Vague gibt es nicht mehr und Carla Bruni ist kein Ersatz für Juliette Gréco, Lena kein Ersatz für Françoise Hardy. Das Erstaunliche an der Kultur der fünfziger und sechziger Jahre ist, dass das, was sie hervorgebracht hat, ungeheuer haltbar ist.

Als ich den Post Que reste-t-il de nos amours schrieb, musste ich natürlich Charles Trenet hören, den hat Juliette gekannt, sie hat seine Chansons auch gesungen. Auf dem Photo hier wird sie von Eddie Constantine und Charles Trenet geküsst. Die CDs von Trenet brauchte ich nicht lange im Regal zu suchen, das war nicht so eine Aufräumaktion wie die, die ich in Hyperlink beschrieben habe. Die französischen Chansons waren alle an ihrem Platz, da, wo sie sein sollten (zwei CDs von Brassens besitze ich übrigens auch). Was mich etwas irritierte, war eine Raubkopie, auf der Juliette Gréco Abendlied stand. Hatte ich mal geschenkt bekommen, ich weiß nicht mehr von wem. Hatte ich die jemals gehört? Ich legte sie in den CD Player und hörte sie für den Rest des Tages. Manches davon kannte ich von anderen Platten oder CDs, also zum Beispiel das Lied mit der Ameise. Aber da gab es etwas, das ich noch nie gehört hatte, das war das Lied Mon fils chante von Maurice Fanon und Gérard Jouannest auf deutsch gesungen:

Für die, die nicht der Wetterwind dreht
Weil sie noch nicht käuflich sind
Weil sie noch ohne Angst, mein Kind, sing!

Für die die noch nicht schweigen und 
die noch der Welt das zeigen was
Recht und was Unrecht ist, mein Kind, sing!

Für die, die noch nicht blind gemacht
Bouzouki in der Sommernacht
ist kein Ersatz für Freiheit, Kind, sing!

Für die, die man einst vor der Stadt
zur Kirschenzeit verrissen hat
daß man sie nicht vergißt, mein Kind, sing!

Sing für die Freiheit, Kind
Hinter den Mauern sind
Menschen, die brauchen Dein Lied
Sing für Gerechtigkeit 
Gegen Gleichgültigkeit
und gegen Haß, mein Kind

Für die, die schon die Ketten seh'n
und dennoch mutig weitergeh'n
Für eine kleine Hoffnung, Kind, sing!

Für die, die in Gefangenschaft
liegen in Nacht und Dunkelhaft
Die dennoch ungebeugt, mein Kind, sing!

Für die, die vielleicht niemals mehr
die rote Sonne über'm Meer 
hinter Piräus seh'n, mein Kind, sing!

Für die, die einem Hoffnungsstrahl folgen,
die für das Ideal Freiheit 
zugrundegeh'n, mein Kind, sing!

Bei YouTube hat jemand das mit den Worten kommentiert: Nie war ein Text aktueller als heute, da ist sicher etwas dran. Die Melodie ist von Gérard Jouannest, dem Mann, mit dem Juliette Gréco seit 1968 zusammenarbeitet. Er hatte zuvor Lieder für Jacques Brel geschrieben, wie zum Beispiel das berühmte Ne Me Quitte Pas. Aber Brel (der in meinem Ikea CD Regal auch gut vertreten ist) hatte aufgehört zu singen, seine einjährige Abschiedstournee ging 1967 zu Ende. Jouannest sollte 1968 Barbara auf einer Tournee begleiten, aber die Tournee fiel ins Wasser, da sprang er bei Juliette Gréco als Klavierbegleiter ein, weil deren Pianist ausgefallen war. Er blieb bei ihr, nicht nur als Klavierbegleiter, er schrieb ihr Chansons (Mon fils chanteVivreLes années d’autrefoisUn jour d’été und C’était un train de nuit) und heiratete sie.

Nach einem halben Tag Juliette aus dem CD Player konnte ich sie am Abend auch noch sehen. Denn arte hatte wegen des Todes von Michel Piccoli sein Programm geändert. Sendete zuerst Sautets Film Les choses de la vie und dann die Dokumentation Der erstaunliche Monsieur Piccoli. In dem Film gibt es eine kurze Sequenz vom INA mit einem Interview des frischgebackenen Ehepaars Gréco und Piccoli, die es geschafft hatten, der Presse zu entgehen.

In dem Film ist auch die Szene zu sehen, wo Piccoli in Belle de Jour die Deneuve mit schmutzigem schwarzen Schlamm bewirft, fand ich immer die beste Szene des Films. Ich mochte den Film nie. Truffaut dreht bessere Filme, die Deneuve ist in La Sirène du Mississipi lebendiger als in Belle de Jour. Truffaut, der mit der Deneuve (wie mit beinahe all seinen Hauptdarstellerinnen) eine Affäre hat, hat einmal angedeutet, dass die Deneuve nur durch ihre Schönheit wirkt, nicht durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Aber mit dem Schlamm im Gesicht ist sie sehr überzeugend. 

Juliette Gréco ist niemals mit Schlamm beworfen worden. Die Presse war immer gut zu ihr, auch wenn ihr Chanson ✺Déshabillez-moi 1967 ein kleiner Skandal war. Lediglich für ihre Schauspielkunst in dem Film ✺Quand tu liras cette lettre, in dem sie neben ihrem damaligen Ehemann Philippe Lemaire spielte, fand der junge François Truffaut (er war damals einundzwanzig) keine guten Worte: Philippe Lemaire is far from bad, but Juliette Gréco is far from good. She says banal things in a tragic voice and tragic things in an everyday voice. A courageous film? No. A film to see? No. Am I being unjust? No (everyone tells me). Filme sind nicht so ihre Sache. Die schwarze Lorelei, wo sie an der Seite von O.W. Fischer zu sehen ist (ich habe den Film schon in dem Post Lurley erwähnt), habe ich mir nur ihretwegen angeguckt. Ihre schwarzen Jeans waren das einzig Sehenswerte in diesem Film.

In dem Film Bonjour Tristesse, nach dem Roman von Françoise Sagan, kann man ihr nicht anmerken, dass sie gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat und Françoise Sagan ihr Leben verdankt. Sie schreibt darüber in ihrer Autobiographie: Alles was in Paris Rang und Namen hatte, war hier im Régine versammelt. Der Abend war bereits forgeschritten. Aber das einzige, was ich bisher zu hören bekommen hatte, waren Klatsch, Lügen und Bosheiten gewesen. Keiner der Gäste war verschont worden. Ich ging nach Hause, ich ekelte mich und schluckte Schlaftabletten, um diese plötzliche Aversion gegen Menschen, die so wenig zu mir passt, für immer loszuwerden. Aber warum? Eigentlich sind Selbstmordgedanken für mich etwas Fremdes. Um vier Uhr morgens fand Françoise Sagan mich im Badezimmer auf dem Boden liegend. Sie rief den Notarzt. Als ich die Augen öffnete, blickte ich in ein zauberhaftes Gesicht, das eine Schwesternhaube krönte. Und ich sagte: 'Sie sind aber schön'. Ich hatte mit dem Leben wieder Frieden geschlossen.

Der Tag, an dem ich dank Abendlied und der arte Dokumentation mein volles Juliette Gréco Nostalgieprogramm hatte, war übrigens auch der Geburtstag von Miles Davis. Mit dem Juliette Gréco mal so etwas wie eine Affäre hatte, als sie jung war. Der Trompeter hat darüber gesagt: Juliette und ich pflegten an der Seine spazieren zu gehen, Hand in Hand, küssten uns, schauten uns in die Augen, küssten uns wieder und drückten unsere Hände noch etwas fester. Es war wie Magie, als sei ich hypnotisiert worden, als sei ich in einer Art Trance. Ich hatte so etwas zuvor noch nie erlebt. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt noch den Film Fahrstuhl zum Schafott mit der Musik von Miles Davis sehen.

Juliette Gréco starb am 23. September 2020 in ihrem Haus in Ramatuelle. Sie ist dreiundneunzig Jahre alt geworden, das ist ein schönes Alter. Mit achtundachtzig hatte sie ihre Abschiedstournee durch Europa gemacht. Sie hat ihr Leben lang Schwarz getragen, lange bevor das durch Prada modern wurde. Das Schwarz sollte ihren Körper verhüllen: Ich war nicht schön, ich hatte immer ein Problem mit meinem Aussehen, fand mich dumm und hässlich. Jetzt finde ich mich ein bisschen weniger dumm. Körperlich habe ich ein bisschen versucht, etwas zu ändern, dann hab ich's gelassen – Schluss damit, ich habe mich akzeptiert. Wenn man sich selbst liebt, ist man sowieso erledigt. Man muss die anderen dazu bringen, einen zu lieben! Sie hätte anziehen können, was sie wollte, schwarze Rollis oder ein Chanel Kostüm wie hier, wir haben sie immer geliebt. Und wir können ihre Stimme immer wieder hören, wenn sie Ne me quitte pas singt. Und wir brauchen nur einen Klick, um sie 1970 oder 2004 auf der Bühne zu sehen. Wir müssen bei YouTube nur vorher die Suzuki Reklame oder die Katzenfutter Reklame ertragen.

Donnerstag, 24. September 2020

Supreme Court


Die Flagge vor dem Supreme Court ist auf halbmast, die Richterin Ruth Bader Ginsburg ist gestorben. Mein sehnlichster Wunsch ist, dass ich nicht ersetzt werde, bis ein neuer Präsident eingesetzt wird, soll sie kurz vor ihrem Tod gesagt haben. Trump bestreitet den Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Er will eine sofortige Neubesetzung der Stelle. Immerhin will er mit der Nominierung seines Kandidaten bis zur Beerdigung von Ginsburg warten. Vor vier Jahren hatte er noch getwittert: Justice Ginsburg of the U.S. Supreme Court has embarrassed all by making very dumb political statements about me. Her mind is shot - resign! Jetzt hat er bei Twitter einen Nachruf verfasst, den ein Leser so kommentierte: You disgrace her name. Everything you represent, all you stand for, is in opposition to her brilliant legacy of justice and fairness. Her light shines through the darkness of your corrupt presidency, for all of us.

Es besteht für die Wahl eigentlich keine Eile, der Supreme Court bleibt beschlußfähig. Vor vier Jahren blockierte Mitch McConnell die Wahl eines Kandidaten von Barack Obama, das könne erst nach der Wahl geschehen: The American people may well elect a president who decides to nominate Judge Garland for Senate consideration. The next president may also nominate someone very different. Either way, our view is this: Give the people a voice. Er war stolz darauf, die Wahl von Merrick Garland verhindert zu haben: one of my proudest moments was when I looked Barack Obama in the eye and I said, 'Mr. President, you will not fill the Supreme Court vacancy'. Jetzt fordert McConell schnelle Entscheidungen, was kümmert ihn sein Geschwätz von gestern? Es sind ja alles keine politischen Entscheidungen, sagt der Chief Justice John Roberts: We do not have Obama judges or Trump judges, Bush judges or Clinton judges. What we have is an extraordinary group of dedicated judges doing their level best to do equal right to those appearing before them.

Ruth Bader Ginsburg war lange im Amt, und lange im Amt dürfen die Richter des Supreme Court sein, good Behaviour vorausgesetzt. Ruth Bader Ginsburg ist siebenachtzig Jahre alt geworden. Oliver Wendell Holmes Jr war neunzig, als er vom Amt zurücktrat. Er war wahrscheinlich der einzige Richter des Supreme Court, der nicht durch Parteienprotektion, sondern wegen seiner juristischen Fähigkeiten diese Position erhalten hatte. An seinem zweiundneunzigsten Geburtstag erzählte dem frischgewählten Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, dass er noch von dessen Cousin fünften Grades Teddy Roosevelt berufen worden war. Oliver Wendell Holmes war dreißig Jahre am Supreme Court gewesen. Er erzählte Roosevelt auch, dass man ihn im Bürgerkrieg als jungen Leutnant auf dem Schlachtfeld hatte liegen lassen, weil man ihn für tot hielt. Der Bürgerkrieg war damals über 65 Jahre vorbei; obgleich Holmes in drei Schlachten verwundet worden war, hatte er ihn überlebt und 1928 war er der älteste Bundesrichter in der Geschichte der USA.

Noch länger im Amt als Oliver Wendell Holmes war der Chief Justice John Marshall, der heute vor 265 Jahren geboren wurde. Unter ihm gewann das Gericht die politische Bedeutung, die es heute hat. Denn in dem Fall Marbury v. Madison entschied der Marshall Court, dass Gerichte Gesetze und andere Aktionen des Staates aufheben können, wenn diese gegen die Verfassung verstoßen. Dieses Prinzip des judicial review stellte die Judikative über Exekutive und Legislative. So groß die Verdienste von John Marshall waren, so groß war die Katastrophe für Amerika, dass Andrew Jackson Roger B. Taney zu seinem Nachfolger machte. Denn der wird in dem berühmten Dred Scott Fall entscheiden, dass die Sklaven keine Rechte haben (lesen Sie mehr dazu in dem Post Rechtsprechung). Es ist ein Urteil, das Amerika direkt in den Bürgerkrieg führt. Der oberste Gerichtshof ist der Überzeugung, dass Sklaven nicht mit dem all men are created equal der Declaration of Independence gemeint sind: it is too clear for dispute, that the enslaved African race were not intended to be included, and formed no part of the people who framed and adopted this declaration. 

An dieser Stelle sollte mal eben eine kleine Geschichte aus den Fantastic Fables von Ambrose Bierce, Offizier im Bürgerkrieg wie Oliver Wendell Holmes, zitiert werden:

The Justice and His Accuser
An eminent Justice of the Supreme Court of Patagascar was accused of having obtained his appointment by fraud.
“You wander,” he said to the Accuser; “it is of little importance how I obtained my power; it is only important how I have used it.”
“I confess,” said the Accuser, “that in comparison with the rascally way in which you have conducted yourself on the Bench, the rascally way in which you got there does seem rather a trifle.”


Roger B. Taney wird ebenso wie Ruth Bader Ginsburg siebenundachtzig Jahre alt werden, aber das ist auch das einzige, was diese beiden Bundesrichter verbindet. Nicht alle Richter des Supreme Court sind gute Richter gewesen, es gibt auch viele, auf die Ambrose Bierces Fabel zutrifft. Der Supreme Court hat in seiner Geschichte auch eine Vielzahl von seltsamen Urteilen gesprochen. Im Jahre 1884 wird das Oberste Gericht befinden, dass der 14. Zusatzartikel der Verfassung nicht für Indianer gilt, weil sie nicht in den USA geboren sind, sondern auf einem Gebiet ihres Stammes. Also sind sie keine Amerikaner. Juristen können auf sehr seltsame Dinge verfallen. Sie können Geschichte schreiben, wie das Earl Warren getan hat, aber nicht alle Richter haben das Format von John Marshall, Oliver Wendell Holmes und Earl Warren gehabt. Oder das von Ruth Bader Ginsburg.


Den Dokumentarfilm RBG aus dem Jahre 2018 habe ich hier heute für Sie. Der Supreme Court wird auch erwähnt in den Posts: Gunfighter Nation, Schnellfeuergewehre, RechtsprechungEarl Warren, Bilder: Geschichteirgendwann muss Schluß sein, Flaggentag, Amistad

Mittwoch, 23. September 2020

Moderation ausstehend

Ein Leser hat sich beklagt, dass seine Kommentare zu meinen Posts nicht veröffentlicht worden sind. Es gibt in meinem Blog nicht so furchtbar viel Kommentare, aber das, was wichtig ist, veröffentliche ich schon. Wenn es mich denn erreicht. Und da gab es offenbar ein Problem. Googles Blogger hat jetzt seit einer Woche eine neue Oberfläche, alles ist für den Texteditor (also für mich) neu. Bunt. Gewöhnungsbedürftig. Und in vielen Details ein Ärgernis, ich schreibe demnächst mal darüber. Wenn Sie einen Eindruck haben wollen, wie verworren das Ganze ist, dann sollten Sie einmal diesen ✪Blog anklicken.

Aber mit der neuen Oberfläche kamen auch Dinge zutage, die mir bisher verborgen geblieben sind. Also von mir nicht abgedruckte Kommentare, unbeantwortete Fragen etc. All das blieb unbeantwortet, weil ich es vorher nie gesehen habe. Das meiste, das ich jetzt unter der Überschrift Moderation ausstehend zu lesen bekam, war Müll. Spam, wie es so schön heißt. Also Dinge wie dies hier: I’m in my bed, you’re in yours. One of us is obviously in the wrong place. Hey, i am looking for an online sexual partner ;) Click on my boobs if you are interested. Solche Angebote gab es reichlich. Es priesen sich auch Wunderheiler an, die vom Liebeskummer bis zum Krebs alles heilen konnten: Mein Herz war gebrochen, ich glaube nie, dass ich meine Ex wieder zurückbekomme, bis Dr. LOVE meine Ex innerhalb von 24 Stunden mit einem mächtigen Liebeszauber zurückbrachte. Er ist zuverlässig für positive Ergebnisse. Wenden Sie sich per E-Mail an den Zauberer für Liebeszauber: {DRODOGBO34@GMAIL.COM} oder per WhatsApp unter + 1 443 281 3404. Jemand wollte von mir für die Errichtung einer Fabrik in Nischni Nowgorod hunderttausend Rubel haben, ein anderer verlangte tausend Dollar in Bitcoin, damit er meine geheimsten und schmutzigsten Gedanken nicht der Welt offenbarte. 

Offensichtlich hatte Google für sich entschieden, dass ich das alles nicht zu lesen brauchte, denn das alles war bei mir nicht angekommen. Aber jetzt mit dem neuen System kommt es wieder hoch. Ich könnte die Beispiele jetzt ad infinitum weiterführen, aber sie sehen schon, was gemeint ist. An allen Stellen des Internets, an denen eine Kommentarfunktion ist, kann man kommentieren, und jeder kommentiert offenbar. Das Internet ist wie eine riesige Klotür, auf die man Grafitti schreiben kann. Es kamen allerdings bei diesen Kommentaren auch ernstgemeinte Dinge ans Licht. Lob und Tadel. Kritik. Hinweise auf Fehler. Vielen Dank, ich habe das Kissinger in dem Post Gesten umwendend in Kiesinger korrigiert. In dem Post Ärmelknöpfe hätte ich nach Meinung eines Lesers anstelle Knopfloch das Wort Knoblauch schreiben sollen, das blieb unkorrigiert.

Während das meiste, was mich nicht erreichte, wie gesagt, Müll war, gab es auch manches von Lesern, die ich wirklich schätze. Einer von ihnen ist ein Blogger, der unter dem Namen ✪lyriost schreibt. Der hatte sich hier schon einmal zum Thema Kommentar in dem Post Haiku mit einem selbstgeschrieben Haiku gemeldet:

Manchmal

Wenig Kommentar
so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht

Er kann so etwas schreiben, weil er ein Dichter ist, ich besitze sogar einen Gedichtband von ihm. Und auf seiner ✪Internetseite kann man im Jahre 2012 einen Kommentar von einem gewissen Jay lesen: Einfach wunderbar, dieser Blog. Wenn Sie nicht in meinem Blog SILVAE aufgetaucht wären, hätte ich dies hier nie gefunden. Thanx. Man kann da noch ein paar Ausrufezeichen dahinter setzen. Was Hajo Stork schreibt, gehört mit zum Interessantesten im Internet, er sollte unbedingt mal den Grimme Online Award bekommen. Ich war da schon viermal auf der Vorschlagsliste, habe ihn aber nicht gekriegt. Ist auch so in Ordnung: ich bin das gute alte langweilige Feuilleton. Hajo Stark ist mehr. Und ich hoffe, dass ihm das hier heute die Antwort auf diesen Kommentar gibt: Lieber Jay, daß es bei Ihnen zwar eine Kommentarfunktion gibt, aber keine Kommentare, obgleich zumindest ich einige hier abgegeben habe, ist das nicht ein wenig mangelnder Respekt gegenüber Ihren Lesern? Mit freundlichen Grüßen Hajo Stork. 

Ich hoffe, Hajo Stork verzeiht mir. Ich arbeite jetzt die Liste mit Moderation ausstehend ab. Das kann dauern. Weil ich mich ja beim Schreiben erst an die neue Oberfläche gewöhnen muss. Wie Henry David Thoreau so schön sagte: But lo! Men have become the tools of their tools.

Sonntag, 20. September 2020

Anna Karenina: Übersetzungen


Ich hatte das Buch in einem Grabbelkasten gefunden, es kostete zwei Mark. Leinen, Halblederrücken, ein sauberes Exemplar. Ich nahm es mit und fing an zu lesen, aber es war eine mühselige Sache. Obwohl Nabokov gesagt hat, wer Tolstoi liest, liest einfach weiter, weil er nicht mehr aufhören kann. Aber ich konnte aufhören, dies war zwar Tolstoi, aber die Übersetzung gefiel mir ganz und gar nicht. Ich legte den Roman nach der Lektüre des ersten Teils beiseite. Der Roman würde mir nicht weglaufen. Ich hatte noch andere Dinge zu lesen. Es gab damals noch kein Internet, mit dem man mit ein wenig Recherche hätte herausfinden können, dass diese Ausgabe von Anna Karenina, für die ich zwei Mark bezahlt hatte, wahrscheinlich die schlechteste aller deutschen Übersetzungen ist.

Letztens, als ich gerade etwas über →Tolstoi geschrieben hatte, fiel mir die alte Leinenausgabe des Kurt Desch Verlags wieder ein. Ich fand sie auch gleich im Regal und begann, mit der Unterbrechung von einigen Jahrezehnten, den Roman zu lesen. Wieder ganz von vorne, beginnend mit dem berühmten Satz: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich. Wieder hatte ich bei der Lektüre Schwierigkeiten mit Sprache und Stil der Übersetzung; und ich hatte auch das Gefühl, das vieles keinen Sinn ergab, dass da irgendetwas fehlte. Ich las wieder das erste Buch, aber gleichzeitig las ich im Internet bei Zeno den Roman in der Übersetzung von Hermann Röhl, die für mich viel mehr Sinn machte als die Übersetzung des Desch Verlages.

Hermann Röhls Übersetzung von Anna Karenina erschien 1922 beim Insel Verlag in deren Reihe Bibliothek der Romane. Da dort beinahe gleichzeitig die halbe russische Literatur des 19. Jahrhunderts in seiner Übersetzung erschien, kann man wohl davon ausgehen, dass er Anna Karenina schon früher übersetzt hat, man nimmt das Jahr 1913 an. Die Übersetzung ist heute beim Fischer Taschenbuch Verlag lieferbar, und bei Suhrkamp gibt es heute noch beinahe den ganzen Dostojevski in Röhls Übersetzung. Und beim Insel Verlag gibt es immer noch Röhls Übersetzung von Krieg und Frieden.

Ich hatte nun das erste Buch von Anna Karenina doppelt gelesen. Ich gab die Lektüre in meiner Ausgabe vom Kurt Desch Verlag aus dem Jahre 1960 (die eine Lizenzausgabe des Eduard Kaiser Verlags war) erst einmal auf und suchte eine bessere Übersetzung. Durch einen Zufall fand ich ein nagelneues Exemplar der Übersetzung von Rosemarie Tietze zu dem unglaublichen Preis von fünf Euro bei ebay. Portofrei. Ich las das erste Buch von Anna Karenina jetzt zum drittenmal, und alles war ganz anders. Rosemarie Tietze ist ja als Übersetzerin immer wieder gelobt worden und hat, sicherlich zu recht, eine Vielzahl von Preisen und Auszeichnungen erhalten (ich habe hier ein interessantes Interview mit der Übersetzerin).

Bevor ich die mittlerweile ungeliebte Anna Karenina Übersetzung in die zweite oder dritte Reihe des Buchregals stellte, wollte ich doch wissen, von wem diese Übersetzung gewesen war. Und jetzt wird es ein wenig undurchsichtig. Im Buch findet sich das Wort Übersetzung nicht, stattdessen steht da Deutsche Bearbeitung: Leomare Seidler und Textrevision: Hertha Lorenz. Wer hat was gemacht? Die Wienerin Leomare Seidler war Journalistin und Kinderbuchautorin. Und die erste Ehefrau von Helmut Qualtinger. Hat sie Anna Karenina wirklich übersetzt oder nur irgendeine Übersetzung bearbeitet

Interessanter ist der zweite Name, Hertha Lorenz. Die 1916 geborene Schriftstellerin war Lektorin im Klagenfurter Eduard Kaiser Verlag, ein Verlag, der nichts von dem Renommee von Insel, Suhrkamp oder Hanser hat (Sie können hier die Verlagsgeschichte lesen). Hertha Lorenz hat für diesen Verlag viel übersetzt: Boccaccio, Charlotte Brontë, Bulwer-Lytton, Dickens, Dostojewskij, Dumas, Hugo, Maupassant, Ovid, Poe, Puschkin, Sienkiewicz, Stendhal, Tolstoj, Mark Twain u. a. Es bleibt fraglich, ob sie die Originaltexte gelesen hat. Wenn man ihren Namen bei booklooker eingibt, erhält man einen Eindruck von ihrem gewaltigen Oeuvre. In neueren Texten von Anna Karenina des Kaiser Verlags wird der Name Leomare Seidler weggelassen, da steht dann nur noch Aus dem Russischen übertragen und zeitgemäss bearbeitet von Hertha Lorenz.

Sie muss es zeitgemäß bearbeiten. Sie kann gar kein Russisch. Da kann man dann ja leicht Krieg und Frieden und Anna Karenina übersetzen. Wir sind jetzt in der Kategorie Ich war jung und brauchte das Geld. Als die erste Anna Karenina Ausgabe bei Eduard Kaiser 1948 herauskommt, ist Hertha Lorenz zweiunddreißig. Sie hat zwei kleine Kinder, ihr Mann ist nicht aus dem Krieg heimgekehrt. Sie trifft 1946 den Sudentendeutschen Eduard Kaiser: Im Kulturamt der Kärntner Landesregierung traf ich zum ersten Mal mit Eduard Kaiser zusammen, dem Johannes Lindner mich als junge Kärntner Autorin vorstellte, worauf Eduard Kaiser mich sofort fragte, was ich geschrieben und ob ich nicht Lust hätte, auch sonst im Verlag mitzuarbeiten. Sie nimmt das Angebot sofort an. Was sie nun macht, hat nichts mit der übersetzerischen Tätigkeit von Barbara Conrad oder Rosemarie Tietze zu tun.

Als wir 1976 in Schleswig die Moby-Dick Ausstellung organisierten, hatte Dr Joachim Kruse die Idee, alle deutschen Übersetzer von Melvilles Roman zu kontaktieren, damals habe ich Fritz Güttinger kennengelernt, der die wohl beste Moby-Dick Übersetzung vorgelegt hat. Vieles von dem, was die Übersetzer uns von ihren Erfahrungen berichteten, wanderte nicht in den Katalog. Da gab es nämlich mehrfach das Geständnis, dass sie so gut wie kein Englisch konnten und die maritimen Fachausdrücke überhaupt nicht verstanden, aber in der Nachkriegszeit das Geld brauchten. Und da wurde dann eine vorhandene Übersetzung genommen und bearbeitet. Und bearbeitet. Substantive, Verben und Syntax geändert. Und vieles weggelassen.

Im Weglassen ist Hertha Lorenz eine Meisterin. In einer wissenschaftlichen Arbeit wurde bemängelt, dass ihre Übersetzung von Charlotte Brontës Jane Eyre nur noch den Rumpf einer Handlung enthält. Kein Wunder, die Ausgabe des Eduard Kaiser Verlags hat nur 270 Seiten. Bei Diogenes hat der Roman 688 Seiten, bei Suhrkamp 646. Und das ist bei ihrer Anna Karenina Bearbeitung nicht anders, das erste Buch hat 85 Seiten, in der Übersetzung von Rosemarie Tietze ist es doppelt so lang. Auf Seite 447 ist bei Hertha Lorenz der Roman zuende. Bei Rosemarie Tietze kommt der Roman auf 1.227 Seiten. Und dann kommen noch Anmerkungen, die häufig sehr witzig sind, und ein Nachwort.

Die Übersetzung/Bearbeitung des Eduard Kaiser Verlags im Jahre 1948 ist Teil einer ganzen Welle von Neuübersetzungen von Tolstois Roman, die nach dem Ende des Krieges beginnt: Fega Frisch (1946), Bruno Goetz (1952), Fred Ottow (1955), Hermann Asemissen (1956), Franz Xaver Graf von Schaffgotsch (1959) und Gisela Drohla (1966). Zu der letzten Übersetzung muss etwas gesagt werden: in der Insel Taschenbuch Ausgabe ist allerdings kein Übersetzer angegeben, da steht nur herausgegeben von Gisela Drohla

Angeblich war es die alte Übersetzung von Hermann Röhl, die aber von der Lektorin des Insel Verlages und renommierten Übersetzerin Gisela Drohla (Bild) noch überarbeitet wurde. Bei ihr bedeutet das Überarbeiten aber etwas ganz anderes als bei Hertha Lorenz. In Wirklichkeit war es eine völlige Neuübersetzung, der Verlag hatte nur vergessen, Drohlas Namen in das Buch zu setzen. Die Lektorin Dr Anneliese Botond schrieb am 4. April 1966 an Gisela Drohla: Das Versäumnis trifft uns, gewiß, aber es wäre vermeidbar gewesen, wenn Sie sich hätten entschließen können, einen Blick auf die Umbruchbogen zu werfen. Jetzt ist das Unglück geschehen. Wir können uns nur noch hochdramatisch und nutzlos die Haare raufen. Dazu kann man nur sagen: Habent sua fata libelli.

Ich lese also jetzt Anna Karenina in der Übersetzung von Rosemarie Tietze (es gibt das Buch inzwischen auch bei dtv als Taschenbuch); und ich lese jetzt, wie Nabokov voraussagte, einfach weiter, weil ich nicht mehr aufhören kann. Ich bin mittlerweile schon in den Moskauer und Petersburger Salons, in der russischen Landwirtschaft und der Schnepfenjagd zuhause. Tolstoi hat fünf Jahre für seinen Roman gebraucht, Rosemarie Tietze zwei Jahre für die Übersetzung. Sie hat dabei Anna Karenina liebgewonnen (der letzte Satz ihres Nachworts ist Nein, nein, Anna lebt!), so wie sie Tolstoi beim Schreiben diese Anna Arkadjewna immer mehr liebgewann. Das war am Anfang nicht so: Anna ist mir abscheulich wie ein bitterer Rettich. Ich kümmere mich um sie, wie um eine angenommene Tochter, welche, wie sich erwiesen hat, von schlechtem Charakter ist. Aber sagen sie bitte nichts Schlechtes über sie und wenn, dann bitte mit Nachsicht, denn ich habe sie trotz allem nun einmal adoptiert, schreibt er an eine Freundin. 

Nicht jedem gefällt Tietzes detailreiche Übersetzung. Ich habe gelesen, dass ein Kritiker namens Dieter Wirth an ihrer Übersetzung viel auszusetzen hat, aber das wird es bei jeder Neuübersetzung geben. Übersetzungen sind Interpretationen, das ist wie in der Musik. Die Noten sind dieselben, aber Glenn Gould und Lang Lang (über den ich demnächst mal schreiben werde), spielen die Goldberg Variationen völlig anders. 

Dies ist das Cover der Paperbackausgabe des Aufbau Verlags, bei dem es ja einmal eine zwanzigbändige Tolstoi Ausgabe gab. Die Übersetzung ist die von Hermann Asemissen, von der gibt es im Internet eine Leseprobe. Ich habe alles gelesen, was es da zu lesen gab, und ich muss sagen, es liest sich sehr flüssig. Das ist mein Eindruck, andere Leser können einen anderen Eindruck haben. Denn wenn wir auch denselben Text lesen, können wir ganz andere Impressionen haben als andere Leser. Proust hat das sehr schön gesagt: Jeder Leser liest einen Text anders. In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte erschauen können. Dass der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches und umgekehrt.

Ich könnte mir natürlich die neue englische Übersetzung von Rosamund Bartlett (Oxford University Press) bestellen. Oder die von Marian Schwarz (Yale UP). Witzigerweise sind beide Übersetzungen im selben Jahr erschienen. Englische Übersetzungen von Tolstois Roman gab es seit 1896 schon genug. Zählt man die beiden neuesten aus dem Jahr 2014 mit, dann kommt man auf 18 Übersetzungen, das sind beinahe soviel wie hier in Deutschland. Die Übersetzerinnen Rosemarie Tietze, Rosamund Bartlett und Marian Schwarz hatten gegenüber allen Vorgängern und Vorgängerinnen einen Vorteil: sie konnten die historisch-kritische Moskauer Akademie Ausgabe von 1970 benutzen.

Aber ich glaube, ich lasse das mal mit den englischen Übersetzungen. Weil ich mir gerade vorhin bei booklooker für 4,95€ die Übersetzung von Hermann Asemissen (Rütten und Loening, 2 Leinenbände) gekauft habe. Ich berichte irgendwann darüber. Oder schreibe mal über Anna und Wronski, Kitty und Ljewin. On verra.

Noch mehr zu Übersetzungen in den Links bei dem Post Übersetzer

Donnerstag, 17. September 2020

Otto Blendermann


Der Architekt Otto Blendermann wurde am 17. September 1879 in Bremen geboren, er hat sich mit seinem Kompagnon August Abbehusen quer durch Bremen gebaut. Auch bei uns in der Weserstraße steht eins seiner Häuser. Viele seiner Bauwerke stehen heute noch, viele stehen unter Denkmalschutz. Dies hier ist das Rathaus in Bremen-Blumenthal. Man weiß nicht so genau, was das für ein Stil ist, ein bisschen Barock, ein bisschen Klassizismus, ein bisschen Jugendstil. Das Bauwerk steht heute leer, man weiß nicht so recht, was man damit anfangen soll. Vielleicht wird es eine Kita.

Bei diesem Gebäude ist die stilistische Zuordnung einfach, das ist Klassizismus, ein Stil, der für Theater immer gut ist. Das Gebäude steht heute nicht leer, es ist immer noch ein Theater. Seine große Zeit hatte das klassizistische Theater am Goetheplatz unter Kurt Hübner, damals wurde da wenig Klassik gespielt. Da gab es mit Regisseuren wie Peter Zadek und Peter Stein so ziemlich das Wildeste, das in Deutschland auf die Bühne kam.

Eines von Blendermanns größten Bauwerke ist das Landgut Hohehorst, eines der wenigen Schlösser, die noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebaut werden (ein zweites Beispiel wäre das Schloss Wolfsburg von Paul Bonatz). Das riesige Gebäude in Löhnhorst steht heute leer, den Park darf man auch nicht mehr betreten. Sie können aber alles darüber in dem ausführlichen Post Hohehorst lesen.

Mein Lieblingsbauwerk von Otto Blendermann ist dieser steinerne Elephant (der schon in den Posts Gerhard Rohlfs und Afrika erwähnt wird), da bin ich mal nach dem Besuch des Bremer Freimarkts draufgeklettert. War eine Mutprobe, machten aber viele Schüler. Bei seiner Einweihung hatte das steinerne Monster den furchtbaren Namen Reichskolonialehrendenkmal bekommen. Damals sagte der General von Lettow-Vorbeck: Ein großes Volk muss Kolonien haben, um leben zu können. Ein großes Volk treibt Kolonialpolitik nicht nur, um Kultur zu verbreiten, ein großes Volk treibt Kolonialpolitik in erster Linie seiner selbst willen. Nicht eine Weltmission ist die Hauptsache, es gilt eine nationale Notwendigkeit. Ohne Kolonien muss ein blühendes Volk ersticken. Kolonien sind der Ausdruck der Kraft einer Nation. Davon sind wir heute glücklicherweise weit weg. Das steinerne Tier hat heute den Namen Antikolonialdenkmal. Und das ist nicht nur ein Name, es hat wirklich etwas mit der Aussöhnung mit Afrika zu tun.

Dienstag, 15. September 2020

Battle of Britain Day


Heute ist der achtzigste Jahrestag des Battle of Britain Day. Alle geplanten Veranstaltungen und die große Flugschau müssen wegen des Covid-19 Virus leider ausfallen oder sind in den Herbst verschoben worden. Die Feiern für diesen Tag gibt es schon lange. Schon während des Krieges wurde der Battle of Britain Day als ein Tag der Danksagung gefeiert, schauen Sie einmal in die British Pathé ✺Wochenschau aus dem Jahre 1943. Vor zehn Jahren hat der ehemalige Squadron Leader Tony Iveson (der auch bei der Operation Chastise dabei war) gesagt: As far as we were concerned we saved the world.

We few, we happy few, we band of brothers steht in dem Glasfenster der Royal Air Force Chapel in der Westminster Cathedral. Das sind die Worte die Shakespeares Henry V vor der Schlacht von Azincourt am St. Crispin's Day sagt. Sie sind sicher passend für die Royal Air Force, über die Winston Churchill jetzt sagt Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few. Über England tobt die Battle of Britain, am 7. September 1940 wird zum ersten Mal London bei Tag angegriffen. Die Deutschen haben es aufgegeben, die Flugplätze an Englands Südküste anzugreifen, um Englands Luftwaffe zu vernichten. Das Unternehmen Seelöwe ist gescheitert. Für den Air Vice Marshall Keith Park markiert deshalb der 7. September das Ende der Battle of Britain, für andere ist der 15. September, der Battle of Britain Day, wichtiger.

The Few werden auch die Teilnehmer der Battle of Britain heißen, es gibt für sie auch einen Schlips. Aber während man sich einen Royal Air Force Schlips jederzeit im Laden kaufen kann, den hier kann man nicht kaufen. Er ist dunkelblau, und darauf sind in Gold die Umrisse von England und die englische Rose der Tudors. Man kann ihn bei Gieves & Hawkes kaufen, aber man muss schon nachweisen, dass man damals dabei war. Aber solche Paraphernalia interessieren damals niemanden, es geht jetzt um das Überleben Englands. Es gibt aber noch eine andere Battle of Britain. Die finden im Geheimen statt, und es ist ein Machtkampf innerhalb der Royal Air Force, der die Ausmaße einer Shakespeare Tragödie annimmt.

Die Anfänge liegen schon in der Zeit vor dem Krieg, wenn man nicht weiß, ob man leichte, schnelle Jagdflugzeuge oder große Bomber bauen soll. Die Flugzeuge, mit denen Bomber Harris Deutschland angreifen wird, sind für die Verteidigung Englands in der Luft völlig ungeeignet. Aber auch innerhalb des Fighter Command gibt es unterschiedliche Konzepte. Air Marshall Sir Hugh Dowding setzt auf das Konzept von Air Vice Marshall Keith Park, dem die 11. Fighter Group untersteht. Park lässt seine Hurricanes und Spitfires unterstützt von englischen Radar im letzten Augenblick als Abfangjäger aufsteigen. Air Chief Marshall Trafford Leigh-Mallory setzt dagegen auf ein big wing Konzept und will seine ganze Flotte die ganze Zeit in der Luft behalten (in der Praxis funktioniert dieses System natürlich nicht). Dowding und Park setzen sich durch, und sie gewinnen damit die Luftschlacht über England. Das Bild hier zeigt einen fighter pilot der RAF, man erkennt ihn daran, dass er seinen obersten Knopf offenlässt, das sind die feinen Unterschiede, wenn es an das Sterben geht.

Dowding, der in dem Film Battle of Britain von Sir Laurence Olivier (im Krieg Reserveoffizier und Pilot bei der Marine, allerdings ohne jeden Fronteinsatz) gespielt wird, hat sicherlich einen one track mind, sein Spitzname ist Stuffy. Was er für richtig hält, setzt er konsequent durch. Er macht sich dadurch in den Ministerien eine Vielzahl von Feinden, er ist kein bisschen diplomatisch. Aber er hat seit Ende der dreißiger Jahre sein Konzept (Radar, Sprechfunk und schnelle Jagdflugzeuge) durchgesetzt. Gegen die Intrigen, die jetzt gesponnen werden, ist er machtlos. Es gehört sicherlich zum Wesen des Militärs, dass es eine Vielzahl von hochrangigen Offizieren in Whitehall, im Cabinet Office, im War Office und im Air Ministry gibt, die den ganzen Krieg über ihren Schreibtisch nicht verlassen. Die haben viel Zeit für Kabalen und Intrigen.

Überhaupt keine Zeit dafür hat der Neuseeländer Keith Park, der ist die ganze Zeit mit seinem Flugzeug in der Luft. Der kennt jeden Flugplatz und jede Jagdstaffel. Er wird im Film von Trevor Howard gespielt, der mit seiner weißen Fliegerkombi richtig fesch aussieht. Der Film hält sich historisch ziemlich genau an die Wahrheit, deutet aber den Machtkampf zwischen Dowding und Leigh-Mallory nur an.

Wenn die Luftschlacht gewonnen ist, werden Dowding und Park ins Ministerium geladen und wie Angeklagte vor einem Kriegsgericht behandelt. In Anthony Powells wunderbarem Gesellschaftsbild A Dance to the Music of Time (das in zwölf Bänden die englische Gesellschaft vom Ersten Weltkriegs bis in die sechziger Jahre zeigt) gibt es eine Romanfigur namens Widmerpool. Eine charakterliche Ratte, der es aber im Krieg bis zum Brigadier bringt, der König der Intrigen im Cabinet Office. Bei allem, was ich über England im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, fällt mir bei diesem Augenblick, in dem Dowdings Gegner triumphieren, immer nur der Name Widmerpool ein. Anthony Powell (der sich übrigens Pole ausspricht) wußte, worüber er schrieb, er hat seinen Krieg in Whitehall verbracht.

Keith Park weiß, was die Stunde geschlagen hat, als er am 17. Oktober in den Raum des Air Ministry kommt - die wollen nicht ihn und Dowding als Helden feiern, die bloody Air-Marshals (wie Lord Beaverbrook sie nennt, der für die Produktion von Flugzeugen zuständig ist) wollen Dowdings Kopf. Jahrzehnte später hat Park gesagt: To my dying day I shall feel bitter at the base intrigue which was used to remove Dowding and myself as soon as we had won the Battle of Britain. Dowding (der der ranghöchste Offizier im Raum ist) wehrt sich nicht, er kann nicht mit diesen Whitehall Intriganten umgehen. Er bekommt später einen Telephonanruf, dass er sein Büro innerhalb von 24 Stunden zu räumen habe, dem folgt noch ein Brief, in dem steht dass das Air Ministry habe no further work to offer you. Keith Park wird auf ein nebensächliches Kommando abgeschoben (wird aber später noch eine entscheidende Rolle im Luftkrieg im Mittelmeer spielen).

Vor wenigen Jahren hat eine Memorial Campaign für Sir Keith Park begonnen, der der am wenigsten gefeierte Held Englands ist. Der Marshall of the Air Force (ein Rang, den man Dowding und Park vorenthalten hat) Lord Tedder hat über Park gesagt If ever any one man won the Battle of Britain, he did. I don't believe it is realized how much that one man, with his leadership, his calm judgement and his skill, did to save not only this country, but the world. Vielleicht sollte das heute, achtzig Jahre nach dem Ende der Battle of Britain, noch einmal wiederholt werden.

Sir Hugh Dowding wird noch lange leben. Er wird Bücher über Theosophie und Parapsychologie schreiben, er glaubt auch an UFOs, und die verstorbenen Piloten sind dem Spiritisten erschienen. Trotz dieser etwas spinnerten Freizeitbeschäftigung wird unter Luftwaffenoffizieren sein Ruf über die Jahre legendär. Ein halbes Jahr vor seinem Tod hat er noch die Genugtuung, dass er bei der Vorführung des Filmes Battle of Britain (er hatte zuvor die Dreharbeiten besucht) lange standing ovations von Luftwaffenoffizieren erhielt.

Dowding und Park sind auch die Helden in Len Deightons Buch Fighter, einer der seriösesten Darstellungen der Luftschlacht von England. Dass dies Buch von jemandem kam, der als Autor von Spionageromanen wie The Ipcress File berühmt geworden war, und nicht von einem Berufshistoriker, mag auf den ersten Blick erstaunen. Aber man sollte Deighton nicht unterschätzen. Der Mann, der den ersten Schreibcomputer in England besaß, kann recherchieren und Fakten sammeln. Und er hat 1970 mit seinem Roman Bomber (einer Art non-fiction novel) gezeigt, dass er eine Menge von der Royal Air Force versteht (in der er von 1946 bis 1949 selbst gedient hatte). Der berühmte englische Historiker A.J.P. Taylor hatte ihn gedrängt, dieses Buch zu schreiben, in dem Deighton die Erlebnisse von hunderten von Überlebenden der Luftschlacht verwendet hat. Über den Kiwi war hero Keith Rodney Park gibt es eine neuere Biographie von dem neuseeländischen Historiker Vincent Orange (der auch Biographien über Dowding und Tedder geschrieben hat). Kurze, aber hervorragende Lebensläufe aller Beteiligten finden sich in dem von Hew Strachan edierten Band Military Lives (Oxford University Press 2002), einer Auswahl der besten Artikel aus dem Dictionary of National Biography.

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